Einer der FCZ-Erfolgsfaktoren der letzten Saison war die äusserst hohe Pressingresistenz. Ganze drei Pressing-Gegentore kassierte gemäss Züri LIve-Auswertung das Breitenreiter-Team in 39 Wettbewerbspartien: eines gegen GC, eines gegen Sion und eines gegen YB (alle in der Rückrunde). Nun hat man in einer einzigen Partie zum Auftakt bereits die gleiche Anzahl Pressing-Gegentore hinnehmen müssen. Gelegen hat dies unter anderem an der veränderten Spielweise sowohl von YB, wie auch des FCZ.

Von der Politik der Fehlervermeidung abgewichen

Letzte Saison mit Ex-Trainer André Breitenreiter spielte der FC Zürich einen konservativen Fussball, ganz unter dem Motto: „Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste“. Es wurde alles unternommen, um mögliche Fehlerquellen von vornherein auszuschliessen: jeder Spieler fokussierte sich darauf, was er am besten kann, keine Wechsel bei System und Personal, Einsatzzeit für junge Talente aus dem eigenen Nachwuchs nur in homöopathischen Dosen – und aus der eigenen Zone wurden die Bälle vorwiegend im hohen Bogen nach vorne geschlagen. Auf diese Art und Weise hatten die Gegner kaum mal eine echte Chance, in der Nähe des Zürcher Tores einen Ballgewinn verzeichnen zu können. Unter Franco Foda wurde gegen YB im Aufbauspiel wieder viel mehr flach gespielt – wie in den Zeiten vor Breitenreiter. Die einstudierten Spielzüge vom Abstosspunkt funktionierten dabei gut – trotz äussert hohem Pressing von YB bis beinahe an die Grundlinie. Sobald aber Improvisation ins Spiel kam und sich einzelne Spieler zu viel zutrauten, konnten die Bundesstädter in der 2. Halbzeit mehrere Male die Zürcher erfolgreich in die Pressingfalle laufen lassen.

Auswärtsresultate des FCZ bei YB in den letzten vier Jahren

Die andere Seite der Gleichung ist YB – ebenfalls mit neuem Trainer, Spielweise und Taktik. Vor genau fünf Jahren hatte dieser zum Saisonauftakt mit dem FCB im Wankdorf mit 0:2 verloren. Am Ende jener Saison hatte Basel zwar in der Champions League sowohl Manchester United als auch Manchester City geschlagen – in der nationalen Meisterschaft war die Vorherrschaft aber gebrochen. Die entscheidenden Niederlagen passierten rund um den Start in die Champions League-Saison und den Achtelfinal gegen ManCity. Trotzdem verloren die Rot-Blauen in jener Saison in Super League-Partien auch die Dominanz auf dem Platz und erlangten sie in der Folge auch nach Wicky nicht mehr zurück.

Wicky mit neuer Version der Köbi Kuhn-Nati bei YB

Wie in der Vorschau zur Saisonauftaktpartie geschrieben, ist Raphaël Wicky bekannt dafür, seine Mannschaften auf direktes Spiel durch die Mitte auszurichten. Als Aktiver war er in der Nationalmannschaft jahrelang zusammen mit Ricardo Cabanas einer der beiden Achter in einem als Rhombus formierten Mittelfeld. Die gleiche Grundformation liess Wicky nun auch zum Meisterschaftsauftakt gegen den FCZ auflaufen – mit ebenfalls einem Walliser (Sierro) und einem Zürcher (Fassnacht) in der Rolle von Wicky und Cabanas. Auch die Handschrift des neuen YB-Trainers ist zu erkennen: im Aufbauspiel erst Ballkontrolle in der eigenen Hälfte und dann möglichst mit One Touch-Fussball durch die Mitte. Die jahrelang typische YB-Spielweise über die Seiten mit vielen Flanken in den Strafraum wird stark reduziert. Gegen den FCZ gab es so gut wie keine Angriffe über rechts – Rechtsverteidiger Lewin Blum schien zeitweise nur als Staffage auf dem Platz zu stehen. Und bei den Angriffen, die über links mit Garcia und Sierro eingeleitet wurden, zog es die Berner in der gegnerischen Hälfte mit Läufen und Passspiel ebenfalls zwischen Mittelinie und gegnerischem Strafraum schnell mal zur Mitte.

Defensiv praktizierte YB gegen den FCZ ein hohes Pressing ähnlich dem des FC St. Gallen. Offensiv zeichnete sich ihr Spiel durch eine äusserst grosse Variabilität aus, wie man sie in den letzten Jahren kaum mal von einer Mannschaft in der Super League gesehen hat. YB hatte sich auf diese Startpartie hin einiges ausgedacht und wechselte zu Beginn im Spielaufbau in virtuoser Weise die Positionierungen. Wicky rief dabei in der Anfangsphase fast ununterbrochen Anweisungen auf den Platz. Der FC Zürich war darauf aber vorbereitet. Die Spieler hatten so präzise Anweisungen mit auf den Weg mitbekommen, dass sie zumindest in den ersten 18 Minuten in der von Breitenreiter übernommenen Manndeckung trotz ständig wechselnder Konstellationen in jeder Situation defensiv optimal standen. Das war genauso beeindruckend zu beobachten wie die variablen Spielformen YB’s. Irgendwann wurde es dann aber zu viel. Zwischen der 18. und 22. Minute gerieten die Zürcher auf dem wild rotierenden Berner Karussell aus der Balance und vermochten sich nur noch notdürftig festzuhalten. Dann stoppte Schiedsrichter Schärer das Karussell durch die Anordnung einer Trinkpause. Genau im richtigen Moment für den Stadtclub!

FCZ nutzt Pausen und taktische Umstellungen, um besser ins Spiel zu finden

Durch die Trinkpause gerieten die Bundesstädter etwas aus dem Rhythmus und der FCZ konnte sich danach aus der Umklammerung lösen. Foda hatte seinem Team mit illustrativer Hilfe seines Tablets zusätzliche Anweisungen mit auf den Weg gegeben. Offensiv lief nun für die Gäste mehr – mit dem vorläufigen Höhepunkt in der 39. Minute, als nach einem Ballgewinn Krasniqis im Angriffspressing der zu Beginn neben seinen Schuhen stehende Gnonto mit einem starken Solo in den Strafraum vordrang. Mit einer kollektiven Meisterleistung verhinderten die Gelb-Schwarzen den Zürcher Führungstreffer. Zesiger blockte reaktionsschnell Krasniqis Abschluss aus kurzer Distanz. Der Nachschuss von Tosin hätte dann drin sein müssen. Garcia warf sich aber im letzten Moment so in den Ball, dass der Schuss in der Geschwindigkeit stark abgebremst wurde, so dass ihn Von Ballmoos gerade noch zwischen seiner Hüfte und dem Kunstrasen einklemmen und dann wegspedieren konnte. Die Grosschance für den FCZ war auch deshalb zustandegekommen, weil er defensiv von Manndeckung im 3-4-1-2 auf Raumdeckung in einem 3-4-3 umgestellt und den Gegner damit etwas verwirrt hatte. Beim Berner Konter mit einer Vier gegen drei-Situation parierte Brecher den Versuch Fassnachts aus spitzem Winkel. In dieser Phase enervierte sich der ansonsten ruhige Franco Foda ein paar Mal an der Seitenlinie, weil seine Mannschaft mehrmals vielversprechende Umschaltmomente wegen Missverständnissen oder verpatzten Zuspielen in den Sand setzte.

Mit Beginn der 2. Halbzeit verschoben sich die Kräfteverhältnisse noch stärker zugunsten des FC Zürich, der nun die bessere Mannschaft auf dem Platz wurde – dank kontinuierlicher Steigerung und optimaler Nutzung der Trinkpause und Halbzeitpause. In der 52. Minute parierte YB-Keeper Von Ballmoos ein weiteres Mal mirakulös einen Kopfball Kamberis nach Marchesano-Corner. Vincent Sierro, der Kamberi ungenügend gedeckt hatte, lenkte dann auch noch den Nachschuss Krasniqis mit dem ausgestreckten Arm ab – Penalty! Diesen setzte Antonio Marchesano aber über den Kasten. Er führte den Elfmeter dabei nicht wesentlich anders aus, als bei den vielen erfolgreichen Versuchen in den letzten Jahren. Im Gegensatz zum letzten Sommer, als der Tessiner in der bisherigen Form seines Lebens war und unter anderem mit seinen Standards einen wichtigen Grundstock zum späteren Meistertitel legte, hat er nun zum ersten Spiel hin noch nicht zu seiner Bestform gefunden. Seine häufig unglücklichen Offensivaktionen im Spiel selbst spiegelten sich auch in diesem Penalty. Einsatz und Körpersprache sind aber wie immer top. Daher muss man sich um Marchesano keine Sorgen machen.

Historische Parallele: Das Team von Trainer Urs Fischer hatte 10/11 eine starke Saison hingelegt. Mit den damaligen 72 Punkten wäre man 21/22 souverän Meister geworden, aber damals reichte es um einen Punkt nicht. Zum Auftakt der neuen Saison 11/12 verschoss Xavier Margairaz mit einem Panenka-Versuch seinen Penalty und der FCZ verlor in Sion 0:1. In der Folge kam man gegen das belgische Standard in der Champions League-Qualifikation eine Runde weiter, als Admir Mehmedi im Rückspiel ebenfalls einen Penalty verschoss – danach aber aus dem Spiel heraus traf.

YB nutzt durch riskante Zürcher Wechsel entblösste Defensive

Der verschossene Penalty weckte in Bern zwar das Publikum auf. Auf dem Platz änderte sich aber vorläufig noch nicht viel. In der 60. Minute haute Kanga zum dritten Mal innert 15 Minuten ungeahndet einem Zürcher den Arm ins Gesicht (1x Aliti, 2x Kamberi) – Gelb erhielt Kamberi wegen Reklamierens. In den folgenden zwei Minuten schlichen sich bei Aliti und Kryeziu kleine Unpräzisionen ein, die schlussendlich zum Fehlpass von Condé in der eigenen Platzhälfte führten, den YB in der Person von Fassnacht zur 1:0-Führung nutzte. Von allen Gegnern gegen die der ehemalige FCZ-Junior in seiner Profikarriere mindestens sieben Mal gespielt hat, hat er nur gegen Lausanne-Sport eine vergleichbare Bilanz an Skorerpunkten pro Spiel (0,65) wie gegen den FCZ.

In der Folge war die Partie ausgeglichen. Mit dem Dreifachwechsel in der 72. Minute ging FCZ-Trainer Foda dann relativ früh viel Risiko ein. Es standen nun mit Okita, Tosin, Gnonto, Rohner und Marchesano fünf Mann auf dem Feld, die in der Vorbereitung weitgehend im Sturm gespielt hatten. Vor allem das Mittelfeldzentrum mit dem nach vorne orientierten Marchesano und dem in der Vorbereitung auf dieser Position schlecht spielenden Hornschuh wurde sehr schnell löchrig. So konnten in der 77. Minute Niasse und Fassnacht locker mit Doppelpass durchs Zentrum durchkombinieren. Man kann dabei nicht mal den Vergleich „wie im Training“ verwenden, denn selbst im Training geht das nicht so einfach. So war für Niasse unbedrängt in zentraler Position 30 Meter vor dem Tor ein flaches Zuspiel nach rechts auf Itten möglich, welcher seinen Raum nutzte und den wie immer sehr lauffreudigen Guerrero im Stile eines Nationalspielers aussteigen liess. Nicht zwingend die Umstellung auf ein 4-4-2 aber in erster Linie die personelle Besetzung dieses 4-4-2 war für einen so frühen Zeitpunkt zu riskant. Dazu kam, dass Hornschuh seine Rolle als defensives Gewissen im Mittelfeld wie schon in den Testspielen überhaupt nicht wahrnehmen konnte. In der Phase davor hatte der FCZ eine Fifty-Fifty Chance auf den Ausgleich gehabt. Nach dem 0:2 hingegen war die Partie verloren.

Kamberi und Krasniqi mit reifer Leistung

Ein Teil des Problems wurde dabei mit der Transferpolitik in Kauf genommen. Man hat Spieler mit einer etwas höheren Qualität verpflichtet, als man normalerweise mit den finanziellen Mitteln des FCZ bekommen könnte, dafür brauchen diese Spieler aus unterschiedlichen Gründen alle noch etwas Anlaufzeit. Dies in Übereinstimmung mit der Kommunikation, dass man in erster Linie ein Kader „für die Super League“ zusammenstelle, also für den Zeitrahmen Juli bis Mai. Dadurch fehlen Foda zum Saisonstart teilweise etwas die valablen Alternativen. Im Gegensatz zu YB, wo die hochkarätigen Einwechselspieler die Entscheidung brachten, führten beim FCZ die Einwechslungen zu einem Leistungsabfall.

Grundsätzlich hat der neue Trainer Foda einiges von den Stärken des letztjährigen Teams übernommen. Man überliess dem Gegner weitgehend den Ball und setzte auf schnelles Umschaltspiel durch die Mitte – und nutzte dabei die Tatsache, dass YB nur mit einem Sechser und defensiv nicht so starken Achtern spielte. Die üblichen FCZ-Leistungsträger waren aber noch nicht in Form. Speziell beim Meisterspiel in Basel führten die immer volle Rückendeckung geniessenden Captains Brecher, Marchesano, Dzemaili die Mannschaft mit guten Leistungen an. Nun zum Saisonauftakt bei YB war Dzemaili nicht auf dem Platz, Marchesano und Brecher waren nicht in Bestverfassung. Dafür konnten Lindrit Kamberi und Bledian Krasniqi überzeugen. Beide lieferten ihre bisher wohl reifste Leistung im FCZ-Trikot ab und scheinen in kurzer Zeit einen wichtigen Schritt nach vorne gemacht zu haben. Die Durchschnittsnote 4,9 ist allerdings so tief wie nur einmal letzte Saison: in der zweitletzten Partie in Lugano. Trotzdem wäre ein Punktgewinn durchaus verdient gewesen, angesichts des Expected Goals-Verhältnisses von 2,0 : 2,11 aus Sicht des FCZ. Speziell die Stürmer agierten aber im Vergleich zur letzten Saison vorderhand zu wenig effizient im Abschluss. Positiv zu bemerken ist, dass die Mannschaft auch gegen einen in dieser Disziplin sehr starken Gegner wie YB die Eckbälle wie in der Meistersaison weiterhin gut verteidigt.



Wie hier auf Züri Live letzte Saison analysiert, zeichnen sich tendenziell in der Super League die (gemessen an ihrem Möglichkeiten) erfolgreichen Teams durch Konstanz bezüglich Personal, Formation und Spielweise aus. Unkonstanz bei diesen Faktoren kann dabei auf drei Weisen zustande kommen.

  1. Bewusst gewählte Flexibilität und Pröbeln sowie Ausrichtung an der Spielweise der Gegner
  2. Durch externe Faktoren wie Verletzungen oder die Spielweise von dominanten Gegnern aufgezwungen
  3. Durch Misserfolg bewirkte (mehr oder weniger verzweifelte) Suche nach dem richtigen Rezept

Rrudhani ein Gewinner der Vorbereitung – Fragezeichen Lustenberger

Vom italienischen Fussball beeinflusste Trainer scheinen dabei am stärksten Flexibilität und taktische Ausrichtung am Gegner anzustreben (Punkt 1). Paolo Tramezzani (Sion) und Mattia Croci-Torti (Lugano) waren dafür die Paradebeispiele – mit unterschiedlichem Erfolg. Dies auch weil Lugano nur in Sachen taktischer Formation sehr flexibel war, bezüglich Spielweise und vor allem personell im Vergleich zu Sion hingegen sehr konstant. Punkt 3 traf letzte Saison am meisten auf Lausanne zu. Luzern wurde mit dem Trainerwechsel zu Mario Frick ab der Winterpause taktisch und personell deutlich konstanter. YB hatte durch die vielen Verletzungen im personellen Bereich wenig Konstanz.

Eine Auszeichnung für den FCZ war, dass YB speziell in den Spielen gegen das Letzigrund-Team seine ansonsten meist konstante Taktik anpasste um unter anderem das Mittelfeldzentrum zu verstärken. Im Verlauf der letzten Saison war auf einmal YB das Team, das einen halben Schritt hinterherzuhinken schien, auf den FCZ reagieren musste, nach Lösungen suchte, aber keine fand. Auf die neue Saison hin haben die Berner versucht, durch den Zuzug von prominenten Schweizer Spielern die Balance im Team zu verbessern. Denn Fabian Lustenberger ist neben Neu-Trainer Wicky das wohl grösste Fragezeichen. Schafft er es nochmal in die Rolle zu schlüpfen, die einst Steve Von Bergen inne hatte? Zur Sicherheit hat man auf jeden Fall Benito, Itten und Ugrinic verpflichtet, um die Lücke allenfalls kollektiv kompensieren zu können. Die vierte Neuverpflichtung Donat Rrudhani könnte man zudem nach ersten Eindrücken als Gewinner der Vorbereitung bezeichnen.

Möglicherweise vertauschte Rollenverteilung zwischen Nsamé und Elia

YB ist aus den Meistersaisons bekannt für ihr druckvolles Spiel über die Seiten. Der neue Trainer Wicky hingegen eher für direktes Spiel durch die Mitte. In der Vorbereitung hat man bereits sehen können, dass sich das YB-Spiel wohl zentraler abspielen wird, als bisher, ohne dass die Seiten ausser Acht gelassen werden. Im Pressing formieren sich die Gelb-Schwarzen enger als bisher in einem Mittelfeld-Rhombus. Auch mit Ball ist die Raum- und Aufgabenverteilung zwischen dem zurückstaffelnden Zentralen Mittelfeldspieler (Niasse) und dem vorstossenden (Rieder) klarer als bis anhin, so dass man zumindest phasenweise im Spiel von einem echten Sechser und einem echten Zehner sprechen kann.

Das Personal mit den gerne nach innen ziehenden Neuverpflichtungen Ugrinic und Rrudhani trägt noch zusätzlich zu einer stärkeren Gewichtung des Zentrums bei. Lustenberger hat seinen Platz wohl nicht auf sicher. Der guineische Nationalspieler Camara stünde als allfälliger Ersatz bereit. Rrudhani ist eine valable Option sowohl auf der Seite, als auch auf der offensiven Zentrumsposition. Rückkehrer Jean-Pierre Nsamé könnte sich zumindest zu Beginn stärker auf die Torvorbereitung fokussieren, und auf den Seiten oder zwischen den Linien anbieten. Die Zürcher Innenverteidigung muss als Zielspieler im Zentrum dann in erster Linie Meschack Elia im Auge behalten, der letzte Saison in der Vorrunde einer der besten Spieler der Liga war.

FCZ: Kontinuität mit zusätzlichen Optionen

Für den FCZ gibt es hingegen keinen Grund, die Position der Stärke und Eingespieltheit preiszugeben. Dass sich die anderen Teams am FCZ orientieren müssen, hat man sich letzte Saison erarbeitet und nach dem bisherigen Verlauf des Sommers alle Möglichkeiten, die Kontinuität als Erfolgsfaktor weiter zu kultivieren. Wie dies YB und davor der FCB jahrelang gemacht haben. 2021-22 agierte der FC Zürich konstant im 3-4-1-2. Dabei waren neun Spieler gesetzt. Nur auf je einer Position im Zentralen Mittelfeld und im Sturm wurde phasenweise zwischen zwei bis drei Spielern rotiert. Die Situation hat sich nicht geändert. Das Grundgerüst um Antonio Marchesano und die beiden Aussenläufer Adrian Guerrero und Nikola Boranijasevic steht. Ousmane Doumbia wird durch den Externen Cheick Condé ersetzt, Assan Ceesay durch die interne Lösung Aiyegun Tosin. Und es sind weiterhin die gleichen zwei Positionen, die nicht fix „vergeben“ sind.

Man kann davon ausgehen, dass Franco Foda nicht alles auf den Kopf stellen wird, sondern klugerweise das, was funktioniert hat, weiter bewirtschaftet. Vor allem im Spielverlauf wird Foda aber wohl mehr taktische Wechsel vornehmen als Breitenreiter. Unter anderem zeichnet sich ab, dass beispielsweise bei Rückstand typischerweise auf einen Dreimannsturm mit den Flügeln Rohner und Okita umgestellt werden könnte. Und so wie YB wohl etwas mehr durchs Zentrum spielen wird, ohne das Spiel über die Seiten aufzugeben, wird der FCZ umgekehrt mehr über die Seiten spielen, aber das schnelle Umschaltspiel durch die Mitte je nach Gegner und Spielphase trotzdem beibehalten.

Der FCZ beginnt gegen YB mit gleich zwei spielerisch starken Protagonisten vorne: Antonio Marchesano und Ante Coric. Nikola Boranijasevic kehrt auf die rechte Seite zurück, während Lindrit Kamberi gegenüber Karol Mets erneut bevorzugt wird.

YB setzt mit Kanga, Siebatcheu und Elia auf drei nonimelle Stürmer. Fabian Rieder kehrt überraschend vorzeitig zurück während Niasse und Maceiras von Beginn weg auflaufen dürfen.

Nach dem Rückrundenspitzenduell gegen St. Gallen folgt eine Woche darauf der nächste harte Brocken – das letzte Auswärtsspiel der Saison gegen Serienmeister YB! In der Vorrunde hat der FCZ die lange sieglose Serie gegen die Gelb-Schwarzen endlich gebrochen. Im Stade de Suisse hat man immer noch in der Meisterschaft eine Serie von 11 Niederlagen in Folge und 14 Spiele ohne Sieg. In der Abstiegssaison gab es drei Tage nach einem 3:1-Auswärtssieg im Cup-Achtelfinal an gleicher Stätte in Bern ein 1:1 Unentschieden durch Tore von Buff und Kubo. Der letzte Liga-Sieg stammt vom 9. März 2014 (Torschützen: Costanzo; Gavranovic, Chikahoui, Pedro Henrique). Im Cup konnte der FCZ hingegen zweieinhalb Jahre nach dem Achtelfinalsieg im gleichen Stadion gegen YB auch den Final gewinnen.

Marchesano und Guerrero sind vor der Partie fraglich, Dzemaili spielt nicht gerne auf Kunstrasen, Tosin ist nicht in Form. Durchaus denkbar daher, dass Seiler, Coric und/oder Gnonto von Anfang an spielen. Da auch Gogia ausfällt, wird man wohl bei Guerrero eher alles dafür tun, dass er von Anfang an spielen kann, als bei Marchesano, wo mit Coric ein Ersatz in guter Form bereit steht. Falls es doch nicht gehen würde, könnte Aliti links aussen spielen und für ihn Mets in die Dreierabwehr rücken – ein vergleichbares Duo wie (erfolgreich) die Lausanner Husic / Poundjé vor Wochenfrist gegen Moumi Ngamaleu und Blum. Gespannt darf man sein, ob Omeragic nach seinem Lichtblick gegen den FCSG auch gegen YB wieder eine Top-Leistung bringt.

Coric und Gnonto laufen tatsächlich in der Startformation auf. Zudem will es sich Blerim Dzemaili nicht nehmen lassen in Bern von Anfang an dabei zu sein. Wie als Variante in der Vorschau angedacht wird Aliti heute wohl auf der linken Aussenbahn spielen. Antonio Marchesano und Adrian Guerrero sind auf der Bank dabei.

YB hat in der Rückrunde zuhause ausser beim späten 2:2 gegen Luzern (Dräger) immer gewonnen und ist daher sicherlich leichter Favorit. Der neue Trainer Vanetta stellte in Lausanne (2:2) den Afrika-Cup Bronzemedaillengewinner Nicolas Moumi Ngamaleu auf die rechte Seite. Dafür begann der von Kasimpasa in der Winterpause ausgeliehene Kevin Varga links im Mittelfeld. Dies ist auch die Lieblingsposition des Ungarn, obwohl er Rechtsfüsser ist. Als Alternativen kommen in Abwesenheit des zum dritten Mal in dieser Saison verletzten ehemaligen FCZ-Juniors Christian Fassnacht (erst Hirnerschütterung, dann Bänderverletzung, jetzt Oberschenkelzerrung) Edimilson Fernandes und Felix Mambimbi in Frage. Im Zentrum scharrt nach abgesessener Sperre Fabian Rieder mit den Hufen und könnte durchaus für Vincent Sierro beginnen. Eine weitere Option für die Startformation wäre Wilfried Kanga an Stelle von Meschack Elia.

Fabian Rieder soll Bewegung ins Mittelfeld bringen – Vincent Sierro bleibt für ihn draussen. Auf der linken Seite setzt Matteo Vanetta auf den Schweizer Nationalspieler Edimilson Fernandes an Stelle des Ungarischen Nationalspielers Kevin Varga.

SRF-Umfrage vor YB-FCZ

An der Pressekonferenz vor dem YB-Match erschien für einmal Co-Trainer Darius Scholtysik, weil sich Trainer André Breitenreiter, wie sich später herausstellte Corona-bedingt, unwohl fühlte. Der in Polen geborene ehemalige Bundesliga-Mittelfeldspieler gab einige interessante Einblicke ins Innenleben der Mannschaft vor der Partie im Letzigrund und einige Personalien. Die (fast) gesamte Pressekonferenz (20 Minuten) hier im Wortlaut:

Züri Live: Spitzenspiel am Sonntag, freuen Sie sich darauf?

Darius Scholtysik: Ja. Nicht nur ich, die ganze Mannschaft, der Staff, der gesamte Verein. Wir freuen uns vor allem auf ein gut besuchtes Haus und dass die Begeisterung entfacht worden ist durch die Leistungen, die wir abgeliefert haben. Jetzt haben wir als Belohnung ein Spitzenspiel vor der Brust. Da ist die Freude natürlich gross.

Züri Live: Im «Hinspiel» in Bern habt ihr von Anfang an hoch gepresst, seid Risiko gegangen. Nach 30 Minuten hatte man das Gefühl, dass ihr die Laufleistung nicht mehr durchhalten könnt, es sind Lücken entstanden, die YB dann genutzt hat. Ist der FCZ mittlerweile einen Schritt weiter im Vergleich zu damals?

Scholtysik: Das ist aus taktischer Sicht ein wichtiger Punkt, den Sie ansprechen. Man kann nicht 90 Minuten ständig pressen. Speziell gegen eine so gute Mannschaft. Man muss die Balance finden zwischen pressen und zwischendurch dann eben auch mal kompakt stehen. Das haben wir damals logischerweise nach dem Spiel auch mit der Mannschaft besprochen. Dass wir den Gegner auch aus einer kompakten Position heraus mit frühem Anlaufen ärgern und Balleroberungen haben können. Wir werden uns definitiv nicht verstecken vor diesem Gegner. Wir wollen einfach unseren Fussball spielen, den wir in den letzten Wochen geboten haben.

Züri Live: Aufgefallen ist, dass gegen die Spitzenteams YB und Basel die Abschlusseffizienz nicht so hoch war, wie gegen andere Gegner. Woran könnte das liegen? An der Qualität des jeweiligen Torhüters, oder mentale Gründe bei den Stürmern?

Scholtysik: Eine mentale Sache glaube ich nicht. In den letzten Spielen waren wir relativ erfolgreich. Die Jungs schwimmen momentan auf einer Erfolgswelle. Das macht Riesenspass. Natürlich sind bei den Spitzenteams der Torwart oder auch die Verteidiger besser. Man hat beispielsweise gegen Atalanta gesehen, dass YB in der Lage ist, Gegnern auf europäischem Niveau die Stirn zu bieten.

Züri Live: André Breitenreiter war im Wankdorf dabei. Was hat er mitgenommen aus diesem Spiel?

Scholtysik: Ja, André und unser Analyst Fabi Sander sind hingefahren und wollten sich das Spiel mal live anschauen. Es ist live vor Ort ja doch ein bisschen was anderes als zu Hause vor dem Fernseher. Atalanta spielt ähnlich wie wir, versucht auch mal hoch zu pressen und frühe Balleroberungen zu haben. Von der taktischen Aufstellung her spielen sie ebenfalls ähnlich wie wir, mit drei Verteidigern. Das muss man sich auf dem Spitzenniveau dementsprechend mal anschauen und dann versuchen mit unserer Mannschaft das Beste herauszuholen, um in der Lage zu sein, so einen Gegner auch mal zu schlagen.

Blick: Ist die Mannschaft reif für dieses Spitzenspiel?

Scholtysik: Ja. Man hat direkt nach dem letzten Spiel bei Sion in der Regeneration an der Körpersprache sehen können, dass sie sich bereits freuen auf dieses Spitzenspiel. Das ist ein Riesenvergleich! Wir spielen bei uns zuhause. Hoffentlich bei einem vollen Haus. Die Stimmung wird wahrscheinlich sehr gut sein. Wenn dann die Leistung auch noch stimmt und das Ergebnis am Ende, sind alle zufrieden.

Tagi: Wie zeigt sich das an der Körpersprache, wenn man sich freut?

Scholtysik: Es gibt das Phänomen, wo man mit gesenktem Kopf geht, die Schultern und Arme hängen nach unten, man ist ein bisschen lustlos. Das wäre die negative Körpersprache. Die positive Körpersprache ist Brust raus, Kopf nach oben, man freut sich, man macht Spässe untereinander. Der Einsatz im Training ist dann dementsprechend hoch. Man möchte jeden Ball gewinnen, keinen Zweikampf verlieren. So merkt man: die Jungs sind bereit, die wollen unbedingt. Hoffen wir, dass sie das am Sonntag auch auf dem Platz zeigen.

Tagi: Wie war die Woche in der Position des Leaders, hält sich das Empfinden die ganze Woche?

Scholtysik: Da ist die Trainingssteuerung wichtig. Vor zwei Tagen haben wir zwei Mal trainiert auf einem hohen Niveau mit hoher Intensität. Gestern hatten wir hier in der Saalsporthalle die Möglichkeit, etwas regenerativ zu arbeiten: Mobilität, Stabilität und nachher Fussballtennis. Damit sich die Spieler auch mal etwas von der Belastung erholen. Heute (Freitag) versuchen wir wieder eine Schippe draufzulegen, damit die Spannung wieder kommt. So dass die Freude und Begeisterung auf dieses Spiel hin dann vorhanden ist.

Züri Live: Trainieren Sie heute auf Kunstrasen?

Scholtysik: Ich war noch nicht auf dem Platz. Wir werden uns im Staff unterhalten, wie wir das machen. Und dann holen wir das Beste raus. Einfach ist es nicht. Sie sehen es ja.

Tagi: André Breitenreiter hat vor dem Spiel in Basel gesagt, es sei noch viel Luft nach oben. In welchem Bereich ist das der Fall?

Scholtysik: In Basel waren wir von der Spielanlage richtig gut. Wir haben uns viele Torchancen herausarbeiten können. Wir haben die Bälle aber nicht im Tor versenkt. Einige Freunde von mir haben sich das Spiel angeschaut und die haben gesagt, der FCZ spiele wirklich guten Fussball. Das könne man sich anschauen. Der Fussball sei mutig, natürlich mit einem gewissen Risiko behaftet. Aber das wollen wir ja auch spielen. Wir wollen offensiv sein und Tore machen und Spiele gewinnen. Basel war vier Mal gefährlich vor unserem Tor und hat drei Tore gemacht. Uns hat in diesem Spiel halt vielleicht das Glück etwas gefehlt.

Tagi: Aber grundsätzlich, wie viel Luft ist noch nach oben? Nach 14 Runden hat man ja wahrscheinlich mittlerweile einen Eindruck davon?

Scholtysik: Beispielsweise bezüglich Stabilität der Mannschaft in den verschiedenen Spielphasen. Wie anfangs erwähnt, man kann nicht 90 Minuten pressen. Dass die Mannschaft nach 20 Minuten powern merkt, auch wenn es immer noch 0:0 steht, dass es sinnvoll sein kann, kompakter zu stehen und trotzdem das Spiel zu dominieren. Dazu gehört, bei eigenem Ballbesitz auch mal etwas ruhiger zu agieren, so dass die Vorbereitung der Tore hinten heraus klar und deutlich zu sehen ist, was die Spieler wollen, wie wir unsere Torchancen herausarbeiten. Das braucht eine gewisse Zeit, damit diese Automatismen greifen.

Tagi: Wie wichtig ist in dieser Funktion ein Blerim Dzemaili mit seiner Erfahrung?

Scholtysik: Da brauchen wir uns gar nicht darüber zu unterhalten. Das ist ein ganz wichtiger Spieler für uns. Durch seine Präsenz und Erfahrung kann er auch mal vorgeben, was defensiv oder offensiv gemacht werden soll.  

Züri Live: Mir hat Dzemaili auf der Sechs oder Doppel-Sechs zuletzt besser gefallen, als weiter vorne. Wie haben Sie das gesehen?

Scholtysik: Er ist ein Spieler, der flexibel ist im zentralen Bereich. Er kann alleine die Sechs spielen oder auch die Doppel-Sechs, kann auf der Acht spielen. Je nach Gegner wird seine Qualität auf unterschiedlichen Positionen gebraucht. Da stellt er sich dann jeweils zur Verfügung und ruft sehr gute Leistungen ab.

Züri Live: Noch eine andere Personalie. Einer, der kaum zum Einsatz kam in letzter Zeit ist Fabian Rohner. In der Vorbereitung hat er sehr viel gespielt auf verschiedenen Positionen. Wie sehen Sie den Stand seiner Entwicklung? Auf welchen Positionen kann er ein Startelfkandidat sein?

Scholtysik: Fabi ist ein Spieler, der die rechte Seite sehr gut besetzen kann – defensiv und offensiv. Seine Stärke ist ja nicht in erster Linie das Dribbling, sondern das pure Tempo, mit dem er den Ball vorbeilegen kann. Er schlägt sehr gute Flanken / Torvorbereitungen und hat zudem einen sehr guten und präzisen Schuss. Wenn wir beispielsweise etwas riskieren müssen, dann stellen wir Fabi rechts hinten auf, wenn mit Niko etwas sein sollte oder um frische Kräfte reinzubringen. Und er ist in der Lage, die ganze Zeit die Linie rauf und runter zu marschieren und seine Aufgabe zu erfüllen.

Züri Live: Aber er könnte auch im Sturm spielen zum Beispiel, mit seinem guten Schuss und dem Tempo – je nachdem, wie man spielen will?

Scholtysik: Genau. Vor jeder Einwechslung oder Auswechslung machen wir uns Gedanken: Wie läuft das Spiel? Müssen wir das Spiel beruhigen? Müssen wir das Spiel stabilisieren? Oder mehr Risiko eingehen? Zum Beispiel nach vorne noch einen Offensiven bringen. Die Entscheidung trifft natürlich der Cheftrainer.

Tagi: Wenn man solche Spiele sieht wie in Sion, wo man in der 2. Halbzeit nicht mehr gut gespielt hat und gegen Ende richtig stark unter Druck geraten ist, wie wertvoll sind solche Siege? Auch das 2:1 davor bei Servette war ein sehr zäher Kampf…

Scholtysik: Man sagt immer, man macht einen Schritt weiter, wenn man solche Spiele gewinnt. Ich glaube, dass die Mentalität und Einstellung der Mannschaft absolut vorhanden ist. Die Jungs geben nie auf. Sie haben sicherlich auch schon mal bemerkt, wie viele Spiele wir schon im Rückstand waren und dann aufgeholt haben. Das spricht für die Mentalität der Jungs. Das ist eine Eigenschaft, die kann man nicht verpflichten, sie entwickelt sich mit der Zeit. Für uns als Staff ist das eine gute Bestätigung, dass wir Spass bei der Sache haben. Und immer wieder versuchen, das Beste herauszuholen. In jedem Spiel.

Tagi: Sie wissen ja, was man auch sagt: wenn man solche Spiele gewinnt, kann man Meister werden.

Scholtysik: Wissen Sie, das ist weit weg. Es ist wie ein Marathonlauf. Man gewinnt nicht nach 2’000 oder 10’000 Metern. Das ist eine lange Strecke. Es ist immer ganz gut, wenn wir von Spiel zu Spiel denken. Wir versuchen in jedem Spiel unser Bestes zu geben. Es ist relativ einfach.

Tagi: Es gibt so eine Sendung im deutschen Fernsehen am Sonntagmorgen, da hätten Sie jetzt drei Euro zahlen müssen…

Blick: Gerade eben kam das Urteil raus im Zürcher Fanskandal, Ihr müsst die nächsten zwei Derbies ohne Südkurve spielen. Wie schwierig wird das? Es waren bisher enge Spiele gegen GC…

Scholtysik: Man merkt ja bereits schon beim Einlaufen, dass die Stimmung da ist. Und wir werden danach über 90 Minuten oder auch mehr unterstützt. Das Schönste ist immer, wenn man gewonnen hat, dass man mit den Fans auch mal feiern kann. Das sind so diese Momente, die den Fussball ausmachen. Man will das einfach mal erleben. Die Fans sind schon sehr wichtig für uns. Aber wenn es so sein sollte, dann hat man so bestimmt hat, dann muss man auch ohne Fans sei Bestes geben. Aber es wäre natürlich sehr schade.

Tagi: Könnt Ihr gegen dieses Urteil rekurrieren?

FCZ: Ja, kann man. Es ist erst gerade rausgekommen. Wir haben noch nicht entschieden, was wir machen. Die Rekursfrist läuft 5 Tage.

Blick: Mal etwas ganz anderes, wenn Sie schon hier sind. Es gab im Sommer mal ein Bild von Ihnen, wo Sie so etwas wie eine Stoppuhr während des Spiels in der Hand haben. Was hat es damit auf sich?

Scholtysik: Ich bin mir gewohnt, diese Stoppuhr einfach mal laufen zu lassen. Vielleicht ein kleiner Tick von mir, dass ich immer die Zeit im Auge behalte. Heute zeichnet der Analyst alles auf, aber früher hatte ich immer einen Notizblock dabei und habe mir die wichtigsten Szenen mit Minute und andere Auffälligkeiten notiert, zur späteren Analyse. Ich bin nicht abergläubisch, aber die Uhr gehört trotzdem immer noch irgendwie dazu. So kann ich beispielsweise zum Cheftrainer gehen und sagen: wir haben jetzt genau noch dreissig Minuten Zeit, wir können noch etwas ändern…  

Züri Live: Es geht also nicht darum, wie in Salzburg im Training die Zeit von Balleroberung bis zum Torabschluss zu stoppen…

Scholtysik: Nein, nein… (lacht)

Tagi: Noch eine ganz andere Frage zu Wilfried Gnonto. Er ist ja erst 18, wo sehen Sie sein Potential?

Scholtysik: Er hat ein Riesenpotential. Für sein Alter hat er schon sehr viele Erstligaspiele. In der Nationalmannschaft hat er auch einige Spiele bestritten. Er ist auf einem sehr, sehr guten Weg ein guter Fussballer zu werden. Aber wir wissen ja alle, dass es nicht nur darum geht, gut zu trainieren, gut Fussball zu spielen, sondern es gehören viele andere Sachen dazu, ganz allgemein die Entwicklung eines jungen Menschen. Das alles braucht seine Zeit. Bis jetzt hat er seine Einsätze bekommen, seine Leistungen immer wieder bestätigt. Was ihm vielleicht noch fehlt, sind die Tore.  Das beflügelt, gibt Selbstvertrauen. Das ist der nächste Schritt für ihn, dass er in den Spielen so torgefährlich wird, wie in den Trainings. In St. Gallen hat er ein Kopfballtor nach einem Standard gemacht. Solche Aktionen wünscht man sich natürlich mehr. Er sich selber wahrscheinlich auch.

Tagi: Was ist das Riesenpotential bei Gnonto, wie können Sie das beschreiben?

Scholtysik: Über seine Qualitäten brauchen wir uns nicht zu unterhalten: Tempo, sehr gutes Dribbling, kann mit beiden Füssen schiessen, sehr unangenehm für den Gegner. Sie wissen ja selber, dass Willie einem 1.95m-Innenverteidiger Knoten in die Beine spielen kann. Was er teilweise noch etwas lernen muss, sind die Fouls, die er zu ziehen versucht. Die Schiedsrichter lassen immer weiter laufen. Das ist ein schmaler Grat. Von fünf Aktionen war vielleicht zwei Mal Foul, wo der Schiedsrichter hätte pfeifen können, es dann aber unterlassen hat. Das meine ich mit der Entwicklung eines jungen Spielers.

Tagi: Er sucht zu sehr das Foul, würde ich sagen. Und es ist wirklich nicht jedes Mal Foul, wenn er liegen bleibt.

Scholtysik: «Suchen» vielleicht nicht unbedingt.  Er versucht seine Fähigkeiten auszuspielen und das ist sein Dribbling. Wenn er gegen einen grossen Spieler spielt und der stellt sein Bein da hin, dann fliegt Willie natürlich aufgrund der Körpergrösse durch die Gegend. Aber entscheidend ist danach: er muss halt aufstehen und weitermachen. Wenn der Schiedsrichter nicht gepfiffen hat, dann geht’s halt immer weiter. Und wenn er liegenbleibt und versucht, etwas zu bekommen, dann kommt logischerweise der Schiedsrichter auf ihn zu und sagt: «Du machst ja nur Schwalben, ich kann nicht pfeifen». Auch wenns manchmal ein Foul ist. Das gehört dazu. Er ist ein intelligenter Spieler und wird das sicherlich im Laufe der Zeit lernen.

Tagi: Darüber redet Ihr mit ihm?

Scholtysik: Ja, natürlich. Wir haben uns unterhalten, haben ihm Videos gezeigt. Und da gibt es dann Szenen, wo er auch selber erkannt hat, dass der Schiedsrichter in der einen Situation vielleicht auch kein Foul pfeifen kann – und dann gibt es andere Situationen, wo sowohl wir wie auch Willie gesagt haben, «das muss er pfeifen». Wir sind alle nur Menschen. Aber die Häufigkeit, wenn man solche Einzelanalysen immer wieder macht, wird dazu führen, dass man irgendwann den Weg finden wird.