Blick ins FCZ-Leistungszentrum. Grosses Interview mit dem Leiter Academy, Heinz Russheim – TEIL 1 von 4

Wer ist das Herz eines Vereins? Einige würden sagen: die 1. Mannschaft. Für andere ist es die Vereinsführung. Die Dritten meinen: natürlich die Fans! Es gibt aber auch noch eine vierte Sichtweise: die Nachwuchsabteilung! In ihr entwickeln sich die zukünftigen Identifikationsfiguren und Botschafter des Klubs. Sie tragen schon seit früher Jugend das Vereinswappen auf der Brust und in jeder Altersstufe heisse Derbys aus. Sie sprechen die Sprache der Fans und können auswärtige Zuzüge in den Klub einführen. Die Juniorenabteilung bildet ausserdem die handfeste Verbindung zur aktiven Fussballfamilie der Region. Jeder Amateurverein ist stolz, wenn er einen eigenen Jungen in den Profiklub bringen kann.

Blerim Dzemaili (Oerlikon, Unterstrass, YF Juventus), Fabian Rohner (SV Höngg) und Gianni De Nitti (Red Star) stammen von Stadtvereinen. Lindrit Kamberi (Volketswil), Selmin Hodza (Uster), Ilan Sauter (Maur) und Yanick Brecher (Männedorf) aus der Agglomeration. Mirlind Kryeziu und Bledian Krasniqi können sich hingegen an ihr Leben vor dem FCZ fast nicht erinnern. Sie traten praktisch gleichzeitig in die Schule und den Stadtclub ein. Miguel Reichmuth kam mit 12 Jahren vom schwyzerischen Ibach. 

Leiter Academy Heinz Russheim vor dem Home of FCZ

Leiter Academy beim FC Zürich ist Heinz Russheim. Seit mehr als 11 Jahren im Verein, seit April 2013 als Technischer Leiter. Anders als die Mehrheit seiner Pendants bei Schweizer Klubs bringt Russheim einen fundierten pädagogischen Background mit: Sportlehrerstudium an der ETH, Tätigkeit als Lehrer und Ausbildner in der Allgemeinbildung an Berufsschulen, beim Bundesamt für Sport oder an der ETH. Bis 2009 hat er noch selbst Schule gegeben. Der FCZ gehört seit vielen Jahren im Nachwuchsbereich zu den besten Ausbildungsklubs der Schweiz und führt das Label des Schweizerischen Fussballverbandes als eines der Nationalen Leistungszentren. Russheim hat Heinz Moser als neuen Leiter Entwicklung zur Seite gestellt erhalten, der vom SFV kommend das Konzept gleich selbst in einem Klub in die Tat umsetzen kann. Moser ist zuständig für «den Roten Faden» durch den ganzen Klub inklusive Frauen und Profis und die langfristige Entwicklung. Russheim ist der Leiter des Nachwuchsbereiches der Jungs (Academy und Footeco), in welchem auch ein paar der talentiertesten Mädchen aktiv sind.

Züri Live: Heinz Russheim, wir befinden uns im dieses Jahr neu eröffneten «Home of FCZ». Der FC Zürich hat als erster von mehreren Vereinen das Zertifikat «Leistungszentrum» vom Schweizerischen Fussballverband erhalten. Muss man nun Jahr für Jahr «zittern», ob man das Label wieder erhält, oder ist dies mit dem aktuellen Angebot gesichert?

Heinz Russheim: Das ist zur Zeit ziemlich fix. Als wir uns 2015 beworben haben, konnten wir darlegen, dass wir alle Kriterien erfüllen. Wir erfüllten sie bereits, bevor es das Label überhaupt gab. Und es gibt nicht Jahr für Jahr wieder neue Kriterien. U16-, U18- und U21-Trainer müssen festangestellte Profis sein. Auch den Talent Manager, Leiter Goalies oder Leiter Athletik hatten wir schon vorher zu 100% angestellt. In einem Leistungszentrum darf man diese Rollen nicht auf verschiedene Personen splitten.  

ZL: Zuletzt wurde heiss über den Super League-Modus diskutiert. Für den Ausbildungsbereich scheint aber vor allem die Aufstockung der Super League auf 12 Mannschaften nicht ungefährlich zu sein. Das Geld für die Jugendakademien kommt ja letztlich aus dem Profifussball. Wenn Klubs wie Aarau, Thun, Xamax, Wil, Schaffhausen oder Vaduz durch das Fehlen der besten zwei Gegner weniger Einnahmen generieren, kriegen sie dann nicht Probleme mit der Finanzierung ihres Spitzenjuniorenbereiches?

HR: Da müsste man die Einnahmenstruktur analysieren. Wenn durch die zwei Top-Klubs, die in die Super League verschwinden, in der Challenge League die Zuschauerzahlen sinken, dann hätte das schon einen negativen Einfluss auf die Finanzierbarkeit der Nachwuchsabteilungen. Wenn aber die Zuschauereinnahmen keinen wesentlichen Teil des Budgets abdecken, sehe ich nicht einen riesigen Einschnitt – ausser die Sponsoren würden aufgrund des Zuschauerrückgangs und damit verminderter Attraktivität die zugesprochenen Gelder ebenfalls kürzen.  

ZL: Was hat sich für Dich persönlich mit dem Einzug ins Home of FCZ verändert?

HR: Die Wege sind natürlich wesentlich kürzer geworden. Bisher habe ich jeweils gependelt. Am Mittwoch bin ich beispielsweise um 8 Uhr im Heerenschürli ins Training, dann in die Geschäftsstelle im Stadtzentrum und dann um 13 Uhr wieder raus nach Schwamendingen fürs Nachmittagstraining. Auch die Kommunikation intern ist direkter. Wenn es etwas mit der Buchhaltung zu diskutieren gibt, kann man drei, vier Zimmer weiter schnell fragen gehen und muss kein Mail schreiben. 

ZL: Nicolas Chappuis hat den Sprung in den Staff der 1. Mannschaft geschafft – ein Verlust für die Academy?

HR: Ja klar. Einerseits ist jeder, der raufgeht, grundsätzlich ein Verlust. Andererseits ist es ein gutes Zeichen für die Academy. Ich mag mich noch erinnern, als Chappuis vor etwa acht Jahren von Etoile Carouge in die U14 gekommen ist. Er war Assistent von Magnin. 2018 als Magnin in die 1. Mannschaft befördert wurde, hatten Chappuis und ich zwei Wochen lang die U21 zusammen. Erst ich mit ihm als Assistent, dann er mit mir als Assistent. Dann war er Assistent bei Massimo Rizzo’s U18 und letzte Saison U17-Cheftrainer, dazu verantwortlich für das technische Equipment und die Spielanalysen. Wenn die 1. Mannschaft jemanden aus dem Academy-Staff «absaugt», ist das für mich nicht primär ein Verlust. Ich habe gegenüber Ancillo und Heliane Canepa immer betont, dass für jede Position in der 1. Mannschaft ein valabler Kandidat im Nachwuchs vorhanden sein sollte – egal ob Konditionstrainer, Cheftrainer oder Goalietrainer.

Nicolas Chappuis, Spielanalyst der 1. Mannschaft

ZL: Was sind die Kriterien, auf die beim FCZ bei der Trainerauswahl für die Academy am meisten geachtet wird?

HR: Die Diplome sind vorgegeben, da gibt es Mindestanforderungen: ab U16 aufwärts das A-Diplom. In den Stufen darunter gibt es ebenfalls die entsprechenden Auflagen (B-Diplom). Durch das Bestehen der Prüfung beweist ein Trainer, dass er die notwendige Fachkompetenz hat. Natürlich gibt es Unterschiede zwischen «sehr gut» oder nur «knapp» bestehen. Aber die Prüfung ist nur eine Momentaufnahme. Ein Tag. Eine 5,5 ist zwar für den Moment besser als eine 4,5, aber der Kandidat hat vielleicht ein ganz anderes Prüfungsthema erwischt, als sein Studienkollege. Es heisst noch gar nicht, dass er dann auch der bessere Trainer sein wird. Für mich wird die Sozialkompetenz immer wichtiger. Der Umgang mit den Spielern ist zentral.

ZL: Und dies täglich…

HR: Ja. Ich hatte grad gestern ein Gespräch mit einem Gymischüler bei uns. Die haben über 30 Stunden Schule, dazu Hausaufgaben, Prüfungsvorbereitung. Und trainieren bei uns vier Mal abends. Wenn dann einer mal etwas müde ist, muss der Trainer die Empathie mitbringen, dafür Verständnis zu haben. Das hat man als Trainer und Mensch – oder man hat es nicht. Beim A-Diplom lernt man das auf jeden Fall nicht. Fordernd kann man trotzdem sein. Aber Verständnis für die Chancen, Gefahren, Freuden und Ängste der Jugendlichen muss vorhanden sein, und der Trainer muss damit umgehen können.

ZL: Bei einem Profiklub wie dem FCZ gibt es Legenden, Spieler mit Verdiensten, die man aufgrund der Klubpolitik gerne nach der Spielerkarriere in der Organisation halten möchte. Man kommt dann auf der Suche nach einer passenden Position schnell mal auf die Idee «Nachwuchstrainer» – obwohl der Ex-Profi möglicherweise nicht die beste Besetzung dafür ist. Hat sich in diesem Punkt mittlerweile etwas getan? Hat ein von der Sozialkompetenz und Pädagogik her starker Nachwuchstrainer eines kleinen Vereins aus der Region gute Chancen, sich in der Auswahl der Bewerber gegen einen Ex-Profi durchzusetzen?

HR: Wenn man keinen Hintergrund als Spielerprofi hat, ist es sehr schwer, bei den Grossvereinen reinzukommen. Wir hatten Fischer, Magnin oder Petrosyan. Colatrella hat ebenfalls in der obersten Liga gespielt, Romano war auch Profi.

ZL: Zumindest von der U15 an abwärts scheint es aber weniger Ex-Profis auf der Trainerposition zu geben…

HR: Ja, U15 kommt mir jetzt auch grad keiner in den Sinn. Der Einstieg ist aber meist in der U14 – und dann geht es direkt in das Leistungszentrum (U16). Man muss wissen: vor etwa 20 Jahren war die Philosophie des SFV, möglichst vielen ehemaligen Super League- und sowieso National-Spielern den Einstieg als Trainer zu ermöglichen. Denn diese haben die Erfahrung beispielsweise auch vor 50’000 Zuschauern zu spielen. Sie wissen, was auf dem Platz abläuft. Sie haben einen grossen Rucksack. Sie haben das Fachliche als Profispieler selbst erlebt und umgesetzt: «Was mache ich im Pressing? Wohin stehe ich? Wie verteidige ich?». Grundsätzlich alles. Das war die Stossrichtung.

Meines Erachtens hat man etwas zu wenig darauf geachtet, dass die Sozialkompetenz die dominante Qualität ist, die ein Nachwuchstrainer haben muss – ganz klar wichtiger als vieles andere. Diese Meinung wird nicht von allen geteilt. Natürlich muss ein Nachwuchstrainer im Spitzenjuniorenfussball eine Ahnung davon haben, was auf dem Fussballplatz abläuft. Aber das Pendel schlägt für mich zu stark in Richtung ehemalige Top-Spieler aus. Der Umgang mit einer U16 oder U18 ist nicht das Gleiche, wie mit der 1. Mannschaft. Sie trainieren zwar gleich viel, aber der Juniorenspieler macht nebendran noch eine Lehre, geht in die Schule, ist in der Entwicklung, in der Pubertät – das braucht vom Trainer spezielle Kompetenzen.

Thomas Tuchel oder Julian Nagelsmann waren als Spieler nicht auf dem Niveau ihrer jetzigen Mannschaften. Sie arbeiten erfolgreich, weil sie einen sehr guten Umgang mit ihren Spielern pflegen. Franz Beckenbauer vertraute als DFB-Teamchef fast ausschliesslich auf seine Sozialkompetenz. Das Training leitete ein Anderer.

ZL: Gut mit Jugendlichen umgehen zu können, ist eine spezielle Qualität… In gewisser Hinsicht schwieriger als mit Männern.

HR: Was heisst schwieriger? Das würde der Aufgabe der Eins-Trainer auch nicht gerecht. Dort kann man beispielsweise auch einmal eine «Diva» in der Mannschaft haben. Wie geht man damit um?

ZL: Im Nachwuchs hat man natürlich als Trainer etwas mehr Autorität und Möglichkeiten, Druck auszuüben. In der 1. Mannschaft ist der Trainer wohl das schwächere Glied im Mannschaftsgefüge. 

HR: Das ist zwangsläufig so. Wenn’s nicht läuft, dann muss bei den Profis immer wieder der Trainer gehen. Auch wenn es häufig nicht die richtige Entscheidung ist.

Hier geht’s zu Teil 2

Im ganzen Trubel um die Modus-Diskussion haben der FC Winterthur, der FC Wil und der FC Vaduz mit ihrem erfolgreichen Antrag um eine drastische Reduktion der Stadionanforderungen für die Super League still und heimlich für eine kleine Revolution gesorgt. Es ist eine viel weitreichendere Entscheidung als der Modus. Ohne Übertreibung ist damit an der GV der Swiss Football League vom Freitag im Schweizer Fussball eine Ära zu Ende gegangen.

Dank Stadionkatalog der SFL: Europacup in Thun, Frauen-Länderspiele in Schaffhausen

Die Denkmäler dieser Ära sind die gebauten Stadien neue Maladière in Neuenburg, Stockhorn Arena in Thun, wefox Arena in Schaffhausen, die Tissot Arena in Biel und die Tuilière in Lausanne. Dazu kommen die sich immer noch in Planung befindlichen Projekte in Aarau und Lugano. Ausserdem wurde auch der Um- und Ausbau der Stadien in Vaduz, Winterthur und Wil durch diese Ära geprägt. Diese Stadien sind alle Kinder eines Blatt Papiers (beziehungsweise PDF). Nämlich des in den letzten rund zwei Jahrzehnten gültigen Stadionkataloges (Kategorie A) der Swiss Football League. Um diese Kriterien erfüllen zu können, und damit in der obersten Schweizer Fussball-Liga mitspielen zu dürfen, haben mittelgrosse Schweizer Klubs enorme finanzielle und zeitliche Aufwände geschultert, etliche Abstimmungskämpfe geführt, den Standort gewechselt, die eigene Organisation angepasst und zusätzliche Eigentümer, teilweise aus dem Ausland, mit ins Boot geholt. Und um das Ganze finanziell überhaupt realisieren zu können, wurden zur Querfinanzierung und wegen der tieferen Bodenpreise in Thun, Schaffhausen oder Biel Stadien mit Mantelnutzung an der Peripherie gebaut.

Neue Maladière, Neuchâtel (Eröffnung: 2007)

Alles wurde dafür getan, um ein modernes Stadion errichten zu können, welches die Minimalanforderungen der Liga erfüllt. Und damit auch einen Vorteil gegenüber denjenigen Konkurrenzstädten zu haben, die dies nicht zu Stande brachten. Der Komfort, die Sicherheit und die Zuschauerzahlen wurden dank diesen neuen Stadien erhöht. Es kommen mehr Frauen und Kinder zu den Spielen. Der FC Thun konnte 13 Europacuppartien im eigenen Stadion mit echtem Heimvorteil spielen (unter anderem mit Siegen gegen Partizan und Rapid), statt nach Bern ausweichen zu müssen. Die Stockhorn Arena und die wefox Arena sind zu populären Heimstätten für die Spiele der Frauen-Nati geworden. In Biel werden viele Junioren- und Frauen-Cupfinals und Junioren-Länderspiele ausgetragen. Der ausgebaute Vaduzer Rheinpark hat einige ausverkaufte Länderspiele gegen grosse Fussball-Nationen gesehen. Die Winterthurer Schützenwiese erhielt eine schöne, neue Gegentribüne – als Teil eines umfassenden Ausbauprojektes, dessen Dringlichkeit sich nun aber stark reduziert hat.

Administrative Aufstiegshürden neu für alle stemmbar

Die bisherigen hohen Anforderungen haben für den Schweizer Fussball viel Gutes getan. Trotzdem ist der nun von Winterthur, Wil und Vaduz beantragte und von den Klubs der Swiss Football League beschlossene Rückschritt in Sachen Infrastruktur zum jetzigen Zeitpunkt positiv zu werten, speziell für den sportlichen Wettbewerb und für „die Kleinen“. Bei der Gesamtkapazität wurde eine Halbierung von 10’000 auf 5’000 Plätze beschlossen, bei den Sitzplätzen gar eine von 6’500 auf nur noch 1’000 Plätze. Dazu kommt eine Einjahresfrist zur Erfüllung dieser Anforderungen für Aufsteiger. Nur die Anforderungen für die Sicherheit und TV-Übertragungen müssen von Anfang an erfüllt werden (wobei wie diese Saison beim FC Winterthur dabei je nach Umständen eine Kulanzfrist von ein paar Wochen oder Monaten sicherlich gewährt wird).

Stockhorn Arena, Thun (2011)

Dies ändert die Situation fundamental. Die administrativen Aufstiegshürden werden wesentlich reduziert. Bis zu diesem Entscheid gab es mit Thun, Xamax, Schaffhausen und Lausanne-Sport nur vier Challenge League-Klubs, welche die Infrastrukturvoraussetzungen für die Super League mitbrachten. Winterthur durfte diesen Sommer überhaupt nur dank einer Sonderregelung aufsteigen. Nun sollte grundsätzlich jeder Challenge League-Klub aufsteigen können. Selbst ein Klub, der die reduzierten Anforderungen nicht erfüllt, kann erst mal aufsteigen und sich dann im Verlauf der Vorrunde immer noch überlegen, einen Stadionausbau im vernünftigen Rahmen in Angriff zu nehmen und / oder bei Klassenerhalt für eine gewisse Zeit in ein grösseres Stadion im Umkreis umzuziehen.

Brügglifeld olé?

Winterthur ist ein Paradebeispiel sowohl für einerseits die positive Wirkung des Druckes, den der bisherige Stadionkatalog erzeugt hat, und der gleichzeitig aber auch etwas überzogenen Standards, die darin formuliert wurden. Der aktuelle Rückschritt in den Anforderungen ist massiv. Kurzfristig ist das kein Problem. Es hilft sogar, speziell im Zuge der Super League-Vergrösserung das Wettbewerbsprinzip Aufrecht zu erhalten. Langfristig könnte es aber schon wieder zu einer Situation führen wie in den 80er und frühen 90er-Jahren, wo verfallende und nicht mehr zeitgemässe Infrastrukturen zum damaligen Zuschauerschwund beigetragen haben.

Tissot Arena, Biel-Bienne (2015)

Der FC Aarau gehörte wohl nicht ganz ohne Hintergedanken nicht zu den Promotoren des Antrages. Während andere Klubs bei einem Standortwechsel fast immer mit einer zentrumsferneren Location vorlieb nehmen müssen, will der FCA mit seinem im Grunde schon seit den 90er-Jahren pendenten Stadionprojekt vom in der Gemeinde Suhr gelegenen Brügglifeld ins deutlich zentrumsnähere Torfeld Süd umziehen. Macht der Entscheid der Swiss Football League vom Freitag den Aarauern im letzten Moment noch einen Strich durch die Rechnung, weil ein Verbleib im Brügglifeld plötzlich wieder eine Option werden könnte? Auch der Neubau des Cornaredo in Lugano ist durch diesen Entscheid nicht mehr wirklich zwingend. Anders sieht die Situation in Zürich aus. Wie in Genf, Basel oder Bern gehen die Anforderungen an ein Fussballstadion in einer Stadt wie Zürich sowieso über die SFL-Mindestanforderungen für Super League-Stadien hinaus – egal ob bisherige oder neue.

Eröffnung wefox Arena (damals LIPO Park), Schaffhausen (2017)
Tuilière, Lausanne (2020)

Nach der Liga-Generalversammlung diese Woche kommt nun also letztendlich die bereits vorher beschlossene Ligaaufstockung auf 12 Teams zusammen mit dem «Schottenmodus». Diese beiden Neuerungen haben einen gemeinsamen Nenner: die «Kleinen» sind die Verlierer.

Die «Grossen» profitieren vom «Schottenmodus»

Es ist kein Zufall, dass mit YB die Nr.1 der letzten Jahre am meisten gegen die Playoffs geweibelt hat und die in der Meisterschaft seit Jahrzehnten chronisch erfolglosen Welschen und Tessiner Klubs fast geschlossen dafür waren. Playoffs hätten den «Kleinen» eine grössere Chance im Kampf um Meisterschaft und Europacup-Plätze gegeben. Auch der FCZ hätte vom Playoff-Modus sicherlich profitiert. In einzelnen wichtigen Spielen ist man in den letzten Jahren immer wieder über sich hinausgewachsen – und hatte mit Ausnahme der Zaubersaison 21/22 über eine volle Meisterschaft mit 36 Runden jeweils keine Chance auf Erfolg. Schottland wird seit Jahrzehnten, sicherlich nicht nur, aber auch wegen dem «Schottenmodus» von Celtic und Rangers dominiert.

Mit dem «Schottenmodus» werden die bestehenden Machtverhältnisse also tendenziell zementiert. Trotzdem war Züri Live genauso wie der FCZ und alle Fankurven gegen die Playoffs. Denn diese hätten uns eine extrem lange praktisch bedeutungslose «Aufwärmphase» von Juli bis April gebracht. Im Gegensatz zum Eishockey mit seinem «Best of 7» über drei Monate hätte die entscheidende Meisterschaftsphase im Schweizer Fussball nur ein paar wenige Tage gedauert. Sehr löblich zu erwähnen: FCZ-Präsident Ancillo Canepa hat wie schon zu seiner Zeit im Ligakomitee als einer von ganz wenigen Klubvertretern zu jedem Zeitpunkt in erster Linie an den Schweizer Fussball als Ganzes gedacht, und nicht an die Interessen des eigenen Klubs.

Nach Nati A-Aufstockung steht im Eishockey die Nati B vor dem Kollaps!

Bei der Frage der Playoffs auf der Seite der «Grossen» zu stehen war aus Züri Live-Sicht richtig. Bei der Ligagrösse hingegen nicht! Mit der Aufstockung auf 12 Teams wollen grössere Klubs wie FCZ, GC, St. Gallen, Luzern oder Sion die Abstiegsgefahr verkleinern. Die Super League «klaut» dafür der Challenge League ihre zwei besten Teams. Dadurch sinken Qualität, Zuschauerzahlen und Einnahmen in der zuletzt immer attraktiver werdenden zweithöchsten Liga. Im schlimmsten Fall bricht dem Schweizer Fussball so ein wettbewerbsfähiges Unterhaus weg, wo sich Nationalspieler wie Sommer, Akanji, Zakaria oder Freuler den letzten Schliff vor ihrem Durchbruch in der Super League holten. Zudem sind mehrere Spitzen-Juniorenorganisationen von Challenge League-Klubs so deutlich schwieriger zu finanzieren.

In welche Richtung es nach einer Super League-Aufstockung gehen kann, führt aktuell das Schweizer Eishockey plastisch vor Augen, wo nach Aufstockungen der obersten Liga auf 14 Teams die Nationalliga B (Swiss League, 10 Mannschaften) vor dem sportlichen und finanziellen Kollaps steht! Traditionsklubs wie SC Langenthal oder EHC Winterthur überlegen sich einen Rückzug. Ähnlich könnte es im Fussball bald Thun, Xamax, Aarau, Bellinzona oder Schaffhausen ergehen.  

Die «Kleinen» Profiklubs schneiden sich ins eigene Fleisch

Leider haben Schweizer Klubvertreter, Journalisten und Fans in den letzten Jahren bei all den Diskussionen um eher kosmetische Modusfragen viel zu wenig Zeit investiert, um die viel tiefgreifenderen Folgen einer Ligaaufstockung ernsthaft und ganzheitlich zu analysieren. Hätten sie dies getan, hätten viele kleine Profiklubs mit der Ligaaufstockung nicht eine Idee unterstützen können, die ihnen selbst letztendlich am meisten schaden wird.

Der Köder für die «Kleinen» sind die zwei zusätzlichen Plätze in der Super League. Der dafür zu bezahlende Preis einer Schwächung der Challenge League ist aber viel zu gross! Denn die meisten dieser kleinen Teams werden weiterhin mehr Zeit in der Challenge League, als in der Super League verbringen. Für 24 Profiklubs im Eishockey und 22 im Fussball (insgesamt 46) ist die Schweiz wahrscheinlich zu klein. Dass die Grenze im Fussball wohl bei 20 liegt, wurde in einer früheren von der Swiss Football League in Auftrag gegebenen Studie bereits einmal festgestellt. Und bei 20 ist die Formel 10+10 ideal.

Erhöhung Challenge League-Anteil an zentralen TV- und Marketing-Geldern auf 30-40% jetzt eine Notwendigkeit!

Man kann nur hoffen, dass die Klubvertreter auch mit dem Beispiel des Eishockeys vor Augen den Fehler einsehen und mittelfristig zum erfolgreichen 10+10 zurückkehren. Ansonsten sind schmerzhafte Einschnitte bei Qualität, Nationalmannschaft, Zuschauerzahlen, Arbeitsplätzen, Wettbewerbsfähigkeit und Juniorenförderung unvermeidlich. Um den Super-GAU zu vermeiden, sollten die Super League-Klubs als kurzfristige Massnahme ihre Kollegen in der Challenge League dafür entschädigen, dass sie ihnen ihre zwei besten Teams und damit wichtige Einnahmen «klauen».

Als Kompensation muss daher der prozentuale Anteil der Challenge League-Klubs an den TV- und Marketing-Geldern der Swiss Football League möglichst rasch von aktuell rund 20% auf 30-40% erhöht werden! Den Super League-Klubs bricht damit kein wesentlicher Einnahmenblock weg. Zumal für die Super League der «Schottenmodus» kommerziell deutlich attraktiver ist, als der zuvor im Raum stehende «Playoff-Modus» mit weniger Spielen, verringerter Planbarkeit und erhöhter Langeweile während den 10 Monaten bis zu den Playoffs. Für die durch die Super League-Aufstockung benachteiligten Challenge League-Klubs wäre es hingegen eine willkommene Entlastung.

Züri Live-Artikel vom 10.Mai 2022: SWISS FOOTBALL LEAGUE – 23 GRÜNDE GEGEN LIGA-AUFSTOCKUNG UND PLAYOFFS

Wie üblich beginnen nach den ersten Super League-Runden die ersten Trainerdiskussionen in den Medien und bei anderen Beobachtern des Schweizer Fussballs. Diesmal ist wenig überraschend wieder mal der FC Zürich dran. Die journalistischen Beiträge zum Thema sind dabei nicht ungewohnt kein bisschen besser als die aktuellen Liga-Resultate des FCZ. In der letzten Rubrik „Am Ball mit Böni“ stellt dabei Andreas Böni (Blick) zwei Behauptungen auf:

  1. Der FCZ habe schon mal bei Sami Hyypiä „die ganze Saison gewartet“, bis er entlassen worden sei und sei dann (darum) abgestiegen.
  2. Franco Foda hätte sich ein Vorbild an Nationaltrainer Murat Yakin nehmen sollen. Dieser habe als Nachfolger von Vladimir Petkovic „alles ungefähr gleich gelassen“ und nicht „mit grossen Pröbeleien“ angefangen.

Yakin stellt alles auf den Kopf – Hyypiä lange besser als Challandes

Beides ist falsch. Mehr auf den Kopf stellen als Yakin kann man als neuer Nationaltrainer fast nicht. Viererabwehr statt Dreierabwehr, Umschaltfussball statt Ballbesitz, sehr variabel auf den Gegner abgestimmt statt immer gleich, Fabian Frei reaktiviert und genauso wie Aebischer und Okafor gegen Italien in der Startformation gebracht, Zeqiri und Lotomba neu mit dabei, Captain Xhaka zeitweise Links liegengelassen, mehrere Spieler, die auf anderen Positionen spielen, als im Verein oder zuvor mit der Nationalmannschaft… Möglich, dass Yakin sich gegenüber den Journalisten so verkauft hat, als würde er fast nichts ändern – um möglichst wenig Wellen zu schlagen. Aber die Aufgabe eines Sportjournalisten müsste dann schon sein, kurz nachzuprüfen, ob das auch stimmt.

Ähnlich schludrig die Aussage bezüglich Abstiegssaison des FCZ. Eine Trainerentlassung schon nach sechs Runden sei durchaus zu rechtfertigen, weil der FCZ in der Abstiegssaison damit zu lange gewartet habe. Böni vergisst dabei komplett, dass die FCZ-Saison 15/16 mit Urs Meier begann – und dieser schon nach vier Spielen (drei Ligarunden) gehen musste. Am Beginn der Abstiegs-Saga stand also eine äusserst frühe Trainerentlassung. Danach folgten Wochen der Übergangsphase bis der neue Trainer gefunden, verpflichtet und dann endlich in Zürich angekommen war. Und als dies der Fall war, brauchte die Mannschaft auch noch etwas Zeit, um sich auf Hyypiä einzustellen. Bis dahin war Ende Oktober. In dieser Übergangsphase rutschte man vom zwischenzeitlich 4. Rang auf den letzten Platz ab. Ab Ende Oktober ging es mit Hyypiä dann aber aufwärts. Bis Mitte April hatte die Mannschaft unter dem Finnen eine Bilanz von 8 Siegen / 5 Unentschieden / 4 Niederlagen. Deutlich besser als Meistertrainer Bernard Challandes‘ FCZ-Bilanz! Und man hatte nach Triumphen gegen YB, Thun und Sion den Cupfinal erreicht.

Knackpunkt im St. Jakob Park

So ziemlich alle Journalisten und Schweizer Fussballfreunde waren zu diesem Zeitpunkt sicher, dass der FCZ überm Berg sei. Am 10. April änderte Basel-Coach Urs Fischer aus Respekt vor seinem formstarken Stammklub ungewöhnlicherweise sogar sein Spielsystem. Es nützte nichts. Die Zürcher führten im St. Jakob Park bis zur 83. Minute nach Toren von Kerzhakov und Bua trotzdem mit 2:0. Dann unterlief Embolo rückwärtslaufend und eine Verletzung des Gegenspielers in Kauf nehmend im Zürcher Strafraum den zum Kopfball aufspringenden Alain Nef. Statt Stürmerfoul entschied Ref Fedayi San auf Penalty wegen „Aufstützens“ (VAR gab es damals noch nicht). Delgado versenkte diesen genauso wie er kurz danach in Unterzahl nach einer Unkonzentriertheit des eingewechselten Sangoné Sarr Birkir Bjarnason ideal zum tausendsten FCB-Super League-Tor bediente. Noch entscheidender: in der 54. Minute hatte Cédric Itten mit einer Attacke von hinten mit beiden Beinen gestreckt in der Luft den zentralen Zürcher Abwehrmann Sanchez à la Ulysses Garcia vs. Fabian Schubert regelrecht “umgeholzt“ (wurde nicht mal als Foul taxiert). Sanchez fiel mit einem Muskelfaserriss aus und die zuvor stabile Zürcher Defensive in einem zu jenem Zeitpunkt eher knappen Kader war aus dem Gleichgewicht.

FCZ-Fans beim 2:2 am 10.4.2016 im St. Jakob Park

Nach einem Punkt aus den Spielen gegen Luzern und GC folgten drei Niederlagen in Folge gegen YB, Thun und Basel. Der FCZ war immer noch auf dem 8. Platz, aber es wurden nun erste Stimmen nach einem erneuten Trainerwechsel laut. Dieser erfolgte eine Woche später nach der Heimniederlage gegen Lugano dann auch. Die von Böni nun retrospektiv herbeiphantasierte angeblich lange Phase der Erfolglosigkeit unter Hyypiä („die ganze Saison gewartet“) gab es nicht. Es lief lange Zeit sehr gut – bis zum abrupten Absturz Ende April / Anfang Mai. Man konnte allenfalls über eine Woche früher oder später diskutieren – mehr nicht.

Abstiegssaison 15/16 Paradebeispiel für vorschnelle Trainerentlassung

Uli Forte, nach Urs Meier, Massimo Rizzo und Sami Hyypiä der vierte Trainer der Abstiegssaison, stellte dann die Mannschaft im direkten Duell in St. Gallen katastrophal ein und auf. Und in Sion beging er einen taktischen Fehler, als er sein Team aus dem offenen Schlagabtausch zurückzog, um ein Unentschieden über die Zeit zu bringen, von dem von vornherein klar war, dass es dem FCZ wahrscheinlich nichts bringen wird. Die FCZ-Saison 15/16 ist somit das Paradebeispiel für einen zu schnellen, überhasteten und zudem unvorbereiteten Trainerwechsel, nicht für ein zu langes Festhalten am Trainer.

Die Vorgeschichte dazu war beinahe eine Kopie zur vorschnellen Entlassung von Urs Fischer dreieinhalb Jahre davor, aus der man nur teilweise die Lehren gezogen hatte. Fischers Team verpasste 10/11 in einer tollen Saison den Meistertitel nur um ein Pünktchen. In der folgenden Vorrunde gewann man zwar gegen Basel, YB und eines der Derbys mit 6:0, fokussierte sich ansonsten aber stärker auf die Champions League-Qualifikation (Ausscheiden gegen Bayern) und Europa League-Gruppenphase. Im Winter verliessen dann mit Rodriguez, Mehmedi, Djuric, Alphonse und Margairaz gleich fünf Leistungsträger den Klub. Gemessen am Aderlass präsentierte sich die Mannschaft nach Wiederbeginn überraschend gut. Die Ungeduld in der damaligen Vereinsführung überwog aber angesichts des Mittelfeldplatzes, weil man in der Saison davor noch um den Titel gespielt hatte.

Freistellung von Urs Meier: Parallelen zu Urs Fischer

Fast genauso bei Urs Meier: sein FCZ spielte 14/15 über Monate ganz vorne um den Titel mit. Dann folgte eine ziemlich einmalige Serie von widrigen Umständen – Gilles Yapi wurde von Sandro Wieser in Aarau vom Platz getreten. Burim Kukeli setzten die Folgen seines Beinbruches zu (überhartes Foul von Simon Grether in einem Testspiel fast zwei Jahre davor). Mehrere Stammspieler erlebten im Winter einen skandalträchtigen Afrika-Cup, von dem sie sich mental lange nicht erholten, und dann kam in der Rückrunde auch noch eine in den letzten zwei Jahrzehnten nie dagewesene Serie an Schiedsrichter-Fehlentscheiden gegen den FCZ hinzu. Dank des historisch einmaligen fünften Derbysieges der Saison hievte man sich trotz alledem noch auf den 3. Platz.

29.5.2015: Familie Chikhaoui verabschiedet sich nach dem 4:3-Derbysieg vom Letzigrund. Yassine war in der 65. Minute eingewechselt worden und lieferte in der 73. Minute den Assist zum Siegtreffer Amine Chermitis.

Im Sommer verliessen dann aber die Leistungsträger Elvedi, Chikhaoui, Rikan, Cico Rodriguez den Klub, genauso wie der frühere Nr. 1-Torhüter Piu Da Costa und Talent Dimitri Oberlin, der sich in den Sommer-Testspielen in überragender Verfassung präsentiert hatte. Der Fall „Fischer“ wiederholte sich: die Mannschaft startete leistungsmässig angesichts des Aderlasses eigentlich ganz gut, hätte nach Torchancen die Unentschieden ausgegangenen Auftaktpartien gegen YB und Vaduz gewinnen müssen und verlor im Derby in der 93. Minute gegen Källström, Caio, Dabbur, Tarashaj und Co.. Nach der vorhergehenden Saison zeitweise an der Tabellenspitze waren die Ansprüche aber offenbar in unrealistische Höhen gestiegen. Und Meier musste gehen.

Neuzugänge sind technisch besser

Wie stellt sich die heutige Situation im Vergleich zur Abstiegssaison dar? Identisch ist der Aspekt der weit überdurchschnittlichen Vorsaison an der Tabellenspitze (wie 10/11 und 14/15) – diesmal sogar mit Meistertitel am Ende. Ebenfalls ein wichtiger Faktor in allen drei Fällen ist der starke Fokus auf den Europacup bei Verein und Spielern. Wie sieht der Vergleich bezüglich Abgängen und Zugängen aus? Im Winter 11/12 und im Sommer vor der Saison 15/16 fand ein echter Aderlass statt. Die Qualität der Zugänge konnte mit der Qualität der Abgänge ganz fundamental nicht mithalten. Heute ist die Situation teilweise anders, teilweise gleich. Von der grundsätzlichen Qualität her sind die Zugänge mindestens gleich gut oder sogar eher besser, als die Abgänge.

Vor allem im technischen Bereich sind die Neuzugänge deutlich besser. Condé ist technisch besser als Doumbia und auch Okita als Ceesay. Zwischen Vyunnik und Santini auf der einen Seite und Kramer auf der anderen bestehen technisch Welten. Und sogar Selnaes ist technisch versierter als Leitner, weil er die präzisen Bälle viel schärfer spielen kann und auch deutlich gefährlicher schiesst. Einzig im Vergleich Avdijaj vs. Coric ist der letztjährige Spieler technisch überlegen – dies aber ohne dass Avdijaj diesbezüglich wirklich abfällt. Katic ist der einzige technisch etwas limitierte Neuzugang. Er ersetzt aber auch keinen Abgang, sondern kam als zusätzliche Alternative für die Innenverteidigung hinzu.

Einbussen in Sachen Speed

Wie sieht es in der Luft aus? Mit dem Kopfballspiel? Santini, Vyunnik und Katic konnten das schon, bevor sie zum FCZ kamen. Kramer war in diesem Bereich bis zum Schluss schmerzhaft zum Zuschauen. Leitner rannte sogar möglichst weit weg, wenn ein hoher Ball in seine Richtung kam. Ceesay und Gnonto konnten es lange Zeit auch nicht, bis sie es in der Meistersaison auf fast schon mirakulöse Art und Weise plötzlich gelernt haben. Die defensive Disziplin und Mitarbeit ist bei den Neuzugängen ebenfalls eher besser, als bei den Abgängen. Physisch haben Neuzugänge wie Condé, Vyunnik oder Santini ebenfalls insgesamt mehr auf dem Kasten, als die Abgänge. Von diesen war einzig Kramer wirklich kräftig und dieser setzte seine Muskeln eher ungeschickt ein. Man hatte immer wieder das Gefühl, er wäre mit seinen Voraussetzungen in anderen Sportarten erfolgreicher.

Erfahrung? Die ist bei den Neuzugängen ebenfalls grösser. Selnaes, Santini, Avdijaj und Co. haben mehr Länderspiele, Europacuppartien und Einsätze in Topligen auf dem Buckel. Selbst der junge Vyunnik hat schon mal Real Madrid auswärts in der Champions League geschlagen. Kramer kam von einem deutschen Viertligisten, Gnonto aus der Primavera, Doumbia aus der Challenge League, Ceesay von Lugano. Einzig im Bereich Speed hat man diesen Transfersommer Einbussen gemacht. Das war die grosse Stärke von Ceesay und Kramer. Doumbia ist auch nicht langsam. Daher macht es auch Sinn, dass Rohner nun im Sturm spielt. Wenn das Timing stimmt, dann haben Super League-Verteidiger genauso wie gegen Ceesay und Kramer kaum eine Chance gegen ihn.

Einen Ceesay „Ausgabe 21/22“ kann sich der FCZ auf dem Transfermarkt nicht leisten

Tosin und auch die Neuzugänge sind nicht in dieser Speed-Kategorie. Vor diesem Hintergrund ist auch verständlich, dass der FCZ seine Spielweise und Taktik umgestellt hat. Das Stärken-/Schwächen-Profil der Mannschaft hat sich verändert, und dementsprechend muss man natürlich auch die Spielweise und Taktik anpassen. Mehr Technik und weniger Speed spricht tatsächlich für einen dominanteren Fussball mit mehr Ballbesitz, wie ihn Foda zu implementieren versucht. Trotzdem hat die Mannschaft in dieser Saison bisher ihre besten Momente immer noch im Umschaltspiel, auch wenn das Ballbesitzspiel langsam Fortschritte macht.

7.8.2022: FCZ – Sion im Letzigrund

Bei all der grundsätzlichen Qualität, die bei den Neuzugängen vorhanden ist: entscheidend für die aktuelle Tabellen- und Stimmungslage ist natürlich, was sie aktuell in den letzten Wochen auf den Platz bringen – im Vergleich zu dem, was die Spieler über weite Strecken letzte Saison auf den Platz gebracht haben. Aktuell sind Selnaes und Santini läuferisch und vom Rhythmus her noch nicht auf Super League-Niveau angekommen. Okita muss nach dem anders gearteten holländischen Fussball sein Spiel umstellen und hat seinen Platz im Team noch nicht gefunden. Omeragic und Dzemaili kommen aus der x-ten Verletzungspause und machen Anfängerfehler. Die Mannschaft wird im Dreitagerhythmus rotiert, das Team hat sich in neuer Zusammensetzung, neuer Spielweise und neuem Trainer noch nicht ganz gefunden. Kramer erzielte in seiner ersten FCZ-Saison sein erstes Tor erst in der 12. Runde, obwohl er immer spielte. Ceesay schoss in den ersten drei Saisons ingesamt nur sechs Liga-Treffer. Aber den „Ceesay Ausgabe 21/22“, so jemanden kann sich der FCZ auf dem Transfermarkt nicht leisten.

Ab jetzt bewegt man sich auf dünnem Eis

Kann man Franco Foda mit Urs Meier vergleichen, dem Trainer, der Anfang Saison 15/16 nicht so überhastet hätte entlassen werden dürfen? Von der angestrebten Spielweise her ja, aber sonst ist einiges anders. Unter Meier waren die Resultate besser, die Spielweise souveräner und er machte weniger taktische Fehler, weil er Mannschaft und Liga gut kannte. Die taktischen Fehler machte Breitenreiter in der Vorrunde letzter Saison übrigens genauso wie Foda, nur ging das in den generell positiven Resultaten etwas unter. Die Tabellensituation ist schlimmer als 15/16. Nur dass der Letztplatzierte diesmal nicht direkt absteigt, und Winterthur einen schlechteren Saisonstart erwischt hat, als damals Vaduz oder Lugano, sind Hoffnungsschimmer. Aber auf beides kann man sich im Verlauf der Saison nicht verlassen.

Trainer Mario Frick hat zuletzt mit Vaduz und Luzern herausragende Rückrunden gespielt. Trotzdem stieg Vaduz ab und Luzern schaffte es nur noch auf den Barrage-Platz. In der FCZ-Abstiegssaison 15/16 war die Übergangsphase zwischen den Trainern Meier und Hyypiä von Anfang August bis Ende Oktober entscheidend für den Abstieg. Denn danach bewegte man sich trotz über weite Strecken guter Leistungen während der restlichen Saison auf dünnem Eis und ein einziger Riss genügte, um einzubrechen. Der FCZ ist von der Teamstruktur her seit vielen Jahren anders aufgestellt, als beispielsweise Luzern oder Vaduz. Einfach nur „kämpfen“ alleine reicht nicht, um den Klassenerhalt zu schaffen. Man muss unbedingt auch die Qualität der einzelnen Spieler in die Waagschale werfen können.

Fokus auf den Sonntag in Genf

Eines ist klar: die Tabellensituation ist dramatisch und die Spieler müssen sich ab jetzt mental auf den Abstiegskampf einstellen. Seit dem Wiederaufstieg hat man unter Forte, Magnin, Rizzo und Breitenreiter die Vorrunde immer mindestens auf dem 4. Platz abgeschlossen. Das wird diesmal nicht der Fall sein, Man kann nicht mehr länger mehrere ältere Spieler parallel in Ligaspielen „aufbauen“ und an den „Super League-Rhythmus heranführen / zurückführen“. Wahrscheinlich muss auch die Team-Hierarchie verändert werden. Nur läuferisch für Super League-Verhältnisse gute Spieler sollten auf dem Platz stehen – mit allerhöchstens einer Ausnahme.

Personell muss diese Woche der Servette-Match vom Sonntag Priorität haben. Es ist das letzte Liga-Spiel vor der Nati-Pause. Man trifft auf einen sehr formstarken Gegner, vor dem der FCZ aber trotzdem nicht gleich in Ehrfurcht erstarren muss. Von den aktuell formstärksten FCZ-Spielern sollten gegen Arsenal nur diejenigen spielen, denen dieser Auftritt nützt, um am Sonntag Bestleistung zeigen zu können. Wer von der für Servette vorgesehenen Startformation hingegen aufgrund seiner aktuellen mentalen und/oder physischen Konstitution aus dem Arsenal-Match etwas fehlende Frische in das Spiel in Genf mitnehmen könnte, sollte am Donnerstag auch nicht spielen. Zumindest nicht in der Startformation.

Wie ein Plan B aussehen müsste

Und natürlich muss die sportliche Leitung einen Plan B im Köcher haben. Auf der einen Seite ist es zwar verständlich, wenn man sich gerade in der Trainerfrage nicht damit beschäftigen will, denn nur schon sich ernsthaft mit Alternativen zu beschäftigen, kann das dringend nötige Vertrauen, das jeder Trainer braucht, untergraben. Auf der anderen Seite darf es im Fall der Fälle auf keinen Fall wieder so eine schädliche Übergangsphase geben wie in der Saison 15/16. Ein Coach, der während einer Saison kommt, sollte den Schweizer Fussball und wenn möglich den FCZ sehr gut kennen – und müsste zudem mit seiner Art von Fussball auch zum mittlerweile veränderten Profil der Zürcher Mannschaft passen.

Zum Thema: Super League ist keine Reha-Klinik: FCZ nach 14 Spielen unter Franco Foda

Der Liga-Saisonstart 22/23 des FCZ ist schlechter als in der Abstiegssaison 15/16. Damals hatte man nach sieben Runden fünf Punkte auf dem Konto, diesmal nur zwei – und noch keinen einzigen Sieg. Die Tabellensituation ist dramatisch. Man erinnere sich daran, wie viel Effort und herausragende Leistungen Luzern letzte Saison gebraucht hat, um es in dieser ausgeglichenen Liga zumindest noch auf den 9. Platz zu schaffen. Sitzt man mal so tief im Loch, kommt man selbst mit „ordentlichen Leistungen“ nirgendwo mehr hin. Denn die Konkurrenten punkten ebenfalls regelmässig.

Nach Expected Goals erst eine Niederlage in 14 Spielen

Allerdings: gemessen an den Expected Goals müsste der FC Zürich eigentlich zehn Punkte auf dem Konto haben! Die Expected Goals widerspiegeln die Leistung einer Mannschaft besser. Das Stimmungsbild wird aber natürlich von den tatsächlichen Resultaten geprägt. Die beiden Heimspiele zuletzt gegen Basel und Lugano hätten gemessen an den Torchancen jeweils mit einem 2:1-Sieg enden müssen. Und man wäre in der Champions League-Qualifikation mindestens eine Runde weitergekommen. Nur ein einziges von 14 Spielen hat der FC Zürich bisher nach Expected Goals verloren. Dies war das Heimspiel gegen Sion. Und selbst in dieser Partie war man eine Stunde klar überlegen und der Gegner hatte bis zur 56. Minute keine nennenswerte Torchance. Unterlegen war man nie, häufig das bessere Team. Im Gegensatz zu letzter Saison fehlt es vor allem an der Abschlusseffizienz. Und weil man im Verlaufe einer 2. Halbzeit aufgrund des fehlenden Torerfolges zunehmend Risiken eingeht, kassiert man weitere Gegentreffer.

FCZ Expected Goals und Goals Saisonstart 22/23

Ganz anders sieht es beispielsweise beim Stadtrivalen aus, der vor dem Derby gegen Winterthur neun statt nach Expected Goals nur drei Punkte auf dem Konto hat – und dann auch dieses dank grosser Effizienz gewinnt. GC hat diese Saison noch kein Liga-Spiel nach Erwarteten Toren gewonnen, aber trotzdem in den beiden Heimpartien gegen Lugano und St. Gallen jeweils Siege eingefahren – und auswärts ausser in Genf jeweils einen Punkt. GC war im Gegensatz zum Rest der Liga diesen Sommer auf dem Transfermarkt zurückhaltend bis fast schon inexistent. Auf dem Platz ist allerdings bis jetzt ein Realismus ersichtlich, der zumindest teilweise an den FCZ der letzten Saison erinnert. Ob das von aussen eher zerbrechlich wirkende Teamgefüge (geringe Kadertiefe, einige launische Spieler) aber wirklich halten wird, muss sich erst noch zeigen.

GC Expected Goals und Goals Saisonstart 22/23

Auch in der dritten Saison: mit Dzemaili weniger Punkte

Stichwort Transfersommer: es wurden an dieser Stelle in den letzten Wochen schon mehrmals die Vor- und Nachteile der FCZ-Tranferstrategie vor allem in Bezug auf die Personalen Selnaes und Santini erörtert. Beides sind Spieler mit gehobenen technischen Qualitäten, bei denen aber nach einem Jahr in Saudi-Arabien im Alter von 33 Jahren (Santini) beziehungsweise dreieinhalb (!) Jahren in China (Selnaes) unsicher ist, ob sie es nochmal auf das Niveau des Super League-Rhythmus schaffen, und wenn ja, wie lange das dauert. Erfahrene Verpflichtungen müssten eigentlich sofort helfen können. Der FCZ gibt stattdessen diesen Spielern die Plattform, um sich wieder an den europäischen Rhythmus heranzutasten. Früher hat man eine solche Plattform vielversprechenden jungen Spielern aus dem eigenen Nachwuchs gegeben.

Aktueller Stand: Santini ist immer noch weit entfernt von der in dieser Liga geforderten Spritzigkeit. Bei Selnaes könnte man sich hingegen vorstellen, dass er gegen Ende der Vorrunde (die im neuen Jahr startet) der Mannschaft langsam, aber sicher auch unter dem Strich helfen kann. Aber nur dann, wenn er nicht wie gegen Lugano mit Dzemaili gleichzeitig auf dem Platz steht. Die beiden sehr ähnlichen Spieler sind in den Zweikämpfen und in der Rückwärtsbewegung viel zu schwach für diese Liga. Man gibt im Spiel ohne Ball dem Gegner das Zentrum preis. Als gegen Lugano Condé für Dzemaili reinkam, stieg die Stabilität merklich. Dzemaili hat sowieso eine schlechte Bilanz. Wenn die FCZ-Legende auf dem Platz steht, holt die Mannschaft weniger Punkte. Das war in der Saison seiner Rückkehr 20/21 so, im Meisterjahr 21/22 ebenfalls, und es gilt genauso wieder für die aktuelle Saison 22/23.

Becir Omeragic defensiv haarsträubend

Auch der 36-jährige Dzemaili gehört zu den Spielern, die man nach einer seiner zahlreichen kleineren Verletzungen immer wieder „aufpäppeln“ muss. Genauso wie der schon seit Jahren fragile 16 Jahre jüngere Becir Omeragic, der defensiv in der Liga zur Zeit einfach nur schlecht spielt. Bis und mit dem Cupspiel in Cham hat er eine Defensivdurchschnittsnote von gerade mal 4,0. Selbst wenn man sich einzig auf die Gegentore in seinen bisherigen drei Liga-Einsätzen fokussiert, ist die Bilanz haarsträubend. In St. Gallen ist der Genfer mit zu zögerlichem Verhalten an beiden Gegentreffern wesentlich mitbeteiligt. Gegen Sion verursacht er das wegweisende erste Gegentor mit einem Ballverlust in der eigenen Hälfte und trottet beim dritten Gegentreffer wie ein “Baditschütteler“ in der Gegend herum, lässt die Walliser gewähren. Gegen Lugano schliesslich ist er erneut der Hauptverursacher des wegweisenden ersten Gegentreffers. Er vergisst, die Aussenseite zuzumachen und verliert (ohne Ball) das entscheidende Laufduell gegen Haile-Selassie (mit Ball) klar und deutlich. Bei der Entscheidung zum 1:2 wiederum versteckt er sich gedankenverloren hinter Mitspieler Boranijasevic und lässt seine zwei Verteidigerkollegen Kryeziu und Aliti im Strafraum gegen drei Luganesi in Unterzahl alleine zurück. Dass Omeragic in der aktuellen Saison einen über dem Durchschnitt liegenden Punkteschnitt hat (siehe Grafik oben), liegt in erster Linie daran, dass er in seinen wenigen Einsätzen in der noch jungen Saison überproportional in Cup und Europacup eingesetzt worden ist. Die drei Liga-Spiele mit ihm gingen allesamt verloren.

Dann Willy Gnonto: zwar bemüht, aber völlig ausser Form und scheinbar mit dem Kopf nicht 100% bei der Sache, erhielt in den letzten Wochen sehr viel Spielzeit – und Chancen. Die Mannschaft ist nicht stark genug, um so viele prominente Spieler auf der Suche nach ihrer Form (Selnaes, Santini, Dzemaili, Omeragic, Gnonto) mitschleppen und deren viele Unzulänglichkeiten kompensieren zu können. Keine Super League-Mannschaft könnte das. Letzte Saison war einzig Dzemaili so ein Fall. Er kam dabei aber nur in etwa der Hälfte der Spiele von Beginn weg zum Einsatz und hatte mit dem Jubiläumsspiel gegen Sion und dem Meisterspiel in Basel immerhin zwei Highlights dabei, wo er der Mannschaft wirklich helfen konnte. Nach Mannschaftsteilen betrachtet enttäuschten bisher die gelernten Stürmer im Kader (mit Ausnahme von Vyunnik) am meisten. Den Glauben an die eigenen Stürmer nicht zu verlieren, ist für dieses Team jetzt einer der wichtigsten Faktoren.

Super League ist keine Reha-Klinik

Von den anderen neuen Spielern im Team sind Bohdan Vyunnik und Cheick Condé eine klare Verstärkung. Donis Avdijaj und Jonathan Okita erinnern manchmal etwas an launische Ex-Spieler wie Kololli oder Mahi, die die Mannschaft nicht wirklich weiter brachten. Allerdings arbeiten Avdijaj und Okita defensiv mehr für die Mannschaft und haben insgesamt eine höhere Qualität. Gerade Okitas Potential ist gross, wenn er mal “ins Rollen kommt“ und noch etwas zielgerichteter agiert. Die neuste Neuverpflichtung Nikola Katic ist der Typ des grossgewachsenen, etwas ungelenken und im Antritt mit Problemen kämpfenden Innenverteidigers. Vorletzte Saison verpasste der Kroate aufgrund eines Kreuzbandrisses komplett. Der FCZ baut wohl darauf, dass er nach dem Wiederaufbau letzte Saison bei Hajduk in der Kroatischen Liga zum jetzigen Zeitpunkt wieder zurück in seine Verfassung vor der Verletzung kommen könnte. Und wenn man sich vorstellt, wie sich bei Standards das Trio Kryeziu / Mets / Katic gemeinsam in die gefährliche Zone begiebt, könnte das bei einigen Super League-Gegnern für Unruhe sorgen.

Das Trainerteam um Franco Foda muss nun dringend notwendige personelle Entscheidungen treffen. Die Super League ist keine Reha-Klinik. Von den Spielern, die Mühe mit dem Rhythmus haben, darf allerhöchstens einer gleichzeitig auf dem Platz stehen. Entscheidet man sich beispielsweise für Selnaes, dann müssen Omeragic, Dzemaili und Santini draussen bleiben. Und Katic sollte man nur einsetzen, wenn er sofort helfen kann. Noch einen Spieler, der erst aufgebaut werden muss, kann sich der FCZ nicht leisten. Die Grösse des Kaders ist grundsätzlich gut. Angesichts der Liste von „Fragezeichen“ im Team muss man aber sicherlich auch ein Auge auf die Optionen aus der U21 (Hodza, Janko, Reichmuth, Bajrami,…) haben.

Auf dem Weg zu einer neuen Team-Identität

Letzte Saison stellte sich in unserer Liga-Analyse heraus, dass Konstanz ein Erfolgsfaktor ist. In erster Linie im personellen Bereich, in zweiter Linie bezüglich Spielweise und in dritter Linie beim Spielsystem. Dies scheint sich in der aktuellen Saison weiter zu bestätigen. Sion beispielsweise tritt personell und taktisch deutlich konstanter als letzte Saison an, und spielt dementsprechend erfolgreicher. Der FCZ ist bezüglich aller drei Faktoren unkonstanter – mit dementsprechend deutlich schlechteren Resultaten. Wie letzte Saison eine Stammformation zu haben, würde dem FCZ grundsätzlich gut tun. Wie sehr dies aufgrund des Dreitage-Rhythmus tatsächlich sinnvoll und möglich ist, ist schwierig zu beurteilen, wenn man das Innenleben des Teams nicht im Detail kennt. Trainer von Teams, die in der gleichen Situation wie der FCZ sind, rotieren in der Regel ja ebenfalls relativ viel.

Bezüglich Spielsystem hat sich in den letzten Wochen eine gewisse Formation herausgebildet. In der Grundformation ein 3-4-1-2 wie letzte Saison, welches aber in vielen Spielsituationen gegen und auch mit dem Ball zu einem 3-4-3 wird – speziell wenn nicht hoch gepresst wird und mehr Breite erforderlich ist. Man praktiziert nicht mehr eine Manndeckung auf dem ganzen Platz wie unter Breitenreiter. Die Raumdeckung kann im negativen Fall dazu führen, dass die Mannschaft zu passiv wird. Breitenreiters Manndeckung hatte auch den Effekt, dass sie einige latent etwas lethargisch veranlagte Spieler dazu zwang, jede Zehntelssekunde des Spiels aufmerksam zu sein. Zuletzt war in den Details aber auch eine Entwicklung erkennbar. So sind neuerdings in Ballbesitz die drei Spieler in der vordersten Reihe mit Diagonalläufen viel in Bewegung. Tosin, Avdijaj, Vyunnik, Krasniqi, Marchesano, Okita und Co. tauchen mal zentral und dann wieder auf dem Flügel auf und machen dem Gegner Probleme, weil sich dessen Abwehrspieler ständig auf neue Situationen und Gegenspieler einstellen müssen.

Wechsel während dem Spiel – manchmal ist weniger mehr

In Sachen Höhe des Pressings agiert man je nach Gegner unterschiedlich. Manchmal zieht man sich zurück, manchmal greift man hoch an. In der Meistersaison war man sehr tief stehend gestartet, und versuchte dann im Laufe der Rückrunde zunehmend ins Pressing zu gehen. Die taktischen Wechsel während des Spiels unter Foda sind manchmal nützlich, manchmal aber auch kontraproduktiv – wie zuletzt die Umstellung auf Viererabwehr mit der Einwechslung Santini für Guerrero in der Schlussphase gegen Lugano. Der Wechsel brachte vor allem Fodas eigenes Team durcheinander und hatte einen wichtigen Anteil an der Niederlage. Schon zum Auftakt in Bern hatte Foda mit zu offensiven Wechseln die Balance im Team entscheidend gestört, was YB sofort ausnutzte. Auch bezüglich Spielweise und System tut Foda gut daran, die Identität des Teams noch mehr zu schärfen. Flexibilität ist gut, aber nur, wenn darunter ein Fundament vorhanden ist. Schritte in diese Richtung sind zuletzt getan worden, aber es ist noch nicht genug.

Zum Thema: Leistungsbilanz zum Saisonstart: Unkenrufe aus Österreich bewahrheiten sich nicht

FCZ in Rückrunde mit flexiblerer Spielweise – Saison-Analyse zum Start, Teil 1

Konstanz als Erfolgsfaktor in der Super League – Halbzeitanalyse, Teil 9

Nach der Vorrunde der letzten Saison wurde Konstanz als ein Erfolgsfaktor in der Super League eruiert. Dem vorherigen Serienmeister YB fehlte die Konstanz in personeller Hinsicht und dies wurde in der Rückrunde auch nicht mehr besser, da bei den Bernern in der Winterpause zu den Verletzungen zusätzlich Transfers von wichtigen Spielern hinzukamen. Der FCZ war in der Vorrunde sowohl bezüglich Personal, als auch der taktischen Formation und Spielweise konstant. Letzteres änderte sich im Verlauf der Rückrunde etwas. Das Pressing wurde verstärkt und in gewissen Partien hatte das Breitenreiter-Team mehr Ballbesitz, als noch in der Vorrunde. Über die gesamte Saison hinweg blieb man mit 46,5% die Mannschaft mit dem zweitkleinsten Ballbesitz hinter dem FC Sion. Der FC Zürich strafte damit diejenigen Experten lügen, die immer davon ausgingen, dass man mit wenig Ballbesitz zwar in einzelnen Spielen einen Exploit erreichen kann – aber nicht eine über 36 Runden dauernde Meisterschaft für sich entscheiden.

Croci-Tortis taktische Spielchen

Bezüglich Spielweise gab es über die ganze Saison hinweg im Vergleich mit der Vorrunde am meisten Änderungen. St. Gallen, Luzern und Lausanne wurden in der Rückrunde konstanter. Während Celestini (Luzern) und Borenovic (Lausanne) auf der Suche nach dem richtigen Rezept viel experimentierten, legten sich ihre Nachfolger Frick und Casanova viel stärker auf eine Spielweise fest und blieben dieser treu. Und Peter Zeidler kehrte nach verpatzter Herbstrunde mit seinem Team wieder stärker zu seinen Wurzeln zurück. Neben dem FCZ wurde auch bei Basel und Lugano die Spielweise in der Rückrunde volatiler. Beim FCB unter anderem bedingt durch den Trainerwechsel zu Guillermo Abascal. Luganos Mattia Croci-Torti experimentierte im Vorlauf zum Cupfinal relativ viel und schien in diesen Partien seinen Kontrahenten Zeidler auch etwas an der Nase herumführen zu wollen.

Was die taktische Formation betrifft, blieben neben Lugano auch Sion und Lausanne über die ganze Saison hinweg volatil beziehungsweise experimentierfreudig. Noch vor der Hälfte der Rückrunde switchte Lugano-Coach Croci-Torti aber auf ein 3-4-2-1 und GC-Coach Contini machte es ihm eine Runde später nach. Mit dieser Formation in der offensiven Phase spielte Croci-Torti dann auch den erfolgreichen Cupfinal. Dass gegen St. Gallen in der defensiven Phase ein 4-4-2 erfolgreich sein kann, hatte der taktisch die ganze Saison viel experimentierende Lugano-Trainer von Sion-Coach Tramezzani abgeschaut. Die beiden Spitzenteams YB und Basel haben beide den Trainer im Verlauf der Rückrunde ausgetauscht. Sie fingen an, ihr Spielsystem in Frage zu stellen und hatten so in diesem Bereich weniger Konstanz, als noch in der Vorrunde.

Luzern rettet sich unter Frick mit deutlich konstanterer Taktik und Spielweise

Die erfolgreiche Vorrunde des FCZ schien dabei einen Einfluss auf die Wahl der taktischen Formationen der gesamten Liga gehabt zu haben. In der Rückrunde gewann Breitenreiters 3-4-1-2 ligaweit an Popularität. Dies obwohl GC etwas davon abkam. Dafür wechselte Lausanne fix auf diese Formation und Sion, GC und Lugano verwendeten sie ebenfalls häufig. Insgesamt wurde in der Rückrunde 48 in dieser Formation aufgelaufen, vor dem 4-1-2-3 (4-3-3) mit 37 Aufstellungen sowie dem Rhombus-System 4-1-2-1-2. Auch über die ganze Saison hinweg war das 3-4-1-2 mit 76 Aufstellungen am populärsten in der Liga (am meisten eingesetzt durch den FCZ, GC und Lausanne-Sport).

Die Dreierabwehr erlebt schon seit einiger Zeit ein Revival. Pionier dieses Revivals in der Schweiz war vor etwas mehr als einem Jahrzehnt der spätere Nationalcoach Vladimir Petkovic als Trainer von Bellinzona und YB. Am zweitpopulärsten war in der Saison 21-22 in der Super League das 4-3-3 in der Form des 4-1-2-3. Servette setzte praktisch die ganze Saison auf dieses System, in der Rückrunde vermehrt auch wieder der FC St. Gallen (allerdings von der Spielweise her ganz anders interpretiert), dazu ebenfalls häufig Sion und Lugano. Luzern hatte in der Vorrunde sieben verschiedene Systeme gespielt. Mario Frick legte sich dann auf die Rhombus-Formation (4-1-2-1-2) fest und wich davon nur im letzten Spiel beim FCZ mit einem 4-2-3-1 ab. In der Vorrunde hatte St. Gallen vorwiegend im Rhombus gespielt. Luzern ist denn auch die einzige Mannschaft, die bezüglich Konstanz der Formation im Vergleich zur Hinrunde eine wesentliche Veränderung erlebt hat.

Nur Dzemaili für Krasniqi: grosse personelle FCZ-Konstanz auch in Rückrunde

Personell blieb der FCZ genauso wie Servette und Lugano auch in der Rückrunde konstant. Im Vergleich zur Elf der Vorrunde gab es über die ganze Saison hinweg nur eine Änderung: Blerim Dzemaili schaffte es an Stelle von Bledian Krasniqi in die Meisterelf der Saison. Sions personelle Konstanz nahm im Verlauf der Rückrunde zu, vor allem was die Stammelf betrifft – möglicherweise einer der Gründe, warum sich die Walliser noch haben retten können. Das Anfang Frühling sich beinahe schon in falscher Sicherheit wiegende GC, kam im Abstiegskampf noch einmal in Bedrängnis. Die personelle Konstanz wurde durch aus Trainersicht unnötige Wintertransfers vermindert. Dass stärkere personelle Volatilität in gewissen Fällen aber auch positive Auswirkungen haben kann, zeigt das Beispiel St. Gallen. Die Wintertransfers der Ostschweizer machten das Team stärker.