Die Innenverteidigung der letzten Saison Omeragic / Kamberi – Kryeziu – Aliti ist zusammengeblieben. In der Super League hat sich diese Formation letzte Saison gut bewiesen. Die internationalen Spiele werden aber sicherlich zu einer interessanten Herausforderung, auch wenn die Akteure über die verschiedenen Nationalteams bereits einige internationale Erfahrung mitbringen. Alternative Marc Hornschuh hat zuletzt gegen Altach in der Verteidigung einen besseren Eindruck hinterlassen als im Mittelfeld. Karol Mets ist nach der späteren Rückkehr aufgrund der Nationalmannschaftseinsätze noch relativ weit von der Wettkampfform entfernt. Silvan Wallner bringt defensiv weiterhin nicht genügend Format mit. Testspieler Fabao scheint von seinen Voraussetzungen her, speziell bezüglich Speed, eher ein Mann für die Promotion League-Equipe als Ersatz für den zum FC Wil gewechselten Genis Montolio zu sein. Dafür wäre aber wohl notwendig, dass der Brasilianer auch einen europäischen Pass besitzt.

Dino Lamberti im Züri Live-Podcast: „Fabao wurde bei Flamengo mit Vinicius Junior ausgebildet“

Cheick Condé – das fehlende Puzzle-Stück

Cheick Condé ist der wohl wichtigste Neuzugang des Sommers. Der 21-jährige Guineer bringt ein Element in die Mannschaft, das letzte Saison trotz Meistertitel gefehlt hat: ein ruhender Pol im Zentrum mit starker Physis und sehr gutem Positionsspiel. Blerim Dzemaili war sicherlich in der ein oder anderen Form beteiligt am Transfer seines Ex-Teamkollegen Ole Selnaes und hat damit gleich seinen eigenen Konkurrenten mit nach Zürich gelotst. Die Stärke von beiden sind lange Bälle aus dem Rückraum, während gleichzeitig beide in den Zweikämpfen, in der Rückwärtsbewegung und allgemein im Defensivverhalten ihre Mankos haben. Selnaes gelang gegen YF Juventus ein Weitschusstor mit dem Aussenrist aus 20 Metern.

Neuverpflichtungen klatschen sich ab: Ole Selnaes geht wenige Augenblicke nach seinem Premierentreffer für den FCZ gegen YF Juventus raus, Ivan Santini kommt rein

Konditionell hat der ehemalige Leistungsträger von Rosenborg aber noch sehr viel Rückstand. Diesbezüglich hat Bledian Krasniqi sicherlich einen Vorteil. Er scheint die aufsteigende Form der letzten Saisonwochen über die Sommerpause konserviert zu haben und will sich ganz offensichtlich aufdrängen. Krasniqi streitet sich wohl als Dritter im Bunde mit Dzemaili und Selnaes um einen Platz. Die ebenfalls in der Vorbereitung eingesetzten Izer Aliu und Leo Aversa haben hingegen wohl kaum eine Chance. Miguel Reichmuth scheint sich in der 2. Mannschaft bei Roberto Rodriguez (wie Reichmuth ebenfalls Schweizer mit Chilenischen Wurzeln) unter anderem bei Standards einiges abgeguckt zu haben. Stephan Seiler könnte als Backup für Condé fungieren. Seine Testpartien waren aber wie schon vor einem Jahr durchzogen. Bei ihm scheint der mentale Aspekt eine wichtige Rolle zu spielen. Wenn Seiler befreit aufspielen kann, wie gegen Ende Saison in St. Gallen, ist er zu phänomenalen Leistungen fähig.

Tosin und Vyunnik blühen auf

Dreh- und Angelpunkt der Mannschaft ist und bleibt Antonio Marchesano – ob auf der 10er-Position oder wie gegen Altach im Zweimannsturm mit seinem möglicherweise neuen Partner im Zentrum, Aiyegun Tosin. Schon seit Jahren ist der Tessiner auch für die (defensive) Organisation der Zürcher Vordermannschaft zuständig. Während Captain Yanick Brecher die Spieler der Hintermannschaft von hinten mit Hinweisen beschallt, sorgt Marchesano bei den Stürmern, offensiven Mittelfeldspielern und Fl¨ügeln für Ordnung. In einzelnen Fällen der letzten Jahre hat Marchesano auch mal auf der Achterposition oder gar auf dem Flügel agiert, aber grundsätzlich sollte er wenn immer möglich auf einer Position spielen, wo er seine Stärken am besten ausspielen kann – also auf der 10 oder als (hängende) Spitze. Dies schränkt die Auswahl an sinnvollen Formationen etwas ein. Wie sein Kumpel Adrian Guerrero ist Marchesano nicht einfach ersetzbar. Einer der beiden Reichmuth-Brüder oder Stephan Seiler würden am ehesten passen. Oder die taktische Formation wird geändert.

Tosin wirkte in den Testspielen so fokussiert und zielstrebig wie noch nie in seiner bisher wechselhaften FCZ-Zeit. Er könnte durchaus mit dem (spiel-)intelligenten Marchesano in ähnlicher Weise zusammenfinden, wie dies beim Duo Ceesay / Marchesano der Fall gewesen war. Im Zentrum ist der seit diesem Jahr für Benin spielende Nigerianer auf jeden Fall effektiver, als auf der Seite. Bohdan Vyunnik gewinnt nach mehreren Monaten beim FCZ mittlerweile Woche für Woche mehr Sicherheit. Ivan Santini ist zwar nicht so schnell wie Blaz Kramer, dafür technisch und im Abschluss deutlich besser.

Variabler durch Flügelzange

Okita als typischer Flügelspieler aus dem Holländischen Fussball bringt zusätzliche taktische Flexibilität. Gnonto sieht Foda vermutlich auch eher auf der Flügelposition. Dazu kommen allenfalls auch noch Janko, Haile-Selassie, Gogia, Rohner oder Tosin auf einer möglichen vorderen Seitenposition im 4-4-2, 4-3-3 oder 3-4-3. Insgesamt ist das Gesicht und der Groove der Mannschaft 21/22 auch in der Vorbereitung zur neuen Saison erkennbar. Und dieses hat zusätzliche Facetten / Varianten dazu erhalten. Zwei grosse Fragen bleiben aber trotzdem offen: Wie gut gelingt der Start? Und: wie schlägt sich dieses Team international? Die Mannschaft ist besser als 16/17 und 18/19. Die Gegner sind in der Zwischenzeit aber auch besser geworden.

FCZ-Testspielbilanz & erste Einschätzungen zur neuen Mannschaft – Teil 1

Vor der abschliessenden Begegnung in Friedrichshafen gegen den VfB Stuttgart hat der FC Zürich eine makellose Testspielbilanz. Grosse Aussagekraft hat dies freilich nicht. Letzten Sommer hatte man nach Tests gegen fast ausschliesslich unterklassige Gegner eine negative Bilanz vorgewiesen. Neben drei Niederlagen gegen Aarau (0:1), Xamax (1:4) und Feyenoord (0:1) resultierten zwei Unentschieden gegen Wil (2:2) und Vaduz (0:0), und nur ein einziger Erfolg gegen den SC Kriens (6:1).

Vor einem Jahr: Fokus auf die positiven Aspekte trotz schlechter Testspiele

Und was machte der damalige Trainer André Breitenreiter? Statt sich und die Mannschaft kurz vor Saisonstart in einer ausgiebigen Fehleranalyse selbst zu zerfleischen, zeigte er vertieft die Bilder vom einzigen Sieg gegen den SC Kriens – als Blaupause dafür, wie eine Woche später zum Super League-Start in Lugano gespielt werden soll. Und zwar zeigte er dabei sicherlich einzig die ersten 30 Minuten der Partie. Denn danach war der später frühzeitig feststehende Absteiger aus der Challenge League eher die bessere Mannschaft gewesen.

Dies notabene mit einer unter anderem durch Corona stark ersatzgeschwächten Equipe, welche die Anweisungen ihres neuen Coaches Morandi noch nicht zu verstehen schien, und bei der im Verlauf der 2. Halbzeit der dritte FCZ-Torhüter Gianni De Nitti zwischen die Pfosten musste, weil sich mit Neuenschwander auch noch der letzte zur Verfügung stehende Torhüter verletzt hatte. Am gleichen Nachmittag im Heerenschürli war die zweite Hälfte der Zürcher Stammelf gegen Xamax chancenlos geblieben. Breitenreiter redete in Bezug auf die Vorbereitung danach gegen aussen aber nur vom Kriens-Spiel. Was folgte, war die Meistersaison 21/22 mit am Ende 14 Punkten Vorsprung auf den zweitplatzierten FC Basel.

Der FCZ weiterhin häufig mit Blitzstart

Diesen Sommer hinterliess der FCZ in den Testpartien den deutlich besseren Eindruck. Ein Teil davon ist sicherlich erklärbar durch das im Verlauf der letzten Saison entwickelte Selbstverständnis der Mannschaft. Ein Teil auch durch den gestiegenen Respekt der Gegner, ähnlich wie dies in der Challenge League-Saison 16/17 in den Meisterschaftspartien der Fall gewesen war. Ein grosser Teil könnte aber durchaus auch davon herrühren, dass man in den Testpartien ambitionierter angetreten ist, als die jeweiligen Gegner. Und daher der Spielverlauf wenig Aussagekraft hat. Man will beim FCZ mittlerweile einfach immer gewinnen – ob im Training, in Testspielen vor leeren Rängen und natürlich auch dann, wenns wieder um die Wurst geht.

Die Partie FCZ – Altach musste mit rund zehn Minuten Verspätung starten, weil die Letzigrund-Crew vergessen hatte, die Sprinkleranlage auszuschalten

In vier von sechs Testpartien schoss der FCZ bereits in den ersten fünf Minuten das 1:0 – was an einige Meisterschaftsspiele der letzten Saison erinnert. Das in die 2. Liga Interregional abgestiegene Thalwil gab 45 Minuten Vollgas und brach danach ein. Der FC Baden wirkte hingegen kurz nach dem nach acht Jahren an der Spitze der 1. Liga Gruppe 3 endlich realisierten Aufstieg in die Promotion League etwas demotiviert – oder noch angeschlagen von den Feierlichkeiten. Gegen den FC Wil musste der FCZ dann erstmals auf einen Rückstand reagieren. Viktoria Köln wurde mit einer Tempoverschärfung nach der Pause bezwungen. Gegen YF Juventus machte zugunsten der „2. Garde“ des FCZ die schon deutlich weiter fortgeschrittene Saisonvorbereitung und Ole Selnaes‘ Klasse am Ball den Unterschied. Gegen Altach zeigten dann die aktuellen Favoriten auf die Startformation für den Super League-Start in Bern vor allem in der Anfangsphase eine starke Leistung und guten Spirit.

„Turbo Fabian“ eiskalt vor dem gegnerischen Gehäuse

Der neue Trainer Franco Foda probierte unterschiedliche Spielformationen aus, experimentierte aber etwas weniger, als dies Breitenreiter in seiner Sommer-Vorbereitung tat: das letztjährig meist implementierte 3-4-1-2 war die favorisierte Formation. Trotzdem waren auch ein klassisches 4-4-2 (in dieser Formation gelang die bisher beste Halbzeit gegen Altach), ein 4-3-3 und sogar ein 3-4-3 mit dabei.

Fabian Rohner war immer wieder eiskalt vor dem gegnerischen Kasten und steuerte acht Tore sowie drei Assists bei. Schon vor einem Jahr hatte „Turbo-Fabian“ in der Vorbereitung als Stürmer oder zurückhängende Spitze am meisten überzeugt. Zuletzt gegen Altach in der 2. Halbzeit hat ihn Trainer Foda in einem 3-4-3 am Rechten Flügel eingesetzt. Der Rheinhesse sieht Rohner so wie es aussieht als Alternative weiter vorne als noch sein Vorgänger Breitenreiter, bei welchem Rohner während der ganzen Saison der Backup von Nikola Boranijasevic war. Kommende Saison könnte möglicherweise Selmin Hodza diese Rolle übernehmen. Der Backup für Adrian Guerrero auf der linken Seite fehlt noch. Buschman wird es sicherlich nicht. Unter anderem wurde Offensivmann Kedus Haile-Selassie auf dieser Position getestet und hat gegen Baden auch defensiv ganz gut mitgearbeitet. Zur Zeit ist der jüngere Bruder von Maren Haile-Selassie allerdings im Test beim FC Schaffhausen. Es könnte sich eine Leihe anbahnen.

Testspieler Fabao, Dzemaili und Boranijasevic beim Auftakt in Thalwil, Sportplatz Brand

Wilfried Gnonto fällt auf durch seinen Kampfgeist und sein Engagement, welches er für seine Farben einsetzt – auf und neben dem Platz. Und nicht nur gegen Kriens, sondern zuvor auch schon gegen Aarau brachte er einen ansprechenden Kopfball aufs gegnerische Tor. Sogar ein für seine Verhältnisse völlig ungewöhnlich präziser und wuchtiger Kopfballtreffer gelang Blaz Kramer nach einer Musterflanke Rodrigo Polleros gegen Xamax. Abgesehen von dieser einen Szene kam vom Uruguayer im ersten Einsatz noch nicht viel. Interessant war sein toller Assist auch deshalb, weil er in der Challenge League bei gerade mal sechs Assists und gleichzeitig 26 Toren in 60 Partien eindeutig als Finisher aufgefallen war – und selbst die paar wenigen Assists waren (fast) alles keine Flanken. Assan Ceesay hatte in seinen ersten Einsätzen Mühe, steigerte sich dann aber parallel mit seinem kongenialen Partner Antonio Marchesano in der letzten Partie gegen Kriens.

Hadern mit Doumbia

Stephan Seilers Auftritte in den Testpartien waren ungenügend und an Nils Reichmuth liefen die Partien fast völlig vorbei, auch wenn gegen Ende der Vorbereitung eine kleine Steigerung ersichtlich war. Bereits gut eingefunden hat sich hingegen Bledian Krasniqi. Im Spiel mit Ball findet der 20-jährige mit seiner Vista praktisch immer die beste Lösung. Vasilije Janjicic steigerte sich im Verlauf der Vorbereitung. Mit dem taktischen Verhalten von Ousmane Doumbia scheint das Zürcher Trainerteam bisher noch mit am meisten zu hadern. Der Ivorer, welcher sich auch auf persönlicher Ebene im Team sehr wohl zu fühlen scheint, überrascht den Gegner immer wieder mit unerwarteten Balleroberungen – aber eben auch die eigenen Mitspieler und Trainer häufig mit unerwarteten Stellungsfehlern. Bis zu einem gewissen Grad sind das zwei Seiten derselben Medaille. An Buschman-Dormond kritisiert Breitenreiter, dass er zu viele «Tricks» versuche. Findet der Kanadier allerdings den Raum zum Kontern vor, wie beim 6:1-Treffer gegen Kriens (Vorbereitung für Ceesay nach einem Eckball der Innerschweizer), kann er seine Schnelligkeit ausspielen.

Energie sparen mit Boranijasevic und Aliti

Der sich in einer schwierigen Karrierephase befindliche Mirlind Kryeziu könnte aufgrund seiner Physis zu den Gewinnern unter dem neuen Trainer gehören, obwohl ihm gegen Xamax ein entscheidender Fehler unterlief, als er kurz nach der Pause den Ball vor dem eigenen Strafraum gegen Veloso verlor, was das frühe und wegweisende 2:1 für die Gäste bewirkte. Bei einer Dreierabwehr wechselte sich im Verlauf der Vorbereitung Kryeziu in der zentralen Position mit Hornschuh und Kamberi ab. Lindrit Kamberi konnte weitgehend an die positiven Eindrücke von Ende letzter Saison anknüpfen, Silvan Wallner hingegen vorwiegend an die negativen. Fidan Aliti spielte genau Fifty-Fifty als Linksverteidiger oder links in der Dreierkette – aber nie als linker Aussenläufer. Er und Neuverpflichtung Nikola Boranijasevic schienen teilweise etwas mit angezogener Handbremse in den Tests aufzutreten – als sparten sie ihre Energie für den richtigen Saisonstart auf. Willie Britto war bezüglich Positionierung teilweise das Pendant zu Aliti auf der rechten Seite – allerdings wurde er auch als Aussenläufer eingesetzt und hat gleichzeitig nicht die gleichen Einsatzchancen wie der Kosovarische Nationalspieler.

Reifen mit Frei

Adrian Guerrero ist ein Mann auf der linken Seite mit gutem Spiel- und Raumverständnis und schlägt zudem gute Standards mit dem linken Fuss – er kann aber aufgrund seiner Konstitution von Gegner auch ziemlich einfach zur Seite gedrückt werden. Dies passiert Filip Frei mittlerweile deutlich weniger als früher. Der letztjährige U20-Nationalspieler hat einen Schritt nach vorne gemacht und sich in den Vorbereitungsspielen erfolgreich von seiner besten Seite gezeigt. Sein enorm fehlerbehaftetes Spiel von früher hat er abgestellt und spielt nun sehr verlässlich, trotz gleichzeitig weiter verbesserter Dynamik. Frei wird von Breitenreiter als Alternative auf allen erdenklichen Aussenpositionen auf beiden Seiten eingesetzt, zusätzlich zur Dreierabwehr – und ist damit zur Zeit der grösste Allrounder im Team.

Aushelfen mit Hornschuh

Marc Hornschuh wurde als wichtige Kaderergänzung geholt, der auf den zentralen Defensivpositionen als verlässliche Option bereitstehen soll, wenn es ihn braucht – wohl vor allem in der Dreierabwehr, denn seine Auftritte im Mittelfeld waren jeweils wenig erbaulich. Becir Omeragic wurde am letzten Spieltag der Vorbereitung genauso wie Buschman zwei Mal als Einwechselspieler eingesetzt. Während dies bei Buschman durchaus ein Zeichen seiner aktuellen Position in der sportlichen Mannschaftshierarchie darstellte, war es bei Omeragic bedingt durch seine vorherige Ferienabwesenheit aufgrund der EM-Endrunde. Ihn schon auf das Lugano-Spiel hinzubekommen, wäre wohl zu knapp und auch etwas riskant.

Fremdgehen mit De Nitti

Bei den Torhütern feierte der von der U18 hochgezogene Gianni De Nitti seine ersten Teileinsätze im Fanionteam (einen davon im Tor des SC Kriens gegen den FCZ). Zivko Kostadinovic agierte in seiner Kernkompetenz als «Torhüter» gewohnt solide. Trainer Breitenreiter war mit seinen Entscheidungen bei den Abstössen aber nicht immer zufrieden. Yanick Brecher hatte wieder zwei, drei Unkonzentriertheiten bei Gegentreffern dabei und schrie sich in der Endphase gegen Xamax, als nichts mehr ging, vergeblich die Lunge aus dem Leib.

6:1 gegen Kriens, 1:4 gegen Xamax – wo liegt die Wahrheit? (FCZ-Sommer, Teil 1)

Totale taktische Variabilität unter Breitenreiter (FCZ-Sommer, Teil 2)

Die letzten beiden Testpartien gegen Kriens (6:1) und Xamax (1:4) im Heerenschürli waren das Abbild einer grossen Bandbreite von Gesichtern, die der FCZ in den Vorbereitungsspielen des Sommers gezeigt hat. Was machte den Unterschied zwischen den beiden so diametral unterschiedlichen Resultaten gegen zwei Teams, die letzte Saison in der Schlusstabelle sehr nahe beieinander lagen? Kriens hatte ja als Achter der Challenge League zwei Punkte vor Xamax gelegen, welches nur dank der leicht besseren Tordifferenz gegenüber Chiasso die Klasse hielt.

1. Differenz: das Personal

Unterschied Nummer Eins war personeller Art. Zwar trat der FCZ in beiden Partien mit «gemischten» Teams aus potentiellen Startern und Spielern aus der zweiten Reihe an, aber gegen Kriens spielten Antonio Marchesano und Fabian Rohner. Rohner war eindeutig der konstanteste Spieler im positiven Sinne in dieser Testphase – und lieferte ein klares Empfehlungsschreiben ab. Und dies obwohl er auf vier verschiedenen Positionen eingesetzt wurde: Rechter Flügel, Doppel-10 mit Marchesano, im Zweimannsturm oder als Rechter Verteidiger. Zwar hatte Trainer Breitenreiter in der 2. Halbzeit gegen Kriens auch an Rohner mal etwas Taktisches zu monieren, aber der Grund für den taktischen Fehler lag nicht an Unkenntnis oder Unvermögen, sondern an Rohners Müdigkeit zu diesem Zeitpunkt des Spiels / der Vorbereitung, in der er sich voll reingehauen hat.

2. Differenz: der Gameplan

Die Steuerung des Energiehaushaltes war Unterschied Nummer Zwei zwischen dem Kriens- und dem Xamax-Spiel. Während das Zürcher Team A gegen Kriens in der ersten halben Stunde von der Intensität her über dem aktuellen eigenen Kräftelimit spielte, agierte Team B gegen Xamax im konstanten Rhythmus über 90 Minuten – und wirkte immer etwas matt, kam ständig einen halben Schritt zu spät. Das Team A verausgabte sich hingegen in den ersten 30 Minuten voll, ging in dieser Zeit 5:0 in Führung, und war daraufhin dann aber nicht nur «matt», sondern regelrecht «platt». Mit einem solchen Zwischenresultat war dann aber auch der Anfangsmut beim Gegner etwas gebrochen, und man schaukelte den Vorsprung ins Ziel. In den Tests zuvor hatte Kriens durchaus gute Resultate produziert: knappes 1:2 gegen YB, 4:2-Sieg im Derby gegen Luzern und ein 2:1-Testerfolg gegen Challenge League-Favorit Thun. Die «30 Minuten Vollgas»-Strategie hatte der FCZ bereits im Test gegen Aarau gefahren – dort hagelte es aber Aluminium-Treffer und einen von zwei in dieser Vorbereitung verschossenen Marchesano-Penalties.

«30 Minuten-Vollgas» ist ein altbekanntes Mittel des sogenannten «Gameplan». In der Rückrunde hatte dies beispielsweise der FC Luzern beim 2:1-Sieg im Letzigrund angewandt. Sie gingen prompt früh 2:0 in Führung, bevor ab der 30. Minute der FCZ gegen nachlassende Luzerner immer dominanter wurde. Dem FC Zürich gelang aber nicht mehr als ein Tor als Antwort. Umgekehrt in Lausanne: der FCZ gab zu Beginn volle Pulle, ging gegen überrumpelte Waadtländer ebenfalls früh 2:0 in Front und musste kräftemässig ab der 30. Minute leiden. Lausanne gelangen dann noch zwei Tore als Antwort. Am Ende wars trotzdem ein wichtiger Punkt für das Letzigrund-Team. Gerade wenn man die eigene Equipe kräftemässig insgesamt etwas schwächer als den Gegner einstuft, ist eine kurze Vollgas-Phase abgesehen von Standards eines der wenigen Mittel, um Punkte mitzunehmen. So kann man wenigstens einzelne Phasen des Spiels dominieren und muss in dieser Zeit dann einfach möglichst effizient sein.

Antonio Marchesano verschoss die beiden Penalties nicht, weil er die Treffsicherheit vom Punkt verlernt hätte – er sah in den ersten Testspielen ganz allgemein kaum einen Ball. Zum Vorbereitungsabschluss gegen Kriens deutete der Zürcher Regisseur aber an, dass er rechtzeitig vor dem Saisonauftakt in seiner Tessiner Heimat in Form zu kommen scheint. Kriens’ neuer Trainer Morandi fluchte neckisch bei jeder gelungenen Marchesano-Aktion auf Italienisch, er solle doch «aufhören mit dem Scheiss» (sinngemäss, O-Ton nicht druckreif). Und wie bereits seit längerem bekannt, hat Marchesanos Präsenz und positive Formkurve immer einen positiven Einfluss speziell auf Assan Ceesay, dem drei Treffer gelangen.

3. Differenz: die Taktik

Unterschied Nummer Drei zwischen dem Kriens- und Xamax-Spiel war taktischer Natur. Gegen das konterstarke Kriens agierte der FCZ konservativ in einem 4-4-2, liess den Gegner kommen, und zog die vorderste Verteidigungslinie erst kurz vor der Mittellinie auf. Bei Balleroberung drückte man zudem nicht um jeden Preis aufs Tempo, sondern präferierte Ballkontrolle, und spielte meist erst hintenrum, um dann im richtigen Moment mit einem Rhythmuswechsel im Spielaufbau zuzuschlagen. Gegen Xamax zog man hingegen im 3-4-1-2 ein Hohes Pressing auf, welches aber wenig Wirkung entfaltete und im Gegenteil dem Gegner Raum für seine eigenen Angriffe bot. Fazit: Kramer, Pollero und Nils Reichmuth ganz vorne ist wohl zur Zeit so ziemlich die schlechtestmögliche FCZ-Aufstellung, wenn man Hohes Pressing spielen will.

4. Differenz: der Gegner

Letztendlich hatten auch die Gegner etwas mit den unterschiedlichen Resultaten zu tun. Kriens zwar vor dem FCZ-Match mit guten Testresultaten, trat aber trotzdem mit einem Rumpfteam an, zudem möglicherweise COVID-geschwächt – mit fehlenden Alternativen speziell in der Innenverteidigung und im Tor, wo der angeschlagene Joshua Neuenschwander (Neuverpflichtung aus dem YB-Nachwuchs) für die Schlussphase durch den dritten FCZ-Goalie Gianni De Nitti ersetzt werden musste. Xamax-Besitzer Jeff Collet hingegen scheint der Schock des beinahe freien Falls von der Super League in die Promotion League letzte Saison ganz schön in die Knochen gefahren zu sein, denn die Neuenburger haben deutlich aufgerüstet und ihr Team hat kommende Saison gute Chancen, im Aufstiegsrennen mit Thun, Aarau und Vaduz ein Wörtchen mitzureden. Rückkehrer Max Veloso strahlt viel Offensivgefahr aus, als wäre er nie weggewesen, was dem letzte Saison häufig unzufrieden auftretenden Raphael Nuzzolo (38!) nochmal einen zusätzlichen Boost zu geben scheint. Maren Haile-Selassie deutete an, dass der definitive Schritt in die Westschweiz seinen immer noch andauernden Reifeprozess beschleunigen könnte. Am lautesten dirigierend und konfrontativsten auf dem Platz war der frühere Captain der FCZ U21 Liridon Berisha – auf Französisch wohlgemerkt. Mit ihm und dem Ex-Aarauer Mats Hammerich hat Xamax ganz bewusst ein bisher noch etwas fehlendes Element in ihr Team geholt.

Nicht mit dabei im Matchkader der Neuenburger war übrigens Lague Byiringiro aus Ruanda. Dessen Berater hatte diesen Sommer online für viel Betrieb gesorgt. Die Behauptung wurde in den Raum gestellt, der FC Zürich sei interessiert an seinem Schützling, was nicht stimmte. Eine Halbzeit lang eingesetzt wurde Byiringiro hingegen von Xamax im mit 1:0 gewonnenen Test gegen den FC Thun, wo er als einziger Spieler eine Gelbe Karte wegen groben Foulspiels holte. Xamax hatte in den 45 Minuten genug gesehen. In Zürich war Byiringiro bereits nicht mehr dabei und sieht sich nun anderweitig um.  

Trainer André Breitenreiter und Leiter Videoanalyse Fabian Sander im Gespräch nach einem Testspiel im Sommer 2021

Die Partie gegen den FC Winterthur im Letzigrund war nicht so, wie man sich eine Hauptprobe vor dem Meisterschaftsstart vorstellt. Aufgrund von Krankheit (gute Besserung Vasi!), Nationalteamaufgeboten (Gratulation Simon, Becir & Co.!) und dem gleichzeitigen Meisterschaftsauftritt der U21 gegen Brühl (2:3, zwei Sulejmani-Penalties), standen Trainer Ludovic Magnin mit Adrian Winter und Salim Khelifi gerade mal zwei Feldspieler als Reserve zur Verfügung. Und während das Spiel lief, wurde in den Sozialen Medien der neue Innenverteidiger Lasse Sobiech vorgestellt.

Beim FC Winterthur fielen gleich beide Torhüter aus und es standen mit Marzino und Scheithauer zwei Testspieler in der Startformation. In der ersten Halbzeit kontrollierte der FCZ weitgehend das Spiel und ging 2:0 in Führung. Die zweite Halbzeit war ausgeglichener. Nach einer Serie von Zürcher Topchancen gelang Adi Winter das 3:0 in der 80. Minute nachdem der andere Einwechselspieler Khelifi zuvor noch an Marzino gescheitert war. Die letzten zehn Minuten liess der FCZ dann aber stark nach und Winterthur drehte nochmal auf, ohne aber zu einem Torerfolg zu kommen. Am augenfälligsten ersichtlich war dies bei Stephan Seiler, der in der letzten Viertelstunde auf dem Zahnfleich lief und dem gar nichts mehr gelang.

Insgesamt wirkte in allen vier Vorbereitungsspielen weder der FCZ noch die jeweiligen Gegner auch nur annähernd auf Meisterschaftsniveau spielend. Im Normalfall nähert man sich gegen Ende der Vorbereitung diesem Niveau an. Eine Steigerung von Spiel zu Spiel war durchaus ersichtlich, aber ob es reichen wird, bereits in einer Woche in Chiasso im Cup das notwendige Niveau auf den Platz zu bringen – darauf darf man gespannt sein. Es wurde in allen vier Vorbereitungsspielen mit demselben System gespielt. Von den verschiedenen Phasen der letzten Saison orientierte sich das Zürcher Trainerteam dabei personell und taktisch stark am zweiten Saisonviertel, in welchem man ohne wirklich zu glänzen eine gute Resultatserie hatte hinlegen können.

Einzelne gute Automatismen in der Überwindung der Mittelzone des Spielfeldes waren zu sehen, sowohl mit schnellem Direktspiel, als auch mit geduldigem Aufbau – allerdings ohne auch nur annähernd die gleiche Gegenwehr auf dem Platz zu haben, wie sie den FCZ zum Meisterschaftsstart erwarten wird. Auch gegen Top-Gegner wird allerdings sicherlich Fabian Rohner eine Offensivwaffe sein. Immer wenn nach vorne nichts läuft, dann sorgt der Rechte Aussenverteidiger mit vertikalen oder diagonalen Läufen für Unruhe und Unordnung im gegnerischen Abwehrdispositiv. Rohner ist nicht nur nochmal eine ganze Spur schneller als Kevin Rüegg, sondern hat auch eine solidere Grundtechnik, als der Richtung Italien ziehende Captain der U21-Nationalmannschaft.

Ebenfalls Stammspieler in der U21-Nationalmannschaft ist Toni Domgjoni, der beim 4:1-Heimsieg gegen die Slowakei als Schaltzentrale und Wasserträger in einem im Schweizer Mittelfeldzentrum genauso eine gute Partie machte, wie weitgehend auch in den Vorbereitungspartien mit dem FCZ. Der dritte Gewinner der Vorbereitung ist Henri Koide, welcher nahtlos an die guten Leistungen der letzten Saisonphase 19/20 anzuschliessen scheint. Nicht nur gegen Schaffhausen gelang dem 19-jährigen Zürcher mit einer Klasse-Einzelleistung ein Treffer, sondern er erzielte auch das einzige Tor beim 1:0-Sieg mit der U19-Nationalmannschaft gegen Neuchâtel Xamax (mit unter anderem dem ehemaligen FCZ U21-Stürmer Eric Tia im Test).

Gegen den FC Winterthur an allen drei Treffern beteiligt war Assan Ceesay. Der Gambier hatte allerdings schon letzten Sommer in den Testpartien sehr gute Skorerwerte, welche anschliessend in der Meisterschaft wieder in den Keller sanken, als der FCZ mit einem anderen Spielstil auftrat. Auch wenn es immer noch der gleiche Assan Ceesay ist: ein gewisser Reifeprozess durch seine Zeit in Osnabrück ist ersichtlich – der 26-jährige Nationalstürmer wirkt etwas fokussierter, gradliniger und effizienter, als noch vor Jahresfrist. Und gleichzeitig versteht er sich auf dem Platz weiterhin sehr gut mit Antonio Marchesano – ein nicht zu unterschätzender Faktor. Zivko Kostadinovic schliesslich hat angedeutet, dass er in Bezug auf die Sicherheit, eine solide Nummer Zwei hinter Yanick Brecher zur Verfügung zu haben, im Vergleich mit vielen anderen Kandidaten der letzten Jahre wohl ein Schritt nach vorne für den FCZ ist.

Auf der Verliererseite der Saisonvorbereitung steht sicherlich an erster Stelle Mirlind Kryeziu: nach einem zu unkonzentrierten Auftritt mit zwei groben Schnitzern im ersten Testspiel gegen Schaffhausen vom Präsidentenehepaar ins Gebet genommen und seither im Kader der weiteren Testspiele nicht mehr aufgetaucht. Ebenfalls im wahrsten Sinne des Wortes wachgerüttelt wurde in der Pause des Testspieles gegen den FC Luzern Stürmer Blaz Kramer von Captain Yanick Brecher, nachdem der Slowene schon gegen Schaffhausen nicht mit dem Kopf bei der Sache zu sein schien.

Obwohl nicht eingesetzt als Verlierer vorkommen muss sich Michael Kempter, mit dem sich der FCZ nicht auf einen neuen Vertrag hat einigen können. Der Rudolfstetter war auf der linken Zürcher Seite nach der Coronapause endlich wieder einmal ein Spieler, der nicht nur im Spiel nach vorne eine der wichtigsten Zürcher Waffen in dieser Phase war, sondern obendrein auch noch so konsequent verteidigte, wie dies (mit Ausnahme phasenweise Pa Modou) schon seit vielen Jahren keinem FCZ-Linksverteidiger mehr gelungen war. Mit Tobias Schättin hingegen kommt von Winterthur ein Ersatz, der deutlich mehr Mängel im Spiel ohne Ball mitbringt und das Zürcher Defensivproblem auf links wohl kaum lösen wird. Auch das Testspiel gegen Winterthur bestätigte diesen Eindruck.

Lavdim Zumberi hatte in Basel mit der „U21 verstärkt“ einen zwar nicht fehlerfreien, aber trotzdem ziemlich guten Auftritt hingelegt gehabt. Mittlerweile findet er aber beim FCZ weder auf dem Matchblatt noch auf der Team-Seite (Webpage) noch Erwähnung. Mit seinen 20 Jahren muss er unbedingt im Profibereich zu mehr Spielzeit kommen – Vertrag hätte er noch zwei Jahre. Der FC Wil wäre für den Ostschweizer eine naheliegende Variante, aber auch ein Transfer zum FC St. Gallen oder FC Vaduz ist alles andere als undenkbar. Mit seiner direkten Spielweise und Stärke bei langen Bällen würde er ins Team von Peter Zeidler passen. Geschenkt wurde dem guten Distanzschützen beim FCZ in der 1. Mansnchaft in den letzten Jahren nichts – obwohl oder vielleicht gerade weil er zu Juniorenzeiten zu den Lieblingsspielern Ludovic Magnins gehörte.

Salim Khelifi schliesslich zeigte in der Vorbereitung dasselbe, was man schon von ihm kannte, als er vor einem Jahr nach Deutschland ausgeliehen wurde. Einzelne Highlights wie der Freistoss zu Nathans Kopfballtor, aber daneben auch (zu) viel Leerlauf, vergebene Top-Möglichkeiten und fehlende Defensivqualität. Mit Marco Schönbächler hat der FC Zürich bereits einen ähnlichen (aber insgesamt etwas besseren) Spieler im Kader. Ein zweiter solcher Mann ist tendenziell zu viel. Dann gibt es durch die Verpflichtung von Lasse Sobiech noch ein kleines Fragezeichen bezüglich der Rolle von Nathan. Sobiech ist ein ähnlicher Spielertyp, der aber mit mehr Ruhe und Souveränität agiert und die immer wieder von Magnin auf den Platz gerufene Vorgabe „ohne Foul“ wohl besser umsetzen kann, als der emotionale Brasilianer.

FC Zürich – Winterthur 3:0 (2:0)
Tore: 17. Ceesay (Marchesano) 1:0, 44. Ceesay (Marchesano) 2:0; 80. Winter (Khelifi) 3:0.
FCZ: Brecher; Rohner, Nathan, Bangura, Schättin; Schönbächler (64. Khelifi), Britto, Seiler, Gnonto (46. Winter); Marchesano; Ceesay.
Winterthur: Marzino; Gantenbein, Isik (46. Lekaj), Scheithauer, Schüpbach (64. Pauli); Arnold (46. Hamdiu), Pepsi (46. Doumbia); Callà (46. Ltaief), Ramizi (64. Rama), Mahamid (46. Alves); Buess.

Rekordverdächtige 21 Testspiele hat der FCZ in der Saison 19/20 mittlerweile gespielt. Und damit beinahe gleich viele Freundschaftspartien, wie solche um Punkte in der Super League (23). Die Gegner bewegten sich dabei in einem weiten Feld von Borussia Dortmund und RB Leipzig bis Wettswil-Bonstetten. Gegen Vaduz, Wil und Halle wurde dabei je zwei Mal, gegen den letzten Gegner Schaffhausen (6:0) gar drei Mal gespielt. In der ersten Saisonhälfte waren die Testresultate ausgewogen – seit dem 14. Januar hat der Letzigrund-Club aber neun Testspielerfolge in Serie hingelegt. Zugegebenermassen ist dies im Hinblick auf die anstehenden Wettbewerbsspiele jeweils nicht aussagekräftig.

Zumindest werden Tore erzielt. In allen sechs „Corona-Testspielen“ landete der Ball vier bis sechs Mal im Netz des jeweiligen FCZ-Gegners. Zuletzt in Schaffhausen trafen mit Pa Modou Jagne (Foulpenalty), Nils Reichmuth und Mirlind Kryeziu gleich drei Spieler erstmals in der laufenden Saison in einer Testpartie. Für den 18-jährigen Reichmuth, der mit seinem beinahe zwei Jahre jüngeren Bruder Miguel in der U18 spielt, und zudem zum erweiterten U21-Kader gehört, war es das Jungferntor in der Ersten Mannschaft. Und Mirlind Kryeziu (1,98m) gelang seit langer Zeit wieder einmal ein Kopfballtor – genauso wie Antonio Marchesano (1,68m), welcher mit Kopfbällen in den letzten Jahren deutlich häufiger erfolgreich war. Bei beiden Treffern hatte Benjamin Kololli mit jeweils einem Standard seinen Rechten Fuss im Spiel. Der wie schon in Vaduz als Stürmer auflaufende Kosovarische Nationalspieler ermöglichte zudem bereits in der 17. Minute Marchesano das 1:0, als dieser dank dem guten Laufweg Kolollis nach einer Kempter-Flanke fast unbehelligt zum Abschluss kam. Das vierte Tor erzielte Kololli per Handspenalty gleich selbst. Zu einem ersten Teileinsatz in der Super League-Equipe kam dabei der von Ajax zurückgekehrte Filip Frei. Er war in der für ihn verkürzten Saison in Holland in der U19 unter dem ehemaligen Elftaal-Haudegen Johnny Heitinga der älteste Spieler gewesen und auf allen Aussenpositionen (rechts-links, vorne-hinten) eingesetzt worden.

Antonio Marchesano war im Spiel davor gegen Aarau (5:1) wie gegen Schaffhausen an zwei Toren beteiligt – genauso wie Adi Winter und Stephan Seiler mit seinen Balleroberungen in der gegnerischen Hälfte. Seiler (19) hat in seinen ersten Einsätzen im „Eins“ unter anderem aufgrund von Absenzen auf den Aussenverteidigerpositionen ausgeholfen. Zuletzt wurde er nun aber immer auf seiner angestammten Position im Mittelfeld eingesetzt, wobei dies aktuell auch durch den Ausfall von Simon Sohm bedingt ist. Der klare Sieg des FCZ im Letzigrund gegen Aarau kam erst in der Schlussphase zustande. Die Aargauer stellten in der Zweiten Halbzeit ein Juniorenteam mit einem Durchschnittsalter von 18 Jahren auf den Platz, wenn man von den beiden Routiniers Jérôme Thiesson und Elsad Zverotic absieht. Der FCZ seinerseits hat in dieser Partie mit einem 3-4-3 wieder einmal ein System mit Dreierabwehr getestet, nachdem ein solches in Wettbewerbsspielen letztmals vor Jahresfrist in der Saisonschlussphase unter anderem bei den wichtigen Siegen gegen Sion, Xamax und Thun erfolgreich zum Einsatz gekommen war.

Im ersten Test in Vaduz war der in dieser Saison mit wiedergewonnener Spielfreude offensiv eine wichtige Rolle einnehmende Marco Schönbächler an vier der fünf Treffer direkt beteiligt gewesen (ein Tor, drei Assists). Insgesamt erzielte der FCZ in dieser „Testspielsaison“ 61 Treffer – umgerechnet 2,9 pro Spiel. Davon gingen zwölf auf das Konto von Benjamin Kololli, der in Tests häufig als Sturmspitze eingesetzt wurde. Blaz Kramer erzielte sieben Tore und ist gleichzeitig der erste Spieler seit Beginn der Aufzeichnung der Testsspielstatistiken durch Züri Live vor vier Jahren, welcher in einer einzigen Saison eine vierstellige Minutenzahl im Einsatz war. Dementsprechend ist der Slowene bei der Statistik „Minuten pro Skorerpunkt“ auch „nur“ an siebter Position hinter Assan Ceesay (zuletzt mit muskulären Problemen, nachdem er davor in drei Spielen ebenso viele Skorerpunkte im Abstiegskampf Osnabrücks beigesteuert hatte), Lavdrim Rexhepi, Mimoun Mahi, Benjamin Kololli, Marco Schönbächler und Antonio Marchesano. Betrachtet man die gesamten Testspieleinsatzminuten der Saison, so liegen auf den Positionen Torhüter, Defensiv-Zentrum, Offensiv-Aussen und Offensiv-Zentrum grosso modo die Stammspieler an der Spitze, während Defensiv-Aussen sowie im Mittelfeld-Zentrum eher Spieler aus der zweiten Reihe / im Aufbau zur grössten Anzahl Spielminuten kamen.

Zu den erinnerungswürdigsten Partien gehörten das 3:1 gegen Rapperswil-Jona in der unbarmherzig brennenden Sonne von Eschenbach sowie das 4:1 in der RBL Akademie zu Leipzig, als der FCZ in der Saisonvorbereitung schnellen, direkten Konterfussball auf den Platz brachte. Dazu das 40 Jahr-Jubiläum mit Platzeinweihung des FC Wettswil-Bonstetten, als auf FCZ-Seite aus Personalnot sehr viel improvisiert werden musste. Insgesamt konnten sich 63 Spieler präsentieren. Henri Koide und Kedus Haile-Selassie haben mittlerweile einen Profivertrag beim FCZ unterschreiben dürfen. Von den anderen eingesetzten Talenten vermochten der spielerisch gute „Mittelfeldterrier“ Arlind Dakaj (18) sowie der grossgewachsene Innenverteidiger Andi Hoti (17) am meisten zu überzeugen, wobei letzterer mittlerweile zu Internazionale gewechselt ist. Vom gleichen Klub hat der FCZ umgekehrt im Frühling Wilfried Gnonto (16) verpflichtet, welcher bisher aber noch nicht zu einem Einsatz gekommen ist – genauso wie der beim Berater, Fussball-Accessoires-Händler und ehemaligen Winterthur-Idol Patrick Bengondo unter Vertrag stehende Tessiner Torhüter Thomas Candeloro (20), der seit Januar Teil des U21-Teams ist. Matteo Di Giusto (19) hat mittlerweile den Sprung in die Challenge League zu Vaduz geschafft. Es kamen auch Nachwuchsspieler wie Tanzillo, Fuchs oder Corvalan zum Einsatz, die realistischerweise wenig Chancen haben, sich wirklich aufzudrängen – oder andere wie Catari, Arghandewall oder Rexhepi, die aus unterschiedlichen Gründen stagniert haben.

Wer kann sich noch erinnern, dass William Le Pogam vor der Reaktivierung von Pa Modou Jagne als Linksverteidigerkandidat zu einem Testspieleinsatz (in Leipzig) kam? Heute spielt der ehemalige Servette- und Xamax-Linksverteidiger bei Stade Lausanne-Ouchy. Die Einsätze von Augsburg-Leihspieler Pedersen auf der gleichen Position waren auch in den Testpartien wenig erspriesslich. Levan Kharabadze vermochte verletzungsbedingt in der Rückrunde nicht mehr einzugreifen. Der im Sommer wenig überzeugende Testspieler Erdem Sen hat mittlerweile in der Winterpause beim Türkischen Zweitligisten Istanbulspor angeheuert. Nicht mehr beim FCZ sind mittlerweile neben Andi Hoti auch Denis Popovic (Krylia Sovetov Samara, Premier Liga), Nicolas Andereggen (CA Alvarado, Primera Nacional) und Stephen Odey (KRC Genk, Jupiler Pro League). Hadzikic, Kamberi, Rohner, Aliu, Khelifi und Ceesay sind verliehen. Die „auf dem Abstellgleis“ stehenden und teilweise in der U21 eingesetzten Sangoné Sarr und Yassin Maouche kamen ebenfalls zu wenigen Testeinsätzen in der Ersten Mannschaft. Und dann sind da noch Marvin Graf (24) und Michael Kempter (25). Zwei Spieler aus dem eigenen Nachwuchs, die sich den grössten Teil ihres längerfristigen und diesen Sommer dem Vernehmen nach auslaufenden Profivertrages mit hartnäckigen Verletzungen herumschlugen. Graf kam neben sechs Teileinsätzen in der U21 diese Saison auch im Test in Wettswil-Bonstetten als Rechtsverteidiger zum Einsatz, holte dabei mit einer Flanke einen Handspenalty heraus, und verursachte gleichzeitig das Kontergegentor des FCWB durch seinen ehemaligen U21-Teamkollegen Philipp Allemann. In der Rückrunde hat er beim FC Kosova Spielpraxis sammeln wollen. Der Philippinische Nationalspieler Michael Kempter hingegen rannte seit der Winterpause auf der „Problemposition“ links hinten während 511 Spielminuten und hat durchaus Einsatzchancen in den kommenden „Englischen“ Super League-Wochen.

Auf zuerilive.ch begann die Saison mit einer Neuerung: die Analyse der Spiele wurde nochmal stark ausgebaut und rund 20-30-minütige Videopodcasts zu jedem Spiel produziert. Dieses Setting musste nach der fünften Partie gegen St. Gallen aus Zeitgründen vorläufig wieder aufgegeben werden. Auch wenn es im Dezember nach dem 0:5 zu Hause gegen Servette nochmal zu einem weiteren Video-Podcast kam. Dank dem spontanen Entscheid im Sommer konnten Erfahrungen mit dem Format gesammelt werden. Klar ist: neben den üblichen Vorschauen, Live-Übertragungen, Interviews, Audio-Zusammenschnitten der Spiele, Analyse-Artikeln, Pre-Match Artikel zu den Aufstellungen, News, allgemeinen Themen, Testspielen, Organisation etc. auch noch zu jedem Spiel einen Video-Podcast zu erstellen, würde das Projekt Züri Live praktisch zu einem full-time Job machen, was es im ersten Monat der Saison dann auch war.

Für die Zukunft ist als realistischere Variante angedacht: eine monatliche oder zweimonatliche Gesprächsrunde in Form einer Live-Sendung, welche danach sowohl als Audio-Podcast wie (unterlegt mit Statistiken und Bildern) auch als Video-Podcast publiziert wird. Zum Ende der Hinrunde und zu Beginn der Rückrunde wurden die Spiele dann wieder im Detail analysiert und wie in den letzten Jahren üblich Analyse-Artikel publiziert. Dazwischen gab es aber 14 Wettbewerbsspiele, die aus Zeitgründen nicht analyisiert werden konnten. Diese Lücke in den Züri Live-Daten soll nun geschlossen werden, bevor es mit Fussball wieder weitergeht. Erinnert Euch somit nochmal zurück an die verschiedenen Phasen der Vorrunde und die Entwicklung des Teams…

Durch neu verpflichtete Spielertypen wie Mimoun Mahi, Blaz Kramer oder Denis Popovic verschob sich das Stärken-/Schwächen-Profil des Teams noch mehr in Richtung „Kontermannschaft“, was sich im Verlauf des heissen Sommers unter anderem in den Testspielen exemplarisch zeigte. Mehr denn je hatte der FCZ nun eine Mannschaft, deren Offensivleute im Spiel mit dem Ball Platz brauchen. Den fanden Kramer in der Regionalliga und Mahi in der Eredivisie, wo die Teams der unteren Tabellenhälfte im Vergleich zur Super League defensiv nur mässig gut organisiert auftreten, zur Genüge vor. Popovic hatte bereits in Orenburg in einer erfolgreichen Kontermannschaft gespielt. Ähnlich wie Antonio Marchesano kann der Slowene als Ballverteiler in so einem Team aufblühen. Gegen ein Offensiv-Pressing gegen kompakt agierende Gegner sprach zudem die eher niedrig entwickelte Laufstärke der Zürcher Offensivreihe.

Mit Nathan kam nach den Abgängen von Alain Nef und Andreas Maxsö ein Mentalitätsspieler für die Innenverteidigung. Ein weiterer Innenverteidiger wurde nicht verpflichtet, weil der FCZ grosse Stücke auf das ein Jahr zuvor verpflichtete Talent Becir Omeragic hält und somit das Quartett zusammen mit Umaru Bangura und Mirlind Kryeziu komplett war. Dass Willie Britto „erst“ mit 22 Jahren den Weg aus der Ivorischen Liga nach Europa zum FCZ fand, zeigt, dass er nie zu den grossen Talenten seines Landes gezählt hatte. Dafür bringt er viel Wucht in seinen Aktionen und einiges an Abgeklärtheit mit. Mit der Verpflichtung des spielerisch starken Vasilije Janjicic wollte man mit einer Rückholaktion auch einmal selbst von der eigenen Ausbildung profitieren und solche Spieler nicht immer nur der Konkurrenz überlassen. „Hilfreich“ waren dabei sicherlich die Schlagzeilen, die Janjicic in Hamburg neben dem Platz geliefert hatte. Damit wurde er im Gegensatz zu anderen FCZ-Talenten im Ausland für den Stadtclub erschwinglich und der Spieler selbst empfand die Rückkehr zum FCZ als einen persönlichen Schritt nach vorne.

Ganz entgegen der Erkenntnisse aus den Testspielen lief der FCZ dann aber im ersten Saisonspiel im Letzigrund gegen Lugano bei brütender Hitze den Gegner hoch an. Speziell Denis Popovic, welcher nicht die ganze Vorbereitung hatte mitmachen können, rückte jeweils zu spät auf seine Position, was die konterstarken Tessiner (Schlussresultat: 0:4) jeweils gnadenlos ausnutzten. Erschwerend kam hinzu, dass das speziell bei diesen Temperaturen wichtige erste Tor aufgrund eines unrechtmässigen Penaltys (Schwalbe Sabbatini) zustande gekommen war. Beim zweiten Spiel in Luzern (0:0) stand der FCZ deutlich tiefer als in der ersten Partie und kam auf diese Art und Weise einem Auswärtssieg nahe. Der FCZ hielt dabei gegen einen Gegner, mit dessen physischen Qualitäten man in den letzten Jahren häufig Probleme gehabt hatte, kämpferisch gut dagegen und liess kaum eine gegnerische Torchance zu. Drei erfolgsversprechende Umschaltsituationen wurden von Ref Klossner wegen angeblicher Foulspiele zu Unrecht unterbunden – und Marco Schönbächler blieb mit einem tollen Weitschuss der Lucky Punch knapp verwehrt.

In Sion (1:3) erhielt der FCZ beim Stand von 1:1 in der 71. Minute die Chance zum 2:1-Führungstreffer, aber der in der Vergangenheit über die Sion U21 den Sprung in den Profifussball schaffende Benjamin Kololli verschoss den (eher glücklich zugesprochenen) Penalty. Auch von der anschliessenden numerischen Überzahl (Unsportlichkeit des den Penalty „verursachenden“ Abdellaoui) konnte der FCZ nicht profitieren – im Gegenteil. Die Zürcher suchten aufgrund der Überzahl den Auswärtssieg zu hektisch-überhastet und verloren so die Partie durch zwei Treffer des ehemaligen GC-Juniors Kasami.  Gegen Xamax (2:2) hatte der FCZ genau wie in Sion numerische Überzahl und die besseren Torchancen. Schönbächler erzielte zudem zum ersten Mal seit einem Jahr wieder einmal ein Tor. Man vergab aber kurz vor Schluss durch ein „Tor des Jahres“ von Gaëtan Karlen die drei Punkte – auch weil (durch Mimoun Mahi) wie in Sion erneut ein Penalty verschossen wurde. Gegen das von seiner Spielweise her dem FCZ liegende St. Gallen kommt es im fünften Spiel dann zum ersten Saisonsieg (2:1). Böse Zungen behaupten, dass dieser nur zustande kam, weil Zürich nach dem Platzverweis des übermotivierten ehemaligen FCZ-Juniors Miro Muheim (der beim „Rückspiel“ vor der Winterpause zudem den frühen Führungstreffer des Stadtclubs ins eigene Netz ablenkte) nicht lange in Überzahl spielen „musste“, weil kurz darauf Mirlind Kryeziu ebenfalls Gelb-Rot sah. Vor allem aber vermochte man sich gegen den hoch pressenden Gegner gut hintenheraus zu lösen und dann die sich auftuenden Räume mit erfolgreichen Kontern zu nutzen.

 

Hier gehts zu Teil 2: „Not macht erfinderisch“

Hier gehts zu Teil 3: „Simon Sohm erobert Stammplatz“

Der FCZ scheint die Erkenntnisse der Saison 2018/19, speziell der letzten beiden Partien in Luzern (0:3) und gegen St. Gallen (1:1) in die Vorbereitung der neuen Spielzeit mitgenommen zu haben. Nach dem desolaten Auftritt vor allem des Zürcher Mittelfeldes mit dem Zentrum Sertic / Rüegg / Marchesano und den Seitenspielern Schönbächler / Kololli in Luzern gab es zu Hause gegen einen FC St. Gallen, welcher mit einem Sieg noch die direkte Europa League-Qualifikation hätte erreichen können, eine stark verbesserte Leistung – der FC Zürich hätte an den Chancen gemessen das Spiel sehr gut auch gewinnen können. In den sechs Testpartien vor der neuen Saison agierte FCZ-Coach Ludo Magnin nun konsequent mit der gleichen Grundaufstellung wie im St. Gallen-Spiel mit einem 4-4-2 beziehungsweise 4-4-1-1 – je nachdem, ob neben dem gesetzten Assan Ceesay Antonio Marchesano oder mit Blaz Kramer ein zweiter klassischer Mittelstürmer auf dem Feld stand.

Die Startaufstellung in Leipzig gibt einige Hinweise, wie der FCZ zum Saisonstart gegen Lugano am kommenden Sonntag beginnen könnte – also mit Marchesano. Wie im St. Gallen-Match standen zudem auch in Leipzig die beiden 18-jährigen Simon Sohm sowie Becir Omeragic in der Startformation. In beiden Fällen kann man sagen, dass sie nicht einfach nur spielen, weil sie jung sind, sondern sie machen das Team tatsächlich besser. Dies war bereits bei ihren Einsätzen letzte Saison zu sehen. Sohm vermag mit seiner aussergewöhnlichen Kombination von Qualitäten in den drei entscheidenden Bereichen des Fussballs (Technik, Speed, Physis) der Mannschaft mehr Spielkontrolle und Sicherheit zu geben. Omeragic agiert schon sehr abgeklärt und hat eine hohe Spielintelligenz. Er ist zwar gelernter Innenverteidiger, scheint aber zum jetzigen Zeitpunkt im Erwachsenenfussball rechts besser aufgehoben zu sein.

Es gibt aber auch Änderungen im Vergleich zum St.Gallen-Spiel. So agierte damals Toni Domgjoni im Zentrum neben Sohm – in der aktuellen Vorbereitung spielte der Stammspieler der letzten Saison aber kaum eine Rolle. Die Position neben Sohm ist für Neuverpflichtung Denis Popovic vorgesehen, der nach einem eher unglücklichen ersten Kurzeinsatz gegen Stuttgart sich bei RB Leipzig schon deutlich verbessert zeigte und die Qualitäten andeutete, die ihn letzte Saison zum Leistungsträger bei Orenburg in der Russischen Premier Liga gemacht haben. Salim Khelifi bestätigte als agiler Wirbelwind seine aufsteigende Form von Ende Rückrunde. Auf der anderen Flügelposition schwankt Benjamin Kololli weiterhin zwischen zu viel Nonchalance und torgefährlichen Offensivaktionen. Dem frischgebackenen Vater Mimoun Mahi fehlt es noch an Fokus und Handlungsschnelligkeit.

Die linke Seite mit dem offensiv ausgerichteten Kharabadze ist weiterhin ein defensiver Schwachpunkt. Zudem musste man sich im Verlauf der Vorbereitung immer wieder um die Abwehrreihe in corpore Sorge machen. Nef weg, Maxsø weg, Pa Modou weg, Rüegg noch verletzt, Mirlind Kryeziu völlig ausser Form, Kharabadze in der Rückwärtsbewegung im Schneckentempo unterwegs. Schon letzte Saison hatte man bei gegnerischen Standards über weite Strecken der Saison Mühe, da mit Maxsø und Nef nur zwei gute defensive Standards-Spieler vorhanden waren, von denen häufig nur einer auf dem Platz stand. Die Situation hat sich diesbezüglich noch weiter verschärft. Aktuell gibt es keinen Spieler mit den defensiven Standard-Qualitäten von Maxsø oder Nef im Kader. Der neuverpflichtete Nathan ist diesbezüglich zwar besser als die Anderen, aber nicht auf dem Niveau der beiden erwähnten Cracks. Der Brasilianer feierte in Leipzig sein Début im FCZ-Dress und zeigte, was man von ihm aus seinen Zeiten bei Servette und GC kennt – ein Spieler mit viel Mentalität und eher geringen technischen Fähigkeiten im Aufbauspiel – unter dem Strich aber sicherlich ein Spieler, welcher dieser Mannschaft gut tut.

Die auffälligste Änderung im FCZ-Spiel, auf die im Verlauf dieser Vorbereitung der Fokus gelegt wurde, war die tiefere Staffelung und das Konterspiel. Über viele Jahre war der FCZ eine Mannschaft gewesen, die das Spiel machen und den Ball haben will. In einzelnen Partien der letzten Saison probierte es Trainer Magnin bereits mit „tief stehen und lauern auf Kontergelegenheiten“, und dies funktionierte zum Beispiel beim 1:1 in der Vorrunde gegen den FC Basel grundsätzlich gut bis sehr gut. Allerdings war der FCZ unter allen Super League-Teams der letzten Saison in Sachen schnellem Umschalten in die Offensive so ziemlich die schlechteste Mannschaft. Darauf wurde nun daher in der Saisonvorbereitung ein spezieller Fokus gelegt – vor allem auch weil diese Spielweise der aktuellen Mannschaft eigentlich entgegenkommt.

Es ist daher kein Zufall, dass Assan Ceesay, der schon in seiner ersten Saison beim FCZ immer wieder gute Ansätze gezeigt und von den häufig eingesetzten Akteuren den drittbesten Züri Live-Notenschnitt gehabt hatte, in jedem Vorbereitungsspiel einen Treffer erzielte und alle 35 Minuten einen Skorerpunkt lieferte. Im schnellen Umschaltspiel fühlt sich der Gambier in seinem Element – nach dem Ballgewinn wird beim FCZ der Ball schnell zu Marchesano oder Aliu befördert, die das Leder dann in der Regel mit einer Ballberührung direkt in die Tiefe spielen. Da es in einer solchen Situation Räume hinter der Abwehr gibt, ist Schnelligkeit wichtiger als Präzision – der langbeinige Ceesay erläuft auch einen nicht hundertprozentig präzisen Ball.

Dies funktionierte in den Testpartien von Anfang an gut. Womit der FCZ aber diesen Sommer lange Zeit Mühe hatte, war die Rückwärtsbewegung und Staffelung bei gegnerischem Ballbesitz. Daran hat man ganz offensichtlich nun aber im Trainingslager im Inntal gearbeitet, denn in Leipzig war dieser Aspekt des Zürcher Spiels deutlich verbessert. Wenn man tief steht und die Staffelung gut ist, dann hat dies den zusätzlichen Vorteil, dass so die individuellen Mankos der Abwehrreihe besser kaschiert werden können. Auf den Auftakt gegen Lugano darf man daher auch aus taktischer Sicht gespannt sein, denn letzte Saison vermochte Lugano dem FCZ mit einer tiefen Staffelung und schnellem Umschaltspiel gleich 11 Punkte abzuknöpfen und liess kein einziges Gegentor zu. Schafft es der FCZ, die Tessiner mit deren eigenen Waffen zu schlagen?

 

Bereits in der Saison 2017/18 gehörten die beiden Aussenspieler Kevin Rüegg (19) und Pa Modou (28) zusammen mit Victor Palsson und Michael Frey zu den vier Spielern mit den meisten Einsätzen in Wettbewerbspartien. An diesem Status hat sich nichts geändert. Nach der Sommervorbereitung sieht alles danach aus, als könne der FCZ auf den Aussenpositionen von Kontinuität profitieren. Speziell Rüegg hat die goldene Chance, in der kommenden Saison beim FCZ einen entscheidenden nächsten Schritt in seiner Entwicklung zu machen. Schon in den Testspielen hat der 19-jährige angedeutet, dass er in Zukunft seine Schnelligkeit noch konsequenter und effizienter einzusetzen gedenkt. Gleichzeitig besteht noch viel Verbesserungspotential, beispielsweise in der Rückwärtsbewegung.

Nicht ohne Grund ist Trainer Magnin noch häufig mit seinem Schützling unzufrieden. Fabian Rohner ist auf der rechten Seite die Alternative, die aber wohl aktuell in erster Linie bei Rückstand (allenfalls auch als Sturmspitze) zum Zuge kommt. Der neu verpflichtete Hakim Guenouche (18) ist nicht nur einer der jüngsten, sondern wohl auch der leichtgewichtigste Spieler der Liga. Trotz seiner guten Technik scheint er einem Pa Modou noch nicht das Wasser reichen zu können. Dem Gambier unterlaufen zwar auch Fehler, aber er kann diese häufig gleich selbst wieder ausbügeln, was Guenouche bisher noch nicht gelingt.

Körperlich das Gegenstück zu Guenouche ist Mirlind Kryeziu. Mehrmals in der Testphase mussten sich Gegenspieler von einem Aufprall an der Zürcher «Wand» erholen. Es wäre keine Überraschung, wenn der 1,97m-Mann zum Saisonauftakt zusammen mit Neuverpflichtung Andreas Maxsø die Innenverteidigung bilden würde. Dies obwohl der Däne auf dem Platz noch nicht hundertprozentig ins Zürcher Spiel integriert scheint. In Abwesenheit der angeschlagenen Umaru Bangura und Becir Omeragic ist die Alternative dazu natürlich Alain Nef. Zu Beginn der Vorbereitung machte der Routinier einen sehr guten Eindruck, musste dann aber mit der Zeit der Intensität der Sommervorbereitung scheinbar doch etwas Tribut zollen. Im Idealfall wird die konditionelle Basisarbeit für den x-ten Frühling des Zürchers sorgen. Wird er wie schon in den letzten Saisons alle, die ihn bereits abgeschrieben haben, erneut düpieren? Je nach Grad der zurückkehrenden Spritzigkeit im Verlauf der kommenden Trainingswoche wäre auch Nef an Stelle von Maxsø in der Startaufstellung gegen Thun denkbar.

Dies natürlich vorausgesetzt, Ludo Magnin entscheidet sich nicht für eine Dreierabwehr zum Saisonstart. Kein Thema wird wohl zur Zeit in der Verteidigung Ilan Sauter (17) sein, der in den Testpartien nahtlos an seinen unglücklichen Auftritt im U18-Meisterschaftsfinal in Basel anknüpfte. Die Anzahl Innenverteidiger hat auch einen Einfluss auf die Besetzung des Zentralen Mittelfeldes mit zwei oder drei Mann. Neuverpflichtung Hekuran Kryeziu hat sich bisher bewährt, und wird ziemlich sicher als Stammspieler in die Saison starten. Toni Domgjoni bleibt ein sicherer Wert, der sich obendrein immer noch laufend weiterentwickelt. Und Izer Aliu scheint stark aufgeholt zu haben. Wenn er sein Potential abrufen kann, ist der 18-jährige mit seinen spielerischen Qualitäten und ausgezeichneten Standards potentiell eine Schlüsselfigur fürs Zürcher Offensivspiel – zumal er zusätzlich auch selbst einen guten Abschluss hat. Aliu, der in der abgelaufenen Rückrunde in fast jeder Partie zum Einsatz gekommen ist, wird immer mehr zu einem echten Stammplatzkandidaten – auch weil er den aktuell angeschlagenen Antonio Marchesano in Bezug auf die Leistung in der Defensiven Phase langsam zu überholen scheint.

Im Zentralen Mittelfeld ist mit Abstand am meisten Talent aus dem eigenen Nachwuchs vorhanden. Da schlummert viel Qualität, welche die 1. Mannschaft insgesamt stärker machen kann. Die erfahreneren Spieler braucht es tendenziell eher auf anderen Positionen. Dies auch weil mit dem «Sechser» Simon Sohm und dem spielerisch starken Bledian Krasniqi zwei Spieler aus der U18 nachstossen, die fussballerisch bereits heute Super League-Reife haben – gerade im mentalen Bereich allerdings noch etwas mehr Widerstandskraft benötigen. Der Reichtum an vielversprechenden Talenten im Zentrum setzt sogar Captain Victor Palsson sportlich unter Druck. Der Isländer kann weiterhin in der Innenverteidigung nicht überzeugen, auch wenn er immer wieder mal dort (aushilfsweise) eingesetzt wird. Auf seiner angestammten Position im Mittelfeld agiert er solider. Die vorderen Aussenspieler nehmen eher eine spielerische Rolle ein, da die schnellsten Zürcher Akteure wie Rohner, Rüegg oder Schönbächler in der Regel auf anderen Positionen eingesetzt werden. In die Tiefe geschickt werden soll in erster Linie der Aussenverteidiger.

Adrian Winter (32) hatte schon letzte Saison zunehmend Mühe. Die für sein Spiel so wichtige Schnelligkeit nimmt altersbedingt ab – und die Prozentzahl der Duelle, in denen er einen Schritt zu spät kommt, zu. Salim Khelifi kann für den FCZ zu einem Gewinn werden, wenn er die Fortschritte im läuferischen Bereich, die er in der 2. Bundesliga gemacht hat, auch in der Super League zum Tragen bringen kann. Speed ist aber genauso wenig seine Paradedisziplin, wie die von Stephen Odey, welcher in der Saisonvorbereitung ebenfalls hauptsächlich auf dem offensiven Flügel eingesetzt wurde, um seine Stärken im Aufbauspiel zum Tragen zu bringen. Anders der schnelle Maren Haile-Selassie, der gegen Vaduz über den linken Flügel das einzige FCZ-Tor der letzten drei Testspiele vorbereitete, zuvor aber vorwiegend im Zentralen Mittelfeld eingesetzt worden war.

Roberto Rodriguez’ Rolle war zuletzt hauptsächlich diejenige eines Offensiv-Jokers, der in der Schlussphase mit seinen spielerischen Mitteln bei Rückstand effektiv mithelfen kann, eine gegnerische Abwehrreihe zu knacken, oder bei Vorsprung den Ball in den eigenen Reihen weit weg vom eigenen Tor zu halten. In den Testspielen war erkennbar, dass dies eine vielversprechende Option für das Zürcher Trainerteam darstellen kann. In der Rangliste «Minuten pro Skorerpunkt» der Sommervorbereitung liegt Lavdim Zumberi (18) mit 45 Minuten pro Skorerpunkt an Erster Stelle. Bei seinem Teileinsatz gegen Rapperswil-Jona bewies der Offensive Mittelfeldspieler wie schon so häufig in der Vergangenheit mit einem präzisen Weitschuss seine Torgefährlichkeit. Da die Saison und der Trainingsbetrieb bei den Nachwuchsspielern im Frühling länger als bei den Profis dauert, konnte der erste Teil der Saisonvorbereitung mit der 1. Mannschaft für die Academy-Talente, welche zum erweiterten Kader des Fanionteams zählen, an ihre Saison 17/18  „angehängt“ werden. Schulische Verpflichtungen und Junioren-Nati kamen hinzu. Die (in der Regel kurzen) Ferien stehen darum jetzt an.

Michi Frey absolvierte eine solide Vorbereitung. In der Partie gegen den Ligakonkurrenten St. Gallen in Rüti, in welcher für die Mannschaft ganz offensichtlich das Resultat wichtiger war, als in anderen Tests, war der Sturmtank einer derjenigen Spieler, die ihr Team mitrissen. Überdurchschnittlich gut waren die Auftritte von Raphael Dwamena. Der Nationalstürmer, welcher mit Ghana nach Saisonende eine halbe Weltreise unternommen hatte, wirkt gereift. Testspieler Lassana N’Diayé, bei dem es noch offen ist, wo er nächste Saison spielen wird, wäre trotz seiner jugendlichen 17 Jahre eine Verstärkung, welche nur wenig Eingewöhnungszeit benötigen würde. Marco Schönbächler wurde analog Adi Winter (Cupfinal) in der Vorbereitung meist als laufstarker Stürmer im Duett mit Frey oder Dwamena eingesetzt. Erfreulich zu sehen waren sein Antritt und die Spielfreude. Bis aber Schönbi sein Selbstvertrauen im Abschluss wiederfindet, benötigt er wohl noch ein paar Spiele. Noch unklar ist, ob Yanick Brecher nach seinem Zusammenstoss mit dem Bochumer Pantovic auf den Saisonstart hin wieder bereit ist. Ersatz Andris Vanins hat beim Test in Vaduz zwei Tore kassiert und gegen Atromitos dann hinten «die Null» gehalten.

 

Nach der Winterpause hat die Anzahl der Testspiele des FCZ bereits beinahe wieder diejenige der Meisterschaftspartien erreicht. Und erfahrungsgemäss wird wohl im Frühling die ein oder andere weitere Begegnung dazukommen. Trotzdem ist es Zeit, schon mal eine kleine Zwischenbilanz der 16 Testbegegnungen (aufgrund nur je einer Halbzeit gegen Uster und Winterthur am Drei-Städte-Turnier 15 x 90 Minuten) zu ziehen. Roberto Rodriguez hat mit acht Toren und drei Assists in den Tests bisher deutlich am meisten Skorerpunkte erzielt. Zuletzt erzielte der Stadtzürcher beide Tore bei der “Hauptprobe“ der Stammelf in Altach und traf auch im Spiel davor gegen Shkendija nach Foul an Pa Modou vom Penaltypunkt. Weniger Minuten pro Skorerpunkt benötigten Dzengis Cavusevic (knapp), sowie Eric Tia, der bei seinem bisher einzigen Einsatz gegen Winterthur am Drei-Städte-Turnier vier Minuten nach seiner Einwechslung traf. In der Saison 16/17 war noch Moussa Koné der „Testspielkönig“ mit 20 Skorerpunkten in ebenso vielen Partien gewesen. Diesmal konnte der junge Senegalese bis zu seinem Transfer zu Dynamo Dresden in der Winterpause mit vier Toren und drei Assists nur noch etwa halb so häufig in den Freundschaftsspielen reüssieren.

Am meisten Testspielminuten verzeichnen bisher die drei Verteidiger Umaru Bangura, Alain Nef und Cédric Brunner. Viele Spieler wurden im Verlauf der Saison in den Tests auf mehr als einer Position eingesetzt. So beispielsweise Izer Aliu, der bis im Dezember in allen Mannschaften im Mittelfeldzentrum spielte, neu nun aber auf der Seite (meist links) eingesetzt wird, und in dieser Rolle auf Profiniveau wohl höhere Chancen hat, sich durchzusetzen. In der Saison 2016/17 war Aliu der Zentrale Mittelfeldspieler mit den meisten Einsatzminuten in Testspielen der Ersten Mannschaft gewesen (495 Minuten), in der aktuellen Saison hat der 18-jährige nun schon 523 Minuten Spielzeit erhalten. Seine Heranführung an Wettbewerbsspiele mit der 1. Mannschaft ist ein Langzeitprojekt. Ähnlich bei Fabian Rohner, der letzte Saison in Testpartien 433 Minuten gespielt hat (Nummer 4 auf dem Flügel offensiv nach Schönbächler, Winter und Rodriguez) und diese Saison nun auch schon 452 Minuten, wobei der 19-jährige mehr und mehr auf der hinteren Flügelposition eingesetzt wird. Immer wieder gebremst worden ist Rohner in den letzten Jahren durch gesundheitliche Probleme, ohne welche er wohl ziemlich sicher angesichts seiner Qualitäten gleichzeitig mit Kevin Rüegg den Durchbruch in der Ersten Mannschaft geschafft hätte. Es scheint, dass man diese Geschichte nun langsam in den Griff bekommt. Letztendlich, um noch kurz ein wenig philosophisch zu werden, hat der eigene Körper „immer Recht“. Und es ist wichtig, auf diesen zu hören, um dann auf einer soliden Grundlage den nächsten Schritt zu machen. Der vielseitige Albin Sadrijaj (20) hatte letzte Saison gar 565 Minuten in Tests gespielt, aktuell sind es wegen der Leihe nach Wohlen (inklusive Kreuzbandriss) naturgemäss nur 250 Minuten. Der saisonübergreifend verletzt gewesene Mirlind Kryeziu (21) hatte letzte Saison 180 Minuten, nun 270.