Wer hat sich nicht schon mal über einen Stadionspeaker aufgeregt oder auch gefreut? Jeder kennt ihre Stimmen, aber kaum jemand ihre Gesichter. Was darf ein Speaker eigentlich und was nicht? Gibt es Vorgaben und wie strikt muss man sich daran halten? Kennen sich die Super League-Stadionspeaker gegenseitig? Gibt es auch Speaker, die manchmal „fremdgehen“? Christof Arnold ist einer der vielseitigsten Sportspeaker der Schweiz. Ob Rugby, Baseball, Handball, Volleyball, Beach Soccer, Trail Running, Bike Downhill, Boxen, Fussball (FC Thun) oder Eishockey – keine Sportart ist vor ihm sicher. Der Zusammenschnitt stammt aus der Direktübertragung des ersten Spiels nach der Coronapause im Wankdorf (2:3-Niederlage nach zweimaliger Führung gegen YB), an Aktualität hat das Gesagte aber seither nicht verloren. Denn die Rede kommt auch auf spezielle Corona-Jobs (Herstellung von Desinfektionsmitteln in einer Gin-Destillerie) und die Unterschiede zwischen den Sportstädten Bern und Zürich.

Tabellensituation: für FCZ-Anhänger in 20/21 ein Déjà Vu. Wie immer seit dem Wiederaufstieg konnte man sich erst gegen Ende der Saison aus der Abstiegsgefahr retten. Alles wie gehabt? Nein, denn bezüglich Jugendförderung in der 1. Mannschaft hat der FCZ gleichzeitig einen brutalen Absturz erlebt. In der Magnin-Ära hatte man sich kontinuierlich wie schon zu Favre-Zeiten oder zu Beginn der Meier-Periode zum grössten Jugendförderer der Liga entwickelt. In der Saison «danach» fällt der Stadtclub nun aber auch in dieser Wertung abrupt zurück ins biedere «abstiegsgefährdete» Mittelfeld.  

Langzeitbetrachtung der „Big6“ seit der Saison 10/11

Dies ergibt das Update der im letzten Oktober gestarteten Auswertung der Einsatzminuten von U21-Spielern von Züri Live. Der Fokus liegt dabei auf der Langzeitbetrachtung seit der Saison 10/11 und den «Big6» des Schweizer Fussballs: GC, Basel, Servette, YB, FCZ und Lausanne-Sport. Diese sechs Klubs stammen aus den fünf grössten Städten der Schweiz (logischerweise zwei davon aus Zürich, welches doppelt so gross ist wie die zweitgrösste Stadt Genf) mit dem grössten Einzugsgebiet für Zuschauer und Talenten. Diese Klubs haben nicht nur in der obersten Liga am meisten Erfolge gefeiert, sondern über die Jahrzehnte hinweg auch am meisten Talente für die Schweizer Nationalmannschaften entwickelt. Die anderen Super League-Klubs werden in der Betrachtung der aktuellen Saison allerdings mit einbezogen. Gemessen wird einerseits die Gesamtzahl der Einsatzminuten aller U21-Spieler und andererseits der U21-Spieler, welche aus dem eigenen Nachwuchs stammen. Als U21-Spieler werden nach UEFA-Standard für die Saison 20/21 Fussballer mit Jahrgang 1999 und jünger bezeichnet. «Eigene Junioren» werden hier definiert als Talente, die mindestens in einem Juniorenteam des gleichen Vereins (bis und mit U18) gespielt haben.

Ist Massimo Rizzo kein Jugendförderer?

Nur weil ein Trainer in der Vergangenheit im Juniorenbereich aktiv war, heisst das noch lange nicht, dass er auch bei den Profis auf den Nachwuchs setzt. So tendiert beispielsweise der ehemalige FCZ-Nachwuchstrainer Urs Fischer eher dazu, auf Erfahrung zu setzen. Gilt dies also ebenso für Massimo Rizzo? Dies kann man nicht abschliessend beurteilen. Wenn Daten über mehrere Saisons vorliegen, sind klare Aussagen möglich. In einer einzelnen Saison können hingegen auch Sonderfaktoren wie Verletzungen oder schlechte Jahrgänge eine Rolle spielen. Oder wie beim FCZ, dass die viel eingesetzten Domgjoni, Rohner (und Tosin) als 98-er Jahrgang auf die Saison 20/21 hin aus der U21-Wertung herausgefallen sind. Die Frage stellt sich trotzdem, warum zuletzt zu wenig (gute) Talente aus dem Nachwuchs nachrücken konnten.  

Bei Peter Zeidler kriegt jeder seine Chance

Würde der FCZ die Jungen so forcieren, wie aktuell St. Gallen, dann wären auf jeden Fall sehr viel mehr aus dem eigenen Nachwuchs zum Einsatz gekommen. Die Ostschweizer stehen diese Saison an der Spitze der Juniorenförderungsrangliste mit dem Einsatz von nicht weniger als 14 U21-Spielern, davon neun aus dem eigenen Nachwuchs. Und dies obwohl die Ostschweizer immer noch eine deutlich kleinere Anzahl an Spitzentalenten hervorbringen, als der FCZ und alle anderen Klubs der «Big6». Peter Zeidler setzte wirklich jeden ein, der auch nur im Entferntesten ein gewisses Potential für den Profibereich mitbringt.

GC und Lausanne bisher deutlich besser als ihr Ruf

Die beiden Klubs mit ausländischen Besitzern, GC und Lausanne, werden mit dem Vorurteil oder der Befürchtung verbunden, sich zu wenig um die Nachwuchsentwicklung zu kümmern. Genau das Gegenteil scheint aber der Fall zu sein. Fosun-GC und Ineos-Lausanne Sport stehen an der Spitze bei der Anzahl eingesetzter U21-Spieler. Und: sogar bezüglich der Einsatzminuten von Junioren aus dem eigenen Nachwuchs liegt GC 20/21 an dritter und Lausanne an vierter Position der elf untersuchten Teams (Super League plus Aufsteiger) – auch wenn dieser Indikator sowohl bei Lausanne wie auch bei GC in der letzten Saison gesunken ist. Bei den Hoppers waren es 20/21 vor allem Petar Pusic, Fabio Fehr, Giotto Morandi und Robin Kalem, die forciert wurden – bei Lausanne Gabriel Barès, Marc Tsoungui, Isaac Schmidt oder Josias Lukembila. Die Top 4 in beiden Wertungen mit GC, Lausanne und St. Gallen wird komplettiert durch den FC Luzern mit Ugrinic, Burch, Emini… Der FCL hat zuletzt ein, zwei sehr gute Jahrgänge hervorgebracht. Ob sich die Innerschweizer im Jugendbereich dauerhaft auf diesem hohen Niveau werden halten können, wird sich in den kommenden Jahren zeigen.  

Serienmeister YB Schlusslicht in der Juniorenförderung,…

Schlusslicht bezüglich Einsatzminuten und Anzahl eingesetzter junger Spieler ist YB. Der Erfolg wirft in einer oberflächlichen Betrachtung seinen Glanz auf alle Aspekte und Elemente in einem Verein. So erhält man beim Konsumieren der deutschschweizer Sportmedien den Eindruck, YB sei der grosse Juniorenförderer – diese Saison vor allem mit Stories über den Debütanten Fabian Rieder. Komplett unter geht dabei, dass bei den Bernern 20/21 neben Rieder mit Felix Mambimbi nur ein einziger weiterer U21-Spieler regelmässig zu Liga-Einsätzen kam. Nico Maier und Joshua Neuenschwander hatten auch noch ein bisschen Einsatzzeit. Insgesamt ganze vier Spieler in einer Saison! Trotz souveräner Führung in der Tabelle. Selbst Lugano oder Vaduz setzten mehr junge Spieler ein und gaben ihnen auch mehr Spielzeit. Bei den gegen den Abstieg kämpfenden Liechtensteinern konnten sich sechs junge Spieler in der Super League-Saison beweisen, bei Lugano neun, beim bezüglich Juniorenförderung stark unterschätzten Sion gar zehn. Und dies ist kein Zufall oder ein Ausnahmejahr. Seit Christoph Spycher als Sportchef übernommen hat, rasselte die unter Vorgänger Fredy Bickel vorbildliche Integration des eigenen Nachwuchses in der 1. Mannschaft in den Keller. Und dies obwohl parallel die Juniorenteams der YB Academy unter Ernst Graf als zuständigem Verwaltungsrat immer erfolgreicher wurden.

…und gleichzeitig in der Ausbildung mittlerweile mit an der Spitze

In den beiden wichtigsten Juniorenkategorien (U18 und U16) stand YB am Ende der Saison 20/21 an der Spitze – und die Reserve-Mannschaft (U21) stieg in die Promotion League auf. Sie komplettiert nun also das maximal erlaubte Quartett an U21-Teams auf dieser Stufe mit dem FCB, FCZ und Sion. Nur wenn einer dieser vier absteigt, darf ab jetzt ein anderes U21-Team aufsteigen. Nachdem YB II in den letzten Jahren den Aufstieg jeweils knapp (unter anderem in den Playoffs) verpasst hatte, klappte es nun in einer verkürzten Saison mit einem kurzfristig angepassten Modus ohne Playoffs, in welcher am Ende die U21-Teams gegenüber den Amateurteams klar bevorteilt waren, weil sie in einer kurzfristig organisierten U21-Runde in der COVID-Pause im Spielrhythmus hatten bleiben können.

Mancher Super League-Trainer nähme einzelne YB U21-Spieler mit Handkuss

In jedem anderen Super League-Klub wären einige Spieler aus der YB U21 bereits vor Monaten zu ihren ersten Einsätzen im Profibereich gekommen. Peter Zeidler hätte gar die halbe Mannschaft bei sich integriert. Denn diese Jungs sind im Schnitt talentierter, als diejenigen, welche der Deutsche Coach aus dem Ostschweizer Nachwuchs (von einzelnen Ausnahmen wie Alessio Besio abgesehen) zur Verfügung hat. Ein Kwadwo Duah, Linus Obexer, Elia Alessandrini, Léo Seydoux, Yannick Touré, Samuel Kasongo oder Breston Malula hätten unter einem Sportchef und Kaderplaner wie Fredy Bickel in den letzten Jahren sicherlich gute bis sehr gute Chancen auf einen Stammplatz in der Super League-Mannschaft von YB gehabt. Und beispielsweise ein Shkelqim Vladi, Jonathan De Donno, Mischa Eberhard, Benjamin Kabeya oder Markus Wenger aus dem aktuellen U21-Team würden fest zum Kader gehören. Sie mussten / wollten sich nun aber alle anderweitig orientieren, oder werden erst mal wieder ausgeliehen.

FCB: abrupter Kurswechsel mitten in der Ära Burgener

Beim FC Basel wurde in den ersten zwei Jahren der Ära Burgener der eigene Anspruch des stärkeren Einbaus von eigenen Junioren voll erfüllt, die Kurve stieg steil an und bereits in der Saison 18/19 war der FCB unter den «Big6» diesbezüglich auf der Spitzenposition. Die letzten zwei Saison zeigte der Trend dann aber wieder klar in die entgegengesetzte Richtung. Die Einsatzminuten eigener Junioren nahmen trotz gleichzeitigem Sparkurs wieder stark ab. Ganz allgemein ist erstaunlich, dass trotz COVID-Zeiten und knapper Budgets mehrere Klubs in der Saison 20/21 deutlich weniger eigene Junioren eingesetzt haben, als in den Saisons davor. Von den sechs grossen Schweizer Vereinen hatten nur Servette und YB eine leichte Steigerung zu verzeichnen – allerdings beide von einem sehr tiefen Niveau ausgehend. Bei den Genfern lässt sich ein ähnlicher Trend wie bei den Bernern feststellen. Mit der Übernahme des Vereins durch Kreise um die Hans Wilsdorf Stiftung kehrte Ruhe in den Verein ein, man baute Stück für Stück eine erfolgreiche Mannschaft auf – und die Juniorenförderung in der 1. Mannschaft ging gleichzeitig den Bach runter.

Ist André Breitenreiter ein Jugendförderer?

Stand heute beschränkt sich das Kontingent an U21-Spielern aus dem eigenen Nachwuchs im Kader der kommenden Saison beim FCZ auf Bledian Krasniqi, Stephan Seiler, Henri Koide, Nils Reichmuth, Silvan Wallner und dem Dritten Goalie Gianni De Nitti. Kommt noch ein Kedus Haile-Selassie hinzu? Lenny Janko? Oder gar ein Fabian Gloor? Der neue Trainer André Breitenreiter betreute mit Hannover und Paderborn die ältesten Teams ihrer damaligen Ligen. Dazwischen hatte er bei Schalke eine Saison lang ein junges und unfassbar talentiertes Team aus der «Knappenschmiede» zur Verfügung. Leon Goretzka (damals 20), Leroy Sané (19) oder Max Meyer (19) spielten regelmässig, während Thilo Kehrer (18) und Alexander Nübel (18) unter Breitenreiter in der Liga nicht zum Einsatz kamen. Kann er das Ruder in Richtung stärkerer Jugendförderung beim FCZ wie zu Favres oder Magnins Zeiten wieder herumreissen? Denn über das letzte Jahrzehnt betrachtet liegt der FCZ unter den „Big6“ immer noch klar an der Spitze bezüglich Einsatzminuten und Anteil von U21-Spielern aus dem eigenen Nachwuchs.

Von den zehn letzten Absteigern (Vaduz und FCZ ausgenommen) schieden gemäss Statistik von Züri Live-Experte Toni Gassmann die Hälfte in der Abstiegssaison früh gegen einen Unterklassigen aus dem Cup aus.

Toni Gassmann auf Züri Live zur Cup-Statistik der Super League-Absteiger

Frage der Woche: Ist das frühe Cup-Ausscheiden gegen einen Unterklassigen für den FCZ Ausgabe 20/21 ein schlechtes Omen?

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Gegen YB kommt der grössere Teil des Kaders der 1. Mannschaft direkt aus der Quarantäne wieder auf den Platz zurück. Trotzdem ist nicht ausgeschlossen, dass es auf dem Matchblatt den ein oder anderen Platz frei hat für Spieler, die sich in Basel empfehlen konnten.

Frage zum Spiel: Welche der in Basel eingesetzten U21/U18-Spieler würdest Du gerne bis Ende Saison nochmal spielen sehen? (mehrere Antworten möglich)

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Wie schon in früheren Begegnungen gegen den gleichen Gegner bekundete der FCZ in der 1. Cuprunde bei Black Stars (2:1) Mühe und kam in erster Linie dank den Standards von Denis Popovic (direkt verwandelter Eckball, Nathan köpft Freistoss ins Netz) weiter. Dies obwohl das Letzigrund-Team in den ersten 20 Minuten stark beginnt. Dann nehmen Popovic und Omeragic die Sache einen Moment lang zu locker, Black Stars nutzt die Möglichkeit sofort hoch zu attackieren, Andris Vanins kommt unter Druck und Gomes profitiert zum 1:1-Ausgleich. Von diesem Moment an kehrt die Partie, die Basler glauben an ihre Chance und für den FCZ wird der Schweizer Cup schon früh zum Überlebenskampf.

So wichtig seine Standards sind, aus dem Spiel heraus gelingt Mittelfeldspieler Denis Popovic wenig. Toni Domgjoni hingegen beginnt schlecht. Trainer Ludovic Magnin wird gegenüber seinem ehemaligen U18-Captain früh laut. Dieser reagiert auf den Weckruf vorbildlich, und zeigt in der Folge eine sehr konstante Leistung auf gutem Niveau.

Die personelle Situation beim FCZ ist vor dem Duell in Bern gegen die Young Boys so angespannt wie seit Jahren nicht mehr. Auf die Ersatzbank nachnominiert werden fast ausschliesslich junge Spieler, die noch nie in einem Wettbewerbsspiel für die 1. Mannschaft aufgelaufen sind. Mit Matteo Di Giusto und Ilan Sauter kommen zwei Spieler, die erst gerade im Begriff sind, sich mit der Reserve an das Niveau der Promotion League heranzutasten, früher als geplant nach der Halbzeitpause zu ihrem Début. Diese Situation in Verbindung mit früheren Erfahrungen im Wankdorf haben das Zürcher Trainerteam zu einer aussergewöhnlichen taktischen Aufstellung animiert: 5-2-1-2. Normalerweise hat jedes Team zwei hauptsächliche Defensivlinien – den Mittelfeldriegel und den Abwehrriegel. Der FCZ verzichtet hingegen in Bern in der ersten halben Stunde auf einen Mittelfeldriegel und verteidigt nur mit insgesamt sieben Mann. Marchesano, Kramer und Ceesay machen kaum den Versuch, die Berner Angriffe zu stoppen, sondern bewegen sich von Anfang an in den Rücken des Berner Ballführenden in den Bereich der Mittellinie und warten dort auf Konterchancen.

Die Idee ist einleuchtend. Man geht davon aus, dass in Bern nur eine Chance auf Punkte besteht, wenn man 1:0 in Führung geht und nimmt daher von Beginn weg Risiko. Diese 1:0-Führung soll zudem wenn möglich in der 1. Halbzeit fallen, wenn noch kein „Rookie“ auf dem Platz steht. Die höchsten Erfolgschancen auf den Führungstreffer erhofft man sich von Konterattacken. Darum zieht man sich zurück, lässt YB kommen und betraut drei Spieler mit der ausschliesslichen Aufgabe, das 1:0 per Konter so früh wie möglich zu erzielen. Es entwickelt sich das vom FCZ erwartete Spiel. Man überlässt YB den Ball. Die Berner können mit Ball am Fuss kreuz und quer in der Gegend herumspazieren und bis vor den Zürcher Strafraum vordringen. Da der dortige verstärkte 5 Mann-Abwehrriegel des FCZ aber hält, kommen die Berner trotz klarer Ballbesitzhoheit zu kaum einer Torchance. Stürmer Jean-Pierre Nsamé ist so abgeschnitten vom Berner Spiel, dass er sich in seinem Bedürfnis, auch mal den Ball in die eigenen Füsse zu erhalten, mehrmals ins Mittelfeld zurückfallen lässt, was der Franzose sonst nicht tut.

Die beste Torchance der ersten halben Stunde hat nicht YB, sondern die Gäste aus Zürich mit einem durch Von Ballmoos gut parierten Hammerschuss von Toni Domgjoni in der 25. Minute. Die meisten Dinge laufen für den FCZ also nach Plan, aber etwas Entscheidendes spielt sich nicht wie gewünscht ab: die drei Stürmer machen zu wenig aus ihren Freiheiten und suchen bei den Konterangriffen nicht schnell und direkt genug die Tiefe. Dies trifft vor allem auf Antonio Marchesano und Assan Ceesay zu. Blaz Kramer wiederum ist in den ersten halben Stunde abgesehen von einer knapp verpassten Kopfballchance nach Flanke des stärksten Zürchers Kharabadze (zur Pause verletzungsbedingt ausgewechselt) praktisch unsichtbar. In mehreren Aktionen kann zudem auf Berner Seite speziell Nicolas Bürgy mit ungeahndeten klaren Foulspielen, zum Teil direkt vor der Nase von Schiedsrichter Stephan Klossner, vielversprechende Zürcher Angriffe stoppen. Auf der anderen Seite pfeift Klossner dann in der 28. Minute ein viel weniger gravierendes Zupfen von Ceesay als Foulspiel ab, und dies erst nachdem in der Folge davon YB den Ball verloren hatte. Der daraus resultierende Freistoss Gianluca Gaudinos ist die erste gute YB-Chance und diese verwertet Christian Fassnacht auch gleich per Kopf zum 1:0.

Mit der Berner Führung kann der FCZ nicht mehr in gleicher Weise auf seine Kontertaktik bauen und angesichts der drei Stürmer, die ihren Job offensichtlich nicht wie gewünscht zu erledigen im Stande sind, macht diese sowieso nicht mehr viel Sinn. Eine Minute später stellt Ludovic Magnin daher auf ein 4-1-4-1 um, mit dem als Rechter Innenverteidiger startenden Simon Sohm als Sechser und Blaz Kramer auf dem Rechten sowie Antonio Marchesano auf dem Linken Flügel. Kramer benötigt eine Minute, um die Umstellung mitzubekommen und muss von Nathan nochmal speziell darauf hingewiesen werden. Die Ballbesitzverhältnisse gleichen sich daraufhin sofort aus und dies bleibt für das ganze zweite Drittel der Partie so. Der zur Pause eingewechselte Débutant Matteo Di Giusto macht seine Sache auf dem Rechten Flügel gut, währenddem hingegen Ilan Sauter als Linksverteidiger (eine Position, die er auch in der U21 ab und zu spielt) mit der Qualität seiner Gegenspieler etliche Mühe bekundet. Eine Reihe von gravierenden Fehlentscheiden von Ref Klossner zusammen mit der Doppeleinwechslung von Moumi und Aebischer in der 66. Minute sorgen dann nach rund einer Stunde für die Entscheidung. Die letzten 20 Minuten sind aus Zürcher Sicht nur noch eine Qual. YB, das im Hinblick auf das kapitale Champions League-Qualifikationsspiel in Belgrad gegen den FCZ eine Dreierabwehr und Neuverpflichtung Frederik Sörensen vom 1. FC Köln getestet hat, muss in dieser Phase des Spiels keine Kräfte mehr verpuffen.

Die Personalnot verschärft sich in der darauffolgenden Nationalmannschaftspause durch die verschiedentlichen Aufgebote in die Landesauswahlen noch zusätzlich. Beim Testspiel in Schaffhausen (1:1) tritt der FCZ daher mit einer verstärkten U21 an. Nur noch Schönbächler, Marchesano, Kololli und Kramer sind aus dem engeren Kreis der 1. Mannschaft dabei. Und nachdem Kenith Catari angeschlagen vom Feld muss, kommt Ersatztorhüter Novem Baumann für die letzten zehn Minuten als Rechter Flügelspieler auf den Platz und erspielt sich dabei sogar zwei Torchancen. Beim 40 Jahr-Jubiläum von Üetlibergnachbar Wettswil-Bonstetten (1:1) drei Tage später müssen gar die vier U18-Spieler Andi Hoti, Diego Corvalan, Silvan Wallner und Kedus Haile-Selassie gleich nach ihrem 5:0-Meisterschaftssieg gegen Thun im Heerenschürli auf die andere Seite der Stadt verfrachtet werden, um die 1. Mannschaft etwas mehr als eine Stunde später im Test genauso zu unterstützen, wie die überzähligen Marvin Graf, Doriano Tanzillo, Arlind Dakaj, Osman Hadzikic und Yann Kasai aus der parallel spielenden U21. Goalietrainer Davide Taini wurde diesmal als Ersatzkeeper geführt. Mit diesen zehn Notverstärkungen ergänzend zu Nathan, Marchesano, Schönbächler und Kololli (Kramer hatte sich in der Zwischenzeit auch noch verletzt) kamen so insgesamt 14 Akteure zusammen, die mithalfen, das Jubiläum des Erstligisten in einem auf 2×35 Minuten verkürzten Auftritt vor zahlreichen Zuschauern nicht ins Wasser fallen zu lassen.

Eine Woche später in Wil sind zum Cup-Achtelfinal die (Junioren-)Nationalspieler wieder zurück und Pa Modou gibt auf der Linksverteidigerposition aufgrund des verletzungsbedingten Ausfalles von Levan Kharabadze wohl etwas früher als geplant sein Comeback – und erzielt das entscheidende 2:1 per Kopf, nachdem Kololli einen weiteren stark getretenen Popovic-Eckball am entfernten Pfosten vor den Fünfmeterraum lenkt. Der in der Zwischenzeit zusätzlich verpflichtete Aiyegun Tosin ist hingegen noch nicht dabei. Der FC Wil agiert lange Zeit mindestens ebenbürtig. Schönbächler trifft in der 36. Minute wie aus dem Nichts zum 1:1. Die Führung der Äbtestädter erzielt nach einer Viertelstunde der ehemalige GC-Junior Valon Fazliu vor dem FCZ-Anhang. Entscheidend in der Vorbereitung des Führungstreffers ist der junge FCZ-Leihspieler Bledian Krasniqi, der sich auf der linken Seite mit Mut, Entschlossenheit und viel Ballgefühl gegen Popovic und Bangura durchsetzt. Ausgangspunkt des Wiler Konters ist einer von mehreren unnötigen Ballverlusten Benjamin Kolollis.

Denis Popovic zeigt insgesamt im Vergleich zu den letzten Partien gegen allerdings in vielerlei Bereichen auch noch relativ unerfahrene Ostschweizer eine Steigerung. Allerdings erreicht trotz des Sieges kein Spieler eine höhere Note als „6“ auf einer Skala von 1-10.

 

Hier gehts zu Teil 1:Bitte keine Überzahl!“

Hier gehts zu Teil 3: „Simon Sohm erobert Stammplatz“

Auf zuerilive.ch begann die Saison mit einer Neuerung: die Analyse der Spiele wurde nochmal stark ausgebaut und rund 20-30-minütige Videopodcasts zu jedem Spiel produziert. Dieses Setting musste nach der fünften Partie gegen St. Gallen aus Zeitgründen vorläufig wieder aufgegeben werden. Auch wenn es im Dezember nach dem 0:5 zu Hause gegen Servette nochmal zu einem weiteren Video-Podcast kam. Dank dem spontanen Entscheid im Sommer konnten Erfahrungen mit dem Format gesammelt werden. Klar ist: neben den üblichen Vorschauen, Live-Übertragungen, Interviews, Audio-Zusammenschnitten der Spiele, Analyse-Artikeln, Pre-Match Artikel zu den Aufstellungen, News, allgemeinen Themen, Testspielen, Organisation etc. auch noch zu jedem Spiel einen Video-Podcast zu erstellen, würde das Projekt Züri Live praktisch zu einem full-time Job machen, was es im ersten Monat der Saison dann auch war.

Für die Zukunft ist als realistischere Variante angedacht: eine monatliche oder zweimonatliche Gesprächsrunde in Form einer Live-Sendung, welche danach sowohl als Audio-Podcast wie (unterlegt mit Statistiken und Bildern) auch als Video-Podcast publiziert wird. Zum Ende der Hinrunde und zu Beginn der Rückrunde wurden die Spiele dann wieder im Detail analysiert und wie in den letzten Jahren üblich Analyse-Artikel publiziert. Dazwischen gab es aber 14 Wettbewerbsspiele, die aus Zeitgründen nicht analyisiert werden konnten. Diese Lücke in den Züri Live-Daten soll nun geschlossen werden, bevor es mit Fussball wieder weitergeht. Erinnert Euch somit nochmal zurück an die verschiedenen Phasen der Vorrunde und die Entwicklung des Teams…

Durch neu verpflichtete Spielertypen wie Mimoun Mahi, Blaz Kramer oder Denis Popovic verschob sich das Stärken-/Schwächen-Profil des Teams noch mehr in Richtung „Kontermannschaft“, was sich im Verlauf des heissen Sommers unter anderem in den Testspielen exemplarisch zeigte. Mehr denn je hatte der FCZ nun eine Mannschaft, deren Offensivleute im Spiel mit dem Ball Platz brauchen. Den fanden Kramer in der Regionalliga und Mahi in der Eredivisie, wo die Teams der unteren Tabellenhälfte im Vergleich zur Super League defensiv nur mässig gut organisiert auftreten, zur Genüge vor. Popovic hatte bereits in Orenburg in einer erfolgreichen Kontermannschaft gespielt. Ähnlich wie Antonio Marchesano kann der Slowene als Ballverteiler in so einem Team aufblühen. Gegen ein Offensiv-Pressing gegen kompakt agierende Gegner sprach zudem die eher niedrig entwickelte Laufstärke der Zürcher Offensivreihe.

Mit Nathan kam nach den Abgängen von Alain Nef und Andreas Maxsö ein Mentalitätsspieler für die Innenverteidigung. Ein weiterer Innenverteidiger wurde nicht verpflichtet, weil der FCZ grosse Stücke auf das ein Jahr zuvor verpflichtete Talent Becir Omeragic hält und somit das Quartett zusammen mit Umaru Bangura und Mirlind Kryeziu komplett war. Dass Willie Britto „erst“ mit 22 Jahren den Weg aus der Ivorischen Liga nach Europa zum FCZ fand, zeigt, dass er nie zu den grossen Talenten seines Landes gezählt hatte. Dafür bringt er viel Wucht in seinen Aktionen und einiges an Abgeklärtheit mit. Mit der Verpflichtung des spielerisch starken Vasilije Janjicic wollte man mit einer Rückholaktion auch einmal selbst von der eigenen Ausbildung profitieren und solche Spieler nicht immer nur der Konkurrenz überlassen. „Hilfreich“ waren dabei sicherlich die Schlagzeilen, die Janjicic in Hamburg neben dem Platz geliefert hatte. Damit wurde er im Gegensatz zu anderen FCZ-Talenten im Ausland für den Stadtclub erschwinglich und der Spieler selbst empfand die Rückkehr zum FCZ als einen persönlichen Schritt nach vorne.

Ganz entgegen der Erkenntnisse aus den Testspielen lief der FCZ dann aber im ersten Saisonspiel im Letzigrund gegen Lugano bei brütender Hitze den Gegner hoch an. Speziell Denis Popovic, welcher nicht die ganze Vorbereitung hatte mitmachen können, rückte jeweils zu spät auf seine Position, was die konterstarken Tessiner (Schlussresultat: 0:4) jeweils gnadenlos ausnutzten. Erschwerend kam hinzu, dass das speziell bei diesen Temperaturen wichtige erste Tor aufgrund eines unrechtmässigen Penaltys (Schwalbe Sabbatini) zustande gekommen war. Beim zweiten Spiel in Luzern (0:0) stand der FCZ deutlich tiefer als in der ersten Partie und kam auf diese Art und Weise einem Auswärtssieg nahe. Der FCZ hielt dabei gegen einen Gegner, mit dessen physischen Qualitäten man in den letzten Jahren häufig Probleme gehabt hatte, kämpferisch gut dagegen und liess kaum eine gegnerische Torchance zu. Drei erfolgsversprechende Umschaltsituationen wurden von Ref Klossner wegen angeblicher Foulspiele zu Unrecht unterbunden – und Marco Schönbächler blieb mit einem tollen Weitschuss der Lucky Punch knapp verwehrt.

In Sion (1:3) erhielt der FCZ beim Stand von 1:1 in der 71. Minute die Chance zum 2:1-Führungstreffer, aber der in der Vergangenheit über die Sion U21 den Sprung in den Profifussball schaffende Benjamin Kololli verschoss den (eher glücklich zugesprochenen) Penalty. Auch von der anschliessenden numerischen Überzahl (Unsportlichkeit des den Penalty „verursachenden“ Abdellaoui) konnte der FCZ nicht profitieren – im Gegenteil. Die Zürcher suchten aufgrund der Überzahl den Auswärtssieg zu hektisch-überhastet und verloren so die Partie durch zwei Treffer des ehemaligen GC-Juniors Kasami.  Gegen Xamax (2:2) hatte der FCZ genau wie in Sion numerische Überzahl und die besseren Torchancen. Schönbächler erzielte zudem zum ersten Mal seit einem Jahr wieder einmal ein Tor. Man vergab aber kurz vor Schluss durch ein „Tor des Jahres“ von Gaëtan Karlen die drei Punkte – auch weil (durch Mimoun Mahi) wie in Sion erneut ein Penalty verschossen wurde. Gegen das von seiner Spielweise her dem FCZ liegende St. Gallen kommt es im fünften Spiel dann zum ersten Saisonsieg (2:1). Böse Zungen behaupten, dass dieser nur zustande kam, weil Zürich nach dem Platzverweis des übermotivierten ehemaligen FCZ-Juniors Miro Muheim (der beim „Rückspiel“ vor der Winterpause zudem den frühen Führungstreffer des Stadtclubs ins eigene Netz ablenkte) nicht lange in Überzahl spielen „musste“, weil kurz darauf Mirlind Kryeziu ebenfalls Gelb-Rot sah. Vor allem aber vermochte man sich gegen den hoch pressenden Gegner gut hintenheraus zu lösen und dann die sich auftuenden Räume mit erfolgreichen Kontern zu nutzen.

 

Hier gehts zu Teil 2: „Not macht erfinderisch“

Hier gehts zu Teil 3: „Simon Sohm erobert Stammplatz“

Bei der für heute angesetzten, aber verschobenen Generalversammlung der Swiss Football League steht neben dem kurzfristig brennenden Thema der weiteren Form und Ausgestaltung der Meisterschaft 2019-20 (weitere Unterbrechung? Geisterspiele? Verkürzte Meisterschaft 2020-21?) auch ein langfristig entscheidendes Thema auf der Traktandenliste, die sogenannte «Ligareform». Über dieses Thema wurde in verschiedenen Medienformaten geschrieben und diskutiert – allerdings in der Regel eher oberflächlich. Die Diskussionen kreisten vorwiegend um zwar interessante, aber letztendlich sekundäre Fragen wie den Spielmodus. Für den Schweizer Fussball viel einschneidendere Themen bezüglich Auswirkungen auf Nachwuchsförderung, Zuschauerzahlen, Einnahmen und Arbeitsplätze blieben zumindest in der medialen Rezeption bisher weitgehend aussen vor.

Dies liegt unter anderem an der starken Fokussierung der Aufmerksamkeit auf die Super League. Viele Kommentatoren kennen fast nur die oberste Spielklasse und sind sich nicht bewusst, wie stark Profifussball, Spitzenamateurfussball, Nachwuchsförderung und Infrastrukturentwicklung mittlerweile miteinander vernetzt sind. Auch die grosse Bedeutung der Challenge League für das ausdifferenzierte, evolutionär gewachsene Gesamtgebilde wird nicht wahrgenommen. Die Swiss Football League und der SFV haben dabei über die letzten Jahrzehnte die Latte in allen Bereichen immer höher gelegt. Profifussball, Spitzenamateurfussball, Nachwuchsförderung und Infrastruktur wurden so alle auf ein deutlich höheres Niveau gehoben. Die Kunst bestand dabei immer darin, die richtige Balance zu finden. Zu tiefe Anforderungen = kein Fortschritt. Zu hohe Anforderungen = die Klubs kollabieren. Die Klubs wurden und werden dabei „ausgepresst wie eine Zitrone“ – durchaus zum Wohle des Schweizer Fussballs. Der Grat ist schmal. Schon eine oberflächlich betrachtet kleine Ligareform kann deshalb das System zum Kippen bringen.

Wer sich mit einem Thema wie der Ligareform beschäftigt, kommt nicht umhin, sich mit Zahlen auseinanderzusetzen. Denn diese entscheiden schlussendlich darüber, ob eine sich vordergründig gut anhörende Idee auch in der Realität Sinn macht. Die Schweiz hat rund 8 Mio Einwohner und 2 Mio Zuschauer pro Jahr in den Super League-Stadien. Das bedeutet: umgerechnet geht jeder vierte Schweizer einmal pro Jahr in ein Super League-Stadion. Zum Vergleich: Deutschland hat 80 Mio Einwohner und 13 Mio Zuschauer pro Jahr in den Bundesliga-Stadien. Jeder sechste Deutsche geht also einmal pro Jahr zu einem Spiel der Bundesliga ins Stadion – weniger als in der Schweiz! Und dies obwohl in Bundesligastadien Weltstars wie Robert Lewandowski oder Erling Haaland zu bestaunen sind – und gleichzeitig in der Super League nicht einmal die besten Schweizer Spieler in Aktion zu sehen sind.

Mit anderen Worten: die Zuschauerzahlen sind in der Schweiz gemessen an der Bevölkerungszahl seit der Einführung der 10-er Liga 2003 tendenziell eher am oberen Rand des Möglichen. Damals sind die Zuschauerzahlen geradezu explodiert – auf durchschnittlich 10’400. So viele gab es in der höchsten Schweizer Liga zuvor noch nie auch nur annäherungsweise. Die 12-er Liga von 1987-2003 hatte eine durchschnittliche Zuschauerzahl von 6’500 – und dies obwohl die Eintrittspreise damals auch inflationsbereinigt deutlich tiefer waren. Das Eishockey ist mit ebenfalls 2 Mio Zuschauern pro Jahr in der National League eine zusätzliche Konkurrenz, wohingegen in Deutschland keine andere Sportart auch nur annähernd an die 13 Mio im Fussball herankommt.

Die Zuschauerzahl ist die lebenswichtige Kerngrösse für den Schweizer Profifussball. Denn neben der im internationalen Vergleich hohen Bedeutung der direkten Zuschauereinnahmen, sind auch die indirekten Einnahmen wie Sponsoring und TV-Gelder letztendlich von der öffentlichen Aufmerksamkeit abhängig, für welche die Zuschauerzahl im Stadion ein entscheidender Indikator ist. Von dieser Kerngrösse hängt schlussendlich unter anderem ab, wie viele Mittel für die Nachwuchsförderung, vom Klub mitfinanzierte Infrastrukturen, Sicherheitsanforderungen oder allfällige Zuschüsse für die Frauenfussball-Abteilung zur Verfügung stehen. Bei einer im Vergleich zu heute deutlich sinkenden Zuschauerzahl würde es zudem schwierig bis unmöglich, Fussballpersönlichkeiten wie Fabian Lustenberger, Guillaume Hoarau oder Valentin Stocker in einem leistungsfähigen Alter in die Liga (zurück) zu holen oder einen Kevin Rüegg, Silvan Hefti oder Eray Cömert so lange in der Schweiz zu halten, wie dies jetzt noch der Fall ist. Darum sollte man sich sehr gut überlegen, ob man auf eine Ligagrösse aufstocken will, die in den 90er-Jahren 38% und in den 70er-Jahren gar 44% weniger Zuschauer in die Stadien gelockt hatte!

In Österreich wurde der Schritt von der 10-er auf eine 12-er Liga 2018 vollzogen. Die Bilanz nach der ersten Saison ist ernüchternd: der Zuschauerschnitt liegt mit 6’400 tiefer als der langfristige Schnitt der 10er-Liga. Und dies obwohl gleichzeitig der Wiener Grossklub Austria auf Anfang Saison sein frisch umgebautes Stadion neu eröffnete und dadurch einen Zuschauerzuwachs von beinahe 50% verzeichnete! Ohne den «Austria-Effekt» wäre der Schnitt mit Einführung der 12er-Liga gar auf eine 5’000er-Zahl gesunken! Ausserdem hatte kurz zuvor „Publikumsmagnet“ Rapid ebenfalls nach langem Warten sein neues Stadion eröffnet. In der laufenden Saison 2019-20 haben sich die Zuschauerzahlen zudem nochmal reduziert – obwohl Österreichische Klubs dank vieler guter Trainer aus der ‘’Salzburger Schule’’ im Europacup so gut abschneiden wie schon lange nicht mehr. Historisch haben die Zuschauerzahlen in der Österreichischen Bundesliga bei Ligareduktionen immer zugenommen und bei Ligaaufstockungen abgenommen! Dass in Österreich trotzdem eine Aufstockung der beiden höchsten Ligen zum Thema wurde, hatte wesentlich damit zu tun, dass unser östliches Nachbarland in ihrer Bundesliga den angepeilten Sprung über die 10’000er-Marke im Gegensatz zur Schweiz nicht geschafft hat. Es war ein bewusster Schritt zurück, aus «Notwendigkeit» und man ist sich der negativen Konsequenzen bewusst.

Auch in der Challenge League hat der Zuschauerschnitt durch die Ligareduktion von einer 18er- über eine 16er- zur 10er-Liga um 36% von 1’400 auf 1’900 zugenommen. In Österreich zeigt sich in der 2. Liga dasselbe Bild: mit der Reduktion von 12 auf 10 Teams wurde 2010 ein Zuschaueranstieg bewirkt. Durch die Wiederaufstockung auf 16 Teams im Sommer 2018 ist hingegen fast die Hälfte der Besucherzahlen weggebrochen! Im neuen Format mit 16 Mannschaften hatte die 2. Liga Österreichs 2018-19 gerade mal noch 929 Besucher im Schnitt – Aufbruchstimmung sieht anders aus.

Besonders interessant für die zur Disposition stehende Variante (12+10 statt 10+10) ist der Vergleich mit Fällen, wo es eine Aufstockung der obersten Liga bei gleichzeitiger Beibehaltung der Anzahl Mannschaften in der zweitobersten Spielklasse gegeben hat. Der am meisten vergleichbare Fall ist Dänemark 2016, wo die oberste Liga von 12 auf 14 Teams aufgestockt wurde, während die zweithöchste Spielklasse bei 12 Mannschaften blieb. Das Resultat? Starker Zuschauerrückgang in beiden Ligen (-18% bzw. -10%)! Das gleiche Bild in Österreich 1982, als die oberste Liga von 10 auf 16 Teams aufgestockt wurde und die 2. Liga bei 16 Mannschaften verblieb. Der Rückgang der Zuschauerzahlen war im Oberhaus mit -29% dramatisch, in der zweithöchsten Spielklasse wars gar noch schlimmer: -34%!

Durch die Aufstockung der obersten Spielklasse wird die Attraktivität beider Ligen reduziert und das Niveau verwässert. Die 2. Liga verliert ihre Zugpferde nach oben und bekommt in aller Regel weniger attraktive Klubs aus der dritthöchsten Liga hinzu. Das Resultat ist ein Zuschauerrückgang, welcher in der Challenge League wohl den Profibetrieb in Frage stellen und potentiell hunderte von Arbeitsplätzen (Fussballer, Staff, Administration, Nachwuchstrainer) gefährden würde. Die Challenge League braucht Klubs wie GC, Lausanne, Xamax, Servette oder auch mal einen FCZ, FC Sion oder FC St. Gallen. Und den jeweiligen Traditionsklubs hat der Abstieg bisher, so schmerzhaft er im ersten Moment war, noch jedes Mal gut getan. In der Regel ging dem Abstieg jedes Mal ein jahrelanges Kränkeln in der höchsten Liga voraus. Unten angekommen stellte sich der Klub neu auf und kam besser aufgestellt wieder zurück. In den 80er-Jahren sind letztmals Vereine permanent im Amateurfussball verschwunden. Seither haben selbst konkursite NLA-/Super League-Klubs alle wieder den Weg zurück nach oben gefunden. Die Erfolgsstories von FCB, YB oder Servette starteten im Unterhaus. Ausserdem ist ein Abstieg immer auch eine Chance für den jeweils aktuellen Jahrgang an Talenten, sich in der Challenge League schneller durchsetzen und etablieren können. So gehörten unter anderem Michael Lang (mit St. Gallen), Loris Benito (Aarau) oder Kevin Rüegg (FCZ) zu den «Profiteuren» des Abstieges ihrer Klubs.

Die Vergleichsgrössen aus Dänemark und Österreich deuten klar darauf hin, dass durch eine Aufstockung der Super League um zwei Teams die Zuschauerzahlen sowohl in der Super League wie auch in der Challenge League sinken werden. Um wie viel Prozent wird dies aber der Fall sein? Dies hängt sicherlich auch von den klubspezifischen Gegebenheiten ab. Deshalb macht als zusätzliche Entscheidungshilfe eine klubbasierte detaillierte Analyse Sinn. Als Basis werden für jedes Heimteam die zuletzt erzielten (durchschnittlichen) Zuschauerzahlen pro Gegner genommen. Ganz rechts in der ganz am Ende des Artikels angehängten vollständigen Tabelle sind die entsprechenden Zahlen für die zur Zeit auf den ersten beiden Plätzen der Challenge League stehenden Lausanne-Sport und Vaduz aufgeführt. Um auf die voraussichtliche Zuschauerzahl pro Heimteam in einer 12er-Liga zu kommen, werden aber nicht die Zahlen von Lausanne und Vaduz verwendet, sondern stattdessen diejenigen von zwei vergleichbaren Auswärtsteams (in der Regel Xamax und Lugano) doppelt gezählt. Denn die Zahlen von Lausanne und Vaduz liegen schon relativ weit zurück und geben daher nur begrenzt die aktuelle Situation wieder. So waren die Zuschauerzahlen in Bern damals generell gegen alle Gegner um rund 10’000 tiefer und in Basel wiederum deutlich höher. Das Resultat der Berechnung: der Zuschauerschnitt pro Gegner würde in der Super League mit einer Aufstockung um zwei Teams per se um etwa 2% zurückgehen. Die totale Zuschauerzahl könnte allerdings in Abhängigkeit des Modus und der Anzahl gespielter Runden noch stärker sinken.

Was wäre nun aber die Auswirkung einer Aufstockung der Super League auf die Zuschauerzahlen in der Challenge League? Wie schon in den «Real life»-Beispielen Dänemark und Österreich gesehen, bewirkte eine Ligaaufstockung der obersten Spielklasse in der zweithöchsten Liga einen Zuschauerrückgang in mindestens ähnlichem Rahmen. Unser Rechenbeispiel zeigt nun, dass eine Ligaaufstockung der Super League die Challenge League am härtesten treffen würde! Es wird davon ausgegangen, dass Yverdon und Rapperswil-Jona die zweithöchste Liga von unten her aufstocken. Bezüglich Teams, welche nach oben wegbrechen würden, wurden zwei Varianten berechnet: 1) Lausanne + Vaduz, 2) Lausanne + GC. Im ersten Fall würde die Challenge League 12% tiefere Zuschauerzahlen schreiben, im zweiten gar 33%! Im Schnitt kann man also von etwa 20% weniger Zuschauern in der Challenge League ausgehen, wenn die Super League auf 12 Teams aufgestockt würde. Auf der anderen Seite wären bei einer Beibehaltung von 10+10 bei einem gelegentlichen Abstieg von Teams wie Luzern, St. Gallen oder FCZ (hat gegen die jetzigen Challenge League-Teams einen Auswärtsschnitt von mehr als 5’500 Fans) die Zuschauerzahlen in gewissen Saisons noch höher als heute. Die Challenge League lebt von ihren Zugpferden.

Von den in der Grösse mit der Schweiz vergleichbaren europäischen Ländern mit 5,5 bis 12 Millionen Einwohnern hatte nur in Belgien (35% Einwohner mehr als die Schweiz) die 2. Liga 2018-19 einen höheren Zuschauerschnitt. Und dies obwohl in den meisten der aufgeführten Länder der Fussball im Gegensatz zur Schweiz die klare Nummer 1 ist. So kommt in unserem Land die Swiss League (2. Liga Eishockey) mit 1’800 Zuschauern pro Partie nahe an die Challenge League heran – die totale Zuschauerzahl pro Saison ist gar höher. Belgien hatte 2018-2019 neben der höheren Einwohnerzahl aufgrund der noch kleineren Liga (acht Teams!) und der Teilnahme von Mechelen (Zuschauerschnitt: 13’500) einen deutlich höheren Zuschauerschnitt. In der Saison 2019-20 (wieder ohne Mechelen) liegt der Schnitt bei 2’900.

Dank dem Faktor, dass in der Schweiz die Teams nr. 11-20 in der Challenge League spielen, ist es auch eine sportlich starke Liga. Es ist bereits elf Jahre her, seit das letzte Mal ein Aufsteiger in die Super League in der darauffolgenden Saison gleich wieder abgestiegen ist. Im Europacup engagierte Challenge League-Teams haben mehr überzeugt als gewisse Super League-Teilnehmer in derselben Saison. Der FC Zürich hielt als Challenge League-ist beide Partien gegen das damalige Spanische Spitzenteam Villarreal ausgeglichen. Lausanne-Sport vermochte das Russische Spitzenteam Lokomotive Moskau auszuschalten und die Gruppenphase zu erreichen. Auch in internationalen Testspielen zeigen Schweizer Zweitligisten gegen Erst- und Zweitligisten anderer Länder gute Leistungen und Resultate. Jungstürmer Dan Ndoye wechselt direkt aus der Challenge League zum Französischen Spitzenteam Nizza, Bryan Okoh zu Salzburg, Simone Grippo und Oliver Buff gingen zu Real Zaragoza, Ivan Kecojevic zu Cadiz oder Marin Cavar zu Chievo Verona. In der Ausbildung der Schweizer Spitzenjunioren gibt es in verschiedenen Bereichen (unter anderem physische Aspekte) Nachholbedarf. Die grössere Erfahrung auf Profistufe von Schweizer Challenge League-Stammspielern ist hingegen im Vergleich mit den Altersgenossen aus anderen Ländern ein grosser Vorteil! Dies fällt bei internationalen Vergleichen auf U19-, U20- und teilweise gar U21-Stufe sofort ins Auge. Die Schweizer Spieler haben diesbezüglich einen Vorsprung, der wesentlich dazu beiträgt, dass überdurchschnittlich viele in der Schweiz ausgebildete Spieler den Sprung in eine Top 5-Liga schaffen.

Die relativ hohe Qualität machte die Challenge League in der jüngeren Vergangenheit zudem zu einem entscheidenden Karriereschritt für mehr als einen Drittel der aktuellen Schweizer Nationalmannschaft! Wer es mit 17 oder 18 Jahren zum Stammspieler in der aktuellen Challenge League schafft, hat sehr gute Aussichten auf eine Top-Karriere. Und wie die Beispiele Jonas Omlin und Christian Fassnacht zeigen, kann auch ein Durchbruch in der Challenge League mit 21 oder 22 Jahren noch den Weg ins Nationalteam ebnen. Auch in der aktuellen Saison kamen mehrere potentielle künftige Nationalspieler in der Challenge League zum Einsatz. Talente mit Qualität werden in allen Challenge League-Mannschaften regelmässig eingesetzt und einige übernehmen gar eine tragende Rolle. Und dies unabhängig von der Tabellenposition – auch Klubs, die um den Aufstieg oder Abstieg kämpfen, setzen konsequent auf Junge. Denn erfahrene Spieler von der gleichen Qualität können sich Challenge League-Klubs in der Regel gar nicht leisten. Die hier zur Illustration zusammengestellte Liste von Top Challenge League-Talenten ist ein Ausschnitt und erhebt keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit.

Da die Talente in der Challenge League gut gefordert und gefördert werden, haben YB, FCB, FCZ, Servette, Lugano, St. Gallen, Luzern, Xamax und Sion hoffnungsvolle junge Spieler in diese Liga ausgeliehen oder geben sie fix ab. GC, Lausanne, Aarau oder Winterthur haben selbst eine starke Spitzenjunioren-Academy, aus welcher sie Talente nachziehen. Würde die Challenge League ihren Profistatus verlieren, dann könnten die Schweizer Spitzenklubs ihre Talente nicht mehr mit gutem Gewissen in diese Liga verleihen, weil die Trainingsbedingungen und das Spielniveau nicht mehr genügen würden. Die Talente würden entweder in ihrem entscheidenden Schritt vor dem Sprung in die Super League gestoppt, oder sie müssten im Ausland eine Lösung suchen. Dies wäre verheerend.

In eine völlig falsche Richtung würde daher auch der Ruf nach einer Zulassung von U21/U23-Teams in der zweitobersten Liga gehen. Erstens wäre dies der definitive Sargnagel für den Profistatus der Liga, denn die Zuschauerzahlen würden so noch deutlich stärker in die Tiefe rasseln, als bereits mit einer Aufstockung. Zweitens zeugt die Forderung von einer einseitigen, parteiischen Sichtweise einzelner Grossklubs und ist nicht im Sinne des gesamten Schweizer Fussballes. Der Sprung von der zweithöchsten in die höchste Liga wäre sowohl für Talente wie auch für die Klubs zu gross. Die finanziellen Bedingungen wären so schlecht, dass ein Super League-ist nach einem Abstieg in noch viel grössere Schwierigkeiten geraten würde als heute schon – und den Profibetrieb möglicherweise einstellen müsste. Dies kann nicht im Sinne einer gesunden Durchlässigkeit des Schweizer Ligasystems sein.

U23-Teams würden sowieso nur wenige in dieser zweithöchsten Liga spielen. Beispielsweise Basel, Sion und FCZ, die heute in der Promotion League aktiv sind. Die Talente der anderen Klubs könnten die zweithöchste Liga als Sprungbrett nicht mehr nutzen, weil die Bedingungen bei allen anderen teilnehmenden Teams nicht mehr professionell wären. Das Niveau dieser aufgestockten Liga wäre zwischen der heutigen Challenge League und der heutigen Promotion League anzusiedeln. Selbst in der heutigen Promotion League müssen sich aber die Reserve-Teams von Sion und FCZ mit externen Spielern verstärken, um die Liga halten zu können. So spielt beispielsweise beim FCZ der ehemalige Thuner ‘’Champions League-Held’’ José Gonçalves und der aus Deutschland zurückgeholte 24-jährige Stürmer Shpetim Sulejmani sorgt für die Tore, welche die eigenen Junioren nicht zu schiessen im Stande sind. Basel ist der einzige Klub der Schweiz, der sich fast ausschliesslich mit 18- bis 20-jährigen Spielern aktuell in der Promotion League halten kann. In einer allfälligen zweithöchsten Liga würden das aber selbst die Rotblauen nicht mehr schaffen, und müssten ebenfalls ältere Verstärkungsspieler verpflichten. Wohin dies führt, kann man gut in Deutschland beobachten. Klubs wie Bayer Leverkusen oder Eintracht Frankfurt haben ihre U23 mittlerweile zurückgezogen und viele andere Klubs denken ernsthaft darüber nach. Denn die U23-Teams sind häufig voll von «gestrandeten» Ex-Profis oder Spitzenamateurfussballern, die durchaus mithelfen können, das U23-Team eines Bundesligisten in der Regionalliga zu halten, gleichzeitig aber null Perspektiven auf eine Bundesligakarriere haben. Die wirklich talentierten eigenen Junioren versuchen hingegen meist, falls der Sprung ins Bundesliga-Team nicht direkt gelingt, den Weg über die 2. Bundesliga oder eine Erste Liga in einem Nachbarland zu machen. Es bringt auch dem FC Basel mehr, einen Yves Kaiser oder Konstantinos Dimitriou in eine starke Challenge League ausleihen zu können, statt mit einem mit älteren Spielern verstärkten Reserve-Team in einer qualitativ verwässerten zweithöchsten Liga mithalten zu versuchen.

Schon heute ist es zudem so, dass U21-Teams, die in der 1. Liga engagiert sind, nicht mit aller Kraft in die Promotion League aufsteigen wollen. Denn in der vierthöchsten Spielklasse können diese Klubs mit reinen Juniorenteams spielen und sich auch erlauben, regelmässig 16- oder 17-jährige Talente wie Samuel Kasongo (YB), Bung Tsai Freimann (Luzern), Armin Abaz (St. Gallen) oder Marvin Keller (GC) einzusetzen – was in der viel anspruchsvolleren Promotion League meist nicht möglich wäre. Vor diesem Hintergrund gar Reserve-Teams in der zweithöchsten Liga zu fordern, macht überhaupt keinen Sinn. Ein Klub kann letztendlich nicht auf jeder Stufe ein Team haben: 2. Liga Inter, 1. Liga, Promotion League, Challenge League, Super League. Daher muss so oder so für jeden Entwicklungsschritt eines Talentes eine individuelle Lösung gefunden werden. Entscheidend ist, dass alle Stufen in der Schweiz vorhanden und abgedeckt sind. Dies würde mit einer Aufstockung der Super League auf 12 Teams und erst recht mit einer Aufstockung der Challenge League (unter anderem mit U23-Teams) zunichte gemacht, weil dann die kompetitive zweithöchste Profistufe wegbrechen würde.

Es wäre unter diesen Voraussetzungen zudem auch schwer vorstellbar, wie ein Klub der zweithöchsten Spielklasse in der Schweiz im Juniorenspitzenfussball noch eine U18 oder gar U21 betreiben könnte. Daher, wenn es eine Änderung geben sollte, muss die Tendenz eher dahin gehen, dass die U21-Teams wieder strikter zu echten U21-Teams werden. Beispielsweise könnten die maximal erlaubten Einsätze für Spieler über dem U21-Alter auf zwei pro Saison beschränkt werden. Damit wäre sichergestellt, dass die Stammformation nur aus Talenten besteht – und gleichzeitig immer noch sich nach einer Verletzung im Aufbau befindliche Profis durch zwei Einsätze in der U21 wieder in den Rhythmus spielen könnten. Die Folge wäre, dass in der aktuellen Situation Sion und der FCZ auf allen Positionen regelmässig Junge einsetzen und möglicherweise in die 1. Liga absteigen würden. Die Anhebung des Alters auf U23 wäre kontraproduktiv. Wenn das U21-Alter vorbei ist, ist der Schritt in eine 1. Mannschaft – auf welcher Stufe auch immer – absolut angebracht. Dies wäre auch fairer und gesünder den Spielern, der Challenge League und den Spitzenamateurteams gegenüber.

Die Leihen und Transfers von Super League-Talenten in die Challenge League haben sich in letzter Zeit zudem stark verbessert. In der Vergangenheit war ab und zu das Problem, dass der Super League-ist seine Toptalente im Klub behalten und eher auf der Kippe stehende Talente in die Challenge League verliehen hat. Das Resultat: die auf der Kippe stehenden Talente waren häufig auch nicht gut genug für die Challenge League, und die Toptalente bekamen gleichzeitig zu wenig Spielpraxis auf gutem Niveau. Heute werden viel häufiger Talente, welche durchaus (vorwiegend auf der Ersatzbank) auf dem Super League-Matchblatt stehen könnten, in die Challenge League verliehen und die auf der Kippe stehenden Talente deutlich schneller fix in die Challenge League oder anderswohin abgegeben. Die Toptalente erhalten dank ihrer Qualität viel Spielzeit in der Challenge League. Die auf der Kippe stehenden Talente haben bessere Voraussetzungen für ihren nächsten Schritt, weil es sich für ihren künftigen Klub lohnt, in ihre Entwicklung, ihr Selbstvertrauen und die Verbesserung ihrer Defizite zu investieren. Auf diese Weise haben alle mehr von der Sache: der Super League-Klub, der Challenge League-Klub und nicht zuletzt auch der Spieler selbst.

Für die Entwicklung der Top-Talente ist es nicht nur wichtig, auf möglichst hohem Niveau zu spielen, sondern auch, dass es in den Spielen um viel geht. Im Titelkampf oder Abstiegskampf lernen sie am meisten und entwickeln sich auch als Persönlichkeiten. Beispielsweise spielte der früh von einer Verletzung wieder zurückgekehrte Kevin Rüegg eine sehr wichtige Rolle im zwischenzeitlichen Abstiegskampf des FC Zürich letzten Frühling. Bei Xamax war es unter anderem Kemal Ademi, der mit seiner Mentalität sein Team in den entscheidenden Partien gegen den Abstieg mitriss. Den FC St. Gallen haben vor allem die jungen Spieler an die Super League-Spitze gerannt, gespielt und geschossen. Trainer setzen auf junge Spieler, wenn sie das Gefühl haben, dass sie diesen auch in entscheidenden Momenten vertrauen können. Junge Spieler hingegen, welche nicht in der Lage sind, in solchen Situationen über sich hinauszuwachsen, haben sowieso keine echte Zukunftsperspektive im Profifussball.

Ebenso macht es keinen Sinn, die Super League aufzustocken, damit einzelne Klubs möglicherweise etwas mehr «Ruhe» und «Planungssicherheit» erhalten könnten. Wenn etwas die Zuschauer fasziniert und in die Stadien zieht, so ist es neben dem Titelkampf der Existenzkampf gegen den Abstieg. Das sind die Spiele, wo die Maladière in Neuenburg gegen Aarau seit langer Zeit wieder einmal mit 12’000 Zuschauern ausverkauft ist, oder wo in der Abstiegssaison des FCZ erst der Kybunpark komplett voll ist und anschliessend 16’000 Nasen FCZ gegen Vaduz im Letzigrund sehen wollen. Ja, ein Abstieg soll schwierig und schmerzhaft sein – sonst würde es ja niemanden interessieren. Profifussball ist Teil der Unterhaltungsbranche und da sind Unvorhergesehenes und schlaflose Nächte für die Klubführung der Normalzustand. Und für die Spieler ist es eine Chance, an der Aufgabe zu wachsen.

Weitere Argumente, welche gegen eine Aufstockung sprechen, sind die geringeren Einnahmen pro Klub aus dem TV-Geld und anderen zentralen Einnahmequellen und die zu kleine Anzahl Super League-tauglicher Stadien. Häufig wird vergessen, dass aktuell in Lausanne kein zusätzliches Super League-taugliches Stadion hinzukommt, sondern nur ein altes Super League-Stadion (Pontaise) 1:1 ersetzt wird. Es gibt auch mit dem im Sommer vor der Eröffnung stehenden „Tuilères“ im ganzen Land nur elf Super League-taugliche Stadien: Bern, Basel, Zürich, Sion, Luzern, St. Gallen, Thun, Genf, Neuenburg, Lausanne und Schaffhausen. In Zürich gibt es zwei Profiklubs. Bei einer 12-er Liga würde sich die Super League alleine aufgrund der Infrastruktur fast schon von selbst zusammenstellen. Um eine sinnvolle sportliche Konkurrenzsituation zu schaffen, sollte eigentlich mindestens die Hälfte der Challenge League-Klubs auch administrativ in die höchste Spielklasse aufsteigen können, sonst wird die Meisterschaft zu einer Farce!

Schon bei einer 10er-Liga kann dieses Kriterium nur erfüllt werden, wenn man die (möglichen) Ausnahmebewilligungen mitzählt. Zur Zeit hat Lugano eine, aufgrund des geplanten neuen Projektes auf demselben Gelände, das im November eine weitere politische Hürde genommen hat, und gemäss Vereinbarung mit der Swiss Football League bis Sommer 2021 eine Baubewilligung benötigt (Eröffnung frühestens Ende 2023). Aarau spielte schon zu viele Jahre mit einer Ausnahmebewilligung im Oberhaus und würde aktuell dem Vernehmen nach keine mehr erhalten – das Brügglifeld ist nicht einmal Challenge League-tauglich und aufgrund der Platzverhältnisse offenbar nicht auf Super League-tauglichkeit ausbaubar. Sonderbewilligungen erhalten könnten theoretisch wohl Wil, Winterthur, Vaduz und das aktuell in der 1. Liga Gruppe 2 engagierte Biel. Deren Stadien sind grundsätzlich auf einen möglichen Super League-Ausbau ausgelegt. Voraussetzung wäre aber wohl mindestens ein in die Wege geleitetes Verfahren zum Ausbau des Stadions, welches zuerst lokal einige politische und finanzielle Hürden nehmen müsste. Und es ist auch nicht sicher, ob die erwähnten Klubs ihr Stadion aktuell überhaupt auf Super League-tauglichkeit ausbauen wollen. Ist Winterthur beispielsweise bereit, seine «Bierkurve» und «Sirupkurve» in der jetzigen Form zu opfern? Eine weitere Option wäre, in einer anderen Stadt zu spielen – Winterthur beispielsweise in Schaffhausen (im Letzigrund spielen schon zwei Teams), Wil in St.Gallen. Aber die Klubs würden bei dieser Frage tendenziell wohl eher auf einen Aufstieg verzichten.

Zusammenfassend hat der Schweizer Fussball im Vergleich mit gleichgrossen Ländern dank der Formel 10+10 aktuell eine zweithöchste Spielklasse mit hohem sportlichen Niveau und vielen Zuschauern. Dies ermöglicht es einer wachsenden Anzahl an talentierten Jungprofis auf zweithöchster Profistufe einen entscheidenden Entwicklungsschritt zu machen. Aktuell sind beispielsweise Ndoye, Zeqiri, Vonmoos, Rohner, Pusic oder Alounga diesbezüglich auf den Spuren von Zakaria, Akanji, Sommer und Co.. Eine Aufstockung der Super League von 10 auf 12 Mannschaften würde die Zuschauer- und TV-Einnahmen der Klubs der höchsten Spielklasse leicht reduzieren. Vor allem aber würde es ziemlich sicher die Challenge League ohne ihre dringend benötigten Zugpferde mit massiven Zuschauereinbussen in eine existenzielle Krise stürzen. Der Profistatus könnte möglicherweise nicht mehr aufrechterhalten bleiben, viele Arbeitsplätze gingen verloren, Leuchttürme des Schweizer Fussballs in den Regionen wie Aarau oder Winterthur könnten aufgrund der drastisch reduzierten Einnahmen in der Versenkung verschwinden, ganze Juniorenspitzenfussballorganisationen kaputt gehen und faktisch eine geschlossene Super League entstehen – ohne Auf- und Abstieg. Den Top-Talenten, die sich zur Zeit in grosser Zahl im «Unterhaus» tummeln, würde der Einstieg in den Profifussball auf «Fast-Super League-Niveau» in der Schweiz fehlen und sie müssten sich noch früher und häufiger als heute Richtung Ausland orientieren. In der Super League bestünde zusätzlich die Gefahr, dass aufgrund der fehlenden Konsequenzen von schlechtem Management (kein Druck von «unten») ein gewisser «Schlendrian» Einzug hält.

(Tabellen, Graphiken und Bild: Züri Live, Daten: European Football Statistics, Transfermarkt)