Hoffnungsschimmer in der Torhüterfrage nach jahrzehntelanger Dürre

Der FC Zürich und die Torhüterausbildung im Nachwuchs war unter dem Strich über die ganze moderne Klubgeschichte hinweg ein Trauerspiel. Bei Nachbar GC konnte man in guten wie in schlechten Zeiten darauf bauen, dass immer wieder solide bis exzellente Goalies aus dem eigenen Haus den Sprung in den Profifussball schafften. Jahrzehntelang haben die Hoppers einen Nationaltorhüter nach dem anderen produziert. Zu dieser Serie gehören auch die aktuellen Nationaltorhüter der Schweiz (Gregor Kobel, BVB) und Kosovos (Arijanet Muric, Sassuolo, ex-Man City). Muric war im Alter von 10 Jahren kurz ein Jahr beim FCZ, wechselte dann aber schnell in den für Torhüter deutlich besseren Ausbildungsverein ennet der Gleise.

Von Grob bis Da Costa keine eigenen Torhüter mehr

Auf der Suche nach einem Nationaltorhüter aus dem FCZ-Stall muss man weit zurück blicken. In den 80er-Jahren kam Urs Zurbuchen auf zwei Freundschaftsländerspiele. Fast seine ganze Karriere spielte dieser allerdings für YB. Beim FC Zürich war er zuvor nicht am beim FC Küsnacht ausgebildeten Karl Grob vorbeigekommen, der einzigen echten Torhüter-Klub-Legende. Zurbuchen war in den zwei Jahrzehnten (!) mit Grob im Tor (1967 – 1987) nicht der einzige gute Ersatztorhüter gewesen. In jenen Jahren schien man auf dieser Position ein Luxusproblem zu haben. Das änderte sich in den Jahren nach der „Lebensversicherung“ Grob sofort. Seither arbeiteten gemessen an der Anzahl Länderspiele der FC Baden oder der FC Schaffhausen in der Torhüterausbildung erfolgreicher als der FC Zürich.

Beim FCZ musste man ab 1988 auf von extern verpflichtete Torhüter bauen. Diese waren manchmal illuster, häufig im Vergleich zur Konkurrenz aber auch unterdurchschnittlich: Knutti, Suter, Böckli, Mäder, Stiel, Shorunmu, Pascolo, König, Taini. Der Walliser Johnny Leoni hütete achteinhalb Jahre das FCZ-Tor und errang als Nr.1 drei Meistertitel – als solider Keeper hinter einer spielerisch überragenden Mannschaft (Raffael, César, Margairaz, Alphonse, Abdi, Djuric, Chikhaoui,…).. Nach ’06, ’07 und ’09 hätte es ohne das zwischenzeitliche Missverständnis Guatelli für Leoni 2011 auch noch ein vierter Meistertitel sein können. Als Nati-Kandidat galt er trotzdem nie.

Brecher war 2015 noch nicht ready

Ab 2012 setzte der FC Zürich auf der Torhüterposition dann auf Eigengewächse – erst drei Jahre lang auf Piu Da Costa, dann Yanick Brecher. Schon damals machte der FC Thun jeden Profi besser. Der ehemalige FCZ-Ersatzgoalie Da Costa konnte sich im Berner Oberland zwei Jahre lang zu einem verlässlichen Super League-Torhüter entwickeln, worauf ihn der FCZ zurückholte. Yanick Brecher war sein Ersatz. Torhütertrainer der 1. Mannschaft war damals erst Stefan Knutti und dann Christian Bösch. Ein wirklich guter Torhüter wurde Da Costa aber erst nach seiner zweiten FCZ-Zeit dank seinem Abstecher in die Serie B ins Torhüterland Italien. Dies zeigte sich danach auch bei seiner Rückkehr in die Schweiz beim FC Lugano. Brecher war in der Saison 14/15 in die Challenge League nach Wil ausgeliehen worden. Nach erheblichen Anlaufschwierigkeiten gelangen ihm dort im März 2015 vier Clean Sheets in Folge. Brecher wurde von der Leihe zurückgeholt und ersetzte per sofort Da Costa als neue Nr. 1.

Brecher war zu diesem Zeitpunkt aber bei weitem noch nicht ready für die Super League. Die Highlight-Videos aus den Partien mit Wil täuschten über seine Schwachpunkte hinweg, die damals jedem, der seine Spiele über 90 Minuten sah, aufgefallen sein mussten. Die Art und Weise wie er sich damals beispielsweise in Eins.gegen-Eins Situationen instinktiv schmal statt breit machte, um sich vor dem Ball zu schützen, hatte nichts mit Profi-Fussball zu tun. Es wäre sogar bei einer Amateur-Mannschaft bemängelt worden. Brechers Qualitätsmängel waren ganz wesentlich für den Abstieg in der Saison 15/16 mitverantwortlich. Mit dem Liga-Punkteschnitt des zweiten Torhüters Anthony Favre wäre der FC Zürich in jener Saison auf dem 6. Platz gelandet. Von den 22 Liga-Partien in denen Brecher im Tor stand, gewann der FCZ hingegen gerade mal drei. Mit Favre im Kasten wurde man in der gleichen Saison zudem auch noch Cup-Sieger – nach einem überdurchschnittlich schwierigen Programm mit vier Super League-Gegnern und klaren Auswärtserfolgen bei YB, Thun und Cup-Spezialist Sion. Inklusive Cup hatte Favre gar einen Punkteschnitt von 1,7, was in der Liga dem dritten Rang entsprach. Die Mannschaft erreichte diese Resultate mit dem Waadtländer im Kasten, obwohl dieser von seinen Fähigkeiten her nicht mehr und nicht weniger als ein guter Challenge League-Torhüter war. Er war ja auch wie später Zivko Kostadinovic als klare Nr. 2 vom FC Wil geholt worden und für diese Rolle geeignet.

Unter Taini steigert sich Brecher zum offensiv besten Super League-Keeper

Kurz vor Ende der Abstiegssaison holte sich Brecher im Training nach all den schlechten Leistungen auch noch einen Kreuzbandriss. Den Wiederaufstieg bewältigte der FC Zürich mit dem Lettischen Nationaltorhüter Andris Vanins zwischen den Pfosten. Mit dem Trainerwechsel von Uli Forte zu Ludovic Magnin wurde Brecher im Februar 2018 wieder zur Nummer Eins. Schon damals schien Brecher im Klub an höchster Stelle eine starke Lobby zu haben, was nach Forte sieben Jahre später auch Mitchell Van der Gaag schmerzlich erfahren musste, als dieser offenbar laut über einen Torhüterwechsel zu Talent Silas Huber nachdachte. Unter dem didaktisch geschulten Davide Taini als Torhütertrainer machte Brecher im Laufe der Jahre aber auch erhebliche Fortschritte. Von einem Sicherheitsrisiko wurde er erst zu einem mindestens durchschnittlichen Super League-Torhüter. In der Meistersaison 21/22 hatte er erstmals einen Züri Live-Notenschnitt von über 6 (auf einer Skala von 1-10) und gehörte zu den drei, vier besten Torhütern der Liga.

Offensiv wurde Brecher gar zum besten Torhüter der Liga und profitierte dabei sicherlich auch davon, dass er als Kind beim FC Männedorf erst Feldspieler gewesen war. Seine Ballverteilung war zeitweise exzellent. Und dies gleich dreifach: mit dem Rechten Fuss, mit dem fast gleich starken Linken Fuss – und dem schnellen Einleiten von Kontern mit weiten, präzisen Auswürfen. Diese Kombination ist sehr selten. Nach der Meistersaison unterschrieb Brecher einen Fünfjahresvertrag bis 2027. Unmittelbar darauf liessen seine Leistungen wieder etwas nach. Der FCZ kassierte unter Franco Foda nach Expected Goals-Statistik deutlich mehr Gegentore als aufgrund der Torchancen der Gegner hätten fallen sollen. Ein grosser Teil dieser Differenz war auf Brecher zurückzuführen. Es waren die faden Auftritte von Team-Leadern wie Brecher, Dzemaili und Marchesano, welche dem Österreichischen Coach schnell den Job kosteten und Nachfolger Bo Henriksen eine Herkulesaufgabe zur Rettung des Teams hinterliessen. Trotzdem gab es unter Foda zwischendurch ein Leistungs-Highlight. Yanick Brecher wurde im Europacup vom gefährlichen Angriffspressing von Bodö/Glimt auf Kunstrasen stark gefordert und bestand den Test mit hervorragend präzisen und scharfen Ballverteilungen über 30-40m während der ganzen Partie. Die Pressing-Bemühungen der Norweger verpufften so grösstenteils. Vor allem deshalb hatte der FC Zürich am Ende noch gute Chancen auf den 2:2-Ausgleich bei einem Gegner, der davor gleichenorts die AS Roma von José Mourinho mit 6:1 vom Platz gefegt hatte.

Generation Copperfield ist immer noch da

Aufgrund einer unaufschiebbaren komplizierten Operation von Davide Taini übernahm der bisherige Academy-Torhütertrainer Dean Santangelo dessen Position zuerst ad interim, und dann ganz. Zu Beginn konnnte Santangelo Brecher neue Impulse bringen. Die Saison 23/24 wurde mit einem Notenschnitt von 7,1 zu Brechers bester. In der darauffolgenden Saison 24/25 wurden seine Leistungen dann aber wieder deutlich schlechter. Und die Saison 25/26 begann mit einem in jeder Hinsicht lamentablen Auftritt gegen Sion. Auch wenn es zwischendurch dann auch wieder gute Leistungen gab: die Tendenz vor und nach der Winterpause zeigt weiter nach unten. Mittlerweile hat der FC Zürich mit der Verpflichtung eines neuen Torhütertrainers reagiert – Michaël Bauch kommt für Santangelo. Ausserdem soll U21-Natitorhüter Silas Huber im Wankdorf gegen YB zu seinem Début kommen.

Warum war der FCZ über Jahrzehnte so schlecht in der Torhüter-Entwicklung im Nachwuchs? Ein Grund dafür scheint zu sein, dass man sich zu lange an einem veralteten Stereotyp eines guten Torhüters orientiert hat. In den 80er- und 90er-Jahren waren es willensstarke Führungspersönlichkeiten, die lautstark und effektvoll ihre Vorderleute dirigierten – und mit spektakulären Paraden die eine oder andere „hundertprozentige“ Torchance entschärften. Und wenn sie den Ball nicht hielten, hechteten sie trotzdem spektakulär, so dass der Gegentreffer unvermeidlich schien und ganz sicher nicht dem Torhüter angekreidet werden konnte. Etwas Illusionskunst à la Devid Copperfield gehörte zum Goalie-Business dazu. Die Schweiz ist ein Land in welchem Goalies bei den Fans verschiedener Sportarten häufig am meisten geliebt und bewundert werden. Die Skepsis gegenüber dem kreativen Stürmerstar mit seinen Anflügen von neo-aristokratischer Attitüde verfliegt hingegen nie ganz. Da kann dieser noch so viele Tore schiessen. Der Torhüter ist hingegen nahbar. In dieser Rolle könnten sich viele Fans zumindest theoretisch irgendwie auch noch sehen.

Malloth und Heim kommen nicht an Brecher vorbei

Der moderne Torhüter ist aber hyperbeweglich und hat ein hervorragendes Positionsspiel. Er ist mit den Füssen am Ball technisch genauso gut wie die Feldspieler und kann auch konditionell einigermassen mit diesen mithalten. Seine Rückwärts- und Seitwärtsbewegungen sind fast so gut wie die eines Profi-Tänzers. Er geht ins kognitive Training. Und ist zu 100% in die taktischen Ûberlegungen eingebunden. Ein Torhüterwechsel kann dazu führen, dass der Trainer die Taktik ändern muss. Es handelt sich hier nicht per se um eine Stilfrage – moderne Torhüter sind einfach besser. Der erste moderne Schweizer Torhüter war GC-Junior Diego Benaglio. Dieser begann seine Profikarriere vor 25 Jahren. Torhüter alter Schule gibt es trotzdem immer noch ein paar wenige. Einer davon trägt seinen Teil dazu bei, dass in der Challenge League Yverdon Sport mit Antonio Marchesano langsam aber sicher den Anschluss an die Tabellenspitze verliert.

Beim FCZ sah man bis vor kurzem im Vergleich zu anderen Schweizer Akademien bei den Nachwuchs-Torhütern von Jahr zu Jahr wenig Entwicklung. Und Torhüter alter Schule wurden gegenüber modernen Goalies auf allen Stufen häufig bevorzugt. Beispiele für Torhütertalente mit modernen Attributen, die es immerhin kurzzeitig bis auf die Position des 3. Torhüters der 1. Mannschaft schafften, waren Andres Malloth oder Calvin Heim. An Yanick Brecher kamen sie aber nicht vorbei. Dieser war zu Beginn seiner Zeit in der 1. Mannschaft vorwiegend ein Torhüter alter Schule. Zum weitgehend modernen Torhüter wurde er erst während seiner Zeit bei den Profis, quasi auf dem zweiten Bildungsweg. Nach Jahren in denen die Torhüterposition ein Schwachpunkt war, konnte er von 2021 bis 2024 der Mannschaft ein guter Rückhalt und erster Aufbauspieler sein. Wenn es ihm aber nicht so läuft, wie jetzt schon mehr oder weniger seit anderthalb Jahren, drücken bei Brecher die eigentlich wegtrainierten alten Gewohnheiten wieder durch.

Was für ein Torhüter ist Silas Huber?

In den letzten zweieinhalb Jahren hat sich beim FCZ nun aber im Nachwuchsbereich einiges getan – und das betrifft auch die Torhüter. 2023 kamen erst Yevhen Morozov (heute 18, aus der Ukraine, Arsenal Kiev) und dann Silas Huber (heute 20, vom FC Aarau) zum FC Zürich. Beide waren schon gut als sie kamen, aber im Gegensatz zu früheren Jahren entwickelten sich die zwei Torhütertalente in ihrer Zeit im FCZ-Nachwuchs bis heute stark weiter. Silas Huber war beispielsweise mit den Füssen noch nicht gut, als er zum FCZ kam. Heute ist es eine seiner grössten Stärken. Nicht nur das: mit Tyrese Pinthus (17) gibt es mittlerweile gar noch ein weiteres Torhütertalent, das ebenfalls sehr modern spielt und sich sich in den letzten zwei Jahren gut entwickelt hat.

Silas Huber ist ein gut ausgebildeter junger Torhüter aus dem Bilderbuch. Er zeichnet sich durch aussergewöhnliche Reflexe aus, kann das Speil sehr gut lesen und ist wie erwähnt gut am Ball. Vergleicht man den 20-jährigen Silas Huber mit dem 20-jährigen Yanick Brecher, ist Huber um Längen besser. Der Vergleich mit Brecher in dessen bester Saison 23/24 wäre ausgeglichener. Nur ist dieser von der Form von damals weit entfernt. Und Huber hat viel mehr Potential, sich mit der Erfahrung auf Super League-Niveau noch weiter zu verbessern. Brecher ist dafür bekannt, dass er in den letzten Jahren zum regelmässig hoch stehenden, mitspielenden Torhüter geworden ist. Huber ist diesbezüglich noch etwas forscher. Er kann in der Regel gut einschätzen, wann er sich einbringen sollte und wann eher zurückziehen. Beim entscheidenden letzten Spiel der U21 im Mai gegen Basel U21, als das Team von Dennis Hediger mit einem 3:0 den Klassenerhalt schaffte, ging Huber in der 78. Minute beim Stand von 2:0 aber zu viel Risiko. Nach dem Foul als letzter Mann vor dem Strafraum musste er vom Platz. Miguel Reichmuth erzielte in Unterzahl dann noch das 3:0.

Einfluss des Torhüterwechsels aufs Mannschaftsgefüge und Transfers

Wie wird sich der Torhüterwechsel auf das Mannschaftsgefüge auswirken? Wie gross der (positive) Einfluss Brechers auf die Mannschaft tatsächlich ist, ist schwierig abzuschätzen. Aus der Distanz wirkt er sowohl gegenüber den Jungen wie auch den ausländischen Spielern eher distanziert und nicht wirklich beschützend. Die Situation ist sicherlich eine Chance für einen Lindrit Kamberi, aber auch Cheveyo Tsawa oder David Vujevic sich noch stärker einzubringen und Verantwortung zu übernehmen. Philippe Keny ist sowieso in jeder Hinsicht ein Spieler, der auf dem Platz als Vorbild vorangeht und sicherlich nicht zufälligerweise bereits dritter Captain. Der erfahrene Chris Kablan ist als Unterstützung ebenfalls mit an Bord. Mit einem weiteren Transfer einen „erfahrenen Leader“ ins Team zu holen, kann auch sehr gut ins Auge gehen. Den beiden letztjährigen Wintertransfers und designierten Leadern Jean-Philippe Gbamin und Benjamin Mendy unterlief beiden in fast jeder Partie ein fataler Fehler, der zu einem Gegentor führte. Dasselbe mit Sommertransfer Milan Rodic. Viel Erfahrung bringt nicht automatisch Stabilität. Denn solche Spieler sind in der Regel nur dann bereit zu einem Verein wie dem FC Zürich zu kommen, wenn sie dies für ihren persönlichen Aufbau, beispielsweise nach einem längeren Ausfall, unbedingt benötigen. Sie wirken dann jeweils auch nicht wirklich in der Mannschaft integriert. Eine Ausnahme war Steven Zuber, auch wenn es selbst bei ihm viele Ups und Downs gab. Auf der anderen Seite würde es sicherlich ganz allgemein Sinn machen, noch einen guten Innenverteidiger oder Defensiven Mittelfeldspieler zu holen – je nachdem wo Nelson Palacio hauptsächlich eingeplant ist – und eventuell einen Linken Aussenläufer.

Wird 22/23 die schlechteste FCZ-Vorrunde in der Super League?

Mit dem Heimspiel gegen den FC St. Gallen wird die Vorrunde der Saison 22/23 abgeschlossen. Schafft man es nicht, gegen die Ostschweizer zu gewinnen, dann ist es offiziell die schlechteste Vorrunde des FCZ in der Super League-Geschichte. Kommt es soweit?

Wird 22/23 die schlechteste FCZ-Vorrunde in der Super League?

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Die einzige Saison, welche das aktuelle FCZ-Team mit einem Heimsieg gegen St. Gallen noch überholen könnte, ist die bisher schlechteste FCZ Super League-Vorrunde in der Saison 03/04, der Anfangszeit des späteren Erfolgs-Coaches Lucien Favre. Damals schloss man die erste Saisonhälfte mit 14 Punkten bei einem Torverhältnis von 25:31 auf dem 10. und letzten Platz ab. Die Vorrunden-Bilanz in der Abstiegssaison 15/16 kann das Team von Bo Henriksen selbst mit drei Punkten gegen St. Gallen hingegen nicht mehr toppen. Im Bereich der Gegentore ist man zwar bisher besser als in den erwähnten Spielzeiten, aber man hat deutlich weniger Tore erzielt. Auch wird man die ersten 18 Runden vermutlich auf dem letzten Platz abschliessen, was seit 03/04 nicht mehr vorgekommen ist, Im Gegenteil: seit dem Wiederaufstieg war der FC Zürich bei Halbzeit zuletzt fünf Mal hintereinander immer unter den ersten Vier!

FCZ in der Super League-Tabelle nach 18 Runden seit 1991 (22/23* nach 17 Runden), alle Saisons nach Drei Punkte-Regel

Ranking der FCZ-Trainer seit 1960 – Lehren aus der Geschichte für die Zeit mit Franco Foda

Der neue Trainer Franco Foda folgt beim FCZ auf eine historische Saison: vielleicht sogar die beste der Vereinsgeschichte? Zumindest kann man mit Fug und Recht Trainer André Breitenreiter die beste Meisterschafts-Bilanz eines FCZ-Trainers attestieren. Bei den ersten zwei Meistertiteln 1902 und 1924 gab es noch keine Spitzenliga im eigentlichen Sinn. Alle anderen Meistertitel folgten ab den 60er-Jahren. Seit 1960 hat nur ein FCZ-Coach umgerechnet nach Dreipunkteregel einen besseren Punkteschnitt als Breitenreiter erreicht: der Basler René Brodmann, welcher zum Ende seiner fünfjährigen Aktivzeit beim FCZ in der Rückrunde 1967 als Spielertrainer waltete (trotz der Top-Rückrunde blieb damals am Ende der FCB einen Punkt vor dem FCZ und Lugano). Brodmann kam gemäss FCZ-Biographie „Eine Stadt, Ein Verein, Eine Geschichte“ im Jahr 2000 auf tragische Art und Weise bei einem Unfall ausgerechnet direkt vor dem Letzigrund-Stadion ums Leben.

Lehren aus der Geschichte

Breitenreiter ist trotz zweitbestem Punkteschnitt in unserem Trainer-Ranking an erster Position, denn wir haben den Punkteschnitt mit der Qualität der Gegner gewichtet, gegen welche diese Punkte geholt wurden. So liegt beispielsweise Albert Sing, der 1980 durchschnittlich 1,3 Punkte in der Finalrunde gegen die Top 6-Mannschaften der Schweiz geholt hat, vor Uli Forte mit dessen 1,99 Punkten vorwiegend gegen die Nummern 11 bis 20 des Schweizer Fussballs und in zweiter Linie gegen die besten 10. Oder Gilbert Gress mit 1,31 Punkten gegen vorwiegend die besten 12, teilweise die besten 8 und die Nummern 9 bis 16 liegt vor Herbert Neumann mit 1,40 Punkten zu grossen Teilen gegen die Nummern 9 bis 24 der Schweiz. Und so werden die 2,10 Punkte Breitenreiters gegen die Top 10 etwas höher gewichtet, als Brodmanns 2,23 Punkte gegen die Top 14.

Die beiden grossen Figuren sind Breitenreiter und Favre – gefolgt von den erfolgreichen Coaches zuerst der 70er- (Cajkovski, Konietzka) und dann der 60er-Jahre (Gawliczek, Maurer, Mantula). Eine aufschlussreiche Lehre ergibt sich aus der Geschichte, wenn die Zeit nach den „Überfliegern“ Favre und Konietzka / Cajkovski betrachtet wird. Die Nachfolger (Jeandupeux sowie Challandes / Fischer / Meier) erreichten nicht mehr die Top-Punktzahlen von zuvor, arbeiteten aber trotzdem immer noch ziemlich erfolgreich. Jeandupeux und Challandes vermochten gar in Sachen Meistertitel nachzudoppeln. Mit Challandes, Fischer und Meier schien vor dem Hintergrund der Favre-Zeit jeweils die Geduld etwas zu fehlen. Eine kleine Resultatbaisse führte in den jeweiligen Fällen zur Freistellung. Besser wurde es danach aber nicht – im Gegenteil. Die Gefahr besteht, dass man an die Nachfolgetrainer zu hohe Ansprüche stellt und dadurch vom Regen in die Traufe gerät.

Das Ranking der FCZ-Trainer

Offense wins games – Urs Meier 21/22 bei Züri Live

„Offense wins games, defense wins championships“ ist ein geflügeltes Wort aus dem amerikanischen Profisport, welches häufig auch auf den Fussball angewendet wird. Urs Meier war diese Saison schon zwei Mal bei Züri Live (Derby-3:3 und Luzern-4:0) und schwärmte von den Offensivspielern „seiner“ FCZ-Mannschaft. Dieses offensiv-orientierte Team hat tatsächlich auch ein paar grosse Spiele wie den Cupfinal 2014 gegen den FCB oder in der Europa League gegen Villarreal gewonnen. Das Auswärtsspiel hatte der FCZ nach vier Djimsiti-Fehlern in Spanien klar verloren. Im Heimspiel konnte Meier Marcelino, den damaligen Trainer des aktuellen Europa League-Gewinners und zweifachen Champions League-Halbfinalisten, taktisch auf dem falschen Fuss erwischen. Dies trug zu einer frühen 3:2-Führung bei, die bis zum Ende der Partie hielt.

Ohne Defence – kein Championship!

Für die Meisterschaft hat es hingegen dem geflügelten Wort entsprechend nicht gereicht. In jener Saison 14/15 habe die Mannschaft den Titel in den Beinen gehabt, war im Züri Live-Podcast Nummer 2 Davide Chiumiento überzeugt. Man war bis im November an der Spitze dabei, bis zum Foul des ehemaligen FCB-Juniors Sandro Wieser an Gilles Yapi im Brügglifeld. Das zweite defensive Gewissen, Burim Kukeli, spürte zudem nach zwei Jahren Verletzungspause immer noch die Spätfolgen des Fouls des ebenfalls ehemaligen FCB-Juniors Simon Grether in einem Testspiel 2012 und fand nicht mehr auf sein altes Niveau. Ohne gute Defence – kein Championship!

FCZ heute im Gegensatz zur Meier-Ära ohne defensiv unterdurchschnittliche „Offensivstars“

Meier erklärt auch, dass er mit diesem „fast schon Überangebot“ an offensivorientierten Spielern wie Chikhaoui, Chiumiento, Buff, Gavranovic, Etoundi, Chermiti oder Sadiku nicht eine Taktik mit einer sicheren Deckung als Basis habe implementieren können. Im Gegensatz zu André Breitenreiter heute, möchte man anmerken, der ein Team ohne „Offensivstars“ zu einer gerade auch defensiv starken solidarischen Einheit formen konnte – und nahe am ersten Meistertitel seit 2009 steht. Es wäre der 13. bei aktuell 13 Punkten Vorsprung an einem Ort, der für den 13. Mai bekannt ist.

Pechsträhne nach starker Vorrunde 14/15 hängt als Damoklesschwert über dem Saisonstart 15/16

Man muss Urs Meier zustimmen, dass in der Saison 2014/15 wirklich einiges zusammenkam, was gegen den FCZ lief. Meier erwähnt den Afrika-Cup im Januar mit dem Skandalspiel Äquatorialguinea – Tunesien, von welchem sich die mit Titelhoffnungen nach Westafrika gereisten FCZ-Tunesier lange nicht hätten erholen können. Es kam eine beispiellose Serie an Fehlentscheiden hinzu, die in der heutigen VAR-Zeit in dieser Häufung kaum noch denkbar wäre. Trotzdem gelangen dem FCZ in dieser Saison rekordhohe fünf Derbysiege und mit dem 3. Platz erreichte man die Europa League-Qualifikation. Die in vielerlei Hinsicht unbefriedigende Rückrunde trug Meier dann aber als Rucksack über den Sommer mit und als zum Saisonauftakt 15/16 zwar die Leistungen, nicht aber die Resultate stimmten, kam als Folge davon die Freistellung – und ein langes Warten auf den neuen Trainer Hyypiä, was in der Abstiegssaison wertvolle Zeit kostete. „Der Zeitpunkt war schlecht“ meint Meier heute. Er ist aber dankbar, dass er beim FCZ eine tolle Mannschaft habe trainieren dürfen. Heute ist seine Tochter Seraina Piubel Stammspielerin der FCZ Frauen und hat ihr Début in der Nationalmannschaft gegeben.

Meier traut dem FCZ früh den Titel zu

Voll gesetzt hat Meier in seiner FCZ-Trainerzeit auf den eigenen Junior Berat Djimsiti. Kein anderer Spieler hat unter ihm so viele Einsätze gehabt – 158 Wettbewerbspartien. Bei seinem zweiten grossen Förderer Gian Piero Gasperini sind es aktuell mittlerweile 152 Einsätze. Ausserdem sprach Meier bei Züri Live über die Stimmung im Verein, als er auf die Meistersaison 05/06 hin zur FCZ Academy stiess, und dass die Zuzüge von Admir Mehmedi und Innocent Emeghara aus dem Winterthurer Nachwuchs damals auf seine Empfehlung getätigt wurden. Schon beim Derby im Oktober 2021 zeigt sich Meier zudem als einer der ersten auf einen Steilpass von René Borkovic hin öffentlich optimistisch bezüglich FCZ-Chancen auf den Meistertitel in der laufenden Saison 21/22.

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