im „Supercup“-Duell zwischen Meister und Cupsieger bringt Lugano-Coach Mattia Croci-Torti Maren Haile-Selassie im Letzigrund von Anfang an. Er gehört zu den ganz wenigen Talenten, die den Sprung von der U18 in die 1. Mannschaft beim FCZ direkt geschafft haben. Der FC Zürich setzte also stark auf ihn, aber er hatte zu jenem Zeitpunkt noch nicht die Reife für die Super League. Diese hat er sich in den letzten Jahren Schritt für Schritt bei Xamax und Lugano immer mehr geholt. Ebenfalls von Beginn weg kommt der zum Transferschluss noch verpflichtete Schweizer Nationalspieler Renato Steffen zum Einsatz. Dieser bringt eine illustre Vergangenheit bei Spielen gegen den FCZ mit.

Der FCZ wird voraussichtlich im üblichen Spielsystem antreten. Rohner beginnt zusammen mit Tosin. Marchesano und Vyunnik werden rekonvaleszent gemeldet, Katic ist nicht im Aufgebot.

In der „Supercoppa“ in der zweitletzten Super League-Runde der denkwürdigen Saison 21/22 herrschte von Beginn weg eine lockere, festliche Atmosphäre. Die Heimmannschaft war bis etwa drei Minuten vor dem offiziellen Anpfiff mit ihrer Ehrenrunde mit Trophäe durchs Stadionrund und der Verabschiedung von verdienten Spielern (Lavanchy, Lovric, Martic) beschäftigt. Um die 80. Minute herum liessen FCZ-Fans hinter dem Gästesektor eine veritable Meisterfeuerwerk-Show steigen, welche auch von den Lugano-Supportern dankbar bestaunt und mit Applaus bedacht wurde. Dann wurde die Partie fortgesetzt.

Andy Gogia erneut mit laschem Auftritt

Gleich mit dem ersten Konterangriff über Doumbia, Krasniqi, Ceesay und Rohner nach zwei Minuten ging der FCZ in Führung. Ex FCZ-Captain Rüegg hatte den Ball im Mittelfeld verloren und Gogia die butterweiche Flanke Assan Ceesays (mit Rechts!) am entfernten linken Pfosten per Direktabnahme versenkt. Das Tor motivierte Gogia aber nicht, sich von seiner besten Seite zu präsentieren, ganz im Gegenteil: der Rest seines Auftrittes im Cornaredo war ein Ärgernis und er wurde dann auch in der 58. Minute ausgewechselt. Auch Silvan Wallner und Ante Coric vermochten ihre Einsatzchance in der Startformation nicht zu nutzen.

Einwechslungen und taktische Umstellung bringen wenig

Most Valuable Player der Partie aus FCZ-Sicht war Zivko Kostadinovic, der mit einigen starken Interventionen eine höhere Niederlage verhinderte. Lugano zeigte eine bessere Körpersprache als einige Akteure beim FCZ und war wenige Tage nach dem Triumph von Bern emotional noch im Hoch – ähnlich wie der FCZ zuletzt in St. Gallen. Auch von den Einwechselspielern konnte nur Stephan Seiler überzeugen. Die Umstellung auf ein 4-4-2 in der 66. Minute mit vier nominellen Stürmern auf dem Platz (Tosin und Gnonto besetzten die Aussenpositionen im Mittelfeld) zeigte ebenfalls nur beschränkt Wirkung.

Highlights

Performance & Stats

Kommentare

Telegramm

Lugano – FCZ 2:1 (2:1)
Tore: 3. Gogia (Ceesay) 0:1, 4. Sabbatini (Bottani) 1:1, 28. Sabbatini (Lavanchy) 2:1.
Lugano – Saipi; Rüegg, Hajrizi, Ziegler, Valenzuela; Lovric (90.+1 Durrer); Custodio (85. Mahmoud), Sabbatini; Lavanchy (90.+1 Yuri), Celar (64. Amoura), Bottani (64. Haile-Selassie).
FCZ – Kostadinovic; Wallner (90.+1 Hodza), Kamberi, Mets; Rohner (66. Tosin), Doumbia, Gogia (58. Guerrero); Krasniqi (66. Kramer), Coric (58. Seiler); Ceesay, Gnonto.



Neunter Sieg in Folge für den FC Zürich, dazu zum sechsten Mal hintereinander gegen Lugano „zu Null“ gewonnen. Erstmals in dieser Rückrunde hatte man unter dem Strich auch die etwas besseren Torchancen, als der Gegner. Trotzdem war Trainer Breitenreiter mit der Leistung nicht zufrieden. Nach der Führung habe man zu stark nachgelassen, sei zu passiv geworden. Konkret passierte dies nach rund 30 Minuten.

Nach einer halben Stunde geht Zugriff im Pressing verloren

Die erste halbe Stunde war gut, auch nach der in der 11. Minute erzielten Führung Antonio Marchesanos (erster Rückrundentreffer). Danach lässt sich auch aus den Daten herauslesen, dass der Stadtclub im Gegensatz zu den ersten beiden Rückrundenpartien im Pressing stark nachliess. Aufgrund der Visionierung der Bilder bezieht sich dies aber nicht auf die Positionierung. Man stand weiterhin hoch, aber der Zugriff auf den Gegner war einfach nicht mehr genügend vorhanden. Ballführende Luganesi wie Sabbatini oder Lovric konnten sich in der eigenen Platzhälfte zu einfach lösen. Speziell in den letzten sechs Minuten vor der Pause liess man gefährliche Konter der Tessiner zu. Der Verlauf der Partie erinnerte etwas an eine (von bisher zwei) Saisonniederlagen, als man das Hohe Pressing länger Aufrecht erhielt, als man (physisch?) in der Lage war und dadurch ins offene Messer lief. Nur mit dem Unterschied, dass es Lugano nicht so konsequent auszunutzen vermochte wie damals YB. Vielleicht ist aber auch der Auswärtssieg in Lausanne eine passende Parallele, als man nach Vorsprung ebenfalls nachliess – und am Ende (in Überzahl) trotzdem gewann. Dazu kamen gegen die Tessiner in der Viertelstunde vor der Pause individuelle Fehler von Tosin (2x), Omeragic und Kryeziu.

Daprelà und Hajrizi holen synchron einen Penalty heraus

In der 51. Minute dann eine wichtige Szene in diesem Spiel. Daprelà und Hajrizi hatten ganz offensichtlich vor der Partie eine Finte besprochen, mit der sie einen Penalty herausholen wollten. Bei einem Eckball von links versuchte Fidan Aliti Gegenspieler Daprelà mit ausgestrecktem Arm an der Brust etwas zu bremsen, wie dies bei solchen Situation von Verteidigern ständig gemacht und auch toleriert wird. Anstatt wie üblich zu versuchen, sich zu lösen, packte Daprelà Alitis linken Arm in Kampfsportmanier mit beiden Händen und zog den FCZ-Verteidiger in seinem Rücken hinter sich her und runter auf den Boden. Hajrizi versuchte parallel das genau gleiche mit Omeragic zu machen, hatte aber offensichtlich weniger Kraft oder eine weniger gute Grifftechnik, so dass Omeragic nicht umfiel. Daraufhin buhlten Daprelà und Hajrizi auf dem Bauch liegend mit Schwimmbewegungen synchron um die Aufmerksamkeit von Schiedsrichter Cibelli. Es sah aus wie die Trockenübung eines engagierten Synchronschwimmerduos. Es waren Stürmerfouls der beiden Lugano-Verteidiger gewesen. Man kann trotzdem etwas Verständnis dafür haben, dass Cibelli selbst nach Betrachtung der Bilder trotzdem Penalty gab, denn es war wirklich geschickt gemacht von den Luganesi – und dass Aliti als er von Daprelà mitgeschleift wurde, noch den rechten Arm von hinten auf dessen Brust legte, half auch nicht.

Brecher pariert erstmals einen Penalty mit der Hand

Der Penalty Reto Zieglers wurde aber von Yanick Brecher stark gehalten. Neben einer gewissen mentalen Müdigkeit Luganos nach dem für den Klub wichtigen Cup-Fight in Thun am Donnerstag zuvor wohl der wichtigste Faktor für den erneuten FCZ-Heimsieg. Nachdem Brecher über viele Jahre hinweg bei Penaltys den Dreh nicht raus hatte und jeweils chancenlos blieb, konnte er vor einem Jahr im Februar 2021 gegen Moumi (YB) und Grgic (Sion) die ersten Elfmeter seiner Profilaufbahn parieren. In beiden Fällen war Brecher in die aus seiner Sicht rechte Ecke gesprungen, konnte den jeweils halbhoch zentral gezielten Ball noch mit dem Linken Fuss abwehren. Nun sprang er zum allerersten Mal in die richtige Ecke und parierte den Ball mit den Händen – das in diesen Situationen so entscheidende Timing war dabei im Vergleich zu früher deutlich verbessert.

Tosin als Starter noch nicht im Strumpf

Nach diesem Erfolgserlebnis drehte der FCZ auf. Das 2:0 in der 64. Minute fiel auf den besten der vielen guten Abstösse des MVPs Yanick Brecher – das erste FCZ-Tor dieser Saison aus einem Abstoss. Assan Ceesay (zum zweiten Mal hintereinander eine “9“) ist der Notenbeste gegen seinen Ex-Klub und war an allen drei Treffern in der ein oder anderen Form beteiligt. Er wäre der logische MVP gewesen, aber Brecher war mit seiner Punktzahl nahe an Ceesay dran und der gehaltene Penalty in dieser Partie für den Ausgang mitentscheidend. In der guten Anfangsphase der Partie liefen fast alle Angriffe über Fidan Aliti. Am anderen Ende der Skala erhielt Tosin die einzige ungenügende Note an diesem Tag. Zwar war der Nigerianer in der Vorbereitung des 1:0 entscheidend beteiligt, aber ansonsten hatte er lange “Downtimes“ und es unterliefen ihm einige Fehler.

Am Ende der Vorrunde hatte Tosin vor allem als Joker überzeugt und bei solchen Einsätzen einen Züri Live-Notenschnitt von 8,5 zu verzeichnen. Nach der Winterpause und seiner kurzzeitigen Erkrankung erhielt er bei seinen Startelfauftritten gegen GC und Lugano nun zwei Mal eine “4“. Aktuell scheint Tosin seinem Team mit Jokereinsätzen mit einzelnen starken Aktionen, in die er seine ganze Energie reinlegen kann, besser helfen zu können, als in der Startformation – während Wilfried Gnonto mittlerweile reif genug ist, in der Super League von Anfang an auf dem Platz zu stehen und über 70 oder 90 Minuten eine wichtige Rolle zu spielen. Bledian Krasniqi hat sich zuletzt von Spiel zu Spiel gesteigert. Ousmane Doumbia war wie häufig an vielen positiven aber auch vielen negativen Aktionen beteiligt. Zu den positiven gehörte sicherlich nach dem Derby sein zweites Assist hintereinander – das sind gleich viele wie in der ganzen Vorrunde.

FCZ auch statistisch gradlinig

Lugano versuchte es in der Schlussphase unter anderem mit der Einwechslung des ehemaligen FCZ-Juniors Maren Haile-Selassie und der Umstellung auf ein 4-4-2. Letztendlich waren die Tessiner aber im Abschluss zu wenig effizient. Chancen wären durchaus vorhanden gewesen. Statistisch auffällig beim FCZ: die äusserst geringe Zahl an Querpässen: nur 67 bei einem Ligaschnitt von 160 pro Partie. Das von Trainer Breitenreiter gewünschte gradlinige Spiel wurde durchaus praktiziert.

Telegramm

FCZ – Lugano 3:0 (1:0)
Tore: 12. Marchesano (Tosin) 1:0; 64. Gnonto (Guerrero) 2:0, 66. Ceesay (Doumbia) 3:0.
FCZ – Brecher; Omeragic, Kryeziu, Aliti; Boranijasevic (82. Gogia), Doumbia, Krasniqi (59. Dzemaili), Guerrero; Marchesano (73. Hornschuh); Ceesay (82. Kramer), Tosin (59. Gnonto).
Lugano – Saipi; Hajrizi (59. Lavanchy), Daprelà, Ziegler; Rüegg, Sabbatini, Facchinetti (59. Yuri); Custodio (67. Muci), Lovric; Aliseda (59. Haile-Selassie), Bottani (46. Celar).

Im Spitzenkampf gegen Lugano kann man gespannt darauf sein, wie der nächste Schritt des FCZ in seiner Entwicklung aussehen wird. In der 1. Runde der Saison hat man in Lugano einen reinen Konterfussball gespielt, in den letzten Wochen hat man sich hingegen schrittweise ein immer höheres Pressing angeeignet. Wird es ein anderes Spiel als sonst? Personell stellt sich die Frage, ob Becir Omeragic noch Platz findet in der Startformation. Sowohl die Abwehrreihe wie auch das Mittelfeld scheint zur Zeit ohne ihn besser zu funktionieren. Kriegt Ante Coric gegen Lugano eine Chance von Beginn weg? Oder zu einem späteren Zeitpunkt? Kommt vorne Gnonto oder Tosin zum Zug?

Trainer André Breitenreiter entscheidet sich für Becir Omeragic, Bledian Krasniqi und Aiyegun Tosin in der Startaufstellung. Mets, Dzemaili und Gnonto sitzen vorerst auf der Ersatzbank – genauso wie der wiedergenesene Blaz Kramer.

Haile-Selassie profitiert von Systemwechseln

Lugano hat sich zuletzt gegen Luzern und im Cup in Thun viele gute Torchancen erarbeitet. Die Tessiner waren zuletzt unter anderem mit Schüssen von der Strafraumgrenze gefährlich und auch mit dem Ausnutzen von unklaren Situationen bei Einwürfen, vermeintlichen Fouls oder schlecht gestellten Offsidefallen. Es ist ein Trend, der sich vom Ende der Vorrunde her fortgesetzt hat. Eine Ausnahme war die 0:1-Niederlage in Bern zum Auftakt der Rückrunde, als die Tessiner (ähnlich wie der FCZ beim 1:0-Sieg im Letzigrund gegen YB in der Vorrunde) das Spiel möglichst chancenarm zu gestalten versuchten. Ausgerechnet in einer Situation, als Lugano im Wankdorf dann aber ausnahmsweise risikovoll ins Hohe Pressing ging, mussten die Tessiner den entscheidenden Gegentreffer durch einen YB-Konter hinnehmen.

Die Tessiner und ihr Coach Mattia Croci-Torti fahren diese Saison eine Politik der personellen Konstanz – genauso wie der FCZ. Was Lugano vom Letzigrundteam unterscheidet, ist, dass Croci-Torti sehr gerne das System und manchmal auch die Spielweise ändert. In Bern spiegelte er die YB-Formation ebenfalls mit einem 4-4-2 und machte die Seite zu. Dies eröffnete dem in der Winterpause aus Neuenburg gekommenen ehemaligen FCZ-Junior Maren Haile-Selassie einen Einsatz in der Startformation im Linken Mittelfeld. Aufgrund dieses Auftrittes wurde er gegen Luzern und im Cup in Thun ebenfalls jeweils von Anfang an nominiert. Zuerst im Zweimannsturm, dann auf der Zehnerposition – beide Male mit einem Torerfolg.

Was wäre wenn… Ceesay noch bei Lugano spielen würde?

In Thun probierte es Croci-Torti in FCZ-Manier im 3-4-1-2 mit viel Pressing. Beim Stand von 2:2 wechselte er auf ein 4-4-2, um wie gegen YB dem Gegner über die Seiten, wo die Berner Oberländer vor allem mit Schwizer am gefährlichsten wurden, den Raum zu nehmen. Seit der Amtsübernahme Croci-Tortis hat Lugano nur sechs Punkte weniger als der FCZ geholt. Und dies ohne eine wirklich befriedigende Lösung in der Sturmspitze zu haben. Mit ihrem ehemaligen Angreifer Assan Ceesay in seiner jetzigen Form in den Reihen läge Lugano für diesen Zeitraum wohl vor dem FCZ. Croci-Torti will einen Stosstürmer sekundiert durch einen wirbligen Nebenmann. Vom „wirbligen Typ“ haben die Bianconeri mehr als genug im Kader: Bottani, Haile-Selassie, Amoura, Aliseda. Bei der Position des Stossstürmers hapert es hingegen, so dass der ansprechende, aber nicht hervorragende Celar diesen Platz meist auf sicher hat. Abubakar wurde von Croci-Torti auf dieser Position in der Vorrunde erfolglos ausprobiert, Junioren-Nationalspieler Muci war im Gegensatz zu Nati-Teamkollege Besio bisher noch nicht ganz ready für die Super League. Sportchef Da Silva hat daher für diese Position von seinem Ex-Klub Rapperswil in der Winterpause zusätzlich noch Alessandro Casciato verpflichtet.

Gegen den FCZ wird Lugano vermutlich wieder zu seinem Stammsystem und der Stammformation (ohne den angeschlagenen Maric) zurückkehren, auch wenn Adrian Durrer und Kevin Rüegg gute Ansätze gezeigt haben. Am stärksten schwanken könnte Croci-Torti bei der Frage: Bottani oder Haile-Selassie? Bottani ist nicht nur eine Lugano-Institution, sondern macht die Mannschaft mit seinen den Gegner beschäftigenden und Räume aufreissenden Laufwegen auch dann besser, wenn er keine Skorerpunkte für sich verbuchen kann. Croci-Torti hält sehr viel von ihm. Haile-Selassie hat zuletzt aber immerhin in zwei Spielen zwei wichtige Tore erzielt und kann gegen seinen Stammklub antreten, wo sein jüngerer Bruder in der U21 engagiert ist. Falls Croci-Torti Lavanchy eine Pause geben möchte (weniger wahrscheinlich), dann würde Rüegg für ihn zum Zug kommen. Rüegg und der ein Jahr jüngere Haile-Selassie stammen nicht nur beide aus der FCZ Academy, sondern haben dort jeweils jedes zweite Jahr auch zusammen im Team gestanden. In der Meistersaison 15/16 der U18 war Haile-Selassie altersbedingt allerdings jeweils Ersatz und Rüegg fiel verletzungshalber längere Zeit aus.

Auch Mattia Croci-Torti nimmt drei andere Spieler als vermutet in die Startformation. Neuling Ignacio Aliseda darf von Beginn weg für Celar auflaufen. Damit laufen erstmals seit langem zwei „wirblige“ Stürmer vorne auf. Lugano wird dadurch wohl noch mehr auf Konter setzen. Ausserdem laufen auf der Aussenbahn Mickaël Facchinetti und Kevin Rüegg auf.

Der Respekt vor den Umschaltmomenten des Gegners war auf beiden Seiten gross. Lugano agierte im Letzigrund vorsichtig und zog sich meist weit zurück. Der FCZ übernahm über weite Strecken das Spieldiktat, war aber gleichzeitig darob besorgt, in der eigenen Platzhälfte dem Gegner keine Umschaltsituationen zuzugestehen. So spielte Yanick Brecher fast ausschliesslich hohe Bälle ins Mittelfeld, wo sich dann häufige Ballbesitzwechsel ergaben. Erst in der gegnerischen Hälfte kamen beim FCZ dann die spielerischen Elemente zum Zug. Und es gab phasenweise bei Ballbesitz viel Bewegung in der ganzen Mannschaft, Die Partie zog sich trotzdem zäh wie ein Kaugummi bei einem klaren Chancenplus des Breitenreiter-Teams. Auf das Gehäuse von FCZ-Goalie Brecher kam kein einziger Ball.

Entwicklung der FCZ-Spielweise im Vergleich zum Saisonstart

Seit dem Saisonauftakt hat der FCZ sein Spiel von Runde zu Runde entwickelt. Dies wird unter anderem illustriert durch die Ballbesitzstatistik. Im Cornaredo zum Saisonstart lag dieser noch bei fast schon rekordtiefen 28% (und dies gegen einen Gegner wie Lugano!) – beim zweiten Aufeinandertreffen der beiden Teams im Letzigrund waren es hingegen 54%. Der Gleitende Durchschnitt bewegt sich kontinuierlich Richtung 50%-Marke. Wurde zu Saisonbeginn beim FCZ noch ultraschnell und direkt umgeschaltet, nimmt man nun viel häufiger das Tempo aus den Aktionen, um das Spiel kontrolliert in Richtung gegnerisches Gehäuse aufzubauen. Nicht nur die Anspielzeit, sondern auch die Spielweise unterschied sich wie Tag und Nacht vom Saisonstart.

FCZ-Ballbesitz 21/22, Liga, Gleitender Durchschnitt

Ousmane Doumbias gelungener Abend

Im Vergleich zum Heimspiel gegen Sion kam der FCZ gegen einen noch massierteren Gegner häufiger über die Seiten und profitierte dabei von der Rückkehr der Aussenläufer Guerrero und Boranijasevic in die Startformation. MVP ist zum ersten Mal in dieser Saison Ousmane Doumbia, dem von der 1. Minute an eine offensiv wie defensiv starke Partie gelang. Blerim Dzemaili (erstmals in der Startformation diese Saison) hatte hingegen nach seiner sehr guten Halbzeit gegen Sion wieder einen Rückschritt zu verzeichnen. Lag es unter anderem daran, dass er diesmal vorwiegend wieder auf der 8-er Position spielte, statt wie gegen Sion auf der „Sechs“? Insgesamt ist der Notenschnitt der Mannschaft (6,0) identisch mit demjenigen des Sion-Spiels.

Telegramm

FC Zürich – FC Lugano 1:0 (1:0)
Tore: 77. Ceesay (Marchesano) 1:0.
FCZ – Brecher; Omeragic (90. Kamberi), Kryeziu Aliti; Boranijasevic, Doumbia, Guerrero; Dzemaili (64. Gnonto), Krasniqi (64. Coric); Marchesano (83. Hornschuh), Ceesay.
Lugano – Osigwe; Hajrizi (81. Luis Phelipe), Daprelà, Ziegler, Facchinetti (81. Yuri); Custodio (81. Mahmoud); Sabbatini, Lovric; Lavanchy, Celar (64. Amoura), Abubakar (76. Lungoyi).

Den Saisonauftakt im Tessin konnte der FCZ erfolgreich gestalten – nicht zuletzt dank dem Premièrentreffer des Ex-Luganesi Adrian Guerrero, der auf das zweite Duell im Letzigrund hin von seiner Sperre zurückkehrt. Damals war bei Züri Live die Rede von “Brasil-Lugano“ am Zuckerhut. Knapp drei Monate später ist dies bereits wieder Makulatur. Lugano goes USA und ist jetzt in Besitz des Amerikanders Joe Mansueta, nachdem bereits die Lugano Frauen über Jahre von Spielerinnen aus Übersee dominiert wurden.

Unter dem bisherigen Assistenztrainer und TV-Experten Mattia Croci Torti ist Lugano seit vier Spielen ungeschlagen und hat zuletzt nach der Systemumstellung auf ein 4-4-2 sowohl in Luzern, als auch gegen Lausanne-Sport gewinnen können. Speziell Mickaël Facchinetti auf Links aber zunehmend auch Numa Lavanchy auf Rechts hatten aufgrund von Formtiefs die Last als einzige Aussenläufer im 3-4-1-2 nicht mehr befriedigend alleine stemmen können. Trotzdem scheint Croci Torti heute im Letzigrund zu Luganos angestammter Spielformation zurückzukehren. Der zuletzt jeweils als Linker Mittelfeldspieler eingesetzte Asumah Abubakar würde dann für den ausfallenden Mattia Bottani in der Spitze neben “Shootingstar“ Zan Celar beginnen.

FCZ-Trainer André Breitenreiter hat hingegen zuletzt durch dick und dünn am 3-4-1-2 festgehalten, selbst als zuletzt gegen Sion Guerrero gesperrt fehlte und Boranijasevic auf der Ersatzbank begann. Die Aussenbahn wurde gegen die Walliser durch Fabian Rohner und Wilfried Gnonto beackert. Bei den zuletzt etwas schwankenden wenn auch in der Tendenz immer noch positiven Auftritten standen jeweils vier eigentliche Zentrale Mittelfeldspieler gleichzeitig in der Startaufstellung. Auch weil auf dieser Position eine sehr hohe Kadertiefe herrscht. Wobei Antonio Marchesano jeweils als zweiter Stürmer neben Assan Ceesay auflief. Moritz Leitner fällt aus und Ante Coric beginnt auf der Ersatzbank. Somit rücken Blerim Dzemaili und Bledian Krasniqi in die Startaufstellung.

Spiel und Taktik

Dem FCZ gelingt zum Saisonauftakt gegen den FC Lugano der vierte Sieg ohne Gegentor in Folge gegen diesen Gegner! Zu Beginn spielten beide Teams relativ viele hohe Bälle. Nach gewissen statistischen Quellen hatte das Letzigrund-Team im Cornaredo mit 28% den tiefsten Ballbesitzwert aller Wettbewerbsspiele der letzten sechs Jahre. Nach den Testspielen konnte bereits vermutet werden, dass der FCZ zum Meisterschaftsstart im Vergleich zur Rizzo-Ära die defensive Absicherung noch mehr verstärken wird, und dies wurde auch getan. In der Regel wartete der FCZ mit einer Fünferabwehrreihe auf die Angriffe der Tessiner. Zudem wurde in vielen Situationen der ballführende Luganesi nicht direkt angegriffen, sondern effektiv darauf fokussiert, die Passwege zuzustellen. Die taktische Formation spiegelte das 3-1-4-2 der Tessiner. Selbst die Stürmer Ceesay und Kramer waren angehalten, bei vorpreschenden Lugano-Innenverteidigern wie beispielsweise Ziegler, diesen bis ganz nach hinten zu folgen. Diese Disziplin braucht es, um mit diesem FCZ-Team einen gewissen Erfolg zu haben. Die Ausrichtung war richtig und zahlte sich aus. Vor allem, weil noch direkter und konsequenter umgeschaltet wurde.

„Schnelles Konterspiel noch konsequenter umgesetzt“ – Lugano-FCZ Kommentare

Das kongeniale Duo Marchesano / Ceesay konnte auf diese Art und Weise ihre Stärken voll ausspielen. MVP Marchesano war omnipräsent und Ceesay bereitete mit zwei unwiderstehlichen Aktionen beide Tore vor. Die zwei waren die Offensivwaffe der Zürcher und die einzigen Akteure, die in der Züri Live-Wertung mehr Offensiv- als Defensivpunkte sammelten. Der FC Zürich spielte so zielstrebig Richtung Tor, dass man in der ganzen Partie zu keinem einzigen Eckball kam (kaum Spiel über die Seiten in der Zone 3). Erst in der Schlussphase wurde Lugano durch die Einwechslung von Covilo, Ba, Guidotti oder Monzialo bei einigen seiner vielen Eckbälle (11:0) dann auch gefährlicher. Bei klassischen hohen Bällen in den Strafraum aus dem Spiel heraus köpften aber Mirlind Kryeziu und der in seiner Kopfballtechnik ganz offensichtlich über den Sommer verbesserte Blaz Kramer praktisch alles weg. Nach Expected Goals war die Partie im Cornaredo ausgeglichen – aber Lugano scheiterte im Abschluss – vor allem im Falle von Mattia Bottani, dessen scharfen Weitschuss in der 78. Minute Yanick Brecher mit den Fingern noch an den Pfosten lenkte.

Der Gegner

Lugano lief wie schon beim 2:2-Test gegen den Italienischen Meister Inter mit dem 18-jährigen Eigengewächs Nikolas Muci im Sturm auf, der zusammen mit Mattia Bottani in der Ersten Halbzeit ein einheimisches Sturmduo bildete. In der Dreierabwehr feierte zudem der aus dem YB-Nachwuchs stammende Kreshnik Hajrizi sein Super League-Début mit dem einen oder anderen Fehler, unter anderem seinem Tackling, das zum Penalty führte. Das Team des neuen Brasilianischen Trainers Abel Braga zeigte Spielwitz, war nominell aber zum jetzigen Zeitpunkt sicherlich etwas weniger stark einzustufen, als noch letzte Saison. Vor allem defensiv stimmte die Organisation nicht wie üblich. Das fing schon vorne und im Mittelfeld an, wo Lugano kein richtiger Zugriff auf die ballführenden Zürcher gelang – die Bianconeri schienen immer einen Mann zu wenig zur Verfügung zu haben, obwohl sie auch mit 11 Mann spielten. Zur Halbzeitpause kam Asumah Abubakar rein und mit ihm wurde im Spiel nach vorne flacher und mit deutlich mehr Positionswechseln gespielt. Der FCZ wirkte nicht mehr so souverän, wie noch in der 1. Halbzeit, brachte aber den Vorsprung auch mit etwas Glück über die Runden.

Die Débutanten

Adrian Guerrero gab in seinem ersten Wettbewerbseinsatz für den FCZ ein hervorragendes Début. Äusserst präzise nach vorne und ohne Ball mit einer sehr hohen Aufmerksamkeit und defensivem Spielverständnis bei gegnerischem Spielaufbau, Umschaltspiel und auch bei Standards, wie man es in dieser Form in den letzten Jahren von Spielern im FCZ-Dress nicht mehr gewohnt war – typisch „Spanische Schule“ im besten Sinn.

Bledian Krasniqi hat zwar schon beinahe 100 Partien im Männerfussball in den Beinen, kam im Cornaredo aber trotzdem zu seinem Super League-Début – und musste Lehrgeld bezahlen. Offensiv hatte Krasniqi nur wenige Aktionen und defensiv genügte sein Auftritt auf diesem Niveau nicht. Zusammen mit Doumbia hatte er den Raum im Zentrum am und vor dem eigenen Strafraum zu wenig im Griff. Die Partie dürfte als Anschauungsunterricht in Bezug auf Verbesserungspotential sehr nützlich sein.

Nikola Boranijasevic war im Vergleich zum diesmal zwar nicht besonders auffälligen, aber durchaus soliden Rohner, eher ein Downgrade auf der Rechten Seite. Fällte sowohl defensiv wie auch offensiv in wichtigen Situationen mehrmals die falsche Entscheidung.

Viele Auf und Abs in kürzester Zeit bei Marc Hornschuh – gute Ballgewinne und einfache Ballverluste, bringt grundsätzlich etwas mehr defensive Stabilität in der Schlussphase, verliert bei gegnerischen Eckbällen aber auch zwei Mal seinen Gegenspieler Demba Ba aus den Augen.

Rodrigo Pollero – ein völlig missglückter Teileinsatz des Uruguayers: zu langsam, zu unpräzis – macht mehrere gute Konterchancen zunichte.

Das Duell des Spiels

Ein spielentscheidendes Duell lieferten sich die beiden ehemaligen Teamkollegen Adrian Guerrero und Numa Lavanchy auf der linken Zürcher- und rechten Lugano-Seite.

20. Minute: Numa Lavanchy antizipiert sehr gut einen etwas «telefonierten» Pass von Omeragic auf Guerrero und spritzt dazwischen. Über Bottani und Sabbatini landet der Ball im Mittelkreis bei Lovric. Der schnell zurücksprintende Rohner zusammen mit Doumbia lassen Lovric aber mit der Weiterleitung des Balles nach vorne auf Muci etwas zögern. Der Lugano-Gegenangriff wird gebremst, Lovric lässt sich auf der linken Seite im Mittelfeld durch vier Zürcher in die Ecke drängen und spielt einen Fehlpass in die Füsse von Doumbia. Der FCZ schaltet über Marchesano  und Ceesay über rechts schnell um.

Im Moment des Ballgewinnes steht Guerrero vor dem eigenen Strafraum bei seinem Gegenspieler Lavanchy, bereit für einen allfälligen Seitenwechsel Luganos. Sobald der Ball von Doumbia direkt zu Marchesano prallt, sprintet Guerrero sofort los, macht sich dann etwa 30 Meter vor dem Tor gegenüber dem ballführenden Ceesay bemerkbar. Lavanchy hatte inzwischen die Verfolgung Guerreros aufgenommen. Der Waadtländer ist schneller als Guerrero, hat aber immer noch sechs Meter Rückstand. Weil der Querpass von Ceesay für einmal sehr präzis und mit gutem Timing gespielt ist (Lovric verzichtet auf ein Foul an Ceesay), kann Guerrero den Ball direkt in seinen Lauf mitnehmen und Lavanchy kommt zu spät. Die Lugano-Dreierabwehr hat sich relativ eng formiert und ging dabei davon aus, dass der schnelle und laufstarke Lavanchy seinen Gegenspieler Guerrero im Griff hat – dies liess Guerrero den entscheidenden Raum, den dieser mit einem sehr präzisen Abschluss von der Strafraumgrenze via rechten Innenpfosten auch optimal nutzte.

Diese ganze Szene vor dem 0:1 war typisch für das gesamte Duell zwischen Guerrero und Lavanchy. Der Waadtländer machte eine ordentlich bis gute Partie. Einmal gelang es ihm auch seinen Gegenspieler zu tunneln, was zu einer guten Kopfballchance Lovrics führte. Aber Guerrero spielte in seinem ersten FCZ-Wettbewerbsspiel hervorragend, und mit noch etwas mehr Konsequenz, sowohl offensiv wie defensiv, als sein Gegenpart auf Lugano-Seite.

Most Valuable Player

Antonio Marchesano ist mit Abstand der beste Offensivspieler auf dem Platz, der zudem auch noch hinten viel aushilft – das Duo Doumbia / Krasniqi hat in dieser Partie die Unterstützung auch dringend nötig. Wie vermutet kommt der erfahrene Tessiner genau zum richtigen Zeitpunkt zum Saisonstart in Form und verwandelt deshalb auch seinen Penalty souverän. Die bei Breitenreiter in der ersten Partie noch stärker auf schnelles Umschaltspiel ausgelegte Spielweise kommt dem Duo Marchesano / Ceesay sehr entgegen. Blaz Kramer, obwohl 90 Minuten auf dem Platz, spielt hingegen eher eine Nebenrolle – auch wenn er in gewissen Szenen wichtig ist, als Spieler, der die gegnerischen Abwehrspieler bindet – und kann seine eigene Schnelligkeit nicht ausspielen.

„Omeragic bedankt sich persönlich“ Lugano-FCZ Highlights

Telegramm

Lugano – FC Zürich 0:2 (0:2)
Tore: 20. Guerrero (Ceesay) 0:1, 45. Marchesano (Penalty, Ceesay) 0:2.
Lugano – Baumann; Hajrizi (72. Monzialo), Daprelà, Ziegler; Sabbatini (77. Guidotti); Lavanchy, Custodio (61. Ba), Lovric (72. Covilo), Facchinetti; Bottani, N. Muci (46. Abubakar).
FCZ – Brecher; Rohner (56. Boranijasevic), Omeragic, Kryeziu, Aliti, Guerrero; Doumbia, Krasniqi (56. Hornschuh); Marchesano (84. Gnonto); Ceesay (73. Pollero), Kramer.

Tabellensituation: für FCZ-Anhänger in 20/21 ein Déjà Vu. Wie immer seit dem Wiederaufstieg konnte man sich erst gegen Ende der Saison aus der Abstiegsgefahr retten. Alles wie gehabt? Nein, denn bezüglich Jugendförderung in der 1. Mannschaft hat der FCZ gleichzeitig einen brutalen Absturz erlebt. In der Magnin-Ära hatte man sich kontinuierlich wie schon zu Favre-Zeiten oder zu Beginn der Meier-Periode zum grössten Jugendförderer der Liga entwickelt. In der Saison «danach» fällt der Stadtclub nun aber auch in dieser Wertung abrupt zurück ins biedere «abstiegsgefährdete» Mittelfeld.  

Langzeitbetrachtung der „Big6“ seit der Saison 10/11

Dies ergibt das Update der im letzten Oktober gestarteten Auswertung der Einsatzminuten von U21-Spielern von Züri Live. Der Fokus liegt dabei auf der Langzeitbetrachtung seit der Saison 10/11 und den «Big6» des Schweizer Fussballs: GC, Basel, Servette, YB, FCZ und Lausanne-Sport. Diese sechs Klubs stammen aus den fünf grössten Städten der Schweiz (logischerweise zwei davon aus Zürich, welches doppelt so gross ist wie die zweitgrösste Stadt Genf) mit dem grössten Einzugsgebiet für Zuschauer und Talenten. Diese Klubs haben nicht nur in der obersten Liga am meisten Erfolge gefeiert, sondern über die Jahrzehnte hinweg auch am meisten Talente für die Schweizer Nationalmannschaften entwickelt. Die anderen Super League-Klubs werden in der Betrachtung der aktuellen Saison allerdings mit einbezogen. Gemessen wird einerseits die Gesamtzahl der Einsatzminuten aller U21-Spieler und andererseits der U21-Spieler, welche aus dem eigenen Nachwuchs stammen. Als U21-Spieler werden nach UEFA-Standard für die Saison 20/21 Fussballer mit Jahrgang 1999 und jünger bezeichnet. «Eigene Junioren» werden hier definiert als Talente, die mindestens in einem Juniorenteam des gleichen Vereins (bis und mit U18) gespielt haben.

Ist Massimo Rizzo kein Jugendförderer?

Nur weil ein Trainer in der Vergangenheit im Juniorenbereich aktiv war, heisst das noch lange nicht, dass er auch bei den Profis auf den Nachwuchs setzt. So tendiert beispielsweise der ehemalige FCZ-Nachwuchstrainer Urs Fischer eher dazu, auf Erfahrung zu setzen. Gilt dies also ebenso für Massimo Rizzo? Dies kann man nicht abschliessend beurteilen. Wenn Daten über mehrere Saisons vorliegen, sind klare Aussagen möglich. In einer einzelnen Saison können hingegen auch Sonderfaktoren wie Verletzungen oder schlechte Jahrgänge eine Rolle spielen. Oder wie beim FCZ, dass die viel eingesetzten Domgjoni, Rohner (und Tosin) als 98-er Jahrgang auf die Saison 20/21 hin aus der U21-Wertung herausgefallen sind. Die Frage stellt sich trotzdem, warum zuletzt zu wenig (gute) Talente aus dem Nachwuchs nachrücken konnten.  

Bei Peter Zeidler kriegt jeder seine Chance

Würde der FCZ die Jungen so forcieren, wie aktuell St. Gallen, dann wären auf jeden Fall sehr viel mehr aus dem eigenen Nachwuchs zum Einsatz gekommen. Die Ostschweizer stehen diese Saison an der Spitze der Juniorenförderungsrangliste mit dem Einsatz von nicht weniger als 14 U21-Spielern, davon neun aus dem eigenen Nachwuchs. Und dies obwohl die Ostschweizer immer noch eine deutlich kleinere Anzahl an Spitzentalenten hervorbringen, als der FCZ und alle anderen Klubs der «Big6». Peter Zeidler setzte wirklich jeden ein, der auch nur im Entferntesten ein gewisses Potential für den Profibereich mitbringt.

GC und Lausanne bisher deutlich besser als ihr Ruf

Die beiden Klubs mit ausländischen Besitzern, GC und Lausanne, werden mit dem Vorurteil oder der Befürchtung verbunden, sich zu wenig um die Nachwuchsentwicklung zu kümmern. Genau das Gegenteil scheint aber der Fall zu sein. Fosun-GC und Ineos-Lausanne Sport stehen an der Spitze bei der Anzahl eingesetzter U21-Spieler. Und: sogar bezüglich der Einsatzminuten von Junioren aus dem eigenen Nachwuchs liegt GC 20/21 an dritter und Lausanne an vierter Position der elf untersuchten Teams (Super League plus Aufsteiger) – auch wenn dieser Indikator sowohl bei Lausanne wie auch bei GC in der letzten Saison gesunken ist. Bei den Hoppers waren es 20/21 vor allem Petar Pusic, Fabio Fehr, Giotto Morandi und Robin Kalem, die forciert wurden – bei Lausanne Gabriel Barès, Marc Tsoungui, Isaac Schmidt oder Josias Lukembila. Die Top 4 in beiden Wertungen mit GC, Lausanne und St. Gallen wird komplettiert durch den FC Luzern mit Ugrinic, Burch, Emini… Der FCL hat zuletzt ein, zwei sehr gute Jahrgänge hervorgebracht. Ob sich die Innerschweizer im Jugendbereich dauerhaft auf diesem hohen Niveau werden halten können, wird sich in den kommenden Jahren zeigen.  

Serienmeister YB Schlusslicht in der Juniorenförderung,…

Schlusslicht bezüglich Einsatzminuten und Anzahl eingesetzter junger Spieler ist YB. Der Erfolg wirft in einer oberflächlichen Betrachtung seinen Glanz auf alle Aspekte und Elemente in einem Verein. So erhält man beim Konsumieren der deutschschweizer Sportmedien den Eindruck, YB sei der grosse Juniorenförderer – diese Saison vor allem mit Stories über den Debütanten Fabian Rieder. Komplett unter geht dabei, dass bei den Bernern 20/21 neben Rieder mit Felix Mambimbi nur ein einziger weiterer U21-Spieler regelmässig zu Liga-Einsätzen kam. Nico Maier und Joshua Neuenschwander hatten auch noch ein bisschen Einsatzzeit. Insgesamt ganze vier Spieler in einer Saison! Trotz souveräner Führung in der Tabelle. Selbst Lugano oder Vaduz setzten mehr junge Spieler ein und gaben ihnen auch mehr Spielzeit. Bei den gegen den Abstieg kämpfenden Liechtensteinern konnten sich sechs junge Spieler in der Super League-Saison beweisen, bei Lugano neun, beim bezüglich Juniorenförderung stark unterschätzten Sion gar zehn. Und dies ist kein Zufall oder ein Ausnahmejahr. Seit Christoph Spycher als Sportchef übernommen hat, rasselte die unter Vorgänger Fredy Bickel vorbildliche Integration des eigenen Nachwuchses in der 1. Mannschaft in den Keller. Und dies obwohl parallel die Juniorenteams der YB Academy unter Ernst Graf als zuständigem Verwaltungsrat immer erfolgreicher wurden.

…und gleichzeitig in der Ausbildung mittlerweile mit an der Spitze

In den beiden wichtigsten Juniorenkategorien (U18 und U16) stand YB am Ende der Saison 20/21 an der Spitze – und die Reserve-Mannschaft (U21) stieg in die Promotion League auf. Sie komplettiert nun also das maximal erlaubte Quartett an U21-Teams auf dieser Stufe mit dem FCB, FCZ und Sion. Nur wenn einer dieser vier absteigt, darf ab jetzt ein anderes U21-Team aufsteigen. Nachdem YB II in den letzten Jahren den Aufstieg jeweils knapp (unter anderem in den Playoffs) verpasst hatte, klappte es nun in einer verkürzten Saison mit einem kurzfristig angepassten Modus ohne Playoffs, in welcher am Ende die U21-Teams gegenüber den Amateurteams klar bevorteilt waren, weil sie in einer kurzfristig organisierten U21-Runde in der COVID-Pause im Spielrhythmus hatten bleiben können.

Mancher Super League-Trainer nähme einzelne YB U21-Spieler mit Handkuss

In jedem anderen Super League-Klub wären einige Spieler aus der YB U21 bereits vor Monaten zu ihren ersten Einsätzen im Profibereich gekommen. Peter Zeidler hätte gar die halbe Mannschaft bei sich integriert. Denn diese Jungs sind im Schnitt talentierter, als diejenigen, welche der Deutsche Coach aus dem Ostschweizer Nachwuchs (von einzelnen Ausnahmen wie Alessio Besio abgesehen) zur Verfügung hat. Ein Kwadwo Duah, Linus Obexer, Elia Alessandrini, Léo Seydoux, Yannick Touré, Samuel Kasongo oder Breston Malula hätten unter einem Sportchef und Kaderplaner wie Fredy Bickel in den letzten Jahren sicherlich gute bis sehr gute Chancen auf einen Stammplatz in der Super League-Mannschaft von YB gehabt. Und beispielsweise ein Shkelqim Vladi, Jonathan De Donno, Mischa Eberhard, Benjamin Kabeya oder Markus Wenger aus dem aktuellen U21-Team würden fest zum Kader gehören. Sie mussten / wollten sich nun aber alle anderweitig orientieren, oder werden erst mal wieder ausgeliehen.

FCB: abrupter Kurswechsel mitten in der Ära Burgener

Beim FC Basel wurde in den ersten zwei Jahren der Ära Burgener der eigene Anspruch des stärkeren Einbaus von eigenen Junioren voll erfüllt, die Kurve stieg steil an und bereits in der Saison 18/19 war der FCB unter den «Big6» diesbezüglich auf der Spitzenposition. Die letzten zwei Saison zeigte der Trend dann aber wieder klar in die entgegengesetzte Richtung. Die Einsatzminuten eigener Junioren nahmen trotz gleichzeitigem Sparkurs wieder stark ab. Ganz allgemein ist erstaunlich, dass trotz COVID-Zeiten und knapper Budgets mehrere Klubs in der Saison 20/21 deutlich weniger eigene Junioren eingesetzt haben, als in den Saisons davor. Von den sechs grossen Schweizer Vereinen hatten nur Servette und YB eine leichte Steigerung zu verzeichnen – allerdings beide von einem sehr tiefen Niveau ausgehend. Bei den Genfern lässt sich ein ähnlicher Trend wie bei den Bernern feststellen. Mit der Übernahme des Vereins durch Kreise um die Hans Wilsdorf Stiftung kehrte Ruhe in den Verein ein, man baute Stück für Stück eine erfolgreiche Mannschaft auf – und die Juniorenförderung in der 1. Mannschaft ging gleichzeitig den Bach runter.

Ist André Breitenreiter ein Jugendförderer?

Stand heute beschränkt sich das Kontingent an U21-Spielern aus dem eigenen Nachwuchs im Kader der kommenden Saison beim FCZ auf Bledian Krasniqi, Stephan Seiler, Henri Koide, Nils Reichmuth, Silvan Wallner und dem Dritten Goalie Gianni De Nitti. Kommt noch ein Kedus Haile-Selassie hinzu? Lenny Janko? Oder gar ein Fabian Gloor? Der neue Trainer André Breitenreiter betreute mit Hannover und Paderborn die ältesten Teams ihrer damaligen Ligen. Dazwischen hatte er bei Schalke eine Saison lang ein junges und unfassbar talentiertes Team aus der «Knappenschmiede» zur Verfügung. Leon Goretzka (damals 20), Leroy Sané (19) oder Max Meyer (19) spielten regelmässig, während Thilo Kehrer (18) und Alexander Nübel (18) unter Breitenreiter in der Liga nicht zum Einsatz kamen. Kann er das Ruder in Richtung stärkerer Jugendförderung beim FCZ wie zu Favres oder Magnins Zeiten wieder herumreissen? Denn über das letzte Jahrzehnt betrachtet liegt der FCZ unter den „Big6“ immer noch klar an der Spitze bezüglich Einsatzminuten und Anteil von U21-Spielern aus dem eigenen Nachwuchs.