Bei den Standardtoren hat sich der FCZ in allen wesentlichen Diszplinen nochmal deutlich verbessert. Wenn man den Nachschuss von Kramer in Luzern freundlich mitzählt, dann wurden alle Liga-Penaltys aus dem Spiel heraus in dieser Vorrunde verwandelt – was in Testspielen oder im Penaltyschiessen in Yverdon bei weitem nicht immer der Fall war. Phänomenal ist natürlich die Freistossbilanz mit sieben Treffern in einer Halbserie – davon sechs direkt! Aber auch die in der Regel überlegt ausgeführten Eckbälle und Einwürfe waren wichtig. Es gab eine Zeit vor zwei, drei Jahren als weite Einwürfe beim FCZ (Pa Modou) und in der Liga allgemein als gefährliche Offensivwaffe angesehen wurden. Dies hat sich in der Realität aber nicht bewahrheitet. Es gibt auch weltweit kaum Einwerfer, die in dieser Weise in einer gewissen Regelmässigkeit Tore herbeiführen können. Nur weit einwerfen alleine genügt nicht. Da erscheint das unspektakuläre Vorgehen eines Nikola Boranijasevic mit seinem guten Timing effektiver. Es geht dabei ganz simpel darum, den Vorteil des Agierens in den eigenen Reihen zu behalten und vom Einwurf weg mit drei, vier abgesprochenen Spielzügen hintereinander immer einen Schritt schneller als der Gegner zu sein – und so schlussendlich in gute Abschlussposition zu gelangen.

Penaltys: Blaz Kramer erst im Nachschuss

Sechs Penaltys durfte der FCZ im Herbst treten, die Hälfte davon verwandelte Antonio Marchesano souverän. Gnonto traf gegen Solothurn vom Punkt, Ceesay war im letzten Spiel gegen St. Gallen erfolgreich – Kramer traf zu Beginn der Saison im Nachschuss in Luzern und jubelte vor dem gegnerischen Anhang.

Wegen seines verletzungsbedingten Ausfalles in der Mitte der Vorrunde hat Blaz Kramer rechnerisch in jedem fünften Spiel über 90 Minuten einen Penalty getreten und ist damit pro Zeiteinheit häufiger angetreten als Antonio Marchesano.

Coric und Guerrero die ersten unter vielen Standardspezialisten

58% der Eckbälle wurden von Adrian Guerrero getreten. Der Katalane trat diese je nach Variante von beiden Seiten.

Ziehen wir hingegen die Daten für die Anzahl Corner pro 90 Minuten, so steht Rechtsfuss Ante Coric beinahe auf gleiher Höhe mit Guerrero. Wenn der Kroate auf dem Platz stand, war er also einer der beiden hauptsächlichen Verantwortlichen für Eckbälle. Ansonsten übernahmen andere Rechtsfüsser wie Antonio Marchesano (häufig), Moritz Leitner oder Bledian Krasniqi seine Rolle.

Adrian Guerrero ist auch der mit Abstand häufigste Freistossschütze in Strafraumnähe – allerdings mit insgesamt etwas weniger als 50%. Krasniqi trat keinen einzigen solchen Freistoss, dafür waren Blerim Dzemaili und Mirlind Kryeziu ebenfalls für solche Situationen vorgesehen.

Auch bei den Freistössen sind allerdings Guerrero und Coric die Hauptschützen, wobei der Kroate in dieser Disziplin sogar noch etwas mehr Standards pro 90 Minuten augeführt hat, als der Spanier.

Umschaltspiel für einen Grossteil der Freistösse aus gefährlichen Positionen verantwortlich

Penaltys und vor allem zu Toren führende Freistösse sind in dieser Vorrunde überwiegend aus Umschaltsituationen entstanden. Rechnet man diese Treffer mit, dann haben insgesamt auch die FCZ-Tore aus Umschaltsituationen zugenommen. Am stärksten war die Zunahme bei den Kontertoren. Vor allem die Schnelligkeit von Assan Ceesay wurde dabei immer wieder beispielhaft ausgenutzt.

FCZ phasenweise spielbestimmend im Letzigrund

Auffällig die starke Zunahme an Toren aus dem Aufbauspiel gegen einen tief stehenden Gegner. Im ersten Vorrundendrittel erzielte der FCZ allerdings nur gegen Solothurn solche Treffer (gleich fünf an der Zahl). Im zweiten Vorrundendrittel gelangen solche Tore dann aber auch regelmässig in der Liga gegen Servette, Sion (2), GC und Basel (2) – alle im Letzigrund erzielt. Im letzten Vorrundendrittel wiederum erlahmte die Torproduktion aus diesen Spielsituationen heraus. Es kam nur noch indirekt zu einem Torerfolg im Aufbau gegen einen Tief stehenden Gegner beim Penaltytor in Lausanne. Auch gegen hoch stehende Gegner hat der FCZ in dieser Vorrunde aus dem Aufbauspiel mehr Tore erzielt, als in den Halbsaisons davor.

FCZ behebt Offensivflaute über rechts

Während defensiv die linke Zürcher Seite mit null (!) Gegentoren aus dem Aufbauspiel der Gegner brilliert, fällt offensiv der grosse Sprung nach vorne bei den Toren aus dem Spielaufbau über die rechte Seite (mit dem Duo Boranijasevic / Omeragic) ins Auge. Aber auch über links und vor allem durch die Mitte hat die Torproduktion im Aufbauspiel zugenommen. Dazu entstanden beinahe doppelt so viele Treffer wie letzte Saison in einem halben Jahr direkt oder indirekt aus einer Flanke. Auch mit Seitenwechseln vor dem Strafraum wurde vermehrt erfolgreich gearbeitet. Die Anzahl Weitschusstore hingegen blieb auf dem gleichen Niveau.

Beinahe die Hälfte aller Flanken der Vorrunde stammen von den beiden Aussenläufern Guerrero und Boranijasevic. Aber auch Zentrumsspieler wie Marchesano, Ceesay oder Gnonto weichen häufig auf die Seite aus und bereiten eine Strafraumchance für einen Mitspieler vor.

Pro 90 Minuten liegt hingegen Fabian Rohner mit 4,13 Flanken an der Spitze, deutlich vor Guerrero und Boranijasevic. Interessanterweise gibt es nur vier eingesetzte Feldspieler, die in der ganzen Vorrunde keine einzige Flanke von der Seite in den Strafraum gebracht haben: Mirlind Kryeziu, Marc Hornschuh, Stephan Seiler und Rodrigo Pollero.

Tosin baut gerne mit auf

Die Steilpässe sind noch stärker auf verschiedene Spieler verteilt – Antonio Marchesano hat dabei fast einen Viertel der Zürcher Steilzuspiele der Vorrunde gespielt.

Auch bei den Steilpässen pro 90 Minten liegt Marchesano an der Spitze. Danach folgt aber Tosin, der obwohl in erster Linie als Zielspieler stark, sich immer wieder gerne auch am Spielaufbau beteiligt.

Halbzeitanalyse, Teil 1 – Erfolgsfaktoren, Folgerungen und Ausblick

Halbzeitanalyse, Teil 2 – Mehr Gegentore auf Konter und Weitschüsse

Ceesay defensiv schon vor zwei Jahren mit Quantensprung / Halbzeitbilanz 21/22, Teil 3

Für welchen Gegner welche Taktik? – Halbzeitanalyse 21/22, Teil 4

Tosin, Marchesano und Gnonto die Offensivstützen – Halbzeitanalyse 21/22, Teil 5

Während der FCZ defensiv in der Vorrunde eher durchschnittlich war, hat er offensiv so viele Super League-Tore erzielt (43) wie seit der Saison 05/06 nicht mehr (45).

FCZ stark mit seinen Standards

Von den drei Spielsituationen liegen dabei die Standards an erster Stelle. Dies unter anderem dank der sehr guten Detailarbeit bisher unter Trainer André Breitenreiter. Das Umschaltspiel war für etwas weniger als einen Drittel der Zürcher Treffer verantwortlich. Am wenigsten häufig gabe es Tore aus einem Aufbauspiel – mit 28%.

Fokussieren wir uns nur auf Liga-Spiele, dann liegt das Umschaltspiel zusammen mit den Standards ex-aequo an erster Stelle. Im Cup gegen unterklassige Gegner war der Anteil der Umschalttore klein, was nicht überrascht.

Starke Zunahme an Toren aus Aufbauspiel und Hoher Position

Der hohe Wert an Umschalttoren des letzten Saisonviertels 20/21 konnte in dieser Vorrunde gehalten werden. Die Anzahl Standardtore und vor allem die Tore aus dem Aufbauspiel haben aber stark zugenomen. Die Zahlen im Ersten Quartal sind etwas verzerrt durch das 10:0 beim FC Solothurn, aber auch im Zweiten Quartal wurden direkt aus dem Aufbauspiel sechs Tore erzielt. Ausserdem ist aus den Züri Live-Daten ersichtlich, dass vor allem die aus einer Hohen Position erzielten Tore stark zugenommen haben. Dies lässt die gleichzeitige Zunahme der Gegentore aus einer Hohen Position aus der Defensivanalyse in einem freundlicheren Licht erscheinen. Vor allem weil die erzielten Tore aus dieser Position stärker zugenommen haben, als die Gegentore. Somit sind diese zusätzlichen Gegentore die natürliche Folge eines im Vergleich zur Rizzo-Zeit allgemein häufiger höher stehenden Teams. Wie im ersten Teil der Halbzeitanalyse erwähnt, ist der FCZ im Ligavergleich beim Hohen Pressing im Mittelfeld anzusiedeln. Allerdings wurde in diesem Artikel die Aussage gemacht, das Breitenreiter-Team habe sogar weniger Pressing-Tore erzielt, als in der Rizzo-Zeit. Dies stimmt, wenn man nur die direkt aus dem Pressing erzielten Tore anschaut. Zählt man hingegen die aus Pressingsituationen entstandenen Penalty- und Direkten Freistosstore hinzu, dann sind es mehr.

FCZ erzielt seine Tore variabel

Bei den erzielten Toren lassen sich pro Gegner nicht so klare Profile erstellen wie bei den Gegentoren. Der FCZ erzielt seine Tore gegen die meisten Gegner auf variable Art und Weise. Am stärksten auf Standardtore ist der FCZ gegen Teams wie Lugano, Thun oder den FC Vaduz angewiesen. Mit Umschaltspiel am erfolgreichsten ist das Letzigrund-Team gegen Sion, GC und YB. Das Aufbauspiel führt nur gegen Xamax (und Solothurn) am ehesten zum Erfolg. Gegen Basel sind Umschaltspiel und Standards auf gleicher Höhe.

Gegen Sion, Luzern, Vaduz, Thun, Solothurn, Kriens und Chiasso hat der FCZ aus einer Hohen Position mehr Tore erzielt – gegen St. Gallen, Lausanne, YB und (mit kleinem Unterschied) Lugano oder Servette eher aus einer Tiefen Position. Bei einen Grossteil der Gegner ist die Bilanz diesbezüglich aber in den letzten zweieinhalb Jahren Fifty-Fifty oder beinahe.

Gegen YB, FCB, Servette, Lugano und St. Gallen aus Tiefer Position erfolgreicher

Führt man die Daten zur Offensive mit denjenigen zur Defensive zusammen, ergibt sich folgendes Bild. Gegen mehr als die Hälfte der Liga ist TIEF stehen sowohl aus Offensiver wie aus Defensiver Sicht auf Basis der Tore und Gegentore seit Sommer 2019 die vorteilhafte Option für den FCZ. Und zwar gegen die Spitzenteams YB und FCB sowie auch gegen Servette, St. Gallen und Lugano. Gegen diese Mannschaften spielt der FC Zürich am erfolgreichsten, wenn er möglichst immer mit allen Mannen hinter dem Ball ist. Mit Bällen in die Tiefe können diese Gegner am besten geknackt werden. Und defensiv sollte man sich keine Blösse geben und solidarisch verteidigen. Selbst Servette ist gegen den FCZ im Umschaltspiel immer wieder gefährlich. Gegen YB, Servette und St. Gallen ist die tiefe Position sowohl aus defensiven wie aus offensiven Gründen vorteilhaft – gegen Basel hingegen nur aus defensiven und gegen Lugano nur aus offensiven Gründen. Gegen den FCB geht es also in erster Linie darum, dem Gegner keinen Raum zum spielen zu lassen, während man gegen Lugano fast nur Tore erzielen kann, wenn der Gegner mal etwas aus seiner tiefen Position herausgelockt werden kann.

Taktik gegen Lausanne: erst Hohes Pressing, dann aus der Deckung locken

Der einzige aktuelle Liga-Konkurrent gegen welchen in den letzten zweieinhalb Jahren sowohl offensiv wie defensiv HOCH stehen am vorteilhaftesten war, ist Sion. Gegen die Walliser sollte der Ball also möglichst in der gegnerischen Hälfte gehalten werden. Gegen Lausanne ist der FCZ defensiv tief und offensiv hoch am erfolgreichsten, was zu einer speziellen Empfehlung führt: offenbar kann man gegen die Waadtländer den Ball gut in der gegnerischen Hälfte mit einem Pressing gewinnen, dann aber sollte man den Gegner rauslocken, allenfalls mit Rückpässen bis zum eigenen Torhüter, um mit Ball die Räume zwischen den Linien und hinter der Abwehr des Teams von Captain Stjepan Kukuruzovic zu finden. Geradezu exemplarisch dafür steht der 2:0-Führungstreffer Wilfried Gnontos zuletzt beim Auswärtssieg in den Tuilières, als man mit einem Rückpass zu Torhüter Brecher sogar ein in Unterzahl spielendes Lausanne entscheidend rauslocken konnte und so die Räume zwischen Abwehr und Mittelfeld der Waadtländer weit offen waren.

Gegen Luzern sind aggressives Gegenpressing und spielerische Lösungen wichtig

Der umgekehrte Fall ist Luzern. Gegen die Innerschweizer ist der FCZ offensiv HOCH und defensiv TIEF stehend am besten. Dies bedeutet, dass bei Ballverlust ein schnelles, aggressives Gegenpressing und Unterbinden des Luzerner Angriffs, allenfalls auch mit Fouls, besonders wichtig ist – damit man sich wieder in einer tiefen Position formieren kann. Mit Ball ist hingegen, sofern man diesen nicht im Gegenpressing gewonnen hat, geduldiges, spielerisches Aufbauspiel gefragt – mit langsamem Zurückdrängen und Einschnüren des Gegners. Keine Präferenz sowohl defensiv wie offensiv gibt es bei GC. Die Gegentore in den bisherigen zwei Derbys beispielsweise sind ausschliesslich auf Standards gefallen. Nicht berücksichtigt in dieser Analyse und den resultierenden Empfehlungen ist die Art und Weise der Entstehung der Standardtore. Und natürlich basiert sie auf Daten seit Sommer 2019. Auch wenn die meisten Kontrahenten in dieser Zeitspanne ihren Spielstil nicht wesentlich verändert haben, hat sich beispielsweise durch Trainerwechsel trotzdem die eine oder andere taktische Anpassung im Laufe der Zeit ergeben.

Halbzeitanalyse, Teil 1 – Erfolgsfaktoren, Folgerungen und Ausblick

Halbzeitanalyse, Teil 2 – Mehr Gegentore auf Konter und Weitschüsse

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Für welchen Gegner welche Taktik? – Halbzeitanalyse 21/22, Teil 4