Nach sieben Testpartien im Sommer hat der FCZ in der verlängerten Winterpause sechs Freundschaftsspiele absolviert. Wir erinnern uns: im Sommer gab es sechs Siege aus sieben Spielen bei einem Torverhältnis von 33:7. Die einzige Niederlage (2:3) setzte es in der letzten Partie in Friedrichshafen gegen den VfB Stuttgart ab – nach einer 1:0-Führung durch Willy Gnonto. Die Testresultate und auch die Leistungen waren deutlich besser gewesen, als im Sommer vor der Meistersaison. Aber diesmal musste man zum Auftakt gleich nach Bern und verlor nach einer guten Leistung am Ende klar. Antonio Marchesno, der vor Jahresfrist einen Freistoss nach dem anderen aus 20 Metern über die Mauer gezirkelt direkt verwandelte, verschoss vom Elfmeterpunkt. Häufig läuft es in der Meisterschaft genau umgekehrt wie bei den Tests. Auch in Theaterkreisen gilt: schlechte Hauptprobe bedeutet gute Première – und umgekehrt. Die Testpartien können bezüglich Hierarchien, Taktiken und der Entwicklung einzelner Spieler durchaus Aufschlüsse bieten – nicht aber im Hinblick auf eine Prognose des Startes in die neue Wettbewerbsrunde.

Bledi, Marc, Juni,… – die Zweite Reihe macht Druck

Jetzt im Winter gab es drei Siege, zwei Unentschieden und eine Niederlage bei einer Tordifferenz von 13:12. In jeder der 13 Freundschaftsspiele der Saison hat der FC Zürich ins Netz getroffen. Zum Abschluss wurde der FC Wil bereits zum zweiten Mal in dieser Saison mit dem Resultat von 3:2 besiegt – diesmal im Heerenschürli über 140 Minuten. Die unter Franco Foda gepflegte Spielweise wurde kaum verändert. Sie ist weiterhin von Raumdeckung und Ballkontrolle geprägt. Der neue Trainer Henriksen hat ja auch von Anfang an betont, dass er in erster Linie im kommunikativen Bereich eine Änderung bewirken will – und nicht taktisch.

Die beste Testspielform hatten zuletzt Spieler, die zum Auftakt in Luzern tendenziell auf der Bank erwartet werden können und diesen Status noch verbessern wollen. Marc Hornschuh machte einen sehr erholten, spielfreudigen Eindruck, Bledian Krasniqi steuerte in mehreren Partien mit Toren, Assists und Tempodribblings einen wesentlichen Teil der wenigen Glanzpunkte bei. Roko Simic, der durchaus von Beginn weg Startelfchancen hat, hatte Zug aufs gegnerische Tor. Auch Calixte Ligue bestätigte das Vertrauen von Trainer Henriksen und der Klubführung. So weit wie der zwei Jahre ältere Roko Simic ist er aber natürlich noch nicht. Möglichst viele LInksfüsser im Kader zu haben ist aber immer gut – mit Karol Mets ist in der Winterpause zwar einer gegangen, aber mit den aus Genesio Colatrella’s U21 beförderten Ramon Guzzo und Calixte Ligue zwei weitere hinzugekommen.

Verteidiger in der Rückwärtsbewegung schlecht

Gianni De Nitti machte zumindest in den Testpartien den etwas besseren Eindruck, als Zivko Kostadinovic. Kostadinovic ist grundsätzlich aktuell höher einzustufen, aber er konnte in den Vorbereitungsspielen wenig überzeugen und ist genauso wie De Nitti mit den Füssen deutlich schlechter als Brecher, was in der Liga auf das Zürcher Aufbauspiel einen grossen Einfluss haben wird. Ivan Santini, der im Herbst von den Einsatzzeiten her nur die Nummer 22 im Kader war, konnte sich in den Wintertestspielen nicht empfehlen. Bohdan Vyunnik arbeitet viel für die Mannschaft. Der Ukrainer hat in dieser Saison nach Fabian Rohner (13) in Testpartien am zweitmeisten Skorerpunkte erzielt (fünf Tore, vier Assists). Assan Ceesay war beim FCZ ebenfalls erst der „Testspiel-Goalgetter“, bevor er dann später zum echten Topskorer wurde. Dauerläufer Adrian Guerrero wurde diese Saison auch in Vorbereitungsspielen mit 825 Minuten mit Abstand am meisten eingesetzt. Potentielle Back-Ups gibt es mit Fidan Aliti, Ramon Guzzo, Selmin Hodza, Calixte Ligue, Jonathan Okita und Daniel Afriyie einige. Aber keiner von diesen bringt das Laufvermögen des Spaniers mit.

Die Rückwärtsbewegung von Verteidigern wie Nikola Katic, Lindrit Kamberi oder Ilan Sauter war in den Testpartien auch gegen Gegner wie Dornbirn oder Wil sehr schlecht. Da kann man nur hoffen, dass es alleine an der Spritzigkeit lag – und diese zum Auftakt gegen Luzern wieder da sein wird. Auf insgesamt 545 beziehungsweise 453 Minuten in den Testspielen kommen mit Sauter und Seiler zwei Spieler, die in Wettbewerbspartien für den FCZ in dieser Saison noch keine oder fast keine Rolle gespielt haben. Basierend auf den Auftritten vor allem von Sauter wird sich das wohl auch kaum wesentlich ändern.

Drei neue Stürmer auf der Mannschaftsliste

Die häufigste Spielformation in Ballbesitz war in den Testspielen weiterhin das 3-3-2-2 System, welches im Spiel gegen den Ball häufig zu einem 3-4-3 mit beispielsweise Antonio Marchesano auf dem Linken Flügel wird – wie unter Foda. Gegen Universitatea Cluj und Schalke 04 hat man für die letzten zehn Minuten eine Variante durchgespielt mit Wechsel auf 4-2-3-1 (Hornschuh beziehungsweise Katic auf der Zehner-Position) mit Hohem Pressing. Beide Male hat man so tatsächlich noch ein Tor erzielt. Allerdings kann man in Testspielen mit taktischen Wechseln oder Rhythmuswechseln sehr einfach reüssieren, weil die Gegner jeweils taktisch nicht reagieren, wie dies in einem Meisterschaftsspiel der Fall wäre.

Der FCZ hatte in den ersten 16 Runden Super League 2022/23 gemessen an den zugelassenen Torchancen, man höre und staune, die beste Defensive der Liga! Das grosse Problem war im Herbst die Offensive und dabei wiederum die Position der Stürmer. Diese trugen zu wenig dazu bei, gute Torchancen zu kreieren und waren zudem auch noch im Gegensatz zu letzter Saison im Abschluss sehr ineffizient. Nach der Winterpause tauchen auf dieser Position nun drei neue Namen auf der Mannschaftsliste auf: Roko Simic (Leihe von Salzburg), Daniel Afriyie (Hearts of Oak) und Calixte Ligue (aus dem eigenen Nachwuchs).

Neu wieder mit Alternativen auf dem Flügel

Mittelstürmer Roko Simic hat trotz seiner 19 Jahre das Potential, dem FCZ in der Rückrunde helfen zu können. Das Stürmerblut, der Zug zum Tor ist vorhanden. Er ist gross und bringt eine gute technische Ausbildung mit. Vieles wird bei ihm davon abhängen, wie lange es dauert, bis er sein erstes Tor erzielt. Gelingt es ihm in den ersten drei Spielen, wird es eine gute Runde für ihn. Muss er sechs, sieben Spiele darauf warten, könnte die Halbsaison in Zürich eine zu kurze Episode werden, um positive Spuren zu hinterlassen. Roko’s Vater Dario Simic bestritt vorwiegend als Rechtsverteidiger 100 Länderspiele für Kroatien, stand 1998 im WM-Halbfinal und im Gruppenspiel gegen die Schweiz (0:0) an der EM 2004 ebenfalls in der Startformation.

Daniel Afriyie ist ein typischer Flügelstürmer, der aktuell an den African Nations Championships in Algerien sein Heimatland Ghana vertritt. Im ersten Gruppenspiel gegen Madagaskar (1:2-Niederlage) lief er in einem Zweimann-Sturm auf. Bei seinem ersten Einsatz im Nationalteam im Juni wurde er in der Schlussphase auf der Position des Linken Aussenläufers eingewechselt als Nationalcoach Otto Addo die Dreierabwehr testete, welche dieser später an der WM im Auftaktspiel gegen den Gruppenfavoriten Portugal auch umsetzte. Schritt für Schritt hat der FCZ auf der eine gewisse Zeit lang kaum besetzten Position des Offensivflügels wieder aufgestockt, so dass für ein 4-3-3, 3-4-3 oder 4-2-3-1 auch auf den Flügelpositionen genügend Alternativen für die Startformation und Einwechslungen vorhanden sind: Jonathan Okita, Fabian Rohner, Donis Avdijaj, Aiyegun Tosin, Calixte Ligue und Daniel Afriyie.

Afriyie bereits diese Woche in Zürich?

Afriyie kann sich im Alter von 21 Jahren bereits Meister von Burkina Faso (mit Überraschungsteam Rahimo FC) und Ghana (mit Traditionsklub Hearts of Oak) nennen. Er war zudem Captain von Ghanas U20-Natoinalmannschaft mit der er vor zwei Jahren Afrikameister wurde und im Final gegen Uganda die zwei Tore zum 2:0-Sieg erzielte. Im Testspiel gegen die Schweiz kurz vor der WM 2022 kam er zum Einsatz, am anschliessenden Turnier aber nicht. Die African Nations Championship (CHAN) sind exklusiv in Afrika geborenen Spielern vorbehalten, die in afrikanischen Ligen aktiv sind. Die Spiele des Turniers gelten offziell als „Freundschaftsspiele“ und die Qualifikationspartien werden in vielen Statistiken gar nicht erst als Länderspiele mitgezählt. Afriyie hat in der Qualifikation in drei der vier Partien gegen Benin und Nigeria je einen Treffer erzielt.

Daniel Afriyie gegen Madagaskar in Erwartung eines Penaltys, der dann vom VAR unterbunden wird.

Die 1:2-Niederlage zum Auftakt gegen Madagaskar ist nun aber ein herber Dämpfer. Solomampionona Razafindranaivo und Tokinantenaina Randriatsiferana brachten Madagaskar in Führung, bevor Augustine Agyapong mit einem Flankenball der Anschlusstreffer gelang. Viele Spieler rutschten auf dem Rasen im algerischen Constantine immer wieder weg. Das gleiche passierte auch Afriyie bei einem Richtungswechsel im gegnerischen Strafraum. Der Schiedsrichter entschied überraschend auf Strafstoss. Afriyie bereitete sich darauf vor, den Penalty gleich selbst zu schiessen, aber durch VAR-Intervention wurde dieser nach mehreren Minuten dann doch noch annulliert. Da WM-Halbfinalist Marokko kurzfristig nicht mit von der Partie ist, hat sich die Ghana-Gruppe auf drei Teams reduziert. Somit könnte man bereits am Donnerstag nach der Partie gegen den Sudan ausgeschieden sein.

Das „Bibbern“ hat ein Ende – Ligue in der Super League

Generell lässt sich sagen, dass Afriyie ein wirbliger Spieler mit Überraschungsmomenten ist. Sein Vertrag bei Hearts of Oak lief aus. Er soll im Dezember ein Angebot des spanischen Zweitligisten Leganés (Nachbarort von Getafe im Süden von Madrid) abgelehnt und sich für den FCZ entschieden haben. Gegen Madagaskar gelang Afriyie auf der von ihm nicht präferierten Position im Sturmzentrum allerdings nicht viel. Immer wieder auffällig auch in früheren Spielen mit dem Nationalteam oder mit Hearts of Oak ist, dass Afriyie viel über die Mitspieler lamentiert und bei einem Assist oder Torerfolg meist alleine jubelt. In dieser Hinsicht passt er im negativen Sinn ein wenig ins aktuelle FCZ-Team, bei welchem sich mehrere Spieler selbst in Testspielen ständig benachteiligt fühlen, beim Schiedsrichter heftig reklamieren, und Gegenspieler für ein Freundschaftsspiel unangemessen heftig attackieren. Dzemaili, Marchesano, Katic oder Aliti geben diesbezüglich die Richtung vor und jüngere Spieler wie Condé oder Rohner lassen sich davon anstacheln.

Der Zürcher Calixte Ligue (17) aus dem eigenen Nachwuchs ist der Dritte im Bunde der neuen Stürmer im Kader der 1. Mannschaft. Von allen Talenten aus dem FCZ-Nachwuchs musste in den letzten Jahren bei ihm sicherlich am meisten „gebibbert“ werden, dass er nicht (zu früh) wechselt. Beobachtet wurde er im Heerenschürli und anderswo von ausländischen Scouts schon lange. Denn im Gegensatz zur Mehrheit der Zürcher Talente brachte er schon früh auch die physischen Komponenten mit, die ihn international begehrt machten. Nun hat er aber glücklicherweise den nachweislich erfolgsversprechenderen Weg eingeschlagen, in seiner näheren Umgebung die ersten Schritte im Profibereich zu tätigen und sich zu etablieren. Ligue ist grundsätzlich Mittelstürmer, wurde in den letzten Jahren aber auch viel als Flügelstürmer eingesetzt – und am letzten Blue Stars/FIFA Youth Cup mit guten Leistungen sogar als Aussenläufer in einem 3-5-2 System.

Santini und Avdijaj am effizientesten

Was ist mit den bisherigen Stürmern? Aiyegun Tosin war in seiner Karriere bisher noch nie der grosse Torjäger. Man kann seine bloss vier Ligatreffer (davon drei im letzten Spiel gegen Servette) beklagen, aber sein Torkonto Ende der letzten beiden vollen Saisons beim FCZ lag bei bloss sechs Treffern. Auf seine Entwicklung und eine Leistungsexplosion à la Assan Ceesay wurde beim FCZ zu Beginn der Saison stark gesetzt. Tosin spielt aber vorderhand gleich weiter wie in den Jahren zuvor. Er möchte immer wieder das Spiel in die Hand nehmen und sich spielerisch beteiligen. Entscheidungssituationen mit mehreren Optionen sind aber nicht seine Stärke. Tosin ist viel besser in Drucksituationen, wenn nur noch eine sinnvolle Lösung übrigbleibt. Jonathan Okita ist noch zu stark auf seine „Signature Moves“ fokussiert und müsste häufiger auch mal altermative, einfachere Lösungen wählen.

Antonio Marchesano spielt bisher insgesamt eine durchaus gute Saison, hat aber seine Abschlussqualitäten vorläufig eingebüsst. Mit Willy Gnonto zusammen hatte er von allen Torschützen der bisherigen Vorrunde die tiefste Torquote pro 90 Spielminuten. Anders sieht dies bei Donis Avdijaj und Ivan Santini aus. Diese beiden Stürmer brachten bisher in dieser Saison die so dringend benötigte Effizienz mit. 27,3% aller Abschlüsse von Donis Avdijaj fanden unter Coach Franco Foda den Weg ins gegnerische Gehäuse und Santini hat in jener Zeit 0,6 Treffer pro 90 Einsatzminuten erzielt. Das sind die jeweils klar höchsten Werte im Team. Santini gelang ein sehr gutes Spiel gegen Lausanne-Sport. Zum Zeitpunkt seiner Auswechslung führte der FCZ 2:1 und hatte die Partie im Griff. Die Art und Weise wie Schiedsrichter Bieri gegenüber Lausanne-Verteidiger Anel Husic in dessen unfair geführten Zweikämpfen mit Santini mehr als ein Auge zudrückte, machte danach aber Schule. Statt Husic schien Santini bei den Referees auf einer „Schwarzen Liste“ gelandet zu sein, was den weiteren Verlauf seiner Vorrunde zusätzlich zur ansonsten bereits geringen Einsatzzeit erschwerte.

Sowohl der FCZ wie Servette hatten vor der Winterpause resultatmässig eine sehr gute Phase. Beide haben Neuverpflichtungen getätigt, der FCZ allerdings zu einem früheren Zeitpunkt als die Genfer. Darum ist Karol Mets heute bereits einsatzfähig und bei den Grenats Bedia und Bauer nicht. Ausserdem wird in typischer Servette-Manier Grejohn Kyei, der seinen im Sommer auslaufenden Vertrag nicht verlängern will, ebenfalls nicht nach Zürich mitgenommen. Allerdings beginnt Mets heute auf der Ersatzbank genauso wie Marchesano. Bledian Krasniqi beginnt in der Startformation.

Bei Servette wird wohl Ronny Rodelin die Sturmposition einnehmen und Kastriot Imeri am Flügel auflaufen. Der ehemalige FCZ-Jungspieler Dimitri Oberlin sitzt auf der Ersatzbank.

In der aussergewöhnlichen Saison 20/21 spielte der FC Zürich nur sieben Testpartien – so wenige wie schon sehr lange nicht mehr. Nun hat man allein in der Vorbereitung zur neuen Saison bereits sechs Partien absolviert. Von den eingesetzten 28 Akteuren im FCZ-Dress wurden zwölf auf mehr als einer Position eingesetzt – einzelne davon auf bis zu vier Positionen. Der zu Beginn als Testspieler auflaufende Marc Hornschuh wurde dabei am meisten eingesetzt – vor vier Spielern, die aus dem eigenen Nachwuchs stammen: Mirlind Kryeziu, Fabian Rohner, Bledian Krasniqi und Silvan Wallner.

Nach dem Auftakt gegen Wil gelang dem FCZ währen drei Partien in Folge kein Treffer. Assan Ceesay erzielte alle seine drei Tore im Spiel gegen den SC Kriens. Fabian Rohner ist mit drei Assists (einer davon ein Pfostenschuss aus der Distanz, dessen Abpraller von Kriens’ Selasi ins eigene Tor gelenkt wurde) bei den Torvorbereitungen an der Spitze – bewies aber trotzdem erneut seine Torgefährlichkeit. Salim Khelifi liegt bei der Anzahl Minuten pro Skorerpunkt an der Spitze. Dafür genügte ein direkt verwandelter Freistoss gegen den beim FC Wil im Kasten düpierten Nils De Mol. Danach sah man den Waadtländer an Krücken an den Spielen. Genau so fehlen die verletzten Dzemaili, Koide und Tosin.

(Spieler sind auf der Grundposition aufgeführt, auf der sie in der Vorbereitung am meisten gespielt haben. Spielten sie auf zwei Grundpositionen genau gleich lang, dann wird diejenige genommen, auf der sie zuletzt im Einsatz waren)

In der letzten Saison war Wilfried Gnonto der beste Torschütze in den sieben Testspielen gewesen (zwei der drei Treffer gegen Luzern), Antonio Marchesano der beste Assistgeber vor Salim Khelifi.

Marchesano spielte zusammen mit Yanick Brecher am meisten und Nils Reichmuths Treffer in einem 45 Minuteneinsatz machte ihn zum effizientesten Skorer.

6:1 gegen Kriens, 1:4 gegen Xamax – wo liegt die Wahrheit? (FCZ-Sommer, Teil 1)

Totale taktische Variabilität unter Breitenreiter (FCZ-Sommer, Teil 2)

Das Breitenreiter-Team im Formcheck (FCZ-Sommer, Teil 3)

Zuschauer waren noch keine zugelassen, aber trotzdem herrscht wieder etwas mehr eine Atmosphäre von «Normalität» zum Start der Testspielkampagne des Sommers 2021. Und doch ist einiges ungewöhnlich: zum Beispiel startet der FCZ mit einem neuen Trainer in die Saison. Solch eine «komfortable» Situation zum Arbeitsstart hatte seit Rolf Fringer vor neun Jahren keiner der darauffolgenden FCZ-Übungsleiter mehr gehabt. André Breitenreiter war denn auch während dem Spiel auf den von Trainern üblicherweise eingenommenen Positionen in der Coaching Zone oder auf der Bank anzutreffen und gab ähnlich wie Vorgänger Rizzo ruhig von Zeit zu Zeit gezielt Anweisungen zur Positionierung, Auslösen des Pressings oder auch mal eine Aufmunterung. Ganz anders sein Konterpart Alex Frei. Der sass auf der gegenüberliegenden Seite auf der Tribüne im angeregten Gespräch mit Alain Nef und überliess seinen Assistenztrainern die ganze Arbeit vor, während und nach dem Spiel. Ein ungewöhnliches Bild nach dem letzten Jahr auch die Spielerbank, wo alle Ersatzspieler und der Staff wieder dichtgedrängt sassen wie in den «guten alten Zeiten».

Wil fokussiert – der FCZ beginnt lockerer

Die Gäste aus der Äbtestadt spielten sich vor der Partie fokussiert ein, und liefen nach der Partie auf einem Nebenplatz intensiv aus. Und so starteten sie auch in das Spiel selbst. Von der ersten Sekunde zog Wil das Tempo an, schaltete schnell um, und orientierte sich zielstrebig Richtung FCZ-Tor. Der FCZ mit sechs eingesetzten ehemaligen Wil-Spielern (Brecher, Rohner, Kostadinovic, Kamberi, Krasniqi, Koide) ging alles etwas lockerer an und brauchte Zeit, um ins Spiel zu finden. Danach sah man aber durchaus auch gute Ansätze. Testspieler Marc Hornschuh lief fortwährend die für einen Innenverteidiger notwendigen Laufwege, um für die Mitspieler immer gut anspielbar zu sein. Der Deutsche Abwehrmann spielte als einziger Zürcher die Partie durch und agierte in der Zweiten Halbzeit auf der Sechserposition – allerdings so gut wie ohne Einfluss aufs Spiel.

Comeback der «Acht» im «Eins»

Das war beim in der Zweiten Halbzeit eingesetzten Bledian Krasniqi anders. Nach zwei Jahren Leihe in Wil deutete der Techniker an, dass er mittlerweile im Mittelfeld auch dorthin gehen kann, wo’s weh tut – was für einen Ballverteiler auf Super League-Niveau unabdingbar ist, um die entscheidenden Räume schnell genug finden und bespielen zu können. Neben ihm stand Vasilije Janjicic nach beinahe einem Jahr erstmals wieder für die 1. Mannschaft in einem Spiel auf dem Platz. Sehr erfreulich! Die Neuverpflichtungen Boranijasevic und Buschman wirkten nach wenigen Tagen natürlich noch nicht richtig integriert im Team. Boranijasevic deutete seine Qualität aber trotzdem an, während der 18-jährige Buschman erstmal etwas erschrocken ob der Intensität und dem Tempo wirkte und bei seinem ersten Einsatz im FCZ-Trikot Lehrgeld bezahlte.

Spieler aus der Zweiten Reihe riechen Lunte

Der aus der Slowakei zurückgekehrte Willie Britto und Filip Frei wirkten motiviert, sich dem neuen Trainer zeigen zu wollen, während Nils Reichmuth im Vergleich beispielsweise mit dem vor ihm im Zweimannsturm mit Blaz Kramer agierenden FCZ-Toptorschützen Antonio Marchesano deutlich weniger lief. Salim Khelifi traf frech mit einem Freistoss in die nahe Ecke zum zwischenzeitlichen 2:1 (Schlussresultat: 2:2) und profitierte dabei allerdings auch vom Wiler Schwachpunkt Nils De Mol im Tor, der schon in der letzten Partie der letzten Saison gegen den FC Thun einen eigentlich völlig harmlosen Ball über die Torlinie hat passieren lassen.  Stephan Seiler, der auf der Zehner- oder Achter-Position besser aufgehoben ist, musste als Sechser mit Problemen von Breitenreiter immer wieder auf seine Stellungsfehler hingewiesen werden.

Buschman muss sich noch zurechtfinden

Der FCZ begann die Partie in einem 4-4-2 mit Rhombus (Raute) im Mittelfeld und stellte genau zur Hälfte der Ersten Halbzeit auf ein 3-3-2-2 um. Diese Formation wurde in der Zweiten Halbzeit über die vollen 45 Minuten durchgezogen. Zwar schien Breitenreiter das System fünf Minuten vor Schluss nochmal umstellen zu wollen, aber seine Anweisungen wurden nicht umgesetzt. Dies lag in erster Linie am auf der gegenüberliegenden Seite der Trainerbank agierenden Buschman, der die Vorgaben ganz offensichtlich nicht verstanden hatte, und seine alte Position hielt. Dies führte erst zu einem Durcheinander, worauf sich die FCZ-Spieler wieder zurück auf ihre alten Positionen begaben, um die Balance der Positionierungen nicht zu verlieren.

Bahloul, Strittmatter, Kryeziu und die sich schliessenden Kreise  

Der FC Wil agierte die ganze Partie hindurch in seinem üblichen 4-2-3-1 und wechselte zur Pause personell ebenfalls durch. In der Ersten Halbzeit machte sich der 20-jährige in Argentinien geborene Innenverteidiger Santiago Miranda (ex-YF Juventus) mit der für Verteidiger seines Heimatlandes bekannten und für ein Testspiel unüblichen Härte auf sich aufmerksam. Neuverpflichtung Sofian Bahloul erzielte wie schon zu Beginn der letzten Saison mit Chiasso im Cup ein Tor gegen den FCZ mit seinem linken Fuss. Erfreut beobachtet von dessen Beratern auf der Tribüne: Ex FCZ-Vizepräsident René Strittmatter mit Sohn Philippe. Der Kreis zum letzten Saisonstart schloss sich auch diesbezüglich, als Mirlind Kryeziu wieder dabei war. Erst links in einer Vierer-, dann in der Dreierabwehr. Sein Auftritt war nicht speziell gut, aber auch bei weitem nicht so haarsträubend wie vor Jahresfrist zum Auftakt gegen Schaffhausen.

Elijah – Nie usenand gah

Wie entstehen Kurvenlieder im Normalfall? Man nehme den Song eines bekannten Musikers, setze die Fanbrille auf und interpretiere einen Liebessong für eine schöne Frau Wort für Wort in einen Liebessong für den einzig wahren Fussballverein der Welt um. Dabei geht es auch einfacher: der Musiker sitzt selbst im Fanlokal, schrummt auf der Gitarre und gibt einige Textvorschläge zum Besten. Der Kurven-Capo braucht nur noch mit «Daumen rauf» anzuzeigen, welche Strophen genommen werden. Am Wochenende fährt man dann in die Stockhorn Arena nach Thun und dort singt die Kurve das neue Lied mit einer solchen Inbrunst, dass ein musikalischer Marder ins Stadion gelockt wird. Dieser muss gleich zwei Mal von einem FCZ-Spieler (erst Loris Benito, dann Piu Da Costa) eingefangen werden, weil das gesellige und zugleich freiheitsliebende Tier zwischendurch den Ordnern wieder aus dem Sack entwischt. Selbst ein Kind der Südkurve, hatte Elijah Salomon seinen ersten musikalischen Auftritt in der Flachpassbar im alten Letzigrundstadion. Von dort schaffte er es bis in die Bob Marley-Studios in Kingston, Jamaika, und zum Gewinner des europäischen Reggae Contest. Dies während sein Bruder auf der Geschäftsstelle des FC Zürich die administrativen und organisatorischen Belange zusammenhielt. «Nie usenand gah» orientiert sich an den italienischen Wurzeln der beiden. Mit entsprechendem Pathos und Melancholie. Es war bis zur Corona-Pause im Süden der roten Letzigrundschüssel immer wieder zu hören – und hoffentlich bald wieder!   

Radio 200’000 – D Kurve chläbt

Sommer, Sonne, Wind im Haar, eine Auswärtsfahrt ins Tessin und aus den Boxen dröhnt der Bass zu «D Kurve chläbt». Der Track würde an jedem Vereinslieder-Contest die Kategorie «ironische Songs über das Innenleben einer Fankurve» gewinnen –  denn er wäre fast immer der einzige Kandidat. Die Kurve ist schliesslich (fast) überall eine sehr… eeeernste Angelegenheit. Eine klebrige Südkurve haben die Jungs von Radio 200’000 als Mitglieder der Gruppierung «Hallygally» häufig erlebt. Angeblich sei Hallygally eigentlich ein BSC (Brettsportclub) – und damit ist nicht Schach gemeint. Als «Primitive Lyrics» gehörten Radio 200’000 MCs Anfang 90er-Jahre zu den Pionieren des Schweizer Hip Hop. Später dann vor allem auch graphisch tätig bei Quantensprüngen in der Entwicklung der Südkurven-Choreographien, der Graffiti-Bemalung der Mannschaftskabine unter Sportchef Fredy Bickel oder einer speziellen Kollektion an Fanutensilien. Aus Jux begannen sie unter neuem Namen wieder Musik zu machen. Ihr Titel «Eisprung» war in der Folge der Gassenhauer in Oberstufen-Skilagern von Flims bis  Obergoms mit einer genauen Anleitung für die Nachwuchshoffnungen unter den angehenden Vätern: «Am Tag X muesch eifach voll parat si wie i de 93. Minute de FC Züri!». Ausserdem tourten sie mit ihrem Züridütsch-Rap durch Costa Rica und traten am Open Air Frauenfeld auf. Mit dabei an Konzerten in der Schweiz häufig ein Grüppchen aus der Kurve und irgendein Typ, der aus dem Hintergrund «Hopp YB!» ruft. So wie früher, als es noch keine Sektorentrennung gab.

FCZ Frauen – Alli gmeinsam

Ebenfalls auf Initiative eines Protagonisten aus der Südkurve geht «Alli gmeinsam» zurück. In der Geschichte des Fussballs gab es vor allem im deutschsprachigen Raum zu viele Fussballer, die zum Singen gezwungen worden sind. Das war bei den FCZ Frauen ganz offensichtlich anders. Produzent Sterneis („Pate des Zürcher Mundart-Rap“, Tages-Anzeiger) war sehr angetan von den Mädels: «Sie haben einiges auf dem Kasten». Nicht nur fussballerisch. Barla Deplazes, Cinzia Zehnder, Riana Fischer, Barbara Beutler und Co. schrieben auch ihre Texte selbst. Eine echte Vereinshymne! Klarer Favorit in der Kategorie «Singende Fussballerinnen»!

Züri Projäkt – Mir wänd nur dä FCZ

Schon wieder ein klarer Kategoriensieger, denn: wie viele Hardcore Metal-Vereinslieder gibt es weltweit? Die Südkurvenband Züri Projäkt hat davon gleich eine ganze Handvoll produziert. «Mir wänd nur dä FCZ» erinnert daran, dass es mal eine Zeit vor Hip Hop gab. Als die Stehplätze in sich nahe der Abbruchreife befindenden Schweizer Stadien von Sticker sammelnden Kuttenträgern dominiert wurden. Aufgenommen wurde der Titel zu Zeiten der Auf-/Abstiegsrunde 1999/2000, in welche der FCZ aufgrund eines administrativen Formfehlers (zu viele ausländische Spieler auf dem Matchblatt) im letzten Vorrundenspiel gegen Neuchâtel Xamax gerutscht war. Der polyglotte Trainer Raimondo Ponte schien die Idee hinter „zu viele Ausländer“ grundsätzlich nicht verstanden zu haben. Trotzdem oder gerade deshalb hiess die Devise: «Tschäggsches jetzt – FCZ!» 

Schoedo – Züri ghört de Zürcher

Den Reigen beschliesst Schoedo. «Züri ghört de Zürcher» – singt der geborene Berner «Fussball-Troubadour» Schömi. Als er vor zwei Jahrzehnten in die Limmatstadt gezogen ist, hat er schnell begriffen: Fussball in Zürich heisst Rivalität. YB-Fans finden den FC Breitenrain sympathisch und der Mutterverein FC Bern spielt schon seit Urzeiten keine wesentliche Rolle mehr. In Zürich sowie den Kleinstädten und Dörfern rundum hingegen weiss jeder Jugendliche, wer zur gleichen und wer zur anderen Seite gehört. Der Graben geht durch Schulhäuser, Büros und Amateurvereine. Es herrscht seit Jahrzehnten ein «Graffiti- und Kleberkrieg» im öffentlichen Raum und manchmal geht es auch etwas darüber hinaus. Mit Band-Partner Dominik Sheta hat Schömi viele FCZ-Vereinslieder publiziert und nimmt dabei wie es sich für einen Troubadour gehört, jeweils kein Blatt vor den Mund. Tröstend und provozierend zugleich ist an «Züri ghört de Zürcher» typisch für ein Vereinslied, dass der Konsum von Bier eine grosse Rolle spielt. Untypisch ist die Qualität des Songs und der Produktion.  

Hier gehts zum Grand Prix de la Vereinslieder

Bild: FC Thun

Vor dem Abstiegskampfduell im Wallis werden Erinnerungen wach an den 2:1-Auswärtssieg bei einem anderen Westschweizer Klub, Xamax, im Mai vor zwei Jahren. Diesmal kommt es bereits früher zu diesem wichtigen Direktduell – aber ganz ohne die damals zahlreich mitgereisten FCZ-Fans (nicht nur im Gästesektor, sondern auch auf Haupt- und Gegentribüne). Und diesmal geht es nicht bloss um das Verhindern der Barrage (GC war bereits abgeschlagen Letzter), sondern um die ziemlich wahrscheinliche Abwendung des Direktabstieges im Falle eines Auswärtssieges im Tourbillon. Bei einer Niederlage wäre hingegen der Vorsprung auf den letzten Platz nur noch fünf Punkte – und Sion, das mit Sicherheit noch lange nicht aufgegeben hat, würde neue Hoffnung schöpfen.

Was den Kampf gegen den Barrageplatz betrifft, muss man aus Sicht des FCZ aufgrund der Entwicklungen der letzten Wochen eher hoffen als befürchten, bis zum Heimspiel gegen Vaduz am letzten Spieltag am 21. Mai immer noch darin involviert zu sein und alles in den eigenen Füssen zu haben. Angesichts der positiven Formkurven von Luzern und vor allem Vaduz könnte hier tendenziell das keinesfalls schwache St. Gallen zum härtesten Konkurrenten des Letzigrundteams werden. Historisch hat der FCZ eine klar positive Bilanz gegen den FC Sion – selbst im Cup! Wohl nur gegen YB und St. Gallen hat man noch mehr Spiele gewonnen. Die Bilanz seit dem letzten FCZ-Meistertitel 2009 ist hingegen sehr ausgeglichen. Normalerweise wechseln sich Siege und Niederlagen ab. Aktuell ist man hingegen in der dritten „Unentschieden-Phase“ nach 09/10 und 16/17/18 mit zuletzt vier davon in fünf Duellen.

Der aus dem FCZ stammende Anto Grgic ist nicht nur der Sion-Spieler mit den meisten Spielminuten, sondern auch Sinnbild für die aktuellen Auftritte der Walliser. Grgic ist sowohl für die besten wie auch die schlechtesten Aktionen seines Teams verantwortlich: unkonstant im Verlauf einer Saison und auch einer Partie – viele Ballverluste, Unkonzentriertheiten und fehlendes Umschalten. Als einer der besten Standardschützen der Liga sorgt er gleichzeitig für Gefahr. Auch zuletzt bei den letztlich in den Schlussphasen mit 0:3 verlorenen Partien gegen YB und Vaduz. Aber das Aluminium oder der gegnerische Torhüter verhinderte jeweils eine Walliser Führung. Die Walliser haben eine gute Physis und viele Spieler mit technischen Qualitäten. Was zur Zeit fehlt, ist „das gewisse Etwas“, wobei dieses gewisse Etwas herausragende fussballerische Einzelleistungen sein könnten, oder auch ein Spieler mit überragenden mentalen Stärken: grundsätzlich nicht viel anders wie beim FCZ. Bei der letzten Direktbegegnung im Letzigrund sorgte der zuletzt angeschlagen gewesene Luca Clemenza für eine spezielle Aktion beim Führungstreffer der Rot-Weissen bereits in der 12. Minute. Möglich, dass der Italiener für die Partie gegen den FCZ wieder ins Team zurückkehrt.

Beim FCZ muss bedenklich stimmen, dass man gegen ein müde wirkendes St.Gallen und ein noch matteres Servette keine besseren Resultate erzielen vermochte. Etwas Hoffnung gibt die sich von Woche zu Woche verbessernde Kadersituation. Ein wichtiger Faktor könnte sein, dass die lange angeschlagen gewesenen Marchesano, Kololli, Tosin oder Dzemaili auf Ende April / Anfang Mai hin nun besser in die Gänge kommen. Mit Henri Koide ist eine Alternative für die zuletzt wenig produktive Vordermannschaft vorzeitig aus Wil zurückgekehrt. Und gegen Sion sollten Rohner, Nathan und Doumbia wieder mit von der Partie sein.

Im Saisonverlauf ist ersichtlich, dass mit der Übernahme von Massimo Rizzo als FCZ-Trainer die Anzahl Gegentore bis zur Winterpause drastisch reduziert werden konnten – in einer ersten Phase bis zum 4:0-Heimsieg gegen Lausanne-Sport sogar mit einer gleichzeitig leichten Steigerung der eigenen Torproduktion. Man verwendete viel mehr Energie für die Defensivarbeit als unter Magnin und verteidigte konsequent. Weil man defensiv besser stand (unter anderem auch dank den Neuverpflichtungen Aliti und Doumbia) und Bälle eroberte, wuchs auch das Selbstvertrauen im Spiel nach vorne. Die Gegner mussten sich in dieser Zeit erst an die neue Spielweise des FCZ adaptieren und konnten die Anzahl schneller FCZ-Konterangriffe durch die Mitte und Ballverluste in der eigenen Platzhälfte erst mit der Zeit reduzieren. Ab Dezember schien es dann bei mehreren wichtigen FCZ-Spielern an Energie zu fehlen.

Nach der Winterpause versuchte der FCZ offener zu spielen und einen grösseren Teil des Energiehaushaltes für das Spiel mit Ball aufzuwenden. Man ging mehr Risiken ein mit einer höher stehenden Verteidigungslinie. Sowohl die Anzahl erzielter Tore wie auch der Gegentore ging damit rauf. Das Problem war, dass ab der 1:4-Heimniederlage gegen YB im Trend die Gegentore die selbst erzielten Tore übertrumpften und hoch blieben, während in der Folge die erzielten Tore wieder sanken. Man war wieder am gleichen Punkt angelangt wie unter Ludo Magnin. Ohne defensive Stabilität zu wenig Balleroberungen, keine Sicherheit, kein strukturiertes Spiel – und man baut so die Gegner auf, die sich dann teilweise in einen Rausch spielen können.

Nur auf der Basis einer stabilen Defensive kann mit der Zeit (und es braucht dafür Geduld!) auch eine attraktive Offensive gedeihen. Lucien Favres Meisterteams waren bekannt für ein offensiv attraktives Spiel – sie holten die Titel in erster Linie aber dank der besten Verteidigungs- und Balleroberungsarbeit als Team. Der FCZ hat den internen und externen Rufen nach mehr Offensive nach der Winterpause zu stark nachgegeben. Den umgekehrten Weg ist Vaduz gegangen – sie haben ihr bereits schon zuvor defensives System nach der Winterpause noch stärker defensiv ausgerichtet mit der Zurücknahme eines weiteren Stürmers ins Mittelfeld: von einem 5-3-2 in ein 5-4-1. Und damit haben sie ihre Erfolgsserie gestartet. Um die richtige Balance zwischen Defensive und Offensive zu finden, ist es entscheidend, die eigenen Qualitäten nicht zu überschätzen. Die Vaduzer Innenverteidiger wirken nur deshalb so stabil, weil vor ihnen die Mittelfeldspieler und der einzige Stürmer enorm viel Laufarbeit verrichten. Beim FCZ müsste dementsprechend der Ausfall von Lasse Sobiech durch kompaktere Defensivarbeit des ganzen Teams kompensiert werden.

Während der FCZ ungefähr von der fünften bis zur 18. Runde bei gleitendem Durchschnitt eine positive Tore- vs. Gegentore-Bilanz aufzuweisen hatte, konnte der FC Sion die ganze Saison hindurch nie von einer solchen Phase profitieren. Zwischen der siebten und der 14. Runde war die Bilanz sogar stark negativ und seit der 21. Runde (kurz nach dem Ausscheiden aus dem Cup in Aarau) ging die Negativschere vor allem wegen sinkender eigener Torproduktion erneut auf – ähnlich wie beim FCZ. Davor hatte der neu dazugestossene Brasilianer Wesley (zur Zeit wieder verletzt) für eine gewisse Zeit für etwas frischen Wind gesorgt und Anto Grgic gelangen beim 3:2-Heimsieg gegen St. Gallen gleich alle drei Treffer.

Dabei könnte die Situation für Sion noch weit ungemütlicher sein. Wären die Spiele der Walliser den Torchancen (Expected Goals) entsprechend ausgegangen, hätte Sion zwar vier Tore mehr erzielt, aber auch neun Tore mehr kassiert. Und da Sion mehrmals trotz gleich guter oder gar schlechterer Torchancen die vollen drei Punkte „gestohlen“ hat, hätte es nach Erwarteten Toren unter dem Strich volle zehn Punkte weniger auf dem Konto und würde bereits jetzt als direkter Absteiger so gut wie feststehen. Vom 17. Dezember bis zum 23. Januar hatte Sion seine resultatmässig beste Phase der Saison mit zwei Siegen und drei Unentschieden (neun Punkte) gegen Servette, Vaduz, FCZ, Lugano und Lausanne – aussergewöhnlich daran ist: an den Torchancen gemessen hätten die Walliser statt neun nur einen Punkt holen dürfen! Mit ziemlicher Sicherheit wäre dann der Trainerwechsel im Tourbillon ebenfalls früher gekommen. In Bezug darauf, was die Mannschaft kreiert und zugelassen hat, war es eigentlich nicht die beste, sondern die schlechteste Phase der Saison.

Der FCZ hat unter dem Strich in dieser Saison bisher drei Punkte „gestohlen“ und würde ohne diese heute also auf dem Barrageplatz stehen. Die „gestohlenen Punkte“ hat man nach der Winterpause geholt, denn zu Weihnachten hatte der FCZ noch zwei Punkte „zu wenig“ auf dem Konto. Dies zeigt, dass der Leistungsabfall im neuen Jahr eigentlich noch stärker war, als es die Punktebilanz an und für sich bereits aussagt.

Eine der beliebtesten Erklärungen vieler Trainer und Spieler weltweit für Misserfolg ist: „wir haben unsere Chancen nicht genutzt“. Dahinter steht die Message: „eigentlich sind wir schon gut, es fehlt uns einzig das Glück im Abschluss“. Die Erklärung wird so häufig benutzt, dass sie in der Mehrheit der Fälle unmöglich stimmen kann. Bei kaum einem anderen Thema ist die Wahrnehmung von Direktbeteiligten (und auch Fans) im Fussball so subjektiv wie bei den Torchancen. Die eigenen Torchancen wirken in der Erinnerung grösser und zahlreicher, als sie tatsächlich waren – und die nicht genutzten Einschussmöglichkeiten des Gegners werden wahlweise verdrängt oder ignoriert. Ergab sich daraus (mit viel Mazel) kein Gegentor, dann war alles okay: „wir hatten das Spiel im Griff“.

Der FCZ kann sich über die ganze Saison hinweg bisher nicht über „fehlende Effizienz“ beklagen. Speziell in der Rückrunde bis zum 1:1 gegen Lausanne-Sport war man effizient im Abschluss. Rechnet man Spiel für Spiel, dann hätte man gemäss „Expected Goals“-Statistik gerade mal ein Tor mehr erzielen müssen, als man es tatsächlich getan hat. In der aktuellen Saisonphase erzielt man wenig Tore, weil man sich wenig Torchancen erarbeitet – nicht aufgrund der Effizienz. Die Walliser hingegen hatten bei ihrem resultatmässig schlechten Saisonstart mit fünf sieglosen Spielen stark mit fehlender Effizienz zu kämpfen – und auch in der Rückrunde eine ineffiziente Phase. Aktuell nimmt ihre Abschlusseffizienz aber wieder zu.

Auch die Abschlusseffizienz der jeweiligen Gegner spielt eine Rolle. Diese kann jeweils auch als eine aussagekräftige Torhüterstatistik betrachtet werden. Denn wenn in der Summe die gegnerischen Stürmer mehr Tore erzielen, als die Torchancen dies voraussagen würden, dann liegt dies vor allem an schlechten Leistungen des eigenen Torhüters. Dies war beim FCZ zu Beginn der Saison der Fall. Die hohe gegnerische Effizienz (beziehungsweise tendenziell schlechte Leistungen Yanick Brechers zu Saisonbeginn) trugen also ihren Teil zum Trainerwechsel von Magnin zu Rizzo bei. Zum Ende der Vorrunde hin wurde Rizzo’s Team hingegen durch statistisch gute Torhüterleistungen mitgetragen. Mittlerweile sind diese wieder durchschnittlich geworden. Beim FC Sion startete Kevin Fickentscher zu Saisonbeginn gut, dann flachten seine Leistungen auf ein durchschnittliches Level ab. Darauf kam es zum Torhüterwechsel zu Timothy Fayulu, welcher den gleichen Prozess (zuerst immer bessere Leistungen, dann wieder ein Abflachen der Leistungskurve) durchlief, worauf erneut Fickentscher ins Gehäuse gestellt wurde. Dessen Auftritte haben in seiner zweiten Phase nun aber eine leicht negative Tendenz. Es ist zu keinem zweiten Höhenflug gekommen. Eine schlechte Bilanz hatten beide Torhüter aber nie. Sie gehören insgesamt zu den Stützen des Teams. Sowohl Sion wie auch der FCZ haben also eines Gemeinsam: die Entwicklung in dieser Saison ist eigentlich noch schlimmer, als es die aktuelle Tabelle aussagt. Beide Equipen brauchen einen grossen Ruck, der durch die Mannschaft geht, um das Steuer wieder herumzureissen.

Vor der Nationalmannschaftspause tritt der FCZ zu seinem zweiten Saison-Auswärtsspiel gegen den klaren Tabellenführer YB an, der seit dem 2:0-Auswärtssieg in Leverkusen in der Meisterschaft vier Mal Unentschieden gespielt und im Europacup zwei Mal verloren hat. Auf tieferem Niveau ganz ähnlich zuletzt der Verlauf beim FC Zürich. Nach dem 2:0-Heimsieg gegen den FC Basel scheint der Hunger auf Siege wieder etwas nachgelassen zu haben – mit fünf Punkten in ebenso vielen Partien hatten die Zürcher zuletzt einen unterdurchschnittlichen Punkteschnitt und waren damit sogar noch gut bedient, wenn man bedenkt, dass der jeweilige Gegner in jeder dieser Partien ein (teilweise klares, teilweise knappes) Chancenplus aufzuweisen hatte.

Beide Teams treten im Wankdorf also nicht gerade in der Blüte ihres diesjährigen Schaffens an. Die Frage ist: wer schafft es, sich aus dem Sumpf zu ziehen? Nach der eher unverdienten 1:2-Niederlage zum Saisonauftakt in Bern war man im Heimspiel Anfang Februar (1:4) gegen ein YB in Topform praktisch chancenlos gewesen – auch wegen eines völlig missratenen Auftrittes von Blerim Dzemaili. Der Zürcher Torschütze aus dem Auftaktspiel, Benjamin Kololli, ist nach genau dreimonatiger Absenz mittlerweile gegen Lausanne zu seinem ersten Teileinsatz gekommen.

Wegen Personalmangels auf der Innenverteidigerposition hat man Lindrit Kamberi vom FC Winterthur zurückgeholt. Den Eulachstädtern haben Kamberis regelmässige spielentscheidende Konzentrationsmängel in der Meisterschaft viele Punkte gekostet. Nur schon ohne die Hälfte von diesen Schnitzern wäre Winterthur im Aufstiegsrennen noch voll mit dabei. Neu ist dieses Phänomen beim Volketswiler nicht – es hat ihn auch schon durch seine Juniorenkarriere begleitet. Dazu kommt seine für einen Innenverteidiger eher geringe Grösse und Antrittsschnelligkeit. Die gute Ausbildung, die Sprungkraft und die von allen Seiten gelobte sympathische Ausstrahlung alleine reichen langfristig betrachtet wahrscheinlich nicht für eine Super League-Karriere. Auch für eine langfristige Etablierung in der Challenge League muss er noch konstanter werden.

In der Innenverteidigung ist Nathan der verbliebene sichere Wert. Becir Omeragic, auch wenn er mit zunehmendem Saisonverlauf immer aktiver im Spiel nach vorne wird, war in den letzten drei Partien gegen die drei „L“ (Luzern, Lugano, Lausanne) insgesamt ungenügend. Wallner ist komplett in ein Loch gefallen. Aliti verkörpert den so lange gesuchten sicheren Wert als Linksverteidiger – der beste beim FCZ seit Loris Benito. Symbolhaft für seine Qualitäten die Art und Weise wie er und Nathan sich beim enorm wichtigen „Dreier“ in Lugano bei einer „hundertprozentigen“ Lugano-Doppelchance in die Abschlüsse aus kurzer Distanz warfen. Mit Ceesay versteht sich Aliti auf der linken Seite offensiv sehr gut und der Gambier hat defensiv grosse Fortschritte gemacht – allerdings mangelte es ihm zuletzt an Konstanz.

Die rechte Seite war beim FCZ zuletzt eindeutig schwächer als die linke und wurde von Gegnern wie Luzern oder Lugano dementsprechend auch deutlich mehr bespielt – nicht von Servette allerdings, denn die Genfer spielen so oder so immer über rechts, egal wie der Gegner aufgestellt ist. Ein möglicherweise sehr gut harmonierendes Duo für die rechte Seite wären Rohner und Winter. Beide haben sich nach der Winterpause stark verbessert gezeigt, und würden sich als Spielertypen gut ergänzen, da Winter mittlerweile nicht mehr der schnelle Flügelflitzer ist, sondern eher durch Umsichtigkeit positiv auffällt. Vor allem könnten sich die beiden in Bezug auf das Positionsspiel sehr gut komplementieren und je nach Spielsituation flexibel die Rollen tauschen.

Am wenigsten Fragezeichen ergeben sich im Zentrum. Ousmane Doumbia hatte zwar zwischenzeitlich Leistungsschwankungen, ist mittlerweile aber wieder auf dem aufsteigenden Ast. Antonio Marchesano ist mit seiner Laufbereitschaft ein Vorbild, organisiert die Mannschaft und macht mit seinen Direktpässen das Spiel schnell. Toni Domgjoni ist zusammen mit Marchesano der konstanteste Spieler auf gutem Niveau. Und Stephan Seiler hat seine Chancen gegen Servette, Luzern und Lugano alle genutzt. Domgjoni, Stammspieler im Zentralen Mittelfeld der U21-Nati, wird den FCZ mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit im Sommer genauso verlassen wie Hekuran Kryeziu, welcher zuletzt zwar den ein oder anderen Schnitzer in seinem Spiel hatte, dem man aber sein Bemühen, sich für Interessenten in einem möglichst guten Licht zu zeigen, nicht absprechen kann.

Ganz anders sieht es mit der Position der Sturmspitze aus, wo Blaz Kramer technisch und von der Spielintelligenz her die Mindestanforderungen für ordentliches Super League-Niveau weiterhin nicht erfüllt. In der Challenge League hingegen würde Kramer mit seinen physischen und Speed-Vorteilen, und dem was er in den letzten anderthalb Jahren beim FCZ gelernt hat, wohl einer der Topstürmer sein. Sollte Benjamin Kololli es nochmal schaffen, seine Form, die er unmittelbar nach dem Lockdown von MItte Juni bis Mittel Juli 2020 einen Monat lang gezeigt hatte, wieder abzurufen, wäre er auf dieser Position eine Lösung.

Nach 25 Runden hat der FCZ gleich viele Punkte wie vor zwei Jahren auf seinem Konto und zwei Punkte weniger als vor Jahresfrist – trotz bester Tordifferenz in der Super League zu diesem Zeitpunkt der Saison seit 14/15. Der Vorsprung auf den zweitletzten Platz ist vor der 26. Runde in Bern bei acht Punkten – dem geringsten Abstand seit der Abstiegssaison 15/16. Von 19 Punkten Reserve auf den Zweitletzten und 22 Punkte auf den (direkten) Abstiegsplatz wie letztmals in der Saison 14/15 konnte man in den letzten Jahren nur träumen. Auffällig ist, dass in sieben der aufgelisteten zehn Saisons der FCZ zu diesem Zeitpunkt zwischen 32 und 36 Toren erzielt hat. Dank der zu Beginn von Massimo Rizzos Amtszeit und dann wieder zum Restart nach der Winterpause ziemlich zahlreich erzielten Tore liegt man trotz aktuell unterdurchschnittlicher Performance mit Ball Richtung gegnerisches Tor im Saisonschnitt hier etwas über dem Schnitt der letzten Jahre. Dies bei gleichzeitig starker Verbesserung der Defensive im Vergleich zu letzter Saison.

Der Kurzauftritt von Benjamin Kololli gegen Lausanne bietet trotz vieler Fehler und Unzulänglichkeiten auch dank dessen Top-Offensivaktionen beinahe alle drei Minuten Hoffnung. Auch weil beim 28-jährigen nach seinem dreimonatigen verletzungsbedingten Ausfall eine rasche Steigerung der Gesamtleistung realistischer ist, als beim 34-jährigen Blerim Dzemaili nach einem Jahr ohne Spiel. Antonio Marchesano ist nicht nur in der Offensive der Leistungsträger schlechthin beim FCZ. Wilfried Gnonto scheint langsam, aber sicher erlickt zu haben, dass man in der Super League beim Dribbeln den Ball immer abgeschirmt in einer gewissen Distanz zum Gegenspieler halten muss – sonst ist das „Leder“ sofort weg. Auch defensiv macht der junge Italiener Fortschritte, was man von Marco Schönbächler eher weniger behaupten kann. Der Ur-FCZ-ler ist der Mann für einzelne Spiele und Aktionen. Wann diese Spiele aber dann mal stattfinden, ist schwierig vorauszusagen. Mit Schönbi holte der FCZ diese Saison nur 1,11 Punkte im Schnitt – mit Gnonto hingegen 1,42. Für einen Mittelstürmer natürlich viel zu wenig ist die eine Top-Aktion nur alle rund 19 Minuten wie bei Blaz Kramer.

Bei den Top-Defensivaktionen pro 90 Minuten steht Schönbächler sogar an der Spitze der mehrheitlich auf dem Flügel eingesetzten Spieler. Dem gegenüber stehen dann aber eben auch viele Aktionen, wo er nicht auf seiner Position ist, oder die Zweikämpfe verliert. Das Bemühen ist wie bei allen im Sommer noch ohne Vertrag dastehenden Zürcher Akteuren vorhanden. Der von vielen hoch eingeschätzte Lasse Sobiech hat hingegen einen eher tiefen Wert von einer Top-Defensivaktion nur alle 15 Minuten. Fabian Rohner kommt dank seiner Schnelligkeit und seinem Einsatz auf fast doppelt so viele Top-Defensivaktionen, verteidigt aber rechts hinten trotzdem nicht in jedem Spiel souverän – auch etwas in Abhängigkeit seines Neben- und Vordermannes.