Spiel, Gegner und Taktik

Luzern geht im Letzigrund so schnell wie noch nie in der Klubgeschichte der Super League-Ära mit zwei Toren in Front – fünf Minuten und 17 Sekunden. Die Trikots der Innerschweizer sind zwar nicht „königsblau“, sondern eher „vierwaldstätterseeblau“, sie schienen aber trotzdem als Hommage an die Historie eines sich im sportlichen Niedergang befindlichen westfälischen Traditionsvereines den Luzerner Kreisel zu praktizieren und zwar speziell intensiv in der Vorbereitung der beiden Tore auf der linken Angriffsseite ausserhalb des Strafraumes in einem Rechteck von etwa 35 x 15 Metern. Beide Spielzüge, die zu den Toren führten, waren geplant, mit Sorgic und Ugrinic als jeweilige Finisher im Strafraum (das zweite Tor wurde schlussendlich von Schaub erzielt, da Ugrinics Abschluss geblockt wurde). Dazu kam jeweils eine grosse Präsenz im FCZ-Strafraum, auch bei Eckbällen, wo bis zu sieben Luzerner Angreifer gedeckt werden mussten. Beim FCZ waren wie schon in Genf bei gegnerischen Standards Kryeziu, Ceesay, Wallner, Omeragic und Co. mehrmals nicht Herr der Lage, aber diesmal konnte der Gegner nicht davon profitieren.

Vier Luzerner kreiseln auf der linken Seite gegen drei Zürcher in der Vorbereitung des 0:1 durch Dejan Sorgic in der 4. Minute.

Luzern spielt generell gerne über die linke Seite. Gegen den FC Zürich rechnete sich das Team von Fabio Celestini (wie sich zeigte zurecht) gegen das Duo Wallner / Rohner dabei aber speziell viel aus. Die beiden jungen Zürcher kriegten gegen in den Anfangsminuten intensiv „kreiselnde“ Gäste keinen Zugriff. Danach half neben Hekuran Kryeziu auch noch Stürmer Blaz Kramer auf rechts aus, um wieder numerischen Gleichstand gegen meist vier Luzerner herzustellen, womit die Seite etwas stabiler wurde. Vergleicht man den FCZ mit dem ebenfalls im 4-2-3-1 gegen das Luzerner 4-4-2 zu Hause spielende Basel, so fällt ins Auge, dass Jasper Van der Werff deutlich mehr Präsenz und Aggressivität zeigte, als Silvan Wallner. Ausserdem verschob sich die Viererabwehrkette der Basler stärker zur Seite, als die in die Breite gezogenen Zürcher, von Cabral war von Anfang an mehr Unterstützung vorhanden als von Kramer und der FCB spielte generell zu Beginn ein Hohes Pressing und brachte Luzern in der Angriffsauslösung stärker in Bedrängnis. So kam Luzern über die linke Seite, obwohl sie es versuchten, zu Spielbeginn im St. Jakob Park nicht ins „kreiseln“.

„FCZ im Hamsterrad“: Matchkommentare

Zur Pause nahm FCZ-Trainer Massimo Rizzo mehrere starke Retouchen vor. Die Formation wurde auf ein 4-3-3 umgestellt und die Zürcher betrieben während der gesamten Zweiten Halbzeit ein Hohes Pressing, aus welchem nach einem Ballgewinn von Ousmane Doumbia dann auch der Anschlusstreffer Antonio Marchesanos entstand. Mutig und ungewöhnlich, aber aufgrund des Zweitorerückstandes durchaus gerechtfertigt, pressten die beiden Achter Marchesano und Hekuran Kryeziu gegen die beiden Luzerner Innenverteidiger während Mittelstürmer Kramer sich Torhüter Müller vornahm, der Sechser Ousmane Doumbia rückte dabei als „Staubsauger“ dahinter ebenfalls weit auf. Das Mittelfeldtrio verschob sich auch seitlich jeweils stark. Der FCZ wurde so im zweiten Durchgang genauso dominierend, wie Luzern noch in den ersten 45 Minuten gewesen war. Kramer, Khelifi, Gnonto oder Ceesay hatten den aufgrund der Zweiten Halbzeit verdienten Ausgleich noch auf dem Fuss, reüssierten aber nicht.

Personalien

Yanick Brecher (4) – Trägt zum Fehlstart in die Partie seinen Teil bei. Seine Bälle hinten heraus kommen zu Beginn ungenau, was Luzern ausnutzt. Beim 0:2 dreht er sich vor dem Nachschuss Schaubs unnötigerweise um die eigenen Achse.

Silvan Wallner (2) – Einmal eine gute Kopfballverlängerung für Rohner in die Tiefe, aber ansonsten sowohl im Zweikampfverhalten wie auch im Passspiel und selbst bei Einwürfen ungenügend.

Becir Omeragic (3) – Seine Leistungen und Züri Live-Noten bewegen sich im klassischen Zickzack-Kurs – jedes zweite Spiel Note „7“, dazwischen jeweils eine „3“ oder „4“. Agiert in dieser Partie häufig kopflos, hat Ballverluste in gefährlichen Zonen.

Hekuran Kryeziu (6) – Beginnt die Partie als einer der wenigen FCZ-ler gut. Einige wichtige Ballgewinne gegen seinen Stammklub, initiativ im Pressing, spielt vorteilhafte lange Bälle mit Zug. Negativ: verschätzt sich in zwei, drei Situationen.

Ousmane Doumbia (5) – Zu wenig griffig in den Zweikämpfen, kommt im Pressing zu spät, keine „Wand“ im Mittelfeld wie an guten Tagen. Vermeidet eine ungenügende Note mit einer vor allem offensiv starken Schlussviertelstunde.

Fabian Rohner (3) – Nur Blaz Kramer kommt auf Zürcher Seite zu mehr Torchancen, aber insgesamt misslingt „Turbo Fabian“ die Mehrheit seiner Aktionen. Ist zusammen mit Silvan Wallner Teil der rechten Zürcher Seite, die von Luzern als Schwachpunkt ausgemacht und gezielt bespielt sowie mehrmals überspielt wird, fällt vor dem 0:1 die falsche Entscheidung.

Antonio Marchesano (5) – Wirkt lange Zeit mental etwas müde. Kommt mit der Einwechslung von Seiler als Unterstützung im Mittelfeld dann aber deutlich besser in die Partie und erzielt erneut ein Tor.

Wilfried Gnonto (6) – Nach zwei Tiefstnoten hintereinander wieder mal eine genügend bis gute Züri Live-Note. Kommt nach einer Stunde rein, hat seine erste gute Aktion aber erst in der 79. Minute. Dies ist dann aber gleich ein tolles Assist zum 1:2 von Antonio Marchesano und ab da läuft es dem jungen Italiener besser.

Stephan Seiler (10) – Bringt sofort nach seiner Einwechslung mehr Struktur und Spielintelligenz ins Zürcher Aufbauspiel, geht vorne aggressiv ins Forechecking und erobert Bälle. Mit Seiler geht nach dem Kurswechsel zur Pause nochmal ein zweiter Ruck durch die Mannschaft.

Trivia

Der Tscheche Martin Frydek spielt gerne im Letzigrund. So liefert der Linksverteidiger die Vorlage zum 0:1 und gewann damit in der fünften Begegnung mit dem FC Zürich zum dritten Mal mit 2:1 (zwei Mal mit Slovan Liberec, ein Mal mit Luzern), wobei er in allen drei Fällen einen Skorerpunkt beisteuerte.

72. Minute: Nathan holt sich mit grossem Kampfgeist in der gegnerischen Hälfte den Ball zum zweiten Mal hintereinander ohne ein Foul zu begehen von Silvan Sidler zurück. Ref Alain Bieri gibt ungerechtfertigterweise Freistoss und Gelb gegen Nathan. Antonio Marchesano und Wilfried Gnonto können die Entscheidung von Bieri nicht verstehen, Gnonto breitet die Arme aus und sagt vermutlich etwas nicht Astreines. Nathan ärgert sich extrem über Gnonto und staucht diesen zusammen. Bieri, wohl in der Meinung, Nathans Tirade hätte ihm gegolten, zeigt Nathan Gelb-Rot. Nach Protesten der Zürcher und Meinungsäusserungen von Luzern-Goalie Marius Müller sowie Bieris Assistenten nimmt dieser die zweite Gelbe Karte wieder zurück – Nathan darf auf dem Platz bleiben.

In der Schlussphase kam der FC Luzern so stark unter Druck, dass Filip Ugrinic in der Hektik um ein Haar im eigenen Strafraum ein Handspiel unterlief.
„Sterneis hat gesagt, es muss etwas passieren“: Match-Highlights

Telegramm

FC Zürich – Luzern 1:2 (1:1)
Tore: 4. Sorgic (Frydek) 0:1, 6. Schaub (Ugrinic) 0:2; 78. Marchesano (Gnonto) 1:2.
FCZ – Brecher; Wallner (86. Khelifi), Omeragic, Nathan, Aliti; H. Kryeziu (60. Seiler), Doumbia; Rohner (60. Gnonto), Marchesano, Ceesay; Kramer.
Luzern – Müller; Sidler, Knezevic, Burch (65. Lucas), Frydek; Tasar (63. Schürpf), Wehrmann (84. Emini), Ugrinic, Ndiayé (84. Alounga); Schaub, Sorgic.

(Standbilder: Blue)

Die Wiederholung des Penalties für YB im Spitzenspiel von heute zwischen den FC St. Gallen und dem amtierenden Meister gibt zu reden, und dies völlig zu Recht. Wirklich nur ein paar Zentimeterchen steht St. Gallen Torhüter Zigi mit seinem linken Fuss vor der Torlinie, als YB-Stürmer Guillaume Hoarau den Ball Richtung Ostschweizer Tor schiesst. Nach der Partie meinte Schiedsrichter Alain Bieri im TV-Interview, dass dies halt die Regeln seien. Die Klubs seien vor der Saison darauf hingewiesen worden. Das mag stimmen, aber was Bieri  verschwieg: diese Regeln werden so wie es scheint willkürlich umgesetzt. 

Wir haben im Archiv vier Penalties gefunden, die diese Saison definitiv (weder beim ersten Schuss, noch beim Nachschuss) nicht verwertet wurden und deshalb relevant sind für die Frage, ob der Torhüter mit einem Fuss die Linie berührt hat:

  • Lawrence Ati Zigi gegen Young Boys
  • Noam Baumann gegen St. Gallen
  • Kevin Fickentscher gegen den FC Zürich
  • Laurent Walthert gegen den FC Zürich

Und siehe da! Von den vier Torhütern schien nur einer (Walthert) seinen Fuss auf der Linie zu haben! Baumann (Lugano) gegen St. Gallens Cédric Itten und Fickentscher (Sion) gegen Benjamin Kololli (FCZ) standen ähnlich knapp wie Zigi VOR der Linie – ohne dass es der VAR für nötig befand, dies zu melden! Die berechtigte Frage stellt sich also: wenn man es schon so genau nehmen will, warum nur, wenn es YB betrifft?

Bei St. Gallen – YB war Sandro Schärer der Verantwortliche VAR wie schon vor zwei Wochen bei FCZ – Basel, als er ein klares Stürmerfoul von Cabral gegen Nathan vor dem wichtigen 0:1 schon nach 12 Sekunden übersah – siehe: FCZ – FCB Analyse

Wie in St. Gallen war Alain Bieri zudem zum Saisonauftakt FCZ – Lugano Schiedsrichter gewesen, als er die Schwalbe von Jonathan Sabbatini vor dem Penalty zum wegweisenden 0:1 als „Foul“ taxierte, und von VAR Stephan Klossner nicht auf diese Fehlentscheidung hingewiesen wurde – siehe: FCZ – Lugano Analyse

Auffallend ist zudem schon seit etwa zwei Jahren die gehäufte Besserbehandlung von YB in entscheidenden Szenen sowohl in Spielen gegen den FCZ wie auch gegen andere Gegner – siehe: YB – FCZ Analyse

Hier die vier relevanten Penalties:

Lawrence Ati Zigi steht gegen YB hauchdünn VOR der Linie:

Noam Baumann steht gegen St. Gallen hauchdünn VOR der Linie:

Kevin Fickentscher steht gegen den FCZ hauchdünn VOR der Linie:

Laurent Walthert steht gegen den FCZ als Einziger AUF der Linie:

(Standbilder: Teleclub / SRF) 

 

Das erste VAR-Wochenende in der Schweizer Super League bringt den ersten klaren Fehlentscheid. Nein, die Rede ist nicht vom St. Gallen-Spiel. Die Rücknahme des FCSG-Penalties ist zwar sicherlich strittig. Es ist aber anzunehmen, dass Ref Tschudi live eine Berührung sah, die tatsächlich nicht stattgefunden hatte – dann wäre das Eingreifen des VAR Sandro Schärer nachvollziehbar. Nicht eingegriffen hat hingegen Video Assistant Referee Stephan Klossner bei der spielentscheidenden Szene im Spiel FCZ – Lugano, und das war ein klarer Fehler!

Klossner hatte sich die Szene im VAR-Raum vor der Ausführung des Penalties nochmal angeschaut und übersah dabei, dass es sich um eine Schwalbe von Jonathan Sabbatini gehandelt hat! Und damit ein klarer Fehlentscheid von Schiedsrichter Alain Bieri. Zugegeben, für die beiden Züri Live-Kommentatoren sah es von der Tribüne ebenfalls wie ein Elfmeter aus. Schaut man sich aber die Bilder an, dann ist die Sache sofort klar: zwar findet eindeutig eine Berührung statt, aber diese ist weder von Bangura verursacht, noch ist sie überhaupt der Grund, warum Sabbatini fällt.

Der Lugano-Mittelfeldspieler hebt völlig ohne Einwirkung des Zürcher Verteidigers mit dem linken Bein ab und spreizt dann bereits im Flug den rechten Fuss zur Seite, um bei Bangura einzuhaken. Er nutzt dabei den Fuss von Bangura regelrecht als Katapult, von wo er mit dem rechten Fuss zum zweiten Sprung ansetzt. Sabbatinis rechtes Bein streckt sich nach der Berührung mit Banguras Fuss wie bei einem Dreispringer, anstatt dass es zurückgeschlagen wird, wie das bei einem Foul der Fall wäre. Bangura macht zwar zuerst eine Bewegung Richtung Ball, zieht sein rechtes Bein dann aber genauso wie die Arme sofort zurück. Sabbatini wäre ohne Probleme an Bangura vorbeigekommen –  wenn er denn gewollt hätte.

Bild 1: Bangura will zuerst eine Bewegung Richtung Ball machen….

Bild 2: Bangura zieht sein rechtes Bein sofort zurück. Sabbatini springt mit seinem linken Bein selbständig ab und stösst sich gleichzeitig mit der rechten Hand an Banguras Brust zusätzlich nach vorne. Dieser hält seinerseits seine Arme zurück.

Bild 3: «Lift off, we have a lift off…» – Sabbatini springt ohne Einwirkung von Bangura ab….

Bild 4: Bereits im Flug hakt Sabbatini mit seinem Rechten Fuss bei Bangura ein…

Bild 5: Sabbatini nutzt Banguras rechten Fuss als Katapult für seinen zweiten Sprung mit rechts…

Bild 6: Sabbatinis rechtes Bein streckt sich beim zweiten Sprung wie bei einem Dreispringer, was zeigt, dass er Bangura getroffen hat und nicht von diesem «von den Beinen geholt» wurde.   

Nun kann man sicherlich bemerken, Banguras erste Bewegung Richtung Ball sei etwas übermotiviert gewesen und habe ähnlich einem Zaubertrick zur optischen Illusion eines Penalty-Fouls beigetragen. Dies stimmt. Es ändert aber nichts an der Fehlentscheidung des Schiedsrichters mitsamt dem fälschlicherweise nicht eingreifenden VAR, sowie daran, dass sich im Teleclub und anderen Sportmedien erstaunlicherweise offenbar niemand die Szene nochmals angeschaut hat. Wohl nach dem Motto: „wenn selbst Ludo Magnin sagt, es war Penalty, dann muss es Penalty gewesen sein…“

Gemäss einer auf der Basis von in SRF-Matchzusammenfassungen festgestellten Fehlentscheidungen eruierten „wahren Tabelle“ der letzten Saison wurde der FCZ zusammen mit St. Gallen am stärksten benachteiligt und hätte bei richtigen Entscheidungen mit fünf Punkten Vorsprung den zur direkten Europa League-Teilnahme berechtigenden 3. Platz (statt Platz 7) erreicht. Nun hat im ersten Spiel der Saison gegen ebendiesen Europa League-Teilnehmer der VAR bezüglich diesem Trend ebenfalls keine Abhilfe verschafft.

(Standbilder: aus Teleclub)