Spiel, Gegner und Taktik

Luzern geht im Letzigrund so schnell wie noch nie in der Klubgeschichte der Super League-Ära mit zwei Toren in Front – fünf Minuten und 17 Sekunden. Die Trikots der Innerschweizer sind zwar nicht „königsblau“, sondern eher „vierwaldstätterseeblau“, sie schienen aber trotzdem als Hommage an die Historie eines sich im sportlichen Niedergang befindlichen westfälischen Traditionsvereines den Luzerner Kreisel zu praktizieren und zwar speziell intensiv in der Vorbereitung der beiden Tore auf der linken Angriffsseite ausserhalb des Strafraumes in einem Rechteck von etwa 35 x 15 Metern. Beide Spielzüge, die zu den Toren führten, waren geplant, mit Sorgic und Ugrinic als jeweilige Finisher im Strafraum (das zweite Tor wurde schlussendlich von Schaub erzielt, da Ugrinics Abschluss geblockt wurde). Dazu kam jeweils eine grosse Präsenz im FCZ-Strafraum, auch bei Eckbällen, wo bis zu sieben Luzerner Angreifer gedeckt werden mussten. Beim FCZ waren wie schon in Genf bei gegnerischen Standards Kryeziu, Ceesay, Wallner, Omeragic und Co. mehrmals nicht Herr der Lage, aber diesmal konnte der Gegner nicht davon profitieren.

Vier Luzerner kreiseln auf der linken Seite gegen drei Zürcher in der Vorbereitung des 0:1 durch Dejan Sorgic in der 4. Minute.

Luzern spielt generell gerne über die linke Seite. Gegen den FC Zürich rechnete sich das Team von Fabio Celestini (wie sich zeigte zurecht) gegen das Duo Wallner / Rohner dabei aber speziell viel aus. Die beiden jungen Zürcher kriegten gegen in den Anfangsminuten intensiv „kreiselnde“ Gäste keinen Zugriff. Danach half neben Hekuran Kryeziu auch noch Stürmer Blaz Kramer auf rechts aus, um wieder numerischen Gleichstand gegen meist vier Luzerner herzustellen, womit die Seite etwas stabiler wurde. Vergleicht man den FCZ mit dem ebenfalls im 4-2-3-1 gegen das Luzerner 4-4-2 zu Hause spielende Basel, so fällt ins Auge, dass Jasper Van der Werff deutlich mehr Präsenz und Aggressivität zeigte, als Silvan Wallner. Ausserdem verschob sich die Viererabwehrkette der Basler stärker zur Seite, als die in die Breite gezogenen Zürcher, von Cabral war von Anfang an mehr Unterstützung vorhanden als von Kramer und der FCB spielte generell zu Beginn ein Hohes Pressing und brachte Luzern in der Angriffsauslösung stärker in Bedrängnis. So kam Luzern über die linke Seite, obwohl sie es versuchten, zu Spielbeginn im St. Jakob Park nicht ins „kreiseln“.

„FCZ im Hamsterrad“: Matchkommentare

Zur Pause nahm FCZ-Trainer Massimo Rizzo mehrere starke Retouchen vor. Die Formation wurde auf ein 4-3-3 umgestellt und die Zürcher betrieben während der gesamten Zweiten Halbzeit ein Hohes Pressing, aus welchem nach einem Ballgewinn von Ousmane Doumbia dann auch der Anschlusstreffer Antonio Marchesanos entstand. Mutig und ungewöhnlich, aber aufgrund des Zweitorerückstandes durchaus gerechtfertigt, pressten die beiden Achter Marchesano und Hekuran Kryeziu gegen die beiden Luzerner Innenverteidiger während Mittelstürmer Kramer sich Torhüter Müller vornahm, der Sechser Ousmane Doumbia rückte dabei als „Staubsauger“ dahinter ebenfalls weit auf. Das Mittelfeldtrio verschob sich auch seitlich jeweils stark. Der FCZ wurde so im zweiten Durchgang genauso dominierend, wie Luzern noch in den ersten 45 Minuten gewesen war. Kramer, Khelifi, Gnonto oder Ceesay hatten den aufgrund der Zweiten Halbzeit verdienten Ausgleich noch auf dem Fuss, reüssierten aber nicht.

Personalien

Yanick Brecher (4) – Trägt zum Fehlstart in die Partie seinen Teil bei. Seine Bälle hinten heraus kommen zu Beginn ungenau, was Luzern ausnutzt. Beim 0:2 dreht er sich vor dem Nachschuss Schaubs unnötigerweise um die eigenen Achse.

Silvan Wallner (2) – Einmal eine gute Kopfballverlängerung für Rohner in die Tiefe, aber ansonsten sowohl im Zweikampfverhalten wie auch im Passspiel und selbst bei Einwürfen ungenügend.

Becir Omeragic (3) – Seine Leistungen und Züri Live-Noten bewegen sich im klassischen Zickzack-Kurs – jedes zweite Spiel Note „7“, dazwischen jeweils eine „3“ oder „4“. Agiert in dieser Partie häufig kopflos, hat Ballverluste in gefährlichen Zonen.

Hekuran Kryeziu (6) – Beginnt die Partie als einer der wenigen FCZ-ler gut. Einige wichtige Ballgewinne gegen seinen Stammklub, initiativ im Pressing, spielt vorteilhafte lange Bälle mit Zug. Negativ: verschätzt sich in zwei, drei Situationen.

Ousmane Doumbia (5) – Zu wenig griffig in den Zweikämpfen, kommt im Pressing zu spät, keine „Wand“ im Mittelfeld wie an guten Tagen. Vermeidet eine ungenügende Note mit einer vor allem offensiv starken Schlussviertelstunde.

Fabian Rohner (3) – Nur Blaz Kramer kommt auf Zürcher Seite zu mehr Torchancen, aber insgesamt misslingt „Turbo Fabian“ die Mehrheit seiner Aktionen. Ist zusammen mit Silvan Wallner Teil der rechten Zürcher Seite, die von Luzern als Schwachpunkt ausgemacht und gezielt bespielt sowie mehrmals überspielt wird, fällt vor dem 0:1 die falsche Entscheidung.

Antonio Marchesano (5) – Wirkt lange Zeit mental etwas müde. Kommt mit der Einwechslung von Seiler als Unterstützung im Mittelfeld dann aber deutlich besser in die Partie und erzielt erneut ein Tor.

Wilfried Gnonto (6) – Nach zwei Tiefstnoten hintereinander wieder mal eine genügend bis gute Züri Live-Note. Kommt nach einer Stunde rein, hat seine erste gute Aktion aber erst in der 79. Minute. Dies ist dann aber gleich ein tolles Assist zum 1:2 von Antonio Marchesano und ab da läuft es dem jungen Italiener besser.

Stephan Seiler (10) – Bringt sofort nach seiner Einwechslung mehr Struktur und Spielintelligenz ins Zürcher Aufbauspiel, geht vorne aggressiv ins Forechecking und erobert Bälle. Mit Seiler geht nach dem Kurswechsel zur Pause nochmal ein zweiter Ruck durch die Mannschaft.

Trivia

Der Tscheche Martin Frydek spielt gerne im Letzigrund. So liefert der Linksverteidiger die Vorlage zum 0:1 und gewann damit in der fünften Begegnung mit dem FC Zürich zum dritten Mal mit 2:1 (zwei Mal mit Slovan Liberec, ein Mal mit Luzern), wobei er in allen drei Fällen einen Skorerpunkt beisteuerte.

72. Minute: Nathan holt sich mit grossem Kampfgeist in der gegnerischen Hälfte den Ball zum zweiten Mal hintereinander ohne ein Foul zu begehen von Silvan Sidler zurück. Ref Alain Bieri gibt ungerechtfertigterweise Freistoss und Gelb gegen Nathan. Antonio Marchesano und Wilfried Gnonto können die Entscheidung von Bieri nicht verstehen, Gnonto breitet die Arme aus und sagt vermutlich etwas nicht Astreines. Nathan ärgert sich extrem über Gnonto und staucht diesen zusammen. Bieri, wohl in der Meinung, Nathans Tirade hätte ihm gegolten, zeigt Nathan Gelb-Rot. Nach Protesten der Zürcher und Meinungsäusserungen von Luzern-Goalie Marius Müller sowie Bieris Assistenten nimmt dieser die zweite Gelbe Karte wieder zurück – Nathan darf auf dem Platz bleiben.

In der Schlussphase kam der FC Luzern so stark unter Druck, dass Filip Ugrinic in der Hektik um ein Haar im eigenen Strafraum ein Handspiel unterlief.
„Sterneis hat gesagt, es muss etwas passieren“: Match-Highlights

Telegramm

FC Zürich – Luzern 1:2 (1:1)
Tore: 4. Sorgic (Frydek) 0:1, 6. Schaub (Ugrinic) 0:2; 78. Marchesano (Gnonto) 1:2.
FCZ – Brecher; Wallner (86. Khelifi), Omeragic, Nathan, Aliti; H. Kryeziu (60. Seiler), Doumbia; Rohner (60. Gnonto), Marchesano, Ceesay; Kramer.
Luzern – Müller; Sidler, Knezevic, Burch (65. Lucas), Frydek; Tasar (63. Schürpf), Wehrmann (84. Emini), Ugrinic, Ndiayé (84. Alounga); Schaub, Sorgic.

(Standbilder: Blue)

Der Respekt vor Aufsteiger Vaduz in der Liga ist stark gewachsen. Dies zeigt sich unter anderem daran, dass zuletzt sowohl YB, als auch Lugano ihre taktische Formation im Spiel gegen die Liechtensteiner komplett umgestellt haben, um dem massierten Mittelfeld des Frick-Teams genügend Power entgegensetzen zu können – gereicht hat es in beiden Fällen trotzdem nur zu einem Unentschieden. Gar verloren hat die Partie gegen den FCV im Letzigrund der FC Zürich und dies obwohl Trainer Massimo Rizzo seine taktische Grundformation nicht geändert, sondern „nur“ im detailtaktischen Bereich Anpassungen vorgenommen hatte. Jetzt kommts nur 10 Tage später bereits zur „Revanche“ ennet des Rheins.

Bei den Rheintalern ist der zuletzt in Lugano gesperrt gewesene Sandro Wieser jetzt verletzt. Ausserdem freut man sich im Rheinpark, dass der wichtige Stürmer Mohamed Coulibaly im Cornaredo mit einem Teileinsatz sein Comeback feiern konnte und auch gegen den FCZ auf der Ersatzbank sitzt. Dort konnte das Frick-Team nach einem Einwurf sehr früh durch Joël Schmied auf Vorlage von Abwehrchef Yannick Schmid in Führung gehen. Vaduz ist somit in den letzten drei Spielen ungeschlagen.

Der FCZ hatte gegen YB nach der sehr guten Partie in Bern zum Saisonauftakt mit einem Schussverhältnis von 6:21 im Letzigrund zuletzt gefühlt einen Eückfall in die schlechtesten Phasen der vergangenen Saison. Beim Rizzo-Team beginnt heute mal Hekuran Kryeziu im MIttelfeldzentrum neben Blerm Dzemaili.

Massimo Rizzo hat vor der Nati-Pause „seine Mannschaft“ gefunden, muss in Sion nun aber auf Aiyegun Tosin und Ousmane Doumbia verzichten. Auch Lasse Sobiech ist nach seiner krankheitsbedingten Absenz noch nicht dabei, Assan Ceesay ist hingegen zumindest als Joker wieder dabei. Erwartungsgemäss erhalten Marco Schönbächler und Hekuran Kryeziu an Stelle von Tosin und Doumbia eine Chance von Beginn. Nils Reichmuth ist zusammen mit Rohner, Seiler, Gnonto, Ceesay, Winter und Baumann auf der Ersatzbank.

Der FC Sion hat bisher erst vier Partien bestreiten dürfen, dabei kaum Gegentore kassiert und nur eine Partie verloren. Weltmeister Fabio Grosso hat in diesen vier Partien drei unterschiedliche taktische Formationen auf den Platz geschickt. Gegen den FCZ scheint er wie zu Saisonbeginn in St. Gallen wieder einmal auf eine Dreierabwehr zu setzen. Neuverpflichtung Guillaume Hoaurau setzt er dabei erneut als Joker ein. Gesetzt ist auf der Sechserposition Rückkehrer Geoffroy Serey Dié, der letzte Woche im Kader der Nationalmannschaft der Elfenbeinküste in der Afrika Cup-Qualifikation stand. Roberts Uldrikis hat hingegen auf eine Reise nach Lettland verzichtet und wird mit einem Startelfplatz an Stelle des Wallisers Gaëtan Karlen belohnt.

Kann der FCZ den Schwung von vor der Nati-Pause mitnehmen?

View Results

Loading ... Loading ...

In einem Fussballverein lange dabei zu sein, bringt den Vorteil mit sich, Vergleiche anstellen zu können zwischen erfolgreichen und erfolglosen Saisons. Genau dies hat FCZ-Präsident Canepa in der kurzen Sommerpause gemacht, und dabei ein Muster entdeckt: «Jedes Mal, wenn Anfangs Saison die Mannschaft die Saisonziele selbst festgelegt hat, dann wurden diese auch erreicht!». Folgerichtig ist es sein spezielles Anliegen, vor der kommenden Saison wieder zu dieser Praxis zurückzukehren. Es soll wieder ein Team-Workshop stattfinden, in welchem die Spieler zuerst in Vierer- bis Fünfergruppen und anschliessend im Plenum gemeinsam ausarbeiten, welche Ziele sie als realistisch und gleichzeitig grosse Herausforderung ansehen. Der Ansatz hat durchaus seine Logik: schlussendlich sind es allein die Spieler, welche das Ziel auf dem Platz dann auch erreichen können – so ein Workshop, richtig umgesetzt, eint die Mannschaft um ein gemeinsames Ziel und schafft intern Verbindlichkeit.

Wenn man sich in Erinnerung ruft, wie die drei zum Titel führenden Cupsaisons, der Wiederaufstieg und gewisse Erfolgserlebnisse im Europacup zustande gekommen sind, dann war dies nie, weil man die besseren Spieler auf seiner Seite hatte. Jedes einzelne Mal war man schlicht hungriger als die jeweiligen Gegner gewesen. Es handelte sich um Willensleistungen, bei welchen das Team spürbar auf einer gemeinsamen Mission war. Letzte Saison gab es zwei Saisonphasen (zweites Saisonviertel, Phase nach dem Lockdown), in welcher sich eine gewisse positive Dynamik eingestellt hatte. Klar besser als der Gegner war man aber auch in diesen Phasen nie. Die positiven Resultate bauten auf einer guten Abschlusseffizienz und einem phasenweise stärkeren Fokus aufs Umschaltspiel auf.

Keine neue Erkenntnis: Konterfussball ist die Stärke des Teams

Schon vor Meisterschaftsstart vor einem Jahr und in der Folge wurde hier auf Züri Live in Artikeln und Live-Übertragungen betont, dass die Mannschaft in dieser Zusammensetzung ihre offensiven Stärken im Umschaltspiel hat. Schnelligkeit ist eine der wenigen Eigenschaften, in welcher dieser FCZ ligaweit überdurchschnittlich ist. Für Ballbesitzfussball sind die Spieler im Kader hingegen fast durchs Band nicht geschaffen. In engen Räumen wirken sie wie ein watschelnder Vogel, der zu wenig Platz hat, um seine Flügel auszubreiten: eine leichte Beute für die Gegner. Das Team verliert aufgrund der motorischen, technischen und teilweise auch mentalen Voraussetzungen seiner Akteure in solchen Situationen zu viele einfache Bälle. Mit der Rückkehr von «Turbo»-Fabian Rohner und Assan Ceesay wird dieses Mannschaftsprofil noch weiter geschärft. Der beste Zürcher Torschütze Blaz Kramer beispielsweise ist ein reiner Konterspieler. Sein «Gerd Müller»-Tor im letzten Spiel gegen Thun gegen einen in dieser Situation indisponierten Nikki Havenaar war eine Ausnahme. Der Slowene konnte sich in den Zweikämpfen und auf engem Raum praktisch nie durchsetzen und ist trotz seiner Grösse schwach in der Luft. Man kann einzig auf seine Lernkurve nach seiner ersten echten Profisaison hoffen.

Der neue sportliche Gesamtverantwortliche Marinko Jurendic räumt dies an der Saisonvorschau-Pressekonferenz gegenüber Züri Live ein: ja, 60% der Tore seien letzte Saison mit Umschaltspiel erzielt worden. Fast alle übrigens aus einer eher tiefen Position heraus mit Ballgewinnen in der Abwehr oder im Mittelfeld, gälte es da noch anzumerken. Zu Saisonbeginn gegen Lugano spielte man im Letzigrund hohes Pressing, welches die Tessiner aushebelten und 4:0 gewannen. Im zweiten Saisonviertel funktionierte das hohe Pressing dann etwas besser. Aber als eine echte Stärke des Teams, wie Trainer Magnin dies sieht, kann man es bisher noch nicht bezeichnen. In der entsprechenden Statistik der letzten Saison liegt der FCZ an fünfter Position hinter St. Gallen und YB, die in dieser Kategorie klar vorne liegen, sowie Servette und Basel. Marinko Jurendic stützt aber trotzdem Magnins Bestreben, mit diesem Team auch Ballbesitzfussball zu spielen. Man müsse beides beherrschen, auch wenn Ballbesitzfussball zu etablieren bei vielen Jungen und personellen Wechseln nicht einfach sei. Auch teilt Jurendic, so wie es aussieht, weitgehend Magnins Haltung, bei einem Spieler stärker auf einzelne herausragende Fähigkeiten zu schauen, als aufs Gesamtpaket. So bringt er gegenüber Kramer, der defensiv bisher ungenügend und offensiv sehr einseitig veranlagt ist, aufgrund dessen Torbeteiligungsquote viel Verständnis entgegen.

Grosser Schritt nach vorne bei Standards und Flexibilität

Aus Züri Live-Sicht muss man bei der Bewertung der letzten Saison einen Unterschied machen zwischen der Entwicklung des Teams insgesamt und der Einzelspieler. Als Team hat man einerseits definitiv Fortschritte bei Standards gemacht – zuerst in der Vorrunde unter anderem mit der Umstellung von Mann- auf Raumdeckung bei Defensivstandards – nach dem Lockdown dann wie aus dem Nichts auch bei Offensivstandards – ein fast schon jahrzehntealtes Problem beim FCZ. Es war wie ein Umdrehen des Spiesses, als hätte man intern eine Liste erstellt mit all den Tricks und Finten, mit welchen die Gegner jahrelang entscheidende Standardtore gegen das Letzigrundteam erzielt hatten – und würde diese Liste nun Punkt für Punkt abarbeiten und in der Offensive glänzend umsetzen.

Ausserdem kann das Team mittlerweile problemlos während eines laufenden Spiels zwischen mehr als einem halben Dutzend Spielsystemen hin und her switchen. Diese Fähigkeit hat der Mannschaft fast jedes Mal geholfen, das Spiel besser in den Griff zu bekommen, und manches Mal dann auch in Sachen Punkteausbeute. Ohne diese Qualität wäre man auf dem Barrageplatz gelandet.

Es fehlt die Qualität für erfolgreichen kontrollierten Spielaufbau

Andererseits fehlte der Mannschaft die Konstanz sowohl über die ganze Saison hinweg, als auch innerhalb eines einzelnen Spieles fast durchgehend. Gut hat der FCZ meist dann gespielt, wenn er mit einer proaktiven Haltung auf den Platz ging – sei es, gegen einen anstürmenden Gegner erstmal stark dagegenzuhalten, oder selbst entschlossen zu attackieren – und immer die erste sich bietende Gelegenheit zu einem Pass, einem Schuss oder einer Balleroberung sofort nutzen zu wollen.

Zu häufig ging man aber mit einer zu abwartenden, zu wenig entschlossenen Haltung auf den Platz. Zu Lucien Favre-Zeiten und weitgehend auch noch unter Challandes war man die spielerisch beste Mannschaft der Schweiz gewesen. Diese Grundhaltung, es zuzulassen, dass der Gegner sich defensiv formieren kann, weil man sich sicher ist, mit der eigenen spielerischen Qualität auch einen solchen Gegner knacken zu können, scheint danach als Erbe zurückgeblieben zu sein. Der Anteil der Spieler im Kader, welche die Kombination von Technik, Beweglichkeit, Antrittsschnelligkeit und Spielintelligenz eines Raffael, César, Alphonse oder Abdi mitbringen, nahm aber mit den Jahren kontinuierlich ab, bis er schliesslich gegen Null tendierte. Einfach nur technisch-spielerisch starke Offensivspieler hatte man mit Chikhaoui, Chiumiento, Buff, Marchesano, Mahi oder Popovic weiterhin immer mit dabei. Aber diesen fehlte allen das eine oder andere wichtige Element, um auf Super League-Niveau mit Ballbesitzfussball eine Überlegenheit etablieren zu können. Der aktuellen Mannschaft geht diese Qualität auf Super League-Niveau bisher fast gänzlich ab. In der Challenge Legue könnte sie auf diese Weise erfolgreich spielen – oder wenn ein eher mässig bestückter Super League-Gegner zusätzlich auch noch einen schlechten Tag erwischt.

Kredit für Omeragic und Sohm wird sich auszahlen

Was die Entwicklung der einzelnen Spieler betrifft, gab es hingegen trotz des Siebten Schlussranges letzte Saison viel Positives zu beobachten. Der zu Saisonbeginn 18-jährige Simon Sohm (2’149 Einsatzminuten) und der damals 17-jährige Becir Omeragic (1’779) wurden zu Stammspielern. Beide zeigten Leistungsschwankungen, aber der FCZ wird in der kommenden Saison davon profitieren, dass man letzte Saison Aufbauarbeit geleistet und auf diese zwei Teenager, die in ihrem Jahrgang zu den talentiertesten der Schweiz gehören, voll gesetzt hat. Man kann erwarten, dass sie das, was sie letzte Saison phasenweise gezeigt haben, nun regelmässiger und mit höherer Konstanz auf den Platz bringen. Bereits eine hohe Konstanz auf den Platz gebracht hat Mittelfeldspieler Toni Domgjoni – was sich schlussendlich auch in seinen Einsatzzeiten niederschlägt (mit 2’599 Minuten die Nummer Eins unter den Feldspielern). Der Dauerläufer und Aggressivleader ist ein Leistungsträger, der nur selten mal einen schlechten Tag erwischt. Wenn es doch mal passiert, erhält er von seinem langjährigen Trainer (abgesehen von ein paar Monaten zwischendurch unter Massimo Rizzo) schon nach zehn Minuten einen Rüffel – und wenn das nicht wirkt, eine kleine Denkpause. Danach ist «die Maschine», wie er auch von gegnerischen Spielern genannt wird, jeweils sofort wieder da.

Der zweite «Toni» im Team, zwar älter und stolzer Vater, aber trotzdem liebevoll «Tonino» genannt, hat sich unter Magnin zur fussballerisch bestmöglichen Version seiner selbst entwickelt. Wer den über weite Strecken seiner Karriere defensivfaulen und deshalb Super League-untauglichen Marchesano in Erinnerung hat, und sieht, wie er heute für die Mannschaft rennt, kämpft und Verantwortung übernimmt, muss davon ausgehen, dass es sich um den von der Mentalität her völlig andersartigen Bruder Marchesanos handeln muss. Dieser Entwicklungsprozess hatte beim Tessiner schon in Biel begonnen, aber erst seit kurzem ist er zu einem Spieler gereift, der in der Super League, Europa League oder in einem Cupfinal die Entscheidung herbeiführen kann. Genauso war die letzte Saison individuell die beste Spielzeit Nathans, seit er in der Schweiz aktiv ist. Er hat in seiner ersten FCZ-Saison an seinen Schwachpunkten gearbeitet, die er bei Servette und GC noch an den Tag gelegt hatte – und spielt heute deutlich zuverlässiger.

Die erstaunliche Wandlung des Benji K.

Der aus Lettland in die Schweiz gewechselte Aiyegun Tosin hat von Anfang an eingeschlagen – ohne Eingewöhnungszeit, welche direkt aus Westafrika zum FCZ transferierte Spieler wie Koné, Britto und teilweise Odey in den letzten Jahren immer wieder gebraucht hatten. Wichtig ist vor allem auch seine defensive Mitarbeit auf der rechten Seite. Nun muss er nach auskurierter Verletzung nur noch seine übliche schwache Viertelstunde, die er in fast jedem Spiel einzieht, noch wegbringen. Die reaktivierten Pa Modou und Kempter schlugen sich über weite Strecken erstaunlich gut. Schönbächler war phasenweise fast wieder «der Alte», Brecher wurde unter Magnin deutlich stabiler – und der aus der Regionalliga in die Super League gewechselte Kramer erzielte mehr Tore, als dies aufgrund seiner Erfahrung und Fähigkeiten hätte erwartet werden können.

Die erstaunlichste Wandlung zum Positiven zeigte aber Benjamin Kololli. So gut, wie zwischen Lockdown und Quarantäne hat der Waadtländer in seiner ganzen Karriere noch nie auch nur annähernd gespielt. Fokussiert! Auch in der defensiven Phase wertvoll! Top-Standards! Schon in den letzten Jahren hatte Magnin den mittlerweile 28-jährigen mehrmals als Sturmspitze ausprobiert: nun setzte er dies endlich regelmässig in der Liga in die Tat um. Damit hatte der FCZ vorne zentral die zuvor vermisste Anspielstation, die den Ball halten kann und gleichzeitig auch noch im Abschluss zu den treffsichersten gehört. Kololli gehört zu denjenigen Spielern, die mit zu viel Zeit und Platz im Spielaufbau schlecht umgehen können – daher tut ihm der erhöhte Druck der Gegenspieler im Zentrum gut. Gegen Saisonende kam mit Henri Koide dann noch ein zweiter Mann, welcher den Ball vorne gut halten kann, hinzu.

Kryeziu & Kryeziu könnens besser

Mimoun Mahi, der nach der Geburt seines zweiten Kindes gemäss Präsident Canepa auf Wunsch der Ehefrau wieder zurück nach Holland gezogen ist, spielte in Zürich eigentlich nicht anders, als davor in Groningen. Nur dass halt seine fehlende Direktheit im Spiel von Anfang an Zweifel geweckt hatte, ob diese Spielweise gegen die im Vergleich mit der Eredivisie defensiv disziplinierteren Super League-Gegner von Erfolg gekrönt sein kann. Wie sich gezeigt hat: eher nicht. Willie Brittos Entwicklung verläuft ebenfalls im erwarteten Rahmen. Nach seiner ersten Saison und 953 Spielminuten im europäischen Fussball kann man erfahrungsgemäss noch keine Wunder erwarten. Der Ivorer bringt bezüglich Dynamik aber gute Voraussetzungen mit. Zum Vergleich: Aiyegun Tosin war schon drei Jahre in Europa mit mehr als 7’000 Spielminuten für Ventspils und unter anderem acht Skorerpunkten in der Europa League-Qualifikation, als er zum FCZ kam. Und Moussa Koné war auch nach mehr als zwei Jahren beim FCZ noch nicht reif und entwickelt genug, um sich einen Super League-Stammplatz zu erkämpfen.

Unzufrieden kann man mit der Entwicklung der beiden Osteuropäer Kharabadze und Popovic sein. Letzterer hat zwar relativ gute Standards geschlagen und seine spielerischen Qualitäten angedeutet, kam aber mit Trainingsrückstand nach Zürich, den er die ganze Vorrunde nie aufzuholen im Stande war. Zudem passte er nicht so gut in die Mannschaft, wie er dies in den Aussenseitermannschaften der Russischen Premier Liga in Orenburg und Samara tut. Levan Kharabadze fand sich auch durch wiederholte Verletzungen kaum mal richtig ins Team und war defensiv auf der Problemseite links keine grosse Hilfe. Dass der Georgier nach seiner vorläufigen Rückkehr nach Tbilisi in Westeuropa nochmal einen zweiten Anlauf nehmen wird, ist trotzdem ziemlich wahrscheinlich. Auch von den beiden «Kryezius» hätte man unter dem Strich eine bessere Entwicklung erwarten können. Bei keinem anderen Spieler braucht es so wenig, um eine starke Leistung in einen schwachen Auftritt zu verwandeln oder umgekehrt, als bei Mirlind Kryeziu. Und Heki ist weiterhin zu stark mit sich selbst beschäftigt, als dass er eine echte Stütze sein könnte. Seine Auftritte in der Zentrale der Dreierabwehr machten aber Hoffnung. Ähnlich wie bei Kololli im Sturmzentrum, ist Kryeziu da in einer rein defensiven Rolle so sehr vom Gegner und den Spielsituationen in seiner Konzentration gefordert, dass er keine Zeit mehr zum Überlegen hat – was sich auf ihn leistungsfördernd auswirkt.

FCZ 20/21 – ein klarer Aussenseiter mit viel Potential

Insgesamt mag der FC Zürich als Klub gut aufgestellt sein und nahm in den letzten Jahren sowohl bezüglich Academy als auch bei den Frauen zusammen mit Basel ein Vorreiterrolle ein. Allerdings haben andere Klubs in beiden Bereichen stark aufgeholt. Der Vorreiter bezüglich Academy und Übergang von der Academy in die 1. Mannschaft ist aktuell Luzern. FCB und FCZ sind immer noch vorne dabei, aber Lausanne, YB, St. Gallen und selbst Aarau machen von hinten diesbezüglich stark Druck. Servette hat das Problem «Alain Geiger», der trotz vorhandenem Reservoir an Talenten die Jungen erst brachte, als es nicht mehr anders ging – und einen Kastriot Imeri, der bei den meisten anderen Super League-Klubs schon vor zwei Jahren Stammspieler geworden wäre, sogar in der Challenge League mehrheitlich auf der Bank beginnen liess. Bei den Frauen hatte Basel schon immer die grössten Mittel, was sich aber nie in Erfolg ummünzen liess. Nun sind sie aber mit einem sehr talentierten Team wieder als echter Meisterkandidat am Start. Von Servette, das ebenfalls mit einer Reihe von Profispielerinnen aufläuft, gar nicht zu sprechen. Die Genferinnen sind Meisterschaftsfavorit. Auch St. Gallen-Staad hat eine gute Entwicklung genommen und macht traditionellen Verfolgern wie Luzern oder YB Konkurrenz. GC hat mit Sascha Müller einen interessanten neuen Trainer, der in der Academy schon viele Junioren stark entwickelt hat. Trotzdem gehören die Frauen des FCZ auch in der neuen Saison zu den Meisterschaftsanwärtern und spielen erneut in der Champions League.

Die FCZ-Profis starten hingegen nach zwei 7. Plätzen hintereinander als klarer Aussenseiter in die neue Super League-Saison. In den letzten neun Jahren hat man in der 1. Mannschaft immer von Qualitäts-Talenten aus der eigenen Academy profitiert, auf welche viele andere Teams nicht zurückgreifen konnten. Bezüglich Reife und Spielanlage war der FCZ aber tendenziell unterlegen – sicherlich teilweise auch dadurch bedingt, dass man weniger Kontinuität im Team hatte, als viele andere Mannschaften. Selbst in der Challenge League-Saison spielte ein Teil der gegnerischen Mannschaften den reiferen Fussball. Das Potential kann man diesem Aussenseiter aber nicht absprechen. Wer einen Omeragic und Sohm mit jeweils einjähriger Stammspieler-Erfahrung, einen Koide, einen Rohner oder Gnonto in seinen Reihen weiss, kann sich über fehlende Perspektiven nicht beklagen! Der 16-jährige Wilfried Gnonto wirkt trotz seines Alters schon Super League-reif und kann auf allen Offensivpositionen eingesetzt werden. Fabian Rohner ist auf der Standardposition für die schnellsten Spieler im modernen Fussball (Aussenverteidiger) vorgesehen, kann aber auch weiter vorne eingesetzt werden.

Problemposition: ungelöst

Am anfälligsten war der FCZ auch in der abgelaufenen Saison über die Seiten. Das ist auch der wichtigste Grund, warum man im Gegensatz zu anderen Teams der Liga gegen YB wirklich so gut wie nie «einen Stich» hat, denn das Spiel über die Seiten ist die grosse Stärke der Berner. Unter anderem während vier Jahren dank Linksverteidiger Loris Benito, welcher in der Saison 13/14 als Nachfolger des Duos Rodriguez / Magnin der letzte konstant gute Linksverteidiger beim FCZ war. Seither ist dies beim Stadtclub eine Problemposition. Zuerst wurde in der Saison darauf mit Dreierabwehr und Schönbächler als linker Aussenläufer gespielt. Dann folgte das Abstiegsjahr mit dem von Lazio ausgeliehenen Brasilianer Vinicius. Voser oder Schättin hinterliessen auch keine grossen Spuren und Muheim sträubte sich damals noch gegen die Umfunktionierung auf diese Position. Mit Kharabadze, Guenouche oder Pedersen wurde die linke Seite auch nicht stabilisiert und Pa Modou war häufig verletzt oder angeschlagen. Daher kam es ziemlich überraschend, als Michael Kempter, der seine Chance nach der Corona-Pause genutzt zu haben schien, auf der SFL-Seite vor rund einer Woche bei den «Abgängen» auftauchte. Man habe mit ihm über einen neuen Vertrag verhandelt, heisst es dazu vom neuen Sportchef Marinko Jurendic, aber die beiden Seiten hätten sich nicht gefunden.

Ebenfalls verlauten liess man, wen der FCZ als nächstes Top-Talent erachtet: Silvan Wallner. Mit dem 18-jährigen soll speziell auch Alain Nef arbeiten, um aus ihm mindestens einen starken Super League-Verteidiger zu formen. Für links hinten wird auf jeden Fall noch ein neuer Mann gesucht. Einen «Führungsspieler» auf gutem Super League-Niveau kann ein Klub wie der FCZ im Normalfall aber weder verpflichten, noch in wenigen Wochen züchten. Weltenbummler Palsson oder der langsamer werdende Popovic, die für solche Rollen vorgesehen waren, waren aus verständlichen Gründen schneller wieder weg, als dass irgendetwas Nachhaltiges hätte entstehen können – es fehlte ihnen zudem auch an der notwendigen Qualität und in vielen Spielen an Leistung, um ein hohes Standing in der Mannschaft zu erhalten. YB und Basel können mit ihren Mitteln einen Lustenberger, Frei oder Stocker aus der Bundesliga verpflichten, Sion einen Kasami. Alle anderen Klubs müssen normalerweise ihr Führungspersonal intern entwickeln. Beim FC St. Gallen hat sich Silvan Hefti hervorragend in diese Rolle eingelebt, in Luzern ein Pascal Schürpf. Der FCZ hat mit Domgjoni, Rüegg, Nathan, Marchesano, Brecher und mittlerweile selbst Kololli oder Omeragic so viele «halbe Führungsspieler» wie kaum ein anderes Super League-Team. Die Krux an der Sache: nur ein Spieler mit einer konstant starken sportlichen Leistung kann glaubwürdig eine Führungsrolle übernehmen. Von obengenanten Kandidaten traf dies letzte Saison nur auf Domgjoni zu, welcher schon bei den Junioren der geborene Captain war. Er könnte analog Silvan Hefti durchaus im Verlauf der kommenden Saison in eine solche Rolle auch in der Ersten Mannschaft noch stärker hineinwachsen.

Der Eindruck vor leeren Rängen im Letzigrund war von Trostlosigkeit geprägt. Nach dem 0:2 durch Jean-Pierre Nsamé kurz vor der Pause nach einem Fehlpass des ansonsten mit seiner Antizipation einige gegnerische Torchancen vereitelnden Ilan Sauter schien die Partie gelaufen. Der Rest zog sich zäh wie Gummi. Auf dem Metallzaun an der Herdernstrasse unterstützte ein kleines Grüppchen Fans die Mannschaft unentwegt von ausserhalb des Stadions. Die Transparente in der Südkurve hoben das gefühlte Niveau auch nicht wirklich. Da wird die SFL bezichtigt, sie sei auf „Profit“ fixiert. Eine Organisation zweier bescheidener Schweizer Profiligen, deren Migliedsklubs schon in „normalen Zeiten“ fast immer Verluste schreiben, und die alles versuchen muss, zu verhindern, dass es zu Konkursen kommt und hunderte Menschen in der Schweizer Fussballwelt ihren Job verlieren. Neben einigen Experten und Journalisten scheint auch ein Teil der Fans selbst nach bald fünf Monaten noch nicht in der Corona-Realität angekommen zu sein.

In den folgenden Tagen reift im Videostudium dann aber die Erkenntnis: der FCZ hat nicht ganz so miserabel gespielt, wie sich das live angefühlt hatte – und YB war zwar schlussendlich klar und deutlich, aber trotzdem nicht im Liegestuhl zum Sieg gekommen. Die Berner agierten stattdessen im Letzigrund deutlich besser, als noch bei ihrem 3:2-Heimsieg im Juni im Wankdorf (Link: „Nsamé trifft erstmals per Kopf – FCZ kann gute 1. Halbzeit nicht materialisieren“) und kamen vor allem auch deshalb zu über 30 Abschlüssen. Jean-Pierre Nsamé toppte mit sechs Rückrundentoren gegen den FCZ sogar noch die bereits schon unglaubliche Marke Fabian Freis von fünf Rückrundentreffern (Link: „FCB nutzt Schwachpunkte Schönbächler und Baumann konsequent, Best Player Zumberi mit Zukunft? Basel – FCZ in der Analyse) gegen den Letzigrundclub. Gleichzeitig hatte der FCZ während der ganzen Partie immer wieder den einen oder anderen gelungenen Angriff. Man steckte zumindest fussballerisch nie ganz auf und hatte mit einem Doppelpass von Kramer mit Koide selbst in der letzten Minute der Nachspielzeit noch einen guten Angriff über rechts, bei welchem aber der Slowene seine Flanke vor den Fünfmeterraum wahlweise etwas zu früh oder scharf spielte, so dass diese vom mit einem langen Sprint im Höchsttempo heranpreschenden Britto nicht mehr erreicht werden konnte.

Die Szene war typisch für Blaz Kramer, der in der Regel nur etwa zehn gute Minuten pro Spiel hat und in diesen fehlt ihm zudem aufgrund seiner Torflaute in den entscheidenden Situationen die Ruhe am Ball. Man hätte sich auf Seiten des FCZ zudem beispielsweise einen Toni Domgjoni auf dem Platz gewünscht, der zusätzlich zum spielerischen Ansatz mit Zweikämpfen und verbal für so etwas wie ein Aufbäumen gesorgt hätte. Was fehlte, war ausserdem, dass wie unter der Woche in Basel bis in die Nachspielzeit der Anschlusstreffer und damit Spannung noch in der Luft lag. Die Anzahl Züri Live Top-Offensivaktionen war so klein wie zuletzt nie mehr seit dem Saisonstart gleichenorts gegen den FC Lugano (0:4) und die Anzahl Top-Defensivaktionen am zweithöchsten nach dem 2:0-Heimsieg gegen Servette vor gerade mal zwei Wochen.

Positiv: Michael Kempter und Henri Koide sind zur Zeit beim FCZ das, was man allgemein „eine Bank“ nennt – konstant auf gutem Niveau. Beide sind hungrig, lassen sich auch von einem (klaren) Rückstand kein bisschen runterziehen. Mit elf solchen Spielern auf dem Platz hätte man diese Saison nicht so viele klare Niederlagen kassiert. Das Mittelfeldzentrum war hingegen gegen YB ungenügend. Der ruhige Simon Sohm agierte über die ganze Partie hinweg zu passiv. Der emotionale Hekuran Kryeziu lief deutlich mehr und stopfte Löcher, welche Sohm offen liess. In Abwesenheit der Aggressivleader Domgjoni, Rüegg und Nathan sowie der verletzungsbedingten Abwesenheit Tosins müsste speziell der Schwyzer in die Bresche springen. Kryeziu gerät aber weiterhin zu schnell in ein Fahrwasser, in welchem er sein Engagement nicht richtig zu kanalisieren weiss.

33. Minute: Hekuran Kryeziu will den Ball per Dropkick zu Yanick Brecher zurückspielen, Ilan Sauter verhält sich ungeschickt und lenkt den Ball in den Lauf von Jean-Pierre Nsamé. Kryeziu steht auf gleicher Höhe mit dem späteren Torschützen Miralem Sulejmani, dreht aber im Anschluss an diese Szene ab, schaut in Richtung des gegnerischen Tores und hadert, anstatt mitzuhelfen, seinen Fehler auszubügeln.

Eine typische Szene vor dem wegweisenden 0:1: zuerst kann „Heki“ gegen zwei attackierende Berner einen guten spielöffnenden Pass auf Simon Sohm spielen, dann erhohlt sich Kryeziu ein wenig. Der Ball kommt aber nach einer weiten Kopfballabwehr Camaras relativ rasch in die Nähe Kryezius an die Mittellinie zurück. Dieser reagiert deutlich schneller als Miralem Sulejmani und holt sich den Ball. Der Berner Offensivmann ist wenige Sekunden später aber trotzdem der lachende Torschütze, weil Kryeziu viel zu optimistisch den Ball per Dropkick zurück zu Yanick Brecher spielen will. Der Ball wird vom Rücken des sich ebenfalls nicht ideal verhaltenden Ilan Sauter so abgelenkt, dass Jean-Pierre Nsamé mit Ball Richtung Tor laufen kann. Entscheidend bei der ganzen Sache: Kryeziu ist im Moment des Fehlers auf gleicher Höhe mit Sulejmani und bestimmt nicht langsamer, als der 31-jährige Serbe. Anstatt aber sofort zurückzueilen, dreht sich der FCZ-Mittelfeldspieler hadernd ab. In einer anderen Szene reklamiert er heftig ein Handspiel von Nsamé im Zürcher Strafraum, anstatt sich auf den Ball zu fokussieren, der ihm direkt vor die Füsse fiel und einen schnellen Gegenstoss ermöglichte. Ein Freistoss im eigenen Strafraum hätte dem FCZ in dieser Situation rein gar nichts gebracht. Von zwei anderen „K’s“ im Team, Kempter und Koide, könnte Kryeziu noch einiges lernen.

Schönbächler zeigte sich im Vergleich zum insgesamt schlechten Auftritt in Basel verbessert und hatte deutlich mehr gute Defensivszenen, liess Kempter aber trotzdem noch zu häufig alleine gegen eine Berner Überzahl. Winter war sehr engagiert und es gelang ihm auch einiges, speziell in der gegnerischen Hälfte – in der eigenen Platzhälfte war er aber trotzdem immer wieder mal im Spiel ohne Ball etwas zu spät auf seinem Posten. Angefangen im Rechten Mittelfeld, spielte Winter nach der Pause und der Hereinnahme von Umaru Bangura als Rechter Aussenläufer im zuletzt immer häufiger gespielten und dem FCZ aktuell wohl am besten liegenden 3-4-1-2. Der zuletzt aussen vor gelassene Umaru Bangura erhielt nach der Pause wieder einmal 45 Minuten Einsatzzeit und machte seine Sache gut (Züri Live-Note „7“). Es war erst sein dritter Rückrundeneinsatz nach dem 1:1 in Sion (Note „10“, MVP, Link: „Umaru Bangura ist wieder da!“) und dem 0:4 gegen Basel (Note „8“, Link: „7% + 5% = 0:2! FCZ – FCB 0:4 in der ausführlichen Analyse.“).

58. Minute: Jean-Pierre Nsamé bringt Umaru Bangura im Zürcher Strafraum durch Beinstellen so zu Fall, dass dieser vornüberfällt, einen Salto schlägt und dann am Boden sitzend wiederum Nsamé zu Fall bringt.

Getrübt wurde das Spiel des Sierra Leone Nati-Captains von seinem Penaltyfoul gegen Jean-Pierre Nsamé, welchem ein glasklares Stürmerfoul seines Gegenspielers vorangegangen war. Die unglaubliche Serie der durch Stürmerfouls irregulären Treffer von YB gegen den FCZ setzt sich also fort. Auch wenn das 0:4 diesmal natürlich gar keinen Einfluss mehr auf die Punktevergabe hatte. Schon beim ersten Aufeinandertreffen der beiden Teams Anfang Saison war Bangura in der Rückwärtsbewegung vor Nsamé am Ball gewesen. Dieser hatte seinen Gegenspieler daraufhin mit einem Stoss in den Rücken auf den Boden gestossen, den deshalb frei liegenden Ball geerbt und das 2:0 in der 59. Minute erzielt: Link „Schlechter FCZ-Start in die Partie – erneut irreguläre YB-Treffer“. Diesmal kam der Franzose zu einem Penaltytreffer, weil er dem FCZ-Verteidiger wie in einem Ringkampf das Bein stellte. Der mit einem Salto auf den Boden fallende Bangura erinnerte sich wohl unterbewusst an die Szene von Anfang Saison und wollte Nsamé diesmal nicht ziehen lassen, stellte ihm reflexartig das Bein.

48. Minute: Benjamin Kololli springt hoch, obwohl er den Eckball von Miralem Sulejmani nicht erreichen kann. Blaz Kramer hinter ihm zögert dadurch, Jean-Pierre Nsamé köpft völlig freistehend zum 0:3 ein. Drei Mal der gleiche Fehler im selben Spiel.

Ebenfalls eine negatives Déjà Vu in doppelter Hinsicht erlebte man als FCZ-Beobachter bei drei gegnerischen Eckbällen, wovon einer zum 0:3 durch Jean-Pierre Nsamé führte. Dieser hatte beim Restart im Wankdorf gegen den FCZ beim siegbringenden 3:2 seinen ersten Kopfballtreffer der Saison erzielt und traf nun erneut mit dem Schädel. Die Szenen erinnerten vor allem aber auch an die 3. Runde der Saison, als der FCZ wegen zu hektischem Gebaren in Überzahl 1:2 verlor. Das Game Winning Goal erzielte Pajtim Kasami, weil Benjamin Kololli bei einem Eckball von Anto Grgic als vorderster Mann hektisch und alibimässig zum Ball hochsprang, obwohl er diesen gar nicht erreichen konnte. Der hinter ihm postierte Kramer, welcher zuvor in dieser Partie am nahen Pfosten jeden Cornerball weggeköpfelt hatte, wurde dadurch irritiert und so konnte Kasami erben. Das 0:3 gegen YB war identisch – wieder Kololli, der als vorderer Mann beim Eckball von Sulejmani zu einem Ball hochspringt, den er gar nicht erreichen kann – wieder wird der hinter ihm für den Raum rund um Jean-Pierre Nsamé verantwortliche Blaz Kramer dadurch irritiert und der Berner Stürmer kann völlig frei einköpfen. Der Kreis in dieser Saison schliesst sich – im negativen Sinne.

Im Züri Live Videopodcast der 3. Runde 2019/20: der Ausschnitt zu den Gründen der Niederlage in Sion mit dem Game Winning Goal Kasamis mit dem identischen Fehler von Benjamin Kololli wie jetzt wieder gegen YB im Zentrum der Diskussion.

Zuvor war bereits in der 30. Minute dasselbe Problem aufgetreten. Da war es Simon Sohm gewesen, der bei einem gegnerischen Eckball alibimässig hochsprang und damit den hinter ihm stehenden Hekuran Kryeziu irritierte. Das hätte man allenfalls in der Pause ansprechen und somit wohl den Gegentreffer zum 0:3 kurz nach der Pause verhindern können. Der dritte Fall war ein Eckball in der 75. Minute, als wiederum Benjamin Kololli alibimässig hochsprang und erneut Kramer hinter ihm dadurch nicht eingriff – Marvin Spielmann kam völlig frei zum Kopfball, brachte diesen aber nicht im Tor unter. Drei Mal der gleiche Fehler im selben Spiel, nachdem man dieses Problem seit Anfang Saison eigentlich abgestellt hatte! Man war irgendwie halt doch nicht so fokussiert, wie sonst. Stephan Seiler kam gegen YB zu seinem Startelfdébut und dieses ging fast komplett schief. Neben vereinzelten Situationen, wo seine Qualität in der Balleroberung aufblitzte, wies der 19-jährige eine enorm hohe Fehlerquote auf und hatte null Zugriff auf Meschack Elia. Auch unter Berücksichtigung des guten Formstandes des Kongolesen war das klar zu wenig. Und es ist nicht so, dass die Rechtsverteidigerposition für Seiler völlig ungewohnt war. Gerade in Testpartien mit der Ersten Mannschaft hatte Seiler diese Rolle schon häufig bekleidet.

FC Zürich – Young Boys 0:5 (0:2)
Tore: 33. Sulejmani (Nsamé) 0:1, 42. Nsamé (Elia) 0:2; 48. Nsamé (Sulejmani) 0:3, 59. Nsamé (Penalty, Nsamé) 0:4, 73. Spielmann (Moumi) 0:5.
FCZ – Brecher; Seiler (46. Bangura), Omeragic, Sauter, Kempter (75. Britto); Winter, H. Kryeziu, Sohm, Schönbächler (46. Koide); Marchesano (18. Kramer), Kololli (85. N. Reichmuth).
YB – Von Ballmoos; Janko, Camara (67. Bürgy), Zesiger, Lefort (59. Lotomba); Sulejmani (59. Gaudino), Aebischer, Sierro, Fassnacht (59. Moumi); Nsamé, Elia (67. Spielmann).

(Standbilder: Teleclub)

Marchesano und Pa Modou sind gesperrt. Somit ist es keine Überraschung, dass Michael Kempter in der Startaufstellung steht. Spielt der FCZ mit einer Dreierabwehr, könnte Adi Winter die Zehnerposition hinter dem Sturmduo Kramer / Kololli übernehmen. In einer solchen Formation trat Zürich auch vor Jahresfrist beim Abstiegskampf-Schocker auf der Maladière an, als Kevin Rüegg im Verlaufe der Zweiten Halbzeit von der Aussenbahn auf eine Achterposition wechselte und von da aus das intensive Spiel mit einem Doppelschlag kehrte. Einen Zehner zusätzlich zu einem Zweimannsturm aufzustellen, würde auch beim Pressing Vorteile mit sich bringen.

Möglich ist auch eine Rückkehr zum 4-2-3-1 mit nur einer Sturmspitze und Toni Domgjoni als 10-er. Dies hätte aber viele Nachteile, unter anderem würden Benjamin Kololli und Hekuran Kryeziu nicht auf ihren besten Positionen spielen.

Trainer Magnin hat U21-Stürmer Shpetim Sulejmani ausgegraben und mit nach Neuenburg genommen. Der 25-jährige Promotion League-Bomber aus der Ostschweiz wartet immer noch auf seinen ersten Super League-Einsätze. Eine seiner Spezialitäten: direkt verwandelte Freistösse. Ausserdem sitzen Willie Britto, Henri Koide, Stephan Seiler, Mirlind Kryeziu, Umaru Bangura und Andris Vanins auf der Ersatzbank. Marco Schönbächler ist für die Maladière „malade“ gemeldet.

Kaum offene Fragen über die Aufstellung gibt es bei Xamax. Nicht nur, weil Trainer Henchoz bisher nur ein Training mit der Mannschaft zur Verfügung hatte spielt er wohl mit demselben System wie Joël Magnin. Sondern auch, weil Henchoz ebenfalls gerne mit derselben Formation spielt – einfach defensiver interpretiert. Die beiden früheren FCZ-Junioren Maren Haile-Selassie und Arbenit Xhemajli sitzen auf der Ersatzbank.

Kommt eine Mannschaft nicht ins Spiel, wie der FCZ in Thun, dann sind die Erklärungen in der Live-Berichterstattung schnell zur Hand: „Sie sind nicht wach“, „Es fehlt der Biss“, „Mit den Gedanken irgendwo anders“. Die Züri Live-Übertragungen sind da keine Ausnahme. Da keiner von uns Lucien Favre heisst, erkennen wir manchmal nicht auf den ersten Blick, was tatsächlich falsch läuft. Dazu ist dann die ausführliche Match-Analyse da, für die wir uns nach jedem Spiel die nötige Zeit nehmen. Diese fördert immer interessante Aspekte zutage: manchmal sind es Details, manchmal stellt sie die LIve-Einschätzung des Spiels aber auch so ziemlich auf den Kopf.

Dass der FC Thun in den ersten 20 Minuten scheinbar mühelos gleich mit 3:0 in Führung gehen konnte, hatte zu grossen Teilen taktische Gründe, wobei „Taktik“ nicht nur die entsprechenden Vorgaben, sondern auch deren Umsetzung auf dem Platz beinhaltet. In der 29. Minute reagierte der FCZ und stellte seine ursprüngliche Taktik um. Ab da bekam man die Partie sofort deutlich besser in den Griff. Schon zwei Minuten später führte dies zum ersten Eckball, ersten Torschuss und Tor zum 1:3. Was war also das Problem der ersten 28 Minuten?

Dafür muss man erstmal etwas Ausholen: Kompakt stehen und dem Gegner wenig Raum zum Spielaufbau geben ist schon seit Jahrzehnten das A und O des modernen Defensivfussballs. Gewisse Abweichungen davon gibt es seit ein paar Jahren mit dem ultraschnellen Umschaltfussball à la St. Gallen und dessen Vorbildern, bei welchem die Reihen automatisch weiter auseinanderrücken, als dies in Partien mit Beteiligung von anderen Teams der Fall ist. Diese grösseren Räume kommen speziell dem FCZ und dessen Qualitäten entgegen, was mit ein Grund ist, warum das Magnin-Team zur Zeit gegen St. Gallen so viele positive Resultate liefert. Unabhängig davon, ob man das Pressing hoch, im Mittelfeld oder tief ansetzt, und ob man schnell in die Offensive umschaltet oder nicht (wie schnell man in die Defensive umschalten muss, hängt im Wesentlichen vom Gegner ab), ist schon seit langer Zeit das Essenzielle jeder Defensivarbeit, den jeweils ballführenden Gegner mit unterschiedlichen Mitteln so unter Druck zu setzen, dass dieser keine gefährlichen Pässe spielen kann, eben, zu „pressen“. Freies Spiel lassen kann man gegnerischen Verteidigern und dem Torhüter höchstens in einer Zone, in welcher unmittelbar gefährliche Pässe in die Tiefe, auf welche die eigenen Verteidiger allenfalls nicht mehr schnell genug reagieren können, nicht möglich oder zumindest sehr unwahrscheinlich sind.

„Die Verteidigung beginnt vorne“ ist nicht nur ein Spruch. Qualitätsunterschiede zwischen der Verteidigungsarbeit der Stürmer sind heutzutage in einer Liga beispielsweise im Vergleich der Mittelfeldteams häufig wegweisender für die defensive Stabilität, als die meist etwa ähnlich guten Verteidigungsreihen. Der FCZ hatte hier lange ein grosses Problem. Kaum ein anderes Team der Liga hatte so schwach verteidigende Vorderleute wie Kramer, Ceesay, Mahi, Kololli, Schönbächler oder Marchesano. Nun ist der FC Zürich auch heute in dieser Kategorie noch nicht top, es ist aber in dieser Saison eine klare Verbesserung festzustellen – angeführt vom sich enorm entwickelnden Antonio Marchesano, welcher das Pressing im 4-4-2 vorne (abgesehen von ein, zwei Momenten pro Spiel) mittlerweile sehr gut steuert. Marchesano sorgt dafür, dass der Zweierblock gut funktioniert, wobei es da je nach Partner noch Unterschiede gibt. Blaz Kramer hat sich zwar auch etwas entwickelt, nimmt sich aber immer noch zu viele defensive Auszeiten. Marchesanos Copain aus Bieler Zeiten Benjamin Kololli erweist sich hingegen speziell seit der Corona-Pause wie ein umgekehrter Handschuh.

In Thun hatte der FCZ in der ersten halben Stunde nun in der vorderen Reihe zwei entscheidende Probleme. Erstens: Marchesano war abwesend. Die Personaldecke speziell in den vorderen Reihen ist zur Zeit dünn. So kam Adrian Winter im offensiven Zentrum neben Benjamin Kololli zu seinem Startelf-Comeback ausgerechnet in dem Stadion, wo er sich vor mehr als einem Jahr seinen Kreuzbandriss zugezogen hatte. Winter vorne zentral einzusetzen, ist grundsätzlich ein logischer Schritt, denn die auf dem Flügel so entscheidende Antrittsschnelligkeit hat er altersbedingt auf Super League-Niveau nicht mehr in entscheidendem Masse. Im Offensivzentrum für Unberechenbarkeit sorgen, ist hingegen eine Rolle, die ihm auch als Charakter liegt und in der er der Mannschaft immer noch helfen kann, wie dies die Tessiner TV-Kommentatoren Cerone / Tarchini (Ex-FCZ) zuletzt richtigerweise bemerkt haben.

Zweitens wurde gegen den FC Thun von der bisherigen standardmässigen Verteidigungsformation des flachen 4-4-2 leicht, aber entscheidend abgewichen. Thun spielt wie der FC St. Gallen mit einer Raute im Mittelfeld, dies aber mit mehr Präzision / langsamerem Umschalten. In diesem Zusammenhang wurde offenbar vom FCZ der auf der Sechserposition spielende Thun-Captain Leonardo Bertone als entscheidende Relais-Station im Spielaufbau ausgemacht. Adrian Winter und Benjamin Kololli standen daher nicht auf der gleichen Höhe, um auf der ganzen Breite des Spielfeldes Störarbeit verrichten zu können, sondern einer von beiden nahm jeweils auf der 10er-Position Bertone in Deckung und diesen somit aus dem Spiel. Dies bedeutete für den jeweils Anderen (in der Regel Kololli) lange Laufwege, ohne die beiden Innenverteidiger Stillhart und Havenaar wirklich entscheidend beim Spielaufbau behindern zu können. Der Gedankengang aus FCZ-Sicht lässt sich nachvollziehen. Bertone gilt als einer der Liga-Spezialisten für lange Bälle auf der Sechserposition, während die Innenverteidiger Stillhart und Havenaar nicht den gleichen Ruf geniessen. Allerdings: beide haben sich in letzter Zeit in spielerischer Hinsicht klar verbessert und Stillhart, welcher durchaus das Potential hat, zumindest teilweise in die grossen Fussstapfen des zurückgetretenen Thuner Captains Dennis Hediger zu treten, gelang zudem just gegen den FCZ eine der besten Halbzeiten seiner bisherigen Karriere. Aus diesem Grund ging die Rechnung des FCZ trotz Unterzahl in der vordersten Pressing-Reihe gleichzeitig mit der Viererabwehr relativ hoch stehen zu können, nicht auf.

Nikki Havenaar kann ungehindert mit Ball in die Zürcher Hälfte vordringen und hat mit Aussenverteidiger Sven Joss und dem Achter Matteo Tosetti zwei Anspielstationen in kurzer Passdistanz, um einen gefährlichen Angriff über die rechte Seite zu lancieren.

Den Schuss vor den Bug bezüglich der taktischen Marschroute gab es für den FCZ in der 6. Minute. Weil Winter strikt bei Bertone blieb, musste der fleissige Kololli einen sehr langen Weg gehen und konnte Havenaar nicht hindern, mit Ball am Fuss mehr als fünf Meter in die Zürcher Hälfte vorzudringen (siehe Standbild oben). Dies brachte aufgrund der nun kurzen Passwege des Gegners die kompakt im Raum stehenden beiden Zürcher Viererreihen in Verlegenheit und verschärfte zwei zusätzliche Probleme. Einerseits das geschickte sequentielle Positionsspiel Thuns, in welchem die „Achter“ Tosetti und Hasler in der Angriffszone auf den Flügel ausweichen und dann beim Zurücklaufen den gegnerischen Aussenverteidiger Richtung Mitte mitziehen, um dem eigenen Aussenverteidiger Raum nach vorne zu verschaffen. Andererseits die in Thun nach längerer Zeit wieder aufgetretenen Probleme einer hoch stehenden Zürcher Viererabwehrkette mit der Offsidefalle. Das Duo Mirlind Kryeziu / Kempter stand mehrmals deutlich höher als auf rechts Nathan / Britto.

Die Szene endete mit einer gefährlichen scharfen Hereingabe von Joss von der rechten Seite, die Brecher knapp vor Hassane Bandé am nahen Pfosten wegfausten konnte. Die Zürcher Forwards lernten daraus: über Havenaar kann Thun gefährliche Vorstösse lancieren. Fünf Minuten später lief Adi Winter daher den ballführenden Basil Stillhart von der Mitte an, um den Pass zu Havenaar zu verhindern oder zumindest zu erschweren – und gleichzeitig machte sich sogar Kololli noch zusätzlich für den Fall eines Querpasses auf den Weg Richtung Havenaar und liess dafür sogar Bertone vorläufig stehen (siehe Standbild unten).

Adrian Winter läuft Basil Stillhart von der Mitte aus an, um den Querpass auf Nikki Havenaar zu erschweren. Stillhart nutzt den Raum und Platz, um den Angriff über links selbst zu lancieren.

Stillharts Reaktion darauf ist logisch: er macht rechtsumkehrt, nutzt den sich durch die Fokussierung der Zürcher auf Havenaar bietenden Raum selbst und spielt unbedrängt auf seiner Seite einen Traumpass in die Tiefe für Nias Hefti. Der Ball driftet dabei auf seiner Bahn auf dem Thuner Kunstrasen stabil und präzise wie eine Bowlingkugel in den Lauf des offensiven linken Aussenverteidigers. Rapp verwertet dessen ideale Hereingabe zum Thuner 1:0.

Ein Bild des Grauens: Winter und Kololli kriegen vorne in Unterzahl keinen Zugriff auf die Angriffsauslösung, Britto lässt sich von Hasler zu stark nach innen ziehen, Mirlind Kryeziu und Kempter stehen zu weit vorne, um gegen Rapp und allenfalls Bandé noch effektiv eingreifen zu können.

Man kann in der ganzen Szene Willie Britto nicht zum Vorwurf machen, dass er sich in der Nähe von Nicolas Hasler aufhält und nach innen ziehen lässt, aber er müsste aufgrund der Angriffsauslösung auf seiner Seite sich mindestens zwei bis drei Meter weiter nach rechts begeben, um die Distanz zur Aussenbahn nicht zu gross werden zu lassen. Wohlgemerkt: Thun macht es in dieser Situation richtig gut. Die Spielsituation ändert sich enorm schnell. Zu behaupten, Britto würde „schlafen“, wäre ungerechtfertigt. Er ist durchaus aufmerksam und bemerkt Heftis Lauf nur eine Zehntelssekunde nach obigem Standbild. Das Problem des Ivorers wie auch einiger anderer Zürcher Spieler in ähnlichen Situationen ist aber: er ist noch am „bouncen“. Der trabende, leicht hüpfende Schritt hilft Energie und Kräfte sparen, ist aber komplett ungeeignet, wenn Gefahr im Verzug ist, und verhindert die notwendige ultraschnelle Richtungsänderung. Da muss man stattdessen „auf den Zehenspitzen stehen“.

Stillhart leitet mit ähnlichen weiten Bällen auch das zweite und das dritte Tor ein, wobei er bei letzterem den Ball tief aus der eigenen Hälfte in Bedrängnis durch Kololli mit dem linken Fuss spielt – sein Meisterstück. An diesem Abend schien dem Ostschweizer bis zu seinem Ausschluss alles zu gelingen. In der 29. Minute dann die taktische Änderung des FCZ auf eine Dreierkette, die das Spiel veränderte. Man wollte dabei weiterhin Bertone aus dem Spiel nehmen und stellte daher auf ein 3-4-1-2 um. Nun waren die Zürcher vorne im Dreieck des Thuner Spielaufbaus zwischen Havenaar, Stillhart und Bertone nicht mehr die ewig zu spät kommenden Unterzahlspieler. Der linke (Mirlind Kryeziu) und rechte Innenverteidiger (Willie Britto) vermochten zudem sowohl das Mittelfeld gegen die beiden Thuner Achter Tosetti und Hasler, als auch die Aussenspieler besser zu unterstützen. Vorne führte die Präsenz des zentralen Offensivtrios Kololli – Schönbächler – Winter sofort zum ersten Corner und Tor. In der Zweiten Halbzeit rückte Hekuran Kryeziu zurück auf die mittlere Position der Dreierabwehrkette, was für ihn durchaus eine Position mit Zukunft sein könnte.

Sieht viel besser aus! Durch das Pressing im 3-4-1-2 wird der Thuner Spielaufbau empfindlich gestört.

Leider griff das 3-4-1-2 Pressing auch nicht immer ganz reibungslos, dies aber nicht aus taktischen, sondern aus personellen Gründen – Marco Schönbächler erwischte nach einigen guten Leistungen in Thun einen schlechten Tag. Ganz anders Benjamin Kololli, dem trotz Niederlage möglicherweise gar seine bisher beste Leistung im FCZ-Dress gelang. Zu seiner allgemeinen Aufwärtstendenz nach der Coronapause (bisher in jedem Einsatz ein Tor und ein Assist, wichtige Rolle in der Sturmspitze, deutlich verbesserte Defensivleistung) kam die Erholungspause gegen Lugano und der Fakt hinzu, dass die Berner Oberländer sein klarer Lieblingsgegner zu sein scheinen – bei bisher schon sieben Treffern und zwei Assists in elf Begegnungen.

Mirlind Kryeziu gelang in der Stockhorn Arena per Kopf endlich sein erstes Super League-Tor. Auch dies hatte seine Vorgeschichte in den Testspielen, wo er in Schaffhausen ein identisches Tor nach Corner Kolollis von rechts erzielt hatte – ebenfalls via Lattenunterkante. Nathan und Kempter spielten in Thun zwar immer noch solide, aber nicht mehr so zwingend, wie noch in den Partien davor. Rüegg und Winter zeigten grosses Kämpferherz, begingen aber auch viele Fehler. Willie Britto fühlte sich in der Viertelstunde vor der Pause in der Dreierabwehr deutlich wohler als zuvor und war für wichtige Spielauslösungen über rechts zuständig, die über Standards zu den beiden Anschlusstreffern führten. Die Erste Halbzeit bestätigte die aktuell hohe Effizienz und Standardstärke des Letzigrund-Clubs. In der Zweiten Halbzeit war die Mentalität der Mannschaft stark und man spielte deutlich besser, als in vielen Überzahlsituationen der gleichen Saison. Dass man in extremer Weise aufs Tempo drückte und den Gegner kaum noch verschnaufen liess, war richtig, aber es fehlte ein Quäntchen mehr Ruhe und Geduld zwischendurch. Auf jeden Fall bleibt wie schon in den vorangegangenen Partien die halbe Stunde nach der Pause die beste Phase im Zürcher Spiel. Der Energiehaushalt ist auf diese Phase ausgerichtet, während beispielsweise ein Team wie St. Gallen die Entscheidung in der Regel bereits in den ersten 30 Minuten der Partie sucht – und danach abbaut.

Vor der Pause hatte der FCZ etwas Glück, dass Ref Tschudi nach einem Tackling von Basil Stillhart gegen den ballführenden Benjamin Kololli auf Freistoss und Gelb entschied. Das hätten nicht alle Schiedsrichter so gesehen. Der anschliessende Penaltyentscheid und die zweite Gelbe Karte gegen Stillhart war dann aber korrekt. Bei einem leichten Halten von Kempter gegen Bandé und auf der anderen Seite einem unabsichtlichen Ellbogenschlag von Havenaar gegen Kololli im Strafraum war es zudem jeweils nachvollziehbar, dass nicht auf Penalty entschieden wurde.

Thun – FC Zürich 3:2 (3:2)
Tore: 11. Rapp (Hefti) 1:0, 14. Tosetti (Hefti) 2:0, 21. Karlen (Stillhart) 3:0, 31. M. Kryeziu (Kololli) 3:1, 45+5 Kololli (Penalty, Nathan) 3:2.
Thun – Faivre; Joss, Havenaar, Stillhart, Hefti; Bertone; Tosetti (46. Sutter), Hasler; Karlen; Bandé (61. Fatkic), Rapp.
FCZ – Brecher; Britto (46. Domgjoni), Nathan, M. Kryeziu, Kempter (81. Pa Modou); H. Kryeziu, Janjicic (46. Sohm); Rüegg, Winter, Schönbächler (72. Koide); Kololli.

(Standbilder: Teleclub)

Letzte Saison hatte der FCZ gegen St. Gallen vorwiegend gute Spiele abgeliefert, aber trotzdem nur zwei Punkte geholt. Nun hat sich dies gedreht: drei Siege in Folge von Ludo Magnins Team gegen Peter Zeidlers Mannen, und dies obwohl die Ostschweizer ansonsten ihre beste Saison seit Jahrzehnten spielen. Was sich wie ein Roter Faden durch diese Partien zieht, ist, dass der FCZ den Hochtempo-Fussball der Grün-Weissen für sich zu nutzen weiss – wie bei einem Tanzpartner, der gut zu einem passt. Die St. Galler lassen dem Gegner kaum Zeit zum Überlegen und dies kommt dem FCZ entgegen, der in den letzten Jahren immer wieder dann besonders schlecht gespielt hat, wenn er zu viel Zeit zum Überlegen hatte und sich vom Gegner „einlullen“ liess.

Die St. Galler lassen dem Gegner kaum Zeit zum Überlegen und dies kommt dem FCZ entgegen

Sich einem mit hohem Tempo agierenden Gegner an die Fersen heften und dann über den Kampf ins Spiel finden, hat in den letzten Jahren nicht nur gegen St. Gallen (Stichworte: Cupfinal YB, Leverkusen) häufig gut geklappt. Das spielerische Element ist sowieso da – um aber auch das notwendige kämpferische Element aus der Mannschaft herauszukitzeln, braucht es häufig eine anspruchsvolle Aufgabe. In den drei Duellen mit St. Gallen hat die Mannschaft von allen Partien abgesehen von der 0:4-Heimniederlage gegen den FCB klar am meisten Top-Defensivaktionen gehabt (79, 72, 77).

FCSG – FCZ Züri Live Matchstatistiken

Herausragend in dieser Hinsicht der wieder ins Team zurückgekehrte Nathan mit gleich 19 Top-Defensivaktionen, was auch gemessen am Schnitt des Brasilianers von 10 Top-Defensivaktionen pro Partie hoch ist. Nathan war der Fels in der Brandung gegen einen Gegner, der einen Grossteil seiner Energie in die ersten 30 Minuten legte und in dieser Phase das Spiel dominierte. Die im ganzen Spiel wichtigste Aktion war Nathans Rettungstat schon nach etwas mehr als einer Minute im Laufduell mit Demirovic, als er den mit Entschlossenheit rechts Richtung nahen Pfosten stürmenden Bosnier an Grinta noch überbot. Mit grosser Wahrscheinlichkeit wäre da ansonsten schon früh das 1:0 für St. Gallen gefallen. Vor Nathan sorgte der aufmerksame Hekuran Kryeziu für zusätzliche Stabilität.

Simon Sohm wärmt sich in der Pause auf

Der FCZ hatte sich zudem gut auf verschiedene Spezialitäten eingestellt. Zum Beispiel der St. Galler Eigenheit, nach dem Anstoss den Gegner mit Tempo durch die Mitte zu “überrollen“, stellte das Letzigrund-Team jeweils eine gestaffelte Phalanx von vier Mann gegenüber. Gleich nach Wiederanpfiff konnte so Simon Sohm als vierter Mann dieser Phalanx den Ball abfangen und den schnellen Gegenstoss gegen die hinten offenen St. Galler einleiten, der um ein Haar zum 2:0 durch Blaz Kramer wenige Sekunden nach der Pause führte.

FCZ-Phalanx erwartet nach einem Anstoss den St. Galler Angriff durch die Mitte

Oder bei einem Freistoss in Strafraumnähe des zur Zeit ligabesten Freistoss- und Weitschützen Jordi Quintilla, als sich Marco Schönbächler in einem Spreizschritt hinter die Mauer kniete, wodurch diese kollektiv aufspringen und damit die abgedeckte Gesamtfläche vergrössern konnte.

Marco Schönbächler ist bei Freistoss Quintilla für das „Untergeschoss“ zuständig

St. Gallen konnte in der ersten halben Stunde das Spiel aber nicht nur wegen dem eigenen keine 90 Minuten durchzuhaltenden Energieaufwand dominieren, sondern auch, weil beim FCZ viele Spieler zu behäbig in die Partie gestartet waren. Namentlich von Toni Domgjoni, Benjamin Kololli oder Blaz Kramer kam viel zu wenig. Sinnbildlich für Domgjonis mentale und physische „Abwesenheit“ war die Szene, als er sich gar von einem Spieler wie Jérémy Guillemenot im Zweikampf wegdrücken liess. Dass unter diesen Umständen speziell Nathan und Hekuran Kryeziu das Team trotzdem zusammenhalten konnten, war eine Parforceleistung. St. Gallen hatte in der Ersten Halbzeit trotz klarer Überlegenheit nur einen Expected Goals-Wert von 0,7. Die Ostschweizer kamen kaum zu guten Torchancen. Von 24 Schüssen der ganzen Partie fanden nur zwei den Weg Richtung Gehäuse von Yanick Brecher, der trotz grosser St. Galler Angriffslust fast schon einen geruhsamen Abend verbrachte, da die ansonsten typische Effizienz diesmal bei den Grünweissen nicht vorhanden war.

Erste Gratulanten zu Kolollis 3:0

Der FCZ hat hingegen, seit Benjamin Kololli in der Coronapause diesbezüglich „der Knopf aufgegangen“ ist, seit Jahren endlich wieder mal einen starken Standardschützen. In St. Gallen ging der FCZ in der 31. Minute entgegen dem Spielverlauf durch Blaz Kramer nach einem sehr guten Corner Kolollis in Führung. Zwar hatten Kololli und Kramer in den ersten 28 Minuten nichts zustande gebracht, aber unmittelbar vor diesem Eckball hatten beide ihre ersten gelungenen Aktionen gehabt, nachdem Kololli mit Tosin erstmals die Seiten getauscht hatte. Der grösste Unterschied zum 3:1-Sieg gleichenorts im Dezember war, dass der FCZ diesmal in der Zweiten Halbzeit die bessere Mannschaft war, und ein klares Chancenplus zu verzeichnen hatte. Vor Weihnachten war St. Gallen bis kurz vor Schluss am Drücker gewesen und der FCZ konnte erst dank stark erhöhtem Risiko St. Gallens ab der 70. Minute die Entscheidung herbeiführen. In beiden Partien konterte das Letzigrund-Team schnell und konsequent. Man sorgte speziell diesmal bei den vielen langen Bällen für eine hohe Präsenz am und im gegnerischen Strafraum. Dem eingewechselten Mimoun Mahi gelangen mit Steilpässen und Seitenverlagerungen drei Assists zu den Toren der Zweiten Halbzeit. Das Chancenverhältnis lag Ende der Partie klar auf Seiten des FCZ, wenn auch nicht im Bereich von 4:0. Insgesamt hatte der FCZ diese Saison nur in der November-Siegesserie gegen Sion, Luzern und Xamax ein vergleichbares Expected Goals-Verhältnis wie jetzt mit 2.53 : 1.11 in St. Gallen.

40. Minute: Handspiel von Benjamin Kololli auf der Strafraumgrenze

Im Verlaufe der Partie schaffte es der FCZ zeitweise hinten kompakt zu stehen. Selbst Benjamin Kololli arbeitete fleissig nach hinten mit, hatte aber bei einer solchen Aktion am eigenen Strafraum Glück, dass nicht auf Handspenalty für St. Gallen entschieden wurde. In Bezug auf Schiedsrichter Fähndrich rieb man sich als jahrelanger FCZ- und Liga-Beobachter verwundert die Augen und wähnte sich in einem Paralleluniversum. Nachdem dieser seit Jahren zu den drei Schiedsrichtern gehört, die im Zweifelsfall konsequent gegen den FCZ zu pfeifen scheinen, am stärksten in Partien gegen YB und Luzern, regte sich mit St. Gallen erstmals zu Recht ein FCZ-Gegner über seine Entscheidungen auf. Neben Kolollis Aktion hätte sicherlich Hekuran Kryeziu in mindestens einer von zwei Foulaktionen Gelb sehen müssen und in der Schlussphase wurde ein Handspiel vor dem Strafraum von Michael Kempter nicht gepfiffen – ein ähnliches von Vincent Rüfli auf der anderen Seite hingegen schon.

Die Kommunikation und Ordnung scheint sich beim FCZ verbessert zu präsentieren. Nachdem der FCZ begann, konsequent lange Bälle in die Tiefe zu spielen, war Aiyegun Tosin ab der 56. Minute voll in seinem Element und erzielte nach einem sauberen Tackling von Nathan am eigenen Strafraum gegen den eingewechselten ehemaligen FCZ-Junior André Ribeiro und dem schnellen Gegenstoss über Hekuran Kryeziu und Mahi das 2:0. Der Nigerianer feierte den Treffer mit einer kleinen Provokation gegenüber den während der ganzen Partie schon eine kurze Zündschnur aufweisenden 700 St. Gallen-Fans, was diese zusätzlich auf die Palme brachte und gemäss einem später publizierten Video einen davon zu einem rassistischen Ausruf verleiten liess, den auf dem Platz aber niemand mitbekam.

FCSG – FCZ Züri Live Match Performance

Der FC Zürich konnte im Kybunpark auch von der besser besetzten Ersatzbank und der verletzungsbedingten Auswechslung Yannis Letards kurz nach der Pause profitieren. Marco Schönbächler beispielsweise überzeugte erstmals seit längerer Zeit vor allem defensiv. Ausserdem zogen St. Galler Leistungsträger wie Hefti oder Quintilla einen ihrer weniger guten Tage ein. Auf Zürcher Seite vermochte Michael Kempter seinen ordentlichen bis guten Auftritt von Bern in St. Gallen noch zu toppen. Dass der FCZ links mehr Stabilität ausstrahlt als rechts, hat man lange nicht mehr gesehen. Es fing bei den im Vergleich mit seinem Pendant Rüegg besseren Einwürfen an, und setzte sich fort mit disziplinierterem Verteidigen sowie dynamischen Vorstössen über die Seite und durch die Mitte. Der FCZ gewann in St. Gallen 4:0 mit einer Ballbesitzquote von gerade einmal 37%. Was nicht aussergewöhnlich ist: drei der vier Saisonsiege gegen Spitzenteams (2x St. Gallen, 1x Basel) erreichte Zürich mit einer Ballbesitzquote von 30-40%. Das Erfolgsrezept jeweils? Defensive Stabilität, Kampfgeist, schnelle Konter und Nathan in der Startaufstellung.

Schlussresultat im Kybunpark

St. Gallen – FC Zürich 0:4 (0:1)
Tore: 31. Kramer (Kololli) 0:1; 64. Tosin (Mahi) 0:2, 86. Kololli (Mahi) 0:3, 90.+1 Tosin (Mahi) 0:4.
St. Gallen – Zigi; Hefti, Stergiou, Letard (47. Fabiano Alves, 67. Bakayoko), Rüfli (67. Muheim); Quintilla; Görtler, Ruiz (85. Staubli); Guillemenot (46. Ribeiro); Demirovic, Itten.
FCZ – Brecher; Rüegg (88. Britto), Nathan, Omeragic, Kempter; Tosin (82. Janjicic), H. Kryeziu, Domgjoni (46. Sohm), Kololli (87. Winter); Marchesano (60. Mahi), Kramer (60. Schönbächler).

Nur noch ein halbes Geisterspiel in St. Gallen

(Bilder: Züri Live, Standbilder Arena Sport / Teleclub)

Der Höhepunkt des FCZ-Wochenendes waren wohl die beiden direkt verwandelten Freistösse von Shpetim Sulejmani im Testspiel der U21 gegen Rapperswil-Jona (Endresultat – 3:2). Die 1. Mannschaft kam derweil ebenfalls Samstags in einem ausserordentlichen Testspiel in Luzern zum vierten Freundschaftsspielerfolg in Serie und hat in dieser Kategorie nun eine 8S/4U/4N-Ergebnisbilanz. Die Partie war geprägt von einigen “Déjà Vus“. Zum Ligaauftakt nach der Winterpause war der FCZ zu Hause gegen Luzern schon in der 5. Minute durch Marco Schönbächler in Führung gegangen, nachdem FCL-Débutant Ashvin Balaruban einen schnell ausgeführten langen Freistossball Mirlind Kryezius unterlaufen hatte. Der 18-jährige Linksverteidiger wurde daraufhin in der 52. Minute ausgewechselt und seither bei den Innerschweizern nicht mehr eingesetzt. Bis er jetzt im Test gegen den FCZ erneut eine Chance erhielt – und sich noch deutlich schlechter präsentierte, als damals im Letzigrund. Ein schlimmer Fehlpass Balarubans erneut in der 5. Minute führte zum Corner, der die FCZ-Führung brachte. In der 13. Minute verlor Balaruban zudem auf einfache Art und Weise in der gegnerischen Hälfte den Ball an Rüegg und Schönbächler, die den Konter zum 0:2 abschlossen. In der 21. Minute war es dann auf der anderen Seite Sidler, der von Tosin leicht unter Druck gesetzt, einen katastrophalen Fehlpass vor den eigenen Strafraum spielte – Mahi und Kololli machten daraus das 0:3. In der 39. Minute hatte Schönbächler wiederum über Balarubans Seite leichtes Spiel – Mahi verwertete die Hereingabe zum 0:4.

Aussagekräftig ist der FCZ-Sieg in der Innerschweiz nicht. Der FC Zürich spielte nicht besser, als zuletzt in der Meisterschaft – und auch nicht viel schlechter. Es war genau der FCZ, den man von den letzten Super League-Auftritten her kannte. Ganz offensichtlich hatte das Team die Anweisung erhalten, das Spiel wie eine Meisterschaftspartie anzusehen, auch um mental und physisch in dieser für alle Mannschaften nicht einfachen unfreiwilligen Pause im Rhythmus zu bleiben. Dabei waren in Luzern dieselben Schwachpunkte zu beobachten, wie zuletzt im Ligabetrieb auch: Becir Omeragic unterliefen erneut einige Fehler, Mads Pedersen ist defensiv zu instabil, Antonio Marchesano weiterhin sehr bemüht und gleichzeitig wirr agierend, Toni Domgjoni hingegen etwas träge, Kololli in manchen Szenen mit sich selbst beschäftigt und Mimoun Mahi hat im Pressing immer noch nicht ganz das richtige Verhalten und Timing intus. Bestätigt hat sich in Luzern hingegen auch die Topform des eingewechselten Umaru Bangura, der wie in seinen beiden  Meisterschaftsauftritten des neuen Jahres einen tadellosen Auftritt hinlegte. Der Unterschied zu den Ligaspielen war ein Gegner, der das „Testspiel“ eher als „Freundschaftsspiel“ verstand. Während der FCZ versuchte, den Rhythmus hochzuhalten, schien es für Luzern eher eine Veranstaltung zu sein, in der man sich schlicht etwas bewegen wollte. Die Konzentration war von Anfang an nicht da, wohl zusätzlich auch etwas wegen dem Familiendrama von Teamkollege Ibrahima Ndiayé. Auch sonst war alles etwas anders, als im Ligabetrieb. Es war nicht der FCZ, sondern Luzern, das einen Penalty verschoss. Als der FCZ sich wie schon im Letzigrund erneut auf bei einem Margiotta-Corner vor dem Strafraum erwischen liess, knallte Grether den Ball an die Latte, statt der auf der Allmend nicht eingesetzte Idriz Voca ins Tor. Und auch Schiedsrichter Lukas Fähndrich zeigte sich in vielen Szenen gnädiger mit dem FCZ, als sonst.

Einerseits war es natürlich schön, dass dem FCZ durch Nathan per Kopf nach Hereingabe von Schönbächler in der 6. Minute endlich mal ein Eckballtor gelang. Wenn man aber sah, wie lasch der in der Meisterschaft extrem bissige Lucas Nathan in dieser Aktion “bewachte“, darf man sich nicht allzu viel darauf einbilden. Auch Szenen wie Schürpfs generöse Geste, Tosin viel Raum und Zeit zu lassen, den Steilpass auf Schönbächler zu spielen, der zum 0:4 führte, werden sich nicht mehr so abspielen, wenn es wieder “um die Wurst“ geht. Zumindest schien Adi Winter im Vergleich zu den letzten Super League-Auftritten, in welchen er noch überfordert wirkte, etwas verbessert. Wie schon in der Winterpause wurde er im Testspiel als Rechtsverteidiger eingesetzt. Benji Kololli zeigte erneut, dass er in der Sturmspitze dem Team am ehesten einen Mehrwert bringen kann. Denn in dieser Rolle kann das lange Ballhalten des Waadtländers im Gegensatz zur Flügelposition nützlich sein, damit die Mitspieler aufrücken können. Ausserdem gehört er beim Abschluss im Strafraum zu den besten Spielern im Kader. Nicht nur wegen seiner bereits acht Testspieltore scheint Kololli auf dieser Position aktuell die bessere Option als Kramer zu sein. Das Zentrum mit Heki Kryeziu und Kevin Rüegg wurde von den lasch auftretenden Ndenge und Schulz nicht wirklich einer Prüfung unterzogen. Nach der Einwechslung von Pa Modou spielte Pedersen in seinem ersten Testspiel auf den linken Flügel, eine Position, die für ihn sicherlich etwas besser geeignet ist, als links hinten. Der Däne hat im Kombinationsspiel seine Stärken und war so auch an der Entstehung des 0:5 beteiligt, als Marchesano einen langen Ball des 23-jährigen mit der Schädeldecke weiterleitete. In den meisten Bereichen fehlt aber weiterhin der Nachweis seiner Super League-tauglichkeit, das trat auch bei diesem 5:0 in Luzern offensichtlich zutage.

FC Luzern – FCZ 0:5 (0:4)

Tore: 6. Nathan (Schönbächler) 0:1, 13. Schönbächler (Rüegg) 0:2, 21. Kololli (Mahi) 0:3, 39. Mahi (Schönbächler) 0:4, 61. Kololli (Marchesano) 0:5.

FC Luzern: Müller; Sidler, Lucas (64. Burch), Knezevic (64. Bürki), Balaruban (46. Grether); Ndenge (64. Emini), Schulz (46. Mistrafovic); Matos (64. Tia), Males (64. Margiotta), Schürpf (64. Eleke); Demhasaj.

FCZ: Brecher (46. Vanins); Winter, Nathan (64. Bangura), Omeragic (64. M. Kryeziu), Pedersen; H. Kryeziu, Rüegg (64. Domgjoni); Tosin (64. Pa Modou), Mahi, Schönbächler (46. Marchesano); Kololli.

 

 

Der FC Zürich gewinnt seine beiden Testspiele gegen den Halleschen FC (3. Liga in der Spitzengruppe) mit 4:3 und 2:1. Die beiden heutigen Kontrahenten haben sich erstmals zu einem Test getroffen, hatten aber schon letzte Saison miteinander zu tun, als Kilian Pagliuca vom FCZ nach Sachsen-Anhalt ausgeliehen wurde. Mittlerweile ist der Genfer Stürmer Stammspieler beim stark abstiegsgefährdeten Ligakonkurrenten Carl Zeiss Jena.

Die erste der beiden Partien (4:3) gewinnt der FCZ eher glücklich. Halle hatte in einer eher niveauarmen Partie ein klares Chancenplus zu verzeichnen – beide Teams verteidigten nachlässig. Der FCZ ist nur zu Beginn der Partie und in den Schlussminuten die bessere Mannschaft. Benjamin Kololli gelingen drei Abstaubertreffer im Strafraum und profitiert dabei auch von Fehlern gegnerischer Verteidiger oder des Ersatzkeepers Müller. Dies ändert nichts daran, dass diese Partie einmal mehr gezeigt hat, dass Kololli eine echte Alternative auf der Mittelstürmerposition wäre. Erstens gibt es im Kader kaum einen Spieler, der im Strafraum so abschlussstark ist. Zweitens liegt dem Waadtländer die Rolle des Ballhaltens in zentraler Position besser, als die fleissige offensive und defensive Beackerung der Seite.

In der Testspielstatistik hat er mit jetzt insgesamt sechs Treffern zu Assan Ceesay aufgeschlossen, welcher erst in der Schlussphase der zweiten Partie zu ein paar Einsatzminuten kam. Ganz gefehlt hat in den beiden Partien Pa Modou Jagne (nicht im Aufgebot). In Abwesenheit des immer noch rekonvaleszenten Levan Kharabadze verteidigt auf dessen Seite zuerst Willie Britto, dann wird der vorgestern 25 Jahre alt gewordene Reservespieler Michael Kempter in der Pause des ersten Spieles eingewechselt. Kempter vermochte sich aber nicht nachhaltig zu empfehlen. Im zweiten Spiel agierten auf der Linksverteidigerposition erst Stephan Seiler und später Ilan Sauter.

Der FCZ hat in beiden Partien mit den Angriffen Halles über beide Seiten Mühe. Dies ist schon seit einiger Zeit die wohl grösste Schwachstelle des FC Zürich und die insgesamt schwächer einzustufenden Sachsen-Anhalter zeigten dies mit ihrem Spielstil brutal auf. Gefordert, sich defensiv zu verbessern, sind beim FCZ nicht nur die Aussenverteidiger, sondern vor allem auch die Flügelspieler. In der Zweiten Partie hinterliess der FCZ einen besseren Eindruck und gewann verdient, obwohl beim Gegner da eher die etwas stärkere Elf angetreten war. Das Zentrum mit Janjicic (wie Winter mit seinem ersten Testspiel der Saison) und Hekuran Kryeziu vermochte zeitweise das Spiel an sich zu reissen. Adi Winter feierte ein zufriedenstellendes Comeback. Marco Schönbächler (vor drei Tagen 30 geworden) vermochte zwei Treffer zu erzielen.

Das erste bereits nach anderthalb Minuten, aufgelegt von Lavdim Zumberi, welcher später angeschlagen ausgewechselt werden musste. Der zweite Schönbi-Treffer war ein souverän verwandelter Penalty, nachdem Popovic Seiler in die Gasse geschickt und dieser durch Washausen zu Fall gebracht worden war. Der Halle-Defensivmann tat sich bei seinem Foul selber weh, wollte aber wie ein Teil seiner Teamkollegen in der Aktion trotzdem keine Berührung gesehen haben. Spieler und die zahlreich mitgereisten Fans des ambitionierten HFC hatten sich schon zuvor während 180 Minuten über viele Schiedsrichterentscheidungen zum grössten Teil zu Unrecht aufgeregt, so dass es sogar, für ein Testspiel ungewöhnlich, Verwarnungen wegen Reklamierens absetzte.

FCZ – Halle 4:3 (2:1) – 1. Partie

FCZ: Vanins; Rüegg, Omeragic (46. Kempter), M. Kryeziu, Britto; S. Sohm, Domgjoni; Tosin, Marchesano, Kololli; Mahi.

HFC: Müller; Lindenhahn, Mai, Hansch, Galle; Papadopoulos, Syhre, Jopek, Drinkuth; P. Sohm, Nietfeld.

Tore: 6. Kololli (Tosin) 1:0, 14. Nietfeld 1:1, 18. Kololli (Mahi) 2:1; 48. P. Sohm (Jopek) 2:2, 59. Mahi (Kempter) 3:2, 62. P. Sohm 3:3, 74. Kololli (Mahi) 4:3.

FCZ – Halle 2:1 (1:1) – 2. Partie

FCZ: Brecher; Winter (61. Sauter), Nathan, Bangura, Seiler; H. Kryeziu (61. Ceesay), Janjicic; Aliu, Zumberi (42. Popovic), Schönbächler; Kramer.

HFC: Eisele; Landgraf, Kastenhofer, Vollert, Mast; Göbel, Bahn Baxter, Washausen, Guttau; Fetsch, Boyd.

Tore: 2. Schönbächler (Zumberi) 1:0, 26. Fetsch (Mast) 1:1; 84. Schönbächler (Penalty, Seiler) 2:1.