Sion hat im letzten Monat unter dem neuen (alten) Trainer Paolo Tramezzani die Defensive gestärkt. Taktisch wurde dies erreicht, indem der Italiener seine Formation jeweils dem Gegner angepasst hat, zumindest in den entscheidenden Zonen. So wurden gegen Gegner mit drei Zentralen Mittelfeldspielern ebenfalls drei aufgestellt, bei Gegnern mit zwei ebenfalls zwei. Gegen den FCZ trieb Tramezzani das Spiegeln der gegnerischen Formation auf die Spitze und liess seine Mannschaft gar erstmals in dieser Saison mit einer Dreierabwehr auflaufen. Die Intention dahinter: durch das Spiegeln des Gegners ergeben sich überall auf den Platz Eins-gegen-Eins Duelle, weniger Zwischenräume, die ausgenutzt werden können und somit weniger Gegentore (allerdings gleichzeitig tendenziell auch weniger eigene Treffer).

Erfolgreiches Gegenpressing in 1. Halbzeit

Das Duell im Tourbillon zwischen Sion und dem FCZ gestaltete sich in der Ersten Halbzeit dann auch tatsächlich chancenarm. Die Zürcher verteidigten wie in letzter Zeit üblich hoch ohne den gegnerischen Torhüter anzugreifen, Sion auf der anderen Seite stand tief. Entscheidend für die Zürcher Führung bei Halbzeit war das meist erfolgreiche Gegenpressing, so auch in der Entstehung des 0:1 durch Adrian Guerrero. Der FCZ setzte den Gegner dabei jeweils so unter Druck, dass Unzulänglichkeiten bezüglich Technik (Itaitinga) oder Druckresistenz (Bamert, Baltazar) offen zu Tage traten und ausgenutzt werden konnten. Man knüpfte dabei an den Saisonstart an, wo der Stadtclub gegen Lausanne, in Solothurn und in St. Gallen jeweils auch Tore aus Gegenpressing-Situationen erzielt hatte. Ausserdem versuchte der FCZ die defensiv schwächere linke Sion Seite durch Angriffe über rechts mit Flanken von Boranijasevic und Marchesano zu knacken.

Taktische Umstellung Tramezzanis kehrt die Partie

Wie es zur Zeit seine flexible Art ist, stellte Tramezzani aufgrund des Pausenrückstandes seine Mannschaft auf ein 4-2-3-1 um. Und dies zeigte sofort seine Wirkung. Nun wollten die Walliser nicht mehr in erster Linie Tore verhindern, sondern Tore erzielen. Sie gaben die Spiegelung des Gegners auf und suchten stattdessen die freien Zwischenräume. Von hinten heraus wurde konsequent über die Aussenverteidiger aufgebaut und der Ball schnell laufen gelassen. Die Zürcher Aussenläufer Boranijasevic und Guerrero wurden durch die Sion-Flügel Itaitinga und Wesley, der auf die linke Seite gewechselt war, zurückgebunden. Vorne waren somit Ceesay und Marchesano nun zu zweit gegen vier Aufbauer (mit Torhüter fünf) und somit mussten die Achter Dzemaili und Krasniqi im Pressing jeweils die Aussenverteidiger anlaufen und kamen dabei aufgrund der weiten Wege (und im Falle Dzemailis fehlender Antrittsstärke) meist zu spät. Die Kontrolle über das Spiel war futsch. In der 2. Halbzeit konnte Züri Live fast keine Top-Offensivaktionen auf Seiten des FCZ mehr notieren.

Breitenreiter reagiert nicht

Der logische Schritt für den FCZ wäre nun auch aufgrund des Vorsprunges gewesen, sein System ebenfalls umzustellen, zum Beispiel auf ein 4-4-2. Trainer André Breitenreiter, der in der Sommervorbereitung noch mit einer Vielzahl an Systemen experimentiert hatte, verzichtete darauf. Auch wenn taktische Kontinuität natürlich auch Vorteile mit sich bringt, muss man dies in diesem Fall im Nachhinein gesehen sicherlich als Fehler bezeichnen. Unter anderem war die Gelb-Rote Karte gegen Bledian Krasniqi eine direkte Folge dieser taktisch konservativen Haltung. Mittelstürmer Stojilkovic und später Karlen banden alle drei Zürcher Innenverteidiger, und da der Zugriff im Pressing nicht mehr gelang, wurde der FCZ an den eigenen Strafraum zurückgedrängt. Im Mittelfeld spielte Sion mit den Zürchern in dieser Phase Katz und Maus – mit dem FCZ in der Rolle von Tom, und Sion in derjenigen von Jerry.

Mittelfeld-Chaos bewirkt Unterzahl

Die Szene, die zur Gelb-Roten Karte führte, war typisch für das Chaos im Zürcher Mittelfeld. Sion kreiert eine Überzahl auf der rechten Zürcher Seite, Dzemaili (halbrechts) wird von Cipriano absorbiert und verhält sich entsprechend passiv, Doumbia im Zentrum verwirft die Arme, der junge Krasniqi hetzt derweil im Feuerwehrmodus von seiner halblinken Position einem freistehenden Sion-Spieler nach dem anderen hinterher, bis er schlussendlich ganz rechts aussen gegen Flügelspieler Wesley zu spät kommt und diesen umgrätscht. Die Überzahl ermöglichte Sion eine Schlussphase mit zehn Minuten plus Nachspielzeit Torchancen im Minutentakt und einem FCZ, dem kein Gegenangriff mehr gelang. Zumal der FCZ im 5-3-1 (anstatt eines möglichen 4-4-1) nur noch am eigenen Strafraum Zugriff auf den Gegner hatte.

Adrian Guerrero nicht nur offensiv entscheidend

Der Sieg im Wallis war unter anderem Einzelspielern wie Antonio Marchesano oder Adrian Guerrero zu verdanken. Letzterer erzielte nicht nur den entscheidenden Treffer (als linker Aussenläufer am rechten Pfosten!) sondern verhinderte durch seinen sehr hohen Grad an Aufmerksamkeit und Willen in der 83. Minute ein ansonsten fast sicheres Gegentor durch Matteo Tosetti. Ausserdem darf sich der FCZ bei Jan Bamert bedanken. Abgesehen von zwei Aussetzern in der Nähe des eigenen Tores, die das Letzigrund-Team nicht auszunutzen vermochte, stiess er als einer von vier Zürchern in der Walliser Startformation in der 42. Minute im FCZ-Strafraum abseits des Ballgeschehens Blerim Dzemaili direkt vor der Nase von Schiedsrichter Luca Piccolo um, wodurch der Kopfballtreffer von Birama Ndoye zum 1:1 nicht zählte.

Von den Einwechselspielern nur Tosin ein Gewinn

Blerim Dzemaili am Tor mit einer guten Kopfballweiterleitung nach starker Chip-Flanke Boranijasevics beteiligt, bleibt anonsten im Zürcher Zentrum ein Handicap. Bledian Krasniqi genügte trotz defensiv ein, zwei guten Szenen unter dem Strich ebenfalls nicht. Und von den Einwechselspielern hatte nur der in Unterzahl auf der Krasniqi-Position halblinks im Mittelfeld agierende Tosin einen positiven Einfluss aufs Zürcher Spiel.

Telegramm

Sion – FCZ 0:1 (0:1)
Tor: 32. Guerrero (Dzemaili) 0:1.
Sion – Fickentscher; Cavaré, Bamert, Ndoye; Wesley, Zuffi (69. Tosetti), Grgic, Cipriano (75. Bua); Baltazar; Itaitinga (64. Adryan), Stojilkovic (64. Karlen).
FCZ – Brecher; Kamberi, Kryeziu, Aliti; Boranijasevic, Doumbia, Guerrero (85. Omeragic); Dzemaili (75. Hornschuh), Krasniqi; Ceesay (66. Kramer), Marchesano (66. Tosin).

Seit mehr als drei Jahren hat der FCZ im Tourbillon nicht mehr gewinnen können. Dies ist aber für FCZ-Trainer André Breitenreiter im Vorfeld des Duells gegen den Tabellensiebten ebenso wenig ein Thema, wie die Tabellenführung nach einem möglichen Auswärtssieg. Diese Saison wurden schon mehrere Negativserien gebrochen – gleichzeitig treten die Walliser unter dem neuen Trainer Paolo Tramezzani anders auf, als bei deren 2:6-Auswärtsniederlage im Letzigrund vor gerade mal anderthalb Monaten. Breitenreiter betont zudem, dass in jener Partie Sion in der 1. Halbzeit die bessere Mannschaft gewesen sei.

Assan Ceesay mit Effizienz für Gambia und den FCZ

Der letzte Auswärtssieg erinnert vom Spielverlauf übrigens stark an die heutige Phase, da damals Assan Ceesay in der Nachspielzeit den Siegtreffer erzielte: Highlights und Analyse des damaligen Auswärtssieges hier. Assan Ceesay hat mit dem Nationalteam in der Vorbereitung auf die allererste Afrika Cup-Teilnahme seines Landes keine Minute gespielt und sich eine leichte Verletzung zugezogen. Breitenreiter ist aber zuversichtlich, dass der Gambier im Wallis eingesetzt werden kann. Ceesay ist ein wichtiger Faktor für die zuletzt guten Resultate auch wegen der hohen Abschlusseffizienz. Seit der 1:3-Auswärtsniederlage in Basel profitierte der FCZ in jeder Partie von seiner Effizienz und erzielte mehr Tore, als man von den herausgespielten Torchancen her eigentlich hätte erwarten können. Zur Zeit hat der Letzigrundclub daher die meisten Tore der Liga erzielt.

Becir Omeragic muss erneuten Rückschlag verkraften

Fehlen werden Moritz Leitner und Salim Khelifi, der nach seiner Verletzung in der Saisonvorbereitung mittlerweile aber ebenfalls wieder im Training mit dabei ist. Becir Omeragic musste mit einem Migräneanfall von der U21-Nati wieder abreisen und war natürlich auch nicht bei der WM-Qualifikation der A-Nati mit dabei, mit welcher er im Sommer die EM-Endrunde bestreiten durfte, sollte aber für die Liga ebenfalls wieder zur Verfügung stehen. Dafür meldete sich Ante Coric am Tag des Abschlusstrainings krankheitshalber ab.

Breitenreiter setzt auf Begeisterung der Rückkehrer

Bei Aiyegun Tosin und vor allem Blaz Kramer hat man bei ihren Comebacks gesehen, dass ihnen noch einiges fehlt, um auf ihr altes Niveau zu kommen. Breitenreiter hat sie aber bewusst früh wieder eingesetzt, weil er auf deren Begeisterung wieder auf dem Platz zu stehen setzt. Kramer war denn auch an der Vorbereitung des 1:0-Führungstreffers in Genf entscheidend beteiligt. Die Luft reichte ihm aber nicht für mehr als 45 Minuten. Der Wechsel zur Pause zu Wilfried Gnonto war daher schon im vornherein abgesprochen gewesen. Nicht so, die prompte Wiederauswechslung von „Willie“ wegen Gelb-Rot-Gefährdung („der Schiedsrichter pfiff jede Szene gegen ihn, in solchen Situationen steht das Team an erster Stelle“).

Hier gehts zur Audio-Vorschau zum Spiel

Der Respekt vor den Umschaltmomenten des Gegners war auf beiden Seiten gross. Lugano agierte im Letzigrund vorsichtig und zog sich meist weit zurück. Der FCZ übernahm über weite Strecken das Spieldiktat, war aber gleichzeitig darob besorgt, in der eigenen Platzhälfte dem Gegner keine Umschaltsituationen zuzugestehen. So spielte Yanick Brecher fast ausschliesslich hohe Bälle ins Mittelfeld, wo sich dann häufige Ballbesitzwechsel ergaben. Erst in der gegnerischen Hälfte kamen beim FCZ dann die spielerischen Elemente zum Zug. Und es gab phasenweise bei Ballbesitz viel Bewegung in der ganzen Mannschaft, Die Partie zog sich trotzdem zäh wie ein Kaugummi bei einem klaren Chancenplus des Breitenreiter-Teams. Auf das Gehäuse von FCZ-Goalie Brecher kam kein einziger Ball.

Entwicklung der FCZ-Spielweise im Vergleich zum Saisonstart

Seit dem Saisonauftakt hat der FCZ sein Spiel von Runde zu Runde entwickelt. Dies wird unter anderem illustriert durch die Ballbesitzstatistik. Im Cornaredo zum Saisonstart lag dieser noch bei fast schon rekordtiefen 28% (und dies gegen einen Gegner wie Lugano!) – beim zweiten Aufeinandertreffen der beiden Teams im Letzigrund waren es hingegen 54%. Der Gleitende Durchschnitt bewegt sich kontinuierlich Richtung 50%-Marke. Wurde zu Saisonbeginn beim FCZ noch ultraschnell und direkt umgeschaltet, nimmt man nun viel häufiger das Tempo aus den Aktionen, um das Spiel kontrolliert in Richtung gegnerisches Gehäuse aufzubauen. Nicht nur die Anspielzeit, sondern auch die Spielweise unterschied sich wie Tag und Nacht vom Saisonstart.

FCZ-Ballbesitz 21/22, Liga, Gleitender Durchschnitt

Ousmane Doumbias gelungener Abend

Im Vergleich zum Heimspiel gegen Sion kam der FCZ gegen einen noch massierteren Gegner häufiger über die Seiten und profitierte dabei von der Rückkehr der Aussenläufer Guerrero und Boranijasevic in die Startformation. MVP ist zum ersten Mal in dieser Saison Ousmane Doumbia, dem von der 1. Minute an eine offensiv wie defensiv starke Partie gelang. Blerim Dzemaili (erstmals in der Startformation diese Saison) hatte hingegen nach seiner sehr guten Halbzeit gegen Sion wieder einen Rückschritt zu verzeichnen. Lag es unter anderem daran, dass er diesmal vorwiegend wieder auf der 8-er Position spielte, statt wie gegen Sion auf der „Sechs“? Insgesamt ist der Notenschnitt der Mannschaft (6,0) identisch mit demjenigen des Sion-Spiels.

Telegramm

FC Zürich – FC Lugano 1:0 (1:0)
Tore: 77. Ceesay (Marchesano) 1:0.
FCZ – Brecher; Omeragic (90. Kamberi), Kryeziu Aliti; Boranijasevic, Doumbia, Guerrero; Dzemaili (64. Gnonto), Krasniqi (64. Coric); Marchesano (83. Hornschuh), Ceesay.
Lugano – Osigwe; Hajrizi (81. Luis Phelipe), Daprelà, Ziegler, Facchinetti (81. Yuri); Custodio (81. Mahmoud); Sabbatini, Lovric; Lavanchy, Celar (64. Amoura), Abubakar (76. Lungoyi).

8 Tore zum 125 Jahr-Jubiläum – die Feierlichkeiten gingen nahtlos in das Spiel über und das Spiel nahtlos in Feierlichkeiten. Glückstage laufen so. Sowohl in der 1. wie auch in der 2. Halbzeit traf Assan Ceesay jeweils nach exakt 150 Sekunden zur Führung. Und Antonio Marchesano gelang in der 75. Minute das 1’000-ste FCZ-Tor der Super League-Geschichte. Der FC Zürich ist der dritte Verein, der diese Marke erreicht.

Lücken im FCZ-Gegenpressing lassen Sion im zweiten Viertel ins Spiel kommen

Gegen Sion zum Jubiläum startet der FC Zürich gut und hat die Partie im ersten Viertel unter Kontrolle. In der 24. Minute lässt man Sion ein erstes und danach gleich noch ein zweites Mal kontern. Moritz Leitner wich nach einem Krasniqi-Kopfballablenker zum Gegner in seiner typischen Art zurück, anstatt den Ballführenden anzugreifen.

Seitenwechsel als Erfolgsrezept

Obwohl durch schnelle Konter zurück ins Spiel gefunden, erzielt der FC Sion seine beiden Tore mit Hilfe von Seitenwechseln und nutzte dabei Lücken, die durch die Verschiebebewegung im gegnerischen Defensivverbund entstehen. Dies erinnerte stark an den Februar, wo die Walliser unter Weltmeister Fabio Grosso als Coach durch Luca Clemenza ebenfalls so im Letzigrund ihr Tor erzielten: “Grgic, Brecher und Domgjoni retten matten Zürchern einen Punkt“. Der FCZ kam zu seinem 1:0-Führungstreffer durch Assan Ceesay in der 3. Minute nach Vorarbeit von Bledian Krasniqi und Fidan Aliti allerdings ebenfalls auf die genau gleiche Art und Weise.

Moritz Leitner ungenügend

Sion ging nach dem 1:1-Ausgleich durch Filip Stojilkovic (trifft bei seinem zweiten Auftritt im Letzigrund gegen seinen Stammklub schon wieder) mit einem Chancenplus im zweiten Spielviertel und einem besseren Gefühl in die Kabine. André Breitenreiter reagierte und nahm den zu “pomadig“ auftretenden Moritz Leitner raus – und ebenso Fabian Rohner. Da half auch nicht mehr. dass die beiden kurz vor der Pause noch in einer hervorragenden Aktion nach einem Einwurf die beste Zürcher Chance von Bledian Krasniqi vorbereitet hatten.

Fabian Rohner aus dem Tritt geraten

Der 23-jährige Rohner hatte im Sommer auf den verschiedensten Positionen eingesetzt sehr gute Testpartien absolviert, ist aber mittlerweile aus dem Tritt geraten. Für die Stammformation reicht es zur Zeit nicht und bei seinen (Teil-)Einsätzen kann er sich nicht nachhaltig empfehlen. Die Entschlossenheit scheint ihm sowohl offensiv wie auch defensiv etwas abzugehen und er wird von den Mitspielern auch wenig gesucht und ins Spiel gebracht. Gar völlig neben den Schuhen stand Wilfried Gnonto. Der junge Italiener schien mit dem Kopf nicht ganz bei der Sache zu sein und hatte an diesem Tag gar kein Auge für seine Mitspieler.

Taktische Umstellung bringt Wende zugunsten des FCZ

Vor allem aber nahm der FCZ auf die 2. Halbzeit hin eine taktische Umstellung von einem 3-3-2-2 (zuletzt liess Breitenreiter sein 3-4-1-2 vermehrt mit nur einem 6-er auflaufen) auf ein 4-1-2-1-2, also ein 4-4-2 mit Rhombus, vor. Auch dies ist wie Breitenreiters bisherige Lieblingsformationen beim FCZ grundsätzlich ein System mit Fokus aufs Zentrum. Entscheidend aber: in der defensiven Phase standen die beiden 8-er Doumbia und Gnonto breit. Sion, das sich vom zweiten Viertel der Partie gewohnt war, mit Doppelpässen und Seitenwechseln erfolgreich auf den Seiten durchzukommen, wurde angesichts der neuen Situation etwas auf dem falschen Fuss erwischt. Der FCZ nutzte dies zum schnellen 2:1-Führungstreffer.

Balleroberer Doumbia nach der Pause auf der richtigen Position eingesetzt

Wichtig dabei auch die Personalwahl, Ousmane Doumbia auf die 8-er Position auf der rechten Seite zu stellen, denn Sion konnte sich zuvor mit dem spielfreudigen Cipriano und Itaitinga speziell auf ihrer linken Seite immer wieder durchsetzen. Balleroberer Doumbia sollte generell immer auf derjenigen Position spielen, wo der Gegner vorzugsweise sein Spiel aufbaut. Das könnte auch mal auf der “10“ sein, oder (warum nicht?) gegen einen seitlichen Spielmacher wie aktuell wieder Stevanovic oder letzte Saison Clichy von Servette ganz auf der Seite als Aussenverteidiger oder Flügel. Was Doumbia ganz und gar nicht ist: ein „Stratege“ auf der “6“, der defensiv positionssicher agiert und mit präzisen langen Bällen das Spiel lanciert.

Zuletzt gute Entwicklung bei Blerim Dzemaili

So eine Beschreibung trifft viel eher auf Blerim Dzemaili zu – auf einen fitten Blerim Dzemaili wohlgemerkt. Bei seinen Einsätzen letzte Saison war Dzemaili weit vom Super League-Niveau entfernt gewesen. In Züri Live-Analysen wurden auch schon starke Zweifel geäussert, ob er dieses Niveau überhaupt nochmal erreichen kann. Nach seinen (Teil-)Einsätzen zuletzt lässt sich sagen: es ist nicht mehr auszuschliessen, dass Dzemaili doch noch einmal für ein paar Wochen oder Monate dem FCZ wirklich helfen könnte. Die Entwicklung zuletzt ist gut. Neben der taktischen Umstellung war die Hereinnahme des Zürchers ein weiterer Faktor für den Umschwung gegen Sion nach der Pause. Bei der Balleroberung vor dem 2:1 beispielsweise machte er einen wichtigen Laufweg, welcher Serey Dié eine Anspielstation wegnahm und somit Boranijasevic und Doumbia die Balleroberung wesentlich erleichterte.

Ceesay, Dzemaili & Co. physisch verbessert

Die 6-er Position scheint in dieser Phase von Dzemailis Karriere auch wieder besser auf ihn zugeschnitten zu sein – was auch in dieser Hinsicht eine Rückkehr zu den Wurzeln wäre, nachdem er auf dem Höhepunkt seiner Karriere tendenziell eher auf der 8er- und teilweise sogar 10er-Positon gespielt hatte. Was ersichtlich ist: auch schon nur ein 45 Minuten-Einsatz in Super League-Intensität bringt Dzemaili aktuell physisch an seine Grenzen. Ein Blick in sein Gesicht spricht Bände. Aber zumindest ist er im Gegensatz zu letzter Saison mittlerweile in der Lage, 45 oder 60 Minuten das Tempo mitzugehen und die entscheidenden Sprints zu machen. Vielleicht bald auch noch mehr? Eine verbesserte physische Verfassung scheint ganz allgemein ein wichtiger Faktor für den guten Saisonstart des FCZ zu sein. Speziell in Bezug auf den lange Zeit äusserst fragilen Assan Ceesay. Dessen sichtlich verbesserte Körperbalance und -stabilität setzt sich nahtlos um in mehr Zweikampfgewinne, aber auch deutlich mehr Präzision am Ball.

Zweiter taktischer Wechsel nach dem 2:2

Im Gegensatz zum 1:1 fiel der 2:2-Ausgleichstreffer Sions nach der Pause entgegen dem Spielverlauf. Der FCZ war ab der 46. Minute einfach besser und liess sich auch durch diesen temporären Rückschlag in der Spielweise auf der Resultattafel nicht beirren. Allerdings wechselte Trainer Breitenreiter nach dem 2:2 erneut die taktische Formation – zurück auf das lange Zeit übliche 3-4-1-2 mit zwei 6-ern. In dieser Aufstellung gelangen dann gegen zunehmend nachlassende Walliser durch gute Spieleröffnungen Mirlind Kryezius durch die Mitte die entscheidenden Treffer zum 3:2 und 4:2.

Telegramm

FC Zürich – FC Sion 6:2 (1:1)
Tore: 3. Ceesay (Krasniqi) 1:0, 33. Stojilkovic (Cipriano) 1:1; 48. Ceesay (Marchesano) 2:1, 63. Serey Dié (Stojilkovic / Eigentor Aliti) 2:2, 72. Ceesay (Marchesano) 3:2, 75. Marchesano (Ceesay) 4:2, 87. Gogia (Doumbia) 5:2, 90. Ceesay (Coric) 6:2.
FCZ – Brecher; Omeragic, Kryeziu Aliti; Rohner (46. Boranijasevic), Doumbia, Gnonto (69. Gogia); Leitner (46. Dzemaili), Krasniqi (69. Coric); Ceesay, Marchesano (86. Hornschuh).
Sion – Fayulu; Wesley, Saintini, Schmied, Cipriano; Serey Dié (77. Vagner); Cavaré (72. Tosetti), Keita, Zuffi, Itaitinga (63. Bua); Stojilkovic (72. Karlen).

Post Scriptum

Die erste Mannschaft, welche die Marke von 1’000 Treffern erreicht hatte, war vor mehr als fünf Jahren der FC Basel gewesen. Der Isländer Birkir Bjarnason traf dabei im April 2016 nach 0:2-Rückstand (Tore: Kerzhakov, Bua) für die Rotblauen zum 2:2-Ausgleich gegen den FCZ. Nachdem man nach einer schlechten Vorrunde mit Neuverpflichtung Leonardo Sanchez gut in die Rückrunde gestartet war, gab es nach diesem verpassten Auswärtssieg im St. Jakob Park beim FCZ einen Bruch (gerade mal ein Punkt aus den folgenden sieben Spielen), auch weil Sanchez nach einem harten Einsteigen von Cédric Itten in der Folge für den Rest der Saison angeschlagen war. Zwei Jahre später hätte YB ebenfalls zu Haue im April gegen den FCZ mit zwei Toren die 1’000-er Marke knacken können, aber es resultierte “nur“ ein 1:0-Sieg (Tor: Sanogo). Das tausendste Tor wurde ein paar Tage später in Thun durch Jean-Pierre Nsamé nachgeholt und zwei Wochen danach feierte Bern gegen den FC Luzern den ersten Meistertitel seit mehr als drei Jahrzehnten. Bis zum nächsten Klub, der die 1’000-er Marke erreicht, wird es wieder ein paar Jahre dauern. GC, St. Gallen oder Luzern in dieser Reihenfolge sind dafür die heissesten Kandidaten.

Auch in der fünften Auswärtspartie ist Antonio Marchesano erneut der Züri Live-MVP! Und dies auf einer eher ungewohnten Position links in einem Dreiermittelfeld. Weitere positive Konstanten im ersten Saisonviertel sind bisher Ousmane Doumbia, Assan Ceesay und Marc Hornschuh, der als Defensivfeuerwehrmann (normalerweise mit Impulsen als Einwechselspieler im Mittelfeld, in Bern vorwiegend in der Rolle als „Libero“ von Beginn weg) bisher noch nie enttäuscht hat.

FCZ mit konstant Hohem Pressing im 5-3-2

Der FCZ spielt in Bern gegen den Serienmeister erstmals mit einem von der Formation her defensiven 5-3-2, allerdings kombiniert mit beinahe konstant Hohem Pressing bis weit in die Zweite Halbzeit hinein. Man hatte das Spiel in der ersten halben Stunde klar unter Kontrolle. Ungewöhnlich für den FCZ bei einem Super League-Auftritt im Wankdorf. Eine Schlüsselrolle spielt dabei die eklatante Leistungssteigerung von Stürmer Assan Ceesay im Vergleich zu letzter Saison – auch im Pressing und Defensivverhalten allgemein. Im ersten Spielviertel (22,5 Minuten) hatten gleich fünf FCZ-Spieler eine Züri Live-Note 10 (Marchesano, Ceesay, Hornschuh, Guerrero, Leitner). Man sah auch sonst neue Elemente. Zum Beispiel war im Spielaufbau Überzahl über die Seiten kreieren in den letzten Jahren nie eine Spezialität des FCZ gewesen. Dies haben viel eher YB und andere Super League-Gegner jeweils gegen den FCZ angewandt. Die Berner haben ihre Spielweise unter David Wagner geändert, agieren viel häufiger in Hauruck-Manier und weniger mit spielerischen Mitteln, als zuvor unter Gerardo Seoane – was in der Champions League gegen einen Top-Gegner gut funktioniert hat.

Fehlende taktische Reaktion auf nachlassende Kompaktheit und Laufvermögen

Ein taktischer Fehler war dann aber, dass man versucht hat, das Hohe Pressing über die vollen ersten 45 Minuten durchzuziehen. Nach 30 Minuten gab es in kurzer Folge immer mehr klare Anzeichen, dass dies ein zu optimistisches Unterfangen war. Die Passwege konnten nicht mehr konsequent zugestellt werden – und sofort blühte YB auf, mit weiten Bällen und direkten Weiterleitungen, und genoss den Raum, den ihnen Zürich durch die abnehmende Kompaktheit bot. Vor allem wurde ab der 30. Minute YB’s spielmachender Sechser Christopher Martins nicht mehr wie zuvor von den Zürchern konsequent am Spielaufbau gehindert. Die Folge davon war schlussendlich der Berner Führungstreffer noch vor dem Halbzeitpfiff – wieder durch Christian Fassnacht. In 19 Partien gegen seinen Jugendklub hat Fassnacht 16 gewonnen bei mittlerweile sieben Toren und vier Assists, davon eines zum 2:0 Michel Aebischers in der 64. Minute. Dieser beendete die Partie statistisch gar mit zwei Treffern und einem Assist.

FCZ-Chancenplus auch nach der Pause

Nach dem „Pausentee“ funktionierte das Hohe Pressing des FCZ dann wieder etwas besser – bis zur Auswechlung der defensiv wichtigen Doumbia und Aliti in der 62. Minute. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte der FCZ auch nach der Pause mehr gute Torchancen als der Gegner gehabt – aber Gogia zögerte bei einer Fünf gegen drei-Situation im gegnerischen Strafraum zu lange, Marchesano schoss einen Freistoss an den Aussenpfosten und Ceesays Abschluss wurde von Camara noch ins Aussennetz abgelenkt. Breitenreiter brachte Krasniqi und Gnonto und stellte ganz auf ein 4-2-3-1 um.

YB lange Zeit mit Mühe aufgrund der ungewohnten taktischen Marschroute des FCZ

Situativ beim Spielaufbau aus Abstössen bei Yanick Brecher hatte der FCZ schon seit Spielbeginn die 4-2-3-1 Formation angewandt (mit Guerrero am linken und Gogia am rechten Flügel) und schien damit YB zu Beginn auch etwas überrascht zu haben. Denn es hatte sich in den letzten Wochen in der Super League gezeigt, dass der übliche Spielaufbau mit drei Mann hinten im Zentrum gegen die Berner wenig bringt – durch ihr geschicktes Anlaufen, gute Raumaufteilung und vor allem sehr hohe defensive Aufmerksamkeit von allen gelbschwarzen Stürmern und Mittelfeldspielern, können sie einen der drei aufbauenden Verteidiger in der Regel aus dem Spiel nehmen. Ganz allgemein war die Häufigkeit und Konsequenz des Hohen Pressings des FCZ für YB eine ungewohnte Erfahrung. So bestand das YB-Spiel über weite Strecken aus Konterangriffen im eigenen Stadion – insgesamt 13. Seit dem 2:1-Heimsieg gegen den FC St. Gallen im November 2015 hatten die Gelb-Schwarzen in Wettbewerbspartien nicht mehr so viele Konterangriffe spielen können / müssen.

Duo Leitner / Krasniqi hat Sechserposition nicht im Griff

Das Duo Leitner / Krasniqi hatte die Sechserposition nicht im Griff und gestand YB vor der FCZ-Abwehr viel zu grosse Räume zu. Die Berner nutzten dies sofort mit hohen Bällen aus der Abwehr zwischen die Zürcher Linien aus – exemplarisch beim 2:0 durch Aebischer in der 64. Minute, als Fassnacht mit einem Hohen Ball von Von Ballmoos angespielt wurde. Die Zürcher Innenverteidiger fühlten sich nun genötigt, sich vermehrt aus ihrer Position zu lösen und auf der verwaisten Sechserposition Feuerwehr zu spielen – was natürlich nicht immer gelang und hinten noch grössere Löcher aufriss, zumal Hornschuh und Omeragic nach der Systemumstellung nur noch zu zweit waren. Zudem konnten Boranijasevic und Guerrero durch ihre zurückgezogene Positionierung im 4-2-3-1 auch nicht mehr mithelfen, die Räume auf den Halbpositionen, die von YB so gerne angespielt werden, zuzustellen. In der 69. Minute hatte Assan Ceesay am nahen Pfosten direkt vor Von Ballmoos wohl die grösste Zürcher Chance – sechs Zürcher waren zu diesem Zeitpunkt im gegnerischen Strafraum – im direkten Gegenzug erzielte Aebischer das 3:0. Die Partie im Wankdorf war der erste Match der Saison, wo der ansonsten im Abschluss sehr effiziente FCZ diese Qualität nicht aufbringen konnte.

Moritz Leitner: verbessert, bietet YB aber zu viele Räume an

Moritz Leitner zeigte sich in der Ersten Halbzeit in Bern vor allem in Ballbesitz wacher und fokussierter im Vergleich zu seinen ersten drei Wettbewerbseinsätzen im FCZ-Trikot (alle mit Züri Live-Note 3). Ohne Ball stand er hingegen weiterhin noch zu häufig etwas alibimässig im luftleeren Raum, wo er keine echte defensive Funktion erfüllte und wichtige Räume für den Gegner öffnete. Nach der Pause nahm seine Leistungskurve zudem auch im Spiel mit Ball stark ab und nach der Einwechslung von Krasniqi bestätigte sich erneut die Vermutung nach der Inkompatibilität dieser zwei sehr ähnlichen Spieler, welche sich bereits im ersten gemeinsamen Einsatz in Solothurn angedeutet hatte. Leitner übernahm von Marchesano die mit dem rechten Fuss zu tretenden Eckbälle (im Wechsel mit Linksfüsser Guerrero) und tat dies gut. Marchesano konnte sich so noch mehr ganz auf seine Freistösse konzentrieren und wurde von Leitner auch einmal am nahen Pfosten selbst mit einem Corner bedient (Kopfball knapp darüber). Beim vorentscheidenden 2:0 YB’s ist Leitner sowohl in der Entstehung wie auch bei der Vollendung durch den aufrückenden Aebischer zu wenig aufmerksam. Drei von fünf Einwechslungen (Krasniqi, Pollero, Dzemaili) waren schlecht. Insgesamt hat der FCZ beim Züri Live-Notenschnitt aber seit dem Derby wieder eine aufsteigende Tendenz und in der YB-Partie die höchste Anzahl Defensivpunkte in dieser Saison.

Andy Gogia weiter fehlerhaft

Akaki Gogias Auftritte gleichen weiterhin einer Achterbahnfahrt. Neben guten Aktionen schleichen sich immer noch zu viele Fehler ein: zu spätes Entgegenkommen zum Ball, vom Fuss wegspickende einfache Bälle, „telefonierte“ Zuspiele, die zu gefährlichen Konterangriffen des Gegners führen, ungenau gespielte Bälle auch auf kurze Distanz, Flanken ins Niemandsland und zu passives Verhalten im Pressing und in den Zweikämpfen. Seine beste Aktion hatte der deutsche Offensivspieler in der 16. Minute, als er Moumi bei einem im Ansatz schnellen Gegenstoss YB’s mit einer Kopfballklärung ins Seitenaus energisch stoppte. Blerim Dzemaili wiederum machte bei seinem ersten Liga-Teileinsatz seit vier Monaten wieder da weiter, wo er in der Rückrunde aufgehört hatte, stand im Mittelfeld dem eigenen Mitspieler Antonio Marchesano im Weg, vergass seine Position zu besetzen und spielte Alexandre Jankewitz aus kurzer Distanz einen unerklärlichen Fehlpass direkt in die Füsse – daraus folgte ein gefährlicher YB-Konter, der nur dank der Abschlussschwäche des eingewechselten YB-Stürmers Wilfried Kanga (mit 23 Jahren bisher insgesamt fünf Karrieretore auf Stufe Profifussball) nicht zum Erfolg führte.

Telegramm

BSC Young Boys – FC Zürich 4:0 (1:0)
Tore: 45.+4 Fassnacht (Martins) 1:0; 64. Aebischer (Fassnacht) 2:0, 69. Aebischer (Moumi) 3:0; 89. Elia (Aebischer) 4:0.
Young Boys – Von Ballmoos; Hefti, Lauper, Zesiger (46. Camara), Garcia; Fassnacht, Martins (85. Jankewitz), Aebischer, Moumi (76. Sulejmani); Elia, Siebatcheu (76. Kanga).
FCZ – Brecher; Boranijasevic, Omeragic, Hornschuh, Aliti (62. Gnonto), Guerrero; Doumbia (62. Krasniqi), Leitner (78. Dzemaili), Marchesano; Ceesay (70. Pollero), Gogia (70. Rohner).

Was macht eigentlich Aliti? Wo ist Doumbia? Und womit beschäftigt sich zur Zeit Antonio Marchesano? Solche Fragen stellen sich während der detaillierten Nach-Analyse des dritten FCZ-Saisonsieges immer wieder. Man ist es sich von letzter Saison gewohnt, dass Aliti, Doumbia und Marchesano ständig im Zentrum des Geschehens stehen. Es waren diejenigen Spieler, welche als Feuerwehrmänner fortlaufend Lücken stopften, fehlende Laufarbeit von Mitspielern kompensierten und taktische oder technische Fehler ausbügeln mussten. Zum Saisonstart 21/22 ist alles anders. Die Spieler mit der zu geringen Laufleistung und unnötigen Fehlern sind grösstenteils nicht mehr da. Alle elf Mann auf dem Platz bringen das, was man in der Super League von ihnen erwarten kann. Die Last wird auf viel mehr Schultern verteilt. So fällt es kaum auf, dass Aliti bisher einen eher durchschnittlichen Saisonstart erwischt hat, Doumbia nach einer Stunde ausgewechselt wird und Marchesano zwischen seinen hervorragenden Offensivaktionen auch mal für zwei, drei Minuten nicht im Fokus steht.

Zehn Mann, die laufen – Marchesano mit hoher Standard-Effizienz

Zwar läuft Marchesano auch in Luzern viel, aber er befindet sich nicht mehr wie letzte Saison als Führungsspieler 70 bis 90 Minuten im mentalen Dauerstress. Das gewohnte Lamentieren in Richtung Mitspieler, wenn diese schon wieder das Kommando fürs Pressing verschlafen haben, fällt weg. So kann sich der Tessiner noch besser auf die entscheidenden Aktionen nach vorne fokussieren. In Luzern erzielt der FCZ drei Tore – alle nach Marchesano-Standards. Erst ein kurz gespielter Eckball auf Guerrero, den der Spanier ideal auf den Kopf von Mirlind Kryeziu zirkelt, welcher von Gegenspieler Holger Badstuber (nicht das einzige Mal) aus den Augen verloren worden ist. Dann ein stark von links aus dem Halbfeld an den entfernten Pfosten gezogener Freistoss, welcher Frydek zu einem penaltyreifen Foul an Omeragic verleitet. Und schliesslich der direkt verwandelte Freistoss, der eine so tückische Flugbahn nahm, dass Filip Ugrinic in der Mauer sich in die falsche Richtung bewegte und den Weg für den Ball frei machte.

Positiv wie sie sich bewegen und geduldig sind (Luzern – FCZ Kommentare)

Débutant Gogia defensiv noch ungenügend

Wie „aus dem Nichts“ ging Luzern in der 5. Minute nach einem zu riskanten Zweikampfverhalten Mirlind Kryezius gegen Ugrinic in Führung. Gegen Ende der Partie passierte übrigens Fidan Aliti gegen den eingewechselten Lorik Emini dasselbe noch einmal. Der FCZ reagierte aber mit Ruhe und Geduld und hatte dann im zweiten Viertel der Partie seine bisher beste Phase der noch jungen Saison. Auch nach der Pause und der 2:1-Führung kam das Breitenreiter-Team zu einigen sehr guten Torchancen, um das Skore frühzeitig auszubauen. Erst im letzten Viertel der Partie baute man ein bisschen ab, teilweise aufgrund der etwas nachlassenden Kraft und Konzentration, teilweise weil nicht alle Einwechselspieler das Niveau der Startelf weiterziehen konnten. Dies betrifft im Speziellen den Débutanten Akaki „Andy“ Gogia. Dem in Georgien geborenen Deutschen Offensivspieler war das halbe Jahr ohne Wettbewerbseinsätze in Berlin anzumerken. Neben Ungenauigkeiten, falschen Einschätzungen und Stockfehlern mit Ball (einmal direkt vor dem eigenen Strafraum), ist vor allem das Spiel ohne Ball noch stark ungenügend. Nach der Umstellung Breitenreiters auf ein 5-4-1 ab der 76. Minute unterstützt Gogia seinen Hintermann Guerrero auf der linken Seite deutlich zu wenig.

Gute taktische Umstellungen von Celestini – aber es reicht für Luzern trotzdem nicht

Sowohl Luzern-Coach Fabio Celestini wie auch André Breitenreiter hatten taktisch eine Änderung vorgenommen. Luzern spielte erstmals in dieser Saison gegen eine Dreierabwehr und stellte dementsprechend vom üblichen 4-4-2 auf ein 4-2-3-1 um, mit der Möglichkeit ein Hohes Pressing aufzuziehen, aus welchem sich der FCZ aber von Anfang an gut herauslösen konnte. Dies obwohl Luzern diesmal taktisch viel besser eingestellt war, als noch in St. Gallen. Christian Gentner bereitete dem FCZ am meisten Probleme. Mit seinen Laufwegen vermochte er ab und zu Löcher im Zürcher Defensivverbund aufzureissen. Filip Ugrinic war ebenfalls viel unterwegs, aber abgesehen von seinem Tor nicht mit der aus Luzerner Sicht gewünschten Effektivität. Marco Burch hatte mit einem mediokren Holger Badstuber neben sich in der Innenverteidigung alle Hände voll zu tun und arbeitete für anderthalb. Der 20-jährige wirkte wie ein Routinier, der einen unerfahrenen Jungspund neben sich führen muss. Ausserdem vermisste Luzern den verletzten Torhüter Marius Müller sowie den gesperrten Marvin Schulz.

Krasniqi findet über den Kampf ins Spiel

Der FCZ seinerseits nimmt von einer soliden Basis ausgehend Schritt für Schritt. Er hat in Lugano sehr tief stehend und mit minimem Ballbesitz begonnen und steht nun von Spiel zu Spiel etwas höher und steigert seinen Ballbesitz – auch wenn das Zürcher Spiel weiterhin hauptsächlich auf schnelle Konter ausgelegt ist. Da Luzern im Gegensatz zu Lugano und Lausanne mit zwei Sechsern spielt, reagierte Breitenreiter, indem er Bledian Krasniqi auf die Achterposition vorzog. Mit nun einem Sechser (Doumbia gegen Ugrinic) und zwei Achtern (Marchesano gegen Wehrmann, Krasniqi gegen Gentner) ergab sich so an Stelle eines 3-4-1-2 ein 3-3-2-2. Bledian Krasniqi steigerte sich in seinem dritten Super League-Einsatz im Vergleich zum Lausanne-Spiel nochmal deutlich. Auch wenn ihm schon bei seinem Einsatz in der Europa League in Napoli eine gute Leistung gelang, vermochte er in Luzern erstmals sein Potential auf Super League-Niveau umzusetzen. Dies vor allem auch, weil er in der Anfangsphase dank zwei, drei starken Balleroberungen gut ins Spiel fand. Selten war die Umschreibung „über den Kampf ins Spiel finden“ zutreffender. Unter anderem auch deshalb liess Breitenreiter den 20-jährigen bis in die Nachspielzeit hinein im Spiel und nahm Doumbia bei der Einwechslung von Hornschuh raus.

Telegramm

Luzern – FC Zürich 1:3 (1:2)
Tore: 5. Ugrinic (Tasar) 1:0, 35. Kryeziu (Guerrero) 1:1, 44. Kramer (Penalty-Nachschuss, Omeragic) 1:2; 75. Marchesano (Freistoss, Boranijasevic) 1:3.
Luzern – Vasic; Farkas (80. Sidler), Burch, Badstuber (55. Domgjoni), Frydek; Gentner, Wehrmann (55. Emini); Tasar (55. Alounga), Ugrinic, Ndiayé; Sorgic (80. Rupp).
FCZ – Brecher; Omeragic, Kryeziu, Aliti; Boranijasevic, Doumbia (61. Hornschuh), Guerrero; Marchesano (76. Rohner), Krasniqi (90.+1 Seiler); Ceesay (90.+1 Gnonto), Kramer (61. Gogia).

Kryeziu macht endlich sein Kopfball-Tor (Luzern – FCZ Highlights)

Zum Heimspielstart und Vereins-Geburtstag empfängt der FCZ das neu durch seinen ehemaligen Jugendtrainer Ilja Borenovic trainierte Lausanne-Sport. Zuletzt waren die Waadtländer ein gefährlicher Gegner für FCZ-Trainer. Ein 1:5 auf der Pontaise und die Art und Weise des Auftritts war ein entscheidender Dämpfer auf dem Weg zum Trainerwechsel von Forte zu Magnin und ein 0:4 gleichenorts in Bezug auf die Ablösung Magnins durch Massimo Rizzo. Hätte dessen Team im Mai im neuen Tuilières einen 2.0-Vorsprung nicht noch aus den Händen gegeben, hätte Rizzo im Sommer ebenfalls bessere Argumente für eine Weiterbeschäftigung gehabt. Der neue Trainer André Breitenreiter muss hingegen bei seiner ersten Direktbegegnung mit den Waadtländern nichts befürchten.

Der Niedersachse nimmt im Vergleich zum Auswärtsspiel in Lugano in der Startformation nur eine Änderung vor: der mit einem durchzogenen Auftritt gestartete Nikola Boranijasevic beginnt für Fabian Rohner. Der unter der Woche neu verpflichtete Offensivmann Akaki Gogia sitzt bereits auf der Ersatzbank.

Lausanne-Coach Borenovic nimmt hingegen nach der Auftaktniederlage gegen St. Gallen deutlich mehr Wechsel vor. Der Torschütze zum späten 1:2-Anschlusstreffer Brahima Ouattara beginnt diesmal in der Startformation, genauso wie das grosse Waadtländertalent Alvyn Sanches (18) neben dem gleichaltrigen Jean N’Guessan und Goduine Koyalipou in der jungen Offensivreihe. Zudem kehrt Elton Monteiro in die Innenverteidigung zurück.