Magnin verzichtet diesmal auf Systemumstellung zur Lösung des Pressingproblems / Chiasso – FCZ 3:2 in der Analyse

Für eine ausgesprochene Cupmannschaft wie den FC Zürich ist so eine Niederlage wie in Chiasso gleich zum Auftakt der Saison 20/21 kolossal. Nicht nur ist der FCZ seit neun Jahren (damals gegen den Challenge League-isten St. Gallen: Link zum Spiel) nicht mehr gegen einen Unterklassigen ausgeschieden, sondern auch gegen gleichklassige Mannschaften gab es im Schnitt deutlich bessere Resultate als in der Meisterschaft – selbst gegen Spitzenteams. Dabei hat man jeweils in den Cup-Partien nicht besser gespielt, man geriet nicht selten in Rückstand und es wurde selbst gegen Underdogs immer wieder eng. Aber im Cup zeigte der FCZ unter verschiedenen Trainern immer wieder die Winner-Mentalität, auch schwierige Spiele noch zu gewinnen.

Breston Malula: bester Mann in seinem ersten Profieinsatz

Cup-Spiele gegen Unterklassige wie in Chiasso, die ausgeglichen verliefen, oder sogar mit leichten Vorteilen für den Aussenseiter, gab es immer wieder. Dann erzwangen die Zürcher ihr Glück jeweils beispielsweise mit einem Standard. Diesmal entschieden zwei Standards und ein Konter zugunsten der Südtessiner. Chiasso hatte gegen den FCZ mehr Ballbesitz, mehr Abschlüsse und einen höheren Wert an erwartbaren Toren – wenn auch letzteres nur aufgrund des Penaltys. Dieser Penalty war durchaus gerechtfertigt. Koide hatte einen Bahloul-Freistoss mit gutem Timing eigentlich optimal per Kopf geklärt. Domgjonis Arm vergrösserte dessen Körperfläche und machte im eigenen Strafraum eine leichte Bewegung zum Ball. Der Stammspieler der letzten Saison war diesmal erst in der 77. Minute für Hekuran Kryeziu eingewechselt worden und fand nicht richtig ins Spiel.

Der Wechsel stand im Zusammenhang mit einem taktischen Problem, das der FCZ im Riva IV seit Beginn des Spiels mehr schlecht als recht zu bewältigen versuchte. Dieses erinnerte stark an die Anfangsphase des Auswärtsspiels in Thun am 1. Juli (2:3 nach frühem 0:3-Rückstand: Link zum Spiel). Damals fokussierte man das Pressing der zwei Stürmer gegen den Thuner Spielaufbau mit dem zentralen Dreizack (zwei Innenverteidiger, ein Sechser) vor allem darauf, Leonardo Bertone aus dem Spiel zu nehmen – was auch gelang. Aber die Innenverteidiger Havenaar und vor allem Stillhart nutzten ihre dadurch gewonnenen Freiheiten, um ungeahnte Spielmacherqualitäten von hinten heraus an den Tag zu legen und die frühe hohe Führung der Berner Oberländer entscheidend einzuleiten. Diesmal versuchte der FCZ zu Beginn eher die Innenverteidiger an der Entfaltung zu hindern und liess den Sechser Breston Malula gewähren. Dieser wurde so zum besten Mann auf dem Platz – und dies in seinem allerersten Spiel im Profibereich. Die langen Bälle des 19-jährigen hinter die aufgerückte Zürcher Viererkette taten dem FCZ weh – zum Beispiel beim 2:0 Chiassos in der 35. Minute.

Chiasso profitiert von YBs fast inexistenter Integration des eigenen Nachwuchses

Malula, aus dem YB-Nachwuchs als Mittelfeldpuncher bekannt, ist wie Stillhart ein Spieler, der im Duell mit dem FCZ erstmals zusätzliche Facetten seines Könnens auf den Platz bringen und ausleben konnte. Der 1,94m-Mann gehört zu denjenigen Talenten, die man sich durchaus bei YB in der 1. Mannschaft hätte vorstellen können und in einem Klub wie Luzern, FCZ, St. Gallen und möglicherweise selbst Basel diesen Schritt wohl auch geschafft hätte. Beim dreifachen Schweizer Meister hingegen sind die Ansprüche hoch, und der eigene Nachwuchs hat es sehr schwer. In den letzten sechs Jahren ist Mittelfeldspieler Michel Aebischer der einzige (!) eigene Nachwuchsmann, welcher bei YB den Durchbruch in der 1. Mannschaft geschafft hat. Selbst beim nicht als die grösste Nachwuchshochburg der Schweiz bekannten FC Sion waren es in der gleichen Zeitperiode je nach Zählweise sechs bis acht (Maceiras, Toma, Grégory Karlen, Sierro, Akolo und Edimilson – plus Morgado und Follonier, die beide eine halbe Saison Stammspieler waren) – zwei davon spielen heute notabene bei YB.

In der aktuellen Saison wurden gerade mal zwei Spieler aus dem Nachwuchs offiziell nach SFL-Seite in die 1. Mannschaft transferiert – aber einer (Schüpbach) wurde gleich weiter an Winterthur verliehen, der andere (Maier) spielt weiterhin in der U21. Und selbst das absolute Top-Talent Mambimbi hat es schwer, sich einen ähnlichen Status wie beim FCZ sein Juniorennati-Kollege Simon Sohm zu erkämpfen, der mittlerweile für die A-Nationalmannschaft aufgeboten worden ist. Trotzdem war es im Sommer erstaunlich, dass Chiasso nicht nur Sofian Bahloul halten und mit einem längerfristigen Vertrag ausstatten, sondern auch einen Breston Malula ins Mendrisiotto holen konnte. Auch das dritte Chiasso-Tor bereitete dieser mit einem erfolgreichen Zweikampf mit seinem Konterpart Simon Sohm an der Seitenlinie vor. Der daraus resultierende Freistoss führte zum Elfmeter. Dem um ein halbes Jahr jüngeren Sohm gelang abgesehen von zwei, drei entscheidenden Fouls weitgehend eine gute Partie. Es war erfrischend zu sehen, wie selbstverständlich er die Spielmacherrolle übernahm. Das, was bei ihm letzte Saison ansatzweise zu sehen war, will er jetzt konstant auf den Platz bringen.

Ludovic Magnin verzichtet auf Systemumstellung während der 1. Halbzeit wie in Thun

Sohms Mittelfeldkollege Hekuran Kryeziu wurde etwa nach einer halben Stunde dazu verknurrt, die Lücke im Pressing behelfsmässig zu schliessen, in dem er ständig zwischen vorderster und mittlerer Pressinglinie hin- und herrannte und so manchmal den Sechser Malula stören konnte und manchmal auch nicht – eine ermüdende Aufgabe: daher wohl die Auswechslung für Domgjoni, welcher danach dieselbe Rolle übernahm. In Thun hatte Magnin das Problem noch anders gelöst: mit einer Systemumstellung auf ein 3-4-1-2. Eine solche wäre in Chiasso mit dem vorhandenen Personal ebenfalls sehr gut möglich gewesen: Brecher – Britto, Bangura, Nathan – Schönbächler, H. Kryeziu, Sohm, Schättin – Kololli – Kramer, Ceesay.

24. Minute, Riva IV: Die ganze Mannschaft des FCZ ist im Hohen Pressing, aber Benjamin Kololli macht nicht mit. Er ruht sich auf der pressingfernen linken Flügelseite aus. Kololli steht zwar bei einem Gegenspieler (Rechtsverteidgier Alessandro Stabile), aber das ist genau derjenige Spieler, den die pressende Mannschaft in dieser Situation vernachlässigen kann und muss. Sehr relevant ist hingegen der dadurch frei stehende Sechser Breston Malula, über den sich Chiasso dann auch aus der Umklammerung lösen kann. Es ist Kololli, der hier einrücken und Malula decken müsste. Den Rüffel von Trainer Ludo Magnin für den freistehenden Malula erhält im Anschluss aber Assan Ceesay. Dieser könnte theoretisch Malula übernehmen, aber dann stünden sowohl Mathis Magnin wie auch Loïc Jacot frei.

Dass man bei einem Gegner mit einer komplett neuen Mannschaft und neuem Trainer vorgängig nur schwer erahnen kann, wie dieser im ersten Wettbewerbsspiel agieren wird (4-1-4-1 System, möglichst flach im Aufbau), ist verständlich – die fehlende Systemumstellung während der 1. Halbzeit bleibt hingegen vorderhand ein Rätsel. Chiasso seinerseits, welches schon seit vielen Jahren unter verschiedenen Trainern zu den taktisch ausgereiftesten Teams der ganzen Swiss Football League gehört, war sogar in der Lage, bei Pressing-Vorstössen Kryezius den Spielaufbau kurzfristig von einem Dreieck auf einen Rhombus umzustellen. Zumindest teilweise hätte man aus Zürcher Sicht das Problem lösen können, wenn Kramer und Ceesay eine etwas geschicktere Staffelung hingekriegt, oder Benjamin Kololli mehr mitgeholfen hätte, anstatt sich beispielsweise während eines Hohen Pressings der Teamkollegen auf der anderen Platzseite auszuruhen.

34. Minute, Riva IV: In der Entstehung zum 2:0 Chiassos rächt es sich, dass der FCZ nicht wie gegen Thun im Verlauf der Ersten Halbzeit eine Systemumstellung auf 3-4-1-2 vorgenommen hat. Hekuran Kryeziu mag in dieser Situation nicht nach vorne sprinten, um zu helfen. Kramer ist nach einem kleinen Sprint etwas passiv und deckt weder den Passweg zu Gamarra noch denjenigen zu Malula zu. Malula kann mit weitem Ball auf Andrist den schnellen Gegenstoss lancieren. Britto steht etwas zu weit von Andrist weg.

Beim zweiten Gegentor war zudem einmal mehr die mangelhafte Defensivarbeit Marco Schönbächlers ein entscheidender Faktor. Weil der von Schönbächler nicht unterstützte Britto gegen Andrist und den ebenfalls nach vorne Richtung nahen Pfosten stürmenden Linksverteidiger Conus auf sich alleine gestellt war, musste Nathan rauskommen, um zu helfen. Damit musste der leichtgewichtige Bangura die Deckungsarbeit gegen den grossgewachsenen Stürmer Sifneos übernehmen und vermochte diesem beim hohen Ball prompt nicht standzuhalten. Weil Yanick Brecher zudem spekulativ einen Schritt in die falsche Richtung machte, konnte er bei Sifneos‘ Kopfball ebenfalls nicht mehr eingreifen.

35. Minute, Riva IV: In der zweiten Phase der Entstehung des 2:0 Chiassos sieht man, dass Schönbächler zu spät reagiert hat. Im ersten Bild war er noch auf gleicher Höhe mit Gegenspieler Conus, nun hat er einen grossen Rückstand. Somit ist Britto alleine gegen zwei, weshalb Nathan auf die Seite ausschert, um zu helfen. Dies lässt den bei hohen Bällen wenig widerstandsfähigen Bangura mit der Aufgabe, den grösseren Sifneos zu decken, was schief geht. Der defensiv wie so häufig zu wenig disziplinierte Flügelspieler Schönbächler löst in der Verteidigung einen ganzen Rattenschwanz von Problemen aus. Auf solche Art und Weise sind auch letzte Saison viele Gegentreffer entstanden.

Auch Kololli liess seinen Hintermann Schättin in der Verteidigungsarbeit auf der linken Seite viel zu häufig alleine, machte es im Gegensatz zu Schönbächler dann aber zumindest im Spiel mit Ball besser, als er beispielsweise vor dem 1:2-Anschlusstor mit einem guten Laufweg seinen Gegenspieler Stabile so lange in der MItte „festnagelte“, dass dieser schlussendlich zu spät Richtung Schättin rausstürmte und von diesem vor der erfolgreichen Flanke auf Ceesay einfach ausgetanzt werden konnte. Zugute kam dem FCZ in dieser Situation auch, dass Bahloul ebenfalls zu spät in der Defensive mithalf und so die linke Zürcher Seite komplett „leergeräumt“ war.

40. Minute, Riva IV: Offensiv-taktisch gutes Verhalten von Benjamin Kololli in der Entstehung des 1:2-Anschlusstreffers. Er zieht Aussenverteidiger Stabile nach innen und „nagelt“ ihn dort fest. Der Rechte Innenverteidiger Magnin wird so funktionslos. Da zusätzlich Bahloul nicht diszipliniert genug verteidigt, hat Schättin über links völlig freie Bahn. Schättin wird präzise und mit dem richtigen Timing von Regisseur Sohm angespielt. Kololli macht den Lauf in die Tiefe und zieht Stabile so noch etwas mit, so dass dieser erst sehr spät Kololli Magnin überlässt und nach aussen rennt, um Schättin zu stoppen. Aufgrunddessen ist er zu schnell und ungestüm, so dass ihn Schättin einfach austanzen kann und genug Zeit und Platz für eine präzise Flanke auf Ceesay hat.

Umaru Bangura ist MVP – irregulärer Eckball-Treffer zum 1:0

Wie in den Testspielen angedeutet, hat Assan Ceesay die Zeit bei Osnabrück gut getan. Der Gambische Stürmer wirkt schnörkelloser und vielseitiger in seinem Spiel, hat unter anderem im Kopfballspiel und bei eigenen Flanken Fortschritte gemacht. Tobias Schättins grösste Stärke, häufig präzise Flanken schlagen zu können, konnte man ebenfalls bereits in den Tests und zuvor bei Winterthur beobachten – ebenso wie sein defensives Steigerungspotential. Salim Khelifis Auftritt war hingegen völlig missraten: da ändert auch sein eher zufälliges Assist zum zufälligen 2:2 Assan Ceesays (bewirkt immerhin durch ein Forechecking des in dieser Szene engagierten Kololli) nichts. Der Waadtländer verlor ansonsten sowohl Offensiv- wie Defensivzweikämpfe zum Teil auf klägliche Art und Weise. Der für den schlecht in die Partie startenden und sich dann auch noch verletzenden Becir Omeragic früh eingewechselte Umaru Bangura war hingegen trotz der Nicht-Verhinderung des 0:2 mit seinen starken Spieleröffnungen und Rettungsaktionen vorne wie hinten (manchmal nur wenige Sekunden nacheinander an völlig verschiedenen Orten auf dem Feld) zusammen mit Henri Koide der beste Zürcher in einer Mannschaft, die mit einem ungenügenden Züri Live-Notenschnitt von 4,7 in die Saison startet.

Einen Fehlentscheid von Schiedsrichter Fedayi San gilt es noch anzufügen: beim 1:0 Chiassos durch einen direkt verwandelten Corner Sofian Bahlouls wurde Torhüter Yanick Brecher im Fünfmeterraum von Stephan Andrist unterlaufen und verfehlte deshalb den Ball. Andrist kümmerte sich dabei überhaupt nicht um den Ball, sondern hatte alleine das Ziel, Brecher in dessen eigenes Tornetz zu stossen – eine schon vorher so einstudierte Variante, weil Chiasso wusste, dass auf diese Art und Weise ein direkt verwandelter Eckball möglich ist. Mit VAR wäre der Treffer ziemlich sicher aberkannt worden. Bei einem ähnlichen, aber viel geringeren Vergehen des ehemaligen FCZ-Juniors Luka Stevic an Marco Schönbächler im Mittelfeld hat Schiedsrichter Fedayi San kurz darauf auf Foul entschieden – und der Torhüter müsste im eigenen Fünfmeterraum eigentlich zusätzlichen Schutz geniessen.

17. Minute, Riva IV: In einer einstudierten Eckballvariante räumt Stephan Andrist den Zürcher Torhüter Yanick Brecher im Fünfmeterraum richtiggehend aus dem Weg, damit dieser den direkt getretenen Corner von Sofian Bahloul am nahen Pfosten nicht wegfausten kann…
…Zwei Minuten später entscheidet Schiedsrichter Fedayi San in einer bei weitem nicht so klaren Situation mit Körperkontakt im Kampf um den Ball im Mittelfeld zwischen Luka Stevic und Marco Schönbächler auf Foul.

Chiasso – FC Zürich 3:2 (2:1)
Tore: 17. Bahloul 1:0, 35. Sifneos (Andrist) 2:0, 40. Ceesay (Schättin) 2:1; 76. Ceesay (Khelifi) 2:2, 88. Bahloul (Handspenalty) 3:2.
Chiasso: Jacot; Stabile, Magnin, Gamarra, Conus (77. Zunic); Malula; Bahloul, Nzila (63. Strechie), Stevic (51. Pasquarelli), Andrist; Sifneos.
FCZ – Brecher; Britto, Nathan, Omeragic (30. Bangura), Schättin; Schönbächler (61. Koide), H. Kryeziu (77. Domgjoni), Sohm, Kololli; Kramer (61. Khelifi), Ceesay.

(Standbilder: SRF)

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