Bei der für heute angesetzten, aber verschobenen Generalversammlung der Swiss Football League steht neben dem kurzfristig brennenden Thema der weiteren Form und Ausgestaltung der Meisterschaft 2019-20 (weitere Unterbrechung? Geisterspiele? Verkürzte Meisterschaft 2020-21?) auch ein langfristig entscheidendes Thema auf der Traktandenliste, die sogenannte «Ligareform». Über dieses Thema wurde in verschiedenen Medienformaten geschrieben und diskutiert – allerdings in der Regel eher oberflächlich. Die Diskussionen kreisten vorwiegend um zwar interessante, aber letztendlich sekundäre Fragen wie den Spielmodus. Für den Schweizer Fussball viel einschneidendere Themen bezüglich Auswirkungen auf Nachwuchsförderung, Zuschauerzahlen, Einnahmen und Arbeitsplätze blieben zumindest in der medialen Rezeption bisher weitgehend aussen vor.

Dies liegt unter anderem an der starken Fokussierung der Aufmerksamkeit auf die Super League. Viele Kommentatoren kennen fast nur die oberste Spielklasse und sind sich nicht bewusst, wie stark Profifussball, Spitzenamateurfussball, Nachwuchsförderung und Infrastrukturentwicklung mittlerweile miteinander vernetzt sind. Auch die grosse Bedeutung der Challenge League für das ausdifferenzierte, evolutionär gewachsene Gesamtgebilde wird nicht wahrgenommen. Die Swiss Football League und der SFV haben dabei über die letzten Jahrzehnte die Latte in allen Bereichen immer höher gelegt. Profifussball, Spitzenamateurfussball, Nachwuchsförderung und Infrastruktur wurden so alle auf ein deutlich höheres Niveau gehoben. Die Kunst bestand dabei immer darin, die richtige Balance zu finden. Zu tiefe Anforderungen = kein Fortschritt. Zu hohe Anforderungen = die Klubs kollabieren. Die Klubs wurden und werden dabei „ausgepresst wie eine Zitrone“ – durchaus zum Wohle des Schweizer Fussballs. Der Grat ist schmal. Schon eine oberflächlich betrachtet kleine Ligareform kann deshalb das System zum Kippen bringen.

Wer sich mit einem Thema wie der Ligareform beschäftigt, kommt nicht umhin, sich mit Zahlen auseinanderzusetzen. Denn diese entscheiden schlussendlich darüber, ob eine sich vordergründig gut anhörende Idee auch in der Realität Sinn macht. Die Schweiz hat rund 8 Mio Einwohner und 2 Mio Zuschauer pro Jahr in den Super League-Stadien. Das bedeutet: umgerechnet geht jeder vierte Schweizer einmal pro Jahr in ein Super League-Stadion. Zum Vergleich: Deutschland hat 80 Mio Einwohner und 13 Mio Zuschauer pro Jahr in den Bundesliga-Stadien. Jeder sechste Deutsche geht also einmal pro Jahr zu einem Spiel der Bundesliga ins Stadion – weniger als in der Schweiz! Und dies obwohl in Bundesligastadien Weltstars wie Robert Lewandowski oder Erling Haaland zu bestaunen sind – und gleichzeitig in der Super League nicht einmal die besten Schweizer Spieler in Aktion zu sehen sind.

Mit anderen Worten: die Zuschauerzahlen sind in der Schweiz gemessen an der Bevölkerungszahl seit der Einführung der 10-er Liga 2003 tendenziell eher am oberen Rand des Möglichen. Damals sind die Zuschauerzahlen geradezu explodiert – auf durchschnittlich 10’400. So viele gab es in der höchsten Schweizer Liga zuvor noch nie auch nur annäherungsweise. Die 12-er Liga von 1987-2003 hatte eine durchschnittliche Zuschauerzahl von 6’500 – und dies obwohl die Eintrittspreise damals auch inflationsbereinigt deutlich tiefer waren. Das Eishockey ist mit ebenfalls 2 Mio Zuschauern pro Jahr in der National League eine zusätzliche Konkurrenz, wohingegen in Deutschland keine andere Sportart auch nur annähernd an die 13 Mio im Fussball herankommt.

Die Zuschauerzahl ist die lebenswichtige Kerngrösse für den Schweizer Profifussball. Denn neben der im internationalen Vergleich hohen Bedeutung der direkten Zuschauereinnahmen, sind auch die indirekten Einnahmen wie Sponsoring und TV-Gelder letztendlich von der öffentlichen Aufmerksamkeit abhängig, für welche die Zuschauerzahl im Stadion ein entscheidender Indikator ist. Von dieser Kerngrösse hängt schlussendlich unter anderem ab, wie viele Mittel für die Nachwuchsförderung, vom Klub mitfinanzierte Infrastrukturen, Sicherheitsanforderungen oder allfällige Zuschüsse für die Frauenfussball-Abteilung zur Verfügung stehen. Bei einer im Vergleich zu heute deutlich sinkenden Zuschauerzahl würde es zudem schwierig bis unmöglich, Fussballpersönlichkeiten wie Fabian Lustenberger, Guillaume Hoarau oder Valentin Stocker in einem leistungsfähigen Alter in die Liga (zurück) zu holen oder einen Kevin Rüegg, Silvan Hefti oder Eray Cömert so lange in der Schweiz zu halten, wie dies jetzt noch der Fall ist. Darum sollte man sich sehr gut überlegen, ob man auf eine Ligagrösse aufstocken will, die in den 90er-Jahren 38% und in den 70er-Jahren gar 44% weniger Zuschauer in die Stadien gelockt hatte!

In Österreich wurde der Schritt von der 10-er auf eine 12-er Liga 2018 vollzogen. Die Bilanz nach der ersten Saison ist ernüchternd: der Zuschauerschnitt liegt mit 6’400 tiefer als der langfristige Schnitt der 10er-Liga. Und dies obwohl gleichzeitig der Wiener Grossklub Austria auf Anfang Saison sein frisch umgebautes Stadion neu eröffnete und dadurch einen Zuschauerzuwachs von beinahe 50% verzeichnete! Ohne den «Austria-Effekt» wäre der Schnitt mit Einführung der 12er-Liga gar auf eine 5’000er-Zahl gesunken! Ausserdem hatte kurz zuvor „Publikumsmagnet“ Rapid ebenfalls nach langem Warten sein neues Stadion eröffnet. In der laufenden Saison 2019-20 haben sich die Zuschauerzahlen zudem nochmal reduziert – obwohl Österreichische Klubs dank vieler guter Trainer aus der ‘’Salzburger Schule’’ im Europacup so gut abschneiden wie schon lange nicht mehr. Historisch haben die Zuschauerzahlen in der Österreichischen Bundesliga bei Ligareduktionen immer zugenommen und bei Ligaaufstockungen abgenommen! Dass in Österreich trotzdem eine Aufstockung der beiden höchsten Ligen zum Thema wurde, hatte wesentlich damit zu tun, dass unser östliches Nachbarland in ihrer Bundesliga den angepeilten Sprung über die 10’000er-Marke im Gegensatz zur Schweiz nicht geschafft hat. Es war ein bewusster Schritt zurück, aus «Notwendigkeit» und man ist sich der negativen Konsequenzen bewusst.

Auch in der Challenge League hat der Zuschauerschnitt durch die Ligareduktion von einer 18er- über eine 16er- zur 10er-Liga um 36% von 1’400 auf 1’900 zugenommen. In Österreich zeigt sich in der 2. Liga dasselbe Bild: mit der Reduktion von 12 auf 10 Teams wurde 2010 ein Zuschaueranstieg bewirkt. Durch die Wiederaufstockung auf 16 Teams im Sommer 2018 ist hingegen fast die Hälfte der Besucherzahlen weggebrochen! Im neuen Format mit 16 Mannschaften hatte die 2. Liga Österreichs 2018-19 gerade mal noch 929 Besucher im Schnitt – Aufbruchstimmung sieht anders aus.

Besonders interessant für die zur Disposition stehende Variante (12+10 statt 10+10) ist der Vergleich mit Fällen, wo es eine Aufstockung der obersten Liga bei gleichzeitiger Beibehaltung der Anzahl Mannschaften in der zweitobersten Spielklasse gegeben hat. Der am meisten vergleichbare Fall ist Dänemark 2016, wo die oberste Liga von 12 auf 14 Teams aufgestockt wurde, während die zweithöchste Spielklasse bei 12 Mannschaften blieb. Das Resultat? Starker Zuschauerrückgang in beiden Ligen (-18% bzw. -10%)! Das gleiche Bild in Österreich 1982, als die oberste Liga von 10 auf 16 Teams aufgestockt wurde und die 2. Liga bei 16 Mannschaften verblieb. Der Rückgang der Zuschauerzahlen war im Oberhaus mit -29% dramatisch, in der zweithöchsten Spielklasse wars gar noch schlimmer: -34%!

Durch die Aufstockung der obersten Spielklasse wird die Attraktivität beider Ligen reduziert und das Niveau verwässert. Die 2. Liga verliert ihre Zugpferde nach oben und bekommt in aller Regel weniger attraktive Klubs aus der dritthöchsten Liga hinzu. Das Resultat ist ein Zuschauerrückgang, welcher in der Challenge League wohl den Profibetrieb in Frage stellen und potentiell hunderte von Arbeitsplätzen (Fussballer, Staff, Administration, Nachwuchstrainer) gefährden würde. Die Challenge League braucht Klubs wie GC, Lausanne, Xamax, Servette oder auch mal einen FCZ, FC Sion oder FC St. Gallen. Und den jeweiligen Traditionsklubs hat der Abstieg bisher, so schmerzhaft er im ersten Moment war, noch jedes Mal gut getan. In der Regel ging dem Abstieg jedes Mal ein jahrelanges Kränkeln in der höchsten Liga voraus. Unten angekommen stellte sich der Klub neu auf und kam besser aufgestellt wieder zurück. In den 80er-Jahren sind letztmals Vereine permanent im Amateurfussball verschwunden. Seither haben selbst konkursite NLA-/Super League-Klubs alle wieder den Weg zurück nach oben gefunden. Die Erfolgsstories von FCB, YB oder Servette starteten im Unterhaus. Ausserdem ist ein Abstieg immer auch eine Chance für den jeweils aktuellen Jahrgang an Talenten, sich in der Challenge League schneller durchsetzen und etablieren können. So gehörten unter anderem Michael Lang (mit St. Gallen), Loris Benito (Aarau) oder Kevin Rüegg (FCZ) zu den «Profiteuren» des Abstieges ihrer Klubs.

Die Vergleichsgrössen aus Dänemark und Österreich deuten klar darauf hin, dass durch eine Aufstockung der Super League um zwei Teams die Zuschauerzahlen sowohl in der Super League wie auch in der Challenge League sinken werden. Um wie viel Prozent wird dies aber der Fall sein? Dies hängt sicherlich auch von den klubspezifischen Gegebenheiten ab. Deshalb macht als zusätzliche Entscheidungshilfe eine klubbasierte detaillierte Analyse Sinn. Als Basis werden für jedes Heimteam die zuletzt erzielten (durchschnittlichen) Zuschauerzahlen pro Gegner genommen. Ganz rechts in der ganz am Ende des Artikels angehängten vollständigen Tabelle sind die entsprechenden Zahlen für die zur Zeit auf den ersten beiden Plätzen der Challenge League stehenden Lausanne-Sport und Vaduz aufgeführt. Um auf die voraussichtliche Zuschauerzahl pro Heimteam in einer 12er-Liga zu kommen, werden aber nicht die Zahlen von Lausanne und Vaduz verwendet, sondern stattdessen diejenigen von zwei vergleichbaren Auswärtsteams (in der Regel Xamax und Lugano) doppelt gezählt. Denn die Zahlen von Lausanne und Vaduz liegen schon relativ weit zurück und geben daher nur begrenzt die aktuelle Situation wieder. So waren die Zuschauerzahlen in Bern damals generell gegen alle Gegner um rund 10’000 tiefer und in Basel wiederum deutlich höher. Das Resultat der Berechnung: der Zuschauerschnitt pro Gegner würde in der Super League mit einer Aufstockung um zwei Teams per se um etwa 2% zurückgehen. Die totale Zuschauerzahl könnte allerdings in Abhängigkeit des Modus und der Anzahl gespielter Runden noch stärker sinken.

Was wäre nun aber die Auswirkung einer Aufstockung der Super League auf die Zuschauerzahlen in der Challenge League? Wie schon in den «Real life»-Beispielen Dänemark und Österreich gesehen, bewirkte eine Ligaaufstockung der obersten Spielklasse in der zweithöchsten Liga einen Zuschauerrückgang in mindestens ähnlichem Rahmen. Unser Rechenbeispiel zeigt nun, dass eine Ligaaufstockung der Super League die Challenge League am härtesten treffen würde! Es wird davon ausgegangen, dass Yverdon und Rapperswil-Jona die zweithöchste Liga von unten her aufstocken. Bezüglich Teams, welche nach oben wegbrechen würden, wurden zwei Varianten berechnet: 1) Lausanne + Vaduz, 2) Lausanne + GC. Im ersten Fall würde die Challenge League 12% tiefere Zuschauerzahlen schreiben, im zweiten gar 33%! Im Schnitt kann man also von etwa 20% weniger Zuschauern in der Challenge League ausgehen, wenn die Super League auf 12 Teams aufgestockt würde. Auf der anderen Seite wären bei einer Beibehaltung von 10+10 bei einem gelegentlichen Abstieg von Teams wie Luzern, St. Gallen oder FCZ (hat gegen die jetzigen Challenge League-Teams einen Auswärtsschnitt von mehr als 5’500 Fans) die Zuschauerzahlen in gewissen Saisons noch höher als heute. Die Challenge League lebt von ihren Zugpferden.

Von den in der Grösse mit der Schweiz vergleichbaren europäischen Ländern mit 5,5 bis 12 Millionen Einwohnern hatte nur in Belgien (35% Einwohner mehr als die Schweiz) die 2. Liga 2018-19 einen höheren Zuschauerschnitt. Und dies obwohl in den meisten der aufgeführten Länder der Fussball im Gegensatz zur Schweiz die klare Nummer 1 ist. So kommt in unserem Land die Swiss League (2. Liga Eishockey) mit 1’800 Zuschauern pro Partie nahe an die Challenge League heran – die totale Zuschauerzahl pro Saison ist gar höher. Belgien hatte 2018-2019 neben der höheren Einwohnerzahl aufgrund der noch kleineren Liga (acht Teams!) und der Teilnahme von Mechelen (Zuschauerschnitt: 13’500) einen deutlich höheren Zuschauerschnitt. In der Saison 2019-20 (wieder ohne Mechelen) liegt der Schnitt bei 2’900.

Dank dem Faktor, dass in der Schweiz die Teams nr. 11-20 in der Challenge League spielen, ist es auch eine sportlich starke Liga. Es ist bereits elf Jahre her, seit das letzte Mal ein Aufsteiger in die Super League in der darauffolgenden Saison gleich wieder abgestiegen ist. Im Europacup engagierte Challenge League-Teams haben mehr überzeugt als gewisse Super League-Teilnehmer in derselben Saison. Der FC Zürich hielt als Challenge League-ist beide Partien gegen das damalige Spanische Spitzenteam Villarreal ausgeglichen. Lausanne-Sport vermochte das Russische Spitzenteam Lokomotive Moskau auszuschalten und die Gruppenphase zu erreichen. Auch in internationalen Testspielen zeigen Schweizer Zweitligisten gegen Erst- und Zweitligisten anderer Länder gute Leistungen und Resultate. Jungstürmer Dan Ndoye wechselt direkt aus der Challenge League zum Französischen Spitzenteam Nizza, Bryan Okoh zu Salzburg, Simone Grippo und Oliver Buff gingen zu Real Zaragoza, Ivan Kecojevic zu Cadiz oder Marin Cavar zu Chievo Verona. In der Ausbildung der Schweizer Spitzenjunioren gibt es in verschiedenen Bereichen (unter anderem physische Aspekte) Nachholbedarf. Die grössere Erfahrung auf Profistufe von Schweizer Challenge League-Stammspielern ist hingegen im Vergleich mit den Altersgenossen aus anderen Ländern ein grosser Vorteil! Dies fällt bei internationalen Vergleichen auf U19-, U20- und teilweise gar U21-Stufe sofort ins Auge. Die Schweizer Spieler haben diesbezüglich einen Vorsprung, der wesentlich dazu beiträgt, dass überdurchschnittlich viele in der Schweiz ausgebildete Spieler den Sprung in eine Top 5-Liga schaffen.

Die relativ hohe Qualität machte die Challenge League in der jüngeren Vergangenheit zudem zu einem entscheidenden Karriereschritt für mehr als einen Drittel der aktuellen Schweizer Nationalmannschaft! Wer es mit 17 oder 18 Jahren zum Stammspieler in der aktuellen Challenge League schafft, hat sehr gute Aussichten auf eine Top-Karriere. Und wie die Beispiele Jonas Omlin und Christian Fassnacht zeigen, kann auch ein Durchbruch in der Challenge League mit 21 oder 22 Jahren noch den Weg ins Nationalteam ebnen. Auch in der aktuellen Saison kamen mehrere potentielle künftige Nationalspieler in der Challenge League zum Einsatz. Talente mit Qualität werden in allen Challenge League-Mannschaften regelmässig eingesetzt und einige übernehmen gar eine tragende Rolle. Und dies unabhängig von der Tabellenposition – auch Klubs, die um den Aufstieg oder Abstieg kämpfen, setzen konsequent auf Junge. Denn erfahrene Spieler von der gleichen Qualität können sich Challenge League-Klubs in der Regel gar nicht leisten. Die hier zur Illustration zusammengestellte Liste von Top Challenge League-Talenten ist ein Ausschnitt und erhebt keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit.

Da die Talente in der Challenge League gut gefordert und gefördert werden, haben YB, FCB, FCZ, Servette, Lugano, St. Gallen, Luzern, Xamax und Sion hoffnungsvolle junge Spieler in diese Liga ausgeliehen oder geben sie fix ab. GC, Lausanne, Aarau oder Winterthur haben selbst eine starke Spitzenjunioren-Academy, aus welcher sie Talente nachziehen. Würde die Challenge League ihren Profistatus verlieren, dann könnten die Schweizer Spitzenklubs ihre Talente nicht mehr mit gutem Gewissen in diese Liga verleihen, weil die Trainingsbedingungen und das Spielniveau nicht mehr genügen würden. Die Talente würden entweder in ihrem entscheidenden Schritt vor dem Sprung in die Super League gestoppt, oder sie müssten im Ausland eine Lösung suchen. Dies wäre verheerend.

In eine völlig falsche Richtung würde daher auch der Ruf nach einer Zulassung von U21/U23-Teams in der zweitobersten Liga gehen. Erstens wäre dies der definitive Sargnagel für den Profistatus der Liga, denn die Zuschauerzahlen würden so noch deutlich stärker in die Tiefe rasseln, als bereits mit einer Aufstockung. Zweitens zeugt die Forderung von einer einseitigen, parteiischen Sichtweise einzelner Grossklubs und ist nicht im Sinne des gesamten Schweizer Fussballes. Der Sprung von der zweithöchsten in die höchste Liga wäre sowohl für Talente wie auch für die Klubs zu gross. Die finanziellen Bedingungen wären so schlecht, dass ein Super League-ist nach einem Abstieg in noch viel grössere Schwierigkeiten geraten würde als heute schon – und den Profibetrieb möglicherweise einstellen müsste. Dies kann nicht im Sinne einer gesunden Durchlässigkeit des Schweizer Ligasystems sein.

U23-Teams würden sowieso nur wenige in dieser zweithöchsten Liga spielen. Beispielsweise Basel, Sion und FCZ, die heute in der Promotion League aktiv sind. Die Talente der anderen Klubs könnten die zweithöchste Liga als Sprungbrett nicht mehr nutzen, weil die Bedingungen bei allen anderen teilnehmenden Teams nicht mehr professionell wären. Das Niveau dieser aufgestockten Liga wäre zwischen der heutigen Challenge League und der heutigen Promotion League anzusiedeln. Selbst in der heutigen Promotion League müssen sich aber die Reserve-Teams von Sion und FCZ mit externen Spielern verstärken, um die Liga halten zu können. So spielt beispielsweise beim FCZ der ehemalige Thuner ‘’Champions League-Held’’ José Gonçalves und der aus Deutschland zurückgeholte 24-jährige Stürmer Shpetim Sulejmani sorgt für die Tore, welche die eigenen Junioren nicht zu schiessen im Stande sind. Basel ist der einzige Klub der Schweiz, der sich fast ausschliesslich mit 18- bis 20-jährigen Spielern aktuell in der Promotion League halten kann. In einer allfälligen zweithöchsten Liga würden das aber selbst die Rotblauen nicht mehr schaffen, und müssten ebenfalls ältere Verstärkungsspieler verpflichten. Wohin dies führt, kann man gut in Deutschland beobachten. Klubs wie Bayer Leverkusen oder Eintracht Frankfurt haben ihre U23 mittlerweile zurückgezogen und viele andere Klubs denken ernsthaft darüber nach. Denn die U23-Teams sind häufig voll von «gestrandeten» Ex-Profis oder Spitzenamateurfussballern, die durchaus mithelfen können, das U23-Team eines Bundesligisten in der Regionalliga zu halten, gleichzeitig aber null Perspektiven auf eine Bundesligakarriere haben. Die wirklich talentierten eigenen Junioren versuchen hingegen meist, falls der Sprung ins Bundesliga-Team nicht direkt gelingt, den Weg über die 2. Bundesliga oder eine Erste Liga in einem Nachbarland zu machen. Es bringt auch dem FC Basel mehr, einen Yves Kaiser oder Konstantinos Dimitriou in eine starke Challenge League ausleihen zu können, statt mit einem mit älteren Spielern verstärkten Reserve-Team in einer qualitativ verwässerten zweithöchsten Liga mithalten zu versuchen.

Schon heute ist es zudem so, dass U21-Teams, die in der 1. Liga engagiert sind, nicht mit aller Kraft in die Promotion League aufsteigen wollen. Denn in der vierthöchsten Spielklasse können diese Klubs mit reinen Juniorenteams spielen und sich auch erlauben, regelmässig 16- oder 17-jährige Talente wie Samuel Kasongo (YB), Bung Tsai Freimann (Luzern), Armin Abaz (St. Gallen) oder Marvin Keller (GC) einzusetzen – was in der viel anspruchsvolleren Promotion League meist nicht möglich wäre. Vor diesem Hintergrund gar Reserve-Teams in der zweithöchsten Liga zu fordern, macht überhaupt keinen Sinn. Ein Klub kann letztendlich nicht auf jeder Stufe ein Team haben: 2. Liga Inter, 1. Liga, Promotion League, Challenge League, Super League. Daher muss so oder so für jeden Entwicklungsschritt eines Talentes eine individuelle Lösung gefunden werden. Entscheidend ist, dass alle Stufen in der Schweiz vorhanden und abgedeckt sind. Dies würde mit einer Aufstockung der Super League auf 12 Teams und erst recht mit einer Aufstockung der Challenge League (unter anderem mit U23-Teams) zunichte gemacht, weil dann die kompetitive zweithöchste Profistufe wegbrechen würde.

Es wäre unter diesen Voraussetzungen zudem auch schwer vorstellbar, wie ein Klub der zweithöchsten Spielklasse in der Schweiz im Juniorenspitzenfussball noch eine U18 oder gar U21 betreiben könnte. Daher, wenn es eine Änderung geben sollte, muss die Tendenz eher dahin gehen, dass die U21-Teams wieder strikter zu echten U21-Teams werden. Beispielsweise könnten die maximal erlaubten Einsätze für Spieler über dem U21-Alter auf zwei pro Saison beschränkt werden. Damit wäre sichergestellt, dass die Stammformation nur aus Talenten besteht – und gleichzeitig immer noch sich nach einer Verletzung im Aufbau befindliche Profis durch zwei Einsätze in der U21 wieder in den Rhythmus spielen könnten. Die Folge wäre, dass in der aktuellen Situation Sion und der FCZ auf allen Positionen regelmässig Junge einsetzen und möglicherweise in die 1. Liga absteigen würden. Die Anhebung des Alters auf U23 wäre kontraproduktiv. Wenn das U21-Alter vorbei ist, ist der Schritt in eine 1. Mannschaft – auf welcher Stufe auch immer – absolut angebracht. Dies wäre auch fairer und gesünder den Spielern, der Challenge League und den Spitzenamateurteams gegenüber.

Die Leihen und Transfers von Super League-Talenten in die Challenge League haben sich in letzter Zeit zudem stark verbessert. In der Vergangenheit war ab und zu das Problem, dass der Super League-ist seine Toptalente im Klub behalten und eher auf der Kippe stehende Talente in die Challenge League verliehen hat. Das Resultat: die auf der Kippe stehenden Talente waren häufig auch nicht gut genug für die Challenge League, und die Toptalente bekamen gleichzeitig zu wenig Spielpraxis auf gutem Niveau. Heute werden viel häufiger Talente, welche durchaus (vorwiegend auf der Ersatzbank) auf dem Super League-Matchblatt stehen könnten, in die Challenge League verliehen und die auf der Kippe stehenden Talente deutlich schneller fix in die Challenge League oder anderswohin abgegeben. Die Toptalente erhalten dank ihrer Qualität viel Spielzeit in der Challenge League. Die auf der Kippe stehenden Talente haben bessere Voraussetzungen für ihren nächsten Schritt, weil es sich für ihren künftigen Klub lohnt, in ihre Entwicklung, ihr Selbstvertrauen und die Verbesserung ihrer Defizite zu investieren. Auf diese Weise haben alle mehr von der Sache: der Super League-Klub, der Challenge League-Klub und nicht zuletzt auch der Spieler selbst.

Für die Entwicklung der Top-Talente ist es nicht nur wichtig, auf möglichst hohem Niveau zu spielen, sondern auch, dass es in den Spielen um viel geht. Im Titelkampf oder Abstiegskampf lernen sie am meisten und entwickeln sich auch als Persönlichkeiten. Beispielsweise spielte der früh von einer Verletzung wieder zurückgekehrte Kevin Rüegg eine sehr wichtige Rolle im zwischenzeitlichen Abstiegskampf des FC Zürich letzten Frühling. Bei Xamax war es unter anderem Kemal Ademi, der mit seiner Mentalität sein Team in den entscheidenden Partien gegen den Abstieg mitriss. Den FC St. Gallen haben vor allem die jungen Spieler an die Super League-Spitze gerannt, gespielt und geschossen. Trainer setzen auf junge Spieler, wenn sie das Gefühl haben, dass sie diesen auch in entscheidenden Momenten vertrauen können. Junge Spieler hingegen, welche nicht in der Lage sind, in solchen Situationen über sich hinauszuwachsen, haben sowieso keine echte Zukunftsperspektive im Profifussball.

Ebenso macht es keinen Sinn, die Super League aufzustocken, damit einzelne Klubs möglicherweise etwas mehr «Ruhe» und «Planungssicherheit» erhalten könnten. Wenn etwas die Zuschauer fasziniert und in die Stadien zieht, so ist es neben dem Titelkampf der Existenzkampf gegen den Abstieg. Das sind die Spiele, wo die Maladière in Neuenburg gegen Aarau seit langer Zeit wieder einmal mit 12’000 Zuschauern ausverkauft ist, oder wo in der Abstiegssaison des FCZ erst der Kybunpark komplett voll ist und anschliessend 16’000 Nasen FCZ gegen Vaduz im Letzigrund sehen wollen. Ja, ein Abstieg soll schwierig und schmerzhaft sein – sonst würde es ja niemanden interessieren. Profifussball ist Teil der Unterhaltungsbranche und da sind Unvorhergesehenes und schlaflose Nächte für die Klubführung der Normalzustand. Und für die Spieler ist es eine Chance, an der Aufgabe zu wachsen.

Weitere Argumente, welche gegen eine Aufstockung sprechen, sind die geringeren Einnahmen pro Klub aus dem TV-Geld und anderen zentralen Einnahmequellen und die zu kleine Anzahl Super League-tauglicher Stadien. Häufig wird vergessen, dass aktuell in Lausanne kein zusätzliches Super League-taugliches Stadion hinzukommt, sondern nur ein altes Super League-Stadion (Pontaise) 1:1 ersetzt wird. Es gibt auch mit dem im Sommer vor der Eröffnung stehenden „Tuilères“ im ganzen Land nur elf Super League-taugliche Stadien: Bern, Basel, Zürich, Sion, Luzern, St. Gallen, Thun, Genf, Neuenburg, Lausanne und Schaffhausen. In Zürich gibt es zwei Profiklubs. Bei einer 12-er Liga würde sich die Super League alleine aufgrund der Infrastruktur fast schon von selbst zusammenstellen. Um eine sinnvolle sportliche Konkurrenzsituation zu schaffen, sollte eigentlich mindestens die Hälfte der Challenge League-Klubs auch administrativ in die höchste Spielklasse aufsteigen können, sonst wird die Meisterschaft zu einer Farce!

Schon bei einer 10er-Liga kann dieses Kriterium nur erfüllt werden, wenn man die (möglichen) Ausnahmebewilligungen mitzählt. Zur Zeit hat Lugano eine, aufgrund des geplanten neuen Projektes auf demselben Gelände, das im November eine weitere politische Hürde genommen hat, und gemäss Vereinbarung mit der Swiss Football League bis Sommer 2021 eine Baubewilligung benötigt (Eröffnung frühestens Ende 2023). Aarau spielte schon zu viele Jahre mit einer Ausnahmebewilligung im Oberhaus und würde aktuell dem Vernehmen nach keine mehr erhalten – das Brügglifeld ist nicht einmal Challenge League-tauglich und aufgrund der Platzverhältnisse offenbar nicht auf Super League-tauglichkeit ausbaubar. Sonderbewilligungen erhalten könnten theoretisch wohl Wil, Winterthur, Vaduz und das aktuell in der 1. Liga Gruppe 2 engagierte Biel. Deren Stadien sind grundsätzlich auf einen möglichen Super League-Ausbau ausgelegt. Voraussetzung wäre aber wohl mindestens ein in die Wege geleitetes Verfahren zum Ausbau des Stadions, welches zuerst lokal einige politische und finanzielle Hürden nehmen müsste. Und es ist auch nicht sicher, ob die erwähnten Klubs ihr Stadion aktuell überhaupt auf Super League-tauglichkeit ausbauen wollen. Ist Winterthur beispielsweise bereit, seine «Bierkurve» und «Sirupkurve» in der jetzigen Form zu opfern? Eine weitere Option wäre, in einer anderen Stadt zu spielen – Winterthur beispielsweise in Schaffhausen (im Letzigrund spielen schon zwei Teams), Wil in St.Gallen. Aber die Klubs würden bei dieser Frage tendenziell wohl eher auf einen Aufstieg verzichten.

Zusammenfassend hat der Schweizer Fussball im Vergleich mit gleichgrossen Ländern dank der Formel 10+10 aktuell eine zweithöchste Spielklasse mit hohem sportlichen Niveau und vielen Zuschauern. Dies ermöglicht es einer wachsenden Anzahl an talentierten Jungprofis auf zweithöchster Profistufe einen entscheidenden Entwicklungsschritt zu machen. Aktuell sind beispielsweise Ndoye, Zeqiri, Vonmoos, Rohner, Pusic oder Alounga diesbezüglich auf den Spuren von Zakaria, Akanji, Sommer und Co.. Eine Aufstockung der Super League von 10 auf 12 Mannschaften würde die Zuschauer- und TV-Einnahmen der Klubs der höchsten Spielklasse leicht reduzieren. Vor allem aber würde es ziemlich sicher die Challenge League ohne ihre dringend benötigten Zugpferde mit massiven Zuschauereinbussen in eine existenzielle Krise stürzen. Der Profistatus könnte möglicherweise nicht mehr aufrechterhalten bleiben, viele Arbeitsplätze gingen verloren, Leuchttürme des Schweizer Fussballs in den Regionen wie Aarau oder Winterthur könnten aufgrund der drastisch reduzierten Einnahmen in der Versenkung verschwinden, ganze Juniorenspitzenfussballorganisationen kaputt gehen und faktisch eine geschlossene Super League entstehen – ohne Auf- und Abstieg. Den Top-Talenten, die sich zur Zeit in grosser Zahl im «Unterhaus» tummeln, würde der Einstieg in den Profifussball auf «Fast-Super League-Niveau» in der Schweiz fehlen und sie müssten sich noch früher und häufiger als heute Richtung Ausland orientieren. In der Super League bestünde zusätzlich die Gefahr, dass aufgrund der fehlenden Konsequenzen von schlechtem Management (kein Druck von «unten») ein gewisser «Schlendrian» Einzug hält.

(Tabellen, Graphiken und Bild: Züri Live, Daten: European Football Statistics, Transfermarkt)

Die Wiederholung des Penalties für YB im Spitzenspiel von heute zwischen den FC St. Gallen und dem amtierenden Meister gibt zu reden, und dies völlig zu Recht. Wirklich nur ein paar Zentimeterchen steht St. Gallen Torhüter Zigi mit seinem linken Fuss vor der Torlinie, als YB-Stürmer Guillaume Hoarau den Ball Richtung Ostschweizer Tor schiesst. Nach der Partie meinte Schiedsrichter Alain Bieri im TV-Interview, dass dies halt die Regeln seien. Die Klubs seien vor der Saison darauf hingewiesen worden. Das mag stimmen, aber was Bieri  verschwieg: diese Regeln werden so wie es scheint willkürlich umgesetzt. 

Wir haben im Archiv vier Penalties gefunden, die diese Saison definitiv (weder beim ersten Schuss, noch beim Nachschuss) nicht verwertet wurden und deshalb relevant sind für die Frage, ob der Torhüter mit einem Fuss die Linie berührt hat:

  • Lawrence Ati Zigi gegen Young Boys
  • Noam Baumann gegen St. Gallen
  • Kevin Fickentscher gegen den FC Zürich
  • Laurent Walthert gegen den FC Zürich

Und siehe da! Von den vier Torhütern schien nur einer (Walthert) seinen Fuss auf der Linie zu haben! Baumann (Lugano) gegen St. Gallens Cédric Itten und Fickentscher (Sion) gegen Benjamin Kololli (FCZ) standen ähnlich knapp wie Zigi VOR der Linie – ohne dass es der VAR für nötig befand, dies zu melden! Die berechtigte Frage stellt sich also: wenn man es schon so genau nehmen will, warum nur, wenn es YB betrifft?

Bei St. Gallen – YB war Sandro Schärer der Verantwortliche VAR wie schon vor zwei Wochen bei FCZ – Basel, als er ein klares Stürmerfoul von Cabral gegen Nathan vor dem wichtigen 0:1 schon nach 12 Sekunden übersah – siehe: FCZ – FCB Analyse

Wie in St. Gallen war Alain Bieri zudem zum Saisonauftakt FCZ – Lugano Schiedsrichter gewesen, als er die Schwalbe von Jonathan Sabbatini vor dem Penalty zum wegweisenden 0:1 als „Foul“ taxierte, und von VAR Stephan Klossner nicht auf diese Fehlentscheidung hingewiesen wurde – siehe: FCZ – Lugano Analyse

Auffallend ist zudem schon seit etwa zwei Jahren die gehäufte Besserbehandlung von YB in entscheidenden Szenen sowohl in Spielen gegen den FCZ wie auch gegen andere Gegner – siehe: YB – FCZ Analyse

Hier die vier relevanten Penalties:

Lawrence Ati Zigi steht gegen YB hauchdünn VOR der Linie:

Noam Baumann steht gegen St. Gallen hauchdünn VOR der Linie:

Kevin Fickentscher steht gegen den FCZ hauchdünn VOR der Linie:

Laurent Walthert steht gegen den FCZ als Einziger AUF der Linie:

(Standbilder: Teleclub / SRF) 

 

Der FCZ hat die Möglichkeit, seine Saison als Aufsteiger zu krönen. Er geht im Stade de Suisse aber als Aussenseiter in dieses Endspiel. Und das ist vielleicht sogar ein kleiner Vorteil.

Man könnte in einer Vorschau über den 93. Schweizer Cupfinal über den Vorteil der Young Boys schreiben, den Cupfinal im eigenen Stadion austragen zu können, dazu noch auf dem Kunstrasen, auf dem das Kader auch regelmässig trainieren kann. Ebenso wäre es möglich, die überragende Leistung der Young Boys zu gewichten, welche mit attraktivem Fussball in dieser Saison souverän Meister geworden sind, mit dem hervorragend zusammengestellten Kader, aus welchem einige Spieler noch besonders herausstechen.

Und weil mit Umaru Bangura der zweikampfstärkste Verteidiger dieser Super League-Saison dem FCZ verletzt fehlt und mit Raphael Dwamena Zürichs schnellster Stürmer und zweitbester Skorer gesperrt ist, wäre auch das ein Grund, den Gegner aus Bern noch mehr zu favorisieren. Es bezweifelt niemand, dass Zürich klarer Aussenseiter ist in diesem Cupfinal.

Aber der FCZ hat nach dem FC Sion die zweitbeste Cupfinalbilanz aller Clubs mit mehr als einem Sieg. Zehnmal stand der Club im Endspiel. Neun Siege resultierten daraus. In einigen dieser Finals war der FCZ klarer Aussenseiter (Lausanne-Sports 2000, Basel 2014) oder eher leichter Aussenseiter (Basel 1970, 1972, 1973), in einigen war er gleichwertiger Siegesanwärter (Servette 1966, Lugano 2016) und dreimal war er ganz klarer (Luzern 2005) oder recht klarer Favorit (Servette 1976, Lausanne-Sports 1981).

Gibt es erklärbare Gründe, warum der FCZ in seinen Cupfinals bisher so überdurchschnittlich erfolgreich war? Dazu möchte ich jedes einzelne Endspiel hier kurz betrachten:

1966: Servette FC – FCZ 0:2 (0:0)
Der erste Cupsieg nach der ersten Finalteilnahme des FCZ bewirkte auch gleich das erste Double. Im Final gegen die zweitbeste Mannschaft der Saison war der FCZ ganz leicht favorisiert. Christian Winiger und Fritz Künzli gelangen die beiden Tore vor 56’000 Zuschauern im Berner Wankdorfstadion. Nie mehr kamen bis jetzt mehr Zuschauer an ein solches Endspiel in der Schweiz. Louis Maurer war der Baumeister des Erfolgs. Der FCZ sollte zwischen 1965/66 und 1975/76 die erfolgreichste Phase seiner Clubgeschichte erleben mit neun Titeln innerhalb von 11 Jahren.

1970: FC Basel – FCZ 1:4 (0:0, 1:1) nach Verlängerung
Wohl das wichtigste Tor aller Cupfinals des FCZ gelang René Quentin. Es war der Ausgleich zum 1:1 gut eine Viertelstunde vor Schluss gegen den leicht favorisierten nachmaligen Meister. Dieser Treffer leitete den Umschwung für mehr als ein Finalspiel ein. Bis jetzt gelang den Baslern gegen den FCZ kein Tor mehr in einem Cupfinal. Fritz Künzli sorgte in der Verlängerung mit zwei Toren für die Entscheidung. Beim Tor zum 3:1 reklamierten die Basler eine meterweise Offsideposition des Schützen, die jedoch aus der ungünstigen Kameraperspektive nicht klar belegt werden konnte. Alex Cortis 4:1 war eine Zugabe. Die Zürcher Fans unter den 47`500 Zuschauern jubelten euphorisch, als Captain Werner Leimgruber den Pokal in die Höhe stemmte. Georges Gawliczek war damals Trainer des FCZ.

1972: FC Basel – FCZ 0:1 (0:1),
Daniel Jeandupeux entwischte nach einem Steilpass kurz vor der Pause seinem Gegenspieler Peter Ramseier und erzielte aus vollem Lauf das goldene Tor. Basel war wieder leicht favorisiert. In spezieller Erinnerung bleibt die wohl spektakulärste Torhüterparade in allen FCZ-Cupfinals durch Karl Grob nach einem Distanzschuss von Peter Ramseier beim Stand von 0:0. Der Zürcher Keeper lenkte den Ball mit einem fulminanten Hechtsprung über das Lattenkreuz. Bundesrat Ritschard sagte anlässlich der Siegerehrung, die Zürcher hätten nicht nur Jeandupeux gehabt, sondern auch „chance un peu“, bevor Captain Fritz Künzli vor 45’000 Zuschauern die Trophäe in Empfang nehmen durfte. Die Basler haderten nach dem Spiel etwas mit ihren dunklen Leibchen, die in der Hitze von Bern mehr Sonnenenergie absorbierten, als die weissen Shirts der Zürcher. Spielertrainer Timo Konietzka gewann seinen ersten Titel. Es war der erste Cupfinal, der direkt im TV ausgestrahlt wurde.

1973: FC Basel – FCZ 0:2 (0:0, 0:0) nach Verlängerung
Der FCZ benötigte im Rückspiel des Halbfinals gegen den FC Winterthur daheim im Letzigrund etwas Glück, um das Endspiel zu erreichen. Den Winterthurern wurde ein korrekt erzieltes Tor fälschlicherweise aberkannt. Die FCZ-Fans reisten im Fritz- oder Köbi-Express zum Final nach Bern. Der favorisierte Gegner aus Basel spielte nach den Erfahrungen der beiden zuvor verlorenen Endspiele in orangen Leibchen. Trotzdem war Zürich in der Verlängerung wieder die frischere Mannschaft. Der eingewechselte, schnelle Peter Marti und einmal mehr Fritz Künzli schossen die Tore zum Sieg in einem wieder ausgeglichenen Spiel. Erstmals konnte der FCZ den Cuptitel erfolgreich verteidigen. Für Köbi Kuhn war entscheidend, dass die Zürcher die Couloirs auf den Seiten gegen die aufrückenden Aussenverteidiger der Basler schliessen konnten. Wieder waren 45`000 Zuschauer anwesend. Zum dritten Mal in vier Jahren wurde der FC Basel Meister, nachdem er den Cupfinal gegen den FCZ verloren hatte.

1976: Servette FC – FCZ 0:1 (0:1)
Der fünfte Cupfinal in Bern war der erste des FCZ ohne Fritz Künzli. Dieser verlor ein Jahr zuvor mit dem FC Winterthur das Endspiel gegen den FC Basel. Wer sollte für den FCZ die Tore schiessen? Zürich war als Tabellenführer der Meisterschaft gegen die Herausforderer aus Genf leicht favorisiert. Topskorer Ilja Katic gelang mit dem Kopf schon früh das entscheidende Tor. Zürich unternahm danach nicht mehr viel für ein attraktives Spiel. Und die Genfer konnten kaum reagieren. Am Ende der Saison holte der FCZ das zweite Double. Wieder war Servette die zweitbeste Mannschaft, sowohl im Cup, als auch in der Meisterschaft. Timo Konietzka holte damit seinen dritten Cupsieg als Trainer.

1981: Lausanne-Sports – FCZ 4:3 (1:0, 2:2) nach Verlängerung
Als kommender Meister und Sieger im Hinspiel des Ligacup-Finals gegen Lausanne-Sports war der FCZ recht klarer Favorit. Er vergab aber die grosse Möglichkeit, das Tripple zu erringen. Der FCZ war in der regulären Spielzeit eindeutig die bessere Mannschaft, verspielte jedoch zweimal eine durch Heinz Lüdi sowie Gian-Pietro Zappa erzielte Führung. Torhüter Karl Grob hatte zuvor in seinen vier siegreichen Endspielen nur ein Tor zugelassen. Der Ausgleich zum 1:1 durch Robert Kok fiel nach einem direkt verwandelten Eckball des Holländers. In der Verlängerung stürmte der FCZ kopflos ins Verderben. Trainer Daniel Jeandupeux hätte einen andern Plan gehabt. Der eingewechselte Stéphane Crescenzi hiess der Held des Cupfinals für Lausanne. Innerhalb von zwei Minuten konnte er von der Mittellinie gleich zweimal ungehindert auf das FCZ-Tor zulaufen und die beiden Treffer zum 4:2 erzielen. Walter Iselin sah auch noch die rote Karte nach einer Tätlichkeit gegen den Torschützen. Mit einem Mann weniger gelang Franz Peterhans noch ein Stürmertor zum 4:3. Das verlorene Endspiel gegen Lausanne im Cupfinal ist bis heute eine der bittersten Niederlagen des FCZ. Stéphane Crescenzi hatte vor diesem Endspiel im Fussball keine grosse Rolle gespielt und spielte sie auch danach nicht mehr.

2000: Lausanne–Sports – FCZ 2:2 (1:0, 1:1) nach Verlängerung / 0:3 nach Pen.
19 Jahre später gelang die Revanche unter umgekehrten Vorzeichen. Der FCZ spielte unter Trainer Gilbert Gress nach der Entlassung von Raimondo Ponte in der Auf-/Abstiegsrunde zur NL B und konnte sich nach dem Cupfinal erst im letzten Heimspiel gegen Aarau retten, während Lausanne-Sports Dritter wurde. So war Zürich klarer Aussenseiter. Gotcha Jamarauli glich die Führung der Waadtländer in der letzten Viertelstunde aus und bereitete kurz nach Beginn der Verlängerung die eigene Führung durch Shaun Bartlett vor. Andres Gerber konnte für den Favoriten jedoch noch ausgleichen. Der FCZ rettete nach einer gelbroten Karte gegen Bartlett das Unentschieden über die Verlängerung ins Penaltyschiessen. Nachdem der ehemalige Lausanneois Philippe Douglas dem FCZ-Hüter Marco Pascolo die entscheidenden Hinweise geben konnte, wohin seine früheren Kollegen zielen würden, gewann Zürich nach 24 Jahren wieder einmal den Cup. Urs Fischer, Philippe Douglas und Mikhail Kavelashvili trafen für den FCZ. Marco Pascolo hielt die gegnerische Versuche von Oscar Londono und Sven Christ. Christophe Ohrel traf den Pfosten. Captain Urs Fischer überreichte den Pokal bei der Siegerehrung zuerst dem Präsidenten Sven Hotz. Dieses Endspiel war der letzte Cupfinal im alten Wankdorfstadion.

2005: FC Luzern – FCZ 1:3 (1:0) 32500 Zuschauer bildeten für die Neuzeit eine grosse Kulisse in Basel. Der FCZ war klarer Favorit gegen den FC Luzern, den Club aus der Challenge League. Im Zentrum der Medien stand speziell das Bruderduell von Alhassane Keita und Alseny Keita. Der Aussenseiter begann euphorisch und hatte mit einem Kopfball nach einem Corner durch Genc Mehmeti die erste Grosschance. Nach und nach kontrolliere der FCZ das Spiel und ging durch Marc Schneider vor der Pause in Führung. Alhassane Keita und Mihai Tararache trafen zur Entscheidung gegen die Innerschweizer, welche den sehr talentierten Mittelfelregisseur Pirmin Schwegler nach einem ungeahndeten Foul von Mihai Tararache zum Ärger ihres Trainers René Van Eck früh verloren. Das 1:3 durch Christian Andreoli fiel zu spät, rettete aber noch die Ehre der Luzerner. Mit Captain Davide Taini war es der Torhüter, welcher die neue Cuptrophäe entgegen nehmen durfte. Dieser Cupsieg leitete eine erfolgreiche Aera des FCZ ein, deren Begründer Trainer Lucien Favre war.

2014: FC Basel – FCZ 0:2 (0:0, 0:0) nach Verlängerung
Zwei rote Karten gegen die Basler Gaston Sauro und Giovanni Sio ebneten den Weg zum 2:0-Sieg über den Favoriten. Mario Gavranovic erzielte beide Tore und war dadurch der Held des Cupfinals. In spezieller Erinnerung bleibt Yassine Chikhaouis Vorbereitung des zweiten Tores mit einem Lauf mit dem Ball am Fuss über ¾ des Feldes. Der FCZ spielte mannschaftlich sehr geschlossen und liess gegen den Favoriten nur eine Grosschance zu, die David Da Costa zu Beginn der zweiten Hälfte vereitelte. Basels Trainer Murat Yakin hatte seine Mannschaft zu defensiv eingestellt. So verlor der Serienmeister das zweite Endspiel hintereinander gegen einen Zürcher Club. Urs Meier formte zuvor die erfolgreiche Mannschaft.

2016: FC Lugano – FCZ 0:1 (0:1)
Der FCZ war vier Tage vor dem Final in die Challenge League abgestiegen. Vorentscheidend dafür war eine erschreckend klare 0:4-Heimniederlage gegen den FC Lugano. Nach diesem Spiel wurde Trainer Sami Hyypiä entlassen und durch Uli Forte ersetzt, der das Debakel nicht mehr verhindern konnte.
Knackpunkt des Cupfinals im Letzigrund war ein verschossener Penalty. Anthony Favre wehrte den selbst verschuldeten Strafstoss von Mattia Bottani ab. Sangoné Sarr gelang kurz vor der Pause nach einem Eckball von Oliver Buff im Nachsetzen der entscheidende Treffer. Die Siegesfeier war stark getrübt durch den Abstieg. Als Ersatzcaptain Alain Nef und der im Finalspiel verletzte Captain Gilles Yapi den gewonnenen Pokal verlegen auf die Tartanfläche vor der Südkurve stellten, berührte dieser Moment viele Zuschauer peinlich.

Betrachtet man die gewonnenen neun Finals, so fallen in der Gesamtbilanz spezielle Gemeinsamkeiten auf:
– der FCZ war vom jeweiligen Trainer taktisch hervorragend auf den Gegner eingestellt worden. Diese Taktik erwies sich als Grundlage für den Erfolg. Selbst die Ausnahme (Niederlage 1981) bestätigt diese Aussage
– oft entschieden die Stürmer mit ihren Toren die teilweise sehr engen Spiele
15 Stürmertore / 3 Mittelfeldspielertore / 3 Verteidigertore
– oft konnte sich der FCZ dabei speziell auf den jeweils aktuellen Topskorer verlassen
– in sechs von zehn Finals kassierte der FCZ kein Gegentor, schoss aber immer mindestens einen Treffer
– nur einmal gewann der FCZ den Cupfinal ohne Stürmertor (2016)
– Der FCZ profitierte aber auch von der Leistung weiterer überdurchschnittlicher Individualisten, die an einem einzigen Tag überzeugend auftraten, was über eine ganze Saison wegen fehlender Konstanz auf höchstem Niveau ausblieb
– das Torverhältnis von 21:8 in allen zehn Finalspielen zusammen (dazu noch 3:0 im Penaltyschiessen) unterstreicht die positive Bilanz
– nur dreimal innerhalb einzelner Finalspiele geriet die Mannschaft in Rückstand
– viermal ging ein Spiel in die Verlängerung
– dabei ging der FCZ dreimal in der ersten Hälfte der Verlängerung in Führung
– das einzige Penaltyschiessen gewann der FCZ mit 3:0
– die Beteiligung des FCZ zog fast immer überdurchschnittlich viele Zuschauer an, welche die Mannschaft sehr stark unterstützten
– ein Cupsieg war zweimal Weckruf zu einer erfolgreichen Trainer-Ära (Konietzka 1972, Favre 2005) bzw. Club-Ära mit jährlich errungenem Titel

Durchschnittlich hat von der Wahrscheinlichkeit her jeder Fussballprofi in der Schweiz während seiner Karriere weniger als einmal die Möglichkeit, in einem Cupfinal um die Sandoz-Trophäe zu spielen.

Jeder Club ist in der Gegenwart in einem bedeutenden Spiel auch ein Teil seiner eigenen Geschichte. Die Geschichte des FCZ in den Cupfinals sollte dazu beitragen, jeden einzelnen Spieler und die ganze Mannschaft zu beflügeln, um den grossen Traum vom Cupsieg wahrzumachen zu können.

Der FC Thun hat es in dieser Saison gegen die Young Boys in drei von vier Spielen gezeigt, wie der grosse Favorit in arge Not gebracht werden kann. Thuns Trainer Marc Schneider und Ludovic Magnin sind in der Trainerausbildung im gleichen Jahrgang…

Der FCZ muss unter anderem die Seiten schliessen, Eckbälle sowie Freistösse in Tornähe vermeiden, im Strafraum konsequent aber mit einer gewissen Vorsicht die Dribblings von Sulejmani oder Assalé foulfrei unterbinden, darf sich von Sekou Sanogo nicht provozieren lassen, braucht einen fehlerfreien Torhüter, ein schnelles Umschalten und ein sicheres Pass-Spiel in den gefährlichen Zonen, dazu Effizienz und einen sehr guten Schiedsrichter. Wichtig ist dabei, fokussiert und trotzdem locker ins Spiel zu gehen.

Otmar Hitzfeld sprach nach dem etwas überraschenden Champions League-Sieg im Final gegen das favorisierte Juventus Turin mit Zinedine Zidane 1996 den einfachen aber trotzdem klugen Satz aus: „In einem Spiel, hat man immer eine Chance.“ Hitzfeld studierte die grosse Schwäche der Turiner beim zweiten Pfosten bei Standards und übte intensiv Eckbälle und Freistösse. Borussia Dortmund gewann dank zwei Kopfballtoren von Riedle zum 1:0 und 2:0 nach Eckbällen von Andy Möller mit 3:1. Fussball kann ganz einfach sein.

Die Schwäche der Young Boys ist nicht so einfach zu eruieren. Aber Ludovic Magnin hat seine Mannschaft in Ruhe und mit dem Focus schon seit einigen Wochen und besonders intensiv in der vergangenen Woche vorbereitet.

Es ist für manchen Akteur das Fussballspiel des Lebens. Dieses Spiel hat eine grössere Bedeutung für einen Spieler, der sich nicht gewohnt ist im Sammeln von Titeln.

Die Young Boys haben am letzten Sonntag noch intensiv gefeiert. Es wäre schön, wenn am späteren Sonntag-Nachmittag auch der FCZ feiern und damit gleich in Bern auf dem Kunstrasen beginnen könnte. Aber er muss sich das verdienen. Der FCZ-Trainer fordert von seinen Spielern Mut. Ich bin optimistisch, dass der FCZ über sich hinauswachsen wird in einem Spiel, in dem man immer eine Chance hat, dem 93. Schweizer Cupfinal.

Das Internationale Zentrum für Sportstudien CIES in Neuchâtel hat in Zusammenarbeit mit dem Unternehmen InStat ein weiteres Mal 35 Europäische Ligen (darunter die Super League) in einer Langzeitstudie über zwei Jahre vom 1. September 2015 bis 31. August 2017 in Bezug auf verschiedene spielbezogene Faktoren untersucht, und ist auf interessante Ergebnisse gekommen. Bereits bekannt ist die die hohe Torquote der Schweizer Liga. Von allen 35 untersuchten Ligen fallen in der Schweizer Liga mit durchschnittlich 3,16 pro Spiel mit Abstand am meisten Treffer. Auf den Plätzen 2-5 folgen die Niederlande, Schweden, Belgien und Spanien. Am wenigsten Tore fallen in der LaLiga2 in Spanien, sowie in den obersten Ligen Russlands, Griechenlands und Israels. Heruntergebrochen auf die effektive Spielzeit fällt in der Super League alle 16:17 Minuten ein Tor. Der Unterhaltungswert in Form von Toren ist also hoch – die Zuschauer sehen viel fürs Geld. Die Super League ist damit die offenste Liga Europas – die Mannschaften sind generell in der Offensiven Phase deutlich stärker als Defensiv. Der FCZ setzt allerdings aktuell mit 12:5 Toren in 10 Spielen in diesem Bereich einen Gegentrend und hat damit bisher Erfolg.

Es gibt nicht nur sehr viele Tore, das Spiel in der Super League ist zusätzlich relativ schnell. Mit 17,67 angekommenen Pässen pro Minute Ballbesitz liegt die Schweizer Liga in dieser Kategorie auf Platz 12 der untersuchten 35 Ligen, beispielsweise deutlich vor den Niederlanden, Belgien oder Portugal. Die Top 5-Ligen belegen bei diesem Kriterium geschlossen die ersten fünf Plätze, was ein Zeichen dafür ist, dass es sich um ein echtes Qualitätskriterium handelt. Polen (6.) und Österreich (8.) sind noch besser klassiert, als die Schweiz. Auf dem 16.Platz nur knapp in der oberen Tabellenhälfte liegt die Super League bei der Prozentzahl angekommener Pässe (79,9%). Das Spieltempo ist also in der Schweiz im europäischen Vergleich etwas besser als die Präzision.

Am interessantesten ist aber die Untersuchung des Kräfteverhältnisses der Teams. Hier wurden zwei Faktoren gemessen: die Abschlüsse im Strafraum und die Anzahl Pässe. Die Klassierung der Super League ist dabei bei den beiden Messgrössen diametral unterschiedlich. In Bezug auf Ballbesitz (Anzahl Pässe) sind die Unterschiede zwischen den Super League-Teams im internationalen Vergleich mit durchschnittlich 119 Pässen sehr klein – zusammen mit der Tschechischen Liga und den Zweiten Ligen Deutschlands, Spaniens, Englands, Italiens und Frankreichs herrscht in der Schweiz in Bezug auf Spielanteile die grösste Ausgeglichenheit. Ganz anders sieht es bei den Abschlüssen im Strafraum aus. Hier liegt die Super League mit einer durchschnittlichen Differenz von 4,54 Abschlüssen auf Rang 7 der unausgeglichensten Ligen Europas – hinter den obersten Ligen Kroatiens, der Ukraine, der Niederlande, Schwedens, Englands und der Slowakei.

In der Fähigkeit, Abschlussmöglichkeiten im gegnerischen Strafraum zu kreieren, gibt es in der Super League vergleichsweise grosse Unterschiede zwischen den Teams. In Anbetracht dessen, dass je nach Studie zwischen 80 und 90% aller Tore im Strafraum erzielt werden, ist dies natürlich von höchster Relevanz. Verantwortlich dafür ist vermutlich in erster Linie die Differenz in der Qualität speziell der zentralen Stürmer (und der zentralen Verteidiger als Gegenpart), aber natürlich auch der Qualität als Mannschaft in der Offensivzone Torchancen im Strafraum herausspielen zu können. Der FCZ hat mit seiner Dreierabwehr im Zentrum und defensiv engagiert arbeitenden Spielern auch in den Zonen der möglichen Entstehung von Strafraum-Torchancen offensichtlich bewirkt, dass es nur zu ganz wenigen solchen Abschlusschancen für die Gegner kommt. Auf der anderen Seite haben bisher aber nur Lugano und Sion weniger Tore erzielt, als der FCZ. Die Stürmer gehen wohl noch zu wenig konsequent in den gegnerischen Strafraum. Frey und Dwamena verrichten viel wertvolle Arbeit in anderen Zonen des Feldes, Rodriguez fehlt es etwas am Speed und Koné an Technik, um sich häufig im Strafraum in Abschlussposition zu bringen.

In weiteren kürzlichen Analysen des CIES wurden in den 35 europäischen Ligen Ballbesitz sowie das Durchschnittsalter der Startelfs in der aktuell angelaufenen Saison 2017/2018 untersucht. Am meisten Ballbesitz in der Super League hat bisher der FC Luzern. Mit 56,8% schaffen es die Innerschweizer (Rang 63) als einziges Super League-Team in die Top 100, was unterstreicht, dass die Unterschiede zwischen den Teams bezüglich Ballbesitz in der Schweiz eher klein sind. In der Rangliste der durchschnittlich jüngsten Startformationen liegt GC als zur Zeit jüngstes Super League-Team (24,47 Jahre) europäisch auf Platz 36 – es folgen Thun auf Rang 54 und Luzern auf 64. Mehrfach bei den jüngsten Teams Europas vertreten sind Slowakei, Slowenien, Kroatien und Serbien. Aus den Top 5-Ligen haben nur Lille (6), Leipzig (12) und Rennes (30) bisher in dieser Saison durchschnittlich jüngere Startformationen als die Grasshoppers.

Quelle: CIES Football Observatory Monthly Report n°28 – October 2017, Performance and playing styles in 35 European football leagues

Die Internationale Transferperiode ist zu Ende. Auch wenn national noch der eine oder andere kleinere Transfer getätigt werden könnte, ein guter Zeitpunkt, über diese „Saison vor der Saison“ Bilanz zu ziehen mit ein paar Stichworten zu jedem Super League-Klub.

Basel – Stürmerwechsel

Der FCB hat im Sturm Marc Janko, Seydou Doumbia und Andraz Sporar durch Ricky Van Wolfswinkel und den ehemaligen FCZ-Junior Dimitri Oberlin ersetzt. Matias Delgado ist zurückgetreten. Die neue Offensive ist etwas weniger namhaft und erfahren als zuvor und hat ihre Stärken vor allem in anderen Bereichen. Die ganze Mannschaft muss sich im Spielaufbau daher stärker auf Van Wolfswinkel und Oberlin ausrichten. Gerade in der Offensive werden talentierte Spieler, die bisher auf der Tribüne sassen, endlich eine Chance erhalten. Dazu gehören auch solche aus dem eigenen Nachwuchs wie Manzambi, Pululu oder Schmid. Taktisch hat die Mannschaft weiter Fortschritte gemacht, die Identität und lokale Verwurzelung hat aber tendenziell weiter abgenommen.

YB – Transfersieger

Die Zuzüge von YB diesen Sommer lesen sich wie eine Hitparade der begehrtesten Talente aus der Schweiz und näheren Umgebung: Christian Fassnacht, Jordan Lotomba, Nicolas Moumi, Jean-Pierre Nsamé, Djibril Sow, Pedro Teixeira. Jedes Toptalent, das nicht bei „drei“ auf den Bäumen war, landete bei YB. Das Ergebnis liest sich zusammen mit der bereits bestehenden prominent besetzten Equipe wie eine Mannschaft, die in zwei, drei Jahren Meister werden kann, wenn sie zusammenbleibt. YB ist der klare Transfersieger und profitiert dabei von einer gewissen Passivität des FCB auf dem diesjährigen Transfermarkt und den Millionen aus den Transfers von Zakaria, Mvogo und Ravet.

Lugano – Europa-Offensive

Die Tessiner haben im Hinblick auf die Europa League-Gruppenphase aufgerüstet wie noch selten zuvor in den letzten Jahren. Alexander Gerndt ist für Schweizer Verhältnisse ein Topstürmer, Bnou Marzouk, Bottani, Manicone, Yao oder Daprelà bringen einiges an Potential mit. Mit Pierluigi Tami und diesem Personal tritt Lugano spielbestimmender auf, als letzte Saison mit den Konterfussballern Alioski und Sadiku. Die hinteren Reihen (Verteidiger, Torhüter) sind personell etwas dünn besetzt. Aber im allgemeinen hat Lugano den letztjährigen dritten Platz genutzt, um nachhaltig einen Sprung nach vorn zu machen.

Sion – Ab durch die Mitte

Qualitativ haben FCB und YB die noch etwas besseren Spieler geholt, und quantitativ waren die Transferaktivitäten von Lugano vergleichbar. Multipliziert man aber Quantität mal Qualität, dann ist Sion ganz oben zu finden. Präsident Christian Constantin wechselte die Cupfinal-Verlierermannschaft praktisch komplett aus und verpflichtete dabei Top-Shots wie Kasami, Adryan, Di Marco, Uçan, Schneuwly oder Lenjani. Der Schwachpunkt: abgesehen davon, dass sich das neue Team erst finden muss, ist es nicht wirklich ausgewogen besetzt. Gerade aus der prominent besetzten Mittelfeldzentrale werden immer wieder Spieler auf der Bank oder gar Tribüne Platz nehmen müssen. Auf den Seiten ist die Mannschaft hingegen quantitativ eher dünn besetzt, und im Abwehrzentrum qualitativ eher Super League-Durchschnitt.

Lausanne-Sport – Waadtländer Identität weg

Falls in Lausanne die Strategie gewesen wäre, durch eine identitätsstiftende Waadtländer Achse ein Team für die Zukunft aufzubauen und die Zuschauer wieder zurück ins Stadion zu locken, hätte man Jordan Lotomba (zu YB), Olivier Custodio (zu Luzern) und Nassim Ben Khalifa (zu St. Gallen) unbedingt halten müssen. Mit Zeqiri kam zwar eines der besten Sturmtalente der Schweiz von Juventus zurück und Joël Geissmann ist ein interessanter Mittelfeldspieler, aber der Schwachpunkt, die fehlende individuelle Defensive Qualität wurde nicht behoben. Bei Lausanne denken auch Innenverteidiger bereits an den Spielaufbau bevor überhaupt der Ball erobert worden ist.

Luzern – Jugendpolitik

Auch wenn das Kader insgesamt nicht jünger geworden ist, kommen die Nachwuchsleute noch mehr als zuvor konsequent zum Einsatz. Kein anderes Team hat eine so junge zentrale Achse mit Knezevic, Schulz, Custodio oder Ugrinic, dazu Torhüter Omlin. Zur Zeit gibt es noch etwas viele Fehler im Spiel, die der FCZ zuletzt in der Swissporarena nur teilweise hat ausnutzen können. Die Verantwortung liegt noch stärker als zuvor auf erfahreneren Spielern wie Claudio Lustenberger, Christian Schwegler oder Tomi Juric.

Thun – Fragezeichen

Nicht jede Thuner Transferkampagne ist erfolgreich. So zum Beispiel der Sommer vor drei Jahren, als Andres Gerber Spieler wie Lotem Zino, Andrija Kaludjerovic, Christian Leite, Alexander Gonzalez, Gianluca Frontino oder Marco Mangold verpfichtete. Ist es diese Saison wieder ähnlich? Zwar wurden für die Lücke im Abwehrzentrum richtigerweise mit Gelmi, Rodrigues und Alessandrini gleich drei Alternativen geholt. Aus unterschiedlichen Gründen brauchen diese aber noch Zeit, um auf die volle Leistungsfähigkeit zu kommen. Nicolas Hunziker enttäuschte bisher ebenso wie zuvor bei GC. Am ehesten positiv aufgefallen ist bisher Nuno Da Silva (Breitenrain) als Joker. Eine Wundertüte wird Moreno Costanzo sein. Grundsätzlich wird das Spiel der Berner Oberländer aber von früheren Verpflichtungen wie Spielmann, Tosetti oder Rapp und den langjährigen Stützen wie Hediger getragen.

GC – Goalieproblem gelöst

Neuverpflichtung Heinz Lindner hat sich bisher noch nicht als einer der Toptorhüter der Liga etabliert, aber aus GC-Sicht ist die Torhüterposition dank dessen Verpflichtung zumindest nicht mehr die grosse Schwachstelle der Mannschaft. Auch wenn Jeffren seine Qualitäten angedeutet hat, sind bei den Grasshoppers aber in erster Linie die vor dem Sommer verpflichteten oder aus dem eigenen Nachwuchs stammenden Spieler tonangebend. Dass Sportchef Mathias Walther keinen echten Ersatz für Munas Dabbur verpflichten konnte, ist mit einem Trainer Murat Yakin nicht mehr so schlimm, denn dieser lässt sowieso häufig ohne gelernten Stürmer spielen.

St.Gallen – stabileres Mittelfeld

Das grosse Thema des St.Galler Transfersommers war, dass mit Albian Ajeti eines der grössten Schweizer Sturmtalente gehalten werden konnte. Dafür machte kurz darauf Sportchef Christian Stübi selbst einen Abgang. Eine Verstärkung hat sicherlich das Mittelfeld erfahren. Gegen den FCZ bildeten aussergewöhnlicherweise mit Stjepan Kukuruzovic und Gjelbrim Taipi zwei Linksfüsser das Zentrum, dazu hat der Österreicher Peter Tschernegg gute Ansätze gezeigt. Im Vergleich mit den ungenügenden Gaudino, Cueto oder Gouaida stellt das neue Mittelfeld eine Verbesserung dar.

FCZ – Zentimeter und Mentalität

Die Transferkampagne des FCZ unterscheidet sich fundamental vor allem von derjenigen YBs. Während die Berner mit viel Geld Talent im Überfluss einkauften, setzt der Letzigrund-Club auf günstige Transfers mit Fokus auf Mentalität und „Zentimeter“, wie sich Trainer Uli Forte gerne ausdrückt – Zentimeter in der Höhe und in der Breite wohlgemerkt. Vor 14 Jahren hatte Lucien Favre als neuer „Daniel Jeandupeux“ den FCZ auf westschweizerische spielerische Qualitäten, Technik und Ästhetik gepolt. Mit Ernst Graf im Nachwuchs und Fredy Bickel als langjährigem Sportchef wurde diese Spielweise im ganzen Klub mitgetragen, auch von den wichtigsten Nachfolgern auf der Trainerposition – Challandes, Fischer und Meier. Der alte Haudegen Sami Hyypiä hatte keinen Einfluss auf die Transferpolitik, aber mit Uli Forte weht nun ein anderer Wind. Der FCZ wird deutlich physischer, wie dies Forte-Teams schon immer waren. So sind denn auch langjährige Weggefährten wie Winter und Pa Modou sowie weitere ehemalige Spieler wie Frey und Nef tragende Säulen der aktuellen Mannschaft, welches teilweise dem Forte-Team in St.Gallen ähnelt, mit welchem dieser ebenfalls aufgestiegen war. Zu jener Zeit hatten die Grünweissen auch schon einmal mit Sandro Calabro und Tim Bakens fussballerisch völlig untaugliche „Zentimeter“ aus Holland geholt – und wieder abgestossen. Beim FCZ verpflichtet wurden nun grösstenteils Spieler, die zuvor in Sion, St. Gallen, Bern oder Luzern verschmäht worden waren. Das zur Ergänzung dringend notwendige Talent soll dabei der eigene Nachwuchs (Rüegg, Haile-Selassie, Rohner, Kryeziu,…) und der Afrikanische Kontinent (Sarr, Dwamena, Koné, Odey,…) liefern.

Es ist der Alptraum jedes fussballverrückten Jugendlichen. Eine neue Flamme tritt in dein Leben und konkurriert mit dem Lieblingsverein um Aufmerksamkeit. Du nimmst sie zum ersten Mal an einen Match mit. Von der ersten Minute an geht es zur Sache, es ist ein packender Kampf um Biegen und Brechen. Aber schon nach 20 Minuten haucht dir jemand ins Ohr: „Mir ist langweilig!“. Du bist völlig verwirrt, ja geradezu perplex. Wie kann man das nur langweilig finden? Du brauchst erst mal eine gewisse Zeit, um zu begreifen: sie lebt Fussball nicht, sie atmet Fussball nicht, Fussball ist halt einfach nicht ihr Ding.

Der FCZ ging am Samstag im Letzigrund ins Spiel, als würde mit jedem Ballgewinn die Welt gerettet werden können, und YB hielt stark dagegen: „Hätten wir das nicht gemacht, hätten wir hier keinen Punkt geholt“, konstatierte YB-Coach Adi Hütter richtigerweise nach der Partie im Teleclub. Michi Frey warf sich wie ein Berserker in jedes noch so aussichtlos scheinende Luftduell, Sekou Sanogo schlug gleich drei Mal ungestraft einem Gegenspieler die Hand oder den Ellbogen ins Gesicht, und Loris Benito war immer wieder so hauteng an Raphael Dwamena dran, als wäre zu Spielbeginn ein Malheur mit einem Sekundenkleber passiert.

Nach so einer Partie also schafft es Moritz Marthaler in seinem Spielbericht für die Sonntagszeitung doch tatsächlich folgendes in seinen Laptop zu tippen: „Man schien sich nicht wehtun zu wollen, zu wohl war es ihnen dort oben in der Tabelle, dem Ersten und dem Zweiten, und so war das Gipfeltreffen mehr Spitzenkrampf als Spitzenkampf.“ Der Autor lässt es nicht dabei bewenden, seine pauschale Einschätzung der Partie („enttäuschendes Spiel“) einmal kundzutun. Marthaler scheint Angst zu haben, seine Message käme beim Leser nicht an, wenn er sie zu wenig häufig wiederholen würde. Es sei eine „zähe Angelegenheit“ im Letzigrund gewesen. Wenn eine Mannschaft zu Beginn Vorteile gehabt habe, dann der FCZ, in einem „höchst durchschnittlichen Fussballspiel“. Warum hatte der FCZ leichte Vorteile gehabt? „Sie spielten den ein oder anderen Fehlpass weniger“, YB sei hingegen „träge“ geblieben. Die zweite Halbzeit habe „nur bedingt Linderung“ für die über 15‘000 Zuschauer gebracht in einer „äusserst schwerfälligen Veranstaltung“.

Erstaunlich unter diesen Umständen, dass im Letzigrund gerade im zweiten Durchgang auf den Rängen eine ausserordentlich gute Stimmung herrschte, und der bravouröse Einsatz der eigenen Spieler immer wieder mit Szenenapplaus bedacht wurde. Aber für alle Leser, die erst gegen Ende des Artikels „eingeschaltet“ hatten, wiederholte es Marthaler trotzdem nochmals: es  sei ein „bescheidenes Remis“ gewesen und dem FCB würde ein „müdes 1:0“ gegen Lugano schon zur Tabellenführung reichen. In einem Schulaufsatz würde der Lehrer bei Marthaler zum Rotstift greifen, und notieren: „Zu viele Wiederholungen“ – doppelt unterstrichen. Aber immerhin stellt der SZ-Autor in Bezug auf die Tabellensituation Rechenkünste unter Beweis, die seinem Nachbarn auf der Pressetribüne Stephan Ramming von der NZZ (am Sonntag) offenbar abgehen.

Dieser kam zum Schluss, YB und Zürich hätten sich „auf bescheidenem Niveau duelliert“. Immerhin hat er den Kampf und die Härte im Spiel registriert, spricht aber trotzdem von „hohen Erwartungen an den Spitzenkampf“, die enttäuscht worden seien: „das spielerische Niveau war tief und der Unterhaltungswert überschaubar“. Auch Rammings Urteil ist vernichtend. Während aber in einem Fussballspiel die Anzahl Torchancen stark davon abhängt, was der Gegner zulässt, kann ein Journalist eigentlich nur sich selbst im Wege stehen. So auch Ramming: „Gewinnt Basel aber heute Sonntag gegen Lugano, kann der Meister bereits wieder zum FCZ aufschliessen“. Da ist man versucht zu sagen: die Erwartungen an die NZZ als traditionsreichste Zeitung der deutschsprachigen Welt waren hoch, sind aber enttäuscht worden. Das inhaltliche Niveau war tief und der Schreibstil bescheiden. Und der Journalist ist nicht einmal in der Lage, eine Tabelle zu lesen – oder er hat die Einführung der Dreipunkteregel vor zwei Jahrzehnten noch nicht ganz mitbekommen.

Eine solche Berichterstattung der beiden Sonntagszeitungen im Stile der nörgelnden fussball-desinteressierten neuen Freundin lässt einen Fussballenthusiasten, der im Letzigrund dabei war, ziemlich perplex zurück. Aber vielleicht ist ja die Schlussfolgerung dieselbe: Fussball ist halt einfach nicht ihr Ding.

 

 

Die Rückrunde hat begonnen. Nach der Hälfte der absolvierten Meisterschaft in der Challenge League können die zehn beteiligten Clubs in folgende drei Kategorien eingeteilt werden, je nachdem ob sie über, unter oder den Erwartungen entsprechend klassiert sind:

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Im Ersten Teil haben wir auf die drei Teams geschaut, welche in der Vorrunde die Erwartungen übertroffen haben. Im zweiten Teil waren die „Underachievers“ dran. Der dritte und letzte Teil behandelt die Teams, welche die Erwartungen erfüllt haben.

FC Chiasso – die Grenzstädter im ständigen Balanceakt

Der angeblich notwendige Zusammenschluss von mehreren Tessiner Traditionsvereinen zu einem Retortenklub «FC Ticino» war eine Zeit lang ein beliebtes Thema vor allem in der Deutschschweizer Presse. Es war die Zeit, als mit Bellinzona, Locarno, Lugano und Chiasso gleich vier Mannschaften aus dem 350’000-Einwohnerkanton (4% der Schweiz) in der Swiss Football League spielten, und damit 20% der Super League und Challenge League ausmachten. Es war damals gemessen an den engräumigen Schweizer Verhältnissen zwar «zeitraubend», aber eben auch schön, häufig ins sonnige Tessin zu fahren. Mittlerweile sind noch Lugano und Chiasso übriggeblieben, und die Sache mit dem Zusammenschluss hat sich wenig überraschend ebenfalls erledigt. Denn kommen tatsächlich «zu viele» Klubs aus einer bestimmten Region, dann hat sich ein solches «Problem» bisher noch immer mit der Zeit automatisch gelöst, ohne dass Traditionsklubs zerstört werden mussten. So auch diesmal.

Lugano spielt in der Super League, Chiasso ist als einzige Mannschaft in der Challenge League verblieben. Locarno ist mittlerweile in der comunale-chiasso-floodlights-hellviertklassigen 1.Liga angelangt, wo es um den Klassenerhalt bangen muss und in der Gruppe Ost hinter den Tessiner Konkurrenten Bellinzona und Mendrisio liegt. Das mit einigen ehemaligen Challenge League- und Super League-Spielern bestückte Bellinzona könnte Chiasso mittelfristig als Nummer 2 des Kantons ablösen. Aktuell halten sich die Grenzstädter aber trotz grossen sportlichen und finanziellen Herausforderungen weiter tapfer in der zweithöchsten Liga – bereits in der siebten Saison hintereinander. Wird es die verflixte siebte? Ein grosser Spielerumschlag sowohl im Sommer wie auch im Winter verheisst nichts Gutes. Es kommen praktisch nur noch junge Talente aus der Dritt- und Viertklassigkeit. Mit Milosavljevic und Lurati musste das «Tafelsilber» an Sion abgegeben werden. Dazu setzt Trainer Giuseppe Scienza die erfahrenen Regazzoni, Monighetti und Guatelli auf die Ersatzbank. Und erstmals seit dem Aufstieg zeigt der Marktwert-Trend auf transfermarkt.ch wieder abwärts.

Auswärts hat Chiasso in der Vorrunde nur zwei Mal verloren und im Vergleich zu den Heimspielen nur halb so viele Gegentore kassiert. Nur den Spitzenteams FCZ und Xamax konnte man in der Fremde keine Punkte abknöpfen. Vor der Winterpause haben die Rossoblu in Schaffhausen beim letzten Wettbewerbsspiel auf der altwehrwürdigen Breite einen grandiosen 2:1-Erfolg feiern können. Ob man die verstärkten und im neuen LIPO Park hausierenden Munotstädtern bei deren Ansturm aus dem Tabellenkeller aufhalten kann, ist fraglich. Also müsste man ein weiter vorne liegendes Team überholen, um den Abstieg zu verhindern – zum Beispiel Wohlen oder Winterthur. Oder wieder einmal mit Ach und Krach selbst die Lizenz für die kommende Saison erhalten, gleichzeitig aber vom Rückzug (Le Mont) oder Konkurs (Wil) eines Konkurrenten profitieren.

Servette FC – grosse Ambitionen und vergeudetes Talent

Der Genfer Traditionsklub (17 Meistertitel, 7 Cupsiege) hat sich das klare Ziel gesteckt, im Sommer 2018 nach zwei Challenge League-Jahren in die Super League aufzusteigen. Und teilt dieses Ziel unter anderem mit dem FC Aarau. Die Ambitionen wurden in der Winterpause mit dem Trainerwechsel von Anthony Braizat zu Meho Kodro unterstrichen, und nach drei Runden steht dessen Team als einziges noch verlustpunktlos da. Natürlich profitieren sie dabei auch von der Treffsicherheit ihres Kamerunischen Stürmers Jean-Pierre Nsamé (18 Tore in 17 Partien), der ohne einen privaten Schicksalsschlag niemals in der Challenge League gelandet wäre.

stade-de-geneve-vs-fcz-negativ-bildDas Zuschauerinteresse in der Calvinstadt ist volatil und stark vom Erfolg abhängig. Im September kamen im Heimspiel gegen den FCZ über 8’000 Fans. Als die Zürcher dann aber im Februar mit einem grossen Punktevorsprung im Gepäck erneut in die Calvinstadt reisten, waren nur noch 2’600 vor Ort. Nach dem 2:1-Heimspielerfolg gegen den Leader war die Euphorie aber sofort wieder da – in Winterthur waren am darauffolgenden Wochenende so viele Servette-Fans vor Ort wie schon lange nicht mehr an einem Auswärtsspiel. Der Stamm der Mannschaft ist immer noch der gleiche, welcher letzte Saison in der Promotion League den Aufstieg geschafft hat, als man im Heerenschürli gegen die 2.Mannschaft des FCZ antrat, anstatt im Letzigrund gegen das Fanionteam.

Etwas überraschend wurde das Stürmertalent Adler Da Silva zuletzt gleich zwei Ligen tiefer zu Etoile Carouge verliehen. Zwar ist Carouge ein Partnerklub von Servette und im Abstiegskampf, aber der Entwicklung des Juniorennationalspielers wird dies kaum guttun. Dies nachdem Servette in den letzten Jahren seine Toptalente wie Lorenzo Gonzalez (Manchester City), Jeremy Guillemenot (Barcelona), Dereck Kutesa (Basel) und Denis Zakaria (YB) einer nach dem anderen sehr früh verloren hat.

FCZ – ein Halbjahr reich an unvergesslichen Momenten

Der Herbst 2016 wird in Erinnerung bleiben – so viel ist sicher! Und am Ursprung von allem stand die vorhergende Saison mit dem Misserfolg in der Liga und gleichzeitig starken Leistungen im Cup. Der FCZ ist zum zweiten Mal innert zwei Jahren im Madrigal von Villarreal zu Gast und bereits nach 70 Sekunden dreht Armando Sadiku jubelnd ab. Nach 70 Sekunden traf Züri in dieser Vorrunde gleich mehrmals. Fortes Mannen waren in den meisten Spielen von der ersten Minute an parat. Der Herbst 2016 ist die Geburtsstunde für so vieles: vor allem ist es die Geburtstunde des Kantonsderbys. 13’000 Fans kommen zum Auftakt gegen Winterthur bei Regenwetter in den Letzigrund und auf einer übervollen Schützenwiese versuchen kaum weniger Fussballinteressierte im Dezember die Spieler durch den Nebel zu erspähen. Es war mehr als ein Fussballspiel mit Fussballfans – es war ein gesellschaftlicher Anlass.

Im Herbst 2016 spielt sich auch die Wiedergeburt von Marco Schönbächler ab. Der Urdorfer, schon seit 10 Jahren in der 1.Mannschaft, kehrt letzigrund-scho-mal-gschlage-nomal-schlah-comicnach anderthalbjähriger Verletzungspause Anfang August gegen Wohlen als noch 30 Minuten zu spielen sind zurück – Gänsehautstimmung im Letzigrund! Aus der Gänsehaut wird im ersten Europa League-Heimspiel als Zweitligist gegen Osmanlispor eine Eruption – Schönbächlers Tor nach einem Solo über den halben Platz ist schon früh das Tor des Jahres – bis ein 18-jähriger Testspieler mit Namen Khalil Elnouby beim Freundschaftsspiel gegen Vaduz an der Churer Ringstrasse mit einem spektakulären Fallrückzieher nach einer flüssigen Kombination über die rechte Seite Schönbis Treffer zumindest starke Konkurrenz machte.

Nur wenige Tage nach dem Osmanlispor-Spiel: ein Bild für die Ewigkeit. Sonnyboy Moussa Koné nach seinem 5:0 in der Niedermatten mit einem «Stage Dive» mitten in die Fans. Überhaupt: die Fans. Die Unterstützung der Mannschaft ist in der Challenge League im übertragenen Sinne auf Champions League-Niveau. Im übertragenen Sinne deshalb, weil in der Realität die Stimmung bei vielen Champions League-Partien nicht an diejenige von FCZ-Spielen in der Challenge League herankommt. Die Kreativität und der Aufwand bei den Choreos ist Extraklasse wie eh und je.

Es ist ein vertrautes Bild – einerseits. Sechs Busse vollbepackt mit Fussballfans werden von Polizeiautos Richtung Stadion eskortiert. Man kennt solche Bilder aus Rom, Paris, Amsterdam. Nicht aber aus Vuiteboeuf. Nicht auf einer schmalen Landstrasse quer durch die lieblichen Matten des Waadtländer Jurasüdfusses. Im fernen Baulmes füllten die FCZ-Fans den gesamten Fansektor komplett und konnten Schönbächlers schönes Weitschusstor bestaunen – sein Premierentreffer nach dem Comeback. Die Südkurve reagierte aber auch grossartig, als der auch auf den Strassen von Zürich ausgetragene innertürkische Konflikt ins Letzigrundstadion überschwappte: sie machte klar, dass im Letzi Fussball und der FCZ regiert, und sang die ganze Pause des Spiels gegen Osmanlispor durch. Sie dämpfte damit die politisch erhitzten Gemüter, und erstickte die Eskalation im Keim.

Der nächste Monat wird für den FCZ und seine Supporter ereignisreich auch wegen der vielen internationalen Begegnungen. Hier eine Übersicht über den Kalender der Profis, Frauen und Junioren in den europäischen Wettbewerben:

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Der FCZ ist der erste Schweizer Klub, der parallel in allen drei Bereichen (Profis, Frauen, Junioren) in den Europäischen Wettbewerben mit dabei ist. Es zeigt die starke Entwicklung des Gesamtvereins, welche in der öffentlichen Wahrnehmung durch den Abstieg der Profis in die Challenge League im letzten Frühling etwas in den Hintergrund gerückt ist. In ganz Europa sind aktuell nur sechs weitere Klubs ebenfalls in allen drei Bereichen europäisch vertreten: FC Barcelona, Bayern München, Manchester City, Olympique Lyonnais (Titelverteidiger und Gegner der FCZ Frauen im Achtelfinal), Paris St-Germain und Sparta Prag. Der FCZ ist dabei der einzige Klub, der in allen drei Bereichen als Titelträger teilnimmt (Meisterschaft, Cupsieg)! Bei den anderen aufgezählten Klubs dürfen entweder die Junioren auch ohne nationalen Titel als Anhängsel der Champions League spielenden Profis an der UEFA Youth League teilnehmen, und/oder die Profis bzw. Frauen nehmen als Zweit- oder Drittplatzierter der Liga teil.

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Italien besiegte gestern im 3-5-2 System an der EM Favorit Belgien trotz offensichtlichen individuellen Abnützungserscheinungen. Höchste Zeit, die Performance des FCZ 2015/2016 in Abhängigkeit des Spielsystemes zu analysieren.

Der Stadtclub ist in 14 Meisterschaftsspielen mit einer Dreierabwehr angetreten, grundsätzlich in einem 3-4-3, wobei die drei Offensivspieler unterschiedlich gruppiert waren (3-4-2-1, 3-4-1-2). Im Spiel ohne Ball wurde dies häufig zu einer 5-4-1 Formation. Mit Dreierabwehr erreichte der FC Zürich einen Punkteschnitt von 1.214, was hochgerechnet auf die ganze Saison 44 Punkte und Platz 6 ergeben hätte – vor Thun, St.Gallen, Vaduz und Lugano.

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Die Mehrzahl der Meisterschaftspartien (22) spielte der FCZ letzte Saison aber mit Viererabwehr, sei es im klassischen 4-4-2 flach, mit Raute oder in einem 4-2-3-1. Mit dieser Grundausrichtung kam die Mannschaft auf ganze 0.77 Punkte pro Partie.

Unter Trainer Urs Meier hatte der FCZ meist mit Dreierabwehr agiert. Im Heimspiel gegen Villareal konnte Zürich den Gegner mit der Umstellung auf eine Viererabwehr überraschen, was mit zum grandios herausgespielten 3:2-Heimsieg beitrug.

Als die Mannschaft im Frühling 2015 auch durch eine unheimliche Serie von falschen Schiedsrichterentscheidungen in eine Resultatkrise geriet, half der Griff in die Trickkiste mit der Viererabwehr mit, der Mannschaft den Glauben an die Wende zu geben. Und diese wurde im zweiten Teil der Rückrunde auch geschafft.

Vielleicht auch aufgrund dieser Erfahrung behielt das Trainerduo Meier/Rizzo die Viererabwehr zu Beginn der neuen Saison bei. Spielerisch zeigte die Mannschaft gegen YB, in Vaduz und im Derby gute Leistungen, aber die Resultate stimmten nicht. Der neue Trainer Hyypiä hielt trotzdem bis nach der Winterpause an der Viererabwehr fest. Beim Auswärtsspiel in Luzern wechselte der Finne dann erstmals wieder zurück auf die Dreierabwehr, was die beste Phase der Saison einläutete.

Nachdem der mit privaten Sorgen kämpfende Kecojevic in Bern und Thun die Niederlagen mit seinen individuellen Fehlern wesentlich mit eingeleitet hatte, und auch das Heimspiel gegen Basel nach dem Patzer von Brecher verloren ging, wollte der FCZ Lugano im vorentscheidenden Duell im Letzigrund mit dem Wechsel zurück auf die Viererabwehr überraschen – mit Koch und Buff rechts, Brunner und Simonyan links, und Grgic als zweiter Stürmer neben Kerzhakov. Dazu kehrten die noch nicht hundertprozentig fitten Sanchez und Yapi in die Startformation zurück. Der Stadtclub kam zwar gut in die Partie – am Ende stand trotzdem eine 0:4-Klatsche.

Erneut kam es zum Trainerwechsel, aber nicht zum Systemwechsel. Forte blieb in St.Gallen beim 4-4-2 und setzte dabei auf Sarr und Koné im Mittelfeld. Der Letzigrund-Club blieb trotz grossartiger Fan-Unterstützung in der AFG Arena ohne Chance. Für die letzten drei Spiele (inklusive Cupfinal) wechselte Forte daher wieder zurück auf Dreierabwehr – was den gewünschten Effekt brachte – aber zu spät.