Der Eindruck vor leeren Rängen im Letzigrund war von Trostlosigkeit geprägt. Nach dem 0:2 durch Jean-Pierre Nsamé kurz vor der Pause nach einem Fehlpass des ansonsten mit seiner Antizipation einige gegnerische Torchancen vereitelnden Ilan Sauter schien die Partie gelaufen. Der Rest zog sich zäh wie Gummi. Auf dem Metallzaun an der Herdernstrasse unterstützte ein kleines Grüppchen Fans die Mannschaft unentwegt von ausserhalb des Stadions. Die Transparente in der Südkurve hoben das gefühlte Niveau auch nicht wirklich. Da wird die SFL bezichtigt, sie sei auf „Profit“ fixiert. Eine Organisation zweier bescheidener Schweizer Profiligen, deren Migliedsklubs schon in „normalen Zeiten“ fast immer Verluste schreiben, und die alles versuchen muss, zu verhindern, dass es zu Konkursen kommt und hunderte Menschen in der Schweizer Fussballwelt ihren Job verlieren. Neben einigen Experten und Journalisten scheint auch ein Teil der Fans selbst nach bald fünf Monaten noch nicht in der Corona-Realität angekommen zu sein.

In den folgenden Tagen reift im Videostudium dann aber die Erkenntnis: der FCZ hat nicht ganz so miserabel gespielt, wie sich das live angefühlt hatte – und YB war zwar schlussendlich klar und deutlich, aber trotzdem nicht im Liegestuhl zum Sieg gekommen. Die Berner agierten stattdessen im Letzigrund deutlich besser, als noch bei ihrem 3:2-Heimsieg im Juni im Wankdorf (Link: „Nsamé trifft erstmals per Kopf – FCZ kann gute 1. Halbzeit nicht materialisieren“) und kamen vor allem auch deshalb zu über 30 Abschlüssen. Jean-Pierre Nsamé toppte mit sechs Rückrundentoren gegen den FCZ sogar noch die bereits schon unglaubliche Marke Fabian Freis von fünf Rückrundentreffern (Link: „FCB nutzt Schwachpunkte Schönbächler und Baumann konsequent, Best Player Zumberi mit Zukunft? Basel – FCZ in der Analyse) gegen den Letzigrundclub. Gleichzeitig hatte der FCZ während der ganzen Partie immer wieder den einen oder anderen gelungenen Angriff. Man steckte zumindest fussballerisch nie ganz auf und hatte mit einem Doppelpass von Kramer mit Koide selbst in der letzten Minute der Nachspielzeit noch einen guten Angriff über rechts, bei welchem aber der Slowene seine Flanke vor den Fünfmeterraum wahlweise etwas zu früh oder scharf spielte, so dass diese vom mit einem langen Sprint im Höchsttempo heranpreschenden Britto nicht mehr erreicht werden konnte.

Die Szene war typisch für Blaz Kramer, der in der Regel nur etwa zehn gute Minuten pro Spiel hat und in diesen fehlt ihm zudem aufgrund seiner Torflaute in den entscheidenden Situationen die Ruhe am Ball. Man hätte sich auf Seiten des FCZ zudem beispielsweise einen Toni Domgjoni auf dem Platz gewünscht, der zusätzlich zum spielerischen Ansatz mit Zweikämpfen und verbal für so etwas wie ein Aufbäumen gesorgt hätte. Was fehlte, war ausserdem, dass wie unter der Woche in Basel bis in die Nachspielzeit der Anschlusstreffer und damit Spannung noch in der Luft lag. Die Anzahl Züri Live Top-Offensivaktionen war so klein wie zuletzt nie mehr seit dem Saisonstart gleichenorts gegen den FC Lugano (0:4) und die Anzahl Top-Defensivaktionen am zweithöchsten nach dem 2:0-Heimsieg gegen Servette vor gerade mal zwei Wochen.

Positiv: Michael Kempter und Henri Koide sind zur Zeit beim FCZ das, was man allgemein „eine Bank“ nennt – konstant auf gutem Niveau. Beide sind hungrig, lassen sich auch von einem (klaren) Rückstand kein bisschen runterziehen. Mit elf solchen Spielern auf dem Platz hätte man diese Saison nicht so viele klare Niederlagen kassiert. Das Mittelfeldzentrum war hingegen gegen YB ungenügend. Der ruhige Simon Sohm agierte über die ganze Partie hinweg zu passiv. Der emotionale Hekuran Kryeziu lief deutlich mehr und stopfte Löcher, welche Sohm offen liess. In Abwesenheit der Aggressivleader Domgjoni, Rüegg und Nathan sowie der verletzungsbedingten Abwesenheit Tosins müsste speziell der Schwyzer in die Bresche springen. Kryeziu gerät aber weiterhin zu schnell in ein Fahrwasser, in welchem er sein Engagement nicht richtig zu kanalisieren weiss.

33. Minute: Hekuran Kryeziu will den Ball per Dropkick zu Yanick Brecher zurückspielen, Ilan Sauter verhält sich ungeschickt und lenkt den Ball in den Lauf von Jean-Pierre Nsamé. Kryeziu steht auf gleicher Höhe mit dem späteren Torschützen Miralem Sulejmani, dreht aber im Anschluss an diese Szene ab, schaut in Richtung des gegnerischen Tores und hadert, anstatt mitzuhelfen, seinen Fehler auszubügeln.

Eine typische Szene vor dem wegweisenden 0:1: zuerst kann „Heki“ gegen zwei attackierende Berner einen guten spielöffnenden Pass auf Simon Sohm spielen, dann erhohlt sich Kryeziu ein wenig. Der Ball kommt aber nach einer weiten Kopfballabwehr Camaras relativ rasch in die Nähe Kryezius an die Mittellinie zurück. Dieser reagiert deutlich schneller als Miralem Sulejmani und holt sich den Ball. Der Berner Offensivmann ist wenige Sekunden später aber trotzdem der lachende Torschütze, weil Kryeziu viel zu optimistisch den Ball per Dropkick zurück zu Yanick Brecher spielen will. Der Ball wird vom Rücken des sich ebenfalls nicht ideal verhaltenden Ilan Sauter so abgelenkt, dass Jean-Pierre Nsamé mit Ball Richtung Tor laufen kann. Entscheidend bei der ganzen Sache: Kryeziu ist im Moment des Fehlers auf gleicher Höhe mit Sulejmani und bestimmt nicht langsamer, als der 31-jährige Serbe. Anstatt aber sofort zurückzueilen, dreht sich der FCZ-Mittelfeldspieler hadernd ab. In einer anderen Szene reklamiert er heftig ein Handspiel von Nsamé im Zürcher Strafraum, anstatt sich auf den Ball zu fokussieren, der ihm direkt vor die Füsse fiel und einen schnellen Gegenstoss ermöglichte. Ein Freistoss im eigenen Strafraum hätte dem FCZ in dieser Situation rein gar nichts gebracht. Von zwei anderen „K’s“ im Team, Kempter und Koide, könnte Kryeziu noch einiges lernen.

Schönbächler zeigte sich im Vergleich zum insgesamt schlechten Auftritt in Basel verbessert und hatte deutlich mehr gute Defensivszenen, liess Kempter aber trotzdem noch zu häufig alleine gegen eine Berner Überzahl. Winter war sehr engagiert und es gelang ihm auch einiges, speziell in der gegnerischen Hälfte – in der eigenen Platzhälfte war er aber trotzdem immer wieder mal im Spiel ohne Ball etwas zu spät auf seinem Posten. Angefangen im Rechten Mittelfeld, spielte Winter nach der Pause und der Hereinnahme von Umaru Bangura als Rechter Aussenläufer im zuletzt immer häufiger gespielten und dem FCZ aktuell wohl am besten liegenden 3-4-1-2. Der zuletzt aussen vor gelassene Umaru Bangura erhielt nach der Pause wieder einmal 45 Minuten Einsatzzeit und machte seine Sache gut (Züri Live-Note „7“). Es war erst sein dritter Rückrundeneinsatz nach dem 1:1 in Sion (Note „10“, MVP, Link: „Umaru Bangura ist wieder da!“) und dem 0:4 gegen Basel (Note „8“, Link: „7% + 5% = 0:2! FCZ – FCB 0:4 in der ausführlichen Analyse.“).

58. Minute: Jean-Pierre Nsamé bringt Umaru Bangura im Zürcher Strafraum durch Beinstellen so zu Fall, dass dieser vornüberfällt, einen Salto schlägt und dann am Boden sitzend wiederum Nsamé zu Fall bringt.

Getrübt wurde das Spiel des Sierra Leone Nati-Captains von seinem Penaltyfoul gegen Jean-Pierre Nsamé, welchem ein glasklares Stürmerfoul seines Gegenspielers vorangegangen war. Die unglaubliche Serie der durch Stürmerfouls irregulären Treffer von YB gegen den FCZ setzt sich also fort. Auch wenn das 0:4 diesmal natürlich gar keinen Einfluss mehr auf die Punktevergabe hatte. Schon beim ersten Aufeinandertreffen der beiden Teams Anfang Saison war Bangura in der Rückwärtsbewegung vor Nsamé am Ball gewesen. Dieser hatte seinen Gegenspieler daraufhin mit einem Stoss in den Rücken auf den Boden gestossen, den deshalb frei liegenden Ball geerbt und das 2:0 in der 59. Minute erzielt: Link „Schlechter FCZ-Start in die Partie – erneut irreguläre YB-Treffer“. Diesmal kam der Franzose zu einem Penaltytreffer, weil er dem FCZ-Verteidiger wie in einem Ringkampf das Bein stellte. Der mit einem Salto auf den Boden fallende Bangura erinnerte sich wohl unterbewusst an die Szene von Anfang Saison und wollte Nsamé diesmal nicht ziehen lassen, stellte ihm reflexartig das Bein.

48. Minute: Benjamin Kololli springt hoch, obwohl er den Eckball von Miralem Sulejmani nicht erreichen kann. Blaz Kramer hinter ihm zögert dadurch, Jean-Pierre Nsamé köpft völlig freistehend zum 0:3 ein. Drei Mal der gleiche Fehler im selben Spiel.

Ebenfalls eine negatives Déjà Vu in doppelter Hinsicht erlebte man als FCZ-Beobachter bei drei gegnerischen Eckbällen, wovon einer zum 0:3 durch Jean-Pierre Nsamé führte. Dieser hatte beim Restart im Wankdorf gegen den FCZ beim siegbringenden 3:2 seinen ersten Kopfballtreffer der Saison erzielt und traf nun erneut mit dem Schädel. Die Szenen erinnerten vor allem aber auch an die 3. Runde der Saison, als der FCZ wegen zu hektischem Gebaren in Überzahl 1:2 verlor. Das Game Winning Goal erzielte Pajtim Kasami, weil Benjamin Kololli bei einem Eckball von Anto Grgic als vorderster Mann hektisch und alibimässig zum Ball hochsprang, obwohl er diesen gar nicht erreichen konnte. Der hinter ihm postierte Kramer, welcher zuvor in dieser Partie am nahen Pfosten jeden Cornerball weggeköpfelt hatte, wurde dadurch irritiert und so konnte Kasami erben. Das 0:3 gegen YB war identisch – wieder Kololli, der als vorderer Mann beim Eckball von Sulejmani zu einem Ball hochspringt, den er gar nicht erreichen kann – wieder wird der hinter ihm für den Raum rund um Jean-Pierre Nsamé verantwortliche Blaz Kramer dadurch irritiert und der Berner Stürmer kann völlig frei einköpfen. Der Kreis in dieser Saison schliesst sich – im negativen Sinne.

Im Züri Live Videopodcast der 3. Runde 2019/20: der Ausschnitt zu den Gründen der Niederlage in Sion mit dem Game Winning Goal Kasamis mit dem identischen Fehler von Benjamin Kololli wie jetzt wieder gegen YB im Zentrum der Diskussion.

Zuvor war bereits in der 30. Minute dasselbe Problem aufgetreten. Da war es Simon Sohm gewesen, der bei einem gegnerischen Eckball alibimässig hochsprang und damit den hinter ihm stehenden Hekuran Kryeziu irritierte. Das hätte man allenfalls in der Pause ansprechen und somit wohl den Gegentreffer zum 0:3 kurz nach der Pause verhindern können. Der dritte Fall war ein Eckball in der 75. Minute, als wiederum Benjamin Kololli alibimässig hochsprang und erneut Kramer hinter ihm dadurch nicht eingriff – Marvin Spielmann kam völlig frei zum Kopfball, brachte diesen aber nicht im Tor unter. Drei Mal der gleiche Fehler im selben Spiel, nachdem man dieses Problem seit Anfang Saison eigentlich abgestellt hatte! Man war irgendwie halt doch nicht so fokussiert, wie sonst. Stephan Seiler kam gegen YB zu seinem Startelfdébut und dieses ging fast komplett schief. Neben vereinzelten Situationen, wo seine Qualität in der Balleroberung aufblitzte, wies der 19-jährige eine enorm hohe Fehlerquote auf und hatte null Zugriff auf Meschack Elia. Auch unter Berücksichtigung des guten Formstandes des Kongolesen war das klar zu wenig. Und es ist nicht so, dass die Rechtsverteidigerposition für Seiler völlig ungewohnt war. Gerade in Testpartien mit der Ersten Mannschaft hatte Seiler diese Rolle schon häufig bekleidet.

FC Zürich – Young Boys 0:5 (0:2)
Tore: 33. Sulejmani (Nsamé) 0:1, 42. Nsamé (Elia) 0:2; 48. Nsamé (Sulejmani) 0:3, 59. Nsamé (Penalty, Nsamé) 0:4, 73. Spielmann (Moumi) 0:5.
FCZ – Brecher; Seiler (46. Bangura), Omeragic, Sauter, Kempter (75. Britto); Winter, H. Kryeziu, Sohm, Schönbächler (46. Koide); Marchesano (18. Kramer), Kololli (85. N. Reichmuth).
YB – Von Ballmoos; Janko, Camara (67. Bürgy), Zesiger, Lefort (59. Lotomba); Sulejmani (59. Gaudino), Aebischer, Sierro, Fassnacht (59. Moumi); Nsamé, Elia (67. Spielmann).

(Standbilder: Teleclub)

Im Vergleich mit der letzten Wettbewerbspartie gegen Xamax zeigt sich der FCZ zum Wiederauftakt nach der „Corona-Pause“ verbessert. Schon nach sieben Sekunden gewinnt Rüegg im Mittelfeld gemeinsam mit Tosin gegen Moumi Ngamaleu den Ball und macht den Lauf direkt vors Tor, wird von Marchesano mit einem schönen Steilpass eingesetzt, kann den Ball dann aber nicht am herauslaufenden David Von Ballmoos vorbeischieben. Die Szene illustriert exemplarisch das weiter verbesserte Mittelfeldpressing der Mannschaft. Der Ball wird häufiger als zuvor gewonnen, weil sich mehr Spieler solidarisch daran beteiligen. Zu oft hing bisher alles von der Initiative und dem Laufpensum Toni Domgjonis ab. In Bern beteiligten sich grundsätzlich alle Spieler gemeinsam an der Balleroberung. Gerade auch Benjamin Kololli nahm nicht nur offensiv eine wichtige Rolle ein, sondern arbeitete defensiv konsequenter und konstanter mit, als über weite Teile der bisherigen Saison.

Es bestätigte sich zudem auch in Bern, dass der Waadtländer der Mannschaft als Sturmspitze mehr bringt. Ceesay und Kramer sind gute Konterstürmer, aber wenn der FCZ das Spiel machen will, dann ist ein Stürmer, der vorne mit dem Rücken zum Tor den Ball halten kann, zentral. Und es gibt abgesehen von Jean-Pierre Nsamé in der Liga kaum einen Offensivspieler mit einem solchen Anteil an gewonnenen Kopfballduellen (61,2%). Zudem ist es kein Geheimnis, dass Kololli zu den abschlussstärksten Spielern des Kaders gehört. Sein 2:1 in der 38. Minute war ein von Tosin mit einem Energieanfall herausgeholter Freistoss aus etwas weniger als 30 Metern: ein Innenrist-Effetball, bei welchem YB-Torhüter David Von Ballmoos nicht das einzige Mal in dieser Partie gepatzt hat. Schon in den Testspielen war aufgefallen, dass der Berner Keeper momentan nicht in Form ist. Auch seinen Vorderleuten unterliefen ungewohnt viele Fehlzuspiele. Speziell der ansonsten gegen den FCZ immer motivierte Christian Fassnacht kam nie richtig in die Gänge.

Der Zürcher war es auch, welcher in der 26. Minute gegen Rüegg, Schönbächler, Domgjoni und Marchesano denjenigen Ball verlor, welcher nach Vorarbeit von Kololli zur Zürcher Führung durch Tosin führte – dem ersten FCZ-Tor gegen YB nach 507 Minuten. Der Nigerianer spielte wie gewohnt engagiert, aber ebenso wie üblich mit seinen obligaten schwachen zehn Minuten zwischendurch. In diesen passte er im Anschluss an einen YB-Einwurf nicht auf und liess Janko am eigenen Strafraum aus den Augen. – und Rüegg kam in der Mitte zu spät gegen Nsamé. Ausgerechnet Tosin und Rüegg waren bis zu dieser 32. Minute die einzigen bis zu diesem Zeitpunkt fehlerfreien Zürcher Spieler gewesen. Rechtsverteidiger Rüegg wirkte genauso wie Torhüter Brecher nach der Corona-Pause mental aufgeräumt und fokussiert.

In der Innenverteidigung sorgte Becir Omeragic für gewisse offensive Akzente, während Mirlind Kryeziu vor allem defensiv über weite Strecken der Partie der Fels in der Brandung war. Bis zur 80. Minute war das Expected Goals-Verhältnis 1,60 : 1,29 zugunsten des FC Zürich – das Zwischenresultat von 2:1 für das Auswärtsteam daher logisch. Ebenso gut erklärbar ist aufgrund der Torchancen der Schlussphase dann aber schlussendlich der Sieg von YB, denn die Berner drehten das gewichtete Chancenverhältnis bis zum Schluss noch auf 3,11 : 2,28. Schon früh nach der Pause schien der FCZ etwas nachzulassen. Einerseits hatte man seit dem 1:0-Sieg in Neuenburg Ende November nicht mehr so gute Torchancen herausgearbeitet wie nun gegen YB. Gleichzeitig musste man nur bei der 0:4-Niederlage im August im Wankdorf deutlich mehr Torchancen zulassen, als diesmal. Der Ballbesitzanteil war mit 33,22% gar der tiefste der Saison – und nur in Unterzahl beim FC Thun sowie zu Beginn der Saison in Luzern gewann der FCZ weniger Zweikämpfe (42%).

Die eingewechselten Hoarau und Sulejmani lieferten die Vorarbeit zu den Treffern Nummer zwei und drei von Jean-Pierre Nsamé. Der ehemalige Servette-Stürmer hat mittlerweile doppelt so viele Treffer auf seinem Konto, wie der Zweitplatzierte der Liga. Speziell für den eingewechselten Guillaume Hoarau wich der FCZ bei Defensivstandards von der reinen Raumdeckung ab und stellte Hekuran Kryeziu als Manndecker für den grossgewachsenen Franzosen ab. Nachdem Lefort und Fassnacht an diesem Abend per Kopf das Gehäuse nicht zu treffen schienen, erledigte dies dann halt Jean-Pierre Nsamé – mit seinem ersten Super League-Kopfballtor der Saison. Der zehnte YB-Corner war schlussendlich einer zuviel. Trotzdem hatte der FCZ zu Beginn der Nachspielzeit seine grösste Torchance des Spiels zum möglichen 3:3-Ausgleich, als Débutant Stephan Seiler den Nachschuss eines Sohm-Hammers knapp am Gehäuse vorbeilupfte. Sohm war dabei der Ball ausgezeichnet vom ebenfalls eingewechselten Züri Live-MVP Vasilije Janjicic aufgelegt worden, welcher in der Schlussphase mit seinem Direktspiel mitverantwortlich für ein nochmaliges Aufbäumen der Zürcher war. Zum ersten Super League-Einsatz Seilers war es beinahe gleichenorts beim 0:4 im letzten August gekommen, als der U21-Captain die Anweisung bekam, sich in der Pause einzulaufen. Eingewechselt wurden dann aber stattdessen Matteo Di Giusto und Ilan Sauter. Bei einer 2:1-Führung reinzukommen, war nun natürlich dankbarer. Seiler unterliefen zu Beginn ein paar Fehler, aber gegen Ende seines Einsatzes vermochte er sich bereits zu steigern. Genauso wie Janjicic gehört Stephan Seiler zur Spezies der beim FCZ besonders häufig aus der Academy hervorgehenden starken Zentralen Mittelfeldspieler. Beide wurden in der Schlussphase in Bern auf dem Flügel eingesetzt, während Simon Sohm das Zentrale Mittelfeld mit Domgjoni und Hekuran Kryeziu in einem 4-1-4-1 verstärkte. Die fünf Zentralen Mittelfeldspieler waren dann tatsächlich noch einmal nahe am Ausgleich, während Blaz Kramer als Einziger einmal mehr blass blieb.

Young Boys – FC Zürich 3:2 (1:2)
Tore: 25. Tosin (Kololli) 0:1, 32. Nsamé (Janko) 1:1, 38. Kololli (Freistoss, Tosin) 1:2; 81. Nsamé (Hoarau) 2:2, 85. Nsamé (Sulejmani) 3:2.
YB – Von Ballmoos; Janko (46. Garcia), Lustenberger, Lefort, Lotomba; Fassnacht (75. Sulejmani), Martins, Aebischer (75. Gaudino), Moumi (66. Spielmann); Nsamé, Mambimbi (66. Hoarau).
FCZ – Brecher; Rüegg, Omeragic, M. Kryeziu, Kempter (75. Britto); Tosin (82. Janjicic), H. Kryeziu, Domgjoni, Schönbächler (63. Seiler); Marchesano (82. Sohm), Kololli (82. Kramer).

Seit mehr als fünf Jahren hat der FCZ in der Meisterschaft nicht mehr gegen YB gewinnen können. Das hat sich auch bei der ersten Direktbegegnung 19/20 (0:4) nicht geändert. In dieser Zeitperiode holte man gegen die Berner gerade mal vier Punkte, noch weniger als gegen Basel (sieben Zähler). Der FCZ vermochte nicht von der Sandwichposition zwischen zwei YB Champions League-Playoffpartien zu profitieren. Wobei sich die Statistiken der Berner in den beiden Heimspielen gegen Roter Stern Belgrad und den FC Zürich ähnelten. Gegen den Serbischen Traditionsklub hatte YB gar noch mehr Abschlüsse und Ballbesitz, als gegen den FCZ. Roter Stern verzeichnete seinerseits etwas mehr Abschlüsse, als die Zürcher und auch das Expected Goals-Verhältnis war für den Serbischen Champions League-Aspiranten leicht besser (aber ebenfalls klar negativ). Der grösste Unterschied zwischen den beiden Partien war einerseits das Resultat sowie auch die Intensität, welche in Duellen zwischen YB und dem FCZ in der letzten Saison jedes Mal höher anzusiedeln war, als diesmal – auch beim ebenfalls mit 0:4 verlorenen Auftaktspiel im Wankdorf vor Jahresfrist.

Die Super League-Partie der 5. Runde im Wankdorf kann dabei in drei Abschnitte eingeteilt werden. Die erste halbe Stunde wurde klar von YB dominiert (70% Ballbesitz) und sie endete mit dem 1:0-Führungstreffer durch das Eigentor von Yanick Brecher nach dem durch Nathans Schulter im hohen Bogen an den Pfosten abgefälschten Kopfball Christian Fassnachts aus relativ grosser Distanz. Dass YB sehr gerne gegen Teams spielt, die mit einer Dreierabwehr und nur je einem Aussenläufer agieren, sah man in diesen ersten 30 Minuten nicht zum ersten Mal. Beim darauffolgenden Spielunterbruch nahm FCZ-Trainer Magnin in der 30. Minute eine taktische Änderung vor, welche sofort Wirkung zeigte. Das 3-4-1-2 zu Spielbeginn wurde umgestellt auf ein 4-1-4-1.

Wie auf Knopfdruck wurde die Partie deutlich offener und ausgeglichener, endlich kam auch der FCZ in den gegnerischen Strafraum und YB hatte deutlich mehr Mühe im Spielaufbau als zuvor. Und dies obwohl nun Marchesano und Kramer sich auf der für sie eher ungewohnten Flügelposition wiederfanden. Diese Ausgeglichenheit hielt an bis zur Einwechslung von Moumi und Aebischer in der 65. Minute. Der frische Wind und die Laufbereitschaft, welche diese beiden Akteure zusätzlich ins YB-Spiel brachten, aber vor allem auch die beiden irregulären Treffer zum 0:2 und 0:3 rund um diesen Doppelwechsel knickten schlussendlich den neugewonnenen Zürcher Elan und in den letzten 10-15 Minuten kam vom FCZ dann rein gar nichts mehr.

Wie von Züri Live-Experte Don Ursulo in der Matchvorschau vermutet, wechselte FCZ-Coach Magnin aufgrund der personellen Situation erstmals in dieser Saison sein 4-2-3-1, um möglichst viele der noch verbliebenen Spieler auf einer für sie geeigneten Position spielen lassen zu können. Aus dem engeren Kader der 1. Mannschaft waren gerade einmal noch die elf Spieler der Startformation plus Andris Vanins in Bern dabei. Die fünf Feldspieler auf der Bank spielen alle aktuell in der U21, vier davon sind Teenager und ebenfalls vier hatten noch nie ein Wettbewerbsspiel im Profibereich absolviert.

Ilan Sauter und Matteo Di Giusto kamen zur Pause dann tatsächlich zu ihrem Début – von «Début feiern» kann man bei so einem Endresultat ja nicht sprechen – Sauter auf der für ihn ungewohnten Linksverteidigerposition. Wohl vor allem auch aufgrund fehlender Alternativen für Levan Kharabadze in der 1. Mannschaft wollte man Sauter vor zwei Wochen gegen den SC Cham auf der Linksverteidigerposition testen, aber schon nach sechs Minuten wurde das Experiment abgebrochen, weil sich Innenverteidiger Gonçalves verletzte und dieser durch Linksverteidiger Michael Kempter ersetzt wurde.

Die Leistungen der einzelnen Spieler zeigten beim FCZ eine grosse Diskrepanz. Während beispielsweise auf Nathan oder Toni Domgjoni einmal mehr Verlass war, wirkten andere Akteure schon beim Warmmachen nicht voll bei der Sache. Die Débuts von Matteo Di Giusto und Ilan Sauter verliefen ansprechend, während andererseits der spät eingewechselte Izer Aliu überhaupt nicht ins Spiel fand. Denis Popovic ist physisch immer noch nicht auf dem benötigten Stand und Blaz Kramer muss man gegen YB als Totalausfall bezeichnen.

Das dunkelste Kapitel dieser Partie sind am Ende aber die zwei irregulären Treffer zum 0:2 und 0:3. Gegen YB wurden die einseitigen Schiedsrichterentscheidungen in entscheidenden Szenen in den letzten zwei Jahren zu einer traurigen Gewohnheit. Es passiert bereits zum siebten Mal in den letzten neun Begegnungen zwischen YB und dem FCZ, dass bei matchentscheidenden Szenen YB bevorteilt wird, meist sind es gleich mehrere Fehlentscheide im selben Spiel!

Woher kommt diese unglaubliche Häufung und warum hört diese selbst im VAR-Zeitalter (noch) nicht auf? Gegen die meisten anderen Gegner gibt es deutlich weniger klare Fehlentscheide und diejenigen, die es gibt, sind mal Contra FCZ und mal Pro FCZ – und gleichen sich mit der Zeit aus. Nicht gegen YB. Am unbegreiflichsten und ägerlichsten ist, wie häufig YB in letzter Zeit mit dem immergleichen «in den Rücken stossen» des Gegenspielers oder anderen Foulspielen den Ball gegen den FCZ irregulär gewonnen und diesen erschlichenen Vorteil zu einem Tor genutzt hat.

Im November 2017 schiesst Roger Assalé im Wankdorf das entscheidende 2:1 gegen den FCZ in der 84. Minute nur weil Ref Adrien Jaccottet übersieht, dass Kevin Mbabu beim Eckball von Djibril Sow seinen Gegenspieler Kevin Rüegg in den Rücken stösst und deshalb völlig frei zum Kopfball kommt.

Im Video:

https://youtu.be/u4OR35sVc4A?t=190

Auch dem wegweisenden 1:0-Führungstreffer Miralem Sulejmanis vor Jahresfrist im Wankdorf ging eine irreguläre «Balleroberung» Guillaume Hoaraus in der Zürcher Platzhälfte voraus. Auch dieser stiess dabei Adrian Winter klar in den Rücken.

Ein halbes Jahr später hatte der FCZ beim Stand von 0:1 am Berner Strafraum bei einem Konter eine ausgezeichnete Ausgleichschance. Steve Von Bergen stoppte Salim Khelifi mit einem klaren Foulspiel – statt Freistoss an der Strafraumgrenze für den FCZ und Gelb gegen Von Bergen gab es einen schnellen Gegenkonter gegen offen stehende Zürcher, bei welchem Moumi zum 0:2 traf.

Duplizität der Ereignisse nur einen Monat darauf im Letzigrund. Mohamed Camara zieht im eigenen Strafraum den durchgebrochenen Assan Ceesay mit beiden Händen am Arm in seine Richtung und befördert ihn anschliessend mit einem Stoss in die Hüfte zu Boden. Trotz relativ guter Sicht auf die Aktion blieb die Pfeife von Schiedsrichter Fähndrich stumm – im direkten Gegenzug erzielt YB den einzigen Treffer der Partie – 0:1 für YB statt möglicherweise 1:0 für den FCZ.

Nun also schon wieder! Nach einem Fehlpass von Popovic kann sich im Laufduell Richtung Zürcher Strafraum Bangura zwischen Nsamé und Ball stellen, wird aber von diesem klar mit ausgestrecktem Arm in den Rücken gestossen und aus dem Gleichgewicht gebracht. Mit gesundem Körpereinsatz hatte diese Aktion gar nichts zu tun, sondern es war ein klarer Stoss, der von Schiedsrichter Klossner nicht geahndet wurde. Hier die Videosequenz dazu.

Und es war nicht so, dass Schiedsrichter Klossner «in den Rücken stossen» grundsätzlich nicht sehen oder pfeifen würde. Ein viel sanfteres Stossen von Marchesano gegen Gaudino im Mittelfeld beispielsweise pfiff er ohne zu zögern:

Im Falle von Nsamé gegen Bangura schien es hingegen beinahe, als wolle Klossner den schönen YB-Konter nicht mit einem Pfiff unterbrechen. Das «am Arm zurückziehen» von Ceesay gegen Janko, welches zum 0:1-Freistoss führte, war zwar korrekt gepfiffen, aber im Vergleich ein viel leichteres Foul als die Nsamé-Szene gegen Bangura. Demtsprechend kann man sich die Frage stellen, warum in einer auch im Vergleich mit vorhergehenden Situationen so eindeutigen Szene der VAR (Urs Schnyder) nicht eingegriffen hat und der klare Regelverstoss, welcher zum Tor führte, nicht nochmal von Stephan Klossner am Bildschirm angeschaut werden durfte.

Jean-Pierre Nsamé, bestärkt durch die spezielle Nachsicht des Referees, wurde in einer weiteren Szene mit Umaru Bangura stark begünstigt, als er mit gestreckter Sohle auf des FCZ-Verteidigers Knie sprang. Pietro Di Nardo vom «kleinen Xamax» musste kürzlich für eine ähnliche Aktion gegen Toni Domgjoni mit Rot direkt vom Platz und er selbst sowie seine Teamkollegen fanden diese Bestrafung korrekt – Jean-Pierre Nsamé vom «grossen YB» sah nicht mal Gelb und spielte mit weit aufgerissenen Augen das Unschuldslamm. Dies obwohl Di Nardo bei seinem Foul noch Bodenkontakt hatte, während Nsamé Bangura im Sprung traf, was normalerweise schwerer gewichtet wird.

Gelb sieht hingegen Nathan welcher im Tackling gegen Assalé klar vor dem Gegenspieler am Ball ist und der Ivorer anschliessend einfach über ihn drüberfliegt. Es war in dieser Szene nicht so, dass Assalé wegen dem tackelnden Nathan zurückziehen musste.

Dass man sich unter anderem gegen den FCZ beim Schiedsrichterquartett viel erlauben kann, weiss Jean-Pierre Nsamé schon länger. Im April im Letzigrund beging er zuerst eine von Lukas Fähndrich ungeahndete Tätlichkeit gegen Hekuran Kryeziu und sah später im Zuge eines Eckballs für einen Würgegriff an die Gurgel des gleichen Zürcher Gegenspielers nur Gelb.

Im Letzigrund treten die Gelb-Schwarzen jeweils speziell aggressiv auf. Fahrlässige oder gar absichtliche Schläge ins Gesicht der Gegenspieler setzt es da jeweils im Viertelstunden- oder gar Zehnminutentakt. Zum Teil direkt vor der Nase des jeweiligen Schiedsrichters – immer ungeahndet! So auch im April dieses Jahres oder in der ersten Meistersaison, als der bereits verwarnte Sekou Sanogo ohne Folgen alleine drei Mal einen Zürcher ins Gesicht schlug, im Bild unten ein absichtlicher Ellbogenschlag gegen Rüegg direkt vor der Nase des auch jetzt wieder in Bern pfeifenden Stephan Klossner:

Im Letzigrund wurden dem FCZ gegen YB in den letzten zwei Jahren praktisch in jeder Partie klare Penalties verwehrt. Beispielsweise das Handspiel von Mbabu im September 2017, das doppelte Foul Moumi Ngamaleus gegen Domgjoni im April 2019 oder die mehrfachen Fouls gegen Dwamena im März 2018.

Kommen wir noch zur Abteilung «Schwalben». Roger Assalé gehört ohne Zweifel aktuell zu den grössten «Schauspielkünstlern» der Liga. Dies hat er gestern Samstag vor dem 3:0 durch Penalty wieder unter Beweis gestellt. Aus der Distanz sieht es so aus, als würde Simon Sohm Roger Assalé im Laufduell zurückhalten, dabei ist es umgekehrt! Assalé umklammert energisch den Arm von Sohm und zieht ihn im Schlepptau mit sich mit, wie eine tanzwütige Braut ihren Bräutigam auf die Tanzfläche. Die Tanzfläche ist in diesem Fall der Strafraum und von oben kommt kein Blumenstrauss geflogen, sondern der Ball. Es ist ein ungeahndetes Stürmerfoul von Assalé an Sohm. Hier die Videosequenz dazu.

Als Assalé Sohms Arm loslässt, legt der Zürcher Youngster gentleman-like ganz kurz und sanft von oben die Arme auf Assalés Schultern, was «die Braut» zu einem spektakulären Viertelsalto rückwärts veranlasst. Assalé will es so aussehen lassen, als habe ihn Sohm zurückgerissen, was aber in keinster Weise der Fall war. Selbst wenn man die leichte Schulterberührung Sohms ahnden würde, was äusserst fragwürdig wäre und so gut wie nie vorkommt, so hat die Art und Weise wie sich Assalé nach hinten wirft, mit dieser leichten Berührung von oben überhaupt keinen physikalischen und zeitlichen Zusammenhang. Schiedsrichter Klossner fiel aber leider trotzdem auf diese peinliche Schauspieleinlage herein.

Auf eine ähnliche Weise hatte übrigens Mohamed Camara im April Assan Ceesay im eigenen Strafraum in Judo-Manier mit beiden Händen am Arm zu sich herangezogen, bevor er ihn ungeahndet foulte und im direkten Gegenzug der entscheidende Treffer für YB fiel. Es wirkt, als würde man solches in Bern trainieren oder zumindest voneinander abschauen.

Im Video:

YB ist so oder so die bessere Mannschaft. Aber in den letzten zwei Jahren hätte unter anderem der FCZ ohne die vielen deutlichen Fehlentscheide Pro YB gegen die Gelb-Schwarzen den einen oder anderen Punkt und sogar Sieg mehr geholt – die Punkteabstände in der Tabelle wären nicht so riesig gewesen. Serien von Fehlentscheiden sind immer schlecht – und werden dadurch auch noch die Favoriten bevorteilt, tut das einer Liga doppelt weh. Zum Saisonbeginn hatte Sportjournalist Sébatian Lavoyer eine „Wahre Tabelle“ der letzten Saison berechnet. In dieser hätte YB fünf Punkte weniger und der FCZ sechs Punkte mehr geholt (und sich als Dritter direkt für die Europa League-Gruppenphase qualifiziert). Und dies obwohl dafür einzig die in den SRF-Zusammenfassungen thematisierten Fehlentscheide berücksichtigt wurden. Wenn man sich vergegenwärtigt, dass es kaum ein Medium mit einer grösseren FCZ-Aversion wie das  SRF gibt, und dort in den Zusammenfassungen generell nur ein kleiner Teil der Fehlentscheide Eingang finden, zeigt die Untersuchung Lavoyers tatsächlich nur die Spitze des Eisberges.

(Standbilder: aus Teleclub)

 

Führt man sich den mit 2:1 gegen YB gewonnenen Cupfinal Ende Mai und das mit 0:4 verlorene Meisterschaftsspiel gegen den gleichen Gegner vom Sonntag nochmal zu Gemüte, sind bei nüchterner Betrachtung viele Parallelen zu erkennen. Man sieht in beiden Partien einen FCZ, der proaktiv und aggressiv in die Partie steigt, für Wirbel sorgt und den Gegner vor Probleme stellt. Auf Zürcher Seite haben sich in der Zwischenzeit nur zwei Personalien geändert: die neuverpflichteten Hekuran Kryeziu und Benjamin Kololli stehen für die Abgänge Rasmus Thelander und Cédric Brunner in der Startformation. Die Aufstellung ist personell gesehen also offensiver und formiert sich zu Beginn der Partie zudem in einem 4-3-3, statt wie im Cupfinal im 3-5-2.

Bei YB gibt es fünf personelle Änderungen im Vergleich zu vor zwei Monaten. Davon sind zwei leistungsmässig als neutral zu bewerten (Von Ballmoos für Wölfli, Moumi für Assalé) – drei Änderungen stellen hingegen eine klare Qualitätssteigerung auf Seiten der Berner dar: Sow für Bertone im Mittelfeld sowie in der Verteidigung Mbabu und Wüthrich für die im Final völlig indisponierten Lotomba und Nuhu. Wenn man in die Details geht, eröffnen sich weitere Parallelen zum Cupfinal: so konnte auch diesmal Adrian Winter eine Topchance alleine vor dem gegnerischen Torhüter nicht nutzen.

Michi Frey seinerseits vermochte wie schon vor zwei Monaten seine erste Abschlusschance ebenfalls nicht in ein Tor ummünzen – mit dem Unterschied, dass er diesmal aber im ganzen Spiel nur zu einem einzigen Abschluss kam. Im Vergleich zu den beiden Auftaktsiegen gegen Thun (10) und GC (7) erarbeitete sich der FCZ bei YB (11) aber trotz Niederlage eine grössere Anzahl Torchancen. Allerdings konnten die YB-Abwehrspieler den Gegner gerade in der Luft jeweils beim Abschluss dergestalt stören, dass die Bälle mit Ausnahme des von Jean-Pierre Nsamé auf der Linie geretteten Kopfballs Mirlind Kryezius nicht gefährlich aufs Tor kamen.

Einen klaren Unterschied zum Cupfinal können wir dann aber erkennen, wenn wir uns die Szene anschauen, die zur ersten YB-Topchance durch Christian Fassnacht in der 9. Minute geführt hat. Beide Teams gehen viel Risiko – mehr als man es im Normalfall in einem Cupfinal machen würde. Wir sehen im untenstehenden Standbild sechs Gelb-Schwarze im Pressing weit in der Zürcher Hälfte gegen vier Zürcher. Sechs FCZ-ler stellen sich derweil nahe der Mittellinie frei. Mirlind Kryeziu ist am Ball. Gelingt es ihm, einen seiner Mitspieler hinter dem Berner Pressingblock, so anzuspielen, dass dieser den Ball schnell unter Kontrolle bringen kann, hat der FCZ eine Überzahlsituation Richtung Berner Tor. Gelingt den Bernern hingegen der Ballgewinn, haben sie Überzahl Richtung Zürcher Tor. «All in» also… – ein Pass und ein anschliessender Zweikampf, der möglicherweise bereits über das speziell bei diesen Temperaturen vorentscheidende erste Tor entscheidet.

Entscheidend ist in diesem Zusammenhang nun, dass die Berner Pressingaufstellung nahezu perfekt ist. Die Passwege diagonal in die Mitte oder nach Rechts vorne erscheinen für Kryeziu zu riskant – auch weil der Ball dann länger unterwegs ist, und abgefangen werden könnte. Als Anspielstation bietet sich einzig Pa Modou links an der Seitenlinie an. Dieser steht aber nicht zufällig frei. Kevin Mbabu (zum Zeitpunkt des Passes noch nicht im Bild) lauert hinter der Mittellinie. Damit wird Kryeziu die Option genommen, Pa Modou in die Tiefe anspielen zu können. Da zudem gleichzeitig Sulejmani Kryeziu (aus des Zürchers Sicht) von links anläuft, ist dieser gezwungen, den Ball hoch (und mit dem schwächeren Rechten Fuss) zu spielen. Dies bedeutet im Endeffekt, dass Pa Modou «festgenagelt» ist. Er kann dem Ball weder nachjagen, noch diesem entgegenkommen, da dieser sonst über ihn hinwegfliegen würde. Dies erhöht die Chancen für den sich in Bewegung befindlichen anstürmenden Mbabu ganz wesentlich, gegen den gezwungenermassen «statischen» Pa Modou den Ball zu gewinnen, was dann aus Berner Sicht auch klappt. Der Rest müsste bei einer solchen Überzahl im Umschaltspiel für ein Team wie YB eigentlich Formsache sein, aber Fassnacht haut den Ball aus bester Abschlussposition übers Zürcher Gehäuse.

Die im Standbild abgebildete Situation ist vergleichbar mit «Schwarz», welches gerade «Schach» gesagt hat – … und «Weiss» ist am Zug. Ein Rückpass zu Brecher hätte die Lage wohl nicht verbessert – im Endeffekt die beste Variante wäre wohl gewesen, einen «Zug» herzuschenken und den Ball weit in der gegnerischen Hälfte über die Seitenlinie zu jagen – aber wer macht das schon? Wie ist der FCZ aber überhaupt erst in diese Bredouille gekommen? Hier kommt die Personalie Hekuran Kryeziu ins Spiel. Der neue Zentrale Mittelfeldspieler hatte bereits in den ersten beiden Partien gegen Thun und GC zwar in gewissen Situationen gute Ansätze gezeigt, fiel aber auch durch Nonchalance und Unaufmerksamkeit in anderen Situationen auf. Wenn zwei Teams wie YB und der FCZ auf diesem Niveau so viel Risiko gehen, dann entscheiden Details. Das entscheidende Detail in dieser Aktion ist «Heki», der Momente zuvor etwas gedankenverloren einen Alibipass auf Pa Modou spielt, ohne die sich zuziehende Berner Schlinge auf der linken Zürcher Abwehrseite zu bemerken (siehe Standbild unten). Kryeziu hätte sich hier zwingend drehen und einen Seitenwechsel auf die Rechte Seite spielen müssen – sei es direkt, oder indirekt über Mirlind Kryeziu. Dann hätte die Topchance Fassnachts vermieden werden können.

Eine sehr ähnliche Situation liegt beim Berner 2:0 in der 15. Minute vor. Wieder pressen sechs Berner sehr weit vorne in der Zürcher Platzhälfte – diesmal ausgerichtet auf den in Zentraler Position am eigenen Strafraum sich in Ballbesitz befindlichen Toni Domgjoni. Dieser wird vom schnellen Djibril Sow unter Druck gesetzt – wieder von links angelaufen. Wieder könnte es eine Toptorchance für den FCZ geben, wenn dieser es schafft, sich zu lösen – oder eine Toptorchance für YB bei einem «Turnover» des Ballbesitzes. Jetzt in diesem Moment die entscheidende Anspielstation zur Verfügung zu haben, macht für Domgjoni und den FCZ potentiell den ganzen Unterschied zwischen einem 1:1 und einem 0:2 aus. Wiederum schauen wir auf Hekuran Kryeziu. Dieser scheint auch diesmal die Spielsituation nicht erfasst zu haben. Anstatt seinem Mitspieler die entscheidende Anspielstation halbrechts anzubieten, die Domgjoni sogar mit einem flachen Ball bedienen und damit gleich sechs Berner aufs Mal überspielen könnte, läuft «Heki» in die genau umgekehrte Richtung (siehe Standbild unten).

Mit welchem Ziel ist nicht ganz klar: um Antonio Marchesano Gesellschaft zu leisten? Auf jeden Fall befinden sich nun sowohl Marchesano wie auch Hekuran Kryeziu in einem für Domgjoni «Toten Winkel». Dieser ist nun gezwungen, den langen Ball Richtung Winter / Rüegg zu spielen. Und da passiert dann wieder dasselbe wie schon bei der Chance Fassnachts in der 9. Minute. Der dynamische YB-Aussenverteidiger (diesmal Loris Benito) kommt angebraust, gewinnt den Ball, reicht diesen Sulejmani weiter und dieser hat dann aus dieser Situation heraus auf einen Schlag gleich drei Mitspieler als Anspielstationen zur Auswahl, die alle alleine Richtung Yanick Brecher ziehen können! Sulejmani entscheidet sich für Fassnacht und dieser trifft diesmal mit seinem stärkeren Rechten Fuss.

Zuvor hatte YB den Ball durch das Schaffen einer lokalen Überzahl auf der rechten Seite nach vorne zum Zürcher Strafraum gebracht (siehe Standbild oben). Eine solche Szene war auch der Ursprung des Berner 0:3 kurz vor der Pause. Der FCZ ist kollektiv nach links verschoben, Hekuran Kryeziu geht einen Tick zu optimistisch in den Zweikampf mit Wüthrich und verliert daher das Laufduell mit diesem – der Seitenwechsel auf die offene Rechte Zürcher Abwehrseite bringt dann Rüegg in die Bredouille, der aber im Zweikampf mit dem starken Miralem Sulejmani trotzdem nichts falsch macht. Die Flanke Sulejmanis hätte auch Rüeggs stark aufspielender Berner Konterpart Kevin Mbabu nicht verhindern können. Schlussendlich unterlief dem eigentlich gut positionierten Yanick Brecher bei dieser Flanke dann ein seltsamer Moment des Zögerns, was zur verunglückten Abwehr direkt auf den Kopf Guillaume Hoaraus am entfernten Pfosten führte.

Bleibt in der Ersten Halbzeit der 0:1-Führungstreffer Miralem Sulejmanis in der 12. Minute. Bei diesem profitierte YB nicht zum ersten Mal gegen den FCZ bei einem vorentscheidenden Treffer im Wankdorf von einem fälschlicherweise nicht gepfiffenen Stürmerfoul. Dies obwohl Ref Urs Schnyder gute Sicht auf die Szene hatte, als Guillaume Hoarau Adi Winter mit einem Stoss in den Rücken aus dem Gleichgewicht und um den Ballbesitz brachte (siehe Standbild unten).

Anschliessend folgte eine für die relativ deutlichen Vorteile der Berner in den Zweikämpfen typische Szene. Während YB häufig zu zweit oder gar zu dritt den ballführenden Zürcher angriff, liess ein Zürcher Trio angeführt von Hekuran Kryeziu Miralem Sulejmani und Djibril Sow auf der Seite gewähren. Victor Palsson schaltete gegen Guillaume Hoarau zu spät vom Relax- in den Attackemodus um, und Adi Winter liess Sulejmani für einen kleinen Augenblick aus den Augen. Das 0:4 in Halbzeit Zwei unterschied sich zu den ersten drei Toren insofern, als es das erste Kontertor des Spiels nach Ballgewinn in der eigenen Hälfte war. In personeller Hinsicht änderte sich hingegen nichts. Hekuran Kryeziu bleibt stehen und fordert Namensvetter Mirlind auf, sich das Leder zu krallen, obwohl Christian Fassnacht näher beim Ball steht –  so können die Berner mit einem zwei gegen eins Richtung FCZ-Tor ziehen.

Zusammenfassend ist der FCZ also grundsätzlich ähnlich engagiert in die Partie gegangen, wie im Cupfinal. Und es war nicht so, wie von Teleclub-Kommentator Michael Fritschi geurteilt, und danach von anderen Berichterstattern übernommen, dass die Aussenverteidiger Pa Modou und Rüegg «geschlafen» hätten. Beide Teams gingen mit viel Risiko in die Partie und dazu gehörte, dass Pa Modou und Rüegg bei eigenem Spielaufbau sehr hoch standen. In solchen Situationen entscheiden Details, und da war beim FCZ in allen entscheidenden Szenen speziell Mittelfeldspieler Hekuran Kryeziu jeweils nicht auf dem Posten. Ein weiterer wichtiger Unterschied zum Cupfinal war die bessere personelle Besetzung YBs speziell in den Personalien Mbabu, Wüthrich und Sow an Stelle von Lotomba, Nuhu und Bertone. Im Zweikampf sind die YB-Aussenverteidiger Mbabu und Benito zur Zeit nur schwer zu überwinden. Es bräuchte bessere spielerische Mittel oder noch mehr Speed (Rohner? Schönbächler?). Ausserdem machte der FCZ vorne zu wenig aus seinen Möglichkeiten. Benjamin Kololli zögerte freigespielt von Züri Live-MVP Toni Domgjoni gleich zu Beginn im gegnerischen Strafraum zu lange – genauso wie später Adrian Winter alleine vor Torhüter Von Ballmoos. Winter verhinderte dazu beim Stand von 0:2 eine «hundertprozentige» Torchance Domgjonis, als er den idealen Steilpass Antonio Marchesanos gleich selbst «abfing» (siehe Standbild unten).

Domgjoni brachte zudem drei Meter vor der gegnerischen Torlinie nach starker Vorarbeit Stephen Odeys den Ball nicht im Netz unter. Und mehrere gute Kopfballchancen konnten nicht genutzt werden – unter anderem klärte Jean-Pierre Nsamé eine solche von Mirlind Kryeziu auf der Linie.  Taktisch startete der FCZ mit einem 4-3-3 in die Partie, wechselte dann nach 20 Minuten auf die Cupfinalformation 3-5-2 mit Winter als zweitem Stürmer neben Frey. Dies schien dem FCZ-Spiel gutzutun, bis dann kurz vor der Pause der 0:3-Hammer kam. Nach der Halbzeit mit der Einwechslung von Odey wurde wieder zurück auf 4-3-3 gewechselt und schliesslich mit der Einwechslung von Khelifi für Marchesano in der 62. Minute auf ein 4-4-2. Nach der dritten Einwechslung (Alain Nef) verschob sich Palsson ins Mittelfeld. Der Captain, der genauso wie Mirlind Kryeziu an mehr als 50% der Zürcher Torchancen beteiligt war, schien sich dann aber in der Schlussphase mit Krampferscheinungen herumzuplagen. Somit hat der FCZ bereits seit vier Jahren kein Meisterschaftsspiel gegen YB mehr gewinnen können. Diese Serie in der aktuellen Saison zu durchbrechen, wäre sicherlich ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur von Trainer Magnin geforderten Verkürzung des Abstandes zu den Top 2-Mannschaften der Liga.

YB – FCZ 4:0 (3:0)

Tore: 12. Sulejmani (Hoarau) 1:0, 15. Fassnacht 2:0, 45. Hoarau (Sulejmani) 3:0; 75. Nsamé (Fassnacht) 4:0.

YB: Von Ballmoos; Mbabu, Wüthrich, Von Bergen, Benito; Fassnacht, Sow, Sanogo, Sulejmani; Moumi, Hoarau.

FCZ: Brecher; Rüegg, Palsson, M. Kryeziu, Pa Modou; H. Kryeziu; Domgjoni, Marchesano; Winter, Kololli; Odey.

(Standbilder aus: SFL) 

1705-fcz-servette-match-performanceGegen Servette hätte der FCZ mit einem Sieg den Aufstieg angesichts des grossen Vorsprungs bei der Tordifferenz bereits praktisch klar machen können, zog aber ausgerechnet an diesem Abend den bisher schwächsten Auftritt der Challenge League-Saison ein – wie ein Tennisspieler mit Bammel vor dem Matchball. Die ungenügende Durchschnittsnote 4,6 für die eingesetzten 14 Akteure spricht dabei Bände. Raphael Dwamena wirkte ungewohnt fahrig und auch ein Marco Schönbächler konnte seine Nomination in der Startformation nicht rechtfertigen.

1705-fcz-servette-match-statsDer 18-jährige Kevin Rüegg hingegen hatte mit seiner erneut starken Leistung grossen Anteil daran, dass der FCZ trotzdem im Spiel blieb und am Ende noch ein Unentschieden erreichte. Der andere Grund dafür war der Gegner aus Genf, der bei weitem nicht mehr so zwingend auftrat, wie noch zu Beginn der Rückrunde. Das Spiel riss die Fans zwar von den Sitzen – aber nur um sich vorzeitig am Wurst- oder Bierstand zu verpflegen.

Servette FC – FC Zürich 2:1 (0:0)

Tore: 65. Sauthier (Vitkieviez) 1:0, 83. Nsamé (Penalty, Nsamé) 2:0, 90. Nef (Marchesano) 2:1.

Servette: Frick; Sauthier, Mfuyi, Faug-Porret, Le Pogam; Hasanovic, Maouche (76. Doumbia); Vitkieviez, Alphonse (84. Fargues), Delley (68. Berisha); Nsamé.

FC Zürich: Vanins; Brunner, Nef, Bangura (78. Koné), Stettler; Schönbächler (61. Winter), Marchesano, Kukeli, Rodriguez; Buff, Cavusevic (61. Dwamena).

Nach dem Schlusspfiff wunderten sich die Genfer Journalisten über ihr Heimteam: «Die haben so schlecht trainiert, und spielen dann plötzlich so gut», hiess es. Die Erwartungshaltung war vor der Partie tief gewesen. Im Vergleich zur ersten Begegnung im November, als die Haupttribüne voll war, kam gleich ein Mehrfaches weniger Zuschauer ins Stadion, nur 2’600. «Die Genfer sind noch nicht im Fussballfieber», meinte Servette-Medienchef Didier Rieder lakonisch dazu. Das wird sich nach dem heutigen Spiel vielleicht ändern.

Servette hatte also offenbar «schlecht trainiert» und dazu eine wenig erbauliche Testspielphase erlebt – zwei Partien wurden abgesagt, und darauf folgten eine 1:2-Niederlage gegen Ruch Chorzow, ein 1:5 gegen Thun und am Ende noch ein 1:0-Sieg gegen Etoile Carouge. Der FCZ auf der anderen Seite hatte von sechs Partien fünf gewonnen und phasenweise geglänzt, vor allem gegen Dinamo Bukarest und den FC St.Gallen.

Die Präsenz war beim FCZ vor allem in der 1.Halbzeit da. Über weite Strecken wurde das Spieldiktat übernommen, um jeden Ball gekämpft und nach vorne ein paar sehr gute Direktkombinationen konstruiert. Negativ war aber, dass daraus diesmal zu wenig echte Torchancen resultierten. Und die eine Grosschance wurde von Dzengis Cavusevic wegen eines einfachen technischen Fehlers nicht verwertet. Der Slowene schaffte es nicht, mit Ball am Fuss eine 90 Grad-Drehung zu vollziehen. Cavusevic machte das richtige, aber nicht richtig. Das Leder wurde von Jérémy Faug-Porret am Boden mit dem Oberarm gespielt. Dahinter wäre das Tor leer gewesen. Und es hätte Penalty geben müssen.

«Der unbedingte Wille, das Tor zu erzielen, war nicht da», meinte danach der Sportliche Leiter Thomas Bickel im Interview mit Züri Live nicht nur in Bezug auf Cavusevic. Der Slowene hatte in der Wintervorbereitung drei Tore erzielt, und dabei einen bisher ungewohnt klaren Killerinstinkt gezeigt.

Nach dem Pausentee kam Servette besser aus der Kabine. Der FCZ begann das Spiel mehr und mehr aus der Hand zu geben, und in der 65. Minute fanden die Grenats dann das, was ihnen in den ersten beiden Saisonbegegnungen gegen den FCZ gefehlt hatte: das Wettkampfglück. Nach einem Jonglier-Doppelpass mit Matias Vitkieviez erzielte Anthony Sauthier mit einer Direktabnahme aus 25 Metern ein absolutes Traumtor. Der Ball senkte sich im Hohen Bogen über Torhüter Vanins in die entfernte linke Ecke und war gleichzeitig scharf. Keine Chance für Andris Vanins, der nur noch mit der Schulter zucken konnte. Daniel Visentini schrieb danach in der «Tribune de Genève» zu Recht: «Hätte Cristiano Ronaldo solch ein Tor erzielt, es würde in der Folge wochenlang auf allen Kanälen rauf- und runtergespielt». Ohne wirklich eine Torchance gehabt zu haben, führte Servette mit 1:0.

Der FCZ wollte nun zu viel, spielte zu hektisch und übermotiviert. Anstatt zu versuchen, den guten Faden der 1. Halbzeit wieder aufzunehmen, zerbröselte das Spiel an der übertriebenen Erwartungshaltung an sich selbst. Wer nicht Real Madrid oder Barcelona heisst, der muss klugerweise bei gewissen Spielverläufen auch erst mal mit einem Unentschieden zufrieden sein und geduldig, bis zur letzten Minute versuchen, doch noch die entscheidende Torchance zu kreieren. Stattdessen wurde im Zweifelsfall der Ball hoch in den gegnerischen Strafraum geschlagen, wo Servettes am Boden nicht immer über alle Zweifel erhabener Torhüter Jérémy Frick den Luftraum sicher beherrschte. Wegen der schnellen Ballverluste wurden beim FCZ viele überflüssige und kraftraubende Laufwege nötig.

Der Realismus wäre angebracht gewesen vor allem auch aufgrund eines Gegners mit einer sehr guten Leistung. Die Servettiens waren bei den ersten beiden Saisonbegegnungen, wo sie jeweils auch hätten in Führung gehen können, mit einem 0:3 und 0:4 schlecht bedient gewesen. Diesmal lief das Spiel unter anderem durch die vergebenen Topchancen von Cavusevic und Rodriguez für sie. Die Ambitionen der Genfer sind hoch. Spätestens nächste Saison soll der Aufstieg in die Super League her. Trotz gutem Vorsprung auf den Abstiegsplatz wurde beim Aufsteiger Trainer Anthony Braizat in der Winterpause durch Meho Kodro ersetzt.

Mit William Le Pogam in der ersten Elf, sowie Jean-Pierre Nsamé und Mirsad Hasanovic im 17-er Kader hatte Züri Live im Gegensatz zur SFL drei Servettiens ins Challenge League-Dream Team der Vorrunde gewählt. Gegen den FCZ zeigte sich vor allem das junge Zentrale Mittelfeld mit Mirsad Hasanovic (21) und Yassin Maouche (19) im Vergleich zur bereits sehr guten Vorrunde noch mal verbessert.

Alain Nef erzielte kurz vor Schluss per Kopf nach Freistossflanke von Marchesano den 1:2-Anschlusstreffer, und als Dwamena von zwei hektisch verteidigenden Servettiens knapp innerhalb des Strafraums von hinten überrannt und zu Boden gedrückt wurde, lag gar noch der Ausgleich in der Luft. Schiedsrichter Schnyder pfiff aber auch diesmal nicht. Nef war wie immer ein kämpferisches Vorbild, es unterlief ihm aber auch der Fehler, welcher zum Penalty und 0:2 führte. Nef schoss den ehemaligen Teamkollegen Alphonse an, von dem er am 13.Mai 2006 in der 30.Minute den Ball zugespielt erhalten hatte, um dann die Flanke auf Keita zum 1:0 zu schlagen. Nsamé lief in den Strafraum Richtung des freiligenden Balles und Vanins kam zu spät.

Bereits in der Schlussphase der Vorrunde liess der FCZ defensiv nach. Damals hatte Nef die Mannschaft beispielsweise in Chiasso und Winterthur fast im Alleingang aus dem möglichen Schlamassel gezogen. Diesmal gelang dies dem Geburtstagskind nicht mehr. Neben sich ein Umaru Bangura, der nach einem Schlag vor einer Woche gegen St.Gallen erst als angeschlagen gemeldet war, und seinen Partner in der Innenverteidigung entweder nicht unterstützen konnte oder wollte. Nef war überall anzutreffen, Bangura praktisch unsichtbar, abgesehen von der 72.Minute, als er sich beim Lattenschuss Vitkieviez’ von diesem etwas einfach überspielen liess.

Cédric Brunners Limiten wurden klar aufgezeigt, Nicolas Stettler kämpfte wie ein Berserker, aber meist unglücklich. Das Zentrale Mittelfeld bot ebenfalls zu wenig Schutz. Marchesanos Defensivschwäche ist bekannt. Er ist kein Yapi, der als «zwei-für-eins» sowohl magistrale lange Pässe spielen und gleichzeitig auch die wichtigen Defensivaufgaben gut wahrnehmen kann.  Daneben Burim Kukeli, der die Vorbereitung kaum mitmachen konnte und bei welchem schon vor einer Woche gegen St.Gallen ersichtlich war, dass er eigentlich noch nicht bereit für den Rückrundenstart ist. Im Nachhinein betrachtet kann man natürlich debattieren, ob es nicht erfolgsversprechender gewesen wäre, den jungen Kevin Rüegg ins kalte Wasser zu werfen. Buff, Rodriguez und Schönbächler waren bemüht, aber häufig einen halben Schritt zu spät. Und die eingewechselten Winter, Dwamena und Koné vermochten keine echten Akzente zu setzen.

Eine Niederlage musste mal kommen. Jetzt wo auch Hoffenheim verloren hat, gibt es wohl in ganz Europa kein ungeschlagenes Team mehr. Wie die Mannschaft nun darauf reagieren wird (wie ein «FCB der Challenge League», oder nicht…), wird entscheidend dafür sein, ob in der Rückrunde tatsächlich ein weiterer Schritt vorwärts gemacht werden kann.

Servette FC – FC Zürich 2:1 (0:0)

Tore: 65. Sauthier (Vitkieviez) 1:0, 83. Nsamé (Penalty, Nsamé) 2:0, 90. Nef (Marchesano) 2:1.

Servette: Frick; Sauthier, Mfuyi, Faug-Porret, Le Pogam; Hasanovic, Maouche (76. Doumbia); Vitkieviez, Alphonse (84. Fargues), Delley (68. Berisha); Nsamé.

FC Zürich: Vanins; Brunner, Nef, Bangura (78. Koné), Stettler; Schönbächler (61. Winter), Marchesano, Kukeli, Rodriguez; Buff, Cavusevic (61. Dwamena).

13 (!) FCZ-Spieler waren an den heutigen SFL Awards für das Challenge League «Dream Team 2016» nominiert und gleich 8 (!) wurden gewählt. Bei aller Liebe: das ist auch für einen Tabellenführer ein extremer Wert. Sind die Juroren jetzt plötzlich alle FCZ-Fans geworden?  Nein, natürlich nicht! Die Antwort ist: die SFL Awards konnte man in Bezug auf die Challenge League-Auszeichnungen noch nie ernst nehmen – so war es auch diesmal.

Gewählt werden jeweils nicht die Spieler, welche in den letzten Monaten die beste Leistung erbracht haben, sondern die Namen, die alle kennen.  Das Rezept für die Zusammenstellung des Challenge League Dream Teams ist jedes Jahr das gleiche: man nehme die aus der Super League bekanntesten Namen und mische die zwei Stürmer mit den meisten erzielten Toren hinzu: voilà!

Auch der Begriff «Dream Team 2016» führt in die Irre. Denn es geht jeweils einzig und allein um die Vorrunde der neuen Saison – denn ansonsten müssten ohne Zweifel Spieler von Aufsteiger Lausanne mit dabei sein! Züri Live hat immerhin 50% aller 90 Spiele der Vorrunde live und in voller Länge gesehen und erlaubt sich daher, ein etwas ernsthafteres nicht auf Namedropping basierendes Dream Team der Challenge League-Vorrunde 16/17 zusammenzustellen: voilà! Die Diskussion ist eröffnet!

cl-team-der-vorrunde-1617-zlDie Entdeckung der Vorrunde war aus Sicht von Züri Live der junge Innenverteidiger Ivan Lurati von Chiasso, der nicht zufälligerweise Interesse aus der Serie A weckte. Zusammen mit dem sehr spielstarken Schweizer Juniorennationalspieler Nikola Milosavljevic hat sich aber Sion vom finanziell darbenden Chiasso die beiden Tessiner Juwelen gleich im Doppelpack unter den Nagel gerissen. Der Liechtensteinische Nationalspieler Daniel Kaufmann ist der wohl solideste und fehlerfreiste Innenverteidiger dieser Vorrunde. Lucas überzeugte vor allem mit seinen Offensivvorstössen und konnte nach Luzern verkauft werden.

William Le Pogam zeigte auf der linken Seite eine Dynamik, wie man sie bei Aussenverteidigern auch in der Super League selten sieht, und auf rechts kam es unter Trainer Decastel bei Xamax zur Rennaissance des einstigen grossen Talentes Mike Gomes, der unter Experten zum sicherlich unbestrittenen «Flankengott» der Liga avancierte. Mit Thibault Corbaz übernahm beim starken Xamax ein ehemaliger U21-Nationalspieler im Mittelfeld die zentrale Rolle. Der junge Servettien Mirsad Hasanovic überzeugte mit seiner Laufstärke und Kampfgeist.

Ridge Mobulu gehörte zu den Offensivkräften mit der grössten Qualität, war aber genauso wie Lurati und Le Pogam zeitweise verletzt. Moussa Koné schaffte nach längerer Anlaufzeit den Durchbruch und war deutlich konstanter und auch vielseitiger als der Servettien Jean-Pierre Nsamé oder der Xamaxien Gaëtan Karlen. Und der Ur-Zürcher Oliver Buff brachte mit seiner aussergewöhnlichen Technik Glanz und Spektakel in die Liga.

Nach der äusserst torreichen Partie gegen Aarau (Adrian Winter sprach gegenüber blick.ch spasseshalber von einem Tennis-Satz) bietet sich in der Rubrik „Statistik der Woche“ das Thema „Tore“ geradezu an. Der FCZ hat in den bisherigen 21 Wettbewerbsspielen der Saison 48 Tore erzielt und 15 erhalten. Bei den 48 erzielten Toren werden von Züri Live zwei als Eigentore gezählt, darunter zuletzt dasjenige von Schaffhausens Mevlja, der einen Marchesano-Eckball ins eigene Tor köpfte. Den Ausgleich in Aarau zählt Züri Live im Gegensatz zu sfl.ch als Tor für Kecojevic, da dessen Abschluss aufs Tor kam. Zudem hatte nach der Meinung dieser Publikation Cavusevics Schuss in Neuenburg die Linie bereits vor dem Nachschuss von Sarr überschritten, genauso wie der direkte Eckball von Rodriguez in Wohlen. Zudem wird das erste Wettbewerbstor der Saison gegen Winterthur Adrian Winter zugerechnet, da dieser den Abschluss von Rodriguez nachweislich noch berührt hat. Somit ist Winter zur Zeit alleiniger bester Zürcher Torschütze in der Challenge League mit 6 Toren.  Im Schweizer Cup und in der Europa League hat bisher noch kein Spieler mehr als ein Tor erzielt.

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Über alle Wettbewerbsspiele hinweg liegen Koné und Winter mit je 7 Treffern gemeinsam vorne. Moussa Koné kommt zusammen mit seinen drei Testspieltoren auf bisher 10 Goals in dieser Saison. In Wettbewerbsspielen gab es bisher 12 Zürcher Torschützen, über alle Spiele hinweg hat sich am Donnerstag in Chur der Ägyptische Testspieler Khalil Elnouby als 17.Torschütze in die Liste eingetragen. Neben Elnouby gibt es mit Simonyan und Pagliuca (ausgeliehen an Le Mont bzw. Wohlen) noch zwei weitere Torschützen, die zur Zeit nicht offiziell zum Kader der 1.Mannschaft des FCZ gehören.

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Armando Sadiku traf in dieser Europa League-Saison bereits nach 70 Sekunden im Madrigal zu Villarreal. Da sich der Albanische Stürmer in der Folge verletzte, bleibt er zur Zeit bei der hervorragenden Quote von einem Tor pro Europa League-Spiel. Die gleiche Quote kann der in diesem Wettbewerb bisher nur in Bellinzona eingesetzte Moussa Koné im Schweizer Cup vorweisen – ebenfalls mit einem Tor nach 70 Sekunden. Dass diese Quote trotzdem kein Zufall ist, beweist der Senegalese mit seiner Torquote von 0.71 pro Spiel in der Challenge League. Sadiku und Umaru Bangura (ein Tor in zwei Spielen) treffen in der Liga bisher in jeder zweiten Partie.

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Die gleiche Quote wie Sadiku in der Europa League und Koné im Schweizer Cup hat Elnouby im Total nach seinem aussergewöhnlichen Testspieltreffer gegen Vaduz. In Wettbewerbsspielen liegen Koné (0.64 Treffer pro Partie) und Sadiku (0.56) vorne. Davide Chiumiento konnte auf der Allmend Brunau von der löchrigen Rapperswiler Abwehr profitieren und hat deshalb in Testspielen die zweitbeste Bilanz.

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Moussa Koné schiesst in der Challenge League alle 48 Minuten ein Tor! Das bedeutet beinahe zwei pro Match. Bis zum Auswärtsspiel in Neuenburg hatte der 19-jährige mit mehreren Einwechslungen zusammengenommen erst rund 80 Minuten Challenge League gespielt, aber schon zwei Tore erzielt. In Neuenburg und zu Hause gegen Aarau stand der Senegalese dann die ersten beiden Male im Ligafussball in der Anfangsformation (jeweils ausgewechselt), erzielte dabei ein Tor am Neuenburgersee und zwei im Letzigrund.

Im Vergleich dazu: Torschützenleader Jean-Pierre Nsamé von Servette braucht mit 95 Minuten pro Tor doppelt so lange für ein Erfolgserlebnis. Ebenso FCZ-Verteidiger Bangura, wobei dessen Zahlen wegen bisher nur zwei Ligaeinsätzen noch nicht aussagekräftig genug sind. Die treffsichersten Stürmer der Super League haben folgende Werte: Doumbia: 81 Minuten, Janko: ’96, Hoarau ‚100, Marco Schneuwly ‚109, Duah ‚133, Alioski ‚140, Assifuah ‚146.

Dass Koné mit seiner Schnelligkeit und Mentalität viel Potential hat, war schon letzte Saison ersichtlich. Im Vergleich zu vor einem Jahr hat er sich mittlerweile beim FCZ vor allem im taktischen Bereich enorm verbessert. In den Testspielen erhielt Koné mit bisher 559 Minuten von allen Spielern am meisten Einsatzzeit, in den Pflichtspielen begann Koné mit sporadischen und kleinen Einsatzzeiten und wurde dann mit zunehmendem Verlauf der Saison immer mehr forciert.

Fünf Mal stand Koné bisher in der Startformation: 1x im Cup, 2x in der Europa League und 2x in der Challenge League. In die Saison gestartet als Stürmer Nr.3 hinter Sadiku und Cavusevic, der auch auf dem Flügel eingesetzt werden kann, hat Koné die Konstellation mit seinen Leistungen nun deutlich offener gestaltet – der FCZ wird dadurch weniger ausrechenbar. Steaua-Trainer Laurentiu Reghecampf zum Beispiel erwartete im Hinspiel in Bukarest beim FCZ einen kopfballstarken Stoss-Stürmer und war nicht auf den schnellen Koné in der Startaufstellung gefasst.

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Über alle Wettbewerbsspiele hinweg trifft Koné alle 68 Minuten das Tor, werden die zahlreichen Testspielminuten dazugenommen sind es 104 Minuten. Die Super-Quote in der Liga rührt also sicherlich auch etwas daher, dass Koné als Einwechselspieler überdurchschnittlich effizient ist. Spielt er häufiger von Anfang an, dauert es länger, bis er ein Tor erzielt. Man kann dies beim FCZ auch den „Pedro Henrique“-Effekt nennen. Allerdings muss hinzugefügt werden, dass Koné in Testspielen in 559 Minuten „nur“ drei Mal getroffen hat, dabei aber sieben Assists beigesteurt hat. Dies ergibt alle 56 Minuten einen Skorerpunkt.

Die beste Totalquote hat zur Zeit der 18-jährige Khalil Elnouby, der bei seinem 45-minütigen Testspieleinsatz gegen Vaduz nicht nur seines Tores wegen überzeugt hat. Elnouby konnte sich auch technisch, spielerisch, bezüglich Beweglichkeit und Schnelligkeit gut in Szene setzen, und sich schnell ins Zürcher Spiel einfügen.

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In Wettbewerbsspielen am drittkürzesten für ein Tor brauchte nach Koné und Sadiku Marco Schönbächler. Der Flügel liegt damit in dieser Wertung noch vor zentraler spielenden Offensivkräften wie Cavusevic, Marchesano oder Buff.

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