Die Saison 2021/22 geht ins letzte Viertel. Neben dem klar führenden FCZ hat zumindest der FCB noch eine Chance auf den Titel. Man kann aber schon jetzt konstatieren, dass das Spieljahr für den FCZ nicht nur voraussichtlich einen neuen Zuschauer-Klubrekord bringen wird, sondern es ist auch die Saison der Beendigung von Negativserien. Und dies speziell im Zusammenhang mit den Young Boys. Nachdem der Bann in der Vorrunde bereits mit dem 1:0-Sieg im Letzigrund gebrochen worden war, folgt nun gleich auch noch der erste Liga-Auswärtssieg seit März 2014. Kein anderer Super League-Klub hatte in den letzten Jahren eine so schlechte Bilanz gegen die Gelb-Schwarzen gehabt wie der FCZ – auch nicht Thun, Lugano oder Vaduz.

Spielanalyse

YB trat im Wankdorf wieder mit dem gleichen 4-3-3 an, mit welchem es bereits im November im Letzigrund seine Aufwartung gemacht hatte. Der FCZ startete ebenfalls mit seiner üblichen Grundformation, aber mit einer im Vergleich zu damals deutlich verfeinerten Spielweise. Vergleicht man die drei Saisonduelle der beiden Teams, ist eine klare Entwicklung erkennbar.

  • Im ersten Direktduell im September im Wankdorf hatte der FCZ noch nach dem Hoffnungsprinzip gegen einen in den letzten Jahren unbezwingbaren Gegner einiges ausprobiert mit einem 5-3-2 und intensivem Hohem Pressing in den ersten 30 Minuten. Nachdem sich der Zürcher Junglöwe couragiert ausgetobt hatte, übernahm in der Folge der Berner Bär das Szepter und profitierte dabei auch davon, dass der Gegner aus der Limmatstadt zum damaligen Zeitpunkt personell noch nicht seine Bestformation gefunden hatte.
  • Vor dem zweiten Duell im November hatte der FCZ mit Siegen in Genf und Sion den Sprung zurück auf den Leaderthron geschafft. Die Situation und Stärkeverhältnisse hatten sich inzwischen bereits etwas verändert, denn nun war es YB, das sein Spielsystem auf den Gegner anpasste. Erstmals in der laufenden Saison wich Trainer David Wagner von seinem 4-4-2 ab und liess sein Team ein 4-3-3 spielen, um eine Zürcher Überzahl im Zentrum zu verhindern. Das tat er auch gegen Mannschaften, die das gleiche System wie der FCZ spielen, vorher nicht. Es entwickelte sich ein ziemlich chaotisches Spiel auf Augenhöhe mit leichten Vorteilen für YB, bei welchem der FCZ am Ende mit dem Siegtreffer Wilfried Gnontos die effizientere Mannschaft war – Aebischer traf aus der Distanz den Pfosten.
  • Für das dritte Aufeinandertreffen hatte sich YB ganz offensichtlich viel vorgenommen. Die Berner starteten mit einer hohen Intensität in die Partie. Coach Matteo Vanetta hatte Recht, als er von einem guten Auftritt seiner Mannschaft sprach. Ein FCZ in der Verfassung von letzter Saison oder selbst Anfang dieser Saison wäre von so auftretenden Bernern überrollt worden. Dass die Gelb-Schwarzen nun aber auch dieses Duell verloren, lag in erster Linie an ihrem Gegner. Es kommt selten vor, dass ein Gast im Wankdorf es schafft, die Seiten so gut dichtzumachen wie in diesem Spiel der FCZ – und YB dadurch seiner Stärken beraubt. Es waren auf der Berner Angriffsseite jeweils konsequent drei, manchmal vier Zürcher hinter dem Ball. Trotzdem vermochten beim schnellen Umschalten in den Angriff gleichzeitig sofort genug FCZ-ler auszuschwärmen, um vorne für Präsenz und Gefahr zu sorgen.

Schon seit längerer Zeit nutzt der FCZ vor allem bei eigenen Abstössen für den Spielaufbau eine 4-2-3-1 Formation. Dabei rückt Boranijasevic zurück auf die Rechtsverteidigerposition, der linke Innenverteidiger (in Bern Mets) nach aussen und der linke Aussenläufer (normalerweise Guerrero, diesmal Aliti) weit nach vorne auf den Linken Flügel, einer der zwei Stürmer (in Bern Gnonto) positioniert sich auf dem Rechten Flügel. Die Wechsel zwischen dieser Formation und dem 3-4-1-2 funktionieren nahtlos und vor allem im richtigen Moment – so bleibt man in Umschaltsituationen erstmal in der Formation und wechselt diese erst wieder, wenn sich dafür die Gelegenheit ergibt. In Bern kam bei gegnerischem Spielaufbau zu Beginn als dritte Formation ein 5-4-1 hinzu. Coric half mit, die linke Seite zuzumachen, Gnonto rechts. In ballferner Position übernahmen sie zudem jeweils die Deckung des Achters (Fernandes / Rieder). Ceesay blieb auch alleine vorne ein steter Gefahrenherd. Nach rund sieben Minuten kam der FCZ zu zwei Standards in der gegnerischen Hälfte hintereinander. Dies nutzte Trainer Breitenreiter, um zu kommunizieren, dass von nun an nur noch im 3-4-1-2 verteidigt werden soll. Das 5-4-1 wurde aufgrund der YB-Ausrichtung im 4-3-3 (4-1-2-3) begraben. So konnte das YB-Dreieck im Mittelfeld eins-zu-eins gedeckt werden.

Speziell wenn man sich in der 3-4-1-2 Formation befand, war die Unterstützung Doumbias auf der linken Seite ein wesentlicher Faktor für die Stabilität und kompensierte dadurch die kleinen Lücken, welche Coric offen liess. Rechts vermochte Dzemaili nicht im gleichen Ausmass Beton anzumischen – dies wurde aber fabelhaft durch Gnonto kompensiert, welcher einige entscheidende Läufe nach hinten machte. Die so entscheidende Balance zwischen Defensive und Offensive stimmte, der FCZ hatte die Partie über weite Strecken unter Kontrolle. Nach der Pause allerdings liessen Dzemaili und Coric nach, was YB einen Aufschwung ermöglichte. Die Berner waren nahe dran, die Partie auf ihre Seite zu drehen. Entscheidend war dann die Einwechslung von Marchesano (und in geringerem Masse Hornschuh). Ab diesem Moment schloss sich das Opportunitätsfenster für die Berner wieder. Insgesamt lässt sich sagen: langsam, aber sicher spielt der FCZ immer mehr so, wie es hier an dieser Stelle in verschiedensten Analyseartikeln seit Sommer 2019 für dieses Team vorgeschlagen wurde.

Performance & Stats

Notizen

  • Becir Omeragic fühlte sich gegen St. Gallen in seinem Element und war erstmals in dieser Saison MVP. Wie es leider nicht ganz unüblich für den Genfer ist, folgte auf diesen starken Auftritt in Bern eine ungenügende Leistung als Schlechtester der Mannschaft. Sein Notenschnitt in dieser Saison liegt nach drei Vierteln der Meisterschaft bei 5,9 und damit deutlich hinter den Verteidigerkollegen Mets (7,2), Kryeziu (6,9) und Aliti (6,9).
  • Alle Zürcher waren in Bern mental voll da. Wie schön, wenn man so etwas schreiben kann, wenn man sich an die letzten Jahre zurückerinnert, wo es immer zwei, drei Spieler gab, bei denen dies jeweils nicht der Fall schien. Speziell positiv hervorzuheben in Sachen Mentalität in Bern: Karol Mets und Wilfried Gnonto.
  • Die Partie kippte mit der Einwechslung von Antonio Marchesano auf die Seite des FCZ. Ab diesem Moment war die nach der Pause aufkommende Dominanz YB’s vorbei. Marchesanos (und in geringerem Masse Hornschuhs) entscheidende Unterstützung bei Doumbias Ballgewinn vor dem 0:1 zeigt exemplarisch den Unterschied zu den Minuten davor, als Doumbia von Coric und Dzemaili immer mehr alleine gelassen worden war.
  • Sicherlich einer der Besten bei YB war Cédric Zesiger. In der Vorrunde hatte er im ersten Duell mit dem FCZ nach einem Luftkampf im Strafraum seine Mittelfussprellung erlitten und fiel bis fast zur Winterpause aus. Nun lief und grätschte er hinten für zwei, beging aber auch exzessiv Stürmerfouls bei Standards vorne. Verschiedene YB-Spieler hatten in dieser Partie zudem häufig die Hände und Arme im Gesicht der Gegner, was wieder etwas an Zeiten von Sanogo oder Nsamé erinnerte.
  • Ousmane Doumbia sammelt in dieser Partie die meisten Züri Live-Offensivpunkte und auch -Defensivpunkte. Ohne sein schlechtes drittes Viertel der Partie wäre er MVP geworden. Mit der Einwechslung von Marchesano und Hornschuh lief es dem Ivorer dann wieder deutlich besser und er war entscheidend an beiden Toren beteiligt – wie er ganz allgemein immer mehr offensiv aufs Zürcher Spiel Einfluss nimmt.
  • Offensiv wenig erbaulich war hingegen Mirlind Kryezius Spiel in Bern. Normalerweise ist seine Spieleröffnung eine Stärke, in Bern war er hingegen nur defensiv solide.

Szenen

  • 74. Minute, 0:1: Nach einem Berner Einwurf helfen Marchesano und Hornschuh Doumbia beim Ballgewinn gegen Lauper. Der Ivorer schickt sofort den schnellen Kramer auf die Reise. Lustenberger kann dem Slowenen nicht folgen, Zesiger mit einem generösen Diagonallauf Kramer zwar noch stellen, aber nicht mehr in einer idealen Verteidigungsposition, was der mental parate FCZ-Stürmer zwei Ballberührungen später zur Führung nutzt – mit dem schwächeren Linken Fuss Innenrist zwischen den Beinen von Goalie Von Ballmoos hindurch.
  • 79. Minute, 0:2: Wilfried Gnonto wird von Cédric Zesiger in den Rücken gestossen und hinkt mit der Hand im Kreuz durch die Gegend, als er von Doumbia angespielt wird. Alle Schmerzen sind vergessen! Der Italiener lässt im Strafraum Lauper aussteigen, kurvt an die Grundlinie wie eine Moto Guzzi und Marchesano verwertet nach Kramer-Abschluss den Rebound mit dem Rücken zum Tor aus der Drehung.
  • 90.+5 Minute, 1:2: Marc Hornschuh weist Schiedsrichter San zwischen zwei YB-Eckbällen darauf hin, dass er das Spiel abpfeifen soll. In der Zwischenzeit macht sich Ulisses Garcia sofort daran, den Corner auszuführen und Hornschuhs Gegenspieler Mambimbi stellt sich für ein kurzes Zuspiel frei. Da Garcia sowieso beim ersten Eckball Tosins Gegenspieler gewesen war, ist der Nigerianer grad in der Nähe und übernimmt für den abgelenkten Hornschuh die Deckung Mambimbis. Dadurch ist nun natürlich ein anderer Mann frei, den Hornschuh übernehmen müsste – aber wer ist es? Der Deutsche Defensivspezialist sucht in der Hektik nach einem freien YB-Mann, entscheidet sich auf die Schnelle für Zesiger und begleitet diesen dann genauso wie dessen eigentlicher Gegenspieler Aliti – zu zweit. Völlig frei steht dadurch der Mann, den eigentlich Tosin oder dann eben Hornschuh hätten übernehmen müssen – Vincent Sierro, der zuvor den ersten Corner von der anderen Seite ausgeführt hatte. Dazu kommt, dass der ansonsten deckungsstarke Mets Kanga nicht an der Kopfballweiterleitung am nahen Pfosten hindern kann und Brecher die alte Angewohnheit, im entscheidenden Moment nicht beide Füsse am Boden zu haben, noch nicht ganz ablegen konnte und daher beim Verschieben einen halben Schritt zu spät kommt. Nach dem St. Gallen-Heimspiel erhält der FCZ zum zweiten Mal hintereinander ein Eckball-Gegentor. Gegen GC (nächster Gegner) hat man diese Saison auch schon zwei Gegentore auf Corner erhalten. Die kritische Zone am nahen Pfosten scheint noch nicht gelöst zu sein. Nachdem zuvor Marchesano für diesen schwierig zu verteidigenden Raum zuständig war, haben ihn auch Ceesay beziehungsweise Kramer nicht im Griff.

Telegramm

YB – FCZ 1:2 (0:0)
Tore: 74. Kramer (Doumbia) 0:1, 79. Marchesano (Kramer, Gnonto) 0:2, 90.+5 Sierro (Kanga, Garcia) 1:2.
Young Boys – Von Ballmoos; Blum, Lustenberger (81. Mambimbi), Zesiger, Garcia; Lauper; Rieder (32. Sierro), Fernandes (64. Niasse); Elia, Siebatcheu (64. Kanga), Moumi.
FCZ – Brecher; Omeragic, Kryeziu, Mets; Boranijasevic, Doumbia, Dzemaili (70. Hornschuh), Aliti; Coric (70. Marchesano); Gnonto (87. Tosin), Ceesay (53. Kramer).