Liebe Grüsse von den Trümmerfrauen und -männern

All die letzten langweiligen Jahre, als das Tabellenbild der Super League immer nur einen Klub am Ende der Saison an erster Stelle auswies, tröstete mich die Hoffnung, dass das alles schlussendlich einem guten Zweck dient. Würde der FCB mal mehrere Jahre hintereinander so richtig absahnen, und Titel um Titel gewinnen, dachte ich naiverweise, könnte dies einen kollektiven Heilungsprozess auslösen. So viel Erfolg muss doch eine psychologische Wirkung haben, und die immer noch sehr zahlreich unter Minderwertigkeitskomplexen leidenden Basler endlich von ihrem Leiden befreien. Es wäre dann definitiv wieder etwas lustiger in der Schweiz.

Diese Hoffnung hat nun gerade wieder einen echten Dämpfer erlitten. BaZ-Journalist Marcel Rohr schreibt am Wochenende in seinem Kommentar: «Die Sportstadt Zürich liegt in Trümmern», «Sie produziert keine Helden, sondern nur Nieten», «Sie ist die Sahelzone der Eidgenossenschaft». Der Artikel muss schon seit Jahren in Rohrs Schublade gelegen haben. Das Problem: die Zürcher Teams waren die ganze Zeit einfach zu erfolgreich, und er konnte daher nicht publiziert werden. Nun aber schien der richtige Moment gekommen: der Cupsieg der ZSC Lions ist «schon» zwei Monate her, der Cupfinal bei den Fussballern mit Beteiligung des FCZ erst in 6 Wochen, und die FCZ Frauen haben die Endphase der Meisterschaft auch noch nicht erreicht. Die letzten erfolglosen Wochen müssen Zürich in Schutt und Asche gelegt haben. Daher: liebe Grüsse von den Trümmerfrauen und -männern!

Nur doof eigentlich, dass an diesem Wochenende die Zürcherin Viktorija Golubic im Team des Zürchers Heinz Günthardt für zwei grosse Sensationssiege im Davis Cup sorgte. Und dass der Sauber Formel 1-Rennstall aus dem Zürcherischen Hinwil in Shanghai zwar keine Punkte holte, aber hey! Welches andere Land von der Grösse der Schweiz hat schon seit 23 Jahren ein Team in der Formel 1?

Rohr fordert fast schon verzweifelt, dass in Zürich «alle einen roten Kopf bekommen sollten, wenn in den nächsten Tagen die nächste spontane Meisterparty auf dem Barfüsserplatz steigt» und träumt davon, dass die sieben FCB-Titel «eine Demütigung für alle Zürcher, die mit dem Profisport zu tun haben» sein müssen. Ich frage mal bei Golubic nach, aber nein, ich glaube nicht, dass sie das gross interessiert.

Es muss schon hart sein, wenn der Lieblingsklub auf bestem Weg zum siebten Meistertitel in Serie ist, und man sich nicht mal mehr richtig darüber freuen kann. Und die Gedanken nur darum kreisen, wie wohl «die Zürcher» das Ganze sehen. Das Feindbild Zürich verkauft sich in Basel tatsächlich immer noch sehr gut. Die Partie gegen den sich im Abstiegskampf befindlichen FCZ wollten in Basel 10’000 Zuschauer mehr miterleben, als den Europa League-Achtelfinal gegen Sevilla!

Das zweite Problem aus der Sicht vieler Basler ist, dass ihre Abneigung nicht im gleichen Ausmass erwidert wird, und irgendwie ins Leere läuft. Natürlich ist ein FCZ- oder GC-Fan enttäuscht, wenn seine Mannschaft nicht gut abschneidet. Aber ob jetzt Basel, YB oder Servette Meister wird, ist den meisten so ziemlich egal – Hauptsache, es ist nicht der Stadtrivale…

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Die Zürcher nennen ihr Zentrum liebevoll „Dörfli“, was Rohr nicht daran hindert, sich darüber aufzuregen, dass Zürich in verschiedensten Ratings von internationalen Beratungsfirmen zu den „Global Cities“ gezählt wird. Wie viele Meistertitel in Folge braucht es noch, um diesen Komplex zu besiegen? 10? 15? 20? Dabei gäbe es allen Grund, sich in Basel schlicht und einfach darüber zu freuen, dass die eigene Sportstadt dank dem FCB in diesem Jahrzehnt einen neuen Rekord an Titeln gewinnen könnte. Zürich hält den bisherigen Rekord mit 11 Titeln pro Jahrzehnt sowohl in den 90-er, wie auch den 00-er Jahren. Macht der FCB so weiter, wie bisher, dann wird Basel in den 10-er Jahren schätzungsweise 14 Titel gewinnen. Im Fussball liegt Zürich mit bisher 68 Titeln weit vor Basel mit 29 und Genf mit 25. Zählt man die beiden Hauptsportarten Fussball und Eishockey zusammen, ist der Vorsprung von Zürich mit 90 Titeln vor Bern (33) und Basel (29) noch grösser. Dank mehreren Klubs in der höchsten Liga und der lokalen Rivalität konnte Zürich im Schnitt jedes Jahr einen Fussball- oder Eishockey-Titel feiern.

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Als letzten grossen Nationalspieler mit rotem Pass beim FC Zürich eruiert Rohr Köbi Kuhn. Da stellt sich natürlich die Frage: gab es überhaupt jemals in der Geschichte einen richtig grossen Spieler mit rotem Pass? Aber wenn man schon Köbi Kuhn (und damit natürlich automatisch auch Karli Odermatt) einen grossen Spieler nennt, dann muss man René Botteron oder aktuell Ricardo Rodriguez sicherlich auch dazuzählen.

Rohr stellt zudem die rhetorische Frage, wie viele Nationalspieler zuletzt GC hervorgebacht habe. Ihm kommt nur Tarashaj in den Sinn. Wenn man wirklich nur die unmittelbare Vergangenheit anschaut, dann stimmt das. Der FCB hat da mit Embolo allerdings auch nur einen. Blättert man ein paar Jahre zurück, dann kommen sowohl bei GC (Seferovic, Kasami), wie beim FCB (Xhaka, Shaqiri) je zwei weitere Spieler dazu. Dazu kommen von den nicht mehr ganz jungen Spielern noch Sommer und Klose (FCB), sowie Lichtsteiner (GC). Im erweiterten Kader stehen zudem Stocker, Frei (FCB) und Ziegler (GC). Derdiyok kam als bereits 18-jähriger dank einem Tor im Schweizer Cup von Old Boys direkt in den erweiterten Kader der 1.Mannschaft. Den hatte man beim FCB im Juniorenalter verpasst. Wesentlich mehr aktuelle Nationalspieler hat der FCB im Vergleich zu GC also nicht hervorgebracht. Die aus dem GC-Nachwuchs stammenden aktuell für andere Nationen auflaufenden Spieler wie Petric, die Hajrovic-Brüder, Abrashi, Jaggy oder Chappuis sind da noch gar nicht mit dabei.

Insgesamt entstammen von den auf Wikipedia als aktuelle Schweizer Nationalspieler aufgeführten Akteuren 10 aus dem Nachwuchs eines Zürcher Vereins – gegenüber 9, die aus einem Basler Klub hervorgegangen sind. Im Eishockey sind die Verhältnisse sowieso klar: die Hälfte des WM-Silbermedaillenteams von 2013 stammt aus der Region Zürich. Und die ZSC Lions haben 2009 als einziges Schweizer Team in einer international kompetitiven Sportart den Europacup gegen die besten Teams Europas gewinnen können.

Der Schweizer Fussball wurde in den letzten ein, zwei Dekaden sowieso ganz wesentlich von Trainern aus derjenigen Sportstadt geprägt, die angeblich «nur Nieten produziert». Der aktuelle Schweizer Trainer des Jahres Marcel Koller führte St.Gallen sensationell zur zweiten Meisterschaft der Vereinsgeschichte, von welcher der Klub bis heute profitiert – unter anderem wurde das Stadionprojekt aus jener Euphorie geboren. Koller gewann auch mit GC vor seinem erfolgreichen Wirken in Deutschland und Österreich die Meisterschaft. Christian Gross kennt man wohl auch in Basel: nachdem er das zuvor völlig unbedeutende Wil in den Profifussball geführt und mit GC zwei Meistertitel gewonnen hatte, machte er in der Dekade seines Wirkens aus dem Mittelfeldklub FCB die Nummer 1 des Landes. Köbi Kuhn führte die Schweizer Nati an drei Endrunden hintereinander. Urs Schönenberger schaffte mit dem kleinen FC Thun sensationell die Qualifikation für die Champions League-Gruppenphase und die Mannschaft konnte dort dank vier Punkten gegen Sparta Prag sogar europäisch überwintern.

Während Gross den FCB an die Spitze führte, war mit Marco Schällibaum ein weiterer Zürcher als Trainer dafür verantwortlich, dass YB den Wiederaufstieg in die höchste Spielklasse schaffte und gleich im Jahr darauf sogar einen Europacupplatz erreichte, und damit eine sehr gute Basis für den Einzug ins neu erstellte Wankdorfstadion hatte. Mit Vaduz den erstmaligen Aufstieg in die Super League schaffte 2008 mit Trainer Heinz Hermann ein weiterer Stadt-Zürcher. Urs Fischer arbeitete erfolgreich mit dem FCZ und Thun, und könnte nun in seiner Premiere-Saison mit Basel einige Rekorde brechen.

Aus der Zürcher Vorstadt stammen Rolf Fringer, der mit Aarau in den 90er-Jahren sensationell Meister wurde, und Uli Forte, welcher nach dem Cup-Halbfinal mit Wil mit St.Gallen einen weiteren Traditionsklub des Landes zurück in die Super League brachte. Auch Urs Meier gewann 2014 mit dem FCZ den Cuptitel und setzte damit die Tradition der letzten 15 Jahren fort, in welchen im Schweizer Fussball mit Ausnahme des aus der GC-Schule stammenden Baslers Murat Yakin ausschliesslich Zürcher, Romands und Ausländer als Trainer Titel gewonnen haben. Einer davon war der bedauernswerte Bernard Challandes, dem Rohr in seinem Artikel den Meistertitel 2009 weggenommen, und Lucien Favre zugeschrieben hat.

Lukas Stocker

 

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