FCZ-Berichterstattung, oder: Journalisten als Brandstifter

«Schreiben, was ist» ist ein bekannter journalistischer Leitsatz des «Spiegel»-Gründers Rudolf Augstein. «Schreiben, was ist» kann man auf die sorgfältige Analyse eines komplexen Themas beziehen, wie auch auf die korrekte Wiedergabe von beobachteten Einzelereignissen.

In beiderlei Hinsicht hat ein Grossteil der über den FCZ berichtenden Medienschaffenden aus dem Grossraum Zürich in den letzten Wochen und Monaten wiederholt versagt. Anstatt mit unabhängigem Geist die Situation zu analysieren, wird eine persönliche Fehde mit den Waffen des öffentlichen Druckes ausgetragen. An die Stelle von Analyse tritt populistische Propaganda, vereinfacht zugespitzt auf eine einfache Message: «Ancillo Canepa ist doof, im FCZ ist alles schlecht, und Canepa ist alleine Schuld daran». Dies wurde bis zum geht nicht mehr wiederholt, wiederholt, wiederholt und nochmal wiederholt.

Hat man sich erst mal auf eine schuldige Person oder Personengruppe geeinigt, ist aufgeputscht durch Tagi, NZZ und Co. der Weg bereitet für die Meute aus der Südkurve, die sich durch den Spielereingang in Richtung des «Schuldigen» zwängt. Es sind immer die gleichen Schritte, welche bei solchen kollektiven Prozessen ablaufen – vom Mobbing auf dem Schulhausplatz bis zum Völkermord in Ruanda oder Nazi-Deutschland.

Die einfachen Parolen sind ganz offensichtlich beim Volk angekommen. Dies müsste die Brandstifter in den Redaktionen eigentlich nicht erstaunen. Tut es aber offenbar doch. Interessant, dass ausgerechnet der als Boulevardmedium verschriene «Blick» noch am ehesten eine differenzierte und vielfältige Berichterstattung zustande bringt, während bei «NZZ» und «Tagi» im Fussball-Bereich liebgewonnene Ideologien wie «Anti-Südkurve» oder «Anti-Canepa» in Stein gemeisselt sind. Anstatt zu schreiben, was ist.

Blinde Wut konnte man übrigens in der Aktion der Meute aus der Südkurve zumindest im Stadion nicht erkennen, sondern es war eine gezielte Aktion mit einer klaren Stossrichtung, die im Endeffekt erstaunlich gewaltfrei ablief. Und hier kommt das zweite Versagen der angesprochenen Journalisten ins Spiel. Es wird in der Berichterstattung der Ereignisse ein Phantasiebild gezeichnet von «Ausbruch von Gewalt» und «fliegenden Fäusten» (ja, wir bestellen das Bild). Mit anderen Worten: es wurde erneut nicht geschrieben, was war.

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