Es ist wohl der spektakulärste Absturz in der Geschichte des Schweizer Fussballs! Der FC Zürich fällt von einem mit 14 Punkten Vorsprung souverän errungenen Meistertitel in wenigen Monaten auf den letzten Platz zurück, schiesst in der Liga praktisch keine Tore mehr und erringt erst am 30. Oktober (14. Runde) den ersten Sieg. Wie sowas möglich ist, wird uns in den Analysen des Klubs und der Liga wohl noch lange begleiten. Man wird noch in vielen Jahren Vergleiche zu diesen zwei Saisons ziehen und zukünftige Massnahmen mit Verweis auf 21/22 und 22/23 begründen oder kritisieren. In Bezug auf die Liga zeigt das Beispiel des FCZ wie eng die Teams tatsächlich beieinander liegen. Auch kleine Änderungen können grosse Auswirkungen haben. Eine Aussage über das Niveau lässt sich daraus nicht ableiten. Man kann sowohl auf hohem Niveau wie auch auf tiefem Niveau sowohl eng wie auch weit auseinanderliegen.

Die leistungsmässig beste Phase unter Franco Foda war bereits nach zwei Wochen mit dem Heimspiel gegen Qarabag (2:2 n.V.) und den Auswärtspartien in St. Gallen (0:2) und bei Linfield (2.0) erreicht. Danach sank der Notenschnitt bei Züri Live kontinuierlich von 6.0 auf unter 5.4. Resultatmässig ging es zwar zwischendurch mit den drei Siegen hintereinander gegen Hearts (2x) und Cham noch einmal hoch, danach begann sich der Leistungseinbruch mit sechs Niederlagen in Folge auch in den Resultaten zu zeigen.

Leistungsabfall von Dzemaili, Hornschuh und Condé entscheidend

Die Aussenläufer / Aussenverteidiger waren in der Hälfte der sechs Phasen à drei Spielen unter Franco Foda der beste Mannschaftsteil – die Flügel zur Hälfte der schlechteste. In der besten Phase (Qarabag, St. Gallen, Linfield) waren der Torhüter, das Mittelfeld und die Aussenläufer gut. Die Spieler im Offensivzentrum steigerten sich mit der Zeit, wohingegen die kontinuierlich sinkende Leistung des Zentralen Mittelfeldes bestimmend war für den Leistungsabfall der Mannschaft insgesamt.

Zu Beginn war Cheikh Condé der beste Zentrale Mittelfeldspieler, dann Bledian Krasniqi. Für den Leistungsabfall im Zentralen Mittelfeld im Verlauf der zwei Monate unter Franco Foda verantwortlich waren Dzemaili, Hornschuh und Condé. Krasniqi und Selnaes hatten hingegen tendenziell eher eine steigende Leistungskurve. Dzemailis Auftritte waren den grössten Schwankungen unterworfen. Nach jeder kurzen Verletzungspause muss er jeweils erst wieder aufgebaut und in den Rhythmus gebracht werden, was der Mannschaft jeweils Punkte kostet.

Thesen bezüglich Konstanz und Umschaltspiel bestätigen sich immer wieder

Die Fussball-Experten haben sich darauf geeinigt, dass der FCZ nach dem Abgang André Breitenreiters idealerweise eine Kopie des Meistertrainers hätte engagieren sollen. Der Wechsel des Spielsystems und des Kommunikationsstils des neuen Trainers hätten den Absturz bewirkt. Nachdem wir mit der Erfassung und Analyse des zweiten Cup-Outs in Folge im Waadtland nun jede Minute der 18 Partien unter Foda (acht Meisterschaft, zwei Cup, acht Europacup) durchgeackert haben, wollen wir nun die Früchte dieser Arbeit ernten – mit dem Vergleich Foda vs. Breitenreiter im Detail. Welche Diagnosen stimmen? Welche sind falsch? Gibt es zusätzliche bisher noch nicht berücksichtigte Aspekte?

Auf der Basis unserer Analysen haben sich hier auf Züri Live in den letzten Jahren zwei Thesen herauskristallisiert, die sich seither in der Realität immer wieder bestätigt haben, so auch diese Vorrunde wieder.

  • These 1: Konstanz bei Personal, Spielweise und Taktik bringt in der Super League Erfolg
  • These 2: Der FCZ ist mit schnellem Umschaltspiel am erfolgreichsten

Sion als Gegenstück des FCZ im Saisonvergleich

Die Detailanalyse bezüglich personeller und taktischer Konstanz der Super Leage-Teams wurde für die noch laufende Vorrunde noch nicht gemacht. Trotzdem fällt auf: das letzte Saison personell und taktisch konstanteste Super League-Team (FCZ) hatte in der neuen Spielzeit in jeder Dimension viele Wechsel von Spiel zu Spiel zu verzeichnen – und fällt dabei vom Ersten auf den Letzten Platz zurück. Der FC Sion auf der anderen Seite geht anfangs den umgekehrten Weg. Letzte Saison noch mit vielen Wechseln, ändert Coach Tramezzani zu Beginn dieser Saison fast nichts – und hat damit Erfolg. Dann beginnt er Mitte der Vorrunde doch wieder mehr zu wechseln – und fällt mit seinem Team zurück.

Auch die These mit dem Umschaltspiel hat sich seit Sommer 2019 immer bestätigt. Die kurzen Phasen in denen unter den Trainern Magnin und Rizzo so gespielt wurde, waren unter diesen Trainern die mit Abstand erfolgreichsten Wochen. Breitenreiter liess gar eine ganze Saison so spielen und wurde Meister. Unter dem neuen Trainer Foda sollte die Mannschaft hingegen wieder mehr den Ball kontrollieren. Das war sicherlich nicht nur die Idee des Trainers, denn auch schon die Transfers deuteten in diese Richtung. Umschaltfussballer wie Ceesay, Kramer oder Doumbia wurden nicht durch ähnliche Spielertypen ersetzt. Es kamen Zugänge mit mindestens so viel Qualität – aber anderem Profil. Dass aber selbst mit neuem Personal Umschaltspiel wohl immer noch besser funktioniert, zeigten unter anderem die Vergleiche im Europacup gegen Arsenal und PSV. Gegen den Premier League-Leader war man aus einer sicheren Deckung in der Schlussphase der Partie zwei Mal nahe an einem Unentschieden dran. Gegen die Holländer stand man deutlich höher, wollte mitspielen . und lief ins offene Messer. Wie in den letzten Jahren häufig auch gegen Mannschaften wie YB oder Servette.

Manndeckung auf dem ganzen Platz tut dem FCZ gut

André Breitenreiters Team spielte aber nicht während der ganzen Saison gleich. Zu Beginn lebte man von einer einmaligen Serie von direkt verwandelten Freistössen und vom Konterspiel aus einer sicheren Deckung. Breitenreiter experimentierte mit einem 4-3-3 und nicht alle Akteure, welchen er zu Beginn der Saison das Vertrauen gab, zahlten dies auch zurück. Das Jubiläumsspiel gegen Sion mit der Leistungssteigerung in der 2. Halbzeit zum 6:2 mit vielen Kindern im Stadion und dem Umzug aller Teams des Vereins auf der Tartanbahn war dann ein emotionaler Booster. Dazu kam eine Mischung von Wettkampfglück und Willensleistung mit dem Last Minute-Siegtreffer Ceesays im ersten Derby, dem unglaublichen Ende mit ebenfalls einem Last Minute-Ceesay Treffer beim 3:3 gegen Basel und dem ersten Liga-Sieg gegen YB seit langer Zeit – eher entgegen dem Spielverlauf.

Breitenreiter hatte mittlerweile seine Stammformation gefunden und hielt in der Folge daran fest. Taktisch gab es aber durchaus eine Entwicklung im Verlauf der Saison. Spielte man zu Beginn noch vorwiegend aus einer tiefen Position auf Konter, nahmen im Verlauf der Saison die Pressingphasen immer mehr zu. Das Grundprinzip Umschaltspiel blieb, die Bälle wurden einfach häufiger weiter vorne gewonnen. Der FCZ spielte Manndeckung auf dem ganzen Platz, was eine hohe Aufmerksamkeit und Laufbereitschaft erforderte. Aber genau deshalb scheint ein solcher Ansatz dem FCZ gut zu tun. Die Jungs müssen gefordert werden, damit sie gar nie ins Studieren oder in den „08/15-Verwaltungsmodus“ geraten, welcher dem Team in den letzten Jahren noch nie gut getan hat.

Nach Expected Goals verlor Foda nur drei von 18 Partien

21/22 war die Mannschaft meist gut im Spiel und erzielte in der Liga fast drei Mal so viele Tore als in der Ära Foda (2.19 statt 0.75). Berücksichtigt man alle Wettbewerbe, sind es 64% mehr. Allerdings können 75% dieser enormen Differenz durch die bessere Chancenverwertung erklärt werden. Wie gross dieser Effekt ist, wird unter anderem dadurch illustriert, dass Franco Foda gemessen an den Torchancen (Expected Goals, gerundet) nur drei seiner 18 Partien verloren hat: Sion (H), Arsenal (H) und Bodö/Glimt (A)! Der Unterschied bei den Erwarteten Toren und den Abschlüssen ist im Vergleich Breitenreiter vs. Foda nicht gross. Die Mannschaft erspielte sich in der Meistersaison also nur wenig mehr Torchancen, aber diese wurden viel besser verwertet. Letzte Saison wurden zudem mehr als doppelt so viele Konterangriffe gefahren und 40% mehr „intelligente Pässe“ (Smart Passes) gespielt als nun in der Foda-Zeit.

Etwa 20% der Differenz zur letzten Saison bei den erzielten Toren macht der Faktor aus, dass die Torchancen letzte Saison im Durchschnitt etwas gefährlicher waren und nur zu 5% gab es mehr Tore aufgrund einer grösseren Anzahl an Torchancen.

Santini und Avdijaj am gefährlichsten im Abschluss

Mit Abstand am meisten Abschlüsse hatte Aiyegun Tosin (38) und machte unter Foda fünf davon rein – drei gegen den SC Cham. Die klar beste Abschlusseffizienz kann Donis Avdijaj mit 27.3% vorweisen – und dies im Gegensatz zu den auf den nachfolgenden Plätzen liegenden Dzemaili und Kryeziu ohne einen Penalty treten zu dürfen. Am meisten Tore erzielt aber eigentlich Ivan Santini. Der Kroate schoss unter Franco Foda pro 90 Minuten 0.6 Treffer. Dass es insgesamt bisher nur zwei waren, lag an der geringen Einsatzzeit. Antonio Marchesano und Willy Gnonto trafen trotz vieler Abschlusschancen das Tor nur je ein Mal. Nikola Boranijasevic gelang trotz 13 Abschlüssen unter Foda kein einziger Treffer.

Boranijasevic hatte unter Foda trotz grundsätzlich guter Leistungen eine tiefe Torbeteiligung (0,6 pro 90 Minuten) und Abschlussbeteiligung (4,3 pro 90 Minuten), Noch weniger an Toren und Abschlüssen beteiligt waren Becir Omeragic und Mirlind Kryeziu. Willy Gnonto hatte unter dem neuen Trainer kaum Wirkung nach vorne. Bei Okita, Krasniqi oder Rohner ist die Abschlussbeteiligung sehr gut, aber es fielen aus diesen Aktionen zu wenig Tore, was daran liegen kann, dass beispielsweise in der Abschlussvorbereitung ein Spieler zu stark gezögert hat – wodurch aus einer Top-Chance nur noch eine „Halbchance“ wurde. Die hohen Werte von Kostadinovic, Hodza und Gogia sind nicht sehr aussagekräftig, da diese drei Spieler (fast) ausschliesslich gegen den SC Cham zum Einsatz gekommen sind. Unter dem Strich am besten in den Bereichen Tor- und Abschlussbeteiligungen pro 90 Minuten schneidet daher erneut Ivan Santini ab. Krasniqi, Rohner, Okita und in geringerem Masse Dzemaili sind sehr häufig an der Entstehung von Abschlusschancen beteiligt.

Yanick Brecher nach der Vertragsverlängerung im Tief

Unter Foda wurde der Ballbesitz in Liga-Partien um mehr als 11% auf 51.8% erhöht. Bis und mit dem Heimspiel gegen Basel (2:4) waren es gar um die 57% gewesen – wenn man von der Auftaktpartie bei YB absieht. Danach wurde der Ballbesitz gegen Lugano (1:2) und in Genf (2:3) auf unter 50% reduziert, was Foda letztendlich aber auch nicht mehr half. Das Pressing unter Breitenreiter war insgesamt etwas intensiver, bewegte sich aber auch damals nicht im Top-Bereich der Liga, in dem sich St. Gallen, YB und Basel bewegen. In beiden Saisons liegt der FCZ beim Pressing im Super League-Vergleich auf dem 5. Platz.

Auch bei den Erwarteten Gegentoren ist der Unterschied zwischen der Breitenreiter- und Foda-Ära erstaunlich klein – bei den tatsächlichen Gegentoren, speziell in der Liga, hingegen sehr gross. Die Differenz zwischen Gegentoren und Erwarteten Gegentoren ist eine Messgrösse für die Defensivleistung des Torhüters. Neben Marchesanos, Gnontos und Boranijasevics Ladehemmung im Abschluss und den Anlaufschwierigkeiten einiger neuer Spieler, ist von den Einzelleistungen also vor allem auch die verschlechterte Abwehrleistung von Yanick Brecher nach seiner Vertragsverlängerung im Sommer für die schlechteren Resultate verantwortlich.

Offensivstandards das grosse Plus unter Breitenreiter

Defensiv ist das Team unter Franco Foda (abgesehen von Torhüter Brecher) im Vergleich zur Meistersaison kaum schlechter geworden – bei der Verteidigung von Standards sogar besser, nicht nur relativ, sondern auch in absoluten Zahlen. Dies wird den ein oder anderen Beobachter nach der grossen Diskussion um die Defensivstandards nach dem Heimspiel gegen den FC Basel (2:4) erstaunen. Tatsache ist aber, dass diese Partie untypisch für Foda’s FCZ war. Wegen Taulant Xhaka war der Anteil an Freistossgegentoren unter Foda im Vergleich zu Breitenreiter identisch, aber Corner- und Penaltygegentreffer gab es weniger. Die Pressingresistenz, eine der grossen Stärken des Breitenreiter-Teams, hat hingegen unter Foda deutlich abgenommen. Bereits in der ersten Partie in Bern kassierten die Zürcher gleich viele Pressing-Gegentore wie die ganze vorherige Saison zusammengezählt!

Erzielte Tore pro Spiel gab es unter Breitenreiter in absoluten Zahlen in jeder Kategorie (Aufbauspiel, Umschaltspiel, Standards) mehr als unter Foda. Relativ dominieren bei Foda wenig überraschend die Tore aus dem Aufbauspiel. Umschaltspieltore sind prozentual etwa auf gleicher Höhe – in absoluten Zahlen waren es deutlich mehr unter Breitenrreiter. Der grösste Unterschied zwischen den beiden Coaches besteht aber bei den Offensivstandards. Ein grosser Faktor spielten dabei natürlich die direkt verwandelten Freistösse zu Beginn der Saison durch Marchesano, Kryeziu und Coric. Aber auch bei Eckbällen war man deutlich besser – während Foda’s Truppe anteilsmässig mehr von verwandelten Penaltys profitierte.

Routiniers gegen starke Gegner zu langsam

Adrian Guerrero schlug unter André Breitenreiter fast die Hälfte aller Standards. In der neuen Saison wurde er unter den Linksfüssern von Neuverpflichtung Ole Selnaes auf die zweite Position verdrängt. Bei den Rechtsfüssern blieb Antonio Marchesano der Nummer 1-Standardschütze, sein Standard-Anteil nahm sogar zu. Die Nummer Zwei bei den Rechtsfüssern war letzte Saison Ante Coric – nun teilen sich diese Rolle Bledian Krasniqi und Neuzugang Jonathan Okita. Auch Blerim Dzemaijli tritt wie letzte Saison aus bestimmten Positionen immer wieder mal einen Freistoss. Guerrero, Marchesano und Coric waren letzte Saison alle aussergewöhnlich gefährlich bei Standards. Selnaes, Krasniqi und Okita sind diese Saison alle ganz ansprechend, aber nicht herausragend. Marchesano und Guerrero traten ihre Bälle nicht mehr auf dem Niveau der Vorsaison.

Den besten Züri Live-Notenschnitt in den 18 Spielen unter Trainer Franco Foda hatten Antonio Marchesano und Fabian Rohner mit 6,9, dicht gefolgt von Bledian Krasniqi (6,8) sowie Nikola Boranijasevic und Bohdan Vyunnik (beide 6,7). Danach folgt ein Abstand von einer halben Note zu Kryeziu, Guerrero, Condé und Aliti. Die deutlich schlechtesten Noten erhielten der noch in der Sommerpause nach Dresden gewechselte Andy Gogia sowie Blerim Dzemaili und Becir Omeragic. Die letzteren beiden hatten speziell in defensiver Hinsicht einige nicht Super League-würdige Auftritte, welche die insgesamt ziemlich gute Defensivarbeit der Mannschaft immer wieder zunichte machten. Das defensiv grösste Problem unter Foda lag im Zentralen Mittelfeld, wo neben Dzemaili auch Hornschuh und Selnaes einen defensiv ungenügenden Notenschnitt haben. Foda tendierte in der Rotation dazu, die erfahrenen Spieler gegen starke Gegner zu bringen, was aber wegen fehlender Schnelligkeit und Laufvermögen immer wieder schief ging. Durfte hingegen mal ein junger, flinker Mann wie Krasniqi gegen einen starken Gegner wie Arsenal im Zentrum ran, funktionierte es sofort deutlich besser.

Die Besten unter Foda: Rohner, Marchesano, Krasniqi, Boranijasevic, Vyunnik

Von den Neuen waren Vyunnik und Condé gut. Vyunniks bester Auftritt war gleich sein erster in Winterthur, wo er fast als Einziger für Betrieb sorgen konnte und für den wichtigen Punktgewinn in der Schlussphase entscheidend war. Condé begann stark mit Top-Auftritten in den beiden Partien gegen Qarabag sowie in St. Gallen. Ab dem Hearts-Auswärtsspiel fiel er aber etwas in ein Loch. Speziell in der Rückwärtsbewegung brachte der Guineer in dieser Phase zu wenig. Donis Avdijaj wirkte noch nicht ganz integriert in der Mannschaft, zeigte aber speziell in den Heimspielen gegen Sion und Arsenal sehr gute Leistungen. Es gab aber auch schlechte Auftritte wie bei seinem Ex-Klub Hearts (wo die Fans nicht gut auf ihn zu sprechen waren) und in Genf, als er in Unterzahl als eingewechselter Mittelstürmer vorne keinen Ball halten konnte. Auf das Testspielduell mit seinem Jugendklub Schalke in der Winterpause freute er sich sehr, fiel aber angeschlagen aus.

Ole Selnaes war eine wichtige Rolle zugedacht worden. Der Norweger war wie Blerim Dzemaili beim Shenzhen FC engagiert gewesen – spielte dort im Gegensatz zu Blerim aber auch wirklich – insgesamt waren es dreieinhalb Jahre in China. In der Schweiz hatte er zu Beginn grosse Mühe mit dem höheren Rhythmus, vermochte sich dann aber gegen Ende der Foda-Zeit kontinuierlich zu steigern. Die neuen Stürmer Santini und Okita hatten unter dem Strich unter Franco Foda eine ungenügende Note. Santini spielte gegen Luzern, Linfield sowie in der Cup-Partie in Lausanne sehr gut. Er brachte aber nach drei Jahren hauptsächlich in China und Saudi-Arabien ähnliche Rhythmus-Probleme wie Selnaes mit – allerdings mit den erschwerenden Faktoren, dass er fünf Jahre älter ist und in Zürich weniger Einsatzzeit und Vertrauen erhielt, um den Rhythmus zu finden. In manchen Partien sah Santini kaum einen Ball, da die Gegenspieler jeweils schneller waren. Er kam eher selten zum Abschluss, aber wenn, dann war er fast immer torgefährlich – unter dem Strich im Abschluss der gefährlichste Mann zusammen mit Donis Avdijaj. Jonathan Okita schwankte zwischen Top und Flop. Sein Potential ist für Super League-Verhältnisse grundsätzlich hoch, aber er muss in seinem Spiel noch etwas intelligenter, pragmatischer werden. Willy Gnonto wirkte unter Franco Foda wie ausgewechselt und schien nicht bei der Sache zu sein. Tosin konnte die Erwartungen auch nicht erfüllen.

Brecher am Polarkreis spielerisch brilliant

Die beiden Aussenläufer Boranijasevic und Guerrero tauschten im Züri Live-Ranking die Positionen. Guerrero hatte unter Breitenreiter den besseren Notenschnitt gehabt. Unter Foda steigerte sich Boranijasevic, während Guerrero auf immer noch gutem Niveau nachliess. Vermutlich gehörten speziell Guerrero und dessen Kumpel Marchesano zu den Spielern, die auf der kommunikativen Ebene am meisten von Breitenreiter profitierten und mit Foda weniger gut zurecht kamen – obwohl beide italienisch sprechen und Foda italienische Wurzeln hat. Die Leistungen von Gnonto, Omeragic, Dzemaili, Gogia, Seiler und Mets litten unter dem Trainerwechsel aber am meisten. Es gab aber auch Spieler, die sich unter Foda steigerten – allen voran Krasniqi, aber auch Rohner und Boranijasevic. Die Steigerungen von Hodza und Kostadinovic sind aufgrund der geringen Einsatzzeit nicht aussagekräftig.

Die grösste Diskrepanz zwischen Offensiv- und Defensivnote hatte Marc Hornschuh und zwar zugunsten der Offensive. Der eigentlich als Defensivspezialist bekannte Deutsche hatte in seinem Kerngebiet grosse Probleme, vor allem mit der Schnelligkeit und Wendigkeit von guten Gegenspielern. Die 2:4-Heimniederlage gegen Basel verschuldete er fast im Alleingang. Ebenfalls offensiv deutlich besser als defensiv waren Rohner, Aliti und Selnaes. Rohner war schon immer offensiv überragend und defensiv mit Schwierigkeiten. Den ausgezeichneten Passspielern Aliti und Selnaes kam offensiv der Spielstil unter Franco Foda entgegen. Beide hatten aber gleichzeitig wie Hornschuh, Dzemaili oder Santini Probleme gegen schnelle, wendige Gegner. Rohner war offensiv der beste FCZ-ler in der Foda-Ära. Yanick Brecher baute defensiv im Vergleich zur letzten Saison deutlich ab, spielte andererseits offensiv ein paar ganz starke Partien – vor allem im Auswärtsspiel in Bodö war brilliant, wie gut der Männedorfer mit seinen fussballerischen Qualitäten auf dem Kunstrasen das gefürchtete Hohe Pressing der Norweger immer wieder aushebeln konnte.

Teamleader verschlechterten sich unter Foda am meisten

Defensiv am stärksten war Bledian Krasniqi, was bemerkenswert ist, lebte er doch während seiner Juniorenzeit fast ausschliesslich von seinen Offensivqualitäten und seinem Spielwitz. Vor allem die zwei Jahre in der Challenge League beim FC Wil, aber auch die Zeit seit seiner Rückkehr haben ihm geholfen, ein ausgewogenerer Spieler zu werden. Krasniqi ist auch heute kein Defensivstratege vor dem eigenen Strafraum, aber in der Umschaltphase bei Ballverlust von seiner Achter- oder Zehnerposition aus wohl mittlerweile der stärkste Spieler beim FCZ. Teilweise war er auch im Pressing erfolgreich. Seiler, Gogia, Okita und Gnonto waren ebenfalls alle defensiv klar besser, als offensiv, was aber bei diesen Spielern eher an den offensiv über weite Strecken enttäuschenden Auftritten lag, als an besonders starken Defensivleistungen.

Zusammenfassend kann rekapituliert werden: in gewissen Bereichen war der FCZ unter Foda wirklich schlechter, als unter Breitenreiter. An erster Stelle steht hier die Pressingresistenz. Ausserdem fällt auf, dass speziell die Teamleader der letzten Saison (Marchesano, Dzemaili, Brecher (im Defensivbereich), Gnonto und Guerrero) unter Foda einen Leistungsabfall erlitten. Diejenigen Spieler, die sich unter Foda steigerten und von seiner Art von Fussball profitierten (Krasniqi, Rohner, Boranijasevic), gehören hingegen nicht zu den einflussreichen „Lautsprechern“ im Team. Defensiv war das Team unter Foda grundsätzlich gut organisiert. Defensive Schwachpunkte waren aber das Zentrale Mittelfeld und der Torhüter. Der Leistungsabfall dieser zwei Mannschaftsteile in den zwei Monaten Wettbewerbspartien unter Foda war entscheidend.

Unglaubliche 16 Tore Unterschied in 16 Spielen zwischen Erwarteter und tatsächlicher Tordifferenz

Der Vergleich zwischen Breitenreiter und Foda besteht aus zwei Komponenten. Einerseits dem über dem eigentlichen Leistungsvermögen liegenden Erfolg von 21/22 – und andererseits dem Absturz weit unter das erwartbare Tabellenmittelfeld bei Foda. Ein Sonderfaktor bei ersterem Phänomen bildet die unglaubliche Serie an direkt verwandelten Freistössen gleich zu Beginn der Breitenreiter-Saison, welche einen grossen Einfluss auf den weiteren Saisonverlauf hatte. Dazu der emotionale Boost durch das Vereinsjubiläum und den Einzug ins Home of FCZ. Der mit Abstand grösste Unterschied zwischen der Zeit der beiden Trainer machte aber die Abschlusseffizienz sowohl offensiv wie auch defensiv aus. Letzte Saison war man sehr effizient unterwegs. Diese Vorrunde hätte man nach Erwarteten Toren in 16 LIga-Partien eine um 16 (!) Tore bessere Tordifferenz haben müssen. Das ist eine unglaublich hohe Zahl und möglicherweise Europarekord. Nach Expected Goals verlor Franco Foda nur drei seiner 18 Wettbewerbspartien. Es liefen sehr viele Details auf dem Platz gegen ihn.

Der FCZ ist in nach Erwarteten Gegentoren bisher das defensiv stärkste Team – und steht trotzdem auf dem letzten Platz der Super League-Tabelle. Torhüter Brecher hat beinahe 50% mehr Tore kassiert als er aufgrund der gegnerischen Torchancen hätte kassieren müssen. David Von Ballmoos (und Anthony Racioppi) als Gegenstück retteten YB hingegen vor mehr als der Hälfte der Erwarteten Gegentore! So sind es im Vergleich statt gerundet 18 und 19 Gegentreffer nun 27 und 9. Sion und Luzern sind wie der FCZ ebenfalls Teams, die den Gegnern eigentlich deutlich weniger gute Torchancen zugestanden haben, als es die Gegentore ausdrücken.

Luzern: Offensiv Nummer 1 und Testspiel-Champion

Gegner FC Luzern hat gleich gegen vier Bundesligisten getestet und dabei eine ausgeglichene Bilanz erzielt: 3:0-Sieg gegen den VfB Stuttgart, 1:5-Niederlage gegen den FSV Mainz, sowie Unentschieden gegen Remis gegen GC (0:0). Das Team von Mario Frick hatte somit in der Testphase nicht nur das anspruchsvollste Programm aller Super League-isten, sondern gemessen an den Gegner auch die besten Resultate.

Der FCL ist ausserdem gemessen an den Erwarteten Toren das offensiv stärkste Team der Vorrunde – vor Basel, St. Gallen und YB. Angeführt von Max Meyer (6) und dem sich im Aufbautraining befindlichen Dejan Sorgic (4) trafen gleich elf verschiedene Spieler in der Liga ins Netz. Der FCZ war die Mannschaft mit der schlechtesten Chancenverwertung der Liga – statt 13 hätte man gemessen an den Torchancen 20 Treffer in 16 Partien (und damit mehr als Servette) erzielen müssen. Gleich erging es dem FC Basel weiter vorne in der Tabelle. YB, GC und St. Gallen hingegen profitierten von einer gemessen an ihren Chancen maximalen Torausbeute.

Frick zuletzt zwei Mal hintereinander mit taktischer Umstellung gegen den FCZ

Luzern hat in der Vorbereitung wie im letzten Spiel vor der Winterpause in Bern vorwiegend im 4-2-3-1 gespielt, das ihrem Schlüsselspieler Max Meyer am meisten entgegen kommt. Angefangen hatten die Innerschweizer die Saison in einem 4-1-2-1-2. Mario Frick änderte zuletzt aber zwei Mal hintereinander in Spielen gegen den FCZ seine taktische Formation. Auch diesmal wieder? Die Defensivprobleme auf der Rechten Seite sollen wohl dadurch gelöst werden, dass WM-Fahrer Mohamed Dräger auf der Flügelposition spielt und von Pius Dorn unterstützt wird. Somit könnten trotz dem Rücktritt von Christian Gentner vier Deutsche in der Startformation stehen.

Der FCZ wird voraussichtlich in Ballbesitz im zuletzt üblichen 3-3-2-2 auflaufen (statt wie zuvor 3-4-1-2). Die taktischen Anpassungen höher zu stehen und mit nur einem Sechser zu spielen, zeichneten sich kurz vor der Winterpause ab, wurden in den Testspielen weiter verfeinert und voraussichtlich auch in der Meisterschaft so fortgesetzt. Bei gegnerischem Ballbesitz kann daraus temporär ein 3-4-3 werden. Wenn allerdings stärker mannorientiert verteidigt werden soll, dann würde es sich anbieten, im Zentrum in der gleichen Formation mit einem Sechser und zwei Achtern zu bleiben, weil so das übliche Luzerner 4-2-3-1 gespiegelt würde. Allerdings würde sich in diesem Fall eher eine Verteidigung im 4-3-3 empfehlen. Denn das 3-3-2-2 würde wohl bei Mannorientierung auf den Seiten zu unnötigen Komplikationen führen.

Zwei FCZ-Generationen reisen mit Ambitionen nach Luzern

Auf der Sechserposition ist Cheick Condé zu erwarten. Ole Selnaes ist grundsätzlich wieder einsatzbereit und Bledian Krasniqi drängte sich in den Testspielen auf. Trotzdem haben die Teamleader Marchesano und Dzemaili, der bei einem Startelfeinsatz als Captain auflaufen wird, wohl die Nase vorn. Der 36-jährige Zürcher hat gute Erinnerungen an Luzern und wirkt motiviert vor seinem möglicherweise letzten Halbjahr seiner Karriere. Der 17-jährige Calixte „Juni“ Ligue hat zwei Jahrzehnte nach Dzemaili die FCZ Academy durchlaufen und könnte dessen Sohn sein. Er wird beim Auftakt nach der Winterpause ebenfalls im Aufgebot stehen. Verletzt fehlen nur Yanick Brecher und Ivan Santini, der im letzten Test gegen den FC Wil angeschlagen ausgewechselt werden musste. Vorne läuft es auf das Duo Tosin / Okita heraus, die sich gegen Hannover im Umschaltspiel die Tore gegenseitig aufgelegt haben. Roko Simic scheint aber nahe an einer Startelfnominierung dran zu sein. Zivko Kostadinovic, der den verletzten Yanick Brecher ersetzt, hat diese Saison nach einem 0:0 gegen den FC Winterthur und einem 4:0 gegen den SC Cham noch ein „Clean Sheet“.