Beste Saisonleistung einer noch ausbaufähigen Mannschaft / YB – FCZ Analyse mit Randnotizen

UNTERSCHIEDLICHE FIEBERKURVE BEI FANS UND MEDIEN / YB – FCZ VORSCHAU (Züri Live)

Die Affiche YB – FCZ wurde einem Spitzenspiel gerecht. Die Intensität war für eine Super League-Partie hoch und die beiden Trainer hatten sich taktisch gerade auch in den Details einiges einfallen lassen. So schien sich beispielsweise der FCZ intensiv auf die YB-Standards vorbereitet zu haben, denn diese wurden in corpore so stark verteidigt, wie man dies beim FCZ noch kaum je gesehen hat. Nicht nur zwei oder drei Spezialisten hatten ihren Gegenspieler und ihre Aufgabe voll im Griff, sondern alle! Daniel Afriyie beispielsweise agierte stark im eigenen Strafraum. Es war ein tolles Teamwork.

Bisher beste Saisonleistung des FCZ

Auf der anderen Seite vermochte beispielsweise Ulisses Garcia als erster Gegenspieler der häufigen Zürcher Spieleröffnung mit den Kopfballweiterleitungen Lindrit Kamberis rechts im Mittelfeld etwas entgegen zu setzen. In der 1. Halbzeit schnitt der FCZ jedem YB-Flämmchen sofort die Sauerstoffzufuhr ab. Die Gelb-Schwarzen brachten kaum eine zusammenhängende Aktion zustande. Das FCZ-Pressing funktionierte besser als dasjenige YB’s. In der 2. Halbzeit konnte der FCZ dann wie üblich die Pace nicht im gleichen Ausmass durchhalten. Diesmal entfalteten aber Einwechselspieler wie Hornschuh, Guerrero oder Rohner etwas mehr Wirkung als in den letzten Partien.

Der Match in Bern ist mit einer Durchschnittsnote von 7,1 die beste Saisonleistung des FCZ (bisher Lugano (H, 3:0) und die Lausanne-Sport (A, 0:0) mit je 6,7). Und nur zwei Partien (ebenfalls “Lugano“ und “Lausanne-Sport“) waren offensiv besser. Die 1. Halbzeit in Bern ist zudem mit Note 7,0 die bisher beste Halbzeit der Saison (bisher 1. Halbzeit in Basel (6,8)). Der FCZ trat wieder im üblichen 3-4-3 mit Antonio Marchesano auf dem Rechten Flügel an. Der Spielaufbau von hinten lief über eine Viererabwehrreihe (Conceição als Linksverteidiger, Boranijasevic rückt nach vorne).

Wicky ändert sein Konzept für die Spiele gegen den FC Zürich und Manchester City

YB-Coach Raphael Wicky änderte für das Spitzenspiel gegen den FCZ und das Champions League-Heimspiel gegen Manchester City die taktische Formation und Ausrichtung mit einem 4-3-3 in der offensiven Phase (6er: Lauper, 8er: Ugrinic und Niasse, Flügel: Monteiro und Elia, Mittelstürmer: Nsamé / Itten). In der defensiven Phase presste YB in der gegnerischen Platzhälfte im 4-4-2 (Doppelsturm: Nsamé und Monteiro, Aussen-Mittelfeldspieler: Ugrinic und Elia), was sich in der eigenen Platzhälfte in ein 4-5-1 verwandelte (Monteiro zurück ins Mittelfeld). Da aber Sandro Lauper und Daniel Afriyie ganz offensichtlich den Auftrag hatten, sich gegenseitig in Manndeckung zu nehmen, rückte Lauper immer wieder in die Abwehrreihe zurück, wenn Afriyie seinen typischen Lauf von der 10er- auf die 9er-Position machte, woraus sich dann bei YB ein 5-4-1 ergab. Dies drängte die Berner noch mehr zurück.

Highlights – Knapp daneben

Personalien – Hornschuh is back

  • Marc Hornschuh: Erster Meisterschaftseinsatz seit Ende August, als er mit seinem Deckungsfehler gegen St. Gallen den späten Ausgleich mitverschuldete – und erstmals diese Saison in der Liga über mehr als zehn Minuten. Hornschuhs Einwechslung in Bern ist wichtig für die Sicherung des Unentschiedens und erinnert an seine besten Einsätze im FCZ-Dress. Früher hatte Hornschuh gegen YB meist Mühe mit dem hohen Tempo, diesmal nicht. Hornschuh ist ein weiterer Baustein einer langsam, aber sicher besser werdenden FCZ-Bank. Sie ist nicht mehr ganz so dünn besetzt wie noch im ersten Saisonviertel.
  • Lindrit Kamberi: Hat bei seinen Kopfballweiterleitungen der hohen Bälle Brechers mit Ulisses Garcia so viel Gegenwehr in der Luft wie bisher noch nie in dieser Saison.
  • Fabio Daprelà: Erstmals seit dem Startspiel gegen Yverdon in der 1. Halbzeit ungenügend. Ist weiterhin noch nicht wieder in der Form von Ende August / Anfang September.
  • Yanick Brecher: Durchschnittlicher Start im ersten Viertel, sein Offensivspiel wird danach deutlich besser. Seine langen, hohen Bälle kommen präzis bis fast an den gegnerischen Strafraum und versetzen das Spielgeschehen zusammen mit dem aggressiven Gegenpressing von Brechers Vorderleuten viel länger als YB lieb sein kann in die Platzhälfte der Berner. Zum dritten Mal MVP nach den Auswärtspartien in Genf und bei SLO und dabei erstmals mit der Offensiv-Maximalnote “10“. Defensiv war er hingegen erst in der 45. Minute zum ersten Mal richtig gefordert.
  • Ifeanyi Mathew: Nach dem defensiv schlechten Auftritt gegen Winterthur in Bern diesbezüglich wie verwandelt. Spielt von Beginn weg fokussiert und aufmerksam. Defensiv bester Mann beim FCZ und so gut wie bisher noch nie in dieser Saison.
  • Nikola Boranijasevic: Nach dem Auswärtsspiel bei SLO auf der Pontaise zum zweiten Mal der offensiv Beste seines Teams, beide Male mit Note “10“. Zum zweiten Mal nach dem Auswärtsspiel bei Lausanne-Sport bester Spieler der 1. Halbzeit. Wiederum eine gute Torchance (Marchesano) nach einem Boranijasevic-Einwurf.
  • Cheikh Condé: Condé lässt gegen YB zum ersten Mal seit dem St. Gallen-Heimspiel in der 2. Hälfte stark nach und ebenfalls zum ersten Mal seit dem Duell mit dem Zeidler-Team hat der Guineer eine schlechte Note in der Offensiven Phase. St. Gallen und YB sind die beiden Schweizer Teams mit dem stärksten Pressing. Gegen solche Gegner fehlt es ihm in gewissen Situation noch an der Entscheidungsschnelligkeit.
  • Jonathan Okita: Seine Standards sind weiterhin gut, aber aus dem Spiel heraus zu viele leichte Ballverluste. Versucht hohe Bälle wieder im Karate-Schritt statt mit der Stirn anzunehmen. Erstmals in dieser Saison bereits in der 1. Halbzeit ungenügend.
  • Armstrong Oko-Flex: Geht konsequenter ins Pressing, als Okita. Offensiv aber zum vierten Mal in Folge schlecht oder ungenügend.

Kommentare – FCZ wie ein Spitzenreiter

Randnotiz I – the missing link

Im aktuellen System des FCZ pendelt der zentrale Angreifer im 3-4-3 je nach Spielsituation und gegnerischer Taktik zwischen 10er- und 9er-Position – und dementsprechend auch die Formation zwischen einem 3-4-3 und 3-4-1-2. Wie vielfach im Eishockey sind es eher die einrückenden Flügel, welche für die Tore sorgen sollen – und nicht in erster Linie der Center. Nun gibt es aktuell auf keiner Position so viele Wechsel während einer Partie wie auf derjenigen im Sturmzentrum. Es ist keine Seltenheit, dass in den 90 Minuten plus Nachspielzeit drei verschiedene Spieler diese Position besetzen. Dies und die Spielweise des FCZ unter Bo Henriksen lassen erahnen, dass man die Idealbesetzung noch nicht gefunden hat. Unter André Breitenreiter war Antonio Marchesano gesetzt. Franco Foda und nun auch Bo Henriksen setzen Marchesano aber häufiger auf dem Rechten Flügel ein. Marchesano wird zwar von jedem Trainer aufgrund seiner Qualitäten als unverzichtbar angesehen, ob er aber eine Idealbesetzung für die zentrale Angriffsposition ist, da gehen die Meinungen offensichtlich auseinander.

Daniel Afriyie beginnt aktuell zwar jedes Spiel als Starter im Zentrum, wirkt dabei aber eher als eine Art Platzhalter, hat häufig wenig Bindung zum Spiel und zeigt seine besten Aktionen, wenn er über den Rechten Flügel angreifen kann – was aber genauso auch für Fabian Rohner gilt. Der Rechte Flügel ist somit vorne sicherlich gut besetzt. Links kann sich Oko-Flex hoffentlich mit zunehmenden Einsätzen als echte Konkurrenz zu Okita entwickeln. Die wohl weiterhin gesuchte Idealbesetzung Henriksens im Zentrum wäre wohl hingegen ein Stürmer vom Typ “Roko Simic“: ein grossgewachsener, spielstarker Mittelstürmer, der sich auch gerne zurückfallen lässt. Idealerweise wäre er zudem defensiv noch etwas besser als Simic. Nur: so einen Stürmertyp mit der für den FCZ benötigten Qualität zu finden und dann auch zu verpflichten grenzt an eine Herkules-Aufgabe. Vielleicht wäre “selber stricken“ eine Option? Zum Beispiel in Form von einem Nachwuchsstürmer aus der U21, Junior Ligue oder Labinot Bajrami, wenn sie es schaffen, in eine solche Rolle hineinzuwachsen… Der Vorteil eines Daniel Afriyie im Zentrum ist allerdings unter anderem seine Defensivqualität im Duell mit dem gegnerischen 6er, welche kaum ein anderer Stürmer in diesem Ausmass mitbringt – ein wichtiges Puzzleteil für die defensive Stabilität des FCZ.

Randnotiz II – Entscheidungen von Schiedsrichter und VAR

Weitere Berichte

Telegramm (transfermarkt)

VAR und Aluminium retten den FCZ (SRF)

Die Pfosten und das VAR retten den FCZ (Swissinfo)

Und am Ende witzelt der FCZ-Trainer (Landbote)

Der Spitzenkampf endet torlos (Tages-Anzeiger)

YB – Blum nach 0:0: «Gerecht gewesen, wenn wir gewonnen hätten» (Nau)

Dank Alu, VAR und Brecher – FCZ rettet Punkt in Bern (Blick)

YB – FCZ (Südkurve)

Unterschiedliche Fieberkurve bei Fans und Medien / YB – FCZ VORSCHAU

Direktbegegnungen im Überblick (dbfcz)

Die Fieberkurve steigt schon seit ein paar Tagen und die Vorfreude aufs Spitzenspiel YB – FCZ ist bei vielen Supportern gross. Die ersten zwei des aktuellen Spitzentrios (mit dem FC St. Gallen) treffen im Wankdorf aufeinander. Der FCZ ist als einziges Team noch ungeschlagen, YB nach Verlustpunkten Leader. Medial wird das Thema Spitzenspiel allerdings auf äusserst kleiner Flamme gekocht. Vorschauen gibt es so gut wie keine und bei der FCZ-Pressekonferenz war gerade mal ein Journalist anwesend. Sehr viel höher war das Journalisten-Interesse an YB’s Begegnung mit dem aktuellen Tabellenletzten vor der Nati-Pause. Das Fan-Interesse auf beiden Seiten spricht hingegen eine andere Sprache. Das Team von YB ist mit dem anstehenden Champions League-Heimspiel vom Mittwoch gegen Manchester City konfrontiert. Von Family & Friends werden die YB-Spieler in den letzten Tagen und Wochen immer wieder auf diese Partie angesprochen worden sein – unter anderem mit Ticketanfragen.

Ugrinic kopiert Okita

Die Analyse des Head-to-head fällt je nach zeitlicher Perspektive sehr unterschiedlich aus. Langfristig ist die Bilanz mit je 83 Siegen gemäss dbfcz.ch ausgeglichen. Mittelfristig hat YB (in der Super League-Ära) die Vorteile klar auf seiner Seite. Kurzfristig war der FCZ gegen YB hingegen erstaunlich erfolgreich mit drei Siegen, drei Unentschieden und nur einer Niederlage in den letzten sieben Duellen. Bo Henriksen hat gegen die Berner noch nie verloren. Nach Erwarteten Punkten, die sich aus den Erwarteten Toren und Gegentoren ergeben liegt YB in der aktuellen Super League-Tabelle nur auf dem 8. Platz. Erster müsste eigentlich St. Gallen sein, mit statistisch viereinhalb Punkten vor dem FCZ. YB lebt diese Saison bisher von der wohl stärksten Defensive der Liga und vorne der Abschlusseffizienz seiner Stürmer, die aus wenig Abschlüssen viele Tore machen. Am meisten Treffer der Liga hat aber weiterhin trotzdem der FCZ erzielt. Erst hatte Jonathan Okita einen Lauf und nun trifft Antonio Marchesano in jedem Spiel. Beide Teams sind gleichermassen stark bei Standards – und scheinen diesbezüglich manchmal auch voneinander abzugucken. Zumindest war Ugrinics Ausführung des Eckballes zum 1:0 von YB gegen den FCB (Torschütze: Nsamé) eine Kopie von Okitas Corner beim 1:0 Führungstreffer des FCZ in Luzern (Torschütze: Katic). Das Flügelspiel ist und bleibt Teil der YB-DNA – trotz eher aufs Zentrum fokussiertem Spielsystem mit Mittelfeldrhombus. So ist YB nun schon in der siebten Saison in Folge auf dem 1. Platz der Liga bei der Anzahl Flanken.

Beide Trainer können (fast) aus dem Vollen schöpfen

Da das Spiel nach der Nati-Pause stattfindet, wird YB-Coach Raphael Wicky seine beste aktuell zur Verfügung stehende Mannschaft auf den Platz schicken, Fraglich ist von den aktuellen Stammplatzkandidaten einzig Darian Males.

Beim FCZ ist die grösste offene Frage wohl die, ob auf der linken Seite Rodrigo Conceição oder Adrian Guerrero beginnt.

Eine Defensivleistung wie in Basel notwendig / YB – FCZ Vorschau

Nach der Sicherstellung des fünften Meistertitels in den letzten sechs Jahren ist YB mit 16 Titeln nur noch einen Meisterpokal von Servette entfernt. Die Genfer sind mit 17 Meisterschaften aktuell noch die Nummer Drei des Schweizer Fussballs. 5:1, 6:1, 2:0, 3:0, 4:0 – das sind die letzten Heimspielresultate von YB gegen Luzern, Servette, GC, Basel und Sion. Und dies obwohl Trainer Raphaël Wicky mittlerweile relativ viel rotiert und fast dem ganzen Kader die Chance gibt, sich unter Wettkampfbedingungen für die nächste Saison zu empfehlen. Wird Wicky wie zuletzt in Partien gegen den FCZ wieder seine taktische Formation ändern?

Chance für Selmin Hodza?

Der ehemalige FCZ-Captain Kevin Rüegg blieb diesbezüglich allerdings bisher noch aussen vor. Christian Fassnacht kehrt nach seiner Gelbsperre gegen St. Gallen zurück. Der Zürcher hat davor in drei Partien hintereinander das Tor getroffen und schiesst seine Treffer besonders gerne gegen den FC Zürich. Nur in drei Ligapartien dieser Saison hat YB keinen Treffer erzielt – und trotzdem in allen drei Fällen gepunktet.

Beim FCZ wird wohl Selmin Hodza, der zuletzt gute Leistungen gezeigt hat, in der Startformation stehen. Vorne könnte sich Coach Henriksen für eine Kombination des grossgewachsenen Simic mit dem schnellen Rohner entscheiden. Marchesano hat im St. Jakob Park auf der Achterposition neben Mathew eine gute Leistung gezeigt. Gegen den neuen Schweizer Meister benötigt es sicherlich wieder eine so kompakte Defensivleistung wie zuletzt in Basel oder wie beim 2:2 im Letzigrund gegen YB.

«Wir sind nicht Ajax»

Blick ins FCZ-Leistungszentrum. Grosses Interview mit dem Leiter Academy, Heinz Russheim – TEIL 2 von 4

U16 vor siegreichem Cupfinal gegen Team Vaud / Lausanne-Sport in Biel

Züri Live: Heinz Russheim, die 1. Mannschaft und die Frauen waren in der Saison 21/22 zusammen noch nie erfolgreicher. Wie lief es im Nachwuchs?

Heinz Russheim: In Bezug auf den sportlichen Erfolg: U16 Cupsieger und im Meisterschaftsfinal, U18 im Meisterschaftsfinal, U15 in der Ostgruppe auf dem 1. Rang, die 2. Mannschaft der U15 spielte ebenfalls in der Elitegruppe, war sogar vorne mit dabei – und erreichte zusätzlich den Cupfinal. Das ist der Beweis, dass gut gearbeitet wurde. Allerdings nicht in erster Linie in Bezug auf diese Saison. Man kann kurzfristig an gewissen Dingen schrauben, aber die Saat, die wir heute in der U15 bis U18 ernten, wurde vor drei bis vier Jahren gesetzt. Die Erfolge mit all diesen Teams sind schon ein klares Zeichen, dass wir zuvor auf der Stufe Footeco (FE-12 bis FE-14) sehr gut gearbeitet haben – und danach in der Academy auch.

Wir beobachten natürlich, was sich im Fussball entwickelt und wie wir uns in der Ausbildung verbessern können. Wir haben daher zuletzt wieder gewisse Anpassungen vorgenommen. Die Resultate davon ernten wir dann wiederum in etwa drei bis vier Jahren.

ZL: Ist zum Beispiel der physische Aspekt ein Bereich, den man noch mehr gewichten muss?

HR: Nein. In diesem Bereich sind wir schon seit Jahren top. Das Team um Dorjee Tsawa macht einen Riesenjob. Natürlich entwickeln wir uns weiter. Aber eine grosse Änderung haben wir nicht vorgenommen. Im Gegensatz zur Spielanalyse bei den Academy-Mannschaften. Das ist sozusagen das «i»-Pünktchen der Ausbildung: filmen und analysieren der eigenen Spiele, teilweise auch von Gegnern. Bis zur Coronapause haben wir zwar unsere Spiele auch gefilmt, besprochen und analysiert – aber nicht so wie heute. Letzte Saison haben wir da einen Sprung nach vorne gemacht. Auch die Betreuung der Talente mittels Talentmanagement wurde intensiviert.

ZL: Ich habe aber schon das Gefühl, dass beispielsweise YB bei der Selektion der Talente stärker auf den physischen Aspekt schaut.

HR: Das muss ich auch annehmen, wenn ich mich beispielsweise an den U18-Final erinnere, den wir zusammen in Bern gesehen haben. Möglicherweise wechseln dort auch einfach grössere Spieler aus der Region in den Klub. Dazu kommt: nur schon ein Südeuropäer ist im Vergleich mit einem Zentraleuropäer mit 16 Jahren im Schnitt körperlich weiter entwickelt. Bei afrikanischstämmigen Talenten ist es noch extremer. Beim U16-Final in Genf gegen Servette waren wir ja ebenfalls beide. Servette setzte acht afrikanischstämmige Spieler ein, sieben davon waren gleichzeitig auf dem Platz. Das macht einen Unterschied. Genf hat eine ganz andere Bevölkerungszusammensetzung als Zürich. Basel mit den grenznahen französischen und deutschen Gebieten auch. Das sind die Fakten. Schlussendlich ist es weder ein Vor-, noch ein Nachteil. Ich beschäftige mich nicht damit, was die Anderen allenfalls mehr haben. Wir schauen auf das, was wir haben. Wir haben eine gute Situation. Wenn allerdings all diese grossen, stämmigen Spieler bei YB und Servette dann tatsächlich in der 1. Mannschaft landen würden, müssten wir uns schon Gedanken machen. Das ist aber nicht der Fall. So relativiert sich das Ganze.

ZL: Auf Stufe Footeco gibt es keine Tabellen. In der Academy scheint der sportliche Erfolg aber durchaus auch ein wichtiger Aspekt zu sein. Ich hatte in den letzten Jahren das Gefühl, dass sich die FCZ Academy-Teams ähnlich wie die 1. Mannschaft in K.O.-Spielen im Vergleich zu normalen Wettbewerbspartien am meisten steigern. Wird im Hinblick auf die Profikarriere speziell ein Fokus darauf gelegt, dass die Talente lernen, im richtigen Moment die beste Leistung abzurufen?

HR: Grundsätzlich haben in der Academy die langfristigen Aspekte Vorrang vor den kurzfristigen. Während der regulären Meisterschaft arbeiten wir mit Sechs- oder Vierwochenplänen und wollen so das Beste herausholen. Man kann sich voll auf die Ausbildung fokussieren und das zahlt sich dann auch aus. In den Playoffs hingegen heisst es «heute oder nie», das Resultat ist am Tag X gefragt. Das beisst sich ja gegenseitig nicht.

ZL: Dieses «heute oder nie» kann man als Teil der Ausbildung betrachten…

HR: Für mich ist das mit den Playoffs in der Academy eine sehr gute Lösung des SFV. Nicht alle sind dieser Meinung, auch beim FCZ nicht. Das respektiere ich. Ich persönlich finde es gut. Es gibt dann nicht mehr ein «nächstes Spiel». In so einem Final wie gegen YB oder Servette mit der U18 oder U16 kann alles passieren. Aber neu werden die Playoff-Partien im Viertelfinal und Halbfinal ja in Hin- und Rückspiel ausgetragen. Wenn eine Mannschaft besser ist, setzt sie sich in zwei Spielen durch. In einem Spiel kann etwas Unvorhergesehenes passieren.

ZL: Allerdings hat Qualifikationssieger FCB U16 gegen den FCZ in den Playoffs im Hinspiel beim 2:6 einen schlechten Tag erwischt, und sie konnten diesen grossen Ausrutscher dann nicht mehr drehen…

HR: Ja, aber wenn man es richtig macht, passiert so etwas nicht. Wir haben es in dieser Partie richtig gemacht, Basel nicht so sehr. Sie waren bis dahin aufgrund der Tabelle klar die beste Mannschaft, hatten einen grossen Vorsprung. Dahinter herrschte aber eine grosse Leistungsdichte. Die Jungs müssen lernen, wie es ist, gewinnen zu MÜSSEN – nicht nur zu sollen oder zu wollen. Die Playoff-Situation ist attraktiv und in der Ausbildung wichtig. Selbst wenn wir vom FCZ nach der Qualifikation mal Erster sein sollten und am Ende dann eben nicht mehr. Dieses Jahr waren die Finalsieger in der Qualifikation beide besser klassiert, als die Finalgegner.

ZL: Die 2. Mannschaft auf Stufe U15 wurde vorhin kurz erwähnt. Wie wird diese zur Zeit überhaupt zusammengestellt?

HR: Über das Label müssen wir Partnerschaften haben. Wir haben eine Partnerschaft mit Red Star. Das ist nun quasi unsere dritte U15-Mannschaft. Vor zwei Jahren haben wir entschieden, einen Versuch zu machen mit 1. Mannschaft und 2. Mannschaft auf dieser Stufe. 21/22 gab es dann die Möglichkeit, dass die 2. Mannschaft («FCZ Oberland») in der gleichen Gruppe spielt, wie die Erste. Das gab es vorher nicht. Vorher waren alle Hauptvereine der Partnerschaften in der «Gruppe A». Jetzt gibt es neu eine West- und eine Ostgruppe. Damit es genug Teilnehmer gibt, wurde ermöglicht, dass drei Klubs auch eine 2. Mannschaft auf dieser Stufe anmelden dürfen. Aufgrund der Qualität, die wir zur Verfügung hatten, haben wir uns gemeldet. Wir waren nicht sicher, wie es rauskommen würde. Letztendlich können wir aber konstatieren: Top! Wir haben mit der 2. Mannschaft alle grossen Gegner zumindest ärgern können, Luzern und GC gar geschlagen. In der Liga waren wir mit dem «Zwei» vorne dabei und im Cup sogar im Final.

ZL: Registriert ist dieses Team aber unter dem FC Bauma….

HR: Das ist eine rechtliche Angelegenheit. Es darf nicht zwei Teams mit dem gleichen Namen geben. Wir wollten drei Mannschaften haben und deshalb haben wir neben Red Star noch einen Breitenfussballverein gesucht, der uns unterstützt.

ZL: 21/22 ist mir aufgefallen, dass sich einzelne Academy-Mannschaften zumindest phasenweise am aktuellen Spielsystem der 1. Mannschaft orientiert haben. Was ist da in der Academy die Grundidee? Soll langfristig durch den ganzen Klub ein System durchgängig umgesetzt werden oder sollen die Jungen eine Vielfalt an Systemen einüben?

HR: Man muss die Ausbildung immer wieder hinterfragen, sonst kommt man nicht vorwärts. Bis anhin haben wir es so gemacht, dass bis und mit U16 die gängigen Systeme umgesetzt wurden. U14 (als noch im 11er-Fussball gespielt wurde) und die U15 zwingend 4-4-2. Bei der U16 wird im Herbst ein halbes Jahr mit Dreierverteidigung ausgebildet, die Rückrunde dann mit Viererkette. Ab der U17 kann der Trainer frei entscheiden. Aus pädagogischen Gründen soll dabei aber mit demselben System mindestens sechs Wochen am Stück durchgespielt werden. Dann lernt man es besser, als wenn von Spiel zu Spiel immer wieder gewechselt wird. So sollte dann ein Spieler auch in taktischer Hinsicht für unsere 1. Mannschaft bereit sein. Wir haben nicht wie bei Ajax das Prinzip, dass der Klub das System der 1. Mannschaft bestimmt, und der Trainer sich danach zu richten hat. Wenn die Trainer in der 1. Mannschaft also unterschiedliche Ansätze verfolgen, müssen auch die Talente variabel ausgebildet werden.

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TEIL 1 von 4 – «Die Sozialkompetenz wird zu wenig berücksichtigt»

Gleich viele Pressing-Gegentore wie die ganze letzte Saison / YB – FCZ in der Züri Live-Analyse

Einer der FCZ-Erfolgsfaktoren der letzten Saison war die äusserst hohe Pressingresistenz. Ganze drei Pressing-Gegentore kassierte gemäss Züri LIve-Auswertung das Breitenreiter-Team in 39 Wettbewerbspartien: eines gegen GC, eines gegen Sion und eines gegen YB (alle in der Rückrunde). Nun hat man in einer einzigen Partie zum Auftakt bereits die gleiche Anzahl Pressing-Gegentore hinnehmen müssen. Gelegen hat dies unter anderem an der veränderten Spielweise sowohl von YB, wie auch des FCZ.

Von der Politik der Fehlervermeidung abgewichen

Letzte Saison mit Ex-Trainer André Breitenreiter spielte der FC Zürich einen konservativen Fussball, ganz unter dem Motto: „Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste“. Es wurde alles unternommen, um mögliche Fehlerquellen von vornherein auszuschliessen: jeder Spieler fokussierte sich darauf, was er am besten kann, keine Wechsel bei System und Personal, Einsatzzeit für junge Talente aus dem eigenen Nachwuchs nur in homöopathischen Dosen – und aus der eigenen Zone wurden die Bälle vorwiegend im hohen Bogen nach vorne geschlagen. Auf diese Art und Weise hatten die Gegner kaum mal eine echte Chance, in der Nähe des Zürcher Tores einen Ballgewinn verzeichnen zu können. Unter Franco Foda wurde gegen YB im Aufbauspiel wieder viel mehr flach gespielt – wie in den Zeiten vor Breitenreiter. Die einstudierten Spielzüge vom Abstosspunkt funktionierten dabei gut – trotz äussert hohem Pressing von YB bis beinahe an die Grundlinie. Sobald aber Improvisation ins Spiel kam und sich einzelne Spieler zu viel zutrauten, konnten die Bundesstädter in der 2. Halbzeit mehrere Male die Zürcher erfolgreich in die Pressingfalle laufen lassen.

Auswärtsresultate des FCZ bei YB in den letzten vier Jahren

Die andere Seite der Gleichung ist YB – ebenfalls mit neuem Trainer, Spielweise und Taktik. Vor genau fünf Jahren hatte dieser zum Saisonauftakt mit dem FCB im Wankdorf mit 0:2 verloren. Am Ende jener Saison hatte Basel zwar in der Champions League sowohl Manchester United als auch Manchester City geschlagen – in der nationalen Meisterschaft war die Vorherrschaft aber gebrochen. Die entscheidenden Niederlagen passierten rund um den Start in die Champions League-Saison und den Achtelfinal gegen ManCity. Trotzdem verloren die Rot-Blauen in jener Saison in Super League-Partien auch die Dominanz auf dem Platz und erlangten sie in der Folge auch nach Wicky nicht mehr zurück.

Wicky mit neuer Version der Köbi Kuhn-Nati bei YB

Wie in der Vorschau zur Saisonauftaktpartie geschrieben, ist Raphaël Wicky bekannt dafür, seine Mannschaften auf direktes Spiel durch die Mitte auszurichten. Als Aktiver war er in der Nationalmannschaft jahrelang zusammen mit Ricardo Cabanas einer der beiden Achter in einem als Rhombus formierten Mittelfeld. Die gleiche Grundformation liess Wicky nun auch zum Meisterschaftsauftakt gegen den FCZ auflaufen – mit ebenfalls einem Walliser (Sierro) und einem Zürcher (Fassnacht) in der Rolle von Wicky und Cabanas. Auch die Handschrift des neuen YB-Trainers ist zu erkennen: im Aufbauspiel erst Ballkontrolle in der eigenen Hälfte und dann möglichst mit One Touch-Fussball durch die Mitte. Die jahrelang typische YB-Spielweise über die Seiten mit vielen Flanken in den Strafraum wird stark reduziert. Gegen den FCZ gab es so gut wie keine Angriffe über rechts – Rechtsverteidiger Lewin Blum schien zeitweise nur als Staffage auf dem Platz zu stehen. Und bei den Angriffen, die über links mit Garcia und Sierro eingeleitet wurden, zog es die Berner in der gegnerischen Hälfte mit Läufen und Passspiel ebenfalls zwischen Mittelinie und gegnerischem Strafraum schnell mal zur Mitte.

Defensiv praktizierte YB gegen den FCZ ein hohes Pressing ähnlich dem des FC St. Gallen. Offensiv zeichnete sich ihr Spiel durch eine äusserst grosse Variabilität aus, wie man sie in den letzten Jahren kaum mal von einer Mannschaft in der Super League gesehen hat. YB hatte sich auf diese Startpartie hin einiges ausgedacht und wechselte zu Beginn im Spielaufbau in virtuoser Weise die Positionierungen. Wicky rief dabei in der Anfangsphase fast ununterbrochen Anweisungen auf den Platz. Der FC Zürich war darauf aber vorbereitet. Die Spieler hatten so präzise Anweisungen mit auf den Weg mitbekommen, dass sie zumindest in den ersten 18 Minuten in der von Breitenreiter übernommenen Manndeckung trotz ständig wechselnder Konstellationen in jeder Situation defensiv optimal standen. Das war genauso beeindruckend zu beobachten wie die variablen Spielformen YB’s. Irgendwann wurde es dann aber zu viel. Zwischen der 18. und 22. Minute gerieten die Zürcher auf dem wild rotierenden Berner Karussell aus der Balance und vermochten sich nur noch notdürftig festzuhalten. Dann stoppte Schiedsrichter Schärer das Karussell durch die Anordnung einer Trinkpause. Genau im richtigen Moment für den Stadtclub!

FCZ nutzt Pausen und taktische Umstellungen, um besser ins Spiel zu finden

Durch die Trinkpause gerieten die Bundesstädter etwas aus dem Rhythmus und der FCZ konnte sich danach aus der Umklammerung lösen. Foda hatte seinem Team mit illustrativer Hilfe seines Tablets zusätzliche Anweisungen mit auf den Weg gegeben. Offensiv lief nun für die Gäste mehr – mit dem vorläufigen Höhepunkt in der 39. Minute, als nach einem Ballgewinn Krasniqis im Angriffspressing der zu Beginn neben seinen Schuhen stehende Gnonto mit einem starken Solo in den Strafraum vordrang. Mit einer kollektiven Meisterleistung verhinderten die Gelb-Schwarzen den Zürcher Führungstreffer. Zesiger blockte reaktionsschnell Krasniqis Abschluss aus kurzer Distanz. Der Nachschuss von Tosin hätte dann drin sein müssen. Garcia warf sich aber im letzten Moment so in den Ball, dass der Schuss in der Geschwindigkeit stark abgebremst wurde, so dass ihn Von Ballmoos gerade noch zwischen seiner Hüfte und dem Kunstrasen einklemmen und dann wegspedieren konnte. Die Grosschance für den FCZ war auch deshalb zustandegekommen, weil er defensiv von Manndeckung im 3-4-1-2 auf Raumdeckung in einem 3-4-3 umgestellt und den Gegner damit etwas verwirrt hatte. Beim Berner Konter mit einer Vier gegen drei-Situation parierte Brecher den Versuch Fassnachts aus spitzem Winkel. In dieser Phase enervierte sich der ansonsten ruhige Franco Foda ein paar Mal an der Seitenlinie, weil seine Mannschaft mehrmals vielversprechende Umschaltmomente wegen Missverständnissen oder verpatzten Zuspielen in den Sand setzte.

Mit Beginn der 2. Halbzeit verschoben sich die Kräfteverhältnisse noch stärker zugunsten des FC Zürich, der nun die bessere Mannschaft auf dem Platz wurde – dank kontinuierlicher Steigerung und optimaler Nutzung der Trinkpause und Halbzeitpause. In der 52. Minute parierte YB-Keeper Von Ballmoos ein weiteres Mal mirakulös einen Kopfball Kamberis nach Marchesano-Corner. Vincent Sierro, der Kamberi ungenügend gedeckt hatte, lenkte dann auch noch den Nachschuss Krasniqis mit dem ausgestreckten Arm ab – Penalty! Diesen setzte Antonio Marchesano aber über den Kasten. Er führte den Elfmeter dabei nicht wesentlich anders aus, als bei den vielen erfolgreichen Versuchen in den letzten Jahren. Im Gegensatz zum letzten Sommer, als der Tessiner in der bisherigen Form seines Lebens war und unter anderem mit seinen Standards einen wichtigen Grundstock zum späteren Meistertitel legte, hat er nun zum ersten Spiel hin noch nicht zu seiner Bestform gefunden. Seine häufig unglücklichen Offensivaktionen im Spiel selbst spiegelten sich auch in diesem Penalty. Einsatz und Körpersprache sind aber wie immer top. Daher muss man sich um Marchesano keine Sorgen machen.

Historische Parallele: Das Team von Trainer Urs Fischer hatte 10/11 eine starke Saison hingelegt. Mit den damaligen 72 Punkten wäre man 21/22 souverän Meister geworden, aber damals reichte es um einen Punkt nicht. Zum Auftakt der neuen Saison 11/12 verschoss Xavier Margairaz mit einem Panenka-Versuch seinen Penalty und der FCZ verlor in Sion 0:1. In der Folge kam man gegen das belgische Standard in der Champions League-Qualifikation eine Runde weiter, als Admir Mehmedi im Rückspiel ebenfalls einen Penalty verschoss – danach aber aus dem Spiel heraus traf.

YB nutzt durch riskante Zürcher Wechsel entblösste Defensive

Der verschossene Penalty weckte in Bern zwar das Publikum auf. Auf dem Platz änderte sich aber vorläufig noch nicht viel. In der 60. Minute haute Kanga zum dritten Mal innert 15 Minuten ungeahndet einem Zürcher den Arm ins Gesicht (1x Aliti, 2x Kamberi) – Gelb erhielt Kamberi wegen Reklamierens. In den folgenden zwei Minuten schlichen sich bei Aliti und Kryeziu kleine Unpräzisionen ein, die schlussendlich zum Fehlpass von Condé in der eigenen Platzhälfte führten, den YB in der Person von Fassnacht zur 1:0-Führung nutzte. Von allen Gegnern gegen die der ehemalige FCZ-Junior in seiner Profikarriere mindestens sieben Mal gespielt hat, hat er nur gegen Lausanne-Sport eine vergleichbare Bilanz an Skorerpunkten pro Spiel (0,65) wie gegen den FCZ.

In der Folge war die Partie ausgeglichen. Mit dem Dreifachwechsel in der 72. Minute ging FCZ-Trainer Foda dann relativ früh viel Risiko ein. Es standen nun mit Okita, Tosin, Gnonto, Rohner und Marchesano fünf Mann auf dem Feld, die in der Vorbereitung weitgehend im Sturm gespielt hatten. Vor allem das Mittelfeldzentrum mit dem nach vorne orientierten Marchesano und dem in der Vorbereitung auf dieser Position schlecht spielenden Hornschuh wurde sehr schnell löchrig. So konnten in der 77. Minute Niasse und Fassnacht locker mit Doppelpass durchs Zentrum durchkombinieren. Man kann dabei nicht mal den Vergleich „wie im Training“ verwenden, denn selbst im Training geht das nicht so einfach. So war für Niasse unbedrängt in zentraler Position 30 Meter vor dem Tor ein flaches Zuspiel nach rechts auf Itten möglich, welcher seinen Raum nutzte und den wie immer sehr lauffreudigen Guerrero im Stile eines Nationalspielers aussteigen liess. Nicht zwingend die Umstellung auf ein 4-4-2 aber in erster Linie die personelle Besetzung dieses 4-4-2 war für einen so frühen Zeitpunkt zu riskant. Dazu kam, dass Hornschuh seine Rolle als defensives Gewissen im Mittelfeld wie schon in den Testspielen überhaupt nicht wahrnehmen konnte. In der Phase davor hatte der FCZ eine Fifty-Fifty Chance auf den Ausgleich gehabt. Nach dem 0:2 hingegen war die Partie verloren.

Kamberi und Krasniqi mit reifer Leistung

Ein Teil des Problems wurde dabei mit der Transferpolitik in Kauf genommen. Man hat Spieler mit einer etwas höheren Qualität verpflichtet, als man normalerweise mit den finanziellen Mitteln des FCZ bekommen könnte, dafür brauchen diese Spieler aus unterschiedlichen Gründen alle noch etwas Anlaufzeit. Dies in Übereinstimmung mit der Kommunikation, dass man in erster Linie ein Kader „für die Super League“ zusammenstelle, also für den Zeitrahmen Juli bis Mai. Dadurch fehlen Foda zum Saisonstart teilweise etwas die valablen Alternativen. Im Gegensatz zu YB, wo die hochkarätigen Einwechselspieler die Entscheidung brachten, führten beim FCZ die Einwechslungen zu einem Leistungsabfall.

Grundsätzlich hat der neue Trainer Foda einiges von den Stärken des letztjährigen Teams übernommen. Man überliess dem Gegner weitgehend den Ball und setzte auf schnelles Umschaltspiel durch die Mitte – und nutzte dabei die Tatsache, dass YB nur mit einem Sechser und defensiv nicht so starken Achtern spielte. Die üblichen FCZ-Leistungsträger waren aber noch nicht in Form. Speziell beim Meisterspiel in Basel führten die immer volle Rückendeckung geniessenden Captains Brecher, Marchesano, Dzemaili die Mannschaft mit guten Leistungen an. Nun zum Saisonauftakt bei YB war Dzemaili nicht auf dem Platz, Marchesano und Brecher waren nicht in Bestverfassung. Dafür konnten Lindrit Kamberi und Bledian Krasniqi überzeugen. Beide lieferten ihre bisher wohl reifste Leistung im FCZ-Trikot ab und scheinen in kurzer Zeit einen wichtigen Schritt nach vorne gemacht zu haben. Die Durchschnittsnote 4,9 ist allerdings so tief wie nur einmal letzte Saison: in der zweitletzten Partie in Lugano. Trotzdem wäre ein Punktgewinn durchaus verdient gewesen, angesichts des Expected Goals-Verhältnisses von 2,0 : 2,11 aus Sicht des FCZ. Speziell die Stürmer agierten aber im Vergleich zur letzten Saison vorderhand zu wenig effizient im Abschluss. Positiv zu bemerken ist, dass die Mannschaft auch gegen einen in dieser Disziplin sehr starken Gegner wie YB die Eckbälle wie in der Meistersaison weiterhin gut verteidigt.



FCZ kann von Kontinuität profitieren / YB – FCZ Saisonauftakt Vorschau

Wie hier auf Züri Live letzte Saison analysiert, zeichnen sich tendenziell in der Super League die (gemessen an ihrem Möglichkeiten) erfolgreichen Teams durch Konstanz bezüglich Personal, Formation und Spielweise aus. Unkonstanz bei diesen Faktoren kann dabei auf drei Weisen zustande kommen.

  1. Bewusst gewählte Flexibilität und Pröbeln sowie Ausrichtung an der Spielweise der Gegner
  2. Durch externe Faktoren wie Verletzungen oder die Spielweise von dominanten Gegnern aufgezwungen
  3. Durch Misserfolg bewirkte (mehr oder weniger verzweifelte) Suche nach dem richtigen Rezept

Rrudhani ein Gewinner der Vorbereitung – Fragezeichen Lustenberger

Vom italienischen Fussball beeinflusste Trainer scheinen dabei am stärksten Flexibilität und taktische Ausrichtung am Gegner anzustreben (Punkt 1). Paolo Tramezzani (Sion) und Mattia Croci-Torti (Lugano) waren dafür die Paradebeispiele – mit unterschiedlichem Erfolg. Dies auch weil Lugano nur in Sachen taktischer Formation sehr flexibel war, bezüglich Spielweise und vor allem personell im Vergleich zu Sion hingegen sehr konstant. Punkt 3 traf letzte Saison am meisten auf Lausanne zu. Luzern wurde mit dem Trainerwechsel zu Mario Frick ab der Winterpause taktisch und personell deutlich konstanter. YB hatte durch die vielen Verletzungen im personellen Bereich wenig Konstanz.

Eine Auszeichnung für den FCZ war, dass YB speziell in den Spielen gegen das Letzigrund-Team seine ansonsten meist konstante Taktik anpasste um unter anderem das Mittelfeldzentrum zu verstärken. Im Verlauf der letzten Saison war auf einmal YB das Team, das einen halben Schritt hinterherzuhinken schien, auf den FCZ reagieren musste, nach Lösungen suchte, aber keine fand. Auf die neue Saison hin haben die Berner versucht, durch den Zuzug von prominenten Schweizer Spielern die Balance im Team zu verbessern. Denn Fabian Lustenberger ist neben Neu-Trainer Wicky das wohl grösste Fragezeichen. Schafft er es nochmal in die Rolle zu schlüpfen, die einst Steve Von Bergen inne hatte? Zur Sicherheit hat man auf jeden Fall Benito, Itten und Ugrinic verpflichtet, um die Lücke allenfalls kollektiv kompensieren zu können. Die vierte Neuverpflichtung Donat Rrudhani könnte man zudem nach ersten Eindrücken als Gewinner der Vorbereitung bezeichnen.

Möglicherweise vertauschte Rollenverteilung zwischen Nsamé und Elia

YB ist aus den Meistersaisons bekannt für ihr druckvolles Spiel über die Seiten. Der neue Trainer Wicky hingegen eher für direktes Spiel durch die Mitte. In der Vorbereitung hat man bereits sehen können, dass sich das YB-Spiel wohl zentraler abspielen wird, als bisher, ohne dass die Seiten ausser Acht gelassen werden. Im Pressing formieren sich die Gelb-Schwarzen enger als bisher in einem Mittelfeld-Rhombus. Auch mit Ball ist die Raum- und Aufgabenverteilung zwischen dem zurückstaffelnden Zentralen Mittelfeldspieler (Niasse) und dem vorstossenden (Rieder) klarer als bis anhin, so dass man zumindest phasenweise im Spiel von einem echten Sechser und einem echten Zehner sprechen kann.

Das Personal mit den gerne nach innen ziehenden Neuverpflichtungen Ugrinic und Rrudhani trägt noch zusätzlich zu einer stärkeren Gewichtung des Zentrums bei. Lustenberger hat seinen Platz wohl nicht auf sicher. Der guineische Nationalspieler Camara stünde als allfälliger Ersatz bereit. Rrudhani ist eine valable Option sowohl auf der Seite, als auch auf der offensiven Zentrumsposition. Rückkehrer Jean-Pierre Nsamé könnte sich zumindest zu Beginn stärker auf die Torvorbereitung fokussieren, und auf den Seiten oder zwischen den Linien anbieten. Die Zürcher Innenverteidigung muss als Zielspieler im Zentrum dann in erster Linie Meschack Elia im Auge behalten, der letzte Saison in der Vorrunde einer der besten Spieler der Liga war.

FCZ: Kontinuität mit zusätzlichen Optionen

Für den FCZ gibt es hingegen keinen Grund, die Position der Stärke und Eingespieltheit preiszugeben. Dass sich die anderen Teams am FCZ orientieren müssen, hat man sich letzte Saison erarbeitet und nach dem bisherigen Verlauf des Sommers alle Möglichkeiten, die Kontinuität als Erfolgsfaktor weiter zu kultivieren. Wie dies YB und davor der FCB jahrelang gemacht haben. 2021-22 agierte der FC Zürich konstant im 3-4-1-2. Dabei waren neun Spieler gesetzt. Nur auf je einer Position im Zentralen Mittelfeld und im Sturm wurde phasenweise zwischen zwei bis drei Spielern rotiert. Die Situation hat sich nicht geändert. Das Grundgerüst um Antonio Marchesano und die beiden Aussenläufer Adrian Guerrero und Nikola Boranijasevic steht. Ousmane Doumbia wird durch den Externen Cheick Condé ersetzt, Assan Ceesay durch die interne Lösung Aiyegun Tosin. Und es sind weiterhin die gleichen zwei Positionen, die nicht fix „vergeben“ sind.

Man kann davon ausgehen, dass Franco Foda nicht alles auf den Kopf stellen wird, sondern klugerweise das, was funktioniert hat, weiter bewirtschaftet. Vor allem im Spielverlauf wird Foda aber wohl mehr taktische Wechsel vornehmen als Breitenreiter. Unter anderem zeichnet sich ab, dass beispielsweise bei Rückstand typischerweise auf einen Dreimannsturm mit den Flügeln Rohner und Okita umgestellt werden könnte. Und so wie YB wohl etwas mehr durchs Zentrum spielen wird, ohne das Spiel über die Seiten aufzugeben, wird der FCZ umgekehrt mehr über die Seiten spielen, aber das schnelle Umschaltspiel durch die Mitte je nach Gegner und Spielphase trotzdem beibehalten.

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