Blick ins FCZ-Leistungszentrum. Grosses Interview mit dem Leiter Academy, Heinz Russheim – TEIL 4 von 4

Züri Live: Heinz Russheim, wie kommt es überhaupt, dass Brüder in verschiedenen Nachwuchsabteilungen landen?

Heinz Russheim: Zum Beispiel weil der eine FCZ-Fan ist – und der andere GC. 

ZL: Heute sind ja aber die Gebiete für Footeco aufgeteilt…

HR: Ja. Wenn nun aber ein Junge kommt und sagt: «mein Herz schlägt für GC», sage ich: «Dann geh ins Footeco von GC». Ich könnte ihm das theoretisch verbieten, da die Gebiete zwischen den Klubs aufgeteilt sind. Was passiert dann aber? Variante A: Er sagt kategorisch: «Das FCZ-Trikot ziehe ich nicht an». Solche Fälle gibt es. Der würde dann in Wiedikon bleiben und verzichtet aufgrund seiner Liebe zu einem Verein auf Juniorenspitzenfussball. Variante B: Er kommt mit Murren trotzdem, wird aber niemals sein Potential abrufen können, wenn er das Trikot nicht gerne trägt. Darum haben wir schon vor längerer Zeit mit dem Technischen Leiter von GC ein klares Gentlemen’s Agreement gemacht. Wenn ein Talent sagt, es sei ein eingefleischter Fan vom anderen Klub, dann lassen wir ihn dorthin ziehen.

ZL: Die Einteilung in der Region Zürich ist etwas speziell. Der FCZ hat aus der Vergangenheit das Image als «Arbeiterverein», aber beim Footeco-Einzugsgebiet ist es eher umgekehrt. Der FCZ hat die Goldküste, den Züriberg, die schönen Lagen – auch Pfnüselküste, Greifensee und so weiter. GC hingegen hat das Unterland, oder in der Stadt Altstetten und Affoltern, wo eher die «Arbeiter» von heute leben.

HR: Ja, das ist speziell.

ZL: Im Eishockey gibt es ein ähnliches Phänomen: ein teurer Sport, der daher tendenziell von den Kindern der oberen Mittelschicht gespielt wird. Aber die Fans sind eher vom Land. Beim FCZ kommt ein nicht unwesentlicher Teil der eigenen Spieler eher aus bevorzugten Wohngegenden, die Zuschauer hingegen vielfach nicht.

HR: Das war ja damals eine ganz harte Verhandlung. Man kann Fan sein von der beschlossenen Aufteilung oder nicht. Ich respektiere beides. Persönlich finde ich es gut. Denn wenn wir das nicht hätten, müssten wir in der ganzen Grossregion Zürich mit rund 150 Vereinen scouten. Nach Rafz, nach Bülach, überall. Jetzt sind es 42. GC und Winterthur haben die anderen Gebiete. Wir gehen nur noch schauen, ob es bei unseren Vereinen noch mehr Talente hat, die in einer 1. Runde nicht gesehen worden sind.

Die Anzahl Talente im Gesamtgebiet ist fix – obs aufgeteilt ist oder nicht. So ist es effizienter und wir sind näher bei den Leuten. GC und der FCZ haben plus/minus gleich viele Junioren zur Verfügung – gemessen auf Stufe E-Junioren. Die Anzahl Vereine ist nicht bedeutend, sondern die Anzahl E-Junioren. Man weiss: pro 1’000 Junioren gibt es so und so viele Talente. Wie hat man also die Aufteilung gemacht? Man ist zusammengesessen und hat sich gefragt: wo ist GC zuhause? Antwort: im Unterland. Also hat man dort einen Kreis gemacht. Um den FC Winterthur hat man ebenfalls einen Kreis gemacht. FCZ: ebenfalls. Dann fingen die Diskussionen an. Zum Beispiel kann man nicht die ganze Stadt Zürich einem Verein zuteilen. Sonst hätte beispielsweise GC zu wenig. Dann bleibt noch das Oberland, die Pfnüselküste und Goldküste. Da muss man dann die Zuordnung so vornehmen, damit es ein Gleichgewicht  bei der Anzahl E-Junioren gibt.

ZL: Der Standort ist also in erster Linie entscheidend. Heerenschürli und Niederhasli.

HR: Genau. Dann muss man aber auch noch die Partnervereine berücksichtigen. Der Partner des FCZ war früher Rappi. Und Red Star war bei GC. Interessanterweise haben beide Vereine unabhängig voneinander das Gefühl gehabt, der andere Klub wäre der bessere Partner. Rapperswil-Jona ist also vor etwas mehr als zehn Jahren zu GC gekommen. Und Red Star zum FCZ. Wenn also Red Star der Partner ist, macht es ja Sinn, dass man auch gleich die nähere Umgebung als Partner beim Footeco hat. Weil es ein potentieller Standort ist. Und wenn der FCRJ Partner von GC ist, macht es natürlich Sinn, dass die Region rund um den Obersee mit Wangen, Lachen etc. zu GC geht. Die unmittelbar angrenzenden Gemeinden des Oberlands mit Wald und Rüti sind darum ebenfalls GC zugeteilt worden. Beide Vereine wollten eigentlich um keinen Preis zu GC. Das musste man ein bisschen erzwingen.

ZL: Ausgerechnet der Stammklub von Ancillo Canepa….

HR: Ja klar, auch meiner… Dann hat man geschaut, wie weit kann oder muss Winti Richtung GC- und FCZ-Gebiet vorstossen? Die Linie wurde dann bis Effretikon – Pfäffikon ZH gezogen. So ist das Ganze entstanden.

ZL: Aus Pfäffikon kommen doch aber die drei Kissling-Brüder beim FCZ?

HR: Ja, weil Pfäffikon zuvor mal im Einzugsgebiet des FCZ war. Dann hat man das mal bereinigt.

ZL: Für die Partnerklubs ist das Ganze ja auch ein grosser finanzieller Aufwand. Wie wird dies geregelt?

HR: Die erhalten Geld von uns. Für das Label gibt es Subventionen des Verbandes für die U16 und die U15 von Red Star. Das ist klar definiert. Ein U15-Trainer beispielsweise löst CHF 30’000.- aus. Der ganze Betrag, den wir wegen den Mannschaften von Red Star bekämen, gehen direkt zu Red Star. Das hat sich gut bewährt.

ZL: Wie viele Scouts sind insgesamt von Seiten FCZ für die Rekrutierung und Selektion für die Footeco-Stufen unterwegs?

HR: Wir haben einen Pool von 20-25 Leuten, die wir zu den uns zugeteilten Teams in der Region zu E-Junioren und D-Junioren- Spielen senden. Eher selten müssen wir auch noch C-Junioren anschauen. Denn es kann sein, dass ein eigentlicher D-Junior bereits bei den C-Junioren spielt. Diese Scouts sind nicht wirklich Angestellte.

ZL: Sie werden aber schon etwas entschädigt?

HR: Spesenaufwand. Und dann kann einer davon vielleicht noch einen Kaffee trinken, nachdem der Benzintank gefüllt ist. Auf höherer Stufe schauen wir uns dann natürlich die nationale Ebene an. Die harte Realität sieht so aus, dass ein U15-Spieler im Breitenfussball praktisch null Chancen hat, es noch zu schaffen.

ZL: Wobei ich das Gefühl habe, dass die Coca-Cola Liga an Qualität gewonnen hat in den letzten Jahren…

HR: Ja, aber die haben trotzdem praktisch keine Chance mehr. Es kann ausnahmsweise mal sein, da sind wir wieder bei den Beispielen Servette oder YB. Es gibt Spieler, bei denen kein Mensch weiss, warum die nie aufgefallen sind. Dann siehst du einen stämmigen Spieler und denkst: okay, für den Moment reicht es für ihn, es in den Kader zu schaffen. Er kann von der Physis her etwas bringen. Dann bringt er auch den Mitspielern was. Aber wenn es ein kleiner, filigraner ist, ist die Wahrscheinlichkeit sehr klein.

ZL: Weil er die technische Ausbildung nicht hat…?

HR: Ja. Es fehlt einfach das Trainingsalter. Ausnahmen gibt es, wenn einer zu einem frühen Zeitpunkt mental noch nicht bereit dazu ist, seinen Stammverein zu verlassen. Das gibt es ganz selten. Dass einer in der U12 noch nicht will und bis zur U13 wartet. Aber wenn er in der U14 nicht dabei ist, wird es ganz schwierig.

ZL: Nochmal zurück zu einzelnen Brüderpaaren. Die Haile-Selassies gehören zu denen, die zur Zeit auf dem Sprung sind wie ein paar andere Brüderpaare ebenfalls. Wir haben die Reichmuth-Brüder. Oder Hodzas. Was gibt es zu diesen Spielern zu sagen?

HR: Dass alle aufgezählten in dieser letzten Saison Freude gemacht haben. Bei den Reichmuths: einer ist ausgeliehen, der andere bei der 1. Mannschaft dabei. Es wäre sensationell, wenn es wieder einer packt für die 1. Mannschaft. Bei Haile-Selassie wurde der eine wegtransferiert, der andere stösst Richtung 1. Mannschaft. Ob er es schaffen wird, kann ich nicht beurteilen. Mirlind Kryeziu beispielsweise hatte lange Zeit Schwierigkeiten, sich zu etablieren. In der Meistersaison war er dann eine Säule der Mannschaft. Weil ein Trainer gekommen ist, der in ihn als Fussballer vernarrt war. Das gibt Rückenwind. Dass nicht alle Trainer gleich auf einen Spieler ansprechen, ist menschlich. Es soll keiner kommen und behaupten, er behandle alle gleich. Das gibt es nicht. Das Ziel muss sein, alle gleich FAIR zu behandeln. Das Potential haben alle. Von fünf bis sechs Spielern, die das Potential haben, wird am Ende nur einer oder zwei sich durchsetzen.  

ZL: Mit Maren Haile-Selassie habe ich ein paar mal geredet und habe ihm gesagt, dass ich bei seinem jüngeren Bruder Kedus etwas mehr Talent sehe. Und er hat dies sicherlich nicht nur von mir gehört. Ich hatte schon das Gefühl, dass ihn das nochmal am Ehrgeiz gepackt hat. Zuvor hatte er etwas zu wenig aus seinen Möglichkeiten gemacht. Als dann der jüngere Bruder angefangen hat von unten Richtung 1. Mannschaft zu pushen, scheint Maren nochmal einen Schub bekommen zu haben.

HR: Die grosse Frage ist: «Was ist ein Talent?». Ein Talent ist ein Mensch, der in seinem Gebiet überdurchschnittliche Ansätze hat. Was braucht es für den Fussball? Man kann das anhand des aus Holland stammenden TIPS-Schemas evaluieren. «T» steht für Technik. Da sind fünf Elemente drin. Ich kann in einem Element top sein und in den anderen vier nicht. Da ist es dann fragwürdig, ob man von einem Talent sprechen kann. «I» steht für Intelligenz / Kognition / taktisches Verständnis, «P» für Persönlichkeit, «S» für Schnelligkeit. In Holland sind sie zum Schluss gekommen, dass für die Talentdiagnostik Schnelligkeit der entscheidende Faktor ist, «S» steht aber auch allgemein für Athletik.

Es reicht nicht, wenn ich in einem der Bereiche weit überdurchschnittlich bin und in einem anderen weit unterdurchschnittlich. Man darf keinen Bereich haben, der «unter die Tischkante fällt». Ein einziger leistungslimitierender Bereich kann den Weg in die Super League verbauen. Alle Bereiche «knapp über der Tischkante» nützt aber auch nichts. Dann bräuchte ich zwingend mindestens einen, in dem ich beinahe unwiderstehlich bin. Es gibt aber auch Talente, die haben keinen unwiderstehlichen Bereich, sind aber in allen Bereichen gut bis sehr gut. Dominant bei Spielern ist letztendlich der Faktor Mentalität – analog der Sozialkompetenz bei den Trainern. Ohne Mentalität nützt der ganze Rest nichts. In allen Bereichen muss man «über der Tischkante» sein und im Endeffekt hilft die Mentalität, all diese Bereiche auszuprägen. Und das ist eben auch ein Talent.

TEIL 1: «Die Sozialkompetenz wird zu wenig berücksichtigt»

TEIL 2: «Wir sind nicht Ajax»

TEIL 3: «Bei Zwillingen wird es irgendwann schwierig»

Der FCZ und GC waren zuletzt fussballerisch konträr zueinander unterwegs. Seit dem Stadtderby vor drei Wochen hat der FC Zürich sich in der Liga darauf fokussiert, sich erst mal defensiv zu stabilisieren und drei Mal in Folge 0:0 gespielt. Ganz anders GC: wenn das Team von Coach Giorgio Contini spielt, fallen in der Regel viele Tore. Ihr Spielstil ähnelt mittlerweile stark demjenigen von St. Gallen – direkt und mit viel Risiko. Die taktische Formation 4-1-2-1-2 ist ebenfalls dieselbe. GC hat dabei diese Saison die Ostschweizer auch schon mit deren eigenen Waffen geschlagen. Die letzten beiden Partien gegen Servette und Winterthur gingen verloren – aber GC hatte in beiden Partien die besseren Torchancen.

Gegen Servette sündigte vor allem Renat Dadashov im Abschluss. Ausserdem hatte GC Pech mit der Arbitrierung von Ref Horisberger (inklusive VAR Staubli): ein klarer Penalty nach Foul von Cognat an Schettine wurde ihnen verwehrt und vor dem 3:2-Siegtreffer der Genfer gab es gleich zwei Stürmerfouls. Die Partie davor in Winterthur (0:1) war das bisher einzige Spiel der Saison, in welchem den Grasshoppers kein Tor gelang. Im Gegensatz zu Servette, welches das offene, wilde, risikovolle Spiel in Zürich zuliess, liess sich Winterthur nicht aus der Reserve locken und bewahrte seine defensive Kompaktheit. Ein Beispiel, wie auch der FCZ GC besiegen könnte.

Was spricht im 280. Derby für GC?

  • Treffsicherere Stürmer
  • Rhythmuswechsel
  • Umschaltspiel
  • Mit Bolla und Kawabe zwei für Super League-Verhältnisse herausragende Akteure mit Premier League-Potential

Was spricht im 280. Derby für den FCZ?

  • Zuletzt gewonnene defensive Stabilität, verbessertes Selbstvertrauen
  • Breiteres Kader, mehr Alternativen
  • GC hat in der Innenverteidigung einen Schwachpunkt
  • GC hat ähnlich wie St. Gallen durch ihr kräfteraubendes Spiel „Low Energy“-Phasen, die man ausnutzen kann

Gegen Servette hat GC ziemlich viel rotiert. Trotz Niederlage auf der Schützenwiese wird die Aufstellung GC’s gegen den FCZ wohl eher derjenigen in Winterthur ähneln. Abrashi wird aufs Derby heiss sein. Vorne haben zuletzt die Duos Morandi/Dadashov und Jeong/Schettine gespielt, aber Morandi und Schettine haben zur Zeit unter dem Strich die Nase wohl leicht vorne. Wenn Contini offensiv aufstellen wird, bringt er Morandi (oder Pusic) auf der 10er-Position. Schmid kann ebenfalls im Mittelfeld spielen.

Beim FCZ wird Fabian Rohner oder Selmin Hodza auf der Rechten Seite den gesperrten NIkola Boranijasevic (Reklamieren) ersetzen. Vyunnik wäre vom Spielertyp her der passendste Ersatz für den ebenfalls gesperrten Ivan Santini.

Bei GC ist die Aufstellung weitgehend wie erwartet. Tatsächlich stürmen Morandi und Schettine erstmals gemeinsam, da sie zuletzt vorne im Sturm die besten Leistungen gebracht haben. Eine Änderung im Vergleich zur Züri Live-Vorschau gibt es allerdings in der (wackelnden) Innenverteidigung. Dort erhält der Japaner Ayumu Seko wieder mal eine Chance für Tomas Ribeiro.

Beim FCZ fällt kurzfristig Marc Hornschuh aus, der wohl in der Startformation gestanden hätte. Für ihn kommt Cheick Condé zum Zug. Vorne im Sturm beginnt Aiyegun Tosin, der zuletzt in Basel nach seiner Einwechslung einen guten Auftritt hatte und auch defensiv viel mithalf.

Der FCZ bleibt im vierten Jahr in Folge die Nr.1 der Stadt, das war schon vor der Partie klar. Nach dem vierten Derby der Saison kann man zusätzlich sagen: ungeschlagen. Diesmal war der FCZ bei einem Expected Goals-Verhältnis von 2,35 zu 1,1 und insgesamt 20 Abschlüssen ineffizient, angefangen beim ersten in einem Wettbewerbsspiel für den FCZ verschossenen Penalty Antonio Marchesanos. Dies nach 14 verwandelten in Folge (ohne Berücksichtigung des Penaltyschiessens in Yverdon)! Der FCZ-Notenschnitt von Züri Live ist mit 5,6 der tiefste seit dem 1:0-Auswärtssieg in Sion in der 14. Runde. GC setzte fünf Spieler ein, die aus dem eigenen Nachwuchs stammen (Arigoni, Loosli, Morandi, Kacuri, Rastoder), der FCZ in Abwesenheit des gesperrten Mirlind Kryeziu nur vier (Brecher, Dzemaili, Krasniqi, Rohner).

Sturmduo Gnonto / Kramer kann Räume in die Tiefe nicht nutzen

GC setzte im 90er-Jahre Stil auf ein konsequentes Mittelfeldpressing. Die hintere Fünferreihe stand hoch und vor der Mittellinie setzten die drei Stürmer die Zürcher Hintermannschaft im richtigen Moment so unter Druck, dass es dem Breitenreiter-Team sehr selten gelang, einen präzisen Ball nach vorne zu spielen. Raum wäre speziell in der 1. Halbzeit hinter der GC-Abwehr vorhanden gewesen, aber da fehlte zu diesem Zeitpunkt ein Assan Cessay, welcher diesen Raum auch hätte ausnutzen können. Kramer und Gnonto erhielten nach ihren positiven Auftritten zuletzt in Bern die Chance von Beginn weg und konnten diese nicht nutzen. Gnonto blieb ungewohnt blass und Kramer fehlte das richtige Timing oder in anderen Situationen die Ballkontrolle.

Morandi / Bolla provozieren ungewohnte Abstimmungsprobleme bei Guerrero / Aliti

In der Hinterreihe mussten Omeragic, Mets und Aliti häufig ohne Absicherung in den Eins-gegen-Eins Duellen gegen Sène (Omeragic), Momoh (Mets) und Morandi (Aliti) bestehen. Der aus den Nachwuchsabteilungen des Team Ticino und GC’s stammende Giotto Morandi kam nach seinem Kreuzbandriss erstmals in der Startformation zum Einsatz. erzielte den Führungstreffer und stellte die linke Zürcher Seite unterstützt von Bendegúz Bolla auch im Pressing vor Probleme. Der abgesehen von seiner Torvorbereitung eher einen schlechten Tag einziehende Adrián Guerrero (ungewohnt viele Unpräzisionen) und Fidan Aliti hatten in dieser Partie Schwierigkeiten mit dem richtigen Timing beim situativen Wechsel von Manndeckung auf Raumdeckung und umgekehrt. Der tiefe Platz trug das Seinige dazu bei, dass der FCZ seine üblichen Stärken in Form von Offensiv-Automatismen nicht so wie üblich ausspielen konnte.

Omeragic und Dzemaili in der 2. Halbzeit am Anschlag

Der GC-Führungstreffer wurde durch einen Fehlpass Nikola Boranijasevics in der gegnerischen Hälfte eingeleitet und Becir Omeragic liess sich daraufhin im Mittelfeld nachdem ihm Kaly Sène den Ball eigentlich bereits „geschenkt“ hatte, diesen viel zu einfach vom Senegalesen wieder abluchsen. Boranijasevic hatte im dritten Viertel der Partie eine schwache Phase, in welcher ihm fast alles misslang. Er wird genauso wie Coric in Genf gesperrt sein, was einem mit zwiespältigen Erinnerungen mit dem Stade de Genève verbundenen Fabian Rohner zu einem Starteinsatz verhelfen dürfte. Omeragic baute ebenfalls nach der Pause stark ab, hatte speziell in der Rückwärtsbewegung grosse Probleme. Dies zog sich bis zu seinem verletzungsbedingten Ausfall hin – als ob die beiden Einsätze in der U21-Nationalmannschaft als Rechtsverteidiger zu viel für ihn gewesen wären. Die Meniskusverletzung holte er sich in einer Szene, in welcher er in der Rückwärtsbewegung zu wenig investierte und sich so selbstverschuldet in eine Stresssituation brachte. Auch der bereits in den ersten 45 Minuten ungenügend spielende Blerim Dzemaili baute im Verlauf der 2. Halbzeit noch weiter ab. Ausgewechselt wurde aber Doumbia. Nach zwischendurch guten Leistungen gegen Basel und in Luzern fiel Dzemaili zuletzt gegen St. Gallen, in Bern und gegen GC im Vergleich zum Rest der Mannschaft wieder ab. Das Total von 69 Defensivpunkten für das ganze Team in dieser Partie ist niedrig.

Offensivkopfball ein FCZ-Schwachpunkt

Auch Fidan Alitis Auftritt war lange Zeit mässig, sein Ausgleichstreffer (erstes Tor im 77. Super League-Spiel) beflügelte ihn in der Schlussphase dann aber sichtlich. Aliti ist ganz allgemein zur Zeit der Haupt-Zielspieler bei Standards im gegnerischen Strafraum – trotz der für einen Super League- Innenverteidiger eher geringen Körpergrösse von 1,83m, wodurch der Kosovarische Nationalspieler trotz grossen Einsatzes viele Kopfballduelle verliert. Eines der grössten Offensivprobleme des aktuellen FCZ besteht darin, dass die grossgewachsenen Spieler alle schlecht im Offensivkopfball sind. So nutzt es am Ende dann häufig auch nichts, dass man relativ gute Standardschützen hat. Nicht zufällig wurde ein wesentlicher Teil der diesjährigen Standardtore direkt verwandelt. Alitis Abstauber war das neunte FCZ-Wettbewerbstor der Saison auf einen Freistoss. Adrián Guerrero schlug diesen so hervorragend in den Strafraum, dass man bei GC Bendegúz Bolla wegen dessen Abpraller keine allzu grossen Vorwürfe machen kann.

Bledian Krasniqi bringt entscheidenden Schwung

Das Gegentor Morandis war der Weckruf. Zuerst reagierte die Südkurve. Kaum hatte Schiedsrichter Schärer auf den Punkt gezeigt, begann diese richtig Gas zu geben. Die Mannschaft zog mit. Vor allem aber brachten einmal mehr gewisse Einwechslungen Schwung. Bledian Krasniqi trug wesentlich dazu bei, dass sich der FCZ in der gegnerischen Hälfte installieren und in der Schlussphase zu einigen guten Torchancen kommen konnte. Auch den Freistoss zum Ausgleich holte der 20-jährige heraus. Es war seine bisher beste Saisonpartie (erstmals MVP). Neben ein paar guten Auftritten auswärts in Luzern zu Beginn der Saison, beim 6:2 gegen Sion, beim Cup-Aus in Yverdon und dem Auswärtssieg in Lausanne vor der Winterpause war auch viel Leerlauf dabei. Die Kürze des Auftrittes, der Derbycharakter und gewisse Denkpausen zwischendurch haben wohl ihren Teil dazu beigetragen, dass Krasniqi deutlich konkreter auftrat, als in den meisten seiner bisherigen Einsätze der Saison. Vom ersten Ballkontakt an machte er die kleinen Dinge besser, zum Beispiel Kurzpässe in der richtigen Schärfe oder am Ball durch proaktives Handeln zu verhindern, dass der Gegner überhaupt in den Zweikampf kommt. Aus der Startformation hingegen konnten nur Marchesano und Doumbia überzeugen. Dzemaili, Omeragic, Guerrero und Einwechselspieler Coric erhalten im vierten Derby der Saison eine ungenügende Note.

Performance & Stats

Szenen

Telegramm

FCZ – GC 1:1 (0:0)
Tore: 50. Morandi (Momoh) 0:1, 82. Aliti (Guerrero) 1:1.
FCZ – Brecher; Omeragic, Mets, Aliti; Boranijasevic (76. Rohner), Doumbia (76. Coric), Dzemaili, Guerrero; Marchesano (60. Krasniqi); Gnonto (60. Tosin), Kramer (60. Ceesay).
Grasshopper-Club – Moreira; Arigoni, Loosli, Seko; Bolla, Kawabe, Herc, Schmid (73. Lenjani); Morandi (78. Da Silva), Momoh (74. Kacuri), Sène (78. Rastoder).



Zwei Wochen nach dem erfolgreichen Spitzenspiel in Bern beginnt mit dem letzten Derby der Saison das vierte Saisonviertel. Marchesano und Guerrero sind wieder in der Startformation anzutreffen. Der Tessiner hatte ja bereits in Bern als Einwechselspieler wesentlich zum Auswärtssieg beigetragen – genauso wie Blaz Kramer, welcher an beiden Toren beteiligt war. Dafür spielt der Slowene heute zusammen mit dem ebenfalls formstarken Wilfried Gnonto von Anfang an – Assan Ceesay beginnt auf der Bank.

GC tritt mit einer offensiven Aufstellung im Derby an. Giotto Morandi kehrt nach langer Verletzungspause zurück und verstärkt die Vorderreihe mit Momoh und Sène. Der nach vorne orientierte Kawabe rückt zurück in die Reihe mit dem ebenfalls eher offensiv starken Herc. Neben den kranken Pusic und Bonatini sind auch Abrashi und Margreitter rekonvaleszent. Die Hintermannschaft wird daher von Arigoni, Loosli und dem Japaner Seko gebildet.

GC kann trotz Pausenführung auch im neunten Derby in Folge nicht gewinnen. Vor ziemlich genau vier Jahren erzielte Jeffren den einzigen Treffer beim letzten Derbysieg des Stadtrivalen. Drei Tage später schoss Cédric Brunner in der 92. Minute des Halbfinalderbys den FCZ in den Cupfinal. Es war der erste von sechs Siegen bei drei Unentschieden seither. Neu hat der FC Zürich nun gegen Lausanne-Sport historisch die zweittiefste Siegquote nach dem FCB, und nicht mehr gegen den Stadtrivalen.

FCZ und Pressing: Extreme Wandlung im Saisonverlauf

GC ging in der 1. Halbzeit ein relativ hohes Tempo, und konnte dieses dann nicht durchziehen, Speziell im mittleren Teil der 2. Halbzeit liessen die Hoppers nach, was der FCZ mit dem durch aggressives Pressing erzwungenen 2:1 nutzte. Bezüglich Pressing hat sich der FCZ im Verlauf der Saison stark verändert. Zu Beginn lag das Breitenreiter-Team bei einem PPDA-Wert zwischen 13 und 14, was dem aktuellen Saisondurchschnittswert des in dieser Wertung „letztplatzierten“ Sion entspricht. Der Wert sagt aus, dass die Walliser ihre Gegner im Durchschnitt in deren eigener Platzhälfte und in der Zone um die Mittellinie (insgesamt 60% des Spielfeldes) 13 bis 14 mal einen Pass spielen lassen, bevor Sion entweder einen Ball abfängt, zu einem Sliding Tackling ansetzt, einen Defensiv-Zweikampf gewinnt, oder ein Foul begeht. Interessant ist der Röstigraben und Risottograben in dieser Wertung. Die Welschen Teams und Lugano (und der FCZ Anfangs Saison) machen am wenigsten Pressing. Luzern, das über weite Strecken einen welschen Trainer hatte, ist im Saisonschnitt in der Mitte anzutreffen.

Die Deutschschweizer Teams machen hingegen viel Pressing. Von den rund 100 Klubs aus Topligen haben nur zwei einen noch tieferen PPDA-Wert als YB: Barcelona und Torino. Auch Basel, St. Gallen und GC sind im Vergleich mit Top-Liga Teams in den oberen 20%. Wolverhampton Wanderers hingegen macht sogar deutlich weniger Pressing als Sion. Die Spielweise des englischen Partnerklubs unterscheidet sich somit sehr stark von derjenigen von GC. Der gerade neu ausgeliehene Bruno Jordao wird sich da erst mal adaptieren müssen. Im Saisonschnitt liegt der FCZ noch zwischen Luzern und GC – bezogen auf die letzten fünf Partien hingegen mittlerweile auf der Höhe des in dieser Wertung Erstplatzierten YB. Und dabei ist der Ausreisser in Lausanne mit einem PPDA-Wert von 11,17 sogar mitgezählt, als sich die Zürcher in der 2. Halbzeit nach der 2:0-Führung zurückzogen. Gegen GC kam der FCZ auf einen Wert von 6,38, was in den Top-Ligen kein Team im Durchschnitt erreicht.

Die Wandlung im Saisonverlauf ist also dramatisch. Gegen Ende der Vorrunde schien es noch, als würde der FCZ den Trend zu mehr Pressing wieder etwas zurückfahren. Unter Berücksichtigung der Testspiele und der ersten zwei Rückrundenpartien muss man hingegen nun sagen: der FCZ ist zu einem distinktiven Pressingteam geworden – in dieser Hinsicht vergleichbar mit YB. Sowohl gegen Luzern und St. Gallen am Ende der Vorrunde wie auch nun gegen Servette und GC lag der PPDA-Wert des FCZ zwischen 6,3 und 7,5. Auch in den Testspielen wurde trotz Müdigkeit viel und schnell in der Angriffszone und im Mittelfeld Druck auf den Gegner gemacht. Speziell das konsequente Gegenpressing führt dazu, dass der Gegner zu langen Bällen gezwungen wird und so die FCZ-Mannschaft immer mehr auseinandergezogen wird und ihre Kompaktheit verliert. Trotzdem wirkt man defensiv auch mit dieser Spielweise auf einem guten Weg. Luzern entwickelt sich unter dem neuen Trainer Mario Frick in dieselbe Richtung wie der FCZ (PPDA-Wert beim Spiel in Lugano: 6,53), so dass alle Deutschschweizer Teams nun in dieser Hinsicht „beisammen“ sind.

Positionstausch Doumbia / Dzemaili – Lösungsansatz fürs Zentrum

Taktisch trat GC wie von Züri Live vermutet aufgrund ihrer Personalsituation gezwungenermassen in einem Rhombus-System mit Viererabwehr an. Adrian Guerrero und Nikola Boranijasevic mussten so im Pressing extra weite Wege gehen (Anlaufen der gegnerischen Aussenverteidiger). Der FCZ spielte dementsprechend als Antwort auf den GC-Rhombus wie schon häufig mit einem Sechser und zwei Achtern. Ousmane Doumbia sagt in vielerlei Hinsicht die Achter-Rolle besser zu, als die des Sechsers. Der Sechser im modernen Fussball muss ein Stratege mit einem optimalen Positionsspiel sein. Das ist ganz und gar nicht die Stärke von Doumbia. Er lebt (ähnlich wie Stephan Seiler) von Spontaneität, Beweglichkeit und Energieanfällen. Um so mehr wenn der FCZ wie oben beschrieben immer mehr zu einer Pressingmannschaft wird, dann braucht es Doumbia dort, wo in so einem Fall die Bälle erobert werden sollen: nämlich vorne. Wie vor dem 2:1-Führungstreffer gegen GC, als Doumbia weit vorne Kawabe so unter Stress versetzte, dass dieser einen zu kurzen Rückpass Richtung eigenen Torhüter spielte, von welchem Tosin profitieren konnte. Als Sechser wäre Doumbia auch nicht in die Position gekommen, wie beim 1:1-Ausgleichstreffer seine Top-Flanke aus dem Halbfeld in Gaël Clichy-Manier hinter die GC-Abwehr auf Assan Ceesay zu schlagen.

Blerim Dzemaili seinerseits bringt in dieser Saison klar bessere Leistungen auf der „Sechs“, als auf der Achterposition. Er entspricht auch viel eher dem Profil des spielintelligenten Strategen und Ballverteilers mit langen Bällen. Daher wäre es sehr empfehlenswert, wenn Doumbia und Dzemaili für den Rest der Rückrunde permanent ihre Positionen tauschen würden. Auf die kommende Saison hin könnte der „Königstransfer“ des FCZ ein strategisch starker Sechser, der auch noch physische Qualitäten mitbringt, sein. Als Idealtyp einer wie der in der Vorrunde bei St. Gallen aktive Ousmane Diakité. Natürlich ist es alles andere als simpel, so einen Spieler fix zu verpflichten. Gute Perspektiven für die kommende Saison könnten das aber etwas vereinfachen. Becir Omeragic hat gegen GC auf der Sechs nicht überzeugt und in der Innenverteidigung verspricht das Trio Mets – Kryeziu – Aliti am meisten Stabilität. Unter anderem führte ein zu riskantes Zuspiel Omeragics zum 0:1-Rückstand. Auch Bledian Krasniqi konnte sich im Derby wie schon gegen Servette nicht empfehlen.

Mirlind Kryeziu, der gegen Servette noch defensiv wie offensiv stark gespielt hatte, war diesmal durchschnittlich. Der in der Vorrunde bestbenotete Tosin trotz seines Tores gar leicht ungenügend. Einige Male machte der Nigerianer aus guten Situationen am gegnerischen Strafraum oder in der Konterauslösung viel zu wenig. Wenn der Nigerianer mit Ball zu viel Zeit zum Nachdenken hat, geht es meist schief. Handelt er intuitiv und schnell, dann klappt es deutlich besser. Ante Coric hingegen bestätigte seine Vorrundenbilanz als FCZ-Kaderspieler mit der besten Plus-/Minusbilanz. Auch gegen GC kam er beim Stand von 1:1 rein und trug unter anderem mit seinem stark geschlagenen Corner zum 3:1 zu den drei Punkten bei. Das Team insgesamt hatte in diesem Derby den tiefsten Wert an Negativpunkten der ganzen Liga-Saison. Man kann also wohl konstatieren, dass es die fokussierteste Leistung der Saison war.

Nikola Boranijasevic: per Aussenrist zum MVP

Nikola Boranijasevic wurde von André Breitenreiter nicht ohne Grund bei der Auswechslung besonders innig geherzt. Dem Serben gelang in der Züri Live-Bewertung sein bisher bestes Spiel im FCZ-Trikot mit seiner ersten glatten „10“. Obwohl er diesmal kein Tor oder Assist verbuchen konnte. Sowohl bei den Offensivpunkten wie bei den Defensivpunkten und Negativpunkten schnitt Boranijasevic im Derby deutlich besser ab, als üblich. Fast schon penetrant spielte der 29-jährige einen Aussenristpass am anderen – und dies penetrant gut! Zum Beispiel das raumöffnende Zuspiel auf Doumbia vor dem 1:1-Ausgleich.

Afrika-Cup Karma an der Super League-Spitze

Er kam sah und traf! Auch direkt nach Siegen mit Gambia am Afrika-Cup hatte Assan Ceesay über Social Media Video- und Text-Nachrichten direkt aus der Kabine an die FCZ-Fangemeinde gerichtet. Er war dankbar, bei der ersten Teilnahme seines Heimatlandes an einem internationalen Turnier dabei zu sein – und freute sich gleichzeitig bereits auf die Rückkehr nach Zürich und die Rückrunde mit dem FCZ. Gambia zeichnete ähnlich wie sein Zürcher Team ein grossartiger Teamspirit aus. Der Belgische Trainer Tom Saintfiet stellte sehr variabel ein und auf – hervorragend auf die jeweiligen Gegner eingestellt. Es kamen Spieler von Dänischen Drittligisten, Englischen Viertligisten und sogar Schweizer Fünftligisten in Startformationen zum Einsatz – und kämpften sich sensationell bis in den Viertelfinal gegen Gastgeber Kamerun. Nach der Rückkehr in die Schweiz war Ceesay zwar müde, aber voller positiver Emotionen für Gambia und den FCZ – und trug ganz wesentlich zum Resultatumschwung in der 2. Halbzeit des 277. Zürcher Derbys bei.

Szenenwechsel: Basel, St. Jakob Park. In der 81. Minute des Heimspiels gegen Sion führt der FCB gemessen an den Torchancen etwas glücklich mit 3:2, als Nasser Djiga für Taulant Xhaka eingewechselt wird. Der 19-jährige ist gerade einmal neun Sekunden (!) auf dem Feld, als er im eigenen Strafraum ungeschickt von hinten bei Gaëtan Karlen aufläuft. Penalty! Der aus der FCZ Academy stammende Anto Grgic hatte den Steilpass in den Strafraum gespielt und verwandelte danach auch den Penalty zum 3:3-Ausgleich (Endstand). Anschliessend erhielt er von Schiedsrichter Piccolo Gelb wegen seiner Finger vor den Mund-Geste gegenüber der pfeifenden Muttenzerkurve. Schon zuvor hatte Grgic das Führungstor Itaitingas mit einem ideal ge-time-nten Zuspiel aufgelegt und den 2:2-Ausgleich mit einem magistralen Direkten Freistoss erzielt.

Djiga ist auch nach dieser Szene völlig von der Rolle und sorgt mit zwei unmotivierten Fehlpässen in der eigenen Platzhälfte beinahe noch im Alleingang für die Basler Niederlage – nur eine grandiose Parade Heinz Lindners gegen einen Wesley-Weitschuss verhindert dies. Die Führungsriege des FC Basel hatte Djiga die Freigabe für den Afrika-Cup verweigert, was in dessen Heimatland Burkina Faso grosse Wellen warf. Vom Rheinknie aus musste Djiga mitverfolgen, wie seine Mannschaft sich für die Achtelfinals qualifizierte und auch dort weiterkam. Einen Tag nach der Halbfinalqualifikation seines Teams durch einen 1:0-Sieg gegen den Favoriten Tunesien sass Djiga zum Auftakt der Super League-Rückrunde in Luzern 90 Minuten auf der Ersatzbank. An seiner Stelle spielte der gelernte Mittelfeldspieler Wouter Burger neben Andy Pelmard in der Innenverteidigung. Im Abwehrzentrum Burkina Fasos kamen an der Seite des gesetzten Tapsoba derweil Akteure wie Ouattara oder Dayo zum Einsatz, die in der Marokkanischen Liga engagiert sind. Den Halbfinal verlor Burkina Faso so mit 1:3 gegen den Senegal.

Die Schlüsse aus den zwei Geschichten von Assan Ceesay und Nasser Djiga soll jeder selbst ziehen. Aber es gibt Menschen, die in solchen Fällen von Karma sprechen.

Telegramm

GC – FCZ 1:3 (1:0)
Tore: 43. Schmid (Bolla) 1:0; 47. Ceesay (Doumbia) 1:1, 67. Tosin 1:3, 83. Gnonto (Ceesay) 1:3.
GC – Moreira; Bolla, Arigoni, Ribeiro (77. Lei), Lenjani; Herc (84. de Carvalho); Da Silva (65. Jordao), Schmid; Kawabe (77. Kacuri); Bonatini (65. Demhasaj), Momoh.
FCZ – Brecher; Mets, Kryeziu, Aliti; Boranijasevic (89. Rohner), Omeragic (54. Coric), Guerrero; Doumbia, Krasniqi (46. Ceesay); Tosin (78. Gnonto), Marchesano (78. Hornschuh).

Der FCZ hat im ersten Rückrundenspiel gegen Servette den Saison-Tiefstwert von 0,52 Erwartete Tore herausgespielt. Fürs Derby stehen Aiyegun Tosin (zuvor krank) und Assan Ceesay (Afrika-Cup) Trainer André Breitenreiter wieder zur Verfügung. Vor der Partie waren aber Ceesay genauso wie Kramer (kleine Verletzung beim Aussteigen aus dem Auto) und Dzemaili als fraglich gemeldet. Kramer ist tatsächlich nicht dabei, Ceesay sitzt auf der Ersatzbank. Tosin ist hingegen wieder zurück und bildet wohl mit Marchesano das Sturmduo. Becir Omeragic könnte wie in der Schlussphase gegen Servette im Mittelfeld auflaufen. Karol Mets kommt zu seinem Startelfdébut!

Bei GC sind mit Sène, Loosli und Santos gleich drei Spieler gesperrt. Petar Pusic, welcher beim letzten Derby (3:3) eine wichtige Rolle gespielt hat, fehlt weiterhin krankheitshalber. Auch Margreitter ist nicht dabei. Von den neuverpflichteten asiatischen Spielern sind Jeong und Seko noch nicht im Aufgebot. Der chinesische Verteidiger Lei sitzt zum ersten Mal auf der Bank. Gut möglich daher, dass Trainer Contini gezwungenermassen vom üblichen 3-4-1-2 abweicht. Zwei Mal in dieser Saison hat GC im 4-1-2-1-2 gespielt, was auch heute wieder zum Zuge kommen könnte.

GC ist im 276. Zürcher Derby lange Zeit die bessere Mannschaft. Der FCZ geht durch zwei Fehler des Gegners trotzdem früh mit 2:0 in Führung. Stürmer Rodrigo Pollero erzielt nach einem Omeragic-Vorstoss sein erstes Ligator, nachdem Noah Loosli das Offside aufgehoben hatte. Der FCZ nutzt bei diesem Treffer also einen ähnlichen Fehler aus, wie schon beim Siegtreffer gegen Lugano. Beim 2:0 durch Blerim Dzemaili in der 10. Minute (erstes Tor für seinen Stammklub nach beinahe 15 Jahren!) macht Christian Herc bei einem Zuspiel von Georg Margreitter hinten heraus im falschen Moment einen Richtungswechsel.

Brecher und Dzemaili nicht parat

Dass GC danach die Partie bis zur 35. Minute auf 3:2 dreht, entspricht eher dem Gezeigten, auch wenn drei Standards dafür verantwortlich sind. Nach Leo Bonatinis Penaltytreffer ist auch der hervorragend ausgeführte Eckball von Petar Pusic und das Kopfballtor von Margreitter am nahen Pfosten für den FCZ fast nicht zu verteidigen, auch wenn Yanick Brecher im Moment des Abschlusses für diesen nicht bereit ist. Der Eckball war aus einem Pass Mirlind Kryezius ins Mittelfeld entstanden, bei dem Blerim Dzemaili im lockeren Rückwärtsschritt ebenfalls nicht genügend parat für das Zuspiel war.

Déjà vu aus dem ersten Derby

Das 3:2 der Grasshoppers war dann wiederum eine stark umgesetzte Einwurf-Situation, die an den 2:1-Siegtreffer Assan Ceesays im ersten Derby der Saison erinnerte. Der Einwurf entstand im Anschluss an einen Ballverlust von Marchesano gegen Kawabe in der eigenen Hälfte. Das Gegentor wäre wohl verhindert worden, wenn Fidan Aliti Petar Pusic ausserhalb des Strafraumes so in den Rücken gestossen hätte, wie das die “Hoppers“ in dieser Partie umgekehrt häufig ungestraft praktizieren durften. Unverständlich, dass zur Zeit mehrere Liga-Schiedsrichter auch in Partien mit Beteiligung von anderen Klubs Mühe damit haben, das Verletzungsgefahr mit sich bringende und dem gepflegten Offensivspiel abträgliche Stossen mit den Händen in den Rücken von einer normalen (und erlaubten) Körpercharge zu unterscheiden.

Adrian Guerrero als Antreiber des FCZ-Spiels

Erst ab der 60. Minute unmittelbar nach der Einwechslung Wilfried Gnontos, kam der FCZ endlich ins Spiel. Der Italiener sorgte für viel Bewegung in der Spitze. Antonio Marchesano rückte ins Mittelfeld zurück. Auch der zehn Minuten vor Schluss eingewechselte Ante Coric war ein Gewinn. Aus der Startformation spielte vor allem Adrian Guerrero stark. Nach einer gewissen Delle seiner Leistungskurve in den letzten Partien war der Spanier gerade in der 2. Halbzeit der eigentliche Antreiber des Zürcher Spiels. Auch Nikola Boranijasevic auf der anderen Seite spielte (vor allem defensiv) gut. Aus dem Zentrum kam hingegen etwas zu wenig. Aktuell ist Marchesano nicht mehr ganz in seiner Topverfassung. Sturmpartner Pollero hatte viele Ballverlusten – erzielte aber auch zwei Tore und hatte nach Vorarbeit von Gnonto am Ende noch die Chance zum Siegtreffer.

Erstes Saisontor auf eine Flanke

Auch Guerreros Standards und Flanken (mit beiden Füssen) kamen wieder gut – eine davon fand den Kopf von Rodrigo Pollero zum 3:3- Ausgleich in der 66. Minute. GC rückte in dieser Situation in der Mitte nicht raus, der Rechte Aussenläufer Dominik Schmid sah sich deshalb bemüssigt an die Mittellinie ins Forechecking zu stürmen, und liess dabei seine Seite für Guerrero frei. Der 3:3-Ausgleich war auch das erste Saisontor des FCZ auf eine klassische Flanke und erst das zweite auf eine Hereingabe von der Seite nach dem 1:1-Ausgleich im ersten Derby, als Marchesano durch Ceesay von der Seite bedient worden war. Positiv beim FCZ herauszuheben sind sicherlich die einstudierten Varianten bei Cornern von Krasniqi und Coric.

FC Zürich mit Abschlusseffizienz

Insgesamt war das Derby zwar spannend, intensiv und torreich, aber die Anzahl guter Offensiv- und Defensivaktionen war kleiner, als in anderen Spielen. Es wurde speziell von FCZ-Seite viel mit Hohen Bällen agiert. Beim Ballbesitz (58%) gab es beim FCZ eine weitere Steigerung. Bezüglich Abschlüssen insgesamt war das Breitenreiter-Team (dank der letzten halben Stunde) etwas im Vorteil, GC hatte statistisch hingegen die besseren Möglichkeiten bei einer Expected Goals-Quote von 0,64 : 1,78 aus FCZ-Sicht. Selbst wenn man den Penalty (Expected Goals: 0,76) nicht miteinberechnet, ist das Verhältnis immer noch 0,64 : 1,02. Auch der Fakt, dass der FC Zürich in der 66. Minute seinen dritten Treffer mit dem erst sechsten Abschluss erzielte, spricht für die hohe Effizienz in dieser Partie.

Telegramm

Grasshoppers – FCZ 3:3 (3:2)
Tor: 3, Pollero (Omeragic) 0:1, 10. Dzemaili 0:2, 17. Bonatini (Penalty, Pusic) 1:2, 27. Margreitter (Pusic) 2:2, 35. Herc (Schmid) 3:2; 66. Pollero (Guerrero) 3:3.
Grasshoppers – Moreira; Arigoni, Margreitter, Loosli; Bolla (33. Schmid), Herc, Kawabe (90. Gjorgjev), Lenjani; Pusic (77. Diani); Bonatini (77. Campana), Sène (77. Demhasaj).
FCZ – Brecher; Omeragic, Kryeziu, Aliti; Boranijasevic, Doumbia, Guerrero; Dzemaili (87. Hornschuh), Krasniqi (60. Gnonto); Marchesano (80. Coric), Pollero.

GC hat in den letzten Partien nicht nur resultatmässig, sondern auch personell und taktisch grosse Konstanz gezeigt. Trainer Giorgio Contini scheint seine Stammelf gefunden zu haben. Aus dieser fällt neben dem schon eine Weile verletzten Amir Abrashi für das Derby nur der gesperrte Toti Gomes aus. Ersatz Alan Arigoni ist im Verlauf des bisherigen Saisonverlaufes allerdings auch schon regelmässig als einer von vier Optionen für die drei Innenverteidigerpositionen zum Zuge gekommen.

GC kann auf einen aktuellen Toptorschützen Kaly Sène zählen, der sich zudem gut mit Leo Bonatini zu verstehen scheint. Beim FCZ fällt hingegen Assan Ceesay nach einer harten Gelben Karte in der Partie gegen Lugano gesperrt aus. Für ihn läuft Rodrigo Pollero auf. Vasilije Janjicic sitzt erstmals seit langer Zeit auf der Ersatzbank.

Der FCZ hat bei der Auslosung zur 1. Cup-Runde den zweit- bis drittbesten Gegner erwischt (hinter Luzern mit Cham und vergleichbar wie St. Gallen mit Münsingen) und erledigte die Aufgabe mit einem 10:0-Auswärtssieg souverän. Es ist der höchste Sieg in einem Wettbewerbsspiel seit dem mit dem gleichen Resultat gewonnenen Erstrundenspiel (5x Cavusevic, 3x Dwamena, 2x Koné) beim FC Chippis (2. Liga Interregional) vor vier Jahren – zu Beginn der letzten Saison, die mit einem Cuptitel endete. Solothurn (mit dem einheimischen Ex-Nationalspieler Marco Mathys) trat mit einer offensiv orientierten Aufstellung an, mit Flügelspieler Mzee auf der Linksverteidigerposition und Stürmer Mast auf dem Flügel. Entscheidend für den Spielerverlauf aus Zürcher Sicht war, dass man von der ersten Sekunde an fokussiert ans Werk ging, die ganze Mannschaft viel in Bewegung war und die frühe Vorentscheidung suchte. Die Erste Halbzeit begann mit dem ersten FCZ-Tor von Rodrigo Pollero per Kopf nach einem Eckball von Antonio Marchesano und endete mit einem weiteren erfolgreichen Marchesano-Standard (wie in Luzern direkt verwandelter Freistoss). Mit einer herausgespielten 6:0-Führung im Rücken durften Marchesano, Guerrero und Boranijasevic zur Pause bereits Feierabend machen. Ein weiterer entscheidender Faktor für den klaren Sieg neben der eigenen Konsequenz war der fehlende Spielrhythmus beim Gegner. In Normalform wäre Solothurn ein deutlich zäherer Gegner.

Schwierige Frage: Wie spielte Zivko Kostadinovic?

Die deutschen Neuverpflichtungen Hornschuh, Leitner und Gogia erhielten genauso wie Gnonto und Pollero die Chance, sich zu zeigen. Erstmals liess Trainer André Breitenreiter den FCZ in einem Wettbewerbsspiel im 4-3-3 antreten. Angriffe über die Flügel mit Gogia und Gnonto klappten allerdings nicht wie gewünscht, beide zog es in der Regel auch eher Richtung Zentrum. Erst mit dem eingewechselten Rohner kam man in der 2. Halbzeit über die rechte Seite durch. Der 23-jährige Flügelmann half auch in der einen oder anderen Szene effektiv hinten aus, als es mal brenzlig wurde. Dies führte dazu, dass Zivko Kostadinovic obwohl 90 Minuten auf dem Platz, der erste Fall darstellt von einem Spieler, der eigentlich nicht bewertbar ist (darum erhält er die „Default“-Note „5“). Der Waadtländer hatte nichts abzuwehren und im Aufbauspiel (ebenfalls selten) ging er jeweils auf „Nummer Sicher“. Vor vier Jahren in Chippis war dies noch anders gewesen – Yanick Brecher hatte damals durchaus etwas zu tun gehabt.

Leitner stört die Balance der Mannschaft

Moritz Leitner erhielt von Solothurn genug Platz und Zeit, um ein paar elegante Pässe zu spielen. Es unterliefen ihm aber auch einige unkonzentrierte Fehlzuspiele und im Spiel gegen den Ball agierte er zu passiv und ausweichend. Vor allem aber schien das Positionsspiel der Mannschaft insgesamt mit Leitner durcheinanderzugeraten. Speziell Bledian Krasniqi nahm er in der 2. Halbzeit den Raum weg – die beiden sind als Spielertyp zu ähnlich. Zu viele Ballverluste hatten auch Rodrigo Pollero (Defizite im Antritt und bei der Durchsetzungsfähigkeit) und Akaki Gogia (technische Mängel) zu verzeichnen, während sich Wilfried Gnonto nach sehr schlechtem Start in die Partie mit der Zeit langsam steigerte. Marc Hornschuh spielte aufmerksam auf der Sechserposition und später in der Innenverteidigung und konnte auch im Spiel nach vorne Akzente setzen. Das Chriesi auf die Schwarzwäldertorte setzte dann der formstarke Assan Ceesay mit einem herrlichen Absatztor und einem ebenfalls schönen Weitschusstreffer obendrauf.

Telegramm

Solothurn – FC Zürich 0:10 (0:6)
Tore: 2. Pollero (Marchesano) 0:1, 4. Marchesano (Gogia) 0:2, 18. Pollero (Gogia) 0:3, 23. Gogia (Gnonto) 0:4, 34. Marchesano (Pollero) 0:5, 45.+1 Marchesano (Freistoss, Gnonto); 60. Gnonto (Penalty, Gnonto, Krasniqi) 0:7, 78. Krasniqi (Rohner) 0:8, 84. Ceesay (Rohner) 0:9, 87. Ceesay (Rohner) 0:10.
Solothurn – Wagner (46. Bähler); Kohler, Kaiser (74. Arifi), Stuber, Mzee (46. S. Gerspacher); Hunziker, Huser, Loosli (46. Koekenbier), Mast; Mathys; Chatton (46. Bruni).
FCZ – Kostadinovic; Boranijasevic (46. Rohner), Omeragic (64. Doumbia), Kryeziu, Guerrero (46. Wallner); Hornschuh; Marchesano (46. Krasniqi), Leitner; Gogia, Pollero (74. Ceesay), Gnonto.