Der Gegner des FC Zürich in der 2. Runde der Champions League 2022-23 steht fest. Der aufgrund des Konfliktes mit Armenien seit Jahrzehnten in der Hauptstadt Baku beheimatete aserbaidschanische Serienmeister Qarabaq Futbol Klubu will genauso wie der Fussballclub Zürich die Gruppenphase erreichen. Beide Teams stehen damit einem der für sie in dieser Runde schwierigstmöglichen Kontrahenten gegenüber. Die Ölfelder von Baku spielten vor rund 2’300 Jahren eine wichtige Rolle in der alten monotheistischen Religion Zoroastrismus und im 20. Jahrhundert dann für die Deviseneinnahmen der Weltmacht Sowjetunion.

Qarabaq FK: Favorit mit Erfahrung, aber auch Schwachstellen

Was erwartet das Foda-Team in Baku? In der Saison 2015-16 schied YB gegen Qarabaq mit zwei Niederlagen in den Europa League-Playoffs aus. Letzte Saison waren die Aseris in den Conference League-Gruppenspielen gegen den FC Basel zwei Mal eher die bessere Mannschaft, hatten aber viel Pech und holten daher nur einen Punkt und den 2. Gruppenplatz (danach Ausscheiden gegen Marseille im Sechzehntelfinal). Und den Polnischen Meister Lech Poznan hat man soeben mit einem 5:2-Gesamtskore aus dem Wettbewerb geworfen. Das für die Auslosung dieser Runde gesetzte Qarabaq hat international sicherlich den bekannteren Namen als der ungesetzte FCZ – und ist auf dem Papier der Favorit. Aus Züri Live-Sicht wird es aber ein Duell auf Augenhöhe. Der FC Zürich braucht sich nach der Entwicklung, die die Mannschaft zuletzt genommen hat, nicht zu verstecken.

Qarabaq hat in den letzten Jahren im Europacup zu Hause und auswärts etwa gleich gute Resultate erzielt. Man ist also auswärts eher überdurchschnittlich gut. Qarabaq kann auf seiner personellen Kontinuität der letzten Jahre aufbauen, in welcher das eingespielte Team viel Europacuperfahrung gesammelt hat. Von den individuellen Qualitäten her ist das Team von Qurban Qurbanov hingegen nicht besser aufgestellt als der FCZ. Es gibt keinen Spieler mit einer besseren Technik als Marchesano und auch keinen, der schneller ist als Rohner. Torhüter Magomedaliyev bringt ebenfalls nicht mehr Qualität mit als Brecher. Es gibt für den FCZ genügend Ansatzpunkte zum Ausnutzen von Schwachstellen. So sind die Akteure im defensiven Zentrum wie Medvedev, Medina oder Almeida nicht sehr flink / beweglich – sowohl ohne, als auch mit Ball. Rechtsverteidiger Vesovic unterlaufen unter Druck relativ viele Fehlpässe und Linksverteidiger Jafarguliyev ist zwar offensiv dynamisch, vernachlässigt dadurch aber auch immer etwas seine Defensivaufgaben. Das Duell zwischen ihm und Boranijasevic könnte ein entscheidendes werden.

Qarabaq gegen Lech Poznan dominant mit Spiel über die Flügel

Mitentscheidend wird sein, dass der FCZ unabhängig vom Resultat in Bern als Mannschaftsgefüge möglichst rasch zusammenfindet – im Speziellen im Mittelfeldzentrum: Condé ist neu, Dzemaili war zuletzt angeschlagen, Krasniqi und Seiler manchmal schwankend in ihren Leistungen und Selnaes scheint noch weit von der benötigten Wettkampfverfassung entfernt zu sein. Gegen Lech Poznan hat Qarabaq in beiden Partien das Spiel gemacht. Die Polen zogen sich zurück und verlegten sich auf Konterangriffe. Diesbezüglich war Lech durchaus gefährlich. Im Rückspiel vermochte Qarabaq aber mit intensiverem Pressing und deutlich konsequenterem Gegenpressing den Druck von der 1. Minute an hochzuhalten. Die Aseris liessen sich zudem vom Blitz-Gegentreffer bereits nach wenigen Sekunden überhaupt nicht beeindrucken.

Letztendlich brachte Qarabaq insgesamt mehr Energie auf den Platz. Lech ging das Tempo zu Beginn mit, baute etwa ab der 30. Minute aber ab. Qarabaq legte zudem Lechs defensive Defizite offen. Der Qarabaq-Aufbau verlief fast immer gleich. Einer der Mittelfeldspieler (Almeida oder Garayev) lässt sich auf die Höhe der Innenverteidiger zurückfallen und sucht mit einem flachen langen Ball auf der Seite einen der beiden Flügel – Zoubir (links) oder Kady (rechts). Da Zoubir Rechtsfuss und Kady Linksfuss ist, sind direkte Flanken von der Grundlinie selten. Sie legen sich den Ball erst auf den starken Fuss, bevor sie nach innen ziehen oder spielen.

Qarabaqs Hintermannschaft mit Mankos im Kopfballspiel und Antritt

Die zentralen Lech-Offensivspieler Amaral und Ishak taten so gut wie nichts, um Qarabaq im Spielaufbau zu stören – selbst auf Höhe der Mittellinie nicht. Das könnte theoretisch auch eine taktische Vorgabe gewesen sein, um den Gegner noch weiter rauszulocken. So etwas funktioniert aber nur, wenn die Hintermannschaft zweikampfstark ist und bei Ballgewinn schnell und sauber hinten herausspielen kann – was mit zunehmender Dauer der 1. Halbzeit nicht mehr der Fall war. In Baku erlebte Lech einen Gegner mit einer Intensität im Gegenpressing, die sie sich aus der Ekstraklasa nicht gewohnt sind. In diesem Moment wäre es wichtig gewesen, dass Lech-Trainer Van den Brom zur Pause taktisch reagiert. Nicht ganz untypisch für Holländische Trainer wollte er aber stur sein Konzept durchziehen. Franco Foda würde in so einer Situation ziemlich sicher flexibler reagieren. Dass für eine personelle Reaktion aber wohl auch etwas die valablen Alternativen fehlten, zeigten die aus polnischer Sicht enttäuschenden Auftritte ihrer Einwechselspieler.

Die Qarabaq-Hintermannschaft ist also mit langen hohen Bällen, Druck machenden Stürmern und auch über die Seiten verwundbar. Die Stärke der Verteidiger und Defensiven Mittelfeldspieler ist generell ihre Erfahrung und „Ausgebufftheit“ – sie sind aber nicht besonders kopfballstark und mit Ausnahme von Linksverteidiger Jafarguliyev auch nicht übermässig beweglich / schnell. Dies alles würde umso mehr für ein Sturmduo Tosin / Gnonto sprechen. Okita scheint im Spiel ohne Ball (noch) nicht auf dem gleichen Level zu sein. Ausserdem hat Qarabaq Probleme bei Eckbällen des Gegners, teilweise mit der Zuteilung, speziell aber auch wenn diese nahe aufs Tor in einen dicht gedrängten Fünfmeterraum gezogen werden.

Zürcher Sechserposition und Energiemanagement entscheidend

Defensiv muss sicherlich ein Fokus darauf liegen, Qarabaq in der Mittelzone besser am Spielaufbau zu stören als dies Lech tat, selbst dann, wenn man sich zurückziehen sollte. Weiter geht es darum, die beiden Flügel Zoubir und Kady in den Griff zu bekommen. Das ist grundsätzlich sicherlich möglich. Im Hinspiel in Poznan hatte Zoubir zwar viel den Ball, vermochte damit aber wenig anzustellen und Kady erwischte ganz generell einen schlechten Tag. Die Zone der Zürcher Sechserposition vor dem eigenen Strafraum wird wohl defensiv am wichtigsten sein. Condé hat sich schon sehr gut eingeführt, überlässt aber als Neuling in verschiedenen Situationen noch den Mitspielern den Lead, wenn er eigentlich bereits selbst mehr das Szepter übernehmen sollte. Wer spielt daneben? Selnaes kommt kaum schon in Frage. Bei Seiler und Krasniqi hängt es zur Zeit immer noch etwas von der Tagesform ab. Ideal wäre wohl einen der beiden zum Meisterschaftsauftakt auf Kunstrasen in Bern zu bringen und Dzemaili dann (sofern wieder fit) in Baku.

Die kurze Abfolge von Spitzenkampf zum Auftakt in Bern und drei Tage später das für die Europacupsaison bereits etwas vorentscheidende Spiel in Baku ist „nicht ohne“, auch wenn zum Saisonstart in der Regel die möglicherweise noch fehlende Eingespieltheit die grössere Herausforderung darstellt, als der Energiehaushalt. Lech Poznan reiste auf jeden Fall vor allem auch darum mit einer klaren Niederlage aus Baku ab, weil es über 90 Minuten nicht die gleiche Intensität auf den Platz bringen konnte, wie der Gegner. Und dies obwohl sie am Wochenende zwischen den zwei Europacupduellen mit Qarabaq im Supercup gegen Rakow Czestochowa (0:2) den grössten Teil ihrer Stammformation geschont hatten. Für Qarabaq beginnt die Meisterschaft noch lange nicht. Sie haben zur Zeit Europacuppartien im Wochentakt und können vor ihrer dritten Wettbewerbspartie der Saison in Baku bleiben.

Baku – Bild: Dr. Matthias Ripp (bearbeitet) CC BY 2.0