Der FCZ verliert nach acht Monaten erstmals wieder ein Heimspiel – und dies gegen Murat Yakins FC Sion. Damit ist die Bilanz von FCZ-Trainer Magnin gegen den Ex GC-Trainer nach den drei Derbies im März/April und dem dank Einwechselspieler Assan Ceesay spät errungenen 2:1-Erfolg im Tourbillon wieder ausgeglichen. In der Startaufstellung fehlen Umaru Bangura und Toni Domgjoni, welcher zuletzt in seinen Leistungen etwas stagniert hatte. Das 1:0 durch Antonio Marchesano in der 62. Minute schien der späte Lohn für eine gute 1. Halbzeit und mehrere Topchancen zu sein. Andreas Maxsö hatte das Tor mit einem magistralen Pass auf den eben eingewechselten Salim Khelifi eingeleitet. Nach den drei Assists in Luzern war Khelifi damit erneut in der Meisterschaft Assistgeber.

Allerdings kam vom Waadtländer danach nicht mehr viel. Stattdessen gelang in der 71. Minute Pajtim Kasami nach einem Sion-Konter der Ausgleich zum 1:1. Dieser Gegentreffer war beinahe eine Kopie des 1:1-Gegentreffers in Luzern und deshalb speziell ärgerlich. Der FCZ agiert im Anschluss an einen eigenen Eckball erneut überaus risikoreich. Sechs Zürcher stehen annähernd auf einer Linie vor dem Sion-Strafraum, als Hekuran Kryeziu zu einem hohen Ball ansetzt. Kommt Kryezius Ball gut und zügig nach ganz rechts aussen, wo die «Weissen» eine klare Überzahl haben, dann kann daraus eine weitere Topchance auf das 2:0 entstehen (siehe untenstehenden Screenshot).

Kryeziu spielt den Ball aber nicht ideal in den linken Bereich des Strafraumes, wo Verteidiger Ndoye keine Probleme hat, vor Maxsö an den Ball zu kommen. Weil Khelifi zu wenig energisch eingreift, kommt der Sion-Gegenangriff ins Rollen. Palsson nimmt sich mit einer erfolglosen Grätsche gegen Kasami selbst aus dem Spiel und kann dadurch nachher nicht mehr eingreifen. Pa Modou macht den Raum für Lenjani auf, indem er ebenfalls erfolglos vorrückt, um Kasami anzugreifen. Dieser könnte nun den Ball steil auf Lenjani spielen, welcher damit alleine vor Torhüter Brecher auftauchen würde. Da Kasami aber das Tor selbst erzielen will, zieht er den Pass auf Lenjani nach aussen und sprintet selbst in die Abschlussposition im Zentrum.

Genauso wie vor anderthalb Monaten im Tourbillon der eingewechselte Assan Ceesay für den FCZ-Sieg gesorgt hatte, war diesmal mit Adryan für Sion ebenfalls ein Joker für den entscheidenden Schwung zum Auswärtssieg im Letzigrund verantwortlich. Der Brasilianer leitete mit einem schnellen Antritt über links das 1:2 ein. Ein Tor, welches allerdings auf irreguläre Weise zustandekam und für den FCZ weitere schmerzhafte Folgen mit sich bringt. Kevin Rüegg hat im eigenen Strafraum einen kurzen Moment die Möglichkeit, den Ball über die Grundlinie zu klären – lässt diese aber verstreichen. Im nächsten Moment rauscht Adryan heran und streckt Rüegg mit der Sohle voran nieder (siehe untenstehenden Screenshot).

Aufgrund dieses Fouls fällt Rüegg nun mit Teilriss des Innenbandes im Rechten Knie mehrere Wochen aus! Damit nicht genug: Im Anschluss an diese Szene stiess Pajtim Kasami Andreas Maxsö in Alain Nef hinein und setzte damit gleich zwei weitere Zürcher aufs Mal ausser Gefecht (siehe untenstehenden Screenshot). Mit drei Zürcher Verteidigern am Boden war der Weg nun frei für den eingewechselten Yassin Fortune, den 2:1-Siegtreffer zu erzielen. Dass der ansonsten gut pfeifende griechische Referee Anastasios Papapetrou gleich beide regelwidrigen Aktionen im Getümmel übersah, ist die eine Geschichte. Weit weniger entschuldbar ist, dass die übertragenden TV-Stationen (und damit auch alle anderen Medien) trotz eindeutiger Bilder, Zeitlupen und mehreren Blickwinkeln einmal mehr so taten, als sei nichts passiert.

Kurz nach dem Gegentor wechselte Ludo Magnin als dritten Einwechselspieler Adrian Winter für Züri Live-MVP Roberto Rodriguez ein, der sich auch diesmal auf der Rechten Seite gut mit Rüegg ergänzt und eine Saisonrekordzahl von sieben Flanken in den Strafraum gebracht hatte – darunter die Idealvorlage für Ceesay bei dessen Pfostenschuss aus spitzem Winkel. Offenbar hatte Rüegg eine Minute nach Adryans Foul noch das Gefühl, weiterspielen zu können oder zu müssen und blieb auf dem Feld – mit zunehmender Spieldauer in der Schlussphase aber mehr und mehr humpelnd. Rüegg blieb nicht das einzige Verletzungsopfer der Partie. Schon in der 50. Minute hatte der Medizinische Masseur Rolf Schumann Stephen Odey nach dessen Zusammenprall mit Sion-Keeper Kevin Fickentscher auf der Schulter in die Kabine tragen müssen.  

Dem FCZ nützt es am Ende der Partie nichts, dass er gegen Sion ausnahmsweise mal das zweikampfstärkere Team stellt und mehrmals von groben Schnitzern des Ex GC-Verteidigers Jan Bamert profitieren kann. Weiterhin zu ungefährlich ist das Letzigrund-Team bei Standards. Benjamin Kolollis Freistoss- und Cornerbälle sehen zwar meist ästhetisch hübsch aus, sind aber wenig effektiv. Nach dem FC Thun hat der FCZ in dieser Saison bisher am zweitwenigsten Kopfballtore aller Super League-isten erzielt. In den letzten Jahren hat in solchen Situationen ein Wechsel des Standardspezialisten meist kurzfristig einen positiven Effekt gehabt, auch weil die Gegner dann jeweils nicht auf dessen Stil eingestellt sind. Ausserdem spielt Kololli seine Standards gerne direkt – mit kurz gespielten Cornern und Freistössen schien der FCZ in den letzten Jahren aber mehr Erfolg zu haben. Eines der raren Beispiele eines kurz gespielten Standards in der jüngeren Vergangenheit war der Eckball zum 1:0-Siegtreffer von Victor Palsson gegen Ludogorets, wo Kololli kurz angespielt aus einer besseren Position flanken konnte, als bei einem direkt ausgeführten Corner.

 FCZ – Sion 1:2 (0:0)

Tore: 62. Marchesano (Khelifi) 1:0, 71. Kasami (Lenjani) 1:1, 82. Fortune (Adryan) 1:2.

FCZ: Brecher; Rüegg, Nef, Maxsö, Pa Modou; Palsson; Marchesano, H. Kryeziu; Rodriguez (84. Winter), Kololli (59. Khelifi); Odey (50. Ceesay).

Sion: Fickentscher; Maceiras (63. Abdellaoui), Ndoye, Bamert, Morgado; Mveng, Neitzke, Kouassi; Kasami, Lenjani (77. Fortune); Philippe (63. Adryan).

 

(Screenshots: Teleclub)

Nach der Partie erinnerte sich mancher zurück an das Duell im Tourbillon vom November, welches mit dem gleichen Resultat geendet, aber ganz anders verlaufen war. Damals war der FCZ besser gewesen und hätte den Sieg verdient gehabt, diesmal war Sion in dieser Rolle. Vor allem über die Seiten mit Maceiras / Kasami rechts und Lenjani / Carlitos links waren die Walliser sehr stark. Sie vermochten jeweils mit scharfen und präzisen Diagonalbällen die Zürcher Defensive vor Probleme zu stellen. Die Spielweise der Walliser behagte dem Magnin-Team weniger, als noch das kleinräumigere Kombinationsspiel YB’s vor 14 Tagen. Zu Beginn war die Partie allerdings noch ausgeglichen, der FCZ stand hoch und erzwang mehrere «Turnovers» in der gegnerischen Hälfte. Die 1:0-Führung in der 20. Minute war aber die erste gute Abschlusschance gewesen. Zu diesem Zeitpunkt erinnerte der Verlauf der Partie etwas an den 3:0-Heimsieg gegen Lugano.

Toni Domgjoni schiesst zwei Wochen nach seinem Super League-Début in seinem zweiten Spiel auf dieser Stufe mit einem herrlichen Hocheckschuss sein erstes Tor. In der Länderspielpause merkte man im Training, dass der junge Mittelfeldspieler gut drauf ist und sich im Mannschaftsgefüge mit seinem neuen alten Trainer Magnin innert kurzer Zeit einfügen konnte. Vor ziemlich genau zwei Jahren hatte Züri Live im Rahmen eines U18-Länderspiels gegen Deutschland in Grenchen zum ersten Mal von Toni Domgjoni berichtet: «Domgjonis Beitrag zum guten Spiel der Schweizer war vor allem sein grosser Aktionsradius verbunden mit einem dementsprechenden Laufpensum. Der Mittelfeldspieler war überall anzutreffen, wo’s brennt, rechts, links, hinten und auch vorne in Abschlussposition“. Diese Beschreibung trifft zumindest in Teilen auch für Domgjonis Einsatz in Sion zu.

«In Teilen» darum, weil im Tourbillon kein FCZ-ler wirklich gut war. Zu den besseren gehörte gegen seinen Ex-Klub Linksverteidiger Pa Modou, der unter anderem den Führungstreffer Domgjonis mit einem klugen kurzen Zuspiel ermöglicht hatte – als die meisten eine Flanke erwarteten. Neben Domgjoni standen mit Aliu, Rüegg und Rohner zu Spielbeginn rekordverdächtige vier Teenager auf dem Platz. Ausserdem kamen Mirlind Kryeziu (21) und der eingewechselte Tobias Schättin (20) zu ihren Super League-Débuts. Die Startformation war die drittjüngste des FCZ in der Super League. Im Dezember 2006 setzte Lucien Favre in Thun mit dem 27-jährigen César nur einen Spieler ein, der älter als 23 war. Mit Heinz Barmettler (19) war aber damals nur ein Teenager im Team (Durchschnittsalter: 22,4). Die jüngste Startformation schickte im Juni 2013 Urs Meier ebenfalls in Sion auf den Platz (22,1 Jahre). Ausnahmslos alle Akteure der Startelf waren zwischen 20 und 23 Jahre alt (also kein einziger Teenager!), inklusive dem damals 20-jährigen Yanick Brecher. Die Partie am letzten Spieltag hatte für den FCZ (im Gegensatz zu Sion) allerdings keine allzu grosse sportliche Bedeutung mehr gehabt.

Der heute bald 25-jährige Yanick Brecher zeigte in der Zweiten Halbzeit bei einem Abschluss von Carlitos eine gute Parade. Ansonsten war seine Leistung wie die von vielen Mitspielern stark durchzogen. Beim Gegentor wirkt er beim Verschieben wie im «Freizeit-Modus», hat zu wenig Körperspannung – kommt darum zu spät zurück in die Mitte und macht dann beim Schuss von Adryan aus relativ kurzer Distanz eine sich selbst schützende statt eine das Tor verteidigende Bewegung – ein altes Muster bei Brecher, das er sich noch nicht komplett abtrainieren konnte. Dazu kommt natürlich sein Schnitzer, als er in der Luft nur leicht bedrängt den Ball vor die Füsse von Kasami fallen lässt, welcher dann das leere Tor glücklicherweise verfehlt. In anderen Szenen war der Zürcher Keeper zu wenig schnell am Boden, oder er konnte einen Ball, der zentral aufs Tor flog, nur mit Müh und Not zum Eckball klären, anstatt diesen zu fangen. Beim Offsidetor Mboyos verkürzte er zudem den Winkel ungenügend.

Bei Captain Victor Palsson lief im Tourbillon fast gar nichts zusammen. Der Isländer ging zu zögerlich in die Zweikämpfe und hatte einige Ballverluste zu verzeichnen. Normalerweise sollten die Verteidiger im eigenen Strafraum zusammen mit ihrem Torhüter zu 90% die Lufthoheit haben. Da Mirlind Kryeziu aber seine Körpergrösse (1,97m) nicht gewinnbringend einzusetzen wusste, war dies nicht der Fall – und wenn überhaupt, war es der deutlich kleinere Cédric Brunner, welcher gefährliche Bälle klären konnte. Die Spieleröffnungen von hinten heraus gelangen Kryeziu ebenfalls nicht wie gewohnt. Kevin Rüegg hatte seine Ups and Downs – mehrere mit Bravour gewonnene Zweikämpfe in den einen  Situationen, zu zögerliches Eingreifen in anderen Szenen. Dem ansonsten solide spielenden Brunner unterlief vor dem Gegentor ein «Doppelfehler». Von Izer Aliu kam zu wenig. Gegen Super League-Teams, die in Form sind, wie aktuell Sion, stösst der 18-jährige noch an seine Grenzen. Und Fabian Rohner ist zur Zeit in einer Mini-Formkrise, auch wenn er trotzdem in jedem Spiel zwei, drei gute Szenen hat. Raphael Dwamena seinerseits hatte wieder so einen Tag, wo er im Abschluss die falschen Entscheidungen traf. Nach der Einwechslung von Michael Frey in der 63. Minute stellte der FCZ von 4-1-4-1 auf 4-4-2 um. Frey begann gut, baute dann aber relativ schnell wieder ab. Der am Ende noch am linken Flügel reingekommene Tobias Schättin konnte hingegen durchaus Akzente setzen.

Sion – FCZ 1:1 (1:1)

Tor: 20. Domgjoni (Pa Modou) 0:1, 25. Adryan (Mboyo) 1:1.

Sion: Fickentscher; Maceiras, Cümart, Neitzke, Lenjani; Toma (78. Schneuwly), Kouassi; Kasami, Adryan (33. Uçan), Carlitos; Mboyo.

FC Zürich: Brecher; Rüegg, Brunner, Kryeziu, Pa Modou; Palsson; Rodriguez (46. Winter), Aliu (63. Frey), Domgjoni, Rohner (79. Schättin); Dwamena.

 

 

Von Beginn weg spielen beide Teams erstaunlich offen und mit viel Risiko. So entwickelt sich ein Schlagabtausch mit viel Platz im Mittelfeld – und in einem solchen spielt schlussendlich immer die Effizienz vor dem gegnerischen Tor die entscheidende Rolle. Der FCZ agierte variantenreicher sowohl aus dem Spiel heraus, als auch bei Standards, profitierte aber auch von Geschenken des Gegners, wie dem ungestümen Einsteigen Constants im eigenen Strafraum gegen Rodriguez, welches zum Penaltytreffer zum 1:0 führte. Während Uli Forte wieder zum 3-4-3 zurückkehrte (mit Brunner auf halblinks für den vor dem Spiel verabschiedeten Kukeli (100 Wettbewerbsspiele für den FCZ)), spielte Sion diesmal im 4-3-3 mit einer Brasilianischen Flügelzange (Cunha – Adryan). Die gefährlichen Angriffe kamen dabei fast immer über Geburtstagskind Adryan über links.

FCZ – Sion 2:0 (2:0)

Tore: 23. Rodriguez (Penalty) 1:0, 26. Frey (Sarr) 2:0.

FC Zürich: Vanins; Nef, Bangura, Brunner; Winter, Rüegg (71. Palsson), Sarr (87. Maouche), Pa Modou; Dwamena, Frey, Rodriguez (79. Koné).

Sion: Mitryushkin; Lüchinger, Zverotic, Bamert, Lenjani; Constant, Ndoye (71. Milosavljevic), Karlen (46. Konaté); Cunha, Schneuwly, Adryan (71. Acquafresca).