Spiel und Gegner

Der FCZ gewinnt zum dritten Mal in Folge im Kybunpark gegen einen Gegner, der dem FCZ vom Spielstil her schon seit einiger Zeit zu liegen scheint. Die drei Auswärtserfolge gegen das aufstrebende St. Gallen im Dezember 2019, Juni 2020 und jetzt Januar 2021 hatten dabei viele Gemeinsamkeiten. In allen drei Partien kam der FC St. Gallen zu Beginn „wie die Feuerwehr“ aus den Startlöchern, verausgabte sich stark und begann dementsprechend nach etwa 30 Minuten kräftemässig abzubauen. Schon in den ersten zwei Begegnungen wollten die Grünweissen in ihrer grossen Druckphase zu Beginn des jeweiligen Spiels mindestens einen Zweitorevorsprung herausspielen – was nun erstmals auch gelang. Trotzdem vermochten die Ostschweizer auch diesmal nicht zu gewinnen. Der FC Zürich nutzte den St. Galler Kräfteverschleiss eiskalt aus – mit erneut (mindestens) drei Toren.

Die beiden Siege vom Dezember ’19 und Juni ’20 sind höher einzustufen, als der aktuelle, da St. Gallen damals eine deutlich bessere Mannschaft auf den Platz brachte. Vor allem Ermedin Demirovic und Silvan Hefti vermochten die Ostschweizer bisher nicht zu ersetzen. Wie dünn derzeit ihre Kaderdecke ist, zeigt sich beispielsweise darin, dass der Dreifachwechsel zur Pause (Diarrassouba, Babic und Youan für Ruiz, Guillemenot und Duah) das Team eher schwächte. Und die drei Zürcher Tore waren allesamt grosszügige Geschenke aus der Ostschweiz. Beim ersten lässt sich erst Ruiz von Winter abdrängen, Stillhart schiesst Mirlind Kryeziu ideenlos in die Füsse, Quintilla verliert sein Laufduell mit Marchesano um den Zweiten Ball im Mittelfeld und Fazliji geht knapp im eigenen Sechzehner von hinten ins Sliding Tackling gegen Assan Ceesay und verursacht damit den fälligen Penalty. Beim Zürcher Ausgleich zum 2:2 produziert Jordi Quintilla vor dem eigenen Strafraum einen Querschläger nach einem eigentlich verunglückten Freistoss Blerim Dzemailis. Der Schuss geht im wahrsten Sinne des Wortes „nach hinten los“ und Torwart Zigi lässt den Ball aus seinen Hànden direkt vor die Füsse des einschussbereiten Antonio Marchesano flutschen. Vor dem 2:3-Siegtreffer Salim Khelifis noch vor der Pause spielt der zurückgeeilte Stürmer und 1:0-Torschütze Kwadwo Duah im Liegen Blerim Dzemaili den Ball direkt in die Füsse.

Die Stilsicherheit des Spätherbstes unter Massimo Rizzo ging dem FCZ auch in St. Gallen ab, wenngleich man sich immerhin im Vergleich zur 0:1-Heimniederlage gegen den FC Vaduz auf mehreren Positionen verbessern konnte. Speziell auf der rechten Seite, wo sich Tosin gegenüber seinem ganz schwachen Auftritt im Letzigrund zu steigern und vor allem Adi Winter als echte Alternative auf der Rechtsverteidigerposition aufzudrängen vermochte. Auch über links war man mit Fidan Aliti und dem erstmals seit langer Zeit wieder einmal eine gute Leistung abliefernden Salim Khelifi besser aufgestellt, als dem Duo Schättin / Gnonto gegen Vaduz. Auch Torhüter Brecher brachte wieder seine guten langen Bälle an den eigenen Mann – und vorne ist Assan Ceesay ein klares „Upgrade“ im Vergleich zu Blaz Kramer. Im Zentrum bleibt hingegen der aus der Fremde zurückgekehrte Blerim Dzemaili trotz einzelnen Szenen, in welchen er seine Qualität und Erfahrung in die Waagschale werfen kann, unter dem Strich für das Team eine Hypothek. Auch in St. Gallen unterliefen dem nach einem Jahr Pause noch weit von einer Super League-reifen Form entfernten 34-jährigen Mittelfeldpuncher unzählige Abspiel-, Stellungsfehler und wichtige verlorene Zweikämpfe. Zudem mussten die Teamkollegen vor, hinter und neben ihm ständig Lücken stopfen, welche Dzemaili beim Umschalten hinterliess, und so teilweise ihre eigenen Aufgaben vernachlässigen.

Taktik und Szenen

Bezüglich Spielformation gabs keine Überraschungen: das übliche St. Galler 4-1-2-1-2 traf auf das ebenfalls gewohnte Zürcher 4-2-3-1, wobei beim FCZ im Verlauf der Partie vier verschiedene Spieler auf der 10er-Position agierten: Marchesano, Khelifi, Tosin, Domgjoni. Bei St. Gallen kam der von GC verpflichtete Aussenverteidiger Euclides Cabral zu seinem ersten Startelfeinsatz, rettete einmal entscheidend im Strafraum gegen den einköpfbereiten Antonio Marchesano, fand ansonsten aber noch nicht die Bindung zum Spiel und seinem Team. Der im Sommer direkt aus der Elfenbeinküste verpflichtete Salifou Diarrassouba feierte einen Monat nach seinem 19. Geburtstag sein Super League-Début. Der Doppeltorschütze bei der letzten Begegnung im Letzigrund, Elie Youan, begann wie Diarrassouba ebenfalls auf der Bank.

Wie üblich bei Begegnungen im Kybunpark begann das Spiel in relativ hohem Tempo – allerdings nicht vergleichbar mit der enormen Intensität in den letzten beiden Duellen der beiden Teams an gleicher Stelle. Beide Teams wie immer wenn sie aufeinandertreffen mit viel Vertikalität und schnellem Umschalten im Spiel und dazu von Beginn weg mit relativ viel Risiko. Schon in der Zweiten Minute profitierte St. Gallen vom weiten Aufrücken der Zürcher mit allen Feldspielern inklusive Innenverteidiger in der St. Galler Hälfte, als Blerim Dzemaili und Co. bei einem zweiten Ball vor dem Strafraum der Ostschweizer zu langsam reagierten und Basil Stillhart den weiten Ball hinter die Zürcher Abwehr unbedrängt spielen liessen. Der schnelle Kwadwo Duah war genau im richtigen Moment aus der eigenen Platzhälfte nicht in Offsideposition gestartet und hatte daher beim Zeitpunkt des Überquerens der Mittellinie bereits ein hohes Tempo aufgenommen, welches ihm den entscheidenden Vorsprung gab. Das 2:0 erzielte dann der sich gegen den FCZ immer wieder auszeichnende Basil Stillhart gleich selbst, als Jordi Quintilla mit seinem aussergewöhnlichen Freistoss die Zürcher Offsidefalle alt aussehen liess. Im Nachhinein gesehen war es falsch, in dieser Freistosssituation mit Offsidefalle zu agieren – vor allem wenn der Gegner einen Jordi Quintilla in seinen Reihen hat. Vor allem aber würde man sich solche Freistösse auch beim FCZ in der Offensive wünschen.

St. Gallen hat in der ersten halben Stunde Vorteile im Umschaltspiel, weil bei den Ostschweizern immer mindestens ein Spieler im Vollsprint dem Ball nachhetzt, währenddessen das Zürcher Mittelfeld dem Gegner mehr Zeit und Platz zum Umschalten lässt. Weil Blerim Dzemaili im Zentrum häufig grosse Lücken hinterlässt, die nicht alle von Ousmane Doumbia geschlossen werden können, müssen die Flügel Tosin und Khelifi vermehrt einrücken, um in der Mitte auszuhelfen – was in einigen Situationen auf Kosten der Besetzung ihrer Positionen auf den Seiten geht.

Nach der 2:0-Führung machen die Ostschweizer die Räume nicht enger, sondern spielen gleich weiter wie zuvor. Dadurch, dass der FCZ durch die zwei Nackenschläge vorsichtiger wird und mit den Innenverteidigern etwas weiter zurückstaffelt, werden die Räume für beiden Teams noch grösser. Ein so entstehender offener Schlagabtausch ist ganz im Sinne des in Rückstand liegenden Teams. Denn so bleibt weiterhin alles möglich, was sich dann ja auch bewahrheitet. Der FCZ seinerseits macht dem FCSG nicht den gleichen Gefallen und zieht sich mit der 2:3-Führung nach der Halbzeitpause zurück und lauert vorwiegend auf Kontermöglichkeiten. Da das Heimteam aus der Gallusstadt in den zweiten 45 Minuten personell und kräftemässig nachlässt, kann sich der FC Zürich sogar erlauben, seine drei, vier sehr guten Torchancen auf das mögliche 2:4 auszulassen.

Der FC Zürich kommt zu einem Penalty, aber ansonsten lässt St. Gallen kaum einen Standard in Strafraumnähe zu. Auf der anderen Seite kann sich bei St. Galler Eckbällen neben Nathan und Aliti erneut Adi Winter als konsequenter Manndecker hervortun. Auch Doumbia und Mirlind Kryeziu verteidigen in solchen Situationen ordentlich. Duah wird von Nathan genügend gestört, so dass dieser übers Gehäuse köpft und Tosin kann aus einer St. Galler Cornervariante mit einem konsequenten Sprint in Richtung Alessandro Kräuchi gar eine Zürcher Konterchance kreieren. Dass dann einmal doch Lukas Görtler nach einem Eckball gefährlich zum Abschluss kommt, ist einer aus Zürcher Sicht unglücklichen Richtungsänderung des Balles am nahen Pfosten zu verdanken.

45.+2 Min.: Game-Winning Goal Salim Khelifi

Das FCZ-Siegtor ist ein Team-Effort. Adrian Winter hält rechts an der Seitenlinie den Ball hervorragend mit Kampfgeist und Technik im Spiel, woraus sich ein Freistoss ergibt. Diesen schlägt Blerim Dzemaili etwas zu hoch in den Strafraum. Der Ball fliegt ins Seitenaus. Beim St. Galler Einwurf greifen Assan Ceesay und Antonio Marchesano zu zweit mit sehr gutem Forechecking gegen drei St. Galler an, so dass Alessandro Kräuchi den Ball im hohen Bogen an die Mittellinie befördern muss, wo diesen Ousmane Doumbia und Fidan Aliti gegen Jérémy Guillemenot und Kwadwo Duah gewinnen.

Doumbia prischt mit Ball am Fuss nach vorne, verfolgt von Duah, der seinen Fehler wieder gut machen will. Pass von Doumbia auf Ceesay, der mit einer für seine Körpergrösse erstaunlich behenden 180 Grad-Drehung den Ball mit der zweiten Berührung in die Tiefe in Richtung seines Fussball-Buddys Marchesano leitet. Der Steilpass gerät etwas zu kurz. Dadurch kommt es zum Zweikampf zwischen Duah und Marchesano. Duah kommt zu Fall, weil er durch seinen Spreizschritt im Moment des Zusammenpralls im Gegensatz zu seinem Gegenspieler nur mit einem Fuss den Boden berührt. Am Boden liegend in Bedrängnis durch Marchesano und Ceesay, zieht Duah zuerst kurz den Ball mit dem Arm zu sich (hätte Handsfreistoss für den FCZ geben müssen) und schaufelt dann schnell mit dem rechten Fuss den Ball weg. Dieser landet dabei Dzemaili direkt vor dem Strafraum in den Füssen.

In diesem Moment steht Salim Khelifi noch ziemlich unbeteiligt sieben Meter hinter Dzemaili, reagiert aber sofort, als er rechts des St. Galler Abwehrblocks den offenen Raum sieht. Khelifi ruft Dzemaili von hinten zu, sprintet in den Raum. Dzemaili zieht auf, um wie schon mehrmals zuletzt aus der Distanz sein Glück zu versuchen. Der Schussweg wird ihm durch Cabral verstellt. Im letzten Moment vor der Schussabgabe taucht im rechten Augenwinkel Dzemailis der von hinten heranstürmende Khelifi im Vollsprint auf, Dzemaili bremst seine Schussbewegung ab, haut dabei leicht in den Boden und lenkt den Ball in einer verzögerten Bewegung genau im richtigen Moment ideal als Vorlage in den Raum. Khelifi zieht aus 13 Metern mit dem rechten Vollrist direkt ab. Die vorhandene Bewegung des Balles optimal ausnutzend mit leichtem Aussenristdrall landet der Ball trotz des rasch reagierenden Ati Zigis rechts oben im »Torkranz».

Personalien

Adrian Winter (9) – Schön, gibt es beim FCZ aktuell auch Spieler, deren Formkurve nach oben zeigt. Bei kaum einem geschieht dies so pointiert, wie bei Adi Winter, der noch vor der Winterpause nicht den Eindruck vermittelt hatte, dem Team sportlich helfen zu können. Dies hat sich mittlerweile geändert. Winter wirkt deutlich wacher und fokussierter, als noch vor ein paar Wochen. Man könnte sich für die Rechte Seite gut das Duo Rohner / Winter vorstellen – mit Winter als eher statischem, kampfstarken und erfahrenen Partner und Rohner, welcher seinen Speed nach vorne und hinten ausnutzt.

Nathan (7) – St. Gallen ist sein Pflaster: der kampfstarke Brasilianer ist auch diesmal im Kybunpark wieder häufig im Zentrum des Geschehens.

Blerim Dzemaili (2) – Auch in St. Gallen läuft Dzemaili wie schon in Basel häufig der Musik hinterher, wie das Kleinste in der Familie, das den älteren Geschwistern hinterherhechelt. Wenn es jeweils den Ort erreicht, wo die Geschwister etwas entdeckt hatten, sind diese bereits wieder weitergezogen. So wirkt es aktuell in vielen Szenen beim FCZ: wenn Dzemaili am eigenen Strafraum anlangt, haben seine Kollegen soeben mit Ach und Krach ohne ihn die Situation geklärt und den Angriff gestartet. Wenn Dzemaili diesem dann Richtung gegnerischen Strafraum folgt, dann läuft bei seiner Ankunft dort bereits wieder der St. Galler Gegenangriff. In der 2. Minute ist es Dzemaili, der in einer hoch stehenden Mannschaft Basil Stillhart nicht energisch genug angreift, so dass dieser genug Platz und Zeit hat, um den entscheidenden Pass zum 1:0 für Kwadwo Duah optimal hinter die Zürcher Abwehr zu spielen. Bereits ab der 7. Minute bewegt sich Dzemaili sehr langsam in der Rückwärtsbewegung, nachdem ihm in der Szene zuvor ein Ball in aussichtsreicher Position versprungen ist. Beim ersten St. Galler Corner ist Dzemaili der einzige Zürcher, der seinen Gegenspieler (Stergiou) komplett aus den Augen verliert. Beim Zürcher Anstoss nach dem St. Galler 2:0 in der 10. Minute versucht er wie ein übermütiger Jungspund ein Dribbling durch die Mitte gegen eine grosse St. Galler Übermacht, woraus sich ein potentiell gefährlicher Gegenangriff der Grünweissen ergibt. Eine Minute später lässt er den ballführenden Lukas Görtler ziehen. So zieht sich das über die ganzen 83 Minuten Einsatzzeit weiter.

In der 2. Halbzeit kommt der FCSG zu weniger Torchancen, als man in Normalfall von einem Heimteam im Rückstand erwartet, aber wenn, ergibt sich für die Grünweissen meist eine Möglichkeit, weil Dzemaili nicht auf seiner Position ist – oder wie in der 79. Minute von Quintilla getunnelt wird, was Staubli eine hervorragende Abschlussposition eröffnet. Gleichzeitig lässt Dzemaili auch im Kybunpark immer wieder seine Klasse und Erfahrung aufblitzen und ist an allen drei Toren entscheidend beteiligt, wenn auch beim zweiten mit einem verunglückten Freistoss. Ausserdem bemerkt Dzemaili kurz vor seiner Auswechslung bei einem St. Galler Eckball als Einziger, dass der eingewechselte Staubli keinen Gegenspieler gegen sich hat und beordert Tosin, dies zu übernehmen. Der aktuelle Dzemaili erinnert in vielerlei Hinsicht an Denis Popovic, der im Alter von knapp 30 Jahren mit Trainingsrückstand nach Zürich gekommen war. Dieser brachte ebenfalls viel Erfahrung mit, war spielerisch stark und schlug ausgezeichnete Standards, war aber in seinem damaligen Zustand für die Super League zu langsam. Die Unterschiede zwischen Dzemaili und Popovic liegen im unterschiedlichen Status in Verein und der Mannschaft. Ausserdem hat Dzemaili den Vorteil, dass seine Mitspieler mittlerweile defensiv disziplinierter auftreten, als es zu Popovic-Zeiten der Fall gewesen war, und damit sein fehlendes Laufvermögen teilweise ausgleichen können. Die Causa Dzemaili wird für den FCZ zu einer zusätzlichen Prüfung, die man sich trotz des im Spätherbst gut funktionierenden zentralen Trios Doumbia – Domgjoni – Marchesano auferlegt hat. Ist Blerim wie ursprünglich befürchtet zu spät zum FCZ zurückgekommen, oder kann er stattdessen der Mannschaft doch noch einen Schub verleihen?

Ousmane Doumbia (5) – Ein Auftritt mit Aufs und Abs, hat sich im Vergleich zu seinem schlechten Spiel gegen Vaduz aber gesteigert und muss viele Löcher stopfen.

Aiyegun Tosin (6) – Der Kybunpark ist wohl das Stadion in der Schweiz, wo Tosin bisher seine besten Leistungen gebracht hat, aber nach dem katastrophalen Auftritt gegen Vaduz beginnt er auch hier in wenig erbaulicher Art und Weise. Drei Tage zuvor hatte der Nigerianer durch ein „dummes Foul“ an Sandro Wieser im eigenen Strafraum eigentlich einen Penalty verursacht, der aber nicht gepfiffen wurde. Und nun foult er in der 10. Minute auf eine ähnlich unnötige Art und Weise in der eigenen Platzhälfte den St. Galler Ruiz. Der fällige Freistoss führt zum 2:0 der Grünweissen. In der ersten halben Stunde geht es in ähnlichem Stil weiter mit Fehlpässen und verlorenen Zweikämpfen. Danach steigert sich Tosin allerdings deutlich, und hilft mit einer defensiv disziplinierten Leistung wesentlich mit, die durch Dzemaili entstandenen Lücken zu stopfen. Nach vorne hat er wie zuletzt immer seine besten Szenen in der Phase, wo er im Zentrum spielt. Tosin (wenn er wieder einsatzfähig ist) im Sturmzentrum zu bringen und Ceesay dafür auf dem linken Flügel, wo der Gambier seine Schnelligkeit optimal ausnutzen kann, scheint eine durchaus interessante Option zu sein – zumal auch ein nomineller linker Flügel als Zielspieler für die hohen Bälle Yannick Brechers dienen kann.

Antonio Marchesano (8) – Marchesano ist der Einzige aus dem Zürcher Mittelfeld, der im Gegenpressing dem Ball mit ähnlich viel Intensität nachhetzt, wie ein Ruiz, Görtler oder Stillhart bei St. Gallen. Doumbia ist im Vergleich dazu eher der (ebenfalls wichtige) Antizipator im Rückraum. An allen drei Toren ist Marchesano entscheidend beteiligt. Beim ersten gewinnt er bei einem Zweiten Ball das Laufduell und den Zweikampf mit Quintilla und bedient den freistehenden Dzemaili, welcher Ceesay in die Tiefe schickt. Der am Ursprung des Treffers stehende Marchesano verwandelt dann den Penalty nach Fazliji-Foul gleich auch noch selbst. Beim zweiten Treffer glaubt er an eine Chance, macht den Weg in den Strafraum und steht daher beim Zigi-Fehler am richtigen Ort und kann dank seiner Technik den Ball direkt im St. Galler Gehäuse versenken, bevor ein Gegenspieler eingreifen kann. Auch am Ursprung des dritten Treffers steht Marchesano mit seinem Forechecking zusammen mit Ceesay nach einem St. Galler Einwurf und seinem anschliessenden gewonnenen Zweikampf gegen Kwadwo Duah, den er zu einem aus St. Galler Sicht fatalen Fehlpass in die Füsse von Dzemaili bewegt. Mit sieben Treffern ist der Tessiner mittlerweile klar bester Zürcher Torschütze – und er trifft in vielfältiger Art und Weise. Er versteht sich auf dem Platz fast blind mit seinem ungleichen Bruder Assan Ceesay, was man von anderen Teamkollegen nicht unbedingt behaupten kann.

Salim Khelifi (7) – Nach den Niederlagen in Chiasso, Bern und gegen Vaduz, gewinnt der FCZ in dieser Saison erstmals Punkte, wenn Salim Khelifi auf dem Platz steht. Sicherlich eine seiner besten Leistungen im Zürcher Trikot bisher. Neben seinem Siegtreffer mit drei, vier weiteren starken Offensivaktionen, arbeitet zudem defensiv disziplinierter mit, als in der Vergangenheit. Allerdings kam Gegner St. Gallen Khelifis Spielstil entgegen. Ob Khelifi auch gegen statischere Gegner seine Bilanz als einem der unkonstantesten und defensiv schwächsten Flügel der Liga ablegen kann, muss sich erst noch weisen.

Wilfried Gnonto (1) – Ein fast völlig verunglückter mehr als zwanzigminütiger Auftritt. Verhält sich sowohl offensiv wie defensiv zu passiv sowie unaufmerksam und fällt mehrheitlich die falschen Entscheidungen.

Fabian Rohner (10) – Wie schon gegen Vaduz holt er ein Maximum aus seiner viertelstündigen Einsatzzeit heraus und trägt vor allem mit seinen beherzten Läufen und Tacklings in der Rückwärtsbewegung wesentlich dazu bei, dass St. Gallen zu keinem echten Schlussspurt mehr ansetzen kann.

Toni Domgjoni (10) – Zeigt sich erneut in ausgezeichneter Verfassung und verhindert in noch vielfältigerer Art und Weise als Rohner mit seiner konsequenten Laufarbeit, Spielintelligenz, gewonnenen Zweikämpfen und feiner Technik auf engem Raum ein St. Galler Aufbäumen in der Schlussphase. Nicht unwesentlich dank den eingewechselten Domgjoni und Rohner, die schon seit Juniorenzeiten gut zusammen agieren, bringt der FCZ die drei Punkte nach Hause.

Trivia

Der früher zu den schlechteren und vor allem einseitigsten Schiedsrichtern der Liga gehörende Lukas Fähndrich scheint sich in den letzten Monaten gesteigert zu haben, wie sich auch in St. Gallen wieder zeigt. Als Torhüter hätte es der FIFA-Referee (seit 2019) hingegen wohl nicht weit gebracht. Obwohl der Luzerner bei Freistössen seinen Butanspray generös einsetzt und einen langen Streifen auf den Boden malt, liegt der 36-jährige mit seiner Einschätzung der Positionierung der Mauer durch die Torhüter mehrmals kolossal daneben. Das Bild der wiederholt deutlich neben der temporär eingezeichneten weissen Linie stehenden Mauer entbehrt nicht einer gewissen Komik.

Eine weitere Flugstudie von „Air Jérémy“ Guillemenot nach einem berührungsfreien blitzsauberen Tackling durch den staunenden Ousmane Doumbia (Standbild: Blue)

Telegramm

FC ST. Gallen – FC Zürich 2:3 (2:3)
Tore: 2. Duah (Stillhart) 1:0, 10. Stillhart (Quintilla) 2:0, 16. Marchesano (Penalty. Ceesay) 2:1, 38. Marchesano 2:2, 45.+2 Khelifi (Dzemaili) 2:3.
FCZ – Brecher; Winter, Nathan, M. Kryeziu, Aliti; Dzemaili (83. H. Kryeziu), Doumbia; Tosin, Marchesano (70. Gnonto), Khelifi (76. Rohner); Ceesay (83. Domgjoni).
St. Gallen – Zigi; Kräuchi (80. Ribeiro), Stergiou, Fazliji, Cabral (76. Staubli); Quintilla; Görtler, Ruiz (46. Diarrassouba); Stillhart; Guillemenot (46. Babic), Duah (46. Youan).

Wenn die Routiniers beim FCZ nach der Pause doch nur halbwegs so vif gewesen wären, wie der Zürcher Balljunge, der etwa eine halbe Minute vor dem St. Galler 2:1 Lukas Görtler umgehend den Ball zuwarf! Der FCZ geriet durch den schnell ausgeführten Einwurf in Verlegenheit (Omeragic war noch mit Organisieren beschäftigt). Schon nach wenigen Sekunden des zweiten Durchganges stellte sich beim Kommentatorenteam von Züri Live auf der Tribüne ein ungutes Gefühl in der Magengegend ein. Kramer verschätzte sich bei einem langen Ball, und Kololli lief diesem und den Gegenspielern plötzlich wieder in seiner unmotiviert wirkenden Art und Weise von letztem Jahr hinterher. Auch Marchesano machte beim nächsten hohen Ball nicht mal den Versuch, den Gegenspieler etwas zu stören. Anschliessend verlor Kololli einen weiteren Ballbesitz im Duell mit Stergiou, weil er sich aus alter Gewohnheit wieder zu stark mit dem Gegenspieler und zu wenig mit dem Ball beschäftigt hatte. Dann ein unpräziser Steilpass Marchesanos für Kramer, der ebenfalls vom 18-jährigen Stergiou abgelaufen wurde. Anstatt sofort ins Gegenpressing zu gehen, trabte Marchesano schon in der dritten Minute nach der Pause leicht resigniert in eine andere Richtung. Kololli und Kempter verhielten sich auf der Seite dann zu passiv gegen Görtler und Demirovic – und in der Mitte passte Nathan die entscheidende Zehntelssekunde nicht auf – Brecher vermochte am nahen Pfosten den Winkel zum Ball auch nicht mehr zu verkürzen.

Nach der Partie lag ein Fokus der Berichterstattung und der Einschätzungen auf den Abwehrfehlern von Nathan. Der Brasilianer war sicherlich gleich nach dem Restart deutlich besser drauf, als ihm vor allem in St. Gallen eine Top-Partie gelang , wo er unter anderem am nahen Pfosten einen fast sicher geglaubten Treffer von Ermedin Demirovic verhinderte. Trotzdem hatte Nathan auch diesmal einige gute Aktionen gegen St. Gallen und der Leistungsabbau mehrerer anderer FCZ-Akteure war eklatanter sowie entscheidender für die schlechte Zweite Halbzeit. Vom seine Form suchenden Antonio Marchesano und Blaz Kramer kam sowohl offensiv wie auch defensiv klar zu wenig, Hekuran Kryeziu verzettelte sich im Mittelfeld. Sogar Michael Kempter war erstmals seit dem Restart unter dem Strich ungenügend. Dieser wurde genauso wie Kevin Rüegg durch die beiden St. Galler Flügel Ribeiro und Bakayoko im 4-3-3 der Ersten Halbzeit stärker zurückgebunden, als sonst jeweils gegen den gleichen Gegner. Die Einwechselspieler Sohm und Schönbächler machten die Situation eher noch schlechter. Wirklich gut war nur Henri Koide (im sechsten Einsatz zum zweiten Mal MVP).

Die Partie hatte diesmal ein deutlich tieferes Niveau, als die zum Teil hochstehenden bisherigen Direktbegegnungen der beiden Teams in dieser Saison. Die Präzision, Intensität und defensive Geschlossenheit liess auf beiden Seiten zu wünschen übrig – auf Seiten des FCZ letztendlich unter dem Strich noch mehr als beim Gegner. Der FCSG griff bei weitem nicht so hoch und aggressiv an, wie sonst jeweils, so dass die Anzahl Ballverluste im eigenen Drittel des Spielfeldes beim FCZ so tief wie noch nie in dieser Saison gegen die Ostschweizer war. Auf der einen Seite gewannen die Zürcher gegen ebenfalls nicht sattelfeste St. Galler so viele Offensivduelle wie noch nie in dieser Saison – abgesehen vom 3:0-Heimsieg gegen Luzern im November. Andererseits war der Anteil gewonnener Defensivzweikämpfe sehr tief und abgesehen von der 1:4-Niederlage in Genf im Februar liessen die FCZ-Feldspieler in der aktuellen Spielzeit noch nie so viele Schüsse aufs eigene Tor zu – in der Zweiten Halbzeit war das Schussverhältnis 1:16. Die FCZ-Quote der gewonnenen Luftduelle war hingegen wiederum sehr hoch. Aufgrund der guten 1. Halbzeit vermochte der FCZ mit 1,83 den höchsten Expected Goals-Wert seit dem Auswärtssieg in St. Gallen zu verzeichnen. Sieht man zudem vom Penalty in der 2. Minute ab, hatte der FCSG trotz grosser Überlegenheit im zweiten Durchgang insgesamt keinen höheren Expected Goals-Wert als der FCZ zu verzeichnen.

Lift off! We have a lift off… Das Flugi der „Air Jérémy“ breitet im Zürcher Strafraum seine Flügel aus und hebt ab – es gibt Penalty.

Dass dieser Penalty nach 38 Sekunden Spielzeit von Schiedsrichter Jaccottet gepfiffen und von VAR Esther Staubli nicht im Detail angeschaut wurde, ist unverständlich. Jérémy Guillemenot steht im Strafraum auf die Zehenspitzen und hebt ab wie ein Flugzeug beim Start – eine klassische Schwalbe. Der Versuch Nathans, Guillemenot an der Schulter zurückzuhalten, ist so unmerklich, dass dieser ohne Probleme in einer fliessenden Bewegung in die entgegengesetzte Richtung nach vorne abspringen kann. Als Guillemenot bereits in der Luft ist, findet dann auch noch unten eine Berührung statt. In einem normalen Laufduell gäbe es in dieser Situation Druck und Gegendruck, da der Stürmer hier aber bereits abgehoben und keine Bodenhaftung mehr hat, wird er in der Luft natürlich wie ein Stück Holz weggedrückt. Im Fussball, wo sogar leichte Bodychecks erlaubt sind, ist dies sicherlich kein Foul. In der 2. Halbzeit hatte Guillemenot dann die Unverfrorenheit, das Gleiche im Laufduell mit Hekuran Kryeziu gleich nochmal zu versuchen. Wieder pfiff Jaccottet, aber diesmal griff Esther Staubli ein.

Vom Eiskunstlaufen abgeschaute Technik: Guillemenot schleift zur Vorbereitung des Absprungs den rechten Fuss nach, was einen katapultartigen Sprung ermöglicht. Der Genfer fliegt bei seinen Schwalben häufig spektakulär à la Stéphane Lambiel und überschlägt sich in der Luft.

Jérémy Guillemenot ist seit seiner Ankunft in der Super League vor anderthalb Jahren zum unbestrittenen Schwalbenkönig der Liga avanciert. In früheren Zeiten hatte jede zweite Mannschaft einen Spieler, der ab und zu eine Schwalbe produzierte. In den letzten Jahren ist dieses Phänomen in der Liga glücklicherweise stark zurückgegangen. Guillemenot bringt nun die unguten Zeiten gleich im Konzentrat wieder zurück.

Absprung auf den Zehenspitzen: sicheres Zeichen für eine Schwalbe. Aufgrund der VAR-Bilder revidiert Ref Jaccottet seine Entscheidung bei der zweiten Penalty-Schwalbe Guillemenots gegen den FCZ.

Züri Live hat die in der Datenbank gespeicherten letzten 21 für Guillemenot gepfiffenen Freistösse und Penalties angeschaut: sage und schreibe 15 davon entpuppten sich als Schwalben! Nur fünf Freistösse und ein Penalty waren korrekt gepfiffen. Selbst in diesen sechs korrekt gepfiffenen Fällen war Guillemenot jeweils nur darauf aus, ein Foul zu provozieren. Es ist die Strategie, die er entwickelt hat, um seine fehlende Schnelligkeit zu kompensieren: Guillemenot wartet, bis der Gegenspieler nahe dran ist, spielt den Ball leicht nach vorne und stoppt dann abrupt ab, damit der Gegenspieler in ihn reinläuft. Nur ein einziges Mal von diesen 21 untersuchten gepfiffenen „Fouls“ liess sich Guillemenot zudem NICHT in seiner typischen Art theatralisch fallen.

Monatsstatistik der an Jérémy Guillemenot verübten gepfiffenen „Fouls“

Es ist peinlich für die Super League, dass der Genfer in St. Galler Diensten die Schiedsrichter landauf landab nun schon seit anderthalb Jahren zum Narrren hält und diese bis heute nichts gelernt zu haben scheinen. Was wird denn in den vielen individuellen Feedbacks und Workshops thematisiert, wenn nicht so etwas? Schon zu Beginn der Saison fiel mit Adrien Jaccottet der gleiche Schiedsrichter auf eine Schwalbe Guillemenots im St. Jakob Park herein und pfiff in der 80. Minute einen für den weiteren Verlauf der Meisterschaft wegweisenden Penalty zum 2:1-Sieg St. Gallens beim FC Basel. Wohlgemerkt: Jaccottet pfiff hier gegen das Team, von dem er in jungen Jahren selbst Fan war! Die ganze Sache hat definitiv nichts mit der Bevorteilung einer Mannschaft zu tun, sondern schlicht mit der fehlenden Fähigkeit, die Schauspielkunst Guillemenots als solche zu erkennen. Ob Eray Cömert in der Szene Guillemenot beim Versuch den Ball wegzuschlagen berührt hat oder nicht, ist im TV-Bild schwierig zu erkennen. Was klar erkennbar ist: Guillemenot fiel nicht wegen Cömert hin, sondern er liess sich selbst fallen.

Komm in meine Arme! Abspringen. mit dem rechten Fuss den Kontakt zu Cömert suchen, Arme ausbreiten, Lächeln. Guillemenot täuscht bereits Anfangs Saison Schiedsrichter Jaccottet mit einer Schwalbe – der Penalty bedeutet den 2:1-Siegtreffer St. Gallens in Basel.

Da solche Spieler wie Guillemenot höchst selten geworden sind, müssen sich die Schiedsrichter erst wieder dran gewöhnen und sich über einige Grundprinzipien klar werden. Hebt ein Spieler auf den Fussspitzen ab, kann man mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass es sich um eine Schwalbe handelt. Schiedsrichter Dudic hat dies in der Partie Lugano-FCZ bei Jonathan Sabbatini erkannt, der in der gleichen Art und Weise bereits im ersten Saisonspiel im Letzigrund gegenüber Alain Bieri einen Penalty erschleichen wollte – damals erfolgreich. Ein Foul ist immer ein Bruch des Bewegungsablaufes, die Extremitäten fliegen in alle Richtungen, der Stürmer landet unsanft und vor allem unelegant. Ist es hingegen eine fliessende Bewegung mit schön geordneten Armen und Beinen wie auf einem gemalten Bild, handelt es sich um einen gewollten Bewegungsablauf und somit (fast) sicher um eine Schwalbe.

Unglaublich aber wahr! Auch dieser „Soldat wird in dramatischem Kriegsfilm von hinten erschossen“-Sturz im Hollywood-Stil (wieder gegen Cömert, diesmal im Kybunpark) wird von Urs Schnyder als Foul taxiert.

Guillemenot verwendet Techniken vom Bodenturnen, dem Eiskunstlauf und der Skiakrobatik für seine Absprünge, und um deren optische Wirkung zu verstärken. Er schafft es mit diesen Effekten und Illusionen trotz der Offensichtlichkeit seiner Schwalben immer wieder, dass die Schiedsrichter wie verzaubert automatisch ihre Trillerpfeifen zum Mund führen. Guillemenots Schauspielkunst ist so ausgefeilt, dass manchmal selbst der Gegenspieler unsicher ist, ob er vielleicht doch ein Foul begangen hat.

Machtlos gegen die Schwerkraft – auch Leonardo Bertone vom FC Thun bestaunt verwundert die innige Beziehung Guillemenots zur Mutter Erde.
Kein Witz! Jérémy Guillemenot sinkt in heimischen Genfer Gefilden ins Gras. Fedayi San sieht hier ein Foul.
Ausnahmsweise korrekt – Simon Grether trifft Jérémy Guillemenot knapp im Strafraum ungeschickt am Fuss. Hier kann man pfeifen, auch wenn Guillemenots stilechte Flugeinlage einen zusätzlichen Einfluss auf die Entscheidung von Schiedsrichter Fähndrich gehabt haben dürfte.

FC Zürich – St. Gallen 1:3 (1:1)
Tore: 2. Quintilla (Penalty, Guillemenot) 0:1, 16. Kololli (Koide) 1:1; 48. Itten (Demirovic) 1:2, 75. Guillemenot (Görtler) 1:3.
FCZ – Brecher; Rüegg, Nathan, Omeragic, Kempter (77. Sohm); Domgjoni, H. Kryeziu; Koide, Marchesano (67. Schönbächler), Kololli; Kramer.
St. Gallen – Zigi: Hefti, Stergiou, Letard (46. Fazliji), Muheim; Görtler (80. Rüfli), Quintilla, Staubli (46. Staubli); Ribeiro (46. Itten), Guillemento, Bakayoko (46. Demirovic).

(Standbilder: Teleclub)

Gegen den FC St. Gallen, der mit drei Siegen (darunter ein 4:1 gegen YB) in den letzten vier Partien zum Ende der Saison 18/19 nochmal in Fahrt gekommen war, war es wie zuletzt immer ein offener Schlagabtausch und eine abwechslungsreiche Partie vor mehr als 12’000 Fans im Letzigrund. Im Vergleich zum 0:3 in Luzern zeigte der FCZ eine deutliche Reaktion, speziell auch folgend auf den 0:1-Rückstand in der 16. Minute durch Jérémy Guillemenot. Letztmals gegen den FCZ getroffen hatte Guillemenot vor vier Jahren gleich drei Mal in zwei Spielen mit der Servette U18 gegen die von Ludovic Magnin trainierte FCZ U18 mit unter anderem Kevin Rüegg, Toni Domgjoni und Mirlind Kryeziu. Ebenfalls ein Tor erzielte in jenen Spielen Guillemenots damaliger wie heutiger Teamkollege Dereck Kutesa, der wie manch anderer St. Galler Akteur gegen Ende der Saison immer mehr in Bestform gekommen ist. An der Seite des neuen Innenverteidigerduos Nuhu/Vilotic vermochte Silvan Hefti über die rechte Seite Druck nach vorne zu machen.

Zum Ende der Partie wurde sogar Stürmer Cédric Itten nach langer Verletzungspause noch kurz eingewechselt, um das 2:1 zu erzwingen, mit welchem aufgrund der Punktverluste Luzerns und Luganos in den Parallelspielen die Ostschweizer die Gruppenphase der Europa League direkt erreicht hätten. Umso mehr soll gewürdigt werden, wie respektvoll sich die St. Galler bei der Auswechslung Alain Nefs und dessen Verabschiedung nach 336 Wettbewerbsspielen im FCZ-Dress (inklusive Testspiele 440 Partien) verhielten. Es war gleichzeitig auch der Moment, als durch den Abpfiff der anderen Partien klar wurde, dass es für den FCZ selbst bei einem Sieg nicht mehr auf einen für die Europa League-Qualifikation berechtigenden Platz reichen würde.

Der Auftritt des Teams von Cheftrainer Magnin und des scheidenden Assistenztrainers Van Eck war erfrischend und engagiert. Speziell das neu formierte Mittelfeld mit Simon Sohm (zum zweiten Mal nach der Auswärtspartie vor drei Wochen in Basel Züri Live-MVP) und Toni Domgjoni im Zentrum wirkte um zwei Stufen besser als dasjenige, welches in Luzern angetreten war. Die beste Durchschnittsnote vom 3:0-Sieg gegen Thun wurde mit 7,6 sogar nochmals übertroffen – 75 Top-Offensivaktionen sind zudem ebenfalls Saisonrekord. Viel dazu beigetragen hat unter anderem Antonio Marchesano, welcher bereits in Luzern zu den wenigen positiven Erscheinungen gehört hatte und zuletzt vier Mal in Folge mehr als 10 Top-Offensivaktionen hatte. Berücksichtigt werden muss allerdings auch, dass St. Gallens Spielstil gerade dem sich immer wieder suchenden Duo Marchesano/Schönbächler deutlich besser entgegenkommt, als derjenige Luzerns.

Wichtig war zudem, dass die Fehlerquote im Vergleich zur Luzern-Partie reduziert werden konnte, auch wenn sie bei Marchesano, Schönbächler, Bangura und vor allem Kharabadze immer noch zu hoch war. Der Georgier war immerhin nach einer schnellen Spielauslösung von Brecher über Sohm mit einer guten Flanke am Ausgleichstreffer Salim Khelifis (starke Direktabnahme) beteiligt. Es war Khelifis siebtes Saisontor – zuletzt hatte er im Februar gegen Luzern und Kriens innerhalb weniger Tage je einmal getroffen. Nach einem Ballverlust Schönbächlers in der gegnerischen Hälfte liess sich Kharabadze aber in der 16. Minute in der Rückwärtsbewegung zu viel Zeit, und schaffte es nicht mehr auf seine Position zurück, worauf Bangura aushalf, aber den Führungstreffer Guillemenots nicht zu verhindern vermochte. Kharabadze und Bangura liessen zudem bei einer sehr guten Torchance St. Gallens bei einem Eckball in der Zweiten Halbzeit ihren Gegenspielern Barnetta und Rapp zu viel Freiraum. Auf der anderen Seite hätte der FCZ nach einem Foul Nuhus an Odey im St. Galler Strafraum einen Penalty erhalten müssen (siehe Standbild). Es war ein weiterer in einer ganzen Reihe von klaren Penaltys, die dem FCZ in dieser Rückrunde im «Südkurven-Strafraum» des Letzigrunds verwehrt worden sind.

FCZ – St. Gallen 1:1 (0:1)

Tore:  16. Guillemenot (Barnetta) 0:1, 50. Khelifi (Kharabadze) 1:1.

FCZ: Brecher; Omeragic (73. Untersee), Nef (90. Pa Modou), Bangura, Kharabadze; Khelifi, Sohm, Domgjoni (79. Kololli), Schönbächler; Marchesano, Odey.

St. Gallen: Stojanovic; Hefti, Nuhu, Vilotic, Wittwer; Quintilla (88. Itten); Sierro, Ashimeru; Kutesa (71. Bakayoko), Guillemenot (71. Rapp), Barnetta.

(Standbild Odey: SRF)

Der FCZ II zeigte über weite Strecken eine gute Leistung und war mit der Heimniederlage gegen Servette am Ende schlecht bedient. Vorwerfen lassen muss sich die Mannschaft sicherlich in erster Linie die Harmlosigkeit im Abschluss. Das Team von Trainer Artur Petrosyan begann mit einer Dreierabwehr, in welcher in der Anfangsphase speziell Michael Kempter immer wieder Endstation für Servette-Angriffsversuche war.

Als Kempter bereits angeschlagen auf der Bank sass und der FCZ in Unterzahl agierte, fiel entgegen dem Spielverlauf der Führungstreffer für Servette. Di Gregorio hatte zeitweilig Kempters Position halblinks in der Abwehr eingenommen, Maouche lief diesen im Strafraum an, lief auf und liess sich über das Bein des sich nicht von der Stelle rührenden Di Gregorio fallen. Schiedsrichter Bosnic fiel darauf herein und gab Strafstoss, bei welchem Ex-Nationalspieler Matias Vitkieviez Novem Baumann verlud.

Diego Zoller kam daraufhin für Kempter in die Partie, womit sich auch das Spielsystem wieder auf eine Viererabwehr änderte. Zoller führte sich gut ein und verzeichnete viele Ballgewinne. Der FCZ war weiterhin die bessere Mannschaft ohne allerdings zu wirklich zwingenden Torchancen zu kommen. Auf der Gegenseite war Servette nur dann gefährlich, wenn sie von Unsicherheiten des FCZ-Torhüters Baumann profitieren konnten. Drei Mal musste ein Zürcher Feldspieler für den wenig überzeugenden Keeper auf der Linie klären – beim dritten Mal, nach einem Berisha-Eckball von rechts und dem Kopfball des Algerischen Nationalspielers Cadamuro in der 42.Minute, entschied Schiedsrichter Bosnic auf Initiative seines direkt vor dem Servette-Fanblock postierten Assistenten für alle Beteiligten überraschend auf Tor. Baumann war wieder am Ball vorbeigesegelt, aber es ist eher unwahrscheinlich, dass bei der Rettungstat Di Gregorios der Ball wirklich mit vollem Umfang über der Linie war.

Nach der Pause dominierte der FCZ die Partie in Überzahl während rund 20 Minuten nach belieben. Als sich aber der Torerfolg nicht einstellen wollte, verpuffte der Elan und die Kraft immer mehr – der Weitschuss von Gazzetta zum 3:0, welcher Keeper Baumann auf dem falschen Fuss erwischte, war dann der Sargnagel auf die Zürcher Hoffnungen einer wahrscheinlich einmaligen Affiche auf dem Heerenschürli mit zahlreich angereisten Servette-Fans vor allem aus der Deutschschweiz, aber auch prominenten Zuschauern wie Michel Pont oder Ivan Benito. Servette’s Zukunft liegt im Minimum in der Challenge League. Dies umso mehr, als Tabellenführer Cham hat verlauten lassen, dass sie nicht aufsteigen wollen. Der engste Verfolger des zweitplatzierten Servette ist Kriens. Die Luzerner haben aber eben gerade dieses Wochenende den Spitzenkampf in Cham mit 1:2 verloren. Auch die direkten Konkurrenten des FCZ im Abstiegskampf konnten nicht punkten, und so bleibt das «Zwei» zur Zeit knapp über dem Strich auf dem 14.Platz klassiert.

FC Zürich II – Servette FC 0:3 (0:2)
Heerenschürli – 400 Zuschauer – SR Bosnic

Tore: 22. Vitkieviez (Penalty, Maouche) 0:1, 42. Cadamuro (Berisha) 0:2, 83. Gazzetta (Guillemenot) 0:3

FC Zürich II: Baumann; Stettler, Gebistorf, Kempter (23. Zoller); Von Niederhäusern (64. Ribeiro), Ben Balla, Cirelli, Di Gregorio; Dominguez (70. Janjicic), Salija; Pagliuca.

Servette FC: Gonzalez; Sauthier, Mfuyi, Cadamuro, Faug-Porret; Vitkieviez (84. Pont), Maouche, Hasanovic, Caslei, Berisha (78. Gazzetta); Besnard (73. Guillemenot).