Der FC Zürich hat seit diesem Sommer ein neues Trainerteam und als Meister einen resultatmässig rekordverdächtig schlechten Start in die Meisterschaft hingelegt. Das ruft nach einer ersten kleinen Zwischenbilanz und Analyse – und Vergleichen mit vergangenen Saisons. Im Fokus sollen dabei die einzelnen Spieler und ihre Entwicklung stehen. Zuerst aber zu den bisherigen Partien: In Bern und St. Gallen hat der FCZ auf schwierigem Pflaster über weite Strecken gute Leistungen gezeigt. Das 0:0 gegen ein sein erstes Saisonspiel absolvierendes Luzern war eine verpasste Chance. Und gegen Sion merkte man nach der über 64 Minuten bisher besten Saisonleistung im letzten Drittel der Partie erstmals den psychologisch negativen Effekt des schlechten Saisonstarts. Im Europacup sind die Resultate hingegen nicht schlecht, nicht nur weil man im Gegensatz zur Meisterschaft in bisher jedem Spiel zwei Tore erzielt hat.

Der FCZ priorisiert zum Saisonstart den Europacup

Der Polnische und Ungarische Meister sind gegen das formstarke und europacuperprobte Qarabag einiges deutlicher aus der Champions League-Qualifikation ausgeschieden, als es beim FC Zürich der Fall war. Und dies obwohl die Aseris bisher nur gegen den FCZ in Bestformation angetreten sind. In den Partien gegen Lech Poznan zu Beginn pröbelte Coach Qurbanov noch auf der Suche nach seiner Bestformation und gegen Ferencvaros fehlten mehrere Stammspieler gesperrt / verletzt. Zwei der drei bisherigen Europacup-Partien konnte der FC Zürich nach 90 Minuten für sich entscheiden.

Die Mannschaft wurde wie vor der Saison angekündigt für die Liga zusammengestellt – unter den Transfers sind Spieler wie Selnaes, Santini und teilweise Okita, die noch Zeit brauchen. Gleichzeitig deuten neben den Resultaten auch die Aufstellungen darauf hin, dass die Qualifikation für eine Europacup-Gruppenphase aktuell beim FCZ Priorität geniesst. Die vermeintliche Stammformation und die erfahrenen Spieler werden eher im Europacup eingesetzt. Die Neuverpflichtungen Condé und Okita wurden von Beginn weg forciert und sind Teil einer bisher siebenköpfigen Basis der Mannschaft – wobei Okita gegen Sion sei es aus taktischen oder aus Leistungsgründen nicht mehr in der Startformation stand. Von den drei letztjährigen „Captains“ waren die Feldspieler Marchesano und Dzemaili aus unterschiedlichen Gründen bisher nicht Teil dieser Basis. Die stark forcierten Stürmer Gnonto, Tosin und Okita erzielten bisher in der Liga noch kein und im Europacup zusammen erst zwei Tore. Krasniqi konnte als Teil des Ligateams seine Chance nutzen, Seiler agierte solide – die Innenverteidiger Omeragic und Mets sind hingegen in Unterform. Selnaes kann aktuell erst 45 Minuten auf einem ordentlichen Niveau spielen. Rohner hat Franco Foda bewusst als Überraschungsmoment im Europacup gebracht, wo ihn die Gegner nicht kannten. Das hat funktioniert, auch wenn im Hinspiel in Baku der Schiedsrichter in zwei, drei entscheidenden Szenen nicht zugunsten von Rohner entschied.

Unkenrufe aus Österreich bewahrheiten sich nicht

Der Ruf der Rotbauchunke (Bombina Bombina) klingt für Menschenohren unheilvoll / pessimistisch (Bild: Marek Szczepanek, CC BY-SA 3.0)

Nach der Verpflichtung von Franco Foda erreichten Zürich schnell mal die „Unkenrufe“ aus Österreich. Der Trainer ist im östlichen Nachbarland bei manchem Medienvertreter als „zu defensiv“ verschrien. Man mag das in Bezug auf die Österreichische Nationalmannschaft so empfunden haben, aus Zürcher Perspektive sieht die Situation hingegen völlig anders aus. Unter André Breitenreiter wurde man letzte Saison mit dem zweitgeringsten Ballbesitz der Liga Meister. Der Fussball des Meisterteams war auf defensive Absicherung und Fehlervermeidung ausgerichtet – eine äusserst nüchtern, pragmatisch, konservative Strategie und Taktik. Man praktizierte zudem Manndeckung auf dem ganzen Platz, was ab den 90er-Jahren in den Fussball-Lehrbüchern als „überholt“ galt. Dies gepaart mit einer auf die positiven Punkte fokussierten Kommunikation nach innen und aussen. Man betonte die (wenigen) Stärken der vorhandenen Spieler und versuchte nebenbei während der Saison gleichzeitig an den Schwächen zu arbeiten. In der Vorbereitung aufs erste Saisonspiel in Lugano wurde auf die vielen Fehler und Unzulänglichkeiten in der Mehrheit der Vorbereitungsspiele nicht eingegangen, sondern in der Videoanalyse ganz auf die knapp 30 Minuten fokussiert, als man einen coronageschwächten Abstiegskandidaten aus der Challenge League dominiert hatte. Gegenüber den Medien redete Breitenreiter gerne vom „attraktiven Offensivfussball“ seines Team und diese übernahmen seine Diktion – natürlich in erster Linie auch des Erfolges wegen.

Die Pressewelt und der Fussballplatz sind aber zwei verschiedene Realitäten. Auf dem Fussballplatz tritt der FC Zürich unter Franco Foda deutlich offensiver auf, als unter Breitenreiter. In der Liga ist man beim Ballbesitz innert kürzester Zeit vom 9. auf den 4. Platz geklettert, tritt am meisten Eckbälle und geht von allen Mannschaften nach YB am zweitmeisten ins Dribbling. Wenn überhaupt, ist Fodas Ausrichtung eher zu offensiv, als zu defensiv. In Bern beispielsweise fiel das zuvor stark auftretende Team auseinander, als nach den Einwechslungen in der 72. Minute fünf Stürmer auf dem Platz standen – und damit die so wichtige Balance zwischen Offensive und Defensive sich auflöste. Auch gegen Sion rannte man nach dem Rückstand zu hektisch nach vorne. Und man spielt im Spielaufbau wieder flach hinten heraus. Die zuletzt in solchen Situationen enorm resistente Mannschaft hat bereits mehr Gegentore aus gegnerischem Pressing kassiert, als die ganze letzte Saison zusammengezählt! In dieser Hinsicht ist man in kürzester Zeit wieder zurück in die Zeit vor Breitenreiter versetzt worden, als der FCZ nicht konsequent erfolgsorientiert funktionierte und viele Gegentore aus Selbstüberschätzung kassierte. Dass der FC Zürich im Spielaufbau plötzlich grosse Mühe mit dem Pressing der Gegner hat, sieht man auch in der entsprechenden Kennzahl „PPDA against“, wo man auf Rang 9 der Liga liegt.

Innenverteidiger auf dem Tiefpunkt, Flügel in der Krise

Letzte Saison lebte der FCZ offensiv stark vom kongenialen Duo Marchesano / Ceesay und von Dauerläufer Guerrero. Kryeziu und Aliti sorgten für die notwendige Stabilität. Dies gemessen an den Züri Live-Noten, die das Resultat der detaillierten Analyse jeder einzelnen Sekunde der Saison aus Sicht von allen in der ein oder anderen Form an der jeweiligen Szene beteiligten FCZ-Spielern sind. Im Gegensatz zur Vorsaison, wurden die drei notenbesten Spieler auch mit am häufigsten eingesetzt. Damals hatten die Innenverteidiger der Dreierabwehr in den meisten Spielen viel Arbeit zu verrichten. Die kampfstarken Aliti, Nathan, Sobiech standen im Mittelpunkt und leisteten einen Knochenjob, der dem FCZ den Klassenerhalt brachte. Wenn man sich die Liste der überdurchschnittlich benoteten Spieler der aktuellen Saison 22/23 anschaut, fällt auf, dass kein einziger klassischer Stürmer oder Verteidiger drauf ist. Das Mittelfeld inklusive Aussenläufer funktioniert hingegen gut.

Die Durchschnittsnoten der Innenverteidiger sind aktuell so schlecht wie nie seit dem Start der systematischen Züri Live-Matchanalysen in der Saison 16/17. Und der Notenrückgang bei den Forwards ist nur deshalb vergleichsweise milde ausgefallen, weil in dieser Kategorie die vorwiegend auf der Position des „Zehners“ agierenden Avdijaj und Marchesano mitgezählt werden. Seit der Saison 17/18 sind zudem die Durchschnittsnoten der Flügelspieler kontinuierlich und deutlich gesunken. Zu jener Zeit gehörte beispielsweise ein Roberto Rodriguez zu den Leistungsträgern im Kader. Kololli, Mahi oder Khelifi waren in der Folge unter dem Strich Fehleinkäufe, die das Team mit ihrer Art und Spielweise runterzogen und Schönbächler kam nach seinen langwierigen Verletzungen nicht mehr auf sein altes Niveau.

Krasniqi, Boranijasevic und Dzemaili im Aufwind

Der FCZ hatte über Jahre einen nicht unwesentlichen Teil der Lohnsumme für Flügelspieler ausgegeben, die für die Performance der Mannschaft unter dem Strich wenig brachten. So wurde nach den Abgängen von Kololli und Schönbächler ein Neuaufbau gemacht. Man agierte in der Meistersaison 22/23 praktisch ohne Flügelspieler – nicht zuletzt weil Andy Gogia und Fabian Rohner Trainer Breitenreiter zu Beginn der Saison zu wenig überzeugt hatten. Mit dem klassischen Flügel Jonathan Okita (der aber auch Mittelstürmer spielen kann) wollte man auf die aktuelle Saison hin diese Position wieder stärker besetzen, um taktisch flexibler zu sein. Die Qualitäten Okitas sind unbestritten – an Zielstrebigkeit mangelt es ihm aber noch.

Von den Neuen haben zum Saisonstart Condé und Avdijaj sofort eingeschlagen. Rohner spielt weiter vorne und nimmt eine wichtigere Rolle ein. Krasniqi ist drauf und dran, den Durchbruch zum Leistungsträger zu schaffen. Und Nikola Boranijasevic spielt zur Zeit sogar noch besser, als unter André Breitenreiter. Auch Blerim Dzemaili machte in seiner bisher kurzen Einsatzzeit einen noch besseren Eindruck, als letzte Saison. Brecher, Guerrero und Marchesano sind nach Startschwierigkeiten wieder auf dem Weg zurück in Richtung letztjähriger Form. Unterdurchschnittlich in Form sind zur Zeit vor allem Stürmer und Innenverteidiger. Santini konnte nach zu Beginn guten Ansätzen zuletzt kaum einen Ball halten. Gogia scheint die notwendige Ernsthaftigkeit für Profifussball komplett abhanden gekommen zu sein. Im Vergleich zwischen 20/21 und der Meistersaison 21/22 fällt vor allem auf, dass die Anzahl Spieler mit ungenügenden Durchschnittsnoten (unter 5) abgenommen hat – und die Akteure mit überdurchschnittlichen Noten fast alle Stammspieler waren.

Avdijaj und Tosin defensiv überraschend wertvoll

Boranijasevic und Condé sind von Fodas „Basisteam“ sowohl offensiv wie defensiv die grössten Stützen bisher. Boranijasevics Flanken, Einwürfe und unorthodoxen flachen Zuspiele in die Schnittstellen sind noch besser geworden. Und Condé ist ein kompletter Mittelfeldspieler mit sowohl spielerischen wie kämpferischen Qualitäten und besserem Positionsspiel als Ousmane Doumbia. Sicherlich auf den ersten Blick etwas überraschend wirkt, dass Neuverpflichtung Donis Avdijaj bisher speziell defensiv überzeugen konnte. Auch Tosin hat sich in dieser Hinsicht deutlich verbessert.

Herausragende Leistungen gibt es von Bledian Krasniqi und Donis Avdijaj bisher jeweils in der 1. Halbzeit zu bestaunen. In der 2. Halbzeit hingegen treten die meisten Spieler im Durchschnitt weder hervorragend noch schlecht auf.

Talente machen früh auf sich aufmerksam, brauchen dann aber viel Einsatzzeit in der Challenge League

Unterdurchschnittlich in der Defensivarbeit sind bisher vorwiegend Verteidiger (Omeragic, Kryeziu, Mets, Hornschuh) – und mehrere Stürmer (Gnonto, Santini, Okita, Tosin) konnten offensiv zu wenig punkten. Gnonto, Omeragic, Mets oder Hornschuh sind zudem Spieler, die jeweils in der 1. Halbzeit ungenügend in die Gänge kamen. Ob für den jungen Gnonto die Jokerrolle weiterhin besser geeignet wäre?

Mirlind Kryeziu war in der Saison 16/17 nach Züri Live-Note die Nummer Zwei des Kaders hinter Oliver Buff. Auch Maren Haile-Selassie, Fabian Rohner (beide 17/18), Bledian Krasniqi (18/19), Henri Koide oder Lenny Janko (19/20) konnten alle in ihren ersten Einsätzen überzeugen und waren im Notenschnitt in den Top Drei der Saison. Mirlind Kryezius Entwicklung beim FCZ war ein Auf und Ab. In der Saison 19/20 spielte er überdurchschnittlich. Die Vorrunde 20/21 misslang aber, worauf er für die Rückrunde zum zweiten Mal in die Challenge League ausgeliehen wurde. Auch andere Akteure aus dem eigenen Nachwuchs wie Kamberi, Krasniqi und Rohner, die mittlerweile nahe an der Stammelf sind, hat der FCZ alle zur Reifung mehr als ein Jahr in die Challenge League verliehen.

Assan Ceesay auch schon in erster FCZ-Saison überzeugend

Was viele vergessen haben: auch Assan Ceesay war in seiner ersten Saison beim FCZ 18/19 überdurchschnittlich in seinen Auftritten. 19/20 hatte er in der Vorrunde eine Baisse, worauf er in der Corona-Rückrunde nach Osnabrück verliehen wurde. Die Physis der 2. Bundesliga war ein Element, das er für seine Entwicklung benötigt hat. Der Gambische Nationalstürmer kam gestärkt zurück. Becir Omeragics erste Einsätze in der Saison 18/19 waren ebenfalls stark. Danach hat der Genfer aber über Jahre stagniert. Yannick Brecher hingegen hat sich über einen langen Zeitraum kontinuierlich gesteigert. In den Saisons 16/17, 17/18 und 20/21 waren seine Noten im Durchschnitt ungenügend.

Auffällig in der Saison 18/19 und vor allem in den Lockdown-Zeiten von 19/20 ist die grosse Anzahl eingesetzter Spieler. Diese hat sich mittlerweile wieder stark reduziert.

Nach der Vorrunde der letzten Saison wurde Konstanz als ein Erfolgsfaktor in der Super League eruiert. Dem vorherigen Serienmeister YB fehlte die Konstanz in personeller Hinsicht und dies wurde in der Rückrunde auch nicht mehr besser, da bei den Bernern in der Winterpause zu den Verletzungen zusätzlich Transfers von wichtigen Spielern hinzukamen. Der FCZ war in der Vorrunde sowohl bezüglich Personal, als auch der taktischen Formation und Spielweise konstant. Letzteres änderte sich im Verlauf der Rückrunde etwas. Das Pressing wurde verstärkt und in gewissen Partien hatte das Breitenreiter-Team mehr Ballbesitz, als noch in der Vorrunde. Über die gesamte Saison hinweg blieb man mit 46,5% die Mannschaft mit dem zweitkleinsten Ballbesitz hinter dem FC Sion. Der FC Zürich strafte damit diejenigen Experten lügen, die immer davon ausgingen, dass man mit wenig Ballbesitz zwar in einzelnen Spielen einen Exploit erreichen kann – aber nicht eine über 36 Runden dauernde Meisterschaft für sich entscheiden.

Croci-Tortis taktische Spielchen

Bezüglich Spielweise gab es über die ganze Saison hinweg im Vergleich mit der Vorrunde am meisten Änderungen. St. Gallen, Luzern und Lausanne wurden in der Rückrunde konstanter. Während Celestini (Luzern) und Borenovic (Lausanne) auf der Suche nach dem richtigen Rezept viel experimentierten, legten sich ihre Nachfolger Frick und Casanova viel stärker auf eine Spielweise fest und blieben dieser treu. Und Peter Zeidler kehrte nach verpatzter Herbstrunde mit seinem Team wieder stärker zu seinen Wurzeln zurück. Neben dem FCZ wurde auch bei Basel und Lugano die Spielweise in der Rückrunde volatiler. Beim FCB unter anderem bedingt durch den Trainerwechsel zu Guillermo Abascal. Luganos Mattia Croci-Torti experimentierte im Vorlauf zum Cupfinal relativ viel und schien in diesen Partien seinen Kontrahenten Zeidler auch etwas an der Nase herumführen zu wollen.

Was die taktische Formation betrifft, blieben neben Lugano auch Sion und Lausanne über die ganze Saison hinweg volatil beziehungsweise experimentierfreudig. Noch vor der Hälfte der Rückrunde switchte Lugano-Coach Croci-Torti aber auf ein 3-4-2-1 und GC-Coach Contini machte es ihm eine Runde später nach. Mit dieser Formation in der offensiven Phase spielte Croci-Torti dann auch den erfolgreichen Cupfinal. Dass gegen St. Gallen in der defensiven Phase ein 4-4-2 erfolgreich sein kann, hatte der taktisch die ganze Saison viel experimentierende Lugano-Trainer von Sion-Coach Tramezzani abgeschaut. Die beiden Spitzenteams YB und Basel haben beide den Trainer im Verlauf der Rückrunde ausgetauscht. Sie fingen an, ihr Spielsystem in Frage zu stellen und hatten so in diesem Bereich weniger Konstanz, als noch in der Vorrunde.

Luzern rettet sich unter Frick mit deutlich konstanterer Taktik und Spielweise

Die erfolgreiche Vorrunde des FCZ schien dabei einen Einfluss auf die Wahl der taktischen Formationen der gesamten Liga gehabt zu haben. In der Rückrunde gewann Breitenreiters 3-4-1-2 ligaweit an Popularität. Dies obwohl GC etwas davon abkam. Dafür wechselte Lausanne fix auf diese Formation und Sion, GC und Lugano verwendeten sie ebenfalls häufig. Insgesamt wurde in der Rückrunde 48 in dieser Formation aufgelaufen, vor dem 4-1-2-3 (4-3-3) mit 37 Aufstellungen sowie dem Rhombus-System 4-1-2-1-2. Auch über die ganze Saison hinweg war das 3-4-1-2 mit 76 Aufstellungen am populärsten in der Liga (am meisten eingesetzt durch den FCZ, GC und Lausanne-Sport).

Die Dreierabwehr erlebt schon seit einiger Zeit ein Revival. Pionier dieses Revivals in der Schweiz war vor etwas mehr als einem Jahrzehnt der spätere Nationalcoach Vladimir Petkovic als Trainer von Bellinzona und YB. Am zweitpopulärsten war in der Saison 21-22 in der Super League das 4-3-3 in der Form des 4-1-2-3. Servette setzte praktisch die ganze Saison auf dieses System, in der Rückrunde vermehrt auch wieder der FC St. Gallen (allerdings von der Spielweise her ganz anders interpretiert), dazu ebenfalls häufig Sion und Lugano. Luzern hatte in der Vorrunde sieben verschiedene Systeme gespielt. Mario Frick legte sich dann auf die Rhombus-Formation (4-1-2-1-2) fest und wich davon nur im letzten Spiel beim FCZ mit einem 4-2-3-1 ab. In der Vorrunde hatte St. Gallen vorwiegend im Rhombus gespielt. Luzern ist denn auch die einzige Mannschaft, die bezüglich Konstanz der Formation im Vergleich zur Hinrunde eine wesentliche Veränderung erlebt hat.

Nur Dzemaili für Krasniqi: grosse personelle FCZ-Konstanz auch in Rückrunde

Personell blieb der FCZ genauso wie Servette und Lugano auch in der Rückrunde konstant. Im Vergleich zur Elf der Vorrunde gab es über die ganze Saison hinweg nur eine Änderung: Blerim Dzemaili schaffte es an Stelle von Bledian Krasniqi in die Meisterelf der Saison. Sions personelle Konstanz nahm im Verlauf der Rückrunde zu, vor allem was die Stammelf betrifft – möglicherweise einer der Gründe, warum sich die Walliser noch haben retten können. Das Anfang Frühling sich beinahe schon in falscher Sicherheit wiegende GC, kam im Abstiegskampf noch einmal in Bedrängnis. Die personelle Konstanz wurde durch aus Trainersicht unnötige Wintertransfers vermindert. Dass stärkere personelle Volatilität in gewissen Fällen aber auch positive Auswirkungen haben kann, zeigt das Beispiel St. Gallen. Die Wintertransfers der Ostschweizer machten das Team stärker.

Im zweitletzten Teil der Vorrundenanalyse 21/22 hat Züri Live untersucht, ob Konstanz (Kontinuität) im Fussball wirklich ein Erfolgsfaktor ist. Die CIES hatte dies vor Jahren aufgrund einer internationalen Untersuchung in Bezug auf die Kaderzusammensetzung postuliert. Züri Live hat die Konstanz der Super League-Teams in der Vorrunde in den drei Bereichen Personal, Formation und Spielweise miteinander verglichen. Das Resultat: gemessen an der Super League-Vorrunde 21/22 scheint Konstanz tatsächlich ein Erfolgsfaktor zu sein, und zwar in allen drei Bereichen.

Die beiden Letztplatzierten Lausanne und Luzern zusammen mit dem viertletzten Sion waren von allen Super League-Teams am volatilsten. Luzerns Ex-Trainer Fabio Celestini warf man ein zu stures Festhalten an seiner Spielweise vor. Was die taktische Formation, Ballbesitz und Pressing betrifft, war Luzern in dieser Vorrunde aber überhaupt nicht konstant. Das Problem scheint also eher gewesen zu sein, dass Celestini diese Saison zu flexibel war beziehungsweise die präferierte Spielweise nicht durchsetzen konnte. Lausanne-Sport war sowohl beim Personal, wie auch der Formation und der Spielweise volatil. Am unkonstantesten waren die Waadtländer bei ihrer Spielweise. Wild durcheinander wurde mit viel, durchschnittlich oder wenig Ballbesitz gespielt. Dasselbe bezüglich Pressing. Das genaue Gegenteil verkörpert der FCZ, der sowohl bezüglich Personal wie auch Formation und Spielweise eine im Ligavergleich hohe Konstanz erreichte. Es wurden nur zwei verschiedene Taktische Formationen eingesetzt, die einander zudem auch noch sehr ähnlich sind. Und bei keiner anderen Mannschaft haben die am meisten eingesetzten 11 Spieler so viel gespielt – im Schnitt 74,26 Minuten pro Spieler und Partie. Neun Spieler spielten die Herbstrunde praktisch durch, dazu gesellten sich mit Bledian Krasniqi und Wilfried Gnonto zwei Junge zum Team der am meisten eingesetzten 11 der Vorrunde (inklusive Cup).

Interessanterweise hatte Servette sowohl bezüglich Ballbesitz wie auch beim Pressing in diesem Herbst relativ viel Volatilität. Wenig überraschend hingegen die personelle Inkonstanz bei Sion mit 31 eingesetzten Spielern – mit den entsprechenden Folgen. YB litt ebenfalls unter personeller Inkonstanz, aus mehrheitlich anderen Gründen wie Verletzungen und Europacup-Rotation – aber auch etwas aufgrund des grossen Kaders. Personal scheint der wichtigste der drei Konstanz-Faktoren zu sein, wohingegen die Konstanz bei der taktischen Formation die wohl kleinste Rolle spielt. Auch bezüglich diesem Kriterium sind die Spitzenteams grundsätzlich eher konstant und die Mannschaften der unteren Tabellenhälfte unkonstant. Aber gibt es hier je eine Ausnahme: so hat das überdurchschnittlich performende Lugano in der Vorrunde rekordhohe neun verschiedene taktische Startformationen verwendet. Und das bezüglich taktischer Formation konsequent mit einem Mittelfeld-Rhombus spielende St. Gallen erlebte resultattechnisch eine schlechte Vorrunde.

Die beliebteste taktische Formation war übrigens das vorwiegend von YB implementierte 4-4-2 (32x), welches auch vier andere Mannschaften ab und zu verwendeten – gefolgt vom 4-1-2-3 mit Hauptprotagonist Servette (30x) und dem hauptsächlich von den beiden Zürcher Teams präferierten 3-4-1-2 (28x). Servette und der FCB (4-2-3-1) spielten als einzige alle 18 Partien mit der gleichen taktischen Startformation. Beim FCZ und dem FC St. Gallen unterscheidet sich das Alternativsystem allerdings nur minim von der Standardformation. GC’s Contini hat zu Beginn der Vorrunde experimentiert, sich dann aber auf ein 3-4-1-2 festgelegt. Sions Tramezzani passte sein System jeweils gezielt dem Gegner an, während die Systemwechsel von Lausannes Borenovic eher Verzweiflungstaten aufgrund der Unzufriedenheit mit der eigenen Spielweise waren.

Messgrössen Konstanz Personal

  • Spielminuten erste 11 Spieler
  • Spielminuten erste 18 Spieler
  • Anzahl eingesetzte Spieler

Messgrössen Konstanz Formation

  • Häufigkeit der am häufigsten verwendeten taktischen Aufstellung (Startformation)
  • Häufigkeit der zwei am häufigsten verwendeten Startformationen
  • Anzahl verwendete Startformationen

Messgrössen Konstanz Spielweise

  • Ballbesitz-Quantilsabstand
  • Ballbesitz-Spannweite
  • PPDA (Passes Per Defensive Action)-Quantilsabstand
  • PPDA-Spannweite

Halbzeitanalyse, Teil 1 – Erfolgsfaktoren, Folgerungen und Ausblick

Halbzeitanalyse, Teil 2 – Mehr Gegentore auf Konter und Weitschüsse

Ceesay defensiv schon vor zwei Jahren mit Quantensprung / Halbzeitbilanz 21/22, Teil 3

Für welchen Gegner welche Taktik? – Halbzeitanalyse 21/22, Teil 4

Tosin, Marchesano und Gnonto die Offensivstützen – Halbzeitanalyse 21/22, Teil 5

Ende Flaute: Boranijasevic effektiv über rechts – Halbzeitanalyse 21/22, Teil 6

Tosin und Pollero die produktivsten Torschützen, Ceesays Fehlen zum Start kein Nachteil – Halbzeitanalyse, Teil 7

Tosin Notenbester, Plus- / Minusbilanz spricht für Coric – Halbzeitanalyse, Teil 8

GC kann trotz Pausenführung auch im neunten Derby in Folge nicht gewinnen. Vor ziemlich genau vier Jahren erzielte Jeffren den einzigen Treffer beim letzten Derbysieg des Stadtrivalen. Drei Tage später schoss Cédric Brunner in der 92. Minute des Halbfinalderbys den FCZ in den Cupfinal. Es war der erste von sechs Siegen bei drei Unentschieden seither. Neu hat der FC Zürich nun gegen Lausanne-Sport historisch die zweittiefste Siegquote nach dem FCB, und nicht mehr gegen den Stadtrivalen.

FCZ und Pressing: Extreme Wandlung im Saisonverlauf

GC ging in der 1. Halbzeit ein relativ hohes Tempo, und konnte dieses dann nicht durchziehen, Speziell im mittleren Teil der 2. Halbzeit liessen die Hoppers nach, was der FCZ mit dem durch aggressives Pressing erzwungenen 2:1 nutzte. Bezüglich Pressing hat sich der FCZ im Verlauf der Saison stark verändert. Zu Beginn lag das Breitenreiter-Team bei einem PPDA-Wert zwischen 13 und 14, was dem aktuellen Saisondurchschnittswert des in dieser Wertung „letztplatzierten“ Sion entspricht. Der Wert sagt aus, dass die Walliser ihre Gegner im Durchschnitt in deren eigener Platzhälfte und in der Zone um die Mittellinie (insgesamt 60% des Spielfeldes) 13 bis 14 mal einen Pass spielen lassen, bevor Sion entweder einen Ball abfängt, zu einem Sliding Tackling ansetzt, einen Defensiv-Zweikampf gewinnt, oder ein Foul begeht. Interessant ist der Röstigraben und Risottograben in dieser Wertung. Die Welschen Teams und Lugano (und der FCZ Anfangs Saison) machen am wenigsten Pressing. Luzern, das über weite Strecken einen welschen Trainer hatte, ist im Saisonschnitt in der Mitte anzutreffen.

Die Deutschschweizer Teams machen hingegen viel Pressing. Von den rund 100 Klubs aus Topligen haben nur zwei einen noch tieferen PPDA-Wert als YB: Barcelona und Torino. Auch Basel, St. Gallen und GC sind im Vergleich mit Top-Liga Teams in den oberen 20%. Wolverhampton Wanderers hingegen macht sogar deutlich weniger Pressing als Sion. Die Spielweise des englischen Partnerklubs unterscheidet sich somit sehr stark von derjenigen von GC. Der gerade neu ausgeliehene Bruno Jordao wird sich da erst mal adaptieren müssen. Im Saisonschnitt liegt der FCZ noch zwischen Luzern und GC – bezogen auf die letzten fünf Partien hingegen mittlerweile auf der Höhe des in dieser Wertung Erstplatzierten YB. Und dabei ist der Ausreisser in Lausanne mit einem PPDA-Wert von 11,17 sogar mitgezählt, als sich die Zürcher in der 2. Halbzeit nach der 2:0-Führung zurückzogen. Gegen GC kam der FCZ auf einen Wert von 6,38, was in den Top-Ligen kein Team im Durchschnitt erreicht.

Die Wandlung im Saisonverlauf ist also dramatisch. Gegen Ende der Vorrunde schien es noch, als würde der FCZ den Trend zu mehr Pressing wieder etwas zurückfahren. Unter Berücksichtigung der Testspiele und der ersten zwei Rückrundenpartien muss man hingegen nun sagen: der FCZ ist zu einem distinktiven Pressingteam geworden – in dieser Hinsicht vergleichbar mit YB. Sowohl gegen Luzern und St. Gallen am Ende der Vorrunde wie auch nun gegen Servette und GC lag der PPDA-Wert des FCZ zwischen 6,3 und 7,5. Auch in den Testspielen wurde trotz Müdigkeit viel und schnell in der Angriffszone und im Mittelfeld Druck auf den Gegner gemacht. Speziell das konsequente Gegenpressing führt dazu, dass der Gegner zu langen Bällen gezwungen wird und so die FCZ-Mannschaft immer mehr auseinandergezogen wird und ihre Kompaktheit verliert. Trotzdem wirkt man defensiv auch mit dieser Spielweise auf einem guten Weg. Luzern entwickelt sich unter dem neuen Trainer Mario Frick in dieselbe Richtung wie der FCZ (PPDA-Wert beim Spiel in Lugano: 6,53), so dass alle Deutschschweizer Teams nun in dieser Hinsicht „beisammen“ sind.

Positionstausch Doumbia / Dzemaili – Lösungsansatz fürs Zentrum

Taktisch trat GC wie von Züri Live vermutet aufgrund ihrer Personalsituation gezwungenermassen in einem Rhombus-System mit Viererabwehr an. Adrian Guerrero und Nikola Boranijasevic mussten so im Pressing extra weite Wege gehen (Anlaufen der gegnerischen Aussenverteidiger). Der FCZ spielte dementsprechend als Antwort auf den GC-Rhombus wie schon häufig mit einem Sechser und zwei Achtern. Ousmane Doumbia sagt in vielerlei Hinsicht die Achter-Rolle besser zu, als die des Sechsers. Der Sechser im modernen Fussball muss ein Stratege mit einem optimalen Positionsspiel sein. Das ist ganz und gar nicht die Stärke von Doumbia. Er lebt (ähnlich wie Stephan Seiler) von Spontaneität, Beweglichkeit und Energieanfällen. Um so mehr wenn der FCZ wie oben beschrieben immer mehr zu einer Pressingmannschaft wird, dann braucht es Doumbia dort, wo in so einem Fall die Bälle erobert werden sollen: nämlich vorne. Wie vor dem 2:1-Führungstreffer gegen GC, als Doumbia weit vorne Kawabe so unter Stress versetzte, dass dieser einen zu kurzen Rückpass Richtung eigenen Torhüter spielte, von welchem Tosin profitieren konnte. Als Sechser wäre Doumbia auch nicht in die Position gekommen, wie beim 1:1-Ausgleichstreffer seine Top-Flanke aus dem Halbfeld in Gaël Clichy-Manier hinter die GC-Abwehr auf Assan Ceesay zu schlagen.

Blerim Dzemaili seinerseits bringt in dieser Saison klar bessere Leistungen auf der „Sechs“, als auf der Achterposition. Er entspricht auch viel eher dem Profil des spielintelligenten Strategen und Ballverteilers mit langen Bällen. Daher wäre es sehr empfehlenswert, wenn Doumbia und Dzemaili für den Rest der Rückrunde permanent ihre Positionen tauschen würden. Auf die kommende Saison hin könnte der „Königstransfer“ des FCZ ein strategisch starker Sechser, der auch noch physische Qualitäten mitbringt, sein. Als Idealtyp einer wie der in der Vorrunde bei St. Gallen aktive Ousmane Diakité. Natürlich ist es alles andere als simpel, so einen Spieler fix zu verpflichten. Gute Perspektiven für die kommende Saison könnten das aber etwas vereinfachen. Becir Omeragic hat gegen GC auf der Sechs nicht überzeugt und in der Innenverteidigung verspricht das Trio Mets – Kryeziu – Aliti am meisten Stabilität. Unter anderem führte ein zu riskantes Zuspiel Omeragics zum 0:1-Rückstand. Auch Bledian Krasniqi konnte sich im Derby wie schon gegen Servette nicht empfehlen.

Mirlind Kryeziu, der gegen Servette noch defensiv wie offensiv stark gespielt hatte, war diesmal durchschnittlich. Der in der Vorrunde bestbenotete Tosin trotz seines Tores gar leicht ungenügend. Einige Male machte der Nigerianer aus guten Situationen am gegnerischen Strafraum oder in der Konterauslösung viel zu wenig. Wenn der Nigerianer mit Ball zu viel Zeit zum Nachdenken hat, geht es meist schief. Handelt er intuitiv und schnell, dann klappt es deutlich besser. Ante Coric hingegen bestätigte seine Vorrundenbilanz als FCZ-Kaderspieler mit der besten Plus-/Minusbilanz. Auch gegen GC kam er beim Stand von 1:1 rein und trug unter anderem mit seinem stark geschlagenen Corner zum 3:1 zu den drei Punkten bei. Das Team insgesamt hatte in diesem Derby den tiefsten Wert an Negativpunkten der ganzen Liga-Saison. Man kann also wohl konstatieren, dass es die fokussierteste Leistung der Saison war.

Nikola Boranijasevic: per Aussenrist zum MVP

Nikola Boranijasevic wurde von André Breitenreiter nicht ohne Grund bei der Auswechslung besonders innig geherzt. Dem Serben gelang in der Züri Live-Bewertung sein bisher bestes Spiel im FCZ-Trikot mit seiner ersten glatten „10“. Obwohl er diesmal kein Tor oder Assist verbuchen konnte. Sowohl bei den Offensivpunkten wie bei den Defensivpunkten und Negativpunkten schnitt Boranijasevic im Derby deutlich besser ab, als üblich. Fast schon penetrant spielte der 29-jährige einen Aussenristpass am anderen – und dies penetrant gut! Zum Beispiel das raumöffnende Zuspiel auf Doumbia vor dem 1:1-Ausgleich.

Afrika-Cup Karma an der Super League-Spitze

Er kam sah und traf! Auch direkt nach Siegen mit Gambia am Afrika-Cup hatte Assan Ceesay über Social Media Video- und Text-Nachrichten direkt aus der Kabine an die FCZ-Fangemeinde gerichtet. Er war dankbar, bei der ersten Teilnahme seines Heimatlandes an einem internationalen Turnier dabei zu sein – und freute sich gleichzeitig bereits auf die Rückkehr nach Zürich und die Rückrunde mit dem FCZ. Gambia zeichnete ähnlich wie sein Zürcher Team ein grossartiger Teamspirit aus. Der Belgische Trainer Tom Saintfiet stellte sehr variabel ein und auf – hervorragend auf die jeweiligen Gegner eingestellt. Es kamen Spieler von Dänischen Drittligisten, Englischen Viertligisten und sogar Schweizer Fünftligisten in Startformationen zum Einsatz – und kämpften sich sensationell bis in den Viertelfinal gegen Gastgeber Kamerun. Nach der Rückkehr in die Schweiz war Ceesay zwar müde, aber voller positiver Emotionen für Gambia und den FCZ – und trug ganz wesentlich zum Resultatumschwung in der 2. Halbzeit des 277. Zürcher Derbys bei.

Szenenwechsel: Basel, St. Jakob Park. In der 81. Minute des Heimspiels gegen Sion führt der FCB gemessen an den Torchancen etwas glücklich mit 3:2, als Nasser Djiga für Taulant Xhaka eingewechselt wird. Der 19-jährige ist gerade einmal neun Sekunden (!) auf dem Feld, als er im eigenen Strafraum ungeschickt von hinten bei Gaëtan Karlen aufläuft. Penalty! Der aus der FCZ Academy stammende Anto Grgic hatte den Steilpass in den Strafraum gespielt und verwandelte danach auch den Penalty zum 3:3-Ausgleich (Endstand). Anschliessend erhielt er von Schiedsrichter Piccolo Gelb wegen seiner Finger vor den Mund-Geste gegenüber der pfeifenden Muttenzerkurve. Schon zuvor hatte Grgic das Führungstor Itaitingas mit einem ideal ge-time-nten Zuspiel aufgelegt und den 2:2-Ausgleich mit einem magistralen Direkten Freistoss erzielt.

Djiga ist auch nach dieser Szene völlig von der Rolle und sorgt mit zwei unmotivierten Fehlpässen in der eigenen Platzhälfte beinahe noch im Alleingang für die Basler Niederlage – nur eine grandiose Parade Heinz Lindners gegen einen Wesley-Weitschuss verhindert dies. Die Führungsriege des FC Basel hatte Djiga die Freigabe für den Afrika-Cup verweigert, was in dessen Heimatland Burkina Faso grosse Wellen warf. Vom Rheinknie aus musste Djiga mitverfolgen, wie seine Mannschaft sich für die Achtelfinals qualifizierte und auch dort weiterkam. Einen Tag nach der Halbfinalqualifikation seines Teams durch einen 1:0-Sieg gegen den Favoriten Tunesien sass Djiga zum Auftakt der Super League-Rückrunde in Luzern 90 Minuten auf der Ersatzbank. An seiner Stelle spielte der gelernte Mittelfeldspieler Wouter Burger neben Andy Pelmard in der Innenverteidigung. Im Abwehrzentrum Burkina Fasos kamen an der Seite des gesetzten Tapsoba derweil Akteure wie Ouattara oder Dayo zum Einsatz, die in der Marokkanischen Liga engagiert sind. Den Halbfinal verlor Burkina Faso so mit 1:3 gegen den Senegal.

Die Schlüsse aus den zwei Geschichten von Assan Ceesay und Nasser Djiga soll jeder selbst ziehen. Aber es gibt Menschen, die in solchen Fällen von Karma sprechen.

Telegramm

GC – FCZ 1:3 (1:0)
Tore: 43. Schmid (Bolla) 1:0; 47. Ceesay (Doumbia) 1:1, 67. Tosin 1:3, 83. Gnonto (Ceesay) 1:3.
GC – Moreira; Bolla, Arigoni, Ribeiro (77. Lei), Lenjani; Herc (84. de Carvalho); Da Silva (65. Jordao), Schmid; Kawabe (77. Kacuri); Bonatini (65. Demhasaj), Momoh.
FCZ – Brecher; Mets, Kryeziu, Aliti; Boranijasevic (89. Rohner), Omeragic (54. Coric), Guerrero; Doumbia, Krasniqi (46. Ceesay); Tosin (78. Gnonto), Marchesano (78. Hornschuh).

Der Klassenerhalt des FCZ ist bereits zur Winterpause so gut wie gesichert! Eine höhere Punktzahl zu diesem Zeitpunkt der Saison hatte der Stadtclub letztmals vor 13 Jahren unter Trainer Bernard Challandes gesammelt! Und ist am Ende jener Saison mit einem Aegerter, „Tico“ Okonkwo, Abdi, Leoni, Tihinen und Djuric auf dem Platz tatsächlich nicht abgestiegen! Erklärungen für die ersten 18 Runden wurden in den letzten Tagen in allen sich mit der Super League befassenden Medien (und auch in einigen, die dies normalerweise nicht tun) gesucht und gefunden. Trainer Breitenreiter habe „fast jeden Spieler besser gemacht“. Der FCZ spiele den „schönsten und erfolgreichsten“ Fussball, „mutig, offensiv, mit viel Drang zum Tor“, die Spiele seien „ein Spektakel“. Die Jungs hätten einen „super Team-Spirit“. Assan Ceesay oder Mirlind Kryeziu hätten eine fast schon „wundersame Wandlung“ genommen. Der Kader sei ausbalanciert und die individuelle Qualität „so gross wie schon lange nicht mehr“.

Was davon stimmt tendenziell? Was nicht? Was muss man relativieren? Und vor allem: welche Gründe wurden vergessen? Zum Start der Halbzeitanalyse nennen wir die aus unserer Gesamtsicht wichtigsten Erfolgsfaktoren der FCZ-Vorrunde. In den kommenden Tagen und Wochen werden wir mit Hilfe von Zahlen und Analysen unsere Einschätzungen und diejenigen der anderen Medien überprüfen und zusätzliche Erkenntnisse zu gewinnen versuchen.

1. Physis

Dieser Punkt wurde in keinem anderen Medium genannt, ist aus Züri Live-Sicht aber der wichtigste Fortschritt im Vergleich zu den letzten Saisons. Mehrere FCZ-Schlüsselspieler sind auf einem physisch deutlich besseren Niveau als noch in der Saison davor. „Marche sano in corpore sano!“ möchte man da ausrufen. Am augenfälligsten sieht man dies bei Assan Ceesay. Viele dachten, der Gambische Stürmer habe einen „Holzfuss“, wenn er wieder mal zehn Meter am Tor vorbeigeschossen hat. Dem ist aber nicht so. Mit einem „Holzfuss“ schiesst man üblicherweise einen Meter daneben, nicht zehn. Ceesay hat grundsätzlich ein gutes Ballgefühl in beiden Füssen. Seine Probleme waren nicht feinmotorisch, sondern grobmotorisch. Es fehlte die Rumpfstabilität und damit die optimale Koordination seiner grossen Bewegungen. Bereits mit einer leichten Berührung konnte man ihn zudem jeweils aus dem Gleichgewicht bringen. Neuerdings wirkt Ceesay wie ein echter Athlet. Die verbesserte körperliche Stabilität hat insbesondere seine Präzision im Passspiel und Abschluss innert kurzer Zeit stark verbessert.

Zweites Beispiel: Adrian Guerrero. Auch der Neuzugang hat sich im physischen Bereich im Vergleich zu seiner Saison bei Lugano enorm verbessert. Seine spielerischen Qualitäten und guten Standards waren schon im Tessin ersichtlich, aber er verlor letzte Saison noch so gut wie jeden Zweikampf. Nun kann der Spanier nicht mehr so einfach zur Seite gedrückt werden und seine Laufleistung nicht nur vorwärts, sondern vor allem auch im Umschalten in die Defensive ist bisher phänomenal. Drittens: Mirlind Kryeziu. Aus physischen Gründen hatte er in der Vergangenheit immer wieder grosse Leistungsschwankungen gehabt. In den letzten sechs Monaten wirkte er erstmals in jedem Spiel topfit und seine Leistungen waren somit sehr konstant.

Etwas erstaunlich sind diese eklatanten Verbesserungen weil es im FCZ-Staff abgesehen von Trainer und Assistent keine wesentlichen Änderungen gegeben hat. Clichés erweisen sich halt eben doch manchmal als wahr. So das Cliché von den typisch deutschen Tugenden. Den stärkeren Fokus auf Physis und stabile Defensive kann man nicht nur im Breitenreiter-Team, sondern auch bei den ebenfalls von einer deutschen Trainerin gecoachten FCZ Frauen-Mannschaft beobachten. Schweizer Trainer und Ausbildner gewichten diesen Aspekt traditionell weniger stark – ganz speziell Trainertypen wie Ludovic Magnin oder Fabio Celestini. Was passiert, wenn man diese Faktoren zu sehr ausser acht lässt, sieht man aktuell beim FC Luzern, welcher in den letzten Monaten in Sachen Wucht und physische Präsenz eine gegenläufige Entwicklung zum FCZ genommen hat und nun mit dem Trainerwechsel diesbezüglich das Ruder wieder herumreissen will. Man kann auch zu viel davon haben, aber nach den letzten Jahren hat dem FCZ dieses „deutsche“ Element auf jeden Fall schon mal gut getan.

2. Taktik

Auch wenn es unpopulär klingt und einige in und ausserhalb des FCZ nicht gerne hören: der Stadtclub spielt nun schon seit rund vier Jahren immer dann am erfolgreichsten, wenn er tief steht und wenig Ballbesitz hat. Ganz speziell gegen die besten Teams der Liga. Ludovic Magnin hat diese Erkenntnis nur in relativ begrenzten Saisonphasen beherzigt und war dann jeweils auch erfolgreich. Zum Beispiel vor der Winterpause vor zwei Jahren, als man sich mit nur noch acht Punkten Rückstand auf Leader YB auf den 4. Platz vorgekämpft hatte. Als Magnin danach wieder auf Ballbesitz spielen wollte, setzte es vorwiegend Niederlagen. Dasselbe bei Massimo Rizzo: mit tief stehen und wenig Ballbesitz konnte er bis zur Winterpause letzte Saison den FCZ stabilisieren und einige schöne Siege einfahren. Nach der Winterpause wollte er schrittweise seinem Team wieder etwas mehr Ballbesitz verpassen, was unter dem Strich zusammen mit den unglücklichen Personalien Sobiech (verletzt) und Dzemaili (nicht parat für die Super League) erneut zu einer Abwärtstendenz führte.

André Breitenreiter erkannte dies und sein FCZ stand daher zu Saisonbeginn noch tiefer und hatte noch weniger Ballbesitz, als unter Massimo Rizzo ein Jahr zuvor. Aber auch der deutsche Trainer konnte der Versuchung nicht widerstehen und liess sein Team Mitte Vorrunde schrittweise immer höher stehen und mehr Ballbesitz übernehmen. Die Resultate wurden auch bei ihm dadurch sofort etwas schlechter. Der Unterschied zu den Vorgängern war dann aber, dass Breitenreiter schnell die Handbremse zog und die taktischen Änderungen rückgängig machte. So kommt es, dass zur Winterpause 21/22 mit dem FCZ das Team mit dem tiefsten Ballbesitz der Liga mit sieben Punkten Vorsprung an der Tabellenspitze steht.

Starker Start in die Vorrunde mit unter 30% Ballbesitz. dann mit zunehmendem Ballbesitz (bis zu 55% in Runde 12) eine Baisse. Die besten Leistungen gab es in den letzten drei Spielen der Vorrunde mit wieder gesunkenem Ballbesitz von um die 45% (gleitender Durchschnitt).

Dass der FCZ im Vergleich zu den anderen Teams speziell „mutig, offensiv, mit viel Drang zum Tor“ spiele, ist bei ehrlicher Betrachtung falsch. YB, Basel, Servette und aus dem Spiel heraus auch St. Gallen hatten in der Vorrunde mehr Abschlüsse, als der FCZ, welcher vor allem von seiner Effizienz und Standardqualitäten profitierte. Breitenreiter spricht in seinen heimischen Medien davon, dass der FCZ ein sehr Hohes Pressing betreibe und vom Spielstil mit Atalanta oder Leipzig vergleichbar sei. Davon kann aber auch keine Rede sein. Sein Team liegt statistisch beim Hohen Pressing im Mittelfeld der Liga – nicht nur hinter St. Gallen, YB und Basel, sondern auch GC. Zudem wurde unter Ludovic Magnin beim FCZ mehr Hohes Pressing betrieben, als unter Breitenreiter, wenn man die dafür relevante Kennzahl der „Passes Per Defensive Action“ (PPDA) zu Rate zieht. Dessen Mannschaft hat zudem erst drei Tore aus einem Hohen Pressing erzielt, was selbst unter dem Schnitt der Rizzo-Zeit liegt, wo der FCZ weniger Pressing betrieb, dafür sehr effektiv. Mittlerweile hat Ludo Magnin übrigens seine Amtszeit als Trainer der 1. Mannschaft des FCZ analysiert und kommt in einem Interview mit „24 heures“ zum Schluss, dass der Aufschwung unter Breitenreiter in erster Linie damit zu tun habe, dass dieser auf Umschaltspiel setze, was besser zur Mannschaft passe, als Ballbesitz.

Mit Ausnahme der Cupspiele in Solothurn und Yverdon liess André Breitenreiter seinen FCZ immer in einem 3-4-1-2 oder dem sehr ähnlichen 3-3-2-2 auflaufen. Ob man mit zwei Sechsern oder zwei Achtern / Zehnern spielte, hing dabei natürlich immer auch etwas von der Mittelfeldzusammensetzung des Gegners ab. Nicht nur bei der Formation, sondern auch bezüglich Personal setzte Breitenreiter stark auf Kontinuität. Ein eiserner Kern von neun Spielern spielte praktisch die Vorrunde durch. Deutlich variabler war man hingegen bezüglich Spielweise mit unterschiedlicher Spielauslösung, Positionierung, Pressing und Umschaltintensität. Speziell gegen Basel muss man sich für die Rückrunde etwas überlegen. Beinahe hätte der FCZ gegen die Rotblauen nach dem Hinspiel im St. Jakob Park auch noch das Rückspiel im Letzigrund verloren, weil man zu hoch stand. Der Spielweise und den Qualitäten des FCB kam dies schon in den letzten Jahren immer entgegen und es hat sich auch diese Saison nicht geändert, zumal Torhüter Heinz Lindner mit den Füssen gewisse Fortschritte gemacht hat und Akteure wie Tavares, Millar, Kasami, Frei, Zhegrova, Stocker, Males, Ndoye oder Cabral für Angriff- und Konterspiel gegen einen hoch stehenden Gegner prädestiniert sind. Bei allen sonstigen positiven Entwicklungen muss man sagen: in der Art und Weise wie man gegen den FCB spielen muss, war man letzte Saison unter Massimo Rizzo schon mal einen Schritt weiter.

3. Erfolgsorientiertheit

Eigentlich im Profifussball eine Selbstverständlichkeit, aber nicht unbedingt immer beim FCZ in den letzten Jahren. Unter Trainer Breitenreiter ist der Erfolg das oberste Ziel. Man wählt dementsprechend die erfolgsversprechendste Taktik, Spielweise und Personal. Vor allem werden Ideen, die sich nicht bewährt haben, sofort korrigiert. Der schnelle Lern- und Adaptionsprozess ist eine der grössten Stärken dieses Trainerteams und sicherlich ein Faktor, der zu Optimismus für die kommende Zeit berechtigt. Auch der Aspekt, dass unabhängig von Namen, Alter, Nationalität oder Rendement aufgestellt wird. Eine kleine Ausnahme gibt es dabei mit Blerim Dzemaili. Dieser wird trotz seiner immer noch offensichtlichen Mankos für die Hierarchie im Team ganz offensichtlich als unverzichtbar angesehen und deshalb von Breitenreiter und Co. stark geredet und häufig eingesetzt.

4. Automatismen

In einer Studie des CIES Sports Observatory Neuchâtel vor einigen Jahren wurde herausgefunden, dass personelle Kontinuität bei den Spielern als Erfolgsfaktor eines Fussballteams gelten kann. Der FCZ hatte in dieser Vorrunde eine sehr hohe Kontinuität und damit konnten sich Automatismen etablieren. Dies hat dem FCZ sicherlich im ein oder anderen Spiel gegen einen Gegner mit mehr personellen Wechseln einen mitentscheidenden Vorteil verschafft. Dazu ist der Team-Spirit dieser Mannschaft tatsächlich offensichtlich.

5. Transfers

Seit Sommer 2020 ist die Kaderentwicklung grundsätzlich positiv einzustufen. Spieler, welche die Entwicklung der Mannschaft gebremst haben, konnten abgegeben werden. Gleichzeitig wurden vorwiegend Spieler dazugeholt, die das Team weiterbringen. Eine hundertprozentige Trefferquote hatte man aber auch in dieser Zeit nicht. Namen wie Schättin, Dzemaili, Gogia, Leitner, Buschman oder Pollero sind zumindest mit Fragezeichen zu versehen. Schon seit 2018 hatte sich Auswahl, Qualität und Entwicklung der Leihen von Talenten in die Challenge League stark verbessert und funktioniert seither tadellos. Der FCZ war der erste Super League-Klub, der diesbezüglich das richtige Rezept gefunden hat. Mittlerweile hat YB nachgezogen.

Züri Live-Durchschnittsnoten in der Saison (Sommertransfers) oder Halbsaison (Wintertransfers) vor dem Abgang / nach dem Zugang

6. Abschlusseffizienz

Weiter verbesserte Abschlusseffizienz (der FCZ war letzte Saison schon effizient gewesen) hat einen grossen Teil zu den 40 Punkten der Vorrunde beigetragen. Pro Partie hat der FC Zürich ein halbes Tor durch Abschlusseffizienz erzielt – 2,4 Tore pro Spiel statt der erwartbaren 1,9 Treffer. Ein Teil der Abschlusseffizienz hat mit der Spielweise zu tun: kommt man durch einen Konterangriff vors gegnerische Tor, hat man mehr Platz und Zeit für den Abschluss. Ein weiterer Aspekt speziell im Fall des aktuellen FCZ ist die Torquote bei Standards. Dazu kommt die oben erwähnte verbesserte Physis (Kondition, Rumpfstabilität), die für einen präziseren Abschluss sehr hilfreich ist. Wie wichtig eine gute Abschlusseffizienz ist. zeigt der Vergleich mit den Saison-Rangierungen in untenstehender Grafik.

7. Detailarbeit

Die Analyse der FCZ-Partien der letzten Monate vermittelt den Eindruck, dass noch mehr als früher an Details gearbeitet wird – von Einwürfen über ballferne Bewegungen bis zur Schusshaltung und verfeinerten Zuteilungsregeln bei Defensivstandards.

Folgerungen und Ausblick

Während man beim Ausscheiden im Cup auch Pech hatte, ist in der Meisterschaft einiges für den FCZ gelaufen. Partien, die normalerweise Unentschieden ausgehen, kippten häufig noch auf die Seite des FCZ – dank Mentalität und (erarbeitetem?) Glück. Der erste Meisterschaftssieg seit Jahren gegen YB war ein Meilenstein – trotz Personalsorgen beim Gegner. Der FC Zürich hat denselben Personalaufwand und etwas tiefere Erträge wie der FC St. Gallen und ist wie dieser vor zwei Jahren zur Halbzeit vorne sehr gut mit dabei. Wie damals trafen diese beiden Teams im letzten Spiel vor der Winterpause aufeinander – beide Male gewann der FCZ. In der Anfangsphase waren die vielen direkt verwandelten Freistösse (in erster Linie von Marchesano) ein wichtiges Element, gegen Ende der Vorrunde die Rückkehr von Tosin und Leistungsexplosion Wilfried Gnontos. Letzteres kompensierte die schon seit Jahren traditionelle Ladehemmung Assan Ceesays in den Wintermonaten. Die nach dem Züri Live-Notenschnitt des Teams besten Spiele der Vorrunde waren die Heimsiege gegen Luzern und YB gegen Ende der Vorrunde und die beiden „Dreier“ gegen Lausanne. Das „schlechteste“ Spiel war der glückliche Heimsieg im ersten Derby.

Nach dem guten Start gegen die drei „L“ (Lugano, Lausanne, Luzern) kam eine Baisse. Angefangen bei der Auswärtsniederlage in Basel gings wieder aufwärts.

„Angesichts der Voraussetzungen das Maximum herausgeholt“ klingt im ersten Augenblick etwas nach: „besser kanns gar nicht mehr werden“. Dem ist nicht so. In verschiedenen Bereichen sind in den letzten ein bis zwei Jahren Prozesse in Gang gesetzt worden, bei deren Stossrichtung man sich heute noch nicht mal auf halbem Weg der Entwicklung befindet. Zum Beispiel bei der Kaderentwicklung, den Verbesserungen im physischen Bereich, den Automatismen, der Taktik oder der Detailarbeit auf verschiedensten Gebieten. Der FCZ hat in all diesen Bereichen braches Potential und die Entwicklungsprozesse gehen in die richtige Richtung. Und man lässt sich nicht durch kurzfristigen Aktionismus oder dem Schielen auf die Konkurrenz vom Weg abbringen. Dies alles stimmt zuversichtlich. Dazu kommt der Bezug des neuen „Home of FCZ“ im Heerenschürli.

Sehr gute Vorrunde in der Challenge League 16/17, deutlich schlechtere Rückrunde – trotzdem aufgestiegen. Gutes erstes Saisonviertel 17/18 und 18/19. Dazu gab es im letzten Saisonviertel 18/19 und 19/20 eine Leistungssteigerung. Stark sinkender Notenschnitt 20/21, vor allem in der Rückrunde. In der ersten Saisonhälfte 21/22 geht der Notenschnitt wieder stark rauf in Richtung der Challenge League (und Europa League) Vorrunde 16/17.

Im Sturm hat der FCZ neuerdings wieder Alternativen auf der Bank, was gerade auf dieser Position unabdingbar ist. Die Stürmer „Nummer 5 und 6“ Pollero und Koide haben ihre Super League-tauglichkeit bisher allerdings noch nicht nachweisen können. Das 3-4-1-2 nutzt die Laufstärke und Polyvalenz von Nikola Boranijasevic und vor allem Adrian Guerrero optimal aus, denn es ermöglicht immer wieder Überzahlsituationen im Zentrum, sowohl in der Spielauslösung wie in der gegnerischen Platzhälfte. Fabian Rohner, der Alternative zu Nikola Boranijasevic auf rechts ist durch die Detailarbeit unter Breitenreiter durchaus eine interessante Entwicklung zuzutrauen. Seine Einsätze in der Vorrunde waren allerdings noch nicht immer eine Empfehlung. Links steht als Alternative der offensiv von vielen unterschätzte Fidan Aliti bereit. Bezüglich Spielweise bietet sich an, weiterhin tief zu stehen mit wenig Ballbesitz und schnellem direktem Umschaltspiel – gepaart mit situativem Hohen Pressing und Gegenpressing, um den Gegner aus dem Gleichgewicht zu bringen. Breitenreiter bringt zudem gerade gegen Gegner aus der hinteren Tabellenhälfte immer mehr Rhythmuswechsel und Ballbesitzphasen ins Zürcher Spiel ein. Speziell in den Partien gegen Basel sollte man die Lehren aus den Vorsaisons aber beherzigen und wieder tiefer stehen, als man dies in der Vorrunde praktiziert hat.

Die grösste Problemzone der Vorrunde war in einigen Spielen das Zentrale Mittelfeld. Und dies obwohl man hier quantitativ sehr gut bestückt ist. Neben den gesetzten Ousmane Doumbia und Antonio Marchesano kam in diesem Mannschaftsteil Bledian Krasniqi am meisten zum Einsatz. In seiner Entwicklung scheint dieser nun langsam aber sicher bereit zu sein, als echter Stammspieler Verantwortung zu übernehmen. Blerim Dzemaili hat auf der 6-er Position deutlich besser gespielt, als weiter vorne. Er könnte typischerweise bei Rückstand oder unentschiedenem Spielstand für Ousmane Doumbia hereinkommen und mit seinen langen Bällen und Seitenwechseln von hinten heraus für verstärkten Druck sorgen – während weiterhin Marc Hornschuh bei einer Führung als zusätzliches defensives Gewissen einen Bledian Krasniqi ersetzten würde. Moritz Leitner ist aus seiner nach unten zeigenden Leistungskurve der letzten Jahre nicht herausgekommen, Ante Coric hat grosse Schwankungen – beide sind für das Team bisher in der defensiven Phase tendenziell eine Hypothek. Vasilie Janjicic wird wohl auch in der Rückrunde physisch noch nicht bereit für die definitive Rückkehr in die Super League sein. Stephan Seiler und allenfalls Miguel Reichmuth aus der U21 bieten sich hingegen immer mehr als valable Alternativen an.

Wichtig in der Rückrunde kann auch werden, dass man intern auf Eventualitäten der Pandemie-Entwicklung gefasst und vorbereitet ist. Angefangen von der Teilnahme von Assan Ceesay am Afrika-Cup bis zu Entwicklungen mit möglichen vielen Quarantänen und improvisierten Teamzusammenstellungen beim eigenen Team und/oder den Gegnern, die andere Ligen aktuell durchmachen. Einerseits muss man auf der administrativen Ebene im direkten Zusammenspiel mit der Liga und anderen Klubs natürlich versuchen, das Beste für das Team herauszuholen, während man in der Kommunikation nach aussen und die Mannschaft selbst vor allem bereit sein muss, jede Situation als sportlichen Challenge und Chance wahrzunehmen.

Wofür steht der FCZ? Der FCZ ist eine Cupmannschaft. In entscheidenden Spielen gegen starke Gegner war man in den letzten Jahren im Vergleich zu den Resultaten in der Meisterschaft überdurchschnittlich erfolgreich – national und international. Der FCZ steht für konsequente Juniorenförderung – nur ganz wenige Teams in Europa geben aktuell Spielern aus dem eigenen Nachwuchs so viel Spielzeit. Der FCZ hat die grösste und kreativste Fankurve des Landes – und die erfolgreichste Frauenmannschaft. Der FCZ bringt in der Juniorenentwicklung im Vergleich zum Lokalrivalen eher die spielerisch, technisch und taktisch filigranen Spieler heraus – und weniger die physisch starken «Brechertypen». Der FCZ hat seit Daniel Jeandupeux und später Lucien Favre und Bernard Challandes, sowie heute Ludovic Magnin ein starkes «welsches» und damit teilweise verbunden auch «afrikanisches» Element.

Und wie sieht es mit der Spielweise aus? Was in dieser Hinsicht den FCZ ausmacht und was er an seiner Spielweise anpassen (oder beibehalten) muss, um wieder in die Erfolgsspur zu finden, lässt sich durchaus unter anderem aus Statistiken herauslesen. Erst mal zu den Stärken: Antonio Marchesano ist der König der intelligenten / kreativen Zuspiele («Smart Passes»). Pro 90 Minuten kommt der Tessiner auf 2,84 solcher Zuspiele und liegt damit klar vor Valentin Stocker (2,17) und Roger Assalé (1,98) ligaweit an der Spitze. Die grösste Genauigkeit bei «Smart Passes» hat hingegen mit grossem Abstand Marco Schönbächler. Seine 64.29% Passgenauigkeit bei kreativen Zuspielen sind bemerkenswert, liegen doch alle anderen Spieler der Liga unter 50%, auch Fabian Frei und Valentin Stocker, die in dieser Wertung an zweiter und dritter Position liegen. Tatsächlich ist das räumliche Vorstellungsvermögen wohl die grösste Stärke von «Schönbi» – noch vor seiner Technik und Schnelligkeit, welche sich im Ligavergleich ebenfalls auf hohem Niveau bewegen.

Bei der Anzahl Schnittstellenpässe liegt wiederum Antonio Marchesano mit 2,51 pro 90 Minuten an zweiter Stelle hinter Jonathan Sabbatini. Bei den «Key Passes» (entscheidende Zuspiele) liegen Mahi, Schönbächler und Marchesano in den Top 15 – das Spitzentrio bilden hier Tosetti, Zhegrova und Bua, die alle etwa einen solchen Pass pro 90 Minuten zustande bringen. Bei den Smart Passes ist der FCZ als Team die Nummer Zwei der Liga, bei den Key Passes die Nummer Drei (hinter YB und Basel). Zählt man hingegen einfach nur die Anzahl Pässe insgesamt pro 90 Minuten, ohne Rücksicht auf Wirkung und Präzision, dann liegt der mittlerweile zurück nach Russland gewechselte Denis Popovic mit 59 an der Spitze vor Eray Cömert, Fabian Frei, Mirlind Kryeziu und Fabian Lustenberger.

Dementsprechend ist das FCZ-Spiel auf Kreativität und das Spiel durch die Mitte ausgerichtet. Zürich kommt nur zu 14,64 Flanken pro Spiel (nr. 7 der Liga). Dass man wenig über die Seiten spielt, macht auch darum Sinn, weil die Flanken selten ankommen – nach Thun ist man mit 29,1% Präzision am zweitschlechtesten in diesem Bereich – wobei man bei dieser Statistik anmerken muss, dass sie nicht nur von den Flankengebern, sondern auch den potentiellen Flankenempfängern abhängt.

Der FC Zürich ist zudem die Nummer Eins der Liga in der Metrik «Expected Goals pro Schuss». Dies lässt darauf schliessen, dass die Zürcher Spieler im Durchschnitt für ihre Abschlüsse von allen Mannschaften am besten postiert sind. Auch bringt das Team von Trainer Ludovic Magnin nach Basel und St. Gallen den dritthöchsten Anteil seiner Abschlüsse (36,9%) aufs gegnerische Gehäuse – wohl unter anderem wegen der guten Positionierung. Das Problem ist die Anzahl der Abschlüsse insgesamt. Nur Sion kommt in dieser Saison bisher aus dem Spiel heraus weniger zum Abschluss als der FCZ. Bei der Anzahl Weitschüsse liegt der FCZ zusammen mit Sion und Xamax am Schluss der Rangliste.

Stark ist der FCZ zudem unter dem Strich bezüglich Prozentsatz der gewonnenen Luftduelle, wo das Letzigrund-Team die Nummer zwei hinter YB ist. Allerdings ist diese Statistik stark geprägt von den in der Luft ligaweit zu den besten Spielern gehörenden Nathan und Mirlind Kryeziu. Man gewinnt sehr viele defensive Kopfballduelle und hat zusammen mit dem FCB bisher am wenigsten Kopfballgegentore erhalten. Wenn es hingegen um erfolgreiche Offensivkopfbälle geht, die eine noch deutlich höhere Anforderung an Timing und Präzision stellen, sieht es ganz anders aus – bei der Anzahl erzielter Kopfballtore liegt der FCZ auf dem letzten Platz der Liga. Marchesano, Mahi und Kramer haben bisher je einen Treffer per Kopf erzielt – und dabei scheint Marchesano dank seinem Timing und Präzision der offensiv stärkste Kopfballspieler beim FCZ zu sein. Hohe Bälle auf den kleinsten Spieler zu spielen, erscheint zwar vordergründig unlogisch zu sein, würde aber für den FCZ zumindest als Variante absolut Sinn machen, nicht zuletzt auch weil Marchesano in der Regel vom Gegner in solchen Situationen eher etwas ausser Acht gelassen wird.

In Bezug auf die Effektivität des Pressings liegt der FCZ hinter St. Gallen, YB, Servette und Basel zur Zeit an fünfter Position. Noch eine Position besser klassiert ist man in der Wertung «PPDA against», was bedeutet, dass der FCZ relativ gut darin ist, gegen eine pressende Mannschaft hinten heraus Lösungen zu finden und den Ball zu behaupten. Dies ist ein wichtiger Erklärungsansatz für die guten Resultate bisher in dieser Saison gegen den FC St. Gallen.

Zürich hat nach Thun und Sion am drittmeisten Gegentore erhalten, weil man am zweitmeisten Schüsse der Gegner zulässt. Zwar ist man die Nummer drei bei der Anzahl blockierter Schüsse, kassiert aber trotzdem am meisten Weitschussgegentore. Auch Direkte Freistösse und Penalties lässt man mehr rein als der Rest der Liga. Die Anzahl der erhaltenen Tore ist zudem höher, als die erwarteten Gegentore, was auf einen eher etwas unterdurchschnittlichen Torhüter schliessen lässt.

Die beste Mannschaft der ganzen Liga ist der FCZ in den Eins-gegen-Eins Dribblings mit einer Erfolgsquote von 56,2%, was den Ruf als technisch starke Mannschaft weiter untermauert. Gleichzeitig liegt man bei der Häufigkeit dieser Eins-gegen-Eins Situationen nur auf dem fünften Platz. Dies bedeutet, dass man wohl noch häufiger ins Eins-gegen-Eins gehen sollte – vorausgesetzt die Absicherung bei Ballverlust ist vorhanden.

Zusammenfassend kann man zu folgenden (vorläufigen) Schlussfolgerungen kommen:

  • Der FCZ erhält zu viele Gegentore vor allem weil er zu viele Abschlüsse zulässt – aufgrund des Studiums der Aufstellungen scheinen ein gesunder Pa Modou und ein gesunder Omeragic Schlüsselfaktoren zu sein, um die verletzliche linke Seite zuzumachen und die Anzahl Abschlüsse des Gegners stark zu reduzieren – ausserdem ist es wichtig, dass die „Offensivreihe“ defensiv stärker wird, damit die Gegner weniger häufig in Ballbesitz im Zürcher Verteidigungsdrittel auftauchen
  • Kreatives und intelligentes Passspiel durch die Mitte, speziell auch bei Kontersituationen, ist die grosse Stärke dieses FC Zürich – daher sollte diese Spielweise noch weiter verstärkt werden, damit man selbst noch häufiger zum Abschluss kommt
  • Es ist wieder einmal Zeit für einen Meisterschafts-Sieg gegen YB: dass der FCZ gegen hoch pressende Mannschaften durchaus eine gute Falle machen kann, sieht man gegen St. Gallen
  • Falls die defensive Absicherung vorhanden ist, sollte der FCZ die Eins-gegen-Eins Duelle noch häufiger suchen
  • Antonio Marchesano sollte bei hohen Bällen in den Strafraum häufiger als Anspielstation gesucht werden, man sollte den Tessiner ganz allgemein häufiger in gute Abschlussposition bringen

(Daten: Züri Live, SFL, Wyscout)

Der «Letzi» war die im Mittelalter errichtete Talsperre und «äussere Stadtmauer» von Zürich gegen Nordwesten hin. Diese Mauer hat heute ein Loch. Unglaubliche 20 der letzten 22 Gegentore seit September hat der FCZ zu Hause kassiert. Gegen den FCB erlitt man die dritte Heimniederlage in Folge mit durchschnittlich vier Gegentoren pro Partie. Drei Liga-Heimniederlagen in Folge gab es zuletzt ab März 2015. Damals waren es gar fünf Heim-Nuller hintereinander gewesen – alle allerdings nur mit einem Tor Differenz.

Seit mehr als einem Jahr ist hier auf Züri Live die Defensivschwäche des FCZ auf der Linken Seite ein Dauerthema und am Samstag wurde dieser Schwachpunkt vom FCB wie schon von vielen Gegnern zuvor dankbar ausgenutzt. Bei den letzten drei Kanterniederlagen zu Hause gegen Basel, Servette und YB entstand die Mehrzahl der Gegentreffer immer durch Unzulänglichkeiten auf der linken Zürcher Seite. Pa Modou vermochte dieses Dauerproblem zeitweise zu mindern. Seit der Captain der Gambischen Nationalmannschaft aber wieder angeschlagen aufläuft beziehungsweise ganz ausfällt, ist die linke FCZ-Flanke wieder die Schwachstelle, über welche die Gegner ihre Schlachten mal für mal gewinnen können.

Um dies einmal mehr zu demonstrieren, brauchte es am Samstag gegen den FCB gerade einmal 12 Sekunden. Dass Mads Pedersen kein von Haus aus defensiv solider Mann für die linke Seite ist, war schon vorher bekannt. Der Däne hat auch bei seinen früheren Stationen jeweils sehr ‘’optimistisch’’ agiert. Dieser unverhältnismässige Vorwärtsdrang im falschen Moment liess ihn schon vor dem frühen 0:1 in Sion zu hoch stehen und Kasami unbedrängt die Flanke zur Mitte schlagen. Diesmal liess er schon nach wenigen Sekunden die Hereingabe von Widmer in den Strafraum zu. Im Unterschied zum Spiel im Wallis, wo sich bei Pedersen die guten und die weniger guten Szenen in etwa die Waage hielten, misslang ihm in seinem etwas mehr als 30-minütigen Einsatz gegen den FCB alles – und dies wortwörtlich. Dass ein Spieler vom Platz muss, ohne dass ihm auch nur eine gute oder zumindest ordentliche Szene gelungen war, ist einzigartig.

Basel agierte nach der Rückkehr von Stocker, Cabral und Alderete weitgehend auf Bundesliga-Niveau. Bei der 2:3-Niederlage des Teams von Trainer Marcel Koller im Letzigrund im Oktober hatten Cabral, Alderete und dazu Torhüter Omlin noch gefehlt. Im Gegensatz zum Sion-Spiel konnte der FCZ gegen Basel mit hohen Bällen in den Strafraum kaum mal für Gefahr sorgen, ausser in der Schlussphase bei einer Massflanke aus dem Halbfeld von Antonio Marchesano, die Marco Schönbächler per Direktabnahme Richtung Basler Tor jagte – auch weil sein Gegenspieler Zhegrova ihn einfach laufen gelassen hatte und sich nicht um seine Defensivaufgaben scherte.

Mit dem im Letzigrund gezeigten Level des FCB war Pedersen schlichtweg überfordert, obwohl er nun schon ein halbes Jahr in einer Bundesligamannschaft trainiert und drei Wettbewerbseinsätze gehabt hatte. Wie schon bei der ersten Direktbegegnung der beiden Teams im September im St. Jakob Park gewinnt Rot-Blau erneut mit 4:0 und erneut ist Fabian Frei der überragende Mann der Partie – diesmal gar mit drei eigenen Treffern. Einmal mehr kam der FCZ für Basel genau zum richtigen Zeitpunkt. Dass der FCB gegen Zürich jeweils stärker motiviert scheint, als umgekehrt, wurde an dieser Stelle bereits im Herbst einmal erläutert: FCZ – FCB Vorschau: Warum ist die Bilanz gegen Basel so schlecht?

Aufgrund des deftigen Resultates mag es vielleicht auf den ersten Blick erstaunen, dass die Züri Live-Durchschnittsnote der eingesetzten FCZ-Spieler im Steigen begriffen ist. Beim Rückrundenauftakt gegen Luzern war die Team-Note mit 4,5 noch ungenügend, in Sion mit 5,2 knapp genügend und nun gegen Basel mit 5,6 weiter verbessert auf einer Skala von 1-10. Schaut man sich die Statistiken des Spiels genauer an, sieht man warum. Das Verhältnis der Erwarteten Tore lautet 1,19 : 1,91, was zwar aus Zürcher Sicht eine negative Quote ist, aber deutlich weniger negativ, als es das Resultat suggeriert – und auch besser, als noch in Sion.

Noch interessanter wird es, wenn wir uns das Expected Goals-Verhältnis bis zum Wechsel Marchesano für Domgjoni in der 62. Minute anschauen. In diesen ersten zwei Dritteln der Partie hatte der FCZ mit xG von 0,69 : 0,5 statistisch gar die besseren Torchancen. Das erwartete Resultat zu diesem Zeitpunkt wäre also 1:0 oder 1:1 gewesen – es war aber tatsächlich 0:2. In dieser Zeitperiode gab es im Spiel vier Torchancen mit einer Trefferwahrscheinlichkeit von 10% oder höher – drei davon durch den FCZ (2x Kramer, Domgjoni; Widmer). Die beiden Basler Tore gehören dabei nicht dazu – dem Abschluss von Frei zum 0:1 wird von «Wyscout» eine Trefferwahrscheinlichkeit von nur 7% zugewiesen, demjenigen von Stocker zum 0:2 gar nur 5%. Der FCB führte also alleine aufgrund der hervorragenden Abschlüsse der beiden Routiniers in diesen beiden Szenen. Beim FCZ waren die Abschlüsse hingegen deutlich weniger gut.

Von der 31. Minute an bis zum Ende der Partie hatte der FCZ zudem mehr Ballbesitz, als Basel. Das war der Zeitpunkt der Auswechslung von Mads Pedersen und der Umstellung von einem 4-2-3-1 auf ein 3-4-1-2. Die taktische und personelle Umstellung veränderte das Bild der Partie tatsächlich stark. Der FCZ bekam das Spiel in den Griff und Basel auf der anderen Seite hatte plötzlich Mühe, die richtige Positionierung und den Zugriff auf die FCZ-Aktionen zu finden. Wie dramatisch sich die Partie mit der taktischen Umstellung veränderte, kann man statistisch unter anderem am PPDA-Wert (Passes allowed Per Defensive Action) des FCZ ablesen, welcher die Pressing-Effektivität misst (je kleiner der Wert, desto besser). Zwischen der 16. und 30. Minute lag dieser bei 23,5 und katapultierte sich dann im Kontrast dazu mit 6,3 zwischen der 31. und 45. Minute und sogar 5,3 zwischen der 46. und 60. Minute auf ein komplett anderes Level.

Der FCB positionierte sich gegen den Ball weiterhin häufig mit grossen Abständen zwischen den Linien à la St. Gallen – aber nicht so gut wie Grün-Weissen. Speziell die Flügel Zhegrova und Stocker wussten nun jeweils nicht recht, ob sie vorne drauf gehen, oder sich eher zurückfallenlassen sollen und machten schlussendlich weder das eine noch das andere richtig. Dies gab dem FCZ trotz numerischer Unterzahl auf den Seiten immer wieder auch dort erstaunlich häufig freie Anspielstationen. Im Spiel ohne Ball agierte das Heimteam seinerseits anders als der Gegner zunächst deutlich konservativer mit einer Fünferkette hinten, was gut funktionierte, und dem FCZ ein Chancenplus einbrachte.

Speziell Marco Schönbächler machte seit langer Zeit endlich wieder mal eine richtig gute Partie! Wie schon zu Zeiten von Trainer Urs Meier scheint «Schönbi» in der Rolle als Linker Aussenläufer bei einer Fünferabwehr richtiggehend aufzublühen. Gerade weil diese Rolle grössere und umfassendere Anforderungen stellt, scheint dies den FCZ-Flügel zu besseren Leistungen zu treiben. Seine Defensivarbeit wirkt deutlich verbessert, und auch nach vorne sind seine Aktionen konkreter und zielstrebiger. Zusammen mit Mirlind Kryeziu machte der 30-jährige die linke Seite gut zu, solange er relativ tief stand. Kryeziu konnte zudem Mal für Mal mit seinen langen Diagonalbällen nach rechts vorne auf Rüegg, Tosin oder Mahi vielversprechende Angriffe einleiten.

Trotzdem kam der FCZ gleichzeitig zu den besseren Torchancen und hätte mindestens eine dieser Möglichkeiten nutzen müssen. Da dies aber nicht passierte, ging man mit der Einwechslung von Marchesano für Domgjoni erhöhte Risiken ein. Die Aussenläufer Rüegg und Schönbächler standen danach deutlich höher. Erst in diesem letzten Drittel der Partie hatte Basel dank den sich öffnenden Räumen dann ein Chancenplus. Auch weil der FCZ zusätzlich zum eingegangenen Risiko Fehler in der Rückwärtsbewegung machte. Beim 0:3 in der 80. Minute hatte Antonio Marchesano fünf Anspielstationen am gegnerischen Strafraum, eine Überzahlsituation, schoss aber wenig inspiriert den gegnerischen Innenverteidiger Alderete an. Schon beim Heimspiel gegen Luzern hatte der Tessiner mit einem ähnlichen Ballverlust gegen Lucas am gegnerischen Strafraum ein entscheidendes Gegentor eingeleitet. ‘’Tonino’’ lief zwar mit zurück, fokussierte sich dabei genauso wie Simon Sohm aber zu stark auf den ballführenden Edon Zhegrova, anstatt das Zentrum zuzumachen. Ähnliches passierte dann beim 0:4 auch den beiden Innenverteidigern Bangura und Nathan.

Speziell Marco Schönbächler und Kevin Rüegg reagierten emotional auf das 0:3 und versuchten mit energischem Forechecking, Vorstössen und Konfrontationen mit Gegenspielern das Ruder noch einmal herumzureissen – allerdings vergebens. Eher lamentierend sah man die Offensivakteure Blaz Kramer und Aiyegun Tosin, die beide ihrer Form von Ende der Vorrunde hinterherlaufen. Kramer agiert in manchen Aktionen zu unaufmerksam und hat das gegenseitige Spielverständnis bisher noch nicht mit allen Teamkollegen gut genug entwickeln können. Der Slowene schafft es zudem zu selten, als Zielspieler Bälle zu halten, bis Mitspieler aufrücken können, was eine enorm wichtige Rolle von ihm im Zürcher Spiel wäre.

Tosin ist bemüht, aber aktuell unglücklich, überhastet und teilweise etwas desorientiert agierend. Nach der Systemumstellung agierte Tosin als zweite Sturmspitze neben Kramer, stand aber speziell vor der Pause mehrmals taktisch schlecht. Eine solche zu tiefe Positionierung Tosins führte in der Folge zum Freistoss, der das 2:0 des FCB kurz vor der Pause brachte, weil davor Bangura an der Mittellinie ins Kopfballduell mit Stocker gezwungen worden war. Ausserdem ging Tosin jeweils viel zu früh und überhastet in den Abschluss. Seine drei Versuche hatten alle einen Expected Goals-Wert von jeweils weniger als 1%.

Zusammenfassend: der FCZ hat gegen Basel verloren, weil er seine Torchancen nicht genutzt und Mads Pedersen einen rabenschwarzen Tag erwischt hat, weil Tosin und Kramer ihrer Form hinterherlaufen und weil beim FCB die Leistungsträger wie immer gegen den FCZ bis in die Haarspitzen motiviert nach Sperren ins Team zurückgekehrt sind. Ausser in Bezug auf das Resultat ging der FCZ aber nicht „unter“. Er hatte bis zur 60. Minute ein Chancenplus und über weite Strecken der Partie mehr Ballbesitz. Auch rüttelten Schönbächler und Rüegg ihre Teamkollegen speziell nach dem 0:3 durchaus mit ihrem energischen Auftreten auf. Nur war es da schon zu spät.

Taktisch verfestigt die Partie die Erkenntnis, dass das 3-4-1-2 grundsätzlich den individuellen Qualitäten der FCZ-Kaderspieler entspricht: die offensiv-orientierten Aussenverteidiger, die Stärken der Innenverteidiger in der Vorwärtsbewegung, die gerne rotierenden und sich überkreuzenden Offensivspieler, sowie der Bedarf an Unterstützung der Aussenverteidiger durch jeweils einen Innenverteidiger als Nebenmann sprechen alle für dieses Spielsystem.

Dem wegweisenden 0:1 für den FC Basel haftete einmal mehr ein Makel an. FCB-Stürmer Cabral stiess im Zürcher Strafraum seinen Landsmann Nathan in den Rücken und verschaffte erst dadurch seinem Team den entscheidenden Vorteil. Auch schon das schnelle 1:0 von Sion vor einer Woche war nur durch ein ungeahndetes Foul von Xavier Kouassi zustande gekommen: Umaru Bangura ist wieder da! Sion – FCZ 1:1 Analyse.

In der Dritten Minute traf zudem Basel-Débutant Orges Bunjaku den zum Schuss ausholenden Mimoun Mahi von hinten. Für ein analoges Foul im Mittelfeld bei einem FCZ-Konter war in der Nachspielzeit eine Woche zuvor der Sittener Xavier Kouassi mit Gelb-Rot vom Platz geflogen. Mahi fiel im Basler Strafraum, die Berührung hatte aber noch knapp ausserhalb der Basler ‘’Box’’ stattgefunden – es hätte also einen frühen Freistoss für den FCZ aus gefährlicher Distanz geben müssen.

Schiedsrichter Athanasios Tzilos aus Griechenland war unter dem Strich trotzdem ein gutes Stück unparteiischer, als Schweizer Super League-Referees. So pfiff er zwei, drei Mal ein unfaires Einsteigen von Cabral im Luftkampf ab, welches Schweizer Schiedsrichter so gut wie nie gegen einen Favoriten pfeifen. Die Szene beim 0:1 mit Cabrals Foul ging schnell und war live sicherlich nicht einfach zu sehen. Man sollte sich aber die Frage stellen dürfen, warum nun im dritten FCZ-Rückrundenspiel in Folge (Foul Kouassi beim 0:1 in Sion, klares Handspiel von Schürpf im eigenen Strafraum gegen Luzern, Foul von Cabral beim 0:1 gegen Basel) der VAR (diesmal Sandro Schärer) bei einer entscheidenden Szene nicht eingriff. Vor allem wenn man sich vor Augen führt, dass er in der Person von Adrien Jaccottet dies bei einer analogen Situation bei einem Stürmerfoul von Jérémy Guillemenot gegen Taulant Xhaka im Spiel FCB – St. Gallen zugunsten von Basel sehr wohl tat, und den Treffer der Grün-Weissen (zu Recht) aberkannte.

FCZ – Basel 0:4 (0:2)

Tore:  1. Frei (Cabral) 0:1, 45.+1. Stocker (Bunjaku) 0:2; 80. Frei (Cabral) 0:3, 84. Frei (Zhegrova) 0:4.

FCZ: Brecher; Rüegg, Bangura, Nathan, Pedersen (31. M. Kryeziu); Domgjoni (62. Marchesano), Sohm; Tosin, Mahi (73. Kololli), Schönbächler; Kramer.

Basel: Omlin; Widmer, Cömert, Alderete, Riveros; Xhaka, Bunjaku (63. Zuffi); Stocker, Frei, Bua (31. Zhegrova); Cabral (80. Van Wolfswinkel).

(Standbilder: Teleclub)