Bei der für heute angesetzten, aber verschobenen Generalversammlung der Swiss Football League steht neben dem kurzfristig brennenden Thema der weiteren Form und Ausgestaltung der Meisterschaft 2019-20 (weitere Unterbrechung? Geisterspiele? Verkürzte Meisterschaft 2020-21?) auch ein langfristig entscheidendes Thema auf der Traktandenliste, die sogenannte «Ligareform». Über dieses Thema wurde in verschiedenen Medienformaten geschrieben und diskutiert – allerdings in der Regel eher oberflächlich. Die Diskussionen kreisten vorwiegend um zwar interessante, aber letztendlich sekundäre Fragen wie den Spielmodus. Für den Schweizer Fussball viel einschneidendere Themen bezüglich Auswirkungen auf Nachwuchsförderung, Zuschauerzahlen, Einnahmen und Arbeitsplätze blieben zumindest in der medialen Rezeption bisher weitgehend aussen vor.

Dies liegt unter anderem an der starken Fokussierung der Aufmerksamkeit auf die Super League. Viele Kommentatoren kennen fast nur die oberste Spielklasse und sind sich nicht bewusst, wie stark Profifussball, Spitzenamateurfussball, Nachwuchsförderung und Infrastrukturentwicklung mittlerweile miteinander vernetzt sind. Auch die grosse Bedeutung der Challenge League für das ausdifferenzierte, evolutionär gewachsene Gesamtgebilde wird nicht wahrgenommen. Die Swiss Football League und der SFV haben dabei über die letzten Jahrzehnte die Latte in allen Bereichen immer höher gelegt. Profifussball, Spitzenamateurfussball, Nachwuchsförderung und Infrastruktur wurden so alle auf ein deutlich höheres Niveau gehoben. Die Kunst bestand dabei immer darin, die richtige Balance zu finden. Zu tiefe Anforderungen = kein Fortschritt. Zu hohe Anforderungen = die Klubs kollabieren. Die Klubs wurden und werden dabei „ausgepresst wie eine Zitrone“ – durchaus zum Wohle des Schweizer Fussballs. Der Grat ist schmal. Schon eine oberflächlich betrachtet kleine Ligareform kann deshalb das System zum Kippen bringen.

Wer sich mit einem Thema wie der Ligareform beschäftigt, kommt nicht umhin, sich mit Zahlen auseinanderzusetzen. Denn diese entscheiden schlussendlich darüber, ob eine sich vordergründig gut anhörende Idee auch in der Realität Sinn macht. Die Schweiz hat rund 8 Mio Einwohner und 2 Mio Zuschauer pro Jahr in den Super League-Stadien. Das bedeutet: umgerechnet geht jeder vierte Schweizer einmal pro Jahr in ein Super League-Stadion. Zum Vergleich: Deutschland hat 80 Mio Einwohner und 13 Mio Zuschauer pro Jahr in den Bundesliga-Stadien. Jeder sechste Deutsche geht also einmal pro Jahr zu einem Spiel der Bundesliga ins Stadion – weniger als in der Schweiz! Und dies obwohl in Bundesligastadien Weltstars wie Robert Lewandowski oder Erling Haaland zu bestaunen sind – und gleichzeitig in der Super League nicht einmal die besten Schweizer Spieler in Aktion zu sehen sind.

Mit anderen Worten: die Zuschauerzahlen sind in der Schweiz gemessen an der Bevölkerungszahl seit der Einführung der 10-er Liga 2003 tendenziell eher am oberen Rand des Möglichen. Damals sind die Zuschauerzahlen geradezu explodiert – auf durchschnittlich 10’400. So viele gab es in der höchsten Schweizer Liga zuvor noch nie auch nur annäherungsweise. Die 12-er Liga von 1987-2003 hatte eine durchschnittliche Zuschauerzahl von 6’500 – und dies obwohl die Eintrittspreise damals auch inflationsbereinigt deutlich tiefer waren. Das Eishockey ist mit ebenfalls 2 Mio Zuschauern pro Jahr in der National League eine zusätzliche Konkurrenz, wohingegen in Deutschland keine andere Sportart auch nur annähernd an die 13 Mio im Fussball herankommt.

Die Zuschauerzahl ist die lebenswichtige Kerngrösse für den Schweizer Profifussball. Denn neben der im internationalen Vergleich hohen Bedeutung der direkten Zuschauereinnahmen, sind auch die indirekten Einnahmen wie Sponsoring und TV-Gelder letztendlich von der öffentlichen Aufmerksamkeit abhängig, für welche die Zuschauerzahl im Stadion ein entscheidender Indikator ist. Von dieser Kerngrösse hängt schlussendlich unter anderem ab, wie viele Mittel für die Nachwuchsförderung, vom Klub mitfinanzierte Infrastrukturen, Sicherheitsanforderungen oder allfällige Zuschüsse für die Frauenfussball-Abteilung zur Verfügung stehen. Bei einer im Vergleich zu heute deutlich sinkenden Zuschauerzahl würde es zudem schwierig bis unmöglich, Fussballpersönlichkeiten wie Fabian Lustenberger, Guillaume Hoarau oder Valentin Stocker in einem leistungsfähigen Alter in die Liga (zurück) zu holen oder einen Kevin Rüegg, Silvan Hefti oder Eray Cömert so lange in der Schweiz zu halten, wie dies jetzt noch der Fall ist. Darum sollte man sich sehr gut überlegen, ob man auf eine Ligagrösse aufstocken will, die in den 90er-Jahren 38% und in den 70er-Jahren gar 44% weniger Zuschauer in die Stadien gelockt hatte!

In Österreich wurde der Schritt von der 10-er auf eine 12-er Liga 2018 vollzogen. Die Bilanz nach der ersten Saison ist ernüchternd: der Zuschauerschnitt liegt mit 6’400 tiefer als der langfristige Schnitt der 10er-Liga. Und dies obwohl gleichzeitig der Wiener Grossklub Austria auf Anfang Saison sein frisch umgebautes Stadion neu eröffnete und dadurch einen Zuschauerzuwachs von beinahe 50% verzeichnete! Ohne den «Austria-Effekt» wäre der Schnitt mit Einführung der 12er-Liga gar auf eine 5’000er-Zahl gesunken! Ausserdem hatte kurz zuvor „Publikumsmagnet“ Rapid ebenfalls nach langem Warten sein neues Stadion eröffnet. In der laufenden Saison 2019-20 haben sich die Zuschauerzahlen zudem nochmal reduziert – obwohl Österreichische Klubs dank vieler guter Trainer aus der ‘’Salzburger Schule’’ im Europacup so gut abschneiden wie schon lange nicht mehr. Historisch haben die Zuschauerzahlen in der Österreichischen Bundesliga bei Ligareduktionen immer zugenommen und bei Ligaaufstockungen abgenommen! Dass in Österreich trotzdem eine Aufstockung der beiden höchsten Ligen zum Thema wurde, hatte wesentlich damit zu tun, dass unser östliches Nachbarland in ihrer Bundesliga den angepeilten Sprung über die 10’000er-Marke im Gegensatz zur Schweiz nicht geschafft hat. Es war ein bewusster Schritt zurück, aus «Notwendigkeit» und man ist sich der negativen Konsequenzen bewusst.

Auch in der Challenge League hat der Zuschauerschnitt durch die Ligareduktion von einer 18er- über eine 16er- zur 10er-Liga um 36% von 1’400 auf 1’900 zugenommen. In Österreich zeigt sich in der 2. Liga dasselbe Bild: mit der Reduktion von 12 auf 10 Teams wurde 2010 ein Zuschaueranstieg bewirkt. Durch die Wiederaufstockung auf 16 Teams im Sommer 2018 ist hingegen fast die Hälfte der Besucherzahlen weggebrochen! Im neuen Format mit 16 Mannschaften hatte die 2. Liga Österreichs 2018-19 gerade mal noch 929 Besucher im Schnitt – Aufbruchstimmung sieht anders aus.

Besonders interessant für die zur Disposition stehende Variante (12+10 statt 10+10) ist der Vergleich mit Fällen, wo es eine Aufstockung der obersten Liga bei gleichzeitiger Beibehaltung der Anzahl Mannschaften in der zweitobersten Spielklasse gegeben hat. Der am meisten vergleichbare Fall ist Dänemark 2016, wo die oberste Liga von 12 auf 14 Teams aufgestockt wurde, während die zweithöchste Spielklasse bei 12 Mannschaften blieb. Das Resultat? Starker Zuschauerrückgang in beiden Ligen (-18% bzw. -10%)! Das gleiche Bild in Österreich 1982, als die oberste Liga von 10 auf 16 Teams aufgestockt wurde und die 2. Liga bei 16 Mannschaften verblieb. Der Rückgang der Zuschauerzahlen war im Oberhaus mit -29% dramatisch, in der zweithöchsten Spielklasse wars gar noch schlimmer: -34%!

Durch die Aufstockung der obersten Spielklasse wird die Attraktivität beider Ligen reduziert und das Niveau verwässert. Die 2. Liga verliert ihre Zugpferde nach oben und bekommt in aller Regel weniger attraktive Klubs aus der dritthöchsten Liga hinzu. Das Resultat ist ein Zuschauerrückgang, welcher in der Challenge League wohl den Profibetrieb in Frage stellen und potentiell hunderte von Arbeitsplätzen (Fussballer, Staff, Administration, Nachwuchstrainer) gefährden würde. Die Challenge League braucht Klubs wie GC, Lausanne, Xamax, Servette oder auch mal einen FCZ, FC Sion oder FC St. Gallen. Und den jeweiligen Traditionsklubs hat der Abstieg bisher, so schmerzhaft er im ersten Moment war, noch jedes Mal gut getan. In der Regel ging dem Abstieg jedes Mal ein jahrelanges Kränkeln in der höchsten Liga voraus. Unten angekommen stellte sich der Klub neu auf und kam besser aufgestellt wieder zurück. In den 80er-Jahren sind letztmals Vereine permanent im Amateurfussball verschwunden. Seither haben selbst konkursite NLA-/Super League-Klubs alle wieder den Weg zurück nach oben gefunden. Die Erfolgsstories von FCB, YB oder Servette starteten im Unterhaus. Ausserdem ist ein Abstieg immer auch eine Chance für den jeweils aktuellen Jahrgang an Talenten, sich in der Challenge League schneller durchsetzen und etablieren können. So gehörten unter anderem Michael Lang (mit St. Gallen), Loris Benito (Aarau) oder Kevin Rüegg (FCZ) zu den «Profiteuren» des Abstieges ihrer Klubs.

Die Vergleichsgrössen aus Dänemark und Österreich deuten klar darauf hin, dass durch eine Aufstockung der Super League um zwei Teams die Zuschauerzahlen sowohl in der Super League wie auch in der Challenge League sinken werden. Um wie viel Prozent wird dies aber der Fall sein? Dies hängt sicherlich auch von den klubspezifischen Gegebenheiten ab. Deshalb macht als zusätzliche Entscheidungshilfe eine klubbasierte detaillierte Analyse Sinn. Als Basis werden für jedes Heimteam die zuletzt erzielten (durchschnittlichen) Zuschauerzahlen pro Gegner genommen. Ganz rechts in der ganz am Ende des Artikels angehängten vollständigen Tabelle sind die entsprechenden Zahlen für die zur Zeit auf den ersten beiden Plätzen der Challenge League stehenden Lausanne-Sport und Vaduz aufgeführt. Um auf die voraussichtliche Zuschauerzahl pro Heimteam in einer 12er-Liga zu kommen, werden aber nicht die Zahlen von Lausanne und Vaduz verwendet, sondern stattdessen diejenigen von zwei vergleichbaren Auswärtsteams (in der Regel Xamax und Lugano) doppelt gezählt. Denn die Zahlen von Lausanne und Vaduz liegen schon relativ weit zurück und geben daher nur begrenzt die aktuelle Situation wieder. So waren die Zuschauerzahlen in Bern damals generell gegen alle Gegner um rund 10’000 tiefer und in Basel wiederum deutlich höher. Das Resultat der Berechnung: der Zuschauerschnitt pro Gegner würde in der Super League mit einer Aufstockung um zwei Teams per se um etwa 2% zurückgehen. Die totale Zuschauerzahl könnte allerdings in Abhängigkeit des Modus und der Anzahl gespielter Runden noch stärker sinken.

Was wäre nun aber die Auswirkung einer Aufstockung der Super League auf die Zuschauerzahlen in der Challenge League? Wie schon in den «Real life»-Beispielen Dänemark und Österreich gesehen, bewirkte eine Ligaaufstockung der obersten Spielklasse in der zweithöchsten Liga einen Zuschauerrückgang in mindestens ähnlichem Rahmen. Unser Rechenbeispiel zeigt nun, dass eine Ligaaufstockung der Super League die Challenge League am härtesten treffen würde! Es wird davon ausgegangen, dass Yverdon und Rapperswil-Jona die zweithöchste Liga von unten her aufstocken. Bezüglich Teams, welche nach oben wegbrechen würden, wurden zwei Varianten berechnet: 1) Lausanne + Vaduz, 2) Lausanne + GC. Im ersten Fall würde die Challenge League 12% tiefere Zuschauerzahlen schreiben, im zweiten gar 33%! Im Schnitt kann man also von etwa 20% weniger Zuschauern in der Challenge League ausgehen, wenn die Super League auf 12 Teams aufgestockt würde. Auf der anderen Seite wären bei einer Beibehaltung von 10+10 bei einem gelegentlichen Abstieg von Teams wie Luzern, St. Gallen oder FCZ (hat gegen die jetzigen Challenge League-Teams einen Auswärtsschnitt von mehr als 5’500 Fans) die Zuschauerzahlen in gewissen Saisons noch höher als heute. Die Challenge League lebt von ihren Zugpferden.

Von den in der Grösse mit der Schweiz vergleichbaren europäischen Ländern mit 5,5 bis 12 Millionen Einwohnern hatte nur in Belgien (35% Einwohner mehr als die Schweiz) die 2. Liga 2018-19 einen höheren Zuschauerschnitt. Und dies obwohl in den meisten der aufgeführten Länder der Fussball im Gegensatz zur Schweiz die klare Nummer 1 ist. So kommt in unserem Land die Swiss League (2. Liga Eishockey) mit 1’800 Zuschauern pro Partie nahe an die Challenge League heran – die totale Zuschauerzahl pro Saison ist gar höher. Belgien hatte 2018-2019 neben der höheren Einwohnerzahl aufgrund der noch kleineren Liga (acht Teams!) und der Teilnahme von Mechelen (Zuschauerschnitt: 13’500) einen deutlich höheren Zuschauerschnitt. In der Saison 2019-20 (wieder ohne Mechelen) liegt der Schnitt bei 2’900.

Dank dem Faktor, dass in der Schweiz die Teams nr. 11-20 in der Challenge League spielen, ist es auch eine sportlich starke Liga. Es ist bereits elf Jahre her, seit das letzte Mal ein Aufsteiger in die Super League in der darauffolgenden Saison gleich wieder abgestiegen ist. Im Europacup engagierte Challenge League-Teams haben mehr überzeugt als gewisse Super League-Teilnehmer in derselben Saison. Der FC Zürich hielt als Challenge League-ist beide Partien gegen das damalige Spanische Spitzenteam Villarreal ausgeglichen. Lausanne-Sport vermochte das Russische Spitzenteam Lokomotive Moskau auszuschalten und die Gruppenphase zu erreichen. Auch in internationalen Testspielen zeigen Schweizer Zweitligisten gegen Erst- und Zweitligisten anderer Länder gute Leistungen und Resultate. Jungstürmer Dan Ndoye wechselt direkt aus der Challenge League zum Französischen Spitzenteam Nizza, Bryan Okoh zu Salzburg, Simone Grippo und Oliver Buff gingen zu Real Zaragoza, Ivan Kecojevic zu Cadiz oder Marin Cavar zu Chievo Verona. In der Ausbildung der Schweizer Spitzenjunioren gibt es in verschiedenen Bereichen (unter anderem physische Aspekte) Nachholbedarf. Die grössere Erfahrung auf Profistufe von Schweizer Challenge League-Stammspielern ist hingegen im Vergleich mit den Altersgenossen aus anderen Ländern ein grosser Vorteil! Dies fällt bei internationalen Vergleichen auf U19-, U20- und teilweise gar U21-Stufe sofort ins Auge. Die Schweizer Spieler haben diesbezüglich einen Vorsprung, der wesentlich dazu beiträgt, dass überdurchschnittlich viele in der Schweiz ausgebildete Spieler den Sprung in eine Top 5-Liga schaffen.

Die relativ hohe Qualität machte die Challenge League in der jüngeren Vergangenheit zudem zu einem entscheidenden Karriereschritt für mehr als einen Drittel der aktuellen Schweizer Nationalmannschaft! Wer es mit 17 oder 18 Jahren zum Stammspieler in der aktuellen Challenge League schafft, hat sehr gute Aussichten auf eine Top-Karriere. Und wie die Beispiele Jonas Omlin und Christian Fassnacht zeigen, kann auch ein Durchbruch in der Challenge League mit 21 oder 22 Jahren noch den Weg ins Nationalteam ebnen. Auch in der aktuellen Saison kamen mehrere potentielle künftige Nationalspieler in der Challenge League zum Einsatz. Talente mit Qualität werden in allen Challenge League-Mannschaften regelmässig eingesetzt und einige übernehmen gar eine tragende Rolle. Und dies unabhängig von der Tabellenposition – auch Klubs, die um den Aufstieg oder Abstieg kämpfen, setzen konsequent auf Junge. Denn erfahrene Spieler von der gleichen Qualität können sich Challenge League-Klubs in der Regel gar nicht leisten. Die hier zur Illustration zusammengestellte Liste von Top Challenge League-Talenten ist ein Ausschnitt und erhebt keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit.

Da die Talente in der Challenge League gut gefordert und gefördert werden, haben YB, FCB, FCZ, Servette, Lugano, St. Gallen, Luzern, Xamax und Sion hoffnungsvolle junge Spieler in diese Liga ausgeliehen oder geben sie fix ab. GC, Lausanne, Aarau oder Winterthur haben selbst eine starke Spitzenjunioren-Academy, aus welcher sie Talente nachziehen. Würde die Challenge League ihren Profistatus verlieren, dann könnten die Schweizer Spitzenklubs ihre Talente nicht mehr mit gutem Gewissen in diese Liga verleihen, weil die Trainingsbedingungen und das Spielniveau nicht mehr genügen würden. Die Talente würden entweder in ihrem entscheidenden Schritt vor dem Sprung in die Super League gestoppt, oder sie müssten im Ausland eine Lösung suchen. Dies wäre verheerend.

In eine völlig falsche Richtung würde daher auch der Ruf nach einer Zulassung von U21/U23-Teams in der zweitobersten Liga gehen. Erstens wäre dies der definitive Sargnagel für den Profistatus der Liga, denn die Zuschauerzahlen würden so noch deutlich stärker in die Tiefe rasseln, als bereits mit einer Aufstockung. Zweitens zeugt die Forderung von einer einseitigen, parteiischen Sichtweise einzelner Grossklubs und ist nicht im Sinne des gesamten Schweizer Fussballes. Der Sprung von der zweithöchsten in die höchste Liga wäre sowohl für Talente wie auch für die Klubs zu gross. Die finanziellen Bedingungen wären so schlecht, dass ein Super League-ist nach einem Abstieg in noch viel grössere Schwierigkeiten geraten würde als heute schon – und den Profibetrieb möglicherweise einstellen müsste. Dies kann nicht im Sinne einer gesunden Durchlässigkeit des Schweizer Ligasystems sein.

U23-Teams würden sowieso nur wenige in dieser zweithöchsten Liga spielen. Beispielsweise Basel, Sion und FCZ, die heute in der Promotion League aktiv sind. Die Talente der anderen Klubs könnten die zweithöchste Liga als Sprungbrett nicht mehr nutzen, weil die Bedingungen bei allen anderen teilnehmenden Teams nicht mehr professionell wären. Das Niveau dieser aufgestockten Liga wäre zwischen der heutigen Challenge League und der heutigen Promotion League anzusiedeln. Selbst in der heutigen Promotion League müssen sich aber die Reserve-Teams von Sion und FCZ mit externen Spielern verstärken, um die Liga halten zu können. So spielt beispielsweise beim FCZ der ehemalige Thuner ‘’Champions League-Held’’ José Gonçalves und der aus Deutschland zurückgeholte 24-jährige Stürmer Shpetim Sulejmani sorgt für die Tore, welche die eigenen Junioren nicht zu schiessen im Stande sind. Basel ist der einzige Klub der Schweiz, der sich fast ausschliesslich mit 18- bis 20-jährigen Spielern aktuell in der Promotion League halten kann. In einer allfälligen zweithöchsten Liga würden das aber selbst die Rotblauen nicht mehr schaffen, und müssten ebenfalls ältere Verstärkungsspieler verpflichten. Wohin dies führt, kann man gut in Deutschland beobachten. Klubs wie Bayer Leverkusen oder Eintracht Frankfurt haben ihre U23 mittlerweile zurückgezogen und viele andere Klubs denken ernsthaft darüber nach. Denn die U23-Teams sind häufig voll von «gestrandeten» Ex-Profis oder Spitzenamateurfussballern, die durchaus mithelfen können, das U23-Team eines Bundesligisten in der Regionalliga zu halten, gleichzeitig aber null Perspektiven auf eine Bundesligakarriere haben. Die wirklich talentierten eigenen Junioren versuchen hingegen meist, falls der Sprung ins Bundesliga-Team nicht direkt gelingt, den Weg über die 2. Bundesliga oder eine Erste Liga in einem Nachbarland zu machen. Es bringt auch dem FC Basel mehr, einen Yves Kaiser oder Konstantinos Dimitriou in eine starke Challenge League ausleihen zu können, statt mit einem mit älteren Spielern verstärkten Reserve-Team in einer qualitativ verwässerten zweithöchsten Liga mithalten zu versuchen.

Schon heute ist es zudem so, dass U21-Teams, die in der 1. Liga engagiert sind, nicht mit aller Kraft in die Promotion League aufsteigen wollen. Denn in der vierthöchsten Spielklasse können diese Klubs mit reinen Juniorenteams spielen und sich auch erlauben, regelmässig 16- oder 17-jährige Talente wie Samuel Kasongo (YB), Bung Tsai Freimann (Luzern), Armin Abaz (St. Gallen) oder Marvin Keller (GC) einzusetzen – was in der viel anspruchsvolleren Promotion League meist nicht möglich wäre. Vor diesem Hintergrund gar Reserve-Teams in der zweithöchsten Liga zu fordern, macht überhaupt keinen Sinn. Ein Klub kann letztendlich nicht auf jeder Stufe ein Team haben: 2. Liga Inter, 1. Liga, Promotion League, Challenge League, Super League. Daher muss so oder so für jeden Entwicklungsschritt eines Talentes eine individuelle Lösung gefunden werden. Entscheidend ist, dass alle Stufen in der Schweiz vorhanden und abgedeckt sind. Dies würde mit einer Aufstockung der Super League auf 12 Teams und erst recht mit einer Aufstockung der Challenge League (unter anderem mit U23-Teams) zunichte gemacht, weil dann die kompetitive zweithöchste Profistufe wegbrechen würde.

Es wäre unter diesen Voraussetzungen zudem auch schwer vorstellbar, wie ein Klub der zweithöchsten Spielklasse in der Schweiz im Juniorenspitzenfussball noch eine U18 oder gar U21 betreiben könnte. Daher, wenn es eine Änderung geben sollte, muss die Tendenz eher dahin gehen, dass die U21-Teams wieder strikter zu echten U21-Teams werden. Beispielsweise könnten die maximal erlaubten Einsätze für Spieler über dem U21-Alter auf zwei pro Saison beschränkt werden. Damit wäre sichergestellt, dass die Stammformation nur aus Talenten besteht – und gleichzeitig immer noch sich nach einer Verletzung im Aufbau befindliche Profis durch zwei Einsätze in der U21 wieder in den Rhythmus spielen könnten. Die Folge wäre, dass in der aktuellen Situation Sion und der FCZ auf allen Positionen regelmässig Junge einsetzen und möglicherweise in die 1. Liga absteigen würden. Die Anhebung des Alters auf U23 wäre kontraproduktiv. Wenn das U21-Alter vorbei ist, ist der Schritt in eine 1. Mannschaft – auf welcher Stufe auch immer – absolut angebracht. Dies wäre auch fairer und gesünder den Spielern, der Challenge League und den Spitzenamateurteams gegenüber.

Die Leihen und Transfers von Super League-Talenten in die Challenge League haben sich in letzter Zeit zudem stark verbessert. In der Vergangenheit war ab und zu das Problem, dass der Super League-ist seine Toptalente im Klub behalten und eher auf der Kippe stehende Talente in die Challenge League verliehen hat. Das Resultat: die auf der Kippe stehenden Talente waren häufig auch nicht gut genug für die Challenge League, und die Toptalente bekamen gleichzeitig zu wenig Spielpraxis auf gutem Niveau. Heute werden viel häufiger Talente, welche durchaus (vorwiegend auf der Ersatzbank) auf dem Super League-Matchblatt stehen könnten, in die Challenge League verliehen und die auf der Kippe stehenden Talente deutlich schneller fix in die Challenge League oder anderswohin abgegeben. Die Toptalente erhalten dank ihrer Qualität viel Spielzeit in der Challenge League. Die auf der Kippe stehenden Talente haben bessere Voraussetzungen für ihren nächsten Schritt, weil es sich für ihren künftigen Klub lohnt, in ihre Entwicklung, ihr Selbstvertrauen und die Verbesserung ihrer Defizite zu investieren. Auf diese Weise haben alle mehr von der Sache: der Super League-Klub, der Challenge League-Klub und nicht zuletzt auch der Spieler selbst.

Für die Entwicklung der Top-Talente ist es nicht nur wichtig, auf möglichst hohem Niveau zu spielen, sondern auch, dass es in den Spielen um viel geht. Im Titelkampf oder Abstiegskampf lernen sie am meisten und entwickeln sich auch als Persönlichkeiten. Beispielsweise spielte der früh von einer Verletzung wieder zurückgekehrte Kevin Rüegg eine sehr wichtige Rolle im zwischenzeitlichen Abstiegskampf des FC Zürich letzten Frühling. Bei Xamax war es unter anderem Kemal Ademi, der mit seiner Mentalität sein Team in den entscheidenden Partien gegen den Abstieg mitriss. Den FC St. Gallen haben vor allem die jungen Spieler an die Super League-Spitze gerannt, gespielt und geschossen. Trainer setzen auf junge Spieler, wenn sie das Gefühl haben, dass sie diesen auch in entscheidenden Momenten vertrauen können. Junge Spieler hingegen, welche nicht in der Lage sind, in solchen Situationen über sich hinauszuwachsen, haben sowieso keine echte Zukunftsperspektive im Profifussball.

Ebenso macht es keinen Sinn, die Super League aufzustocken, damit einzelne Klubs möglicherweise etwas mehr «Ruhe» und «Planungssicherheit» erhalten könnten. Wenn etwas die Zuschauer fasziniert und in die Stadien zieht, so ist es neben dem Titelkampf der Existenzkampf gegen den Abstieg. Das sind die Spiele, wo die Maladière in Neuenburg gegen Aarau seit langer Zeit wieder einmal mit 12’000 Zuschauern ausverkauft ist, oder wo in der Abstiegssaison des FCZ erst der Kybunpark komplett voll ist und anschliessend 16’000 Nasen FCZ gegen Vaduz im Letzigrund sehen wollen. Ja, ein Abstieg soll schwierig und schmerzhaft sein – sonst würde es ja niemanden interessieren. Profifussball ist Teil der Unterhaltungsbranche und da sind Unvorhergesehenes und schlaflose Nächte für die Klubführung der Normalzustand. Und für die Spieler ist es eine Chance, an der Aufgabe zu wachsen.

Weitere Argumente, welche gegen eine Aufstockung sprechen, sind die geringeren Einnahmen pro Klub aus dem TV-Geld und anderen zentralen Einnahmequellen und die zu kleine Anzahl Super League-tauglicher Stadien. Häufig wird vergessen, dass aktuell in Lausanne kein zusätzliches Super League-taugliches Stadion hinzukommt, sondern nur ein altes Super League-Stadion (Pontaise) 1:1 ersetzt wird. Es gibt auch mit dem im Sommer vor der Eröffnung stehenden „Tuilères“ im ganzen Land nur elf Super League-taugliche Stadien: Bern, Basel, Zürich, Sion, Luzern, St. Gallen, Thun, Genf, Neuenburg, Lausanne und Schaffhausen. In Zürich gibt es zwei Profiklubs. Bei einer 12-er Liga würde sich die Super League alleine aufgrund der Infrastruktur fast schon von selbst zusammenstellen. Um eine sinnvolle sportliche Konkurrenzsituation zu schaffen, sollte eigentlich mindestens die Hälfte der Challenge League-Klubs auch administrativ in die höchste Spielklasse aufsteigen können, sonst wird die Meisterschaft zu einer Farce!

Schon bei einer 10er-Liga kann dieses Kriterium nur erfüllt werden, wenn man die (möglichen) Ausnahmebewilligungen mitzählt. Zur Zeit hat Lugano eine, aufgrund des geplanten neuen Projektes auf demselben Gelände, das im November eine weitere politische Hürde genommen hat, und gemäss Vereinbarung mit der Swiss Football League bis Sommer 2021 eine Baubewilligung benötigt (Eröffnung frühestens Ende 2023). Aarau spielte schon zu viele Jahre mit einer Ausnahmebewilligung im Oberhaus und würde aktuell dem Vernehmen nach keine mehr erhalten – das Brügglifeld ist nicht einmal Challenge League-tauglich und aufgrund der Platzverhältnisse offenbar nicht auf Super League-tauglichkeit ausbaubar. Sonderbewilligungen erhalten könnten theoretisch wohl Wil, Winterthur, Vaduz und das aktuell in der 1. Liga Gruppe 2 engagierte Biel. Deren Stadien sind grundsätzlich auf einen möglichen Super League-Ausbau ausgelegt. Voraussetzung wäre aber wohl mindestens ein in die Wege geleitetes Verfahren zum Ausbau des Stadions, welches zuerst lokal einige politische und finanzielle Hürden nehmen müsste. Und es ist auch nicht sicher, ob die erwähnten Klubs ihr Stadion aktuell überhaupt auf Super League-tauglichkeit ausbauen wollen. Ist Winterthur beispielsweise bereit, seine «Bierkurve» und «Sirupkurve» in der jetzigen Form zu opfern? Eine weitere Option wäre, in einer anderen Stadt zu spielen – Winterthur beispielsweise in Schaffhausen (im Letzigrund spielen schon zwei Teams), Wil in St.Gallen. Aber die Klubs würden bei dieser Frage tendenziell wohl eher auf einen Aufstieg verzichten.

Zusammenfassend hat der Schweizer Fussball im Vergleich mit gleichgrossen Ländern dank der Formel 10+10 aktuell eine zweithöchste Spielklasse mit hohem sportlichen Niveau und vielen Zuschauern. Dies ermöglicht es einer wachsenden Anzahl an talentierten Jungprofis auf zweithöchster Profistufe einen entscheidenden Entwicklungsschritt zu machen. Aktuell sind beispielsweise Ndoye, Zeqiri, Vonmoos, Rohner, Pusic oder Alounga diesbezüglich auf den Spuren von Zakaria, Akanji, Sommer und Co.. Eine Aufstockung der Super League von 10 auf 12 Mannschaften würde die Zuschauer- und TV-Einnahmen der Klubs der höchsten Spielklasse leicht reduzieren. Vor allem aber würde es ziemlich sicher die Challenge League ohne ihre dringend benötigten Zugpferde mit massiven Zuschauereinbussen in eine existenzielle Krise stürzen. Der Profistatus könnte möglicherweise nicht mehr aufrechterhalten bleiben, viele Arbeitsplätze gingen verloren, Leuchttürme des Schweizer Fussballs in den Regionen wie Aarau oder Winterthur könnten aufgrund der drastisch reduzierten Einnahmen in der Versenkung verschwinden, ganze Juniorenspitzenfussballorganisationen kaputt gehen und faktisch eine geschlossene Super League entstehen – ohne Auf- und Abstieg. Den Top-Talenten, die sich zur Zeit in grosser Zahl im «Unterhaus» tummeln, würde der Einstieg in den Profifussball auf «Fast-Super League-Niveau» in der Schweiz fehlen und sie müssten sich noch früher und häufiger als heute Richtung Ausland orientieren. In der Super League bestünde zusätzlich die Gefahr, dass aufgrund der fehlenden Konsequenzen von schlechtem Management (kein Druck von «unten») ein gewisser «Schlendrian» Einzug hält.

(Tabellen, Graphiken und Bild: Züri Live, Daten: European Football Statistics, Transfermarkt)

Im Zuge des Unterbruchs der Fussballmeisterschaften in der Schweiz und anderswo werden verschiedene Szenarien diskutiert, wie fortgefahren werden soll. Zu diesen Szenarien zählt auch ein Abbruch und Annullierung der laufenden Saison. Dies wäre aber fatal. Die Klubs, Fans und alle anderen Freunde des Schweizer Fussballs haben viel in diese Saison investiert. Es wäre unfair den Teams und ein Betrug den Zuschauern gegenüber, die Saison für „ungültig“ zu erklären – auch wenn sich das vielleicht der ein oder andere Anhänger von Klubs wie dem FC Zürich, dem FC Sion oder dem FC Thun insgeheim wünschen würde. Es wäre ein Präzedenzfall mit weitreichenden psychologischen und sportrechtlichen Folgen.

Eine neue Saison zu starten, wo es dann erst wieder 36 Runden bis zu einer Entscheidung dauert, macht zudem keinen Sinn! Was passiert, wenn in dieser Saison das Virus wieder zurückkommt? Wird dann erneut annulliert und neu gestartet? Die beste Lösung ist: die unterbrochene Saison schlicht fortzusetzen, wann immer dies möglich sein wird, bis zum bitteren Ende. Sei es mit Zuschauern oder im Notfall mit Geisterspielen. Die Message muss lauten: selbst wenn es einen zweiten oder dritten Unterbruch geben sollte – die Saison wird so oder so fertiggespielt! Ein Neustart bringt keine Vorteile. Würde es gelingen, bis Ende 2020 die Saison zu beenden, könnte man im Frühling 2021 eine verkürzte nächste Saison mit zwei Vollrunden an Stelle von vier spielen. Gelingt die Beendigung der Saison erst bis Sommer 2021, dann hat man halt eine zweijährige Saison gespielt.

Sollte in der Zwischenzeit, zum Beispiel im Sommer 2020 (was eher unwahrscheinlich ist), eine neue Europacupsaison gestartet werden, könnte ein Datum abgemacht werden (beispielsweise 31.Mai 2020), dessen Tabellenstand für die Bestimmung der Europacupplätze massgebend ist. Ein kleiner Wermutstropfen für Lausanne, Winterthur, Rapperswil-Jona oder Bavois, die um ihre kleine Europacupchance gebracht würden. Der  Schweizer Cup 2020 soll aber ebenfalls zu Ende gespielt werden. Dies könnte allenfalls auch parallel zu einer neuen Cup-Saison geschehen.

Mittelfeldspieler Izer Aliu wechselt für die Rückrunde zum FC Chiasso und erweitert das Kontingent der vom FCZ in die Challenge League und Super League ausgeliehenen jungen Spieler. Wie Lindrit Kamberi, Fabian Rohner, Bledian Krasniqi oder Maren Haile-Selassie wird auch Aliu der Schritt in den künftigen 18er-Matchkader beim FCZ zugetraut. Auf der Position des „10-ers“ beziehungsweise je nach Spielsystem „spielmachenden 8-ers“ hat der FC Zürich in den letzten Jahren eine ganze Reihe von Talenten mit viel Perspektive in der eigenen Academy entwickelt. Auf der Suche nach Verstärkungen von aussen sollte diese Position daher in den nächsten Jahren im Normalfall nicht im Fokus stehen. Antonio Marchesano hat sich in dieser Rolle in einem über Jahre dauernden Prozess unter anderem dank verbesserter Fitness zu einem Super League-Leistungsträger entwickelt und seinen Vertrag kürzlich bis 2023 verlängert. Der Tessiner gehört schon seit langem zu den technisch und spielerisch stärksten Spielern der Schweiz.

Nach der Leihe von Aliu und dem möglichen Abgang Popovics ist der mit Aliu gleichaltrige Lavdim Zumberi (beide November ’99) der zweite „Offensive Mittelfeldspieler“ im Kader der 1. Mannschaft. Sowohl Aliu wie auch Zumberi wurden von Trainer Ludovic Magnin schon in der Academy stark gefördert, nahmen aber einen unterschiedlichen Weg. Aliu hatte seinen ersten Profieinsatz bereits mit 16 Jahren. Der damalige Trainer Uli Forte konnte für seinen Fussballstil mit einem solchen Spielertypen allerdings wenig anfangen, testete ihn unter anderem zwischendurch mal wohl eher halbherzig auf der Position des Linken Aussenläufers. Mit dem Trainerwechsel zu Magnin war Aliu dann vor zwei Jahren von einem Moment auf den anderen zeitweise Stammspieler. In diese Phase fiel sein bisheriges Highlight im Trikot der 1. Mannschaft, als er im Heimspiel gegen Lugano innerhalb der ersten 19 Minuten zwei Assists und ein Pre-Assist zur bereits vorentscheidenden 3:0-Führung lieferte:

https://www.youtube.com/watch?v=BW46IzC4ajQ

In die darauffolgende Saison startete Aliu gleich mit einem Assist nach 16 Minuten gegen den FC Thun zum Führungstreffer von Marco Schönbächler, musste dann aber in der Pause angeschlagen ausgewechselt werden. Als die Bänderverletzung dann verheilt schien, kam der Hammer: Kreuzbandriss im Training des Europa League-Auswärtstrips nach Zypern. Nach langer Genesungszeit meldete sich Aliu beinahe ein Jahr später zum Saisonstart diesen Sommer wieder gesund. Gesund heisst aber noch lange nicht in Form. Wie üblich dauert es nach einem Kreuzbandriss ein halbes bis ein ganzes Jahr, um allenfalls wieder auf das alte Level zu kommen. Daher spielte Aliu in der Vorrunde vorwiegend in der Promotion League und ist jetzt bereit für den nächsten Schritt auf dem Weg zurück – die Challenge League.

Lavdim Zumberi brauchte länger auf seinem Weg in die 1. Mannschaft. Während sich Aliu als Vorlagengeber par excellence hervortut (sowohl aus dem Spiel heraus wie auf Standards), geht „Zumbi“ dank Schussqualitäten, wie sie im FCZ in dieser Form ansonsten eher dünn gesät sind, häufig selbst in den Abschluss. Sowohl Aliu wie auch Zumberi wurden immer wieder mal auch auf der „Doppelsechs“ eingesetzt, vermochten ihre Defizite in dieser Rolle aber bisher nicht zu verbergen. Und beide müssen vor allem an der Konstanz ihrer Leistungen sowohl innerhalb eines Spiels wie auch über mehrere Spiele hinweg arbeiten: eine Grundvoraussetzung, um sich langfristig als Profifussballer etablieren zu können. Mit dem zwei Jahre jüngeren Bledian Krasniqi (Jahrgang ’01) ist ein weiterer potentieller künftiger „Almen Abdi“ aktuell an den FC Wil ausgeliehen. Er ist dasjenige aktuelle FCZ-Talent, welches vom Stil her als beweglicher und technisch starker Instinktfussballer dem früheren FCZ-Meisterspieler am nächsten kommt. Wie Abdi in einer ersten Phase unter Lucien Favre spielt Krasniqi aktuell sowohl bei Wil wie auch zuvor in einzelnen Testpartien mit dem FCZ auch auf dem offensiven Flügel. Seine Paradeposition ist aber auf der „Zehn“.

Es ist nicht so, dass es seit Almen Abdi keine ernsthaften Kandidaten aus dem Nachwuchs auf dessen Nachfolge gegeben hätte. In erster Linie wäre da sicherlich U17-Weltmeister Oliver Buff zu nennen,  der immerhin als Stammspieler mit dem FCZ zwei Mal Cupsieger wurde, für eine noch bessere Entwicklung aber in entscheidenden Phasen etwas zu unkonstant agierte und dem von den jeweiligen Trainern wohl etwas zu spät das Vertrauen auf der 10er-Position geschenkt wurde – auch weil er lange im Schatten eines Davide Chiumiento oder Yassine Chikhaoui stand. Davide Mariani ist das zweite Beispiel – ein ähnlicher Spielertyp wie Lavdim Zumberi, welcher es gegen die sehr grosse damalige Konkurrenz im Zentralen und Offensiven Mittelfeld des FCZ schwer hatte.

Mit Aliu, Zumberi und Krasniqi ist die Kandidatenliste auf den „neuen Abdi“ aber noch längst nicht abgeschlossen. Mit Vasilije Janjicic (Jahrgang ’98) ist eines der grössten FCZ-Talente der letzten Jahre ebenfalls ein Kreativspieler und in der Offensivreihe wohl am effektivsten. Janjicic ist aber etwas vielseitiger als Aliu oder Zumberi veranlagt, und kann auch weiter hinten eingesetzt werden. Ebenfalls ein ’98er-Jahrgang wie Janjicic ist der aktuell zum U21-Kader gehörende Lavdrim Rexhepi – ebenfalls ein 10-er und ein junger Mann für offensive Glanzpunkte mit einem aussergewöhnlichen Linken Fuss, welchem aber die defensive Diszplin und notwendige Stabilität für den Profifussball bisher abgeht. Im ’02-er Jahrgang und jünger gibt es weitere interessante 10-er Kandidaten in der Academy.

Das Team des FC Chiasso, in welches sich Aliu innerhalb von wenigen Tagen integrieren will, kann man als die „Desperados“ des Schweizer Profifussballs bezeichnen. Seit mehreren Jahren wird jeden Sommer die Mannschaft der Südtessiner fast komplett ausgetauscht. Diese Saison sind es mittlerweile insgesamt schon 30 neue Spieler, von denen ein Teil nach einem halben Jahr auch schon wieder weg ist. Chiasso besteht jeweils zum grössten Teil aus jungen Spielern, die den Sprung zum Profi noch nicht geschafft haben und sich an der Italienischen Grenze entschädigt meist deutlich unter dem Minimallohn-Niveau ein (häufig letztes oder vorletztes) Jahr Zeit geben wollen, um auf diesem Weg ihre Chance noch zu packen. Nach dem einen Jahr strömen die Spieler dann in alle Windrichtungen wieder auseinander. Viele wechseln in den Spitzenamateurfussball zu Mendrisio, Bellinzona, Brühl, Black Stars oder Köniz und bauen gleichzeitig an ihrer Zukunft neben dem Fussball. Andere schaffen hingegen den Schritt zu einem etwas besser situierten Challenge League-Klub wie Wil, Schaffhausen oder Vaduz. Glücklich schätzen kann sich, wer es zu einem Bulgarischen oder Rumänischen Mittelfeldklub wie Beroe Stara Zagora oder Gaz Metan Medias schafft – oder gar zum FC Thun!

Die fussballerische Qualität, die im Kader des FC Chiasso steckt, ist dabei vergleichsweise hoch. Die meisten Spieler sind gut ausgebildet, Konkurrenten auf der Position von Aliu wie Bahloul, Antunes, Doldur, Wolf oder Huser gehören zu den talentiertesten Mittelfeldspielern der Challenge League. Liga-Konkurrenten wie Stade Lausanne-Ouchy oder Kriens bringen aber den Vorteil mit, dass sie ein über Jahre gewachsenes Mannschaftsgefüge zur Verfügung haben. In den letzten Saisons haben die wild zusammengewürfelten „Desperados“ aus Chiasso im Abstiegskampf trotzdem immer wieder einen erstaunlichen Teamgeist und Überlebenswillen entwickelt und sich schlussendlich (teils dramatisch) retten können. Diese Qualitäten werden sie nach nur drei Siegen in der Vorrunde (gegen Lausanne, Aarau und Wil!) diesmal speziell benötigen. Wie viel Aliu angesichts des grossen Kaders zum Einsatz kommen wird, ist noch nicht klar. Wenn er aber die Ansätze, welche er zuletzt in den Testspielen mit der 1. Mannschaft des FCZ gezeigt hat, zu einer Reihe von reifen Leistungen ausbauen kann, dann könnte der 20-jährige Adliswiler zu einem wichtigen Baustein einer weiteren wundersamen Geschichte der Desperados aus Chiasso werden.

Mehr zu Izer Aliu auf Züri Live: zum Lesen…

…und zum Hören (Interviews mit und über Izer Aliu aus den letzten drei Jahren):

Chiasso schafft in extremis den Klassenerhalt (26.05.2019):

Beim Heimspiel gegen YB am Sonntag war das spielerisch starke FCZ-Talent Bledian Krasniqi kurz bei Züri Live zu Gast und sprach über die Leistung des FCZ, seines langjährigen Teamkollegen Simon Sohms, seine Ziele in dieser Saison in Wil und was Ciriaco Sforza den jungen Spielern mitgeben kann.

Schon zwei Tage später war Krasniqi mit der Schweizer U19 im Osten Sloweniens im Einsatz. Im ersten von zwei Testspielen kam der 18-jährige auf der 10-er Position von Beginn weg zum Einsatz und gehörte bei der 1:3-Niederlage noch zu den besseren in einem Schweizer Team, welches vor knapp anderthalb Jahren an der U17-EM in England noch starke Leistungen gezeigt hatte.

Becir Omeragic wurde in dieser Partie in der Innenverteidigung eingesetzt und hinterliess einen zwiespältigen Eindruck: einerseits wie gewohnt sauberer Spielaufbau und gutes Mitdenken, andererseits zu wenig Aggressivität und Konsequenz in der Defensivarbeit gegen einen von der Spielanlage, Mentalität und Physis her reiferen Gegner. Der an Ajax ausgeliehene Filip Frei kam auf dem Rechten Flügel zum Einsatz und vermochte überhaupt nicht zu überzeugen. Im zweiten Spiel in Bakovci schickte Trainer Johann Vogel dann die physisch stärkeren Eidgenossen wie Vlasenko, Jankewitz, Sohm, Males oder Vonmoos auf den Platz und die Schweiz gewann 2:1. Auch Ilan Sauter war Teil dieses zweiten Teams.

Am gleichen Tag ergab sich für die Familie Haile-Selassie in heimischen Gefilden die Möglichkeit, gleich beide Fussballsprösslinge live im Schweizer Trikot zu unterstützen. Um die Mittagszeit war Kedus Haile-Selassie mit der U18 in Montreux auf dem Rechten Flügel einer der offensiv gefährlichsten Schweizer gegen Dänemark. Die Partie endete allerdings nach einem Weitschuss des YB-Mittelfeldspielers Samuel Kasongo genau in den rechten oberen „Kranz“ und der anschliessenden Reaktion der Gäste 1:1, nachdem gegen den gleichen Gegner gleichenorts zwei Tage zuvor ein 2:2 Unentschieden resultiert hatte. Am frühen Abend dann Duplizität der Ereignisse. Auch der ältere Bruder Maren Haile-Selassie startete in Solothurn gegen die Tschechische Republik auf der gleichen Position am Rechten Flügel und gehörte zu den offensiv gefährlichsten Schweizern. Maren erzielte sogar das einzige Schweizer Tor zum 1:1  und profitierte dabei reaktionsschnell auf einen doppelten Abwehrschnitzer des Gegners. Das mittlerweile über Manchester United beim SC Freiburg gelandete ehemalige Riesentalent Nishan Burkart wurde eingewechselt und vermochte nichts Erspriessliches mehr beizusteuern. Izer Aliu sass auf der Bank.

Einen Tag später hatte die Schweizer U21 in der EM-Qualifikation auf der Winterthurer Schützenwiese grosse Mühe mit Georgien (ohne den angeschlagenen Levan Kharabadze). Die Bilder glichen sich – wie die U18, U19 und U20 war auch die Schweizer U21 die fussballerisch deutlich talentiertere Mannschaft, welche aber im Vergleich mit dem Gegner insgesamt weniger sauber, solide, reif, spielintelligent und fokussiert agierte. Immerhin wurde das Team von einem engagierten Captain Kevin Rüegg auf den Platz geführt – Toni Domgjoni zeigte eine ordentliche Leistung und Filip Stojilkovic machte in der Schlussphase in der Spitze einen beseren Eindruck, als zuvor Jérémy Guillemenot. Eigentlich hätte die Schweiz schon alleine aufgrund ihrer Top-Flügel Okafor und Vargas die Partie dominieren müssen, was aber aufgrund des enorm fehleranfälligen Spiels eines Zesiger, Sidler, Toma oder Guillemenot nicht der Fall war. Der eingewechselte Jordan Lotomba, der zuvor noch sehr ungeschickt den Freistoss zum 1:1-Ausgleich der Georgier verursacht hatte, erzielte nach schöner Vorlage Bastien Tomas in der 83. Minute dann doch noch den 2:1-Siegtreffer. Insgesamt war der Auftritt der Schweizer U21 ähnlich wie in den letzten Jahren angesichts des auf dem Platz stehenden Talentepotentials aber enttäuschend.

 

Nicht dass es noch irgendjemanden erstaunen würde: als FCZ Sommer-Neuverpflichtung Benjamin Kololli sein Tor im Auswärtsspiel gegen AEK Larnaka mit einem unvermittelten Sprung in den drei Meter tiefen Stadiongraben vor den mitgereisten Fans feierte, setzte der Waadtländer nichts weiter als eine Tradition fort. Wenn im Schweizer Fussball irgendetwas verrücktes, unvorhergesehenes passiert, ist der FCZ nicht weit. Von unmöglichen Meisterschaftsentscheidungen in letzter Sekunde über Stiere und Marder, die aufs Spielfeld rennen bis zu Stromausfällen… – der Stadtclub scheint die Aura des Abnormalen und Unberechenbaren mit sich herumzutragen wo immer er auch hinreist. Pazzo. Wohl kein Zufall daher das Motto der Choreo im ersten Derby zum Saisonstart: «All Irr» – mit den Konterfeis von Ludo Magnin, Ancillo Canepa und Michi Frey im Zentrum.

Die sportlichen Verantwortlichen des Klubs haben das Ziel, mittel- bis langfristig wieder Richtung nationale Spitze vorzustossen. Dass dies noch ein langer Weg werden kann, ist klar. Der YB-Meistertitel wurde auch nicht an einem Tag erbaut. Die Qualität und vor allem Mentalität in einzelnen Spielen über sich hinauszuwachsen hatte der FCZ in den letzten Jahren aber immer und sie wurde unter Trainer Ludo Magnin gar noch verstärkt. Als im Cupfinal, den man mit irren Last Minute-Wendungen gegen Thun und GC erreicht hatte, gleich eine ganze Reihe von Spielern besser agierten, als sie es eigentlich können, musste man sich schon die Augen reiben. Weiter gings im Jahr 2018 mit zwei hochverdienten Derbysiegen, drei gewonnenen Europa League-Duellen in Serie in der ersten Hälfte der Gruppenphase und einer starken Leistung im Heimspiel gegen YB (3:3), nachdem man zu Saisonbeginn in Bern (0:4) noch zu viel Risiko gegangen war.

Ähnlich verliefen die beiden Duelle mit dem FCB – zuerst überraschte und kontrollierte man die Rot-Blauen beim 1:1 im Letzigrund mit einer ungewohnten Taktik und hätte das Spiel unter normalen Umständen gewinnen müssen. Dann baute man Basel auswärts aber auch einmal mehr mit einer schlechten Halbzeit im St. Jakob Park wieder auf. Zudem ging dem Letzigrund-Team zum Ende der Vorrunde hin die Energie aus. Diese und ähnliche Entwicklungen wurden auf Züri Live bereits beim traditionellen Vorrundenrückblick im Anschluss an die letzte Partie gegen Lugano durchgekäut und haben von ihrer Aktualität auch anderthalb Monate später nichts eingebüsst – so wie auch die Diskussion einiger aus unterschiedlichen Gründen interessanter FCZ-Protagonisten des Herbstes wie Alain Nef, Benjamin Kololli, Victor Palsson oder Marco Schönbächler:

Und sonst so in der Liga? Nachdem der alte Basler Trick der «Wegbeförderung» von YB-Sportchef Christoph Spycher zur Nationalmannschaft nicht geklappt hat, müssen sich die Rot-Blauen wohl mehr denn je in den nächsten Jahren mit YB als ernsthaftem Konkurrenten herumschlagen – zumal die Zuschauerzahlen, welche die Basis der Potenz eines (Schweizer) Klubs bilden, sich immer mehr angleichen. In dieser Hinsicht hat sich übrigens auch der FCZ dem Rückrundenauftaktgeber St. Gallen angenähert, dessen Umsatz im Vergleich zu den Zürchern in den letzten Jahren immer etwa 7-10 Mio CHF höher gewesen war.

Aus anderen Gründen noch etwas höher liegt das geschätzte Budget des FC Sion, wo Spieler- und Trainerberater Donato Blasucci einmal mehr für seine Klienten Murat Yakin und Marcos Otero mit Verhandlungen und den daraus resultierenden langfristigen Vertragsverlängerungen sehr erfolgreich war. Im Wallis fiebert man bereits dem Cup-Viertelfinal am 27. Februar gegen Yakins Ex-Klub Basel entgegen. Neben Titelverteidiger FCZ und Meister YB sollte man den drittplatzierten FC Thun im Cup-Rennen nicht ausser Acht lassen. Die Berner Oberländer sind, nachdem sie ihr Team im Sommer zusammenhalten konnten, ambitioniert und träumen schon lange von der zweiten Cupfinalteilnahme nach 1955. Bei Luzern hängt vieles vom erfahrenen Offensivspieler Pascal Schürpf ab, bei GC von der jungen Entdeckung Djibril Diani. Lugano versucht, Vorteile aus den Spielerhändeln mit Juve zu ziehen.

Eine ähnliche Strategie, nur noch etwas akzentuierter, fährt eine Stufe tiefer das mittlerweile eng mit dem FC Lugano verflochtene Chiasso, welches alle sechs Monate die (sehr junge) Mannschaft jeweils komplett umbaut. Ganz anders der SC Kriens in seinem umgebauten Kleinfeld, der weitgehend auf seine seit Promotion League-Zeiten eingespielte Mannschaft setzt, zu der diesen Winter mit Albin Sadrijaj und Liridon Berisha zwei weitere Spieler aus dem FCZ-Nachwuchs gestossen sind. Rapperswil-Jona hat junge Spieler von praktisch allen grossen Super League-Klubs übernommen – als Partnerklub von GC, der eine Kooperation mit YB und einen ehemaligen FCZ (Academy)-Trainer in seinen Reihen hat.

Schaffhausen hat keine einfachen Wochen und Monate vor sich und muss neben dem Hinschied des langjährigen Präsidenten Aniello Fontana auch dem schleichenden Zuschauerschwund  entgegenwirken. Solche Probleme hat Rivale Winterthur nicht. Vor allem auch dank Rückkehrer Davide Callà spielen die Winterthurer Löwen wieder einmal an der Tabellenspitze mit. Dies ist keine Überraschung für jemanden, der Callà im Frühling im Kreise der FCB U21-Equipe beobachten durfte. Wil holt seit dem Amtsantritt von Trainer Konrad Fünfstück überdurchschnittlich viel aus seinen Möglichkeiten heraus. Im ersten Halbjahr von dessen Amtszeit konnten die Früchte der taktisch und läuferisch hervorragenden Arbeit seiner Equipe noch nicht geerntet werden, weil die Stürmer jegliche Torgefährlichkeit vermissen liessen. Seit Cortelezzi, Savic und Co. aber das gegnerische Gehäuse ab und zu wieder treffen, geht es auch in der Tabelle mit den Ostschweizern aufwärts.

Vaduz setzt wieder vermehrt auf Spieler aus dem Rheintal, sei es aus dem Liechtensteinischen, dem St. Gallischen oder dem Vorarlbergischen. Der frühere Züri Live-Experte Mario Frick baut vermehrt eigene Nachwuchskräfte ein, darunter seinen 17-jährigen Sohn Noah. Trotzdem bleibt Vaduz ambitioniert – wenn auch nicht im gleichen Masse wie der FC Aarau, welcher diesen Winter mit der Verpflichtung von Markus Neumayr das Kader mit einem weiteren langjährigen Super League-Routinier verstärkt hat. Zum Auftakt gegen den FC Wil gelang dem zuletzt beim Iranischen Traditionsklub Esteghlal engagierten Deutschen gleich ein Freistosstor aus sehr spitzem Winkel. Seine Laufleistung in dieser Partie war überschaubar, aber das wurde von mehreren seiner Mitspieler kompensiert.

Die weiteren Aufstiegsfavoriten neben Aarau sind und bleiben aber natürlich die beiden ewigen Rivalen Lausanne-Sport und vor allem Servette. Die Genfer haben die Mannschaft, welche letzte Saison im Aufstiegsrennen gegen ein immer wieder effizientes Xamax gescheitert war, zusammengehalten und weiter verstärkt. Seinen Teil zur Servette-Tabellenführung nach der Vorrunde beigetragen hat auch Stürmer Alexandre Alphonse (36), welcher einiges fitter und robuster wirkt, als er es selbst zu seinen besten FCZ-Zeiten (211 Wettbewerbspartien für den Stadtclub) je war.

Die drittklassige Promotion League hat sich mittlerweile ganz klar etabliert und bewährt. Das Niveau ist deutlich höher als es in der dreigleisigen 1. Liga je war – und es nimmt von Jahr zu Jahr weiter zu. Ambitionierte 1.Liga-Teams wollen unbedingt in die Promotion League aufsteigen und in dieser Liga wiederum gibt es eine Reihe von Klubs, die das Ziel Challenge League haben. Zu letzteren gehört aber ursprünglich nicht zwingend der aktuelle Tabellenleader Stade Lausanne-Ouchy. Dieser spielt seit Jahren mit mehr oder weniger derselben Mannschaft und hat mit dieser den FCZ im Cup schon zwei Mal fordern können. Nun haben die Waadtländer mit dieser nur punktuell verstärkten Equipe in der Vorrunde deutlich ambitionierteren Klubs wie Yverdon, Stade Nyonnais oder Bellinzona den Garaus gemacht.

Würde «SLO» überhaupt aufsteigen wollen, und wenn ja, wo würden sie spielen? Auf der Pontaise beziehungsweise im neuen Stadion auf den Tuilières? Auf Anfrage von Züri Live geben sich die Verantwortlichen zuversichtlich, dass sie (wohl mit ein paar infrastrukturellen Anpassungen) auch in ihrem direkt am See in Vidy gelegenen Kleinstadion «Juan Antonio Samaranch»  in der Challenge League spielen dürften. Zumindest ist die Anfrage bei der Liga deponiert. Die Reserve-Equipe des FCZ profitiert enorm vom stetig steigenden Niveau der Promotion League mit vielen ambitionierten Equipen, muss sich gleichzeitig aber auch etwas einfallen lassen, um die Liga halten zu können. Für die Rückrunde wird die Equipe von Trainer Marinko Jurendic daher in der Abwehr wohl mit Routinier José Gonçalves (Ex-Winterthur und -Thun) verstärkt werden, genauso wie durch Einsätze der jungen neu verpflichteten Stürmer Binous, Andereggen und Kasai.

 

Es gab mal eine Zeit, da waren die Kirchen voll, die AHV sicher finanziert und die Polizeistunde heilig. Das muss auch die Zeit gewesen sein, als die NZZ noch als gründliche, seriöse und gegenüber kurzfristigen Modeströmungen unerschütterlich standhafte Zeitung galt, die sich zudem in Wirtschaftfragen gut auskennt. Mittlerweile findet man im ehemaligen Schweizer Leitblatt ebenso viel Boulevard, Polemik und Fake News wie in anderen regelmässig erscheinenden Massenpublikationen – optisch getarnt durch ein altertümliches Schriftbild. „Vier, fünf Millionen Privatgeld“ würden Ancillo und Heliane Canepa wegen dem Abstieg in den FCZ einschiessen müssen, behauptete NZZ-Journalist Flurin Clalüna in seinem Artikel „Ancillo Canepa und das Jahr der Versöhnung“ vor 10 Tagen – und „ohne die Einnahmen aus dem Europacup wären es noch drei Millionen mehr“.

Diese Zahlen wurden in der Zwischenzeit von mehreren anderen Medien zitiert. Sie sind aber falsch! In Tat und Wahrheit mussten die Aktionäre überhaupt nichts einschiessen. Dies zeigen die vom FCZ publizierten Zahlen der Jahresrechnung 2016. Besonders peinlich für die NZZ ist, dass zum Zeitpunkt der Publikation des Artikels die richtigen Zahlen schon seit mehr als einer Woche auf der Geschäftsstelle des FCZ zur Einsicht auflagen. Die Neue Zürcher Zeitung blamiert sich damit mit ihrer Berichterstattung über den FCZ ein weiteres Mal, nachdem sie zuletzt immer wieder einen wesentlichen Teil ihrer Artikel von anderen Publikationen oder von sich selbst (Prinzip: eine alte aufgewärmte Suppe ist auch eine Suppe) abgeschrieben hat, oder Reporter aus Stadien „berichten“ liess, obwohl sie gar nicht vor Ort waren.

Der Umsatz hat sich 2016 trotz eines halben Jahres Challenge League im Vergleich zum vollen Super League-Jahr 2015 um beinahe eine Million auf CHF 23,3 Mio erhöht. Es resultiert ein Gewinn vor Abschreibungen von CHF 0,7 Mio und der Verlust nach Abschreibungen hat sich im Vergleich mit 2015 um annähernd zwei Millionen auf CHF 1,6 Mio reduziert! Noch eindrücklicher ist, dass dieses Ergebnis zustandekam, obwohl die nicht direkt mit dem Spielbetrieb in Zusammenhang stehenden Transfereinnahmen im Vergleich zu 2015 um CHF 2,6 Mio auf CHF 5,2 Mio gesunken sind. Mit anderen Worten: wären die Transfereinnahmen stabil geblieben, hätte sogar ein Gewinn nach Abschreibungen von CHF 1 Mio resultiert! Den Unterschied machte Nico Elvedi aus. Nimmt man dessen Transfer zu Borussia Mönchengladbach aus der Gleichung raus, dann wären die Transfereinnahmen 2015 (Chikhaoui, Oberlin, Francisco Rodriguez, Rikan,…) tiefer als 2016 (Grgic, Janjicic, Bua, Gavranovic, Christian Schneuwly, Dominguez,…) gewesen.

Für das Jahr 2016 gilt, dass finanziell der positive Europa League-Effekt grösser war als der negative Challenge League-Effekt. Trotz substantiellen Preissenkungen stiegen die Matcheinnahmen um eine halbe Million auf CHF 5,9 Mio. Dazu kamen EUR 3,3 Mio Teilnahme- und Punkteprämien der UEFA. Der FCZ konnte es sich sogar leisten, die Personalkosten für die rund 130 Mitarbeiter um eine Million auf CHF 15,2 Mio zu steigern. Eine Kapitalerhöhung war wie erwähnt nicht notwendig, da die Eigenkapitalquote immer noch rund 50% beträgt. Vor Jahresfrist war das Eigenkapitalpolster  aufgrund der Verluste in den Super League-Jahren weitgehend aufgebraucht gewesen, so dass die Aktionäre mit der Familie Canepa an der Spitze dieses um CHF 4 Mio erhöhen mussten. Zwar werden für die kommende Rechnung 2017 mit dem zweiten Challenge League-Halbjahr die Europa League-Einnahmen wegfallen. Dies wird aber zum grössten Teil kompensiert, falls die Transfereinnahmen wieder auf das Niveau des Vergleichsjahres 2015 gebracht werden können. Eine Kapitalerhöhung dürfte, wenn sich keine andere wichtige Grösse ändert, also auch dann nicht vonnöten sein. Zumal zusätzlich die TV-Erträge nicht nur ligabedingt, sondern auch vertragsbedingt stark zunehmen.

Trainer Uli Forte erwartet in Aarau beim Wiederholungsspiel wegen dem prognostizierten Regen ein tiefes Terrain – und Aarau-Captain Sandro Burki zurück in der Startformation. Ohne den ehemaligen FCZ-ler hat das Team des Zürcher Trainers Marco Schällibaum in sieben Partien sechs Mal verloren. Bei der 2:3-Auswärtsniederlage zuletzt in Winterthur zeigte Aarau aber aufsteigende Tendenz und Burki wurde während der 2. Halbzeit eingewechselt. Mit Burki beim FCZ zusammengespielt hat vor 15 Jahren Alain Nef. Dieser kehrt nach seiner Sperre in die Mannschaft zurück. Burim Kukeli wird als „fraglich“ gemeldet.

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FCZ-Trainer Forte ist sich sicher, dass Aarau in dieser Rückrunde, in der es keine wesentlichen Ziele mehr zu erreichen gibt, unbedingt zum ersten Mal in dieser Saison den FCZ schlagen will. Dass die Liga auf Wiederholungsspiel entschieden hat, findet Forte richtig. Er habe auch nicht den ersten Medienmeldungen nach dem Abbruch geglaubt, die von einer Forfaitniederlage sprachen. Mit einem Sieg in Aarau könnte der FCZ trotz mässigem Start im Neuen Jahr in der Rückrundentabelle mit gleich viel Punkten aber der besseren Tordifferenz an Xamax vorbei auf den 1. Platz springen. Dies ist für Forte aber ein „Nebenschauplatz“. Um was es geht, ist ein guter Auftritt auf dem schwierigen Terrain des Brügglifeldes.

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Der Klub hat genug: Rückzug, Neuanfang in einer tieferen Liga. Der Abstiegskampf ist damit entschieden. Die Rede ist vom FC Seefeld, der die Ostgruppe der 1.Liga freiwillig verlässt. Und weil Locarno bereits deutlich abgeschlagen ist, sind damit die im Abstiegskampf befindlichen Winterthur II, Seuzach, Balzers und Thalwil vorzeitig so gut wie gerettet. Deutlich mehr Schlagzeilen machte zuletzt aber der vergleichbare Fall in der Challenge League: der angekündigte freiwillige Rückzug von Serge Duperret mit seinem FC Le Mont nach insgesamt vier Jahren im Unterhaus des Schweizer Profifussballs.

Der umtriebige Gemüsehändler hat den Dorfklub von der 3. Liga aus gleich zwei Mal in die Challenge League geführt, und sich auf dem Weg dazu als einer der vielen unterklassigen Cupschrecks von YB profiliert. Zuerst als Trainer, dann „nur“ noch als Präsident. Noch hat Duperret bis morgen Donnerstag Zeit, doch noch Rekurs gegen den erstinstanzlichen Lizenzentzug einzureichen. Diese Information ist deshalb relevant, weil Duperret in der Vergangenheit in schöner Regelmässigkeit in den Medien angekündigt oder angedroht hat, seine Mannschaft aus dem Ligabetrieb zurückzuziehen – und dann doch weiter machte. Zuletzt war dies vor einigen Wochen der Fall gewesen, als er über die Medien Druck auf den Gemeinderat von Le Mont ausübte, um die Mitfinanzierung der Stadionmiete und Sicherheitskosten der kommenden Challenge League-Saison auf der Lausanner Pontaise durch die Kommune zu erwirken. Und noch im März hatte Duperret öffentlich von einer möglichen Kooperation mit Lausanne-Sport gesprochen. Dies obwohl er sich schon vor längerer Zeit mit dem Lokalrivalen verkracht hatte, und Lausanne eher eine Zusammenarbeit mit Nyon, Yverdon oder Vevey ins Auge fasst.

Woher kam nun diese erneute emotionale Trotzreaktion des Le Mont-Präsidenten, nachdem er die Resultate der Lizenzkommission erfahren hatte? Dass der FC Le Mont die Lizenz wie üblich auch diesmal nicht in Erster Instanz erhalten wird, war für Duperret alles le-mont-logo-verschwommenandere als eine Überraschung, wie er in einem Interview mit „24 heures“ noch am Freitag freimütig einräumte: „Wir haben die Lizenz noch nie in Erster Instanz erhalten. Die Liga wird uns wohl sagen, dass wir das Budget von 1,9 auf 1,5 Millionen Franken reduzieren müssen (weil das in Erster Instanz angegebene Budget von Le Mont nicht garantiert werden kann: die Red.).“

Diese Aussagen mussten den neutralen Beobachter schon etwas überraschen. Hat doch Le Mont auf die aktuelle Saison hin den Vollprofibetrieb eingeführt, erstmals ein Wintertrainingslager organisiert – und in der kommenden Saison erhält jeder Challenge League-ist aus dem neuen TV-Vertrag garantiert mehr als eine halbe Million Schweizer Franken. Le Mont würde  also deutlich mehr als bisher von der Liga erhalten. Trotz diesem Geldsegen und der durch die Gemeinde Le Mont gewährten Unterstützung der „Pontaise-Kosten“ reicht es finanziell plötzlich nicht mehr. Dafür kann es nur eine Erklärung geben: offensichtlich wollen Duperret und sein Partner Pascal Roux auf die kommende Saison hin ihre bisherige finanzielle Unterstützung nicht  mehr im gleichen Rahmen leisten.

Wie ernsthaft unter diesen Voraussetzungen die Bemühungen um die Challenge League-Lizenz schlussendlich noch waren, oder ob der bald das Pensionsalter erreichende Duperret tief im Innern eigentlich bereits auf der Suche nach einem Grund für die Verkündigung des freiwilligen Abstieges war, bleibt offen. Auf jeden Fall war der gute Grund am Sonntagabend tatsächlich da – zuerst erlitt Le Mont zu Hause trotz 30 Minuten Überzahlspiel gegen den mit vielen Nachwuchsspielern angetretenen direkten Konkurrenten Wil mit 0:1 eine schmerzhafte Niederlage. Trotz dem administrativen Punktabzug gegen die St.Galler war der Vorsprung Le Monts somit auf zwei Punkte geschrumpft, und ausserdem verzeichnen die Waadtländer die schlechteste Tordifferenz der Liga. Und noch am selben Abend erfuhr Duperret definitiv davon, dass sein Klub die Lizenz in Erster Instanz nicht erhält, Wil hingegen schon. Die Ostschweizer hatten mit einer Parforceleistung innert kürzester Zeit das Budget reduzieren und eine relativ breit gestreute finanzielle Unterstützung für die kommende Saison sichern können.  

Duperret wusste nach dem Lizenzentscheid nun vor allem auch, dass aus der Promotion League Kriens, Rapperswil-Jona und Nyon aufsteigen dürfen. Was dies bedeutete, war klar: im Vergleich zu den letzten Jahren auch in Zweiter Instanz weniger Nachsicht gegenüber Sorgenkindern wie Le Mont von Seiten der Lizenzkommission! Sicherlich nicht ohne Folge für die Entscheidungsfindung blieb natürlich auch die sportliche Entwicklung der Mannschaft in der Rückrunde. Duperret, der immer die höchstmöglichen Ambitionen verfolgt hat, inklusive eines möglichen Super League-Aufstieges, wendet sich in den Westschweizer Medien auch gegen die Spieler und bezeichnet diese als „undankbar“.

sous-ville-farbstift-zeichnungDabei wurde die Negativentwicklung durch seine eigenen Personalentscheide in der Winterpause wesentlich beeinflusst. Das Prunkstück des Herbstes war die äusserst solide Dreierabwehr Lucas – Tall – Marque gewesen. François Marque verabschiedete sich im Winter aber ins Sultanat Brunei, und spielt nun in der Singapurischen S-League mit dem Ex FCZ-Stürmer Ramazotti. Lucas wurde an den FC Luzern verkauft. Mit der Transfersumme könne er den ganzen Klub einen Monat finanzieren, rechtfertigte Duperret den Abgang des Brasilianers. Dies mag durchaus stimmen – es macht die Aufgabe, den Klassenerhalt zu bewerkstelligen, für Trainer Dragani dann aber natürlich deutlich schwieriger. Es braucht in der kompetitiven Challenge League manchmal nur zwei Wechsel, um aus einer Gewinnermannschaft eine Verlierermannschaft zu machen – und umgekehrt.

Le Mont stellte auf Viererabwehr um, und die stattdessen neu geholten Kaja Rogulj (von Luzern) und Cabral (vereinslos) waren, man muss es so klar und deutlich formulieren, klassische „Nieten“. Mit seinem für Challenge League-Verhältnisse katastrophalen Zweikampfverhalten war Rogulj an einem grossen Teil der bisher 23 Rückrundengegentore direkt beteiligt. Cabral fiel auch bei Le Mont von Anfang an durch sein herablassendes Verhalten gegenüber Mitspielern auf, ohne dies auch nur ein klein bisschen durch Leistung kompensieren zu können. Zwei Spiele hintereinander war der Mittelfeldspieler zudem abwesend in Paris wegen eines verstorbenen Onkels.

Fällt der Vorhang am Freitag tatsächlich? Wird Le Mont bis dahin wirklich keinen Rekurs eingereicht haben? Eines ist sicher – ein Abgang von Serge Duperret und seinem FC Le Mont ist nur auf eine Art und Weise vorstellbar – mit viel Drama.

Le Mont-Serie, Teil 1 (Wintervorbereitung, Simonyan und Cabral)

Le Mont-Serie, Teil 2 (Interview mit Artjom Simonyan)

Le Mont-Serie, Teil 3 (Anthony Favre)

Le Mont-Serie, Teil 4 (Bye Bye, Baulmes)

Le Mont-Serie, Teil 5 (François Marque im Dienste seiner Königlichen Hoheit)

„Gaht’s no?“, „Nöd ganz bachä?“, „Geschter ztüüf id Guttere glueget?“. So und ähnlich stelle ich mir die Reaktion auf den Titel dieses Artikels in Teilen meines Fussballumfeldes in etwa vor. Ja, der FC Wil ist nicht das Schätzli der Nation und in der Ostschweizer Beliebtheitsskala gegenüber dem alles beherrschenden FC St. Gallen weit im Hintertreffen – sogar in Wil selbst! Auch in den Fankurven des Landes haben die Wiler keine Freunde – mit Ausnahme ein paar treuer Nasen in der Schaffhauser Bierkurve. Kein Wunder lässt sich einfach und folgenlos auf dem Klub herumtrampeln – von Politikern, Journalisten und Fussballinteressierten landauf landab. Auf dieses Schwarze Schaf konnte man sich schnell einigen.

Kein Wunder, lassen sich von Seiten der Disziplinarkommission der Liga schnell mal Punktabzüge aussprechen. Und dies gleich doppelt! Einmal aufgrund von nicht vollständig bezahlten Januarlöhnen und einmal wegen entsprechend ebenfalls fehlendem Nachweis der dazugehörigen Sozialversicherungszahlungen. Also zwei Tatbestände, welche materiell eigentlich identisch sind. Es geht dabei um nicht komplette Nachweise bei drei Spielern. Das Strafmass wirkt aus neutraler Sicht willkürlich. Es wäre nicht das erste Mal, dass die Liga das Strafmass auf der Basis der Anzahl BLICK-Schlagzeilen kalkuliert. Einen faden Beigeschmack erhält die Sache ausserdem dadurch, dass Heinrich Schifferle, Vizepräsident von Abstiegskonkurrent Winterthur, nach dem Rücktritt von Wil-Präsident Bigger in der Liga-Exekutive noch mehr Einfluss geltend machen kann, selbst wenn diese keine direkte Entscheidungsgewalt in Disziplinarfragen hat.

Dabei sollte für eine seriöse Rechtssprechung keine Rolle spielen, wie beliebt ein Klub ist, wie viele reisserische BLICK-Schlagzeilen produziert wurden, und ob direkte Konkurrenten in der Liga-Exekutive Einfluss haben. Es kann nicht sein, dass wie bei einer mittelalterlichen Hexenjagd einfach aufgrund schlechter Presse dem Instinkt bergholz-silhouette-hagelnachgegeben wird, „irgendetwas“ gegen das Schwarze Schaf unternehmen zu müssen. Fehler passieren überall. Würde die Disziplinarkommission in Zukunft bei den monatlichen Abrechnungen die Verschärfung des Lizenzreglements wirklich immer so streng bewerten wie aktuell beim FC Wil, dann würden die Super League und Challenge League zunehmend am Grünen Tisch entschieden. Es gewinnt der Klub mit den zuverlässigeren „Bürogummis“, und nicht derjenige mit der besseren Fussballmannschaft. Dazu kommt die ebenfalls völlig unsinnige Regel der Bestrafung eines Klubs bei „unbewilligtem Eigentümerwechsel“ welche gegen fundamentalste rechtsstaatliche Prinzipien verstösst. Denn für eine Bestrafung muss eine rechtswidrige Handlung gegeben sein. Ein Eigentümerwechsel hingegen kann gänzlich ohne Beteiligung und sogar ohne das Wissen des Klubs vonstatten gehen.

Das Klubbudget innerhalb von wenigen Wochen um rund das Fünffache zu kürzen, wie die Wiler Verantwortlichen dies im Februar unter enormem Zeitdruck bewerkstelligten, ist eine Parforceleistung, welche 99% der Besserwisser nicht hingekriegt hätten. Besserwisser sind auch in diesem Fall das Gegenteil von Bessermachern. Im Gegensatz zu allen Besserwissern hat das Team um Präsident Roger Bigger den Klub über ein Jahrzehnt mit bescheidenen Mitteln und grossem Einsatz erfolgreich geführt. Für heutige Bundesligaspieler wie Fabian Schär oder Dario Lezcano, aber auch erfolgreiche Schweizer Trainer wie Marcel Koller oder Uli Forte war der FC Wil in dieser Zeit der entscheidende Entwicklungsschritt.

Warum „sind wir FC Wil“? Weil Wil kein Spezialfall, sondern viel eher typisch für alle nicht mit Champions League-Millionen gesegneten Schweizer Profiklubs ist. Es wird schnell vergessen, dass vor zwei Jahren die langjährigen verdienstvollen gewerblichen Sponsoren des FC Wil zum Schluss kamen, dass aufgrund des damals neuen FIFA-Verbots der „Third Party Ownership“ an Spielern ein Engagement wie bisher für sie nicht mehr finanzierbar ist. Sie mussten den Klub so oder so abgeben. Es wurde händeringend nach einem neuen Besitzer für den Klub gesucht, so wie fast alle Klubs in der Schweiz aktuell, in der jüngeren Vergangenheit oder in baldiger Zukunft händeringend nach neuen Verantwortlichen suchen müssen. In der Region liess sich niemand finden. Mehmet Nazif Günal aus der Türkei war schlussendlich die beste konkrete Variante. Und es war mit Sicherheit eines der seriösesten Angebote für eine Übernahme, das ein Schweizer Verein in den letzten Jahren erhalten hat. Es wurden in der Folge dann auch tatsächlich Nägel mit Köpfen gemacht und die finanziellen Verpflichtungen immer pünktlich bezahlt.

Alle haben vom ambitionierten Projekt in Wil und dem frischen Geld aus der Türkei profitiert. Das lokale Gewerbe und vor allem natürlich die Spieler, deren Arbeitsbedingungen stark professionalisiert und die Löhne wesentlich angehoben wurden. Die Medien hatten eine interessante Story. Die ganze Challenge League hat sportlich einen Schritt nach vorne gemacht. Der FC Wil war der FCZ der Saison 2015/2016. Das Team mit Stars wie André Santos, Mert Nobre oder Egemen Korkmaz hat das Niveau der Liga angehoben und jeder wollte sie unbedingt besiegen. Viele Teams wurden aus einer gewissen Lethargie gerissen, allen voran Lausanne-Sport. Den Waadtländern taten die kompetitiven Duelle mit Wil gut. Die Mannschaft entwickelte sich weiter und hat nach dem Aufstieg Chancen, sich in der Super League zu behaupten. Lausanne, Aarau und Lugano profitierten zudem über lukrative Transfers auch direkt vom Geldsegen aus der Türkei.

Es ist ja nicht so, dass die Liga im Geld schwimmen würde. Zustupf von aussen ist grundsätzlich immer willkommen, denn die TV-, Sponsoring- und Zuschauereinnahmen bleiben nun mal auf einem vergleichsweise bescheidenen bergholz-habel-3Niveau. Die anderthalb Jahre, in welchen Mehmet Nazif Günal da war, hat er einen stark positiven Beitrag zum Schweizer Fussball geleistet. Und jetzt? Ohne Zweifel bleibt vor allem die Abruptheit des Abgangs des Türkischen Milliardärs höchst unbefriedigend. Aber sonst? Die Spieler müssen auf ihre finanziellen Privilegien wieder verzichten und sind zurück auf dem alten Niveau von vor der Günal-Ära. Der Stadionausbau, dem die Stadtverwaltung sowieso skeptisch gegenüberstand, wir nun doch nicht realisiert. Wil ist wieder dort, wo es vor der Günal-Ära war. Ein Klub, der finanziell eher zu den ärmeren Klubs der Challenge League gehört und auch mal zwischendurch mit einem Abstieg in die Promotion League rechnen muss, wo Wil eines der Top-Teams wäre.

Fussball ist ein Spiel – und es ist Unterhaltung. Natürlich sollte der Sport nicht zum Casino werden, aber ebensowenig zu einem langweiligen „Beamtenhalma“ auf Sparflamme verkommen. Die Besitzer von Fussballklubs riskieren ihr persönliches Geld, keine Pensionskassenvermögen braver Rentensparer. Wo liegt also genau das Problem? Das oberste Ziel im Spitzenfussball ist der sportliche Erfolg. Auch weltweit macht kaum ein Fussballklub Profit. Die Klubs geben alles Geld aus, das sie haben. Manchmal auch mehr. Aus diesem Grund leben fast alle Fussballklubs ständig am Rande der Insolvenz. Genauso wie auf dem Platz um jeden Meter gefightet wird, geht es auch neben dem Platz in der Schweiz bei allen nicht mit jahrelangen Champions League-Millionen gesegneten Klubs finanziell immer eng zu und her. Man kann und will keine wesentlichen Rücklagen für die Zukunft bilden, denn dies könnte die sportliche Wettbewerbsfähigkeit im Hier und Jetzt kompromittieren. Auch die Fans, Sponsoren und Medien messen die Klubs fast ausschliesslich am kurzfristigen sportlichen Erfolg.

Nach dem „französischen“ Abgang Günals, schlug in den Zeitungsspalten wieder die Stunde der populistischen Vorschläge. Zum Beispiel, dass Ausländern generell der Besitz von Schweizer Fussballklubs verboten werden soll. Oder dass von Eigentümern verlangt werden soll, die Löhne und Sozialleistungen für ein ganzes Jahr im voraus auf ein Sperrkonto einzuzahlen. Das Problem soll also mit immer mehr Restriktionen und Hürden gelöst werden. Diese Stossrichtung fusst allerdings auf einem fundamentalen Denkfehler. Das Grundproblem ist, dass die Klubs bei einem anstehenden Besitzerwechsel keine guten Kandidaten finden. Dies ist nicht wirklich überraschend, wie das Beispiel Wil plastisch vor Augen führt. Vereinsverantwortliche und Vereinsbesitzer erwartet von Seiten der Öffentlichkeit das ganze Spektrum von Skepsis über Undankbarkeit bis zu Beleidigungen und Hetzkampagnen und sogar offenem Hass oder wie im Fall Chagaev gar strafrechtlichen Konsequenzen für ihr Engagement.

Selbst Gigi Oeri und Bernhard Heusler (FCB) beim sportlich und finanziell erfolgreichsten Klub der Schweiz waren und sind davor nicht gefeit. Wer einen Fussballklub übernimmt, riskiert, alles zu verlieren: Zeit, Geld, Ruf, Sicherheit und Freiheit. Wer will sich und seinem unmittelbaren Umfeld so etwas noch antun? Die Antwort: nur Menschen, die entweder unwissend oder verrückt sind. Der bestmögliche Fall sind „positiv Verrückte“ à la Constantin, Canepa oder Rihs. Aber diese sind eine rare Spezies. Bernhard Heusler wollte direkt nach der Übernahme der Aktienmehrheit Gigi Oeris an der FC Basel Holding einen neuen Mehrheitsbesitzer finden – und schaffte es nicht! Selbst der äusserst erfolgreiche FCB mit einem enorm gut vernetzten Wirtschaftsanwalt an der Spitze benötigte geschlagene fünf Jahre, um mit Bernhard Burgener endlich den „Oeri-Nachfolger“ zu finden. Und nur dank dem mit der Champions League verbundenen Geldsegen musste man in der Zwischenzeit keinen Schnellschuss machen.

Im Interesse des Schweizer Fussballs sollte es sein, dass die Übernahme eines Fussballklubs so attraktiv ist, dass sich bei einer anstehenden Nachfolgeregelung mehrere valable Kandidaten dafür interessieren, so dass der Klub den besten Kandidaten hinsichtlich Nachhaltigkeit, Herzblut, Verwurzelung in der Region sowie finanzieller Unabhängigkeit auswählen kann. Es braucht also ganz sicher nicht noch zusätzliche Hürden für potentielle Interessenten. Stattdessen sollte die Eignerschaft an einem Schweizer Fussballklub für gute, einheimische Interessenten wieder attraktiver gemacht werden. Dazu gehört ein Abbau zu restriktiverer Regularien und eine fairere, ausgewogenere Presse für die aktuellen Verantwortlichen. Es muss sich wieder lohnen, einen Schweizer Fussballklub zu übernehmen und finanziell zu unterstützen.

(lst)