Blick ins FCZ-Leistungszentrum. Grosses Interview mit dem Leiter Academy, Heinz Russheim – TEIL 3 von 4

Züri Live: Kommen wir zum Fokusthema dieses Interviews: Brüderpaare – und Schwestern. Aktuell gerade Liliane und Sydney Schertenleib. Die jüngere, Sydney, hat die letzte Saison bei den Jungs in der U15 gespielt. Am FIFA/Blue Stars U19-Frauenturnier war sie als 15-jährige aus meiner Sicht eine der zwei besten Spielerinnen…

Heinz Russheim: Ja, sie ist in der aktuellen Saison bei den Jungs in der U16, und wir schauen wie lange es geht. Wenn sie dieses Niveau bis Ende Saison mitgehen könnte, wäre das phänomenal, einmalig. Es ist immer noch so, dass bei den Jungs ein anderer Fussball gespielt wird, auch wenn bei den Mädchen das Niveau ebenfalls steigt. Es gibt keinen Grund, ein Mädchen, welches gut genug ist, nicht zu integrieren. Sie nimmt dadurch natürlich einem Jungen den Platz weg. Aber es gibt keinen «Sozialplatz» für die Jungs. Für Mädchen auch nicht. Und mit dem Spielerpass gibt es auch keine Probleme, da es keinen Vereinswechsel braucht.   

ZL: Ähnlich ist es ja für die Jungs. Sie profitieren davon, wenn sie so früh wie möglich wettkampfmässig mit und gegen Männer spielen können. Das scheint mir ein Vorteil der Schweiz gegenüber Ländern wie England zu sein. Schweizer Toptalente, die früh in die Akademien von Premier League-Klubs wechseln, stagnieren dort in der Regel und werden von weniger talentierten Gleichaltrigen, die in der Schweiz geblieben sind, in der Entwicklung überholt.

HR: Ja, das ist die Frage: was wäre passiert, wenn diese Toptalente in der Schweiz geblieben wären?

ZL: Man sieht es an Beispielen wie Granit Xhaka oder Xherdan Shaqiri. Sie haben die ganze Nachwuchsausbildung in der Schweiz durchlaufen und sich dann über die Super League bei den Profis etabliert. Sie sind heute die Leistungsträger der Nationalmannschaft.

HR: Die richtigen Karriereentscheidungen zu fällen, gehört halt eben auch zu den Eigenschaften eines echten Toptalentes.

ZL: Auf den ersten Blick scheint mir, dass es beim FCZ so viele Brüderpaare gibt wie bei keinem anderen Klub. Woher könnte das kommen?

HR: Zufall. Ob wir wirklich mehr haben als andere Vereine kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Gefühlsmässig haben wir relativ viele. Einen Grund dafür finde ich aber nicht. Grundsätzlich ist die Wahrscheinlichkeit grösser, dass ein jüngerer Bruder ein guter Fussballer wird, wenn der ältere auch gut ist. Denn der jüngere eifert häufig dem älteren nach. 

ZL: Gibt es auch den Fall, dass der jüngere Bruder als Talent entdeckt wird, und dann holt man im Nachhinein auch noch den älteren dazu? 

HR: Bei uns gibt es keinen Freipass für einen Bruder. Das wäre völlig falsch. Ein einfallsloses Auswahlkriterium. Wir haben eine begrenzte Anzahl Ausbildungsplätze. Wir nehmen diejenigen, die es verdient haben.

ZL: Das kann ich als Beobachter von aussen bestätigen. Die beim FCZ spielenden Brüder haben alle ihren Platz verdient. Manche gehören gar zu den Besten ihres Jahrganges. Wird es aber vielleicht in den Stammklubs in der Region zum Gesprächsthema unter den Gleichaltrigen, wenn der jüngere Bruder ein, zwei Jahre nach dem älteren auch noch zum FCZ wechselt?

HR: Bei uns ist es so, dass wirklich alleine die Qualität entscheidet. Ich weiss schon, dass im Schweizer Fussball manchmal Geschichten kursieren. Dass Eltern sagen: «der Talentierte kommt nur zu Euch, wenn ihr den Bruder auch nehmt». Ich habe null Sympathie für so eine Entscheidung. Aber ich weiss, wie das Geschäft läuft.

ZL: Interessant finde ich die Dynamik zwischen dem älteren und dem jüngeren Bruder…

HR: …es gibt ja auch noch Zwillinge….

ZL: Genau. Die Freis – und die Elvedis früher…

HR: Ja. Dort ist Jan dann weggegangen…

ZL: ..nach Winterthur…

HR: Ja. Inwiefern das sein musste, weiss ich nicht. Da war ich nicht involviert.

ZL: Der Vater war damals ja auch beim FCZ.

HR: Ja, er ist jetzt noch hier. Aber es war auf jeden Fall der einzig richtige Entscheid. Wenn Brüder altersmässig auseinander sind, dann geht’s. Bei Zwillingen hingegen wird es irgendwann mal schwierig. Nehmen wir als Beispiel das Zwillingspaar Filip und Luka Frei. Die habe ich auseinandergenommen. Das Problem ist: irgendwann kommt ein Verein und sagt: «wir wollen den Einen hier verpflichten – und den Anderen nicht». Bei einem internationalen Transfer kann man nicht zwei «im Multipack» verkaufen. Und dann würde es sehr schwierig, wenn die zwei das vorher nicht schon gelernt haben.

Wir haben die beiden auseinandergenommen nach der U16. Der eine ging in die U17, der andere in die U18. Es war ein Kampf, weil die beiden unbedingt zusammenbleiben wollten. Es gab auch Diskussionen mit den Eltern und dem Spielerberater. Nach einem halben Jahr sind dann diejenigen Beteiligten, die ursprünglich am kritischsten waren, gekommen und haben gesagt, dass es der einzig richtige Entscheid war. Es war positiv in jeder Beziehung. Die beiden haben immer noch eine enge Beziehung, aber sie konnten im Fussball eine eigene Identität entwickeln. Anders ist es nicht möglich. Bei den Elvedis ging einer zu einem anderen Verein. Letztendlich geht es um das Individuum. Dann haben wir die Brüder Janko…

ZL: Die sind ziemlich weit auseinander.

HR: Ja. Da ist natürlich die Problematik viel kleiner. Wir hatten aber auch Geschwisterpaare oder Cousin / Cousine. Wie Djibril und Coumba Sow.

ZL: Cavars sind ein Beispiel für Geschwister.

HR: Ja. Marin ist schon länger weg.

ZL: Jetzt sind noch Martina und Mihael da.

HR: Mihael ist in der U16. Dass es Geschwister sind, hat bei uns auf die Auswahl keinen Einfluss. Dafür würde ich beide Hände ins Feuer legen.

ZL: Wir publizieren bei Züri Live ja einen monatlichen Podcast. Eine Ausgabe war mit dem Spielerberater Dino Lamberti. Er betreut gleich zwei FCZ-Brüderpaare, die beiden Hodzas und die beiden Di Giustos. Für mich haben alle vier gemeinsam, dass sie neben ihren sonstigen Qualitäten alle eine sehr gute Mentalität mitbringen. Ist es in der Beziehung des Klubs mit den Eltern einfacher, wenn es um den jüngeren Bruder geht? Sie haben ja den ganzen Prozess bereits mit dem älteren durchgemacht.

HR: Ob das wirklich einfacher ist, weiss ich nicht. Würde ich nicht so unterschreiben. Es gibt schon Konstellationen, wo es schwieriger sein könnte: wenn der Ältere top ist und der Jüngere nicht. Ich kenne keinen konkreten Fall, aber theoretisch könnte von Angehörigen gesagt werden: «der Erste bleibt nur, wenn ihr den zweiten auch aufnehmt». Ich kenne keinen solchen Fall. Wenn es so wäre, dann würde ich dem nicht zustimmen. Dann müsste unter Umständen der Ältere wieder gehen. Erpressen lasse ich mich nicht.

Bei Matteo und Nevio Di Giusto war der Jüngere zuerst bei GC, der Ältere bei uns. Der Jüngere ist dann auch zu uns gekommen, weil für die Familie der Aufwand mit Jungs bei zwei verschiedenen Klubs zu gross war. Wenn die Mutter den Einen fahren muss und der Vater den Anderen… Wir wussten, dass beide gute Fussballer sind. Über die Qualitäten des Jüngeren mussten wir nicht lange diskutieren. Die waren top. Der Impuls kam von der Familie, dass entweder beide zu GC sollen oder beide zum FCZ.

ZL: GC wäre ja eigentlich von Baden aus etwas näher gewesen….

HR: Ja, das ist so. Der Jüngere war schon früh bei GC, als wir den Älteren von Baden geholt haben. Da kommt man als Familie natürlich in die Zwickmühle. Das kann man nicht bewältigen. Sowohl Niederhasli wie auch Schwamendingen lagen nicht gerade am Weg.

ZL: Bei den Rodriguez-Brüdern war es auch schon so, dass der Älteste bei GC war, der Mittlere beim FCZ,…

HR: Das ist dann aber natürlich nicht so ein Problem. Ricardo musste niemand ins Training fahren. Er hat im Quartier gewohnt. Höchstens Roberto musste zu GC gebracht werden.

to be continued…

TEIL 1 von 4 – «Die Sozialkompetenz wird zu wenig berücksichtigt»

TEIL 2 von 4 – «Wir sind nicht Ajax»

Blick ins FCZ-Leistungszentrum. Grosses Interview mit dem Leiter Academy, Heinz Russheim – TEIL 2 von 4

U16 vor siegreichem Cupfinal gegen Team Vaud / Lausanne-Sport in Biel

Züri Live: Heinz Russheim, die 1. Mannschaft und die Frauen waren in der Saison 21/22 zusammen noch nie erfolgreicher. Wie lief es im Nachwuchs?

Heinz Russheim: In Bezug auf den sportlichen Erfolg: U16 Cupsieger und im Meisterschaftsfinal, U18 im Meisterschaftsfinal, U15 in der Ostgruppe auf dem 1. Rang, die 2. Mannschaft der U15 spielte ebenfalls in der Elitegruppe, war sogar vorne mit dabei – und erreichte zusätzlich den Cupfinal. Das ist der Beweis, dass gut gearbeitet wurde. Allerdings nicht in erster Linie in Bezug auf diese Saison. Man kann kurzfristig an gewissen Dingen schrauben, aber die Saat, die wir heute in der U15 bis U18 ernten, wurde vor drei bis vier Jahren gesetzt. Die Erfolge mit all diesen Teams sind schon ein klares Zeichen, dass wir zuvor auf der Stufe Footeco (FE-12 bis FE-14) sehr gut gearbeitet haben – und danach in der Academy auch.

Wir beobachten natürlich, was sich im Fussball entwickelt und wie wir uns in der Ausbildung verbessern können. Wir haben daher zuletzt wieder gewisse Anpassungen vorgenommen. Die Resultate davon ernten wir dann wiederum in etwa drei bis vier Jahren.

ZL: Ist zum Beispiel der physische Aspekt ein Bereich, den man noch mehr gewichten muss?

HR: Nein. In diesem Bereich sind wir schon seit Jahren top. Das Team um Dorjee Tsawa macht einen Riesenjob. Natürlich entwickeln wir uns weiter. Aber eine grosse Änderung haben wir nicht vorgenommen. Im Gegensatz zur Spielanalyse bei den Academy-Mannschaften. Das ist sozusagen das «i»-Pünktchen der Ausbildung: filmen und analysieren der eigenen Spiele, teilweise auch von Gegnern. Bis zur Coronapause haben wir zwar unsere Spiele auch gefilmt, besprochen und analysiert – aber nicht so wie heute. Letzte Saison haben wir da einen Sprung nach vorne gemacht. Auch die Betreuung der Talente mittels Talentmanagement wurde intensiviert.

ZL: Ich habe aber schon das Gefühl, dass beispielsweise YB bei der Selektion der Talente stärker auf den physischen Aspekt schaut.

HR: Das muss ich auch annehmen, wenn ich mich beispielsweise an den U18-Final erinnere, den wir zusammen in Bern gesehen haben. Möglicherweise wechseln dort auch einfach grössere Spieler aus der Region in den Klub. Dazu kommt: nur schon ein Südeuropäer ist im Vergleich mit einem Zentraleuropäer mit 16 Jahren im Schnitt körperlich weiter entwickelt. Bei afrikanischstämmigen Talenten ist es noch extremer. Beim U16-Final in Genf gegen Servette waren wir ja ebenfalls beide. Servette setzte acht afrikanischstämmige Spieler ein, sieben davon waren gleichzeitig auf dem Platz. Das macht einen Unterschied. Genf hat eine ganz andere Bevölkerungszusammensetzung als Zürich. Basel mit den grenznahen französischen und deutschen Gebieten auch. Das sind die Fakten. Schlussendlich ist es weder ein Vor-, noch ein Nachteil. Ich beschäftige mich nicht damit, was die Anderen allenfalls mehr haben. Wir schauen auf das, was wir haben. Wir haben eine gute Situation. Wenn allerdings all diese grossen, stämmigen Spieler bei YB und Servette dann tatsächlich in der 1. Mannschaft landen würden, müssten wir uns schon Gedanken machen. Das ist aber nicht der Fall. So relativiert sich das Ganze.

ZL: Auf Stufe Footeco gibt es keine Tabellen. In der Academy scheint der sportliche Erfolg aber durchaus auch ein wichtiger Aspekt zu sein. Ich hatte in den letzten Jahren das Gefühl, dass sich die FCZ Academy-Teams ähnlich wie die 1. Mannschaft in K.O.-Spielen im Vergleich zu normalen Wettbewerbspartien am meisten steigern. Wird im Hinblick auf die Profikarriere speziell ein Fokus darauf gelegt, dass die Talente lernen, im richtigen Moment die beste Leistung abzurufen?

HR: Grundsätzlich haben in der Academy die langfristigen Aspekte Vorrang vor den kurzfristigen. Während der regulären Meisterschaft arbeiten wir mit Sechs- oder Vierwochenplänen und wollen so das Beste herausholen. Man kann sich voll auf die Ausbildung fokussieren und das zahlt sich dann auch aus. In den Playoffs hingegen heisst es «heute oder nie», das Resultat ist am Tag X gefragt. Das beisst sich ja gegenseitig nicht.

ZL: Dieses «heute oder nie» kann man als Teil der Ausbildung betrachten…

HR: Für mich ist das mit den Playoffs in der Academy eine sehr gute Lösung des SFV. Nicht alle sind dieser Meinung, auch beim FCZ nicht. Das respektiere ich. Ich persönlich finde es gut. Es gibt dann nicht mehr ein «nächstes Spiel». In so einem Final wie gegen YB oder Servette mit der U18 oder U16 kann alles passieren. Aber neu werden die Playoff-Partien im Viertelfinal und Halbfinal ja in Hin- und Rückspiel ausgetragen. Wenn eine Mannschaft besser ist, setzt sie sich in zwei Spielen durch. In einem Spiel kann etwas Unvorhergesehenes passieren.

ZL: Allerdings hat Qualifikationssieger FCB U16 gegen den FCZ in den Playoffs im Hinspiel beim 2:6 einen schlechten Tag erwischt, und sie konnten diesen grossen Ausrutscher dann nicht mehr drehen…

HR: Ja, aber wenn man es richtig macht, passiert so etwas nicht. Wir haben es in dieser Partie richtig gemacht, Basel nicht so sehr. Sie waren bis dahin aufgrund der Tabelle klar die beste Mannschaft, hatten einen grossen Vorsprung. Dahinter herrschte aber eine grosse Leistungsdichte. Die Jungs müssen lernen, wie es ist, gewinnen zu MÜSSEN – nicht nur zu sollen oder zu wollen. Die Playoff-Situation ist attraktiv und in der Ausbildung wichtig. Selbst wenn wir vom FCZ nach der Qualifikation mal Erster sein sollten und am Ende dann eben nicht mehr. Dieses Jahr waren die Finalsieger in der Qualifikation beide besser klassiert, als die Finalgegner.

ZL: Die 2. Mannschaft auf Stufe U15 wurde vorhin kurz erwähnt. Wie wird diese zur Zeit überhaupt zusammengestellt?

HR: Über das Label müssen wir Partnerschaften haben. Wir haben eine Partnerschaft mit Red Star. Das ist nun quasi unsere dritte U15-Mannschaft. Vor zwei Jahren haben wir entschieden, einen Versuch zu machen mit 1. Mannschaft und 2. Mannschaft auf dieser Stufe. 21/22 gab es dann die Möglichkeit, dass die 2. Mannschaft («FCZ Oberland») in der gleichen Gruppe spielt, wie die Erste. Das gab es vorher nicht. Vorher waren alle Hauptvereine der Partnerschaften in der «Gruppe A». Jetzt gibt es neu eine West- und eine Ostgruppe. Damit es genug Teilnehmer gibt, wurde ermöglicht, dass drei Klubs auch eine 2. Mannschaft auf dieser Stufe anmelden dürfen. Aufgrund der Qualität, die wir zur Verfügung hatten, haben wir uns gemeldet. Wir waren nicht sicher, wie es rauskommen würde. Letztendlich können wir aber konstatieren: Top! Wir haben mit der 2. Mannschaft alle grossen Gegner zumindest ärgern können, Luzern und GC gar geschlagen. In der Liga waren wir mit dem «Zwei» vorne dabei und im Cup sogar im Final.

ZL: Registriert ist dieses Team aber unter dem FC Bauma….

HR: Das ist eine rechtliche Angelegenheit. Es darf nicht zwei Teams mit dem gleichen Namen geben. Wir wollten drei Mannschaften haben und deshalb haben wir neben Red Star noch einen Breitenfussballverein gesucht, der uns unterstützt.

ZL: 21/22 ist mir aufgefallen, dass sich einzelne Academy-Mannschaften zumindest phasenweise am aktuellen Spielsystem der 1. Mannschaft orientiert haben. Was ist da in der Academy die Grundidee? Soll langfristig durch den ganzen Klub ein System durchgängig umgesetzt werden oder sollen die Jungen eine Vielfalt an Systemen einüben?

HR: Man muss die Ausbildung immer wieder hinterfragen, sonst kommt man nicht vorwärts. Bis anhin haben wir es so gemacht, dass bis und mit U16 die gängigen Systeme umgesetzt wurden. U14 (als noch im 11er-Fussball gespielt wurde) und die U15 zwingend 4-4-2. Bei der U16 wird im Herbst ein halbes Jahr mit Dreierverteidigung ausgebildet, die Rückrunde dann mit Viererkette. Ab der U17 kann der Trainer frei entscheiden. Aus pädagogischen Gründen soll dabei aber mit demselben System mindestens sechs Wochen am Stück durchgespielt werden. Dann lernt man es besser, als wenn von Spiel zu Spiel immer wieder gewechselt wird. So sollte dann ein Spieler auch in taktischer Hinsicht für unsere 1. Mannschaft bereit sein. Wir haben nicht wie bei Ajax das Prinzip, dass der Klub das System der 1. Mannschaft bestimmt, und der Trainer sich danach zu richten hat. Wenn die Trainer in der 1. Mannschaft also unterschiedliche Ansätze verfolgen, müssen auch die Talente variabel ausgebildet werden.

to be continued…

TEIL 1 von 4 – «Die Sozialkompetenz wird zu wenig berücksichtigt»

Blick ins FCZ-Leistungszentrum. Grosses Interview mit dem Leiter Academy, Heinz Russheim – TEIL 1 von 4

Wer ist das Herz eines Vereins? Einige würden sagen: die 1. Mannschaft. Für andere ist es die Vereinsführung. Die Dritten meinen: natürlich die Fans! Es gibt aber auch noch eine vierte Sichtweise: die Nachwuchsabteilung! In ihr entwickeln sich die zukünftigen Identifikationsfiguren und Botschafter des Klubs. Sie tragen schon seit früher Jugend das Vereinswappen auf der Brust und in jeder Altersstufe heisse Derbys aus. Sie sprechen die Sprache der Fans und können auswärtige Zuzüge in den Klub einführen. Die Juniorenabteilung bildet ausserdem die handfeste Verbindung zur aktiven Fussballfamilie der Region. Jeder Amateurverein ist stolz, wenn er einen eigenen Jungen in den Profiklub bringen kann.

Blerim Dzemaili (Oerlikon, Unterstrass, YF Juventus), Fabian Rohner (SV Höngg) und Gianni De Nitti (Red Star) stammen von Stadtvereinen. Lindrit Kamberi (Volketswil), Selmin Hodza (Uster), Ilan Sauter (Maur) und Yanick Brecher (Männedorf) aus der Agglomeration. Mirlind Kryeziu und Bledian Krasniqi können sich hingegen an ihr Leben vor dem FCZ fast nicht erinnern. Sie traten praktisch gleichzeitig in die Schule und den Stadtclub ein. Miguel Reichmuth kam mit 12 Jahren vom schwyzerischen Ibach. 

Leiter Academy Heinz Russheim vor dem Home of FCZ

Leiter Academy beim FC Zürich ist Heinz Russheim. Seit mehr als 11 Jahren im Verein, seit April 2013 als Technischer Leiter. Anders als die Mehrheit seiner Pendants bei Schweizer Klubs bringt Russheim einen fundierten pädagogischen Background mit: Sportlehrerstudium an der ETH, Tätigkeit als Lehrer und Ausbildner in der Allgemeinbildung an Berufsschulen, beim Bundesamt für Sport oder an der ETH. Bis 2009 hat er noch selbst Schule gegeben. Der FCZ gehört seit vielen Jahren im Nachwuchsbereich zu den besten Ausbildungsklubs der Schweiz und führt das Label des Schweizerischen Fussballverbandes als eines der Nationalen Leistungszentren. Russheim hat Heinz Moser als neuen Leiter Entwicklung zur Seite gestellt erhalten, der vom SFV kommend das Konzept gleich selbst in einem Klub in die Tat umsetzen kann. Moser ist zuständig für «den Roten Faden» durch den ganzen Klub inklusive Frauen und Profis und die langfristige Entwicklung. Russheim ist der Leiter des Nachwuchsbereiches der Jungs (Academy und Footeco), in welchem auch ein paar der talentiertesten Mädchen aktiv sind.

Züri Live: Heinz Russheim, wir befinden uns im dieses Jahr neu eröffneten «Home of FCZ». Der FC Zürich hat als erster von mehreren Vereinen das Zertifikat «Leistungszentrum» vom Schweizerischen Fussballverband erhalten. Muss man nun Jahr für Jahr «zittern», ob man das Label wieder erhält, oder ist dies mit dem aktuellen Angebot gesichert?

Heinz Russheim: Das ist zur Zeit ziemlich fix. Als wir uns 2015 beworben haben, konnten wir darlegen, dass wir alle Kriterien erfüllen. Wir erfüllten sie bereits, bevor es das Label überhaupt gab. Und es gibt nicht Jahr für Jahr wieder neue Kriterien. U16-, U18- und U21-Trainer müssen festangestellte Profis sein. Auch den Talent Manager, Leiter Goalies oder Leiter Athletik hatten wir schon vorher zu 100% angestellt. In einem Leistungszentrum darf man diese Rollen nicht auf verschiedene Personen splitten.  

ZL: Zuletzt wurde heiss über den Super League-Modus diskutiert. Für den Ausbildungsbereich scheint aber vor allem die Aufstockung der Super League auf 12 Mannschaften nicht ungefährlich zu sein. Das Geld für die Jugendakademien kommt ja letztlich aus dem Profifussball. Wenn Klubs wie Aarau, Thun, Xamax, Wil, Schaffhausen oder Vaduz durch das Fehlen der besten zwei Gegner weniger Einnahmen generieren, kriegen sie dann nicht Probleme mit der Finanzierung ihres Spitzenjuniorenbereiches?

HR: Da müsste man die Einnahmenstruktur analysieren. Wenn durch die zwei Top-Klubs, die in die Super League verschwinden, in der Challenge League die Zuschauerzahlen sinken, dann hätte das schon einen negativen Einfluss auf die Finanzierbarkeit der Nachwuchsabteilungen. Wenn aber die Zuschauereinnahmen keinen wesentlichen Teil des Budgets abdecken, sehe ich nicht einen riesigen Einschnitt – ausser die Sponsoren würden aufgrund des Zuschauerrückgangs und damit verminderter Attraktivität die zugesprochenen Gelder ebenfalls kürzen.  

ZL: Was hat sich für Dich persönlich mit dem Einzug ins Home of FCZ verändert?

HR: Die Wege sind natürlich wesentlich kürzer geworden. Bisher habe ich jeweils gependelt. Am Mittwoch bin ich beispielsweise um 8 Uhr im Heerenschürli ins Training, dann in die Geschäftsstelle im Stadtzentrum und dann um 13 Uhr wieder raus nach Schwamendingen fürs Nachmittagstraining. Auch die Kommunikation intern ist direkter. Wenn es etwas mit der Buchhaltung zu diskutieren gibt, kann man drei, vier Zimmer weiter schnell fragen gehen und muss kein Mail schreiben. 

ZL: Nicolas Chappuis hat den Sprung in den Staff der 1. Mannschaft geschafft – ein Verlust für die Academy?

HR: Ja klar. Einerseits ist jeder, der raufgeht, grundsätzlich ein Verlust. Andererseits ist es ein gutes Zeichen für die Academy. Ich mag mich noch erinnern, als Chappuis vor etwa acht Jahren von Etoile Carouge in die U14 gekommen ist. Er war Assistent von Magnin. 2018 als Magnin in die 1. Mannschaft befördert wurde, hatten Chappuis und ich zwei Wochen lang die U21 zusammen. Erst ich mit ihm als Assistent, dann er mit mir als Assistent. Dann war er Assistent bei Massimo Rizzo’s U18 und letzte Saison U17-Cheftrainer, dazu verantwortlich für das technische Equipment und die Spielanalysen. Wenn die 1. Mannschaft jemanden aus dem Academy-Staff «absaugt», ist das für mich nicht primär ein Verlust. Ich habe gegenüber Ancillo und Heliane Canepa immer betont, dass für jede Position in der 1. Mannschaft ein valabler Kandidat im Nachwuchs vorhanden sein sollte – egal ob Konditionstrainer, Cheftrainer oder Goalietrainer.

Nicolas Chappuis, Spielanalyst der 1. Mannschaft

ZL: Was sind die Kriterien, auf die beim FCZ bei der Trainerauswahl für die Academy am meisten geachtet wird?

HR: Die Diplome sind vorgegeben, da gibt es Mindestanforderungen: ab U16 aufwärts das A-Diplom. In den Stufen darunter gibt es ebenfalls die entsprechenden Auflagen (B-Diplom). Durch das Bestehen der Prüfung beweist ein Trainer, dass er die notwendige Fachkompetenz hat. Natürlich gibt es Unterschiede zwischen «sehr gut» oder nur «knapp» bestehen. Aber die Prüfung ist nur eine Momentaufnahme. Ein Tag. Eine 5,5 ist zwar für den Moment besser als eine 4,5, aber der Kandidat hat vielleicht ein ganz anderes Prüfungsthema erwischt, als sein Studienkollege. Es heisst noch gar nicht, dass er dann auch der bessere Trainer sein wird. Für mich wird die Sozialkompetenz immer wichtiger. Der Umgang mit den Spielern ist zentral.

ZL: Und dies täglich…

HR: Ja. Ich hatte grad gestern ein Gespräch mit einem Gymischüler bei uns. Die haben über 30 Stunden Schule, dazu Hausaufgaben, Prüfungsvorbereitung. Und trainieren bei uns vier Mal abends. Wenn dann einer mal etwas müde ist, muss der Trainer die Empathie mitbringen, dafür Verständnis zu haben. Das hat man als Trainer und Mensch – oder man hat es nicht. Beim A-Diplom lernt man das auf jeden Fall nicht. Fordernd kann man trotzdem sein. Aber Verständnis für die Chancen, Gefahren, Freuden und Ängste der Jugendlichen muss vorhanden sein, und der Trainer muss damit umgehen können.

ZL: Bei einem Profiklub wie dem FCZ gibt es Legenden, Spieler mit Verdiensten, die man aufgrund der Klubpolitik gerne nach der Spielerkarriere in der Organisation halten möchte. Man kommt dann auf der Suche nach einer passenden Position schnell mal auf die Idee «Nachwuchstrainer» – obwohl der Ex-Profi möglicherweise nicht die beste Besetzung dafür ist. Hat sich in diesem Punkt mittlerweile etwas getan? Hat ein von der Sozialkompetenz und Pädagogik her starker Nachwuchstrainer eines kleinen Vereins aus der Region gute Chancen, sich in der Auswahl der Bewerber gegen einen Ex-Profi durchzusetzen?

HR: Wenn man keinen Hintergrund als Spielerprofi hat, ist es sehr schwer, bei den Grossvereinen reinzukommen. Wir hatten Fischer, Magnin oder Petrosyan. Colatrella hat ebenfalls in der obersten Liga gespielt, Romano war auch Profi.

ZL: Zumindest von der U15 an abwärts scheint es aber weniger Ex-Profis auf der Trainerposition zu geben…

HR: Ja, U15 kommt mir jetzt auch grad keiner in den Sinn. Der Einstieg ist aber meist in der U14 – und dann geht es direkt in das Leistungszentrum (U16). Man muss wissen: vor etwa 20 Jahren war die Philosophie des SFV, möglichst vielen ehemaligen Super League- und sowieso National-Spielern den Einstieg als Trainer zu ermöglichen. Denn diese haben die Erfahrung beispielsweise auch vor 50’000 Zuschauern zu spielen. Sie wissen, was auf dem Platz abläuft. Sie haben einen grossen Rucksack. Sie haben das Fachliche als Profispieler selbst erlebt und umgesetzt: «Was mache ich im Pressing? Wohin stehe ich? Wie verteidige ich?». Grundsätzlich alles. Das war die Stossrichtung.

Meines Erachtens hat man etwas zu wenig darauf geachtet, dass die Sozialkompetenz die dominante Qualität ist, die ein Nachwuchstrainer haben muss – ganz klar wichtiger als vieles andere. Diese Meinung wird nicht von allen geteilt. Natürlich muss ein Nachwuchstrainer im Spitzenjuniorenfussball eine Ahnung davon haben, was auf dem Fussballplatz abläuft. Aber das Pendel schlägt für mich zu stark in Richtung ehemalige Top-Spieler aus. Der Umgang mit einer U16 oder U18 ist nicht das Gleiche, wie mit der 1. Mannschaft. Sie trainieren zwar gleich viel, aber der Juniorenspieler macht nebendran noch eine Lehre, geht in die Schule, ist in der Entwicklung, in der Pubertät – das braucht vom Trainer spezielle Kompetenzen.

Thomas Tuchel oder Julian Nagelsmann waren als Spieler nicht auf dem Niveau ihrer jetzigen Mannschaften. Sie arbeiten erfolgreich, weil sie einen sehr guten Umgang mit ihren Spielern pflegen. Franz Beckenbauer vertraute als DFB-Teamchef fast ausschliesslich auf seine Sozialkompetenz. Das Training leitete ein Anderer.

ZL: Gut mit Jugendlichen umgehen zu können, ist eine spezielle Qualität… In gewisser Hinsicht schwieriger als mit Männern.

HR: Was heisst schwieriger? Das würde der Aufgabe der Eins-Trainer auch nicht gerecht. Dort kann man beispielsweise auch einmal eine «Diva» in der Mannschaft haben. Wie geht man damit um?

ZL: Im Nachwuchs hat man natürlich als Trainer etwas mehr Autorität und Möglichkeiten, Druck auszuüben. In der 1. Mannschaft ist der Trainer wohl das schwächere Glied im Mannschaftsgefüge. 

HR: Das ist zwangsläufig so. Wenn’s nicht läuft, dann muss bei den Profis immer wieder der Trainer gehen. Auch wenn es häufig nicht die richtige Entscheidung ist.

to be continued…

Den FCZ Frauen gelingt auch im dritten Champions League-Spiel der Saison 22/23 eine gute und phasenweise sogar äusserst starke Leistung gegen ein weiteres europäisches Spitzenteam, diesmal die Langzeitdominatorinnen des europäischen Frauenfussballs, Olympique Lyonnais. Im Gegensatz zu den Duellen vor sechs Jahren, als der FCZ gegen die Französinnen bei einem 0:8 und 0:9 chancenlos geblieben war, hätte diesmal mit etwas mehr Abschlusskonsequenz und Wettkampfglück auch ein Unentschieden rausschauen können – wie schon gegen Juve und Arsenal.

Naomi Mégroz und Julia Stierli hatten schon vor sechs Jahren bei den hohen Niederlagen gegen Lyon gespielt. Gerade die formidable Entwicklung Stierlis in den letzten Jahren steht symbolhaft für das diesmal deutlich kompetitivere Auftreten des ganzen Teams. Zwar startete dieses gegen die Titelverteidigerinnen aus Lyon zum ersten Mal in dieser Champions League-Kampagne etwas indisponiert in die Partie, was auch das etwas zu schnelle 0:1 durch die aktuell beste Lyon-Champions League-Torschützin Melvine Malard zur Folge hatte. Die Frauen von Inka Grings konnten sich dann aber nach etwa einer Viertelstunde fangen und kamen besser ins Spiel. In der 2. Halbzeit zogen sie sogar immer wieder ein beeindruckendes Pressing und phasenweise Powerplay auf mit der hintersten Linie zuweilen weit in der gegnerischen Hälfte.

Die junge dänische Top-Stürmerin Signe Bruun entschied die Partie dann aber mit je einem Treffer vor und nach der Pause. Während die Zürcher Hintermannschaft den Gegner am Boden sehr gut verteidigte, hatten die Verteidigerinnen und Torhüterin Friedli manchmal etwas Mühe bei Flanken. Friedli konnte dafür ihre Stärken im Eins gegen Eins und auf der Linie ausspielen. Im Umschaltspiel brachten die Zürcherinnen immer wieder schnell eine hohe Präsenz von fünf, sechs Spielerinnen an und in den gegnerischen Strafraum, machten aus diesen Situationen aber zu wenig. Anstatt eines Abschlusses aufs Tor folgte oft noch ein (unpräziser) Letzter Pass zu viel.

Beide Teams konnten sich in der 2. Halbzeit über eine spezielle Einwechslung freuen. Bei Lyon griff nach halbjähriger Verletzungspause die langjährige Weltklassespielerin Dzsenifer Marozsan erstmals wieder ins Geschehen ein und beim FCZ kam die 15 Jahre junge Stürmerin Leela Egli (beste Spielerin und Torschützin am letzten Blue Stars / FIFA Youth Cup) zu ihrem Champions League-Début – und ersetzte dabei Fabienne Humm. Die junge Stürmerin konnte in der Schlussphase ein, zwei Akzente in einem jungen Sturm mit Alayah Pilgrim (19) setzen. Akzente setzte zudem einmal mehr ein Teil der Südkurve, der eine für die Frauen Champions League aussergewöhnliche Stimmung in die zu einem Viertel gefüllte wefox Arena brachte.

Olympique Lyonnais ist der langjährige Dominator und Krösus im europäischen Frauenfussball. In den letzten sieben Jahren gewannen die Französinnen sechs Mal den europäischen Klubwettbewerb – und acht Mal in den letzten zwölf Jahren. Über viele Jahre war Wolfsburg der einzige einigermassen ernsthafte Konkurrent. Zuletzt hat sich die Situation aber relativ schnell gewandelt. Die englischen Teams sind deutlich stärker geworden und vorletzte Saison schnappte sich erstmals Barcelona die Champions League-Krone.

Zwar holte sich Lyon im Juni den Titel im direkten Duell mit einem 3:1 gegen Barcelona zurück. Aber in der neuen Saison ist das Team von Coach Sonia Bompastor mit nur einem Punkt aus den ersten beiden Gruppenphasen-Partien gegen Arsenal (1:5) und Juve (1:1) gestartet. Die Heimklatsche gegen die Engländerinnen war ein Schock. Lyon war sich gar nicht mehr gewohnt, so wenig Ballbesitz zu haben und wirkte etwas ratlos. Bei Juve ging Olympique auch etwas sorglos mit seinen Torchancen um.

Nur einen Punkt und mit „-4“ dieselbe Tordifferenz wie der FCZ hat Lyon also auf dem Konto. Die Favoritinnen sind also unter Druck. In der Meisterschaft gewann man bisher mit einer Ausnahme (0:0 in Guingamp) alle Partien – allerdings nicht mehr mit so hohen Resultaten wie vielfach früher. Ein Zeichen, dass in der Mannschaft zur Zeit etwas der Wurm drin ist. Einige Starspielerinnen sind schon sehr lange dabei, haben sich aber zuletzt nicht mehr weiterentwickelt und befinden sich schon etwas über dem Zenit. Dazu kommen eine Reihe von Verletzungen.

Bompastors Team tritt in der Regel im 4-3-3 an. Heute stehen mit Van De Donk und Horan aber nur zwei nominelle Zentrale Mittelfeldspielerinnen in der Startformation.

Die bisherige Bilanz in Direktduellen der beiden heutigen Konkurrrenten ist aus Zürcher Sicht niederschmetternd: 1:7, 0:8, 0:9. Fast unglaublich mutet an, dass beim ersten Duell vor 14 Jahren auf beiden Seiten bereits eine der aktuellen Akteurinnen auf dem Platz standen: Vanessa Bernauer (FCZ) und Wendie Renard (OL). Die heutige Lyon-Trainerin Bompastor stand zudem ebenfalls auf dem Feld. In den beiden Duellen der Saison 16/17 (beide von Züri Live direkt übertragen) waren bereits Mégroz und Stierli bei den Zürcherinnen und Renard, Hegerberg, Mbock, Maroszan und Le Sommer für Lyon dabei.

Der FCZ lief in den ersten beiden Partien unterschiedlich auf. Gegen Juve agierte das Team von Trainerin Inka Grings im 4-3-3, während man in London in einem 4-4-2 mit Torschützin Seraina Piubel neben Fabienne Humm, die defensiv sehr viel mitarbeitete, antrat. Vom Matchblatt alleine ist noch nicht hundertprozentig klar, welche der beiden Varianten es heute geben wird. Auf jeden Fall sind Julia Stierli und Naomi Mégroz von Anfang an mit dabei. Sie wollen sich für die zwei hohen Niederlagen vor sechs Jahren revanchieren.

Im ganzen Trubel um die Modus-Diskussion haben der FC Winterthur, der FC Wil und der FC Vaduz mit ihrem erfolgreichen Antrag um eine drastische Reduktion der Stadionanforderungen für die Super League still und heimlich für eine kleine Revolution gesorgt. Es ist eine viel weitreichendere Entscheidung als der Modus. Ohne Übertreibung ist damit an der GV der Swiss Football League vom Freitag im Schweizer Fussball eine Ära zu Ende gegangen.

Dank Stadionkatalog der SFL: Europacup in Thun, Frauen-Länderspiele in Schaffhausen

Die Denkmäler dieser Ära sind die gebauten Stadien neue Maladière in Neuenburg, Stockhorn Arena in Thun, wefox Arena in Schaffhausen, die Tissot Arena in Biel und die Tuilière in Lausanne. Dazu kommen die sich immer noch in Planung befindlichen Projekte in Aarau und Lugano. Ausserdem wurde auch der Um- und Ausbau der Stadien in Vaduz, Winterthur und Wil durch diese Ära geprägt. Diese Stadien sind alle Kinder eines Blatt Papiers (beziehungsweise PDF). Nämlich des in den letzten rund zwei Jahrzehnten gültigen Stadionkataloges (Kategorie A) der Swiss Football League. Um diese Kriterien erfüllen zu können, und damit in der obersten Schweizer Fussball-Liga mitspielen zu dürfen, haben mittelgrosse Schweizer Klubs enorme finanzielle und zeitliche Aufwände geschultert, etliche Abstimmungskämpfe geführt, den Standort gewechselt, die eigene Organisation angepasst und zusätzliche Eigentümer, teilweise aus dem Ausland, mit ins Boot geholt. Und um das Ganze finanziell überhaupt realisieren zu können, wurden zur Querfinanzierung und wegen der tieferen Bodenpreise in Thun, Schaffhausen oder Biel Stadien mit Mantelnutzung an der Peripherie gebaut.

Neue Maladière, Neuchâtel (Eröffnung: 2007)

Alles wurde dafür getan, um ein modernes Stadion errichten zu können, welches die Minimalanforderungen der Liga erfüllt. Und damit auch einen Vorteil gegenüber denjenigen Konkurrenzstädten zu haben, die dies nicht zu Stande brachten. Der Komfort, die Sicherheit und die Zuschauerzahlen wurden dank diesen neuen Stadien erhöht. Es kommen mehr Frauen und Kinder zu den Spielen. Der FC Thun konnte 13 Europacuppartien im eigenen Stadion mit echtem Heimvorteil spielen (unter anderem mit Siegen gegen Partizan und Rapid), statt nach Bern ausweichen zu müssen. Die Stockhorn Arena und die wefox Arena sind zu populären Heimstätten für die Spiele der Frauen-Nati geworden. In Biel werden viele Junioren- und Frauen-Cupfinals und Junioren-Länderspiele ausgetragen. Der ausgebaute Vaduzer Rheinpark hat einige ausverkaufte Länderspiele gegen grosse Fussball-Nationen gesehen. Die Winterthurer Schützenwiese erhielt eine schöne, neue Gegentribüne – als Teil eines umfassenden Ausbauprojektes, dessen Dringlichkeit sich nun aber stark reduziert hat.

Administrative Aufstiegshürden neu für alle stemmbar

Die bisherigen hohen Anforderungen haben für den Schweizer Fussball viel Gutes getan. Trotzdem ist der nun von Winterthur, Wil und Vaduz beantragte und von den Klubs der Swiss Football League beschlossene Rückschritt in Sachen Infrastruktur zum jetzigen Zeitpunkt positiv zu werten, speziell für den sportlichen Wettbewerb und für „die Kleinen“. Bei der Gesamtkapazität wurde eine Halbierung von 10’000 auf 5’000 Plätze beschlossen, bei den Sitzplätzen gar eine von 6’500 auf nur noch 1’000 Plätze. Dazu kommt eine Einjahresfrist zur Erfüllung dieser Anforderungen für Aufsteiger. Nur die Anforderungen für die Sicherheit und TV-Übertragungen müssen von Anfang an erfüllt werden (wobei wie diese Saison beim FC Winterthur dabei je nach Umständen eine Kulanzfrist von ein paar Wochen oder Monaten sicherlich gewährt wird).

Stockhorn Arena, Thun (2011)

Dies ändert die Situation fundamental. Die administrativen Aufstiegshürden werden wesentlich reduziert. Bis zu diesem Entscheid gab es mit Thun, Xamax, Schaffhausen und Lausanne-Sport nur vier Challenge League-Klubs, welche die Infrastrukturvoraussetzungen für die Super League mitbrachten. Winterthur durfte diesen Sommer überhaupt nur dank einer Sonderregelung aufsteigen. Nun sollte grundsätzlich jeder Challenge League-Klub aufsteigen können. Selbst ein Klub, der die reduzierten Anforderungen nicht erfüllt, kann erst mal aufsteigen und sich dann im Verlauf der Vorrunde immer noch überlegen, einen Stadionausbau im vernünftigen Rahmen in Angriff zu nehmen und / oder bei Klassenerhalt für eine gewisse Zeit in ein grösseres Stadion im Umkreis umzuziehen.

Brügglifeld olé?

Winterthur ist ein Paradebeispiel sowohl für einerseits die positive Wirkung des Druckes, den der bisherige Stadionkatalog erzeugt hat, und der gleichzeitig aber auch etwas überzogenen Standards, die darin formuliert wurden. Der aktuelle Rückschritt in den Anforderungen ist massiv. Kurzfristig ist das kein Problem. Es hilft sogar, speziell im Zuge der Super League-Vergrösserung das Wettbewerbsprinzip Aufrecht zu erhalten. Langfristig könnte es aber schon wieder zu einer Situation führen wie in den 80er und frühen 90er-Jahren, wo verfallende und nicht mehr zeitgemässe Infrastrukturen zum damaligen Zuschauerschwund beigetragen haben.

Tissot Arena, Biel-Bienne (2015)

Der FC Aarau gehörte wohl nicht ganz ohne Hintergedanken nicht zu den Promotoren des Antrages. Während andere Klubs bei einem Standortwechsel fast immer mit einer zentrumsferneren Location vorlieb nehmen müssen, will der FCA mit seinem im Grunde schon seit den 90er-Jahren pendenten Stadionprojekt vom in der Gemeinde Suhr gelegenen Brügglifeld ins deutlich zentrumsnähere Torfeld Süd umziehen. Macht der Entscheid der Swiss Football League vom Freitag den Aarauern im letzten Moment noch einen Strich durch die Rechnung, weil ein Verbleib im Brügglifeld plötzlich wieder eine Option werden könnte? Auch der Neubau des Cornaredo in Lugano ist durch diesen Entscheid nicht mehr wirklich zwingend. Anders sieht die Situation in Zürich aus. Wie in Genf, Basel oder Bern gehen die Anforderungen an ein Fussballstadion in einer Stadt wie Zürich sowieso über die SFL-Mindestanforderungen für Super League-Stadien hinaus – egal ob bisherige oder neue.

Eröffnung wefox Arena (damals LIPO Park), Schaffhausen (2017)
Tuilière, Lausanne (2020)

Der Eindruck von Züri Live direkt nach dem Spiel: Der FC Zürich kämpfte, allen voran Antonio Marchesano. Ganz so überzeugend wie in den drei Spielen gegen Bodö/Glimt, Sion und Arsenal war die Leistung aber nicht. Das Pressing war nicht so griffig, nach der Niederlage in Lugano war von einigen Spielern wieder etwas Verunsicherung zu spüren. Eine Steigerung gegenüber dem Match im Tessin war es aber auf jeden Fall.

Der klare Sieg kam vor allem zustande, weil Servette im Letzigrund seinen wohl schlechtesten Auftritt des Herbstes hatte. Ohne Mittelfeldmotor Timothé Cognat wirkten die Grenats unerklärlich saftlos und blutleer – mit vielen Fehlern von Anfang an. Erst mit der Einwechslung einiger junger Spieler in der Schlussphase, vor allem Verteidiger Théo Magnin, kam nochmal etwas Schwung in die Gästemannschaft – aber da war es aus Genfer Sicht schon zu spät.