Mit Sami Hyypiä ist seit September ein von aussen gekommener Trainer für die Mannschaft verantwortlich, der ohne Vorurteile (seien es negative oder positive) jedem Spieler im Verlauf der Vorrunde eine Chance gegeben hat, sich zu beweisen. Durch so einen Prozess rückt natürlich die aktuelle Leistung in den Vordergrund, vergangene Meriten oder Fehler spielen eine untergeordnete Rolle.  Ausserdem setzt Hyypiä bei den Anforderungen an Spieler auf bestimmten Positionen etwas andere Prioritäten. Dies zusammen mit den personellen Veränderungen führt zu einer neuen Dynamik und Rollenverteilung im Team. Wie sieht das neue Gesicht des FCZ aus?

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Kerzhakov soll neu die FCZ-Vorderreihe anführen, und wird dabei von Buff und allenfalls auch noch Etoundi unterstützt. Im System mit vier Verteidigern liegt der Fokus stärker auf dem Flügelspiel mit dem Vorrunden-Aufsteiger Kevin Bua und wenn möglich dem wiedergenesenen Marco Schönbächler in der Offensive. Spielt der FCZ mit Dreierabwehrkette, liegt der Fokus mehr auf der Verhinderung und Kreierung von Torchancen durchs Zentrum – von einer 3-5-2 Formation können Spieler wie Brunner oder Etoundi profitieren. Das Duo Yapi/Grgic hat sich im Zentrum bewährt, hinten kämpft Neuverpflichtung Sanchez um einen Platz in der Startelf, und auf den aussen macht der wiedergenesene Mike Kleiber dem Brasilianer Vinicius das Leben schwer. Wer im Tor stehen wird, ist noch nicht entschieden.

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Armin Alesevic, Burim Kukeli und Artjom Simonyan konnten verletzungsbedingt keines der vier Vorbereitungsspiele bestreiten. Auch Gilles Yapi musste nach einem Schlag im ersten Spiel gegen Qäbälä für die nächsten drei Partien passen. Marco Schönbächler wird mit zwei 45 Minuten-Einsätzen langsam wieder an die 1.Mannschaft herangeführt. Am meisten Testspielminuten spielte Alain Nef vor Ivan Kecojevic, Anto Grgic und Sangoné Sarr.

Spielminuten Wintertests

Sion ist im Fokus für den FCZ. Der Cup-Halbfinal im Wallis am 2.März ist ein grosser Challenge: es lockt der Cupfinal im eigenen Stadion. Nach 90 Jahren kehrt des Endspiel um den Schweizer Pokal an seinen ersten Austragungsort zurück! Das Hauptaugenmerk liegt aber erst mal auf der Meisterschaft, wo der erste Gegner am kommenden Sonntag ebenfalls Sion heisst. An attraktiven Herausforderungen fehlt es in den nächsten vier Monaten wahrlich nicht.

Zwar ist durchaus noch ein Europa League-Platz möglich, aber auch die Konkurrenten im Abstiegskampf wie Lugano, Vaduz oder Thun hinter sich zu lassen, wird in dieser Saison nicht einfach. Die Mannschaft braucht auf jeden Fall in dieser kritischen Phase weiterhin die Unterstützung seiner Supporter und Fans. Denn gerade auch die Eigengewächse aus der Academy werden in der Rückrunde eine noch wichtigere Rolle als bisher einnehmen. Und diese Talente müssen auch mal einen Fehler machen können. Das Vorbereitungsprogramm des FCZ nimmt ganz generell wenig Rücksicht auf Testspielergebnisse – diesmal war dies aber noch etwas konsequenter der Fall, als sonst.

Der mittlerweile 19-jährige Anto Grgic wurde noch unter den Trainern Meier und Rizzo zu Beginn der Vorrunde gepusht und hat sich mit seinem Spielverständnis und mit Präzision im Umgang mit dem Ball später auch bei Sami Hyypiä nachhaltig für einen wichtigen Platz im Team empfohlen. Auch von Cédric Brunner hält der Übungsleiter aus Finnland einiges, und nach dem Trainingslager in der Türkei dürfen sich sicherlich auch Mike Kleiber, Vasilije Janjicic, Maxime Dominguez oder Aldin Turkes Hoffnungen auf Einsätze machen – nicht zu vergessen der lange verletzt gewesene Armin Alesevic.

Sangoné Sarr und Artjom Simonyan sind über die zweite Mannschaft an die Super League herangeführt worden. Oliver Buff ist im Begriff, den Schritt vom guten Spieler zum Leistungsträger zu machen. Diese Stufe hat Marco Schönbächler vor zwei bis drei Jahren  erklimmen können, und konnte nun in der Vorbereitung nach seinen langwierigen Leistenproblemen immerhin wieder zwei Mal 45 Minuten eingesetzt werden.

Sami Hyypiä hat in der Vorbereitung gleichberechtigt zwischen zwei Systemen hin- und hergewechselt: dem Standardsystem mit einer Viererabwehr, zwei hoch stehenden Flügeln und einer Sturmspitze, welches je nach Spielsituation und Gegner als 4-5-1 oder auch als 4-3-3 beschrieben werden kann – mit einem oder auch mit zwei „Sechsern“ vor der Abwehr. Das zweite Grundsystem, welches Hyypiä auch schon in der Vorrunde in einigen Partien eingesetzt hat, und welches zuvor unter Trainer Urs Meier eine Weile das Standardsystem gewesen war, ist das 3-5-2. In diesem System hat man hinten wie vorne mehr Präsenz im Zentrum, wo die Tore erzielt und verhindert werden – es bedingt aber ein grosses Laufpensum der beiden Flügelläufer und intelligentes Verschieben im Abwehrverbund.

Letztendlich ist das 3-5-2 aber nicht nur aus taktischen, sondern auch aus personellen Gründen wieder in den Vordergrund gerückt. Denn wirklich den Trainer zufriedenstellende Qualitäten für die Rolle auf dem offensiven Flügel  haben bisher nur Kevin Bua und Marco Schönbächler. Wobei Hyypiä die Qualitäten von letzterem bisher gar noch nie live erleben konnte. Bua seinerseits war zuletzt leicht angeschlagen. Verschiedene andere Spieler wurden in der Vorbereitung auf dieser Position getestet, unter anderem der polyvalente Sangoné Sarr. Moussa Koné zeigte in der zweiten Halbzeit gegen Ried auf dem rechten Flügel einiges an Dynamik, allerdings auch seine taktischen Defizite. Ausserdem ist der Senegalese zur Zeit wieder leicht angeschlagen, und wäre keine dritte Option auf dem Flügel, da sein Einsatz bedeuten würde, dass gleichzeitig Schönbächler aus reglementarischen Gründen in der Rückrunde nicht mehr zum Zug kommen könnte.

Als kleiner Gewinner der ansonsten eher ernüchternden Partie in Kaiserslautern kann aus Zürcher Sicht wohl Stürmer Aldin Turkes gelten. Zu Beginn hatte er gegen die robusten Abwehrspieler der Pfälzer keine Chance, gab aber nicht auf, und kam mehr und mehr über den Kampf ins Spiel. Sturmpartner Aleksandr Kerzhakov wiederum war in den vier Testspielen praktisch der einzige Zürcher, welcher nie unter ein gewisses Niveau fiel. Wille, Einstellung und Spielfreude des Russen sind top. Über ihn muss man sich keine Sorgen machen.

Franck Etoundi wiederum hat auch in der Vorrunde mal für mal bewiesen, wie wichtig seine unermüdliche Arbeit vorne im Sturm ist, um dem Rest der Mannschaft den notwendigen Raum und Zeit zu verschaffen, die sie für ihre Spielweise benötigt. Bezüglich Torgefährlichkeit war der Kameruner zuletzt gerade wieder richtig in Schwung gekommen – die Winterpause kam für ihn im falschen Moment.  Dazu kommt der im November 17 Jahre alt gewordene Vasilije Janjicic, welcher mit seinen zwei Einsätzen in der Vorbereitung bestätigt hat, dass man ihn bereits jetzt jederzeit in der Super League bringen kann. Der vielseitig einsetzbare Mittelfeldspieler wusste mit Spielintelligenz und Ballsicherheit zu überzeugen.

 

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Der FCZ-Strassenkreuzer im Sportpark „Rote Teufel“

Nimmt man die Testspiele als Massstab für den Rückrundenstart des FCZ, könnte einem Angst und Bange werden. Mit Ausnahme der Partie gegen Dnipro ist das Team von Trainer Sami Hyypiä in den Vorbereitungsbegegnungen durchwegs müde, apathisch und uninspiriert aufgetreten. So auch zum Abschluss im Nachwuchszentrum des 1.FC Kaiserslautern bei der klaren 0:4-Niederlage.

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Der nicht für einen Einsatz vorgesehene Vasilije Janjicic motiviert seine Teamkollegen vor dem Anpfiff

Die erste Chance der Partie hatte Aleksandr Kerzhakov, der in der 6.Minute aus 15 Metern deutlich links am Tor vorbei verzog. In der Folge übernahm das Heimteam dann aber immer mehr das Szepter. Beim FCZ schienen sich einige Akteure in der ersten Halbzeit der eher schlampigen Körpersprache von Mittelfeldspieler Cabral anzupassen. Nicht jeder vermochte nach einem intensiven Trainingslager den inneren Schweinehund zu überwinden. Erst im Anschluss an das durch einen Fehler von Torhüter Brecher entstandene 0:4 ging in der zweiten Halbzeit doch noch ein Ruck durch die Mannschaft. Innert kürzester Zeit kam der Stadtklub zu mehreren guten Torchancen, zeigte dabei aber wie während der ganzen Vorbereitung zu wenig Zielstrebigkeit vor dem gegnerischen Tor.

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Da war die Welt noch in Ordnung: kein Regen und keine Gegentore

Die Schlussoffensive von Kaiserslautern war aber immerhin ein positiver Unterschied zu den Partien in der Türkei, wo die Mannschaft jeweils in der Schlussphase entkräftet nur noch den Schlusspfiff herbeizusehnen schien. Schon vor der Partie war Trainer Sami Hyypiä bewusst, dass nun in der Woche bis zum Meisterschaftsstart am Sonntag gegen Sion die Belastung deutlich reduziert werden muss, damit die Frische und Spritzigkeit wieder zurückkommt.

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Mike Kleiber wird gejagt

Das Wetter in der Pfalz konnte man nicht anders, als „garstig“ bezeichnen. Mitten in einem Fichtenwäldchen im Osten Kaiserslauterns gelegen, wehte den lokalen Journalisten und Klubverantwortlichen ein unberechenbarer kalt-feuchter Wind ins Gesicht. Kurz nach dem Anpfiff kam dann auch noch Dauerregen dazu. Dies vermischt mit den gelegentlich apokalyptischen Geräuschen durch den wolkenverhangenen Himmel von der wenige Kilometer entfernten Ramstein Air Base wohl verursacht durch die Landung von Grossmaschinen wie dem C5 Galaxy Transporter ergab ein schaurig-prickelndes Gemisch an Sinneseindrücken.

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Kerzhakov und Turkes bei ihrer hauptsächlichen Tätigkeit: Anstoss nach einem Gegentor

„In der Türkei war es aber noch kälter, und es hat immer geregnet“, meinte der sich mit einem Espresso stärkende Hyypiä vor der Partie, und freute sich über die zufällige Begegnung mit der Lauterer Legende Stefan Kuntz, der vor zwei Wochen auf den Sommer hin nach acht Jahren seinen Rücktritt als Vorstandsvorsitzender des Klubs gegeben hatte. Derweil wunderte sich ein Pfälzer Journalist gegenüber „Züri Live“: „Was macht denn der Hyypiä bei euch?“.

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Ein weiteres Mal lassen sich Vinicius und Bua von Görtler an der Nase herumführen

Das Spiel war ursprünglich auf dem Nebenplatz des Fritz Walter-Stadions im Zentrum Kaiserslauterns angesetzt und eine tiefe vierstellige Zuschauerzahl erwartet worden. Die Verantwortlichen entschieden aber, dass sich der organisatorische und finanzielle Aufwand dafür nicht lohne, und haben die Partie unter Ausschluss der Öffentlichkeit ins eingezäunte und bewachte „Nachwuchs-Leistungszentrum“ verschoben. Lauterer Fans waren dann tatsächlich keine anwesend, Zürcher Fans schon – rund ein Dutzend hatten es aufs Gelände geschafft und wollten sich das letzte Vorbereitungsspiel ihrer Mannschaft unter keinen Umständen entgehen lassen. Trotz Katzenwetter und inneren Schweinehunden.

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Alain Nef köpft einen Eckball knapp vorbei – in der Schlussphase kam der FCZ noch zu einer Reihe von Torchancen

1.FC Kaiserslautern:Müller (46. Alomerovic); Zimmer (33. Schulze), Vucur, Heubach (46. Mockenhaupt), Gaus (46. Fomitschow); Halfar (46. Görtler), Klich (46. Pich), Ring (66. Pokar), Jenssen (66. Reichert); Bödvarsson (46. Deville), Przybylko (27. Colak).

FC Zürich: Favre (46. Brecher); Nef, Kecojevic, Brunner (38. Vinicius); Grgic, Cabral (46. Sarr); Kleiber (46. Schönbächler), Buff (70. Dominguez), Koch; Kerzhakov, Turkes (46. Bua)
Tore: 1:0 Jenssen (14.), 2:0 Jenssen (31.), 3:0 Halfar (35.), 4:0 Schulze (77.)

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Seit Sonntag hat die zweite Etappe der Rückrundenvorbereitung für den FCZ in Lara begonnen. Die durch Spielerabgänge frei gewordenen Plätze wurden im Flieger durch eine verstärkte medizinische Abteilung kompensiert. Zu dieser Verstärkung zählt auch ein auf einem Schnappschuss jovial lächelnder „Brummbär“ im FCZ-Gewand flankiert von Aleksandr Kerzhakov und Artjom Simonyan.

Es ist Sergey Kolesnikov, seines Zeichens langjähriger Physiotherapeut von Zenit St.Petersburg und der Russischen Nationalmannschaft. Nach dem Transfer von drei Stürmern, die den FCZ in diesem Winter verlassen, ein weiteres glasklares Zeichen, dass man an der Werdstrasse für die kommenden Monate auf Kerzhakov baut, und diesem die bestmöglichen Bedingungen bieten will. Kolesnikov ist kein Wintertransfer des FCZ. Er hat sich spontan und auf Initiative seines langjährigen „Kunden“ für die Zeit des Trainingslagers dem FCZ angeschlossen. Und scheint sich im Kreise der Zürcher pudelwohl zu fühlen.

Vor dem Abflug in die Türkei hat sich der ehemalige Zenit-Bomber Kerzhakov gegenüber  der Sport-Tageszeitung „Sovetskij Sport“ über seine ersten Eindrücke in Zürich geäussert. Züri Live liefert das Interview nach:

Sovetskij Sport: Wenn Sie mit einem Wort die erste Woche in Zürich beschreiben müssten, welches Wort wäre das?

Kerzhakov: Positiv. Es ist ein gutes Kollektiv. Und mit der Klubführung herrscht ein sehr warmes Verhältnis. Mit einem Wort kann ich das alles gar nicht beschreiben.

SS: Bei Zenit gibt es eine Tradition: ein neuer Spieler muss einen Spiessrutenlauf absolvieren bei welchem ihm die Mitspieler auf den Hinterkopf schlagen. Wie werden die Neuen beim FC Zürich begrüsst?

Kerzhakov: Ich würde nicht sagen, dass dies bei Zenit wirklich eine Tradition ist. Vor der Ära „Villas Boas“ gab es das nicht – das hat er eingeführt. Und beim FC Zürich verhält man sich Neuen gegenüber easy und relaxed. Ich musste auch keine Reden halten.

SS: Nach all den Russischen Wintertrainingslagern sind für Sie die Schweizerischen wohl eher putzig?

Kerzhakov: Nein, in Bezug auf die Belastung ist es das Gleiche wie damals im ersten Zenit-Wintertrainingslager 2003 mit Trainer Vlastimil Petrzela. Jeden Tag zwei Trainings und sehr viel Laufarbeit. Dann geht es für 10 Tage in die Türkei und bereits am 7. Februar haben wir das erste Meisterschaftsspiel.

SS: Die Trainingsplätze sind gut?

Kerzhakov: Ja, die sind hier gut. Allerdings, nun regnet es bereits 24 Stunden am Stück, und heute konnten wir deshalb nicht auf dem Platz trainieren, damit dieser nicht zerstört wird.

SS: Es heisst, Sie hätten vier Konkurrenten im Sturm. Läuft der Konkurrenzkampf schon heiss?

Kerzhakov: Zuerst einmal reisen wir ins Traininglager und dann spielen wir das erste Testspiel. Erst dann werde ich ein Gespür für die Situation bekommen können. Alle Fragen bezüglich Konkurrenten und Anzahl Spieler pro Position müssen Sie dem Trainerstab stellen. Ich bin nicht dafür da, um die Anzahl Stürmer oder Verteidiger zu zählen.

SS: Der Präsident Ihres neuen Klubs hat gesagt, dass Sie sehr viel über Zürich wissen. Wussten Sie auch, dass in der Stadt mehr als ein Jahr lang Lenin gelebt hat?

 Kerzhakov: So wie ich herausgefunden habe, hat hier nicht nur Lenin gelebt, sondern es leben in Zürich auch heute viele berühmte Leute – Celebrities und Geschäftsleute. Zum Beispiel hält sich hier auch (Margarita) Louis-Dreyfus, die Besitzerin von Olympique Marseille, häufig auf.

SS: Ein interessanter Ausschnitt aus der Biografie Lenins über das Leben in Zürich: „Ein Grossteil seiner Zeit hat er in der Stadtbibliothek verbracht, und in der Freizeit liebte er mit seiner Partnerin auf den Zürichberg zu gehen, im Gras zu liegen, und Schweizer Schokolade zu essen“. Was denken Sie, werden die Historiker über Ihre Zeit in Zürich einmal schreiben?

Kerzhakov: Ich glaube, dass ich viel weniger Freizeit haben werde, als Lenin. Ich habe hier ein bisschen andere Aufgaben und Ziele…

SP: Und weiter: „Das Ehepaar Ulyanov hat seine Zürcher Wohnung im Frühling 1917 verlassen, als sie von der beginnenden Revolution in Russland erfahren haben, und haben sich in den Zug nach St.Petersburg gesetzt“.

Kerzhakov: Ich empfinde hier überhaupt keine Parallelen. Und ausserdem mag ich es nicht, mit Lenin verglichen zu werden.

SS: Dann wenigstens dies: Schweizer Schokolade oder Russische?

Kerzhakov: Wenn ich mir vorstelle, dass vor mir eine Tafel Russische und eine Tafel Schweizer Schokolade hingelegt würde, dann würde ich unsere essen. Ich habe seit meiner Kindheit Sowjetische Schokolade gegessen und finde nicht, dass sie schlecht ist, oder schlechter als Schweizer Schokolade. Dies obwohl Schweizer Kühe das frische Gras der Alpenwiesen essen und ihre Milch daher eine bessere Qualität hat.

SS: Zudem ist die Schweizer Schokolade deutlich teurer.

Kerzhakov: Ja, die Preise sind in Zürich deutlich höher, als in St.Petersburg. Wenn man es in Rubel umrechnet, so sind die Preise hier etwa doppelt so hoch.

SS: Haben Sie gelesen, was die Schweizer über Sie schreiben?

Kerzhakov: Ich kann kein Deutsch.

SS: Im „Blick“ gab es einen Artikel mit dem Titel: „Neuer Zar von Zürich“

Kerzhakov: Eine übertriebene Einschätzung. Viele Journalisten schreiben um einer heissen Schlagzeile willen Dinge, die keine wirkliche Grundlage haben. Gebt mir doch wenigstens erst mal ein paar Minuten Spielzeit mit dem FC Zürich in der Meisterschaft! Danach gibt es dann zumindest etwas, worüber man sprechen kann. Aber so: ich habe kaum ein bisschen trainiert – und bin bereits der Zar! Wenn sie das gleiche immer noch schreiben, wenn die Rückrunde voll im Gange ist, ist das eine andere Sache.

SS: Der Untertitel im „Blick“ ist noch interessanter: „Putin ist sein Freund“. Wir, so scheint es, haben etwas nicht mitbekommen?

Kerzhakov: Um ehrlich zu sein, weiss ich selbst nichts davon. Ich verstehe nicht, woher sie das haben. Wenn es in diesem Artikel Aussagen von mir persönlich gehabt hätte, dann würde ich das jetzt kommentieren, Aber Sie wissen ja selbst am besten, was manchmal alles in den Zeitungen geschrieben wird. In dem Sinne ist es ja eigentlich ganz gut, dass ich kein Deutsch verstehe.

SS: Im gleichen Artikel wird der Präsident des FC Zürich, Ancillo Canepa, zitiert, dass die Verhandlungen mit Ihnen nicht mehr als 10 Minuten gedauert hätten. „Mich hat die Sachkundigkeit Kerzhakovs über den Klub und die Stadt positiv überrascht. Ich musste ihn nicht überzeugen.“

Kerzhakov: Und wozu hätte er mich denn überzeugen müssen? Als ich in die Schweiz zum Treffen mit Canepa geflogen bin, wusste ich genau warum ich dahin gehe und was ich dort tun werde. Das ist eine bewusste Entscheidung, ich hatte schon zuvor alle Pluspunkte und Minuspunkte abgewägt. Bei diesem Wechsel gab es für mich deutlich mehr Pluspunkte, als bei einem Wechsel zu irgendeinem anderen Verein. Und Minuspunkte habe ich eigentlich überhaupt keine dabei gesehen.

SS: Sie haben gesagt, sie hätten auch zu einem Premier League-Klub wechseln können, aber es hätten Ihnen drei Länderspiele gefehlt. Wer von den Russischen Spielern kann denn diese Anforderungen überhaupt erfüllen?

Kerzhakov: Derjenige, welcher für die Nationalmannschaft mindestens 75% aller Spiele der letzten zwei Jahre absolviert hat.

SS: Aber Sie sind doch ein verdienstvoller Spieler? Erhält man da kein Gehör?

Kerzhakov: Im Prinzip hätte man da wohl schon etwas machen können. Irgendwohin eine Anfrage machen, damit Sie meinen Fall genauer anschauen. Aber dann hätte ich die Leute vom FC Zürich hinhalten müssen. Sie haben mir eine konkrete Offerte gemacht, die mir gefallen hat. Es wäre nicht fair gewesen, das ganze erst mal „on hold“ zu stellen. Ich wollte wissen, woran ich bin, und nicht irgendwelche eventuell besseren Offerten abwarten.

 

FCZ-Präsident Ancillo Canepa zeigt sich im Gespräch mit der russischen Nachrichtenagentur TASS überzeugt, dass der neuverpflichtete Stürmer Aleksandr Kerzhakov zusätzliche Zuschauer ins Stadion locken werde. Der Transfer sei bei den Fans und in der Schweizer Presse ausschliesslich positiv aufgenommen worden. Von „Supertransfer“ oder „bester Ausländer in der Geschichte des FCZ“ sei die Rede gewesen. Schon eine halbe Stunde nachdem der Russische Stürmer sein Büro verlassen gehabt habe, hätten ihm trotz Geheimhaltung des Transfers bereits die ersten Journalisten angerufen, weil Kerzhakov auf der Strasse erkannt worden sei, meint Canepa.

Der FCZ sei stolz auf die Verpflichtung und Kerzhakov habe von Beginn weg  einen tollen Eindruck gemacht: „Er hat sich sehr gut informiert. Bei unserem Treffen wusste er bereits alles über den FCZ. Er spricht sehr gut Englisch. Und ich war überrascht, wie jung er aussieht. Man gibt ihm auf den ersten Blick höchstens 25 Jahre. Er ist sehr gut in Form und verhält sich professionell. Deshalb ist es nicht wirklich von Belang, dass er das letzte Halbjahr nicht gespielt hat.“

Canepa erwartet, dass Kerzhakov sofort zur rechten Hand von Trainer Sami Hyypiä und zum Vorbild für die Mannschaft wird. So eine Persönlichkeit habe bisher vielleicht im Team gefehlt. Ausserdem soll Kerzhakov ganz einfach Tore erzielen: „wir spielen schönen Fussball, aber unser Problem ist die Effizienz vor dem Tor. In dieser Hinsicht soll Kerzhakov uns weiterhelfen“.

Der angesprochene zeigt sich zufrieden mit dem bisherigen Verlauf und lässt im Sportsender „Match TV“ die Fans wissen, dass ihm das Training beim FCZ viel Freude bereite. Kerzhakovs erste Trikotwahl wäre übrigens seine Lieblingsnummer 11 gewesen, welche aber zu jenem Zeitpunkt noch für den nun ausgeliehenen Armando Sadiku reserviert war. Daher hat der St.Petersburger Stürmer die Nummer 72 gewählt: als Hommage an einen Freund, den NHL-Profi Artemi Panarin (Chicago Blackhawks), welcher ebenfalls diese Nummer trägt.

 

 

Der FCZ ist seit heute wieder im Training und bereitet sich auf die Rückrunde vor. Wenn man auf die Platzierung in der Tabelle blickt, muss man den Letzigrund-Klub als ein Team im Abstiegskampf sehen. Die Konkurrenten Vaduz und Lugano werden in der Rückrunde sicherlich beide nochmal einen Zacken zulegen können – also braucht der FCZ zwei Zacken. Andererseits ist es trotz allem möglich, bei positivem Verlauf wie letzte Saison in der Liga einen Europacupplatz zu erreichen. Das viertplatzierte Luzern ist neun Punkte voraus, der fünfplatzierte FC St.Gallen sechs Punkte. Falls sich der Cupsieger unter den ersten vier klassiert, reicht auch ein fünfter Platz. Und vor allem hat der FCZ die arithmetische Chance von 25% selbst Cupsieger zu werden.

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Auf dem Weg zu diesen Zielen läuft aber vieles nicht nach Plan. So hadert der ansonsten frisch und erholt wirkende Trainer Sami Hyypiä damit, dass er an den ersten beiden Trainingstagen noch nicht Vollgas geben und die Spieler belasten kann, da die Leistungstests anstehen. Der Finne hätte diese viel lieber schon am Wochenende durchgeführt, aber die Klinik sei noch geschlossen gewesen. Die Miene des Übungsleisters verdüstert sich noch etwas mehr, als er auf die Platzsituation angesprochen wird: „Auf unserem Trainingsplatz können wir Schwimmen. Wenn wir ihn beim aktuellen Zustand einmal benutzen, dann ist er anschliessend nicht mehr brauchbar.“ Neu ist das Thema nicht. Hyypiäs Vorgänger hatten alle mit den gleichen Herausforderungen zu kämpfen. Es werde nun flexibel disponiert, aber es sei wichtig, immer die Option auf irgendeinen Kunstrasenplatz offen zu haben, meint Hyypiä weiter. Da ist dann auch Flexibilität gefragt. Die Mannschaft kennt mittlerweile sicherlich bald jeden Kunstrasenplatz der Stadt, sei es im Juchhof, Heuried oder Heerenschürli.

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Ebenfalls nicht das Resultat eines Planes sei die Verpflichtung von Stürmer Aleksandr Kerzhakov gewesen, lässt Hyypiä durchblicken, und bestätigt damit die Vermutungen einiger Beobachter. Die Russische Stürmerikone war vielmehr ein Gelegenheitsschnäppchen, welches man sich nicht entgehen lassen wollte. Dies obwohl der FCZ zumindest quantitativ in Sturm und Offensivzentrum ganz bestimmt nicht unterbesetzt ist. Kerzhakov war im ersten Training Teil der zwölfköpfigen Laufgruppe mit Bua, Buff, Sarr, Etoundi, Di Gregorio, Grgic, Schneuwly, Alesevic, Kleiber, Sadiku und Brunner, welche angeführt vom Trainerduo Hyypiä/Rizzo im Nieselregen eine knapp einstündige Laufeinheit absolvierte. Weitere Spieler waren gleichzeitig an den Fitnessgeräten anzutreffen, und die Torhüter trainierten ebenfalls separat.

Hyypiä bemerkte, dass er in den Ferien mit keinem der Spieler gesprochen habe. Die Gespräche werden diese Woche im Anschluss an die Leistungstests erfolgen, und spätestens in der darauffolgenden Woche sollten dann erste Entscheidungen bezüglich weiterer Transfers – Abgänge oder Zugänge – fallen. Details würden dann mitgeteilt, wenn es soweit sei. Aber es ist durchaus denkbar, dass der eine oder andere Spieler gar nicht mehr im Training auftauchen wird, und die Suche nach einem neuen Verein sich bereits in der heissen Phase befindet.

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Am meisten im Mittelpunkt der zahlreich erschienenen Medienschaffenden stand natürlich Neuverpflichtung Alexandr Kerzhakov, der die vielen Fragen im Anschluss ans Training geduldig beantwortete. Auch über private Dinge: der Russe wohnt zur Zeit mit seiner Frau im gleich neben dem Trainingsgelände gelegenen Hotel (Sihlcity) und sucht so schnell wie möglich eine Wohnung, um den zurzeit bei Kerzhakovs Eltern lebenden Sohn nach Zürich holen zu können. Der Russische Stürmer will durch die Teilnahme an der Rückrundenvorbereitung wieder richtig in Form kommen, Spiele gewinnen, in der Tabelle Rang um Rang gutmachen und am Ende des Frühlings im EM-Aufgebot von Nationaltrainer Leonid Slutski stehen. Ob er Trainer Hyypiä wegen seinen beiden Toren im WM-Qualifikationsspiel 2009 in Helsinki schon im Spass aufgezogen habe? „Nein bisher nicht“, meint der 1,76m-Mann etwas schüchtern und schelmisch zugleich: „Ich weiss nicht, ob ihm solche Witze gefallen würden…“.

Kurz vor Weihnachten legen sich Ancillo und Heliane Canepa mit Aleksandr Kerzhakov den grössten Fussballstar der FCZ-Geschichte unter den Weihnachtsbaum. Aber kann sich der FCZ die St.Petersburger Legende überhaupt leisten? Davon ist auszugehen, denn nicht nur haben die Sommertransfers viele Millionen in die Kasse gespült, die mehr als nur das ominöse „strukturelle Defizit“ decken sollten – Kerzhakov selbst wird den FCZ nicht allzu viel kosten und das Lohngefüge nicht sprengen. Wie der Spieler selbst im Gespräch mit dem Portal „championat.com“ offenbart, habe er zugestimmt, für das kommende Halbjahr (die letzten sechs Monate seines Vertrages mit Zenit) auf die Hälfte seines Salärs zu verzichten. Bei einem Jahresgehalt von 3 Mio US-Dollar verzichtet der „Bombardir“ damit immerhin auf USD 750’000.-.

In den letzten Monaten hat Kerzhakov erste Erfahrungen als TV-Experte gesammelt und zudem ein Projekt mit dem Russischen Fussballverband begonnen. Nun sei er aber zum Schluss gekommen, dass er noch ein paar Jahre Fussball spielen wolle. Kein Geheimnis ist, dass „Kerzh“ im Sommer am liebsten einen neuen Vertrag bei Zenit unterschreiben würde. Dafür  müsse Kerzhakov sich in der Schweiz aber „enorm am Riemen reissen“, wie Fussballexperte  Konstantin Sarsania gegenüber dem täglich erscheinenden „Sovetskij Sport“ meint. Kerzhakovs primäres Ziel im Frühling ist es erstmal, sich wieder für die Russische Nationalmannschaft zu empfehlen. Vor zwei Wochen hat er mit Nationaltrainer Leonid Slutski telephoniert, will aber keine Details des Gespräches preisgeben. Wahrscheinlicher als ein Wechsel zurück zu Zenit ist wohl ein Transfer zu einem ambitionierten Russischen Mittelfeldklub im Sommer, so wie sein Kompagnon Andrei Arshavin, welcher mittlerweile bei Kuban Krasnodar engagiert ist.

Kerzhakov gibt gegenüber „championat.com“ auch Details darüber preis, wie es zum Kontakt mit dem FCZ gekommen sei. Zenit sei in dieser Sache nicht aktiv gewesen, er habe selbst mit seinem Agenten einen Klub gesucht. Sie hätten gemeinsem Angebote von Erstligisten in England, Spanien, Niederlande, Türkei, China und den USA sortiert. Einen Klub in Russland hatte ihm Zenit für den Rest der Vertragslaufzeit verboten gehabt. Das erste Mal vom Interesse des FCZ gehört habe Kerzhakov selbst vor etwa einem Monat. Beim Zürcher Klub hatte Kerzhakov das Gefühl, dass es für seine aktuelle Situation und seine aktuellen Ziele die beste Variante sei. Über die nächste Saison spricht der Stürmer noch nicht, aber es ist kaum anzunehmen, dass er in Zürich bleiben wird. Ohne den laufenden Vertrag bei Zenit im Rücken würde Kerzhakov jeglichen Budgetrahmen und die Gehaltsstruktur des FCZ völlig sprengen. Gemäss eigenen Angaben ist Kerzhakov nicht über den Deal zwischen dem FCZ und Zenit informiert. Ganz offensichtlich wird er seinen Lohn weiterhin von Zenit erhalten. Was die beiden Klubs also an Leihsumme und/oder Lohnanteil von Seiten des FCZ ausgemacht haben, bleibt damit ein Geheimnis der beiden Klubs – aber es ist davon auszugehen, dass der Russische Klub weiterhin auch faktisch den grössten Teil des Salärs übernimmt.

Persönlichen Kontakt mit Trainer Sami Hyypiä hatte Kerzhakov bisher noch nicht. Der Finnische Trainer habe ihn per E-mail in der Mannschaft willkommen geheissen. Auch mit seinem ehemaligen Teamkollegen Artjom Simonyan habe er noch nicht gesprochen. Dafür hat er mit der im freiburgischen lebenden Eishockey-Ikone Vjacheslav „Slava“ Bykov telephoniert. Dieser vermeldet im ebenfalls täglich erscheinenden „Sport Express“, dass der Transfer Kerzhakovs in den Schweizer Medien gut aufgenommen worden sei. Kerzhakov ist zuversichtlich, dass er nach der Wintervorbereitung wieder in Form kommen wird, und ist ausserdem der Meinung, dass für den FCZ noch genug Zeit ist, um sich aus dem Abstiegsstrudel zu befreien: „Ich gehe nicht nach Zürich, um ums Überleben zu kämpfen. Ich glaube, für den FC Zürich wird es nach der Winterpause wieder aufwärts gehen“, äussert sich Kerzhakov gegenüber „championat.com“.

Sascha git alles für Züri! Der Transfer Kerzhakovs zum FCZ wird in den Nachrichten auf NTV (einem der grössten russischen TV-Sender) mit Musik von Schoedo unterlegt (am Ende ist dann aber die Fankurve der „Anderen“ zu sehen): 

https://youtu.be/zgvxtElihbc

Aleksandr („Sascha“) Anatolyevich Kerzhakov ist der grösste Fussballstar, der jemals beim FCZ engagiert war. Illie, Filipescu, Waas, Stürmer und selbst ein Brolin oder Yekini reichen nicht an den Namen Kerzhakov heran. Zu seiner besten Zeit war er als internationaler Topstürmer respektiert. In Russland ist er ein Nationalheld – bester Torschütze aller Zeiten der Russischen Liga (224 Tore), seines Stammklubs Zenit St.Petersburg (161) und der Russischen Nationalmannschaft (30). Seine grössten Stärken sind die Abschlussqualitäten sowohl mit dem Fuss, als auch per Kopf – trotz seiner „nur“ 1,76 m – und in seinen besten Jahren auch die Schnelligkeit. Kerzhakov prägte als Motto über sich selbst, welches mittlerweile in Russland zum geflügelten Wort geworden ist: „Ich traf, ich treffe, und ich werde treffen“.

Kerzhakov trifft im Letzigrund in einem Freundschaftsspiel gegen Italien vor der EM 2012 zum 1:0:  

Allerdings: einen wesentlichen Teil seiner Nationalteam-Tore erzielte Kerzhakov gegen Mannschaften wie Liechtenstein, Andorra oder Luxemburg. Er war zudem nur an einem einzigen Turnier (EM 2012 – Ausscheiden in den Gruppenspielen nach der Niederlage gegen Griechenland) Stammspieler, und gewann mit der „Sbornaya“ nie einen Titel. Der in Kingissepp an der Estnischen Grenze geborene Stürmer kam nicht mal in die Nähe einer Trophäe. Das Tor zum 1:1 als Einwechselspieler im ersten Gruppenspiel der WM 2014 gegen Südkorea war zudem sein einziger Treffer an einem internationalen Turnier. Kerzhakov ist aber nicht nur für seine Tore bekannt, sondern ebenso als Chancentod. Der englische „Guardian“ hat sogar das Verb „kershakoved, to kershakov“ in Umlauf gebracht. Es bedeutet: „aus wenigen Metern eine Riesenchance vergeben“.

Am 10.Juni 2009 hat Kerzhakov in Helsinki gegen Finnland nicht „kershakoved“, und schoss im Rahmen der WM-Qualifikation für Südafrika zwei Tore. Bei beiden Treffern sah sein neuer Trainer Sami Hyypiä nicht gut aus: beim ersten reklamierte der lange, blonde Finne Abseits und liess seinen Gegenspieler ziehen – beim zweiten liess sich Hyypiä im eigenen Strafraum vom russischen Flügelflitzer Bystrov austanzen – Kerzhakov konnte mit dem Abpraller erben. Russland scheiterte anschliessend im Playoff gegen Slowenien.

Kerzhakovs Tore gegen Hyypiä:

Tatsache ist, dass Kerzhakov selbst in seinem Stammklub Zenit bis jetzt mit jedem Trainer Probleme bekam. Als 2012 Hulk und Axel Witsel für insgesamt 100 Millionen Schweizer Franken von Porto und Benfica zu Zenit St.Petersburg wechselten, unterstützte Kerzhakov den Captain Igor Denisov in dessen Streik. Die beiden Multimillionäre wollten nicht akzeptieren, dass die neuen ausländischen Stars mehr Lohn kassierten, als sie. Hauptsponsor Gazprom hätte es sich rein finanziell natürlich mit Leichtigkeit erlauben können, die beiden Champagner-Revoluzzer mit ein paar zusätzlichen Millionen ruhig zu stellen, aber einen damit verbundenen Gesichtsverlust durch Erpressbarkeit konnte sich der grösste Energiekonzern der Welt nicht leisten.

Kerzhakov profitierte wie viele andere russische Fussballer vom vielen Geld, das direkt oder indirekt aus den Staatskassen oder von regierungsnahen „Oligarchen“ im letzten Jahrzehnt in den Russischen Fussball floss. Gleichzeitig hatten diese Spieler wegen der vernachlässigten Jugendarbeit schon in jungen Jahren nur wenig Konkurrenz im eigenen Lande. Da kein Grossklub einen der wenigen potentiellen zukünftigen einheimischen Identifikationsfiguren verlieren wollte, wurden die Talente schon in jungem Alter gehätschelt und sehr gut entlöhnt – und wurden so zu einer verwöhnten Generation mit welcher im Laufe der Jahre selbst die renommiertesten Klub- und Nationaltrainer wie Spalletti, Capello, Hiddink und Co. immer wieder ihre liebe Mühe bekundeten.

Kerzhakov gehört in Russland zur regierungsnahen Promi-Elite, nicht zuletzt auch als grosse St.Petersburger Ikone, von wo mittlerweile der Grossteil der führenden Kräfte im Moskauer Kreml stammt. Als einer von rund 500 sogenannten „Vertrauenspersonen“ unterstützte Kerzhakov die bei Teilen der Bevölkerung umstrittene dritte Wahl Vladimir Putins zum Präsidenten der Russischen Föderation im Jahr 2012. Eiskunstläufer Evgeniy Plyushenko war Kerzhakovs Trauzeuge bei dessen ersten Heirat im Jahr 2005. Mittlerweile ist Kerzhakov bei der dritten Frau angelangt – es ist die Tochter des Russischen Senators Vadim Tjulpanov aus St.Petersburg, der für den sich am Polarkreis befindlichen Autonomen Kreis der „Nenzen“ (Fläche vier Mal so gross wie die Schweiz, bei einer Einwohnerzahl wie Köniz) im Russischen Oberhaus sitzt.

Kerzhakov ist zudem längst Teil der russischen Folkore. In einem Satire-Clip muss er nach dem Ausscheiden in der Gruppenphase der EM 2012 zusammen mit dem rundlich gewordenen Arshavin vor Vladimir Putin antanzen. Arshavin erklärt, dass die schlechten Resultate nicht das Problem der Fussballer seien. Man habe halt einfach ein Tor weniger erzielt, als die Griechen. Und fragt danach Kerzhakov nach einem Pack Pommes Chips. Putin droht mit der Versetzung der Fussballer als Sportlehrer in die ländliche Provinz:

https://youtu.be/EX8WMQ7niBI

Vor einem Jahr entschied sich Zenits Trainer André Villas Boas (Ex-Porto, –Chelsea und –Tottenham) zu einem riskanten Schritt: er sah keinen anderen Weg mehr, als nicht mehr auf die Klubikone Kerzhakov zu setzen. Nicht nur spielte Kerzhakov in den sportlichen Planungen von Villas Boas keine Rolle mehr – es wurde ihm ab Sommer sogar zeitweise verboten, das Trainingszentrum von Zenit auch nur zu betreten. Dazu beigetragen hatte unter anderem die Geschichte, als der unter Flugangst leidende Stürmer wegen einer angeblichen Verletzung  nicht nach Saransk an den Ural mitfliegen wollte, eine Woche später dann aber vor dem Auswärtsmatch im deutlich glamouröseren Monaco plötzlich doch im Flugzeug sass.

Zenit spielte in diesem Herbst eine resultatmässig und auch spielerisch beeindruckende Champions League-Herbstkampagne mit fünf Siegen in sechs Partien gegen Valencia, Lyon und Gent. Der Brasilianische Nationalspieler Hulk wirkt nach den Abgängen von Denisov und Kerzhakov wie aufgedreht, und die russischen Talente einer neuen Fussballergeneration praktizieren modernen, schnellen, taktisch anspruchsvollen Fussball. Artjom Dzyuba hat Kerzhakov sowohl bei Zenit, wie auch im Nationalteam den Rang abgelaufen und ist mit sechs Toren nach Cristiano Ronaldo und Robert Lewandowski bisher der drittbeste Torschütze der Champions League. Gleichzeitig hielt sich Kerzhakov in Moskau mit einem individuellen Trainingsprogramm fit. Er weigerte sich, in der 2.Mannschaft von Zenit mitzuwirken. Diese ist immerhin in der zweithöchsten Russischen Liga engagiert. Ob Sami Hyypiä diese Information bei der Verpflichtung von Kerzhakov kannte? Während der Vorrunde hatte der Finnische Trainer in Bezug auf den FCZ immer wieder betont, dass er es nicht verstehen könne, wenn ein Profi die Möglichkeit, in der 2.Mannschaft Spielpraxis zu sammeln, nicht wahrnehmen wolle. Er selbst hätte das als Spieler auf jeden Fall getan.

Kurz vor der Winterpause schien sich alles wieder einzurenken. Es war in der zweiten Halbzeit in Thun eine Mannschaft auf dem Platz zu sehen, die auf technisch gutem Niveau schnell nach vorne spielte, und solidarisch für einander kämpfte. Es wirkte wie ein Befreiungsschlag. Cabral stand da bezeichnenderweise nicht mehr auf dem Platz. Der Waadtländer hatte seit seiner Ankunft im Sommer mit seiner Egozentrik und Selbstüberschätzung nicht nur einen schlechten Einfluss auf den Teamgeist gehabt, sondern auch im Spiel mit seiner Behäbigkeit und den vielen Fehlpässen einem schnellen und erfolgreichen Fussball im Weg gestanden. Und so wie er häufig im Mittelfeld wenig inspiriert umherirrte und den Zweikämpfen manchmal richtiggehend aus dem Wege ging, war er auch defensiv mehr ein Leck, als die erhoffte Barriere. Genauso nicht auf dem Platz stand mit dem Anpfiff zu Halbzeit zwei der technisch und taktisch limitierte Sadiku mit welchem das Team zuvor immer wieder an Kompaktheit und spielerischer Qualität verloren hatte.

Eine Mannschaft hatte sich gefunden

Stattdessen im Zentrum an der Radnabe des Zürcher Spiels agierte Anto Grgic neben Gilles Yapi. Der 18-jährige zog die gegnerischen ersten Pässe im Mittelfeld wie magisch an, stand immer richtig, und konnte dank seiner Technik und Handlungsschnelligkeit schnell auf Gegenangriff umschalten – genau die Art von Spiel, welche Trainer Sami Hyypiä vorschwebt. Vorne hat zudem der lange Zeit divenhaft agierende Mario Gavranovic in den letzten Monaten eine positive Entwicklung zum Teamspieler genommen. Zudem ergänzt sich der Tessiner immer besser mit Stoss-Stürmer Franck Etoundi, und macht Oliver Buff in der Rolle als zurückhängender Stürmer Konkurrenz. Der Weg, wie man in der Rückrunde dem Abstiegsgespenst erfolgreich entkommen kann, war somit klar vorgezeichnet.

Man nehme die Mannschaft der zweiten Halbzeit in Thun, und addiere den von Trainer Hyypiä gewünschten zweiten schnellen Flügel (neben Kevin Bua) in der Form von Marco Schönbächler, Marvin Graf oder Moussa Koné. Als allfällige Verstärkung in der Winterpause hätte man sich am ehesten einen Verteidiger oder sogar Torhüter vorstellen können. In Idealformation kann die FCZ-Abwehrreihe nach der Rückkehr von Kecojevic zwar einigermassen bestehen, aber fällt nur ein Spieler daraus wegen Verletzung oder Sperre aus, ist die vorhandene Qualität für Super League-Verhältnisse ungenügend.

Kerzhakov ist kein Källström

Eine Basis war aber gelegt, um wieder auf den von Lucien Favre initiierten Weg zurückzufinden, und mit technisch gut ausgebildeten, handlungsschnellen und solidarischen Spielern moderneren und damit erfolgreicheren Fussball zu spielen. Einen Fussball, welcher die Gegner in der Super League vor Probleme stellt. Es sollte wieder ein Herkulesaufgabe werden, gegen den FCZ antreten zu müssen.

Und jetzt Kerzhakov. Noch ein Stürmer. Für die viertbeste Offensive der Liga. Und dass er vorne als erster Verteidiger mit aller Kraft hilft, die Defensive zu stabilisieren, ist eher nicht zu erwarten. Etoundis wertvolles Pensum an Pressingarbeit wird Kerzhakov kaum leisten können. Schon bei den deutlich jüngeren Halbstars wie Gavranovic oder Chermiti dauerte es Jahre, bis sie sich endlich mehr an der Defensivarbeit beteiligten. Kerzhakov ist zudem sicherlich ein Akteur, welchem zuzutrauen ist, das nun mühsam wieder zusammengeflickte Teamgefüge eher zu stören, als noch mehr zu kitten. Einer, der den jungen Spielern Flausen in den Kopf setzen und ein schlechtes Vorbild abgeben kann. Nicht, was den Einsatzwillen betrifft – aber in Bezug auf das Verhalten im Team. Ein zweiter „Kim Källström“ ist Kerzhakov auf keinen Fall. Källström hat in seiner ganzen Karriere in allen Teams immer integrativ gewirkt, Kerzhakov eher das Gegenteil davon. Vielleicht kommt ja alles gut, die individuellen Qualitäten Kerzhakovs sind unbestritten – aber ein Risiko ist es auf jeden Fall, in einer so kritischen Phase einen solchen Spieler mit ins Boot zu nehmen. Kann sich der FCZ dieses Risiko leisten?

„Forward to the Past“ für den FCZ und Kerzhakov

Nach der Verpflichtung von Spielern wie Sadiku, Schneuwly, Cabral oder Marchesano ist der russische Rekordtorschütze ein weiteres Puzzleteil in der neuen FCZ-Transferpolitik, welche immer mehr an die irrationalen späten 80-er und 90-er Jahre erinnert. Mit dem steigenden Einfluss von Ancillo Canepa auf die sportlichen Entscheidungen ist dies auch nicht erstaunlich, denn dieser erinnert in vielen Belangen durchaus stark an den unverwüstlichen Sven Hotz. Der Stadtclub ist so auf direktem Weg nicht „Back to the Future“, sondern „Forward to the Past“, in die Zeit eines Tomas Brolin, John Jairo Trellez oder Adrian Illie, welche alle im heutigen gnadenlos schnellen und taktisch geprägten Spitzenfussball keine Chance mehr hätten, mitzuhalten.

Sollte sich Kerzhakov mit seinem neuen Klub und der Liga identifizieren können, hätte er als kämpferischer Wirbelwind, welcher immer auf seine Chance lauert, und keinen Ball per se verloren gibt, durchaus Potential, ein bei den Fans beliebter Stürmer zu werden. Das primäre Ziel von Aleksandr Kerzhakov ist es allerdings, sich in Zürich fit zu halten, um anschliessend zu Zenit St.Petersburg zurückkehren zu können. Denn sein Erzfeind, Trainer André Villas Boas, wird den Klub aus der nördlichsten Millionenstadt der Welt aller Voraussicht nach spätestens im Sommer verlassen. Einen Wechsel Kerzhakovs innerhalb Russlands liess Zenit nicht zu. Offiziell meldete Kerzhakov zudem Ambitionen auf die Teilnahme an der EM 2016 an, wobei seine Chancen darauf wohl als eher gering einzuschätzen sind, zumal aktuell der Trainer von Zenits Rivalen ZSKA Leonid Slutski gleichzeitig in Personalunion auch für das Nationalteam verantwortlich ist.

Kerzhakovs Kulturschock steht noch aus

Auch über weitere Gründe für Kerzhakovs Wechsel in die Schweiz wird spekuliert. So soll er für die Zeit nach Beendigung seiner Karriere bereits vom Russischen Fussballverband und von Zenit ein Angebot haben, sich strategisch um die Entwicklung des Russischen Fussballs zu kümmern. In dieser Funktion war Kerzhakov dieses Jahr bereits einmal in Spanien auf Erkundungstour. Er schaute sich bei seinem ehemaligen Klub Sevilla und bei Real Madrid die Infrastrukturen an, und auch die Zusammenarbeit zwischen den Verantwortlichen (Trainer 1.Mannschaft, Juniorentrainer, Sportdirektor, Präsident…). In der Schweiz soll Kerzhakov erkunden, wie es der hiesige Fussballverband schafft, mit einer so kleinen Bevölkerungszahl so viele gute Fussballer zu produzieren. Seine Bezugsperson Vitali Mutko war früher Präsident von Zenit, der Russischen Profiliga und des Fussballverbandes, und ist heute in einer eher unüblichen Kombination gleichzeitig Russischer Minister für Sport, Tourismus und Jugendpolitik – und Mitglied des FIFA-Exekutivkomitees.

Dazu kommen als dritter Faktor allenfalls auch noch private Gründe. Mit seiner zweiten Lebensabschnittspartnerin ging es im November in St.Petersburg vor Gericht in einer weiteren Runde um das Sorgerecht für den zweijährigen Sohn Igor (welches zum wiederholten Male Kerzhakov zugesprochen wurde). Die Angelegenheit wurde auf dem ersten Kanal des staatlichen russischen Fernsehens in einer 70-minütigen „Diskussionssendung“ mit Involvierung von Ex-Partnern, Freunden, Bediensteten und Anwälten ausführlich und lautstark breit getreten. Kerzhakov hat zudem eine Tochter, welche bei seiner ersten Frau lebt. Gemäss dem Russischen Boulevard steht es zudem um die dritte Ehe des Russischen „Bombardirs“ zur Zeit nicht zum besten.

Der Trainingsstart am 4.Januar in Zürich wird für den Zenit-Star dann sicherlich zu einem kleinen Kulturschock werden, wenn er erstmals Ivan Kecojevic in dessen Smart und Alain Nef auf dem Velo vorfahren sieht – und sich mit den schmucklosen, einfachen städtischen Infrastrukturen in der Saalsporthalle und der angrenzenden Allmend Brunau bekannt machen wird. Kein abgegrenzter klubeigener Campus, wie es Kerzhakov sein ganzes Sportlerleben lang gekannt hat, und wie es auch schon zu Sowjetzeiten üblich war, sondern ein Training mitten unter Freizeitsportlern, Spaziergängern, Hunden, Skatern und Besuchern des nahen Einkaufszentrums. Selbst der bestverdienende FCZ-Akteur erhält einen Klacks im Vergleich zum Salär Kerzhakovs, welches mit Sicherheit weiterhin (grösstenteils) von Zenit überwiesen wird. In diesen Momenten wird sich wohl mitentscheiden, ob die Leihe für Kerzhakov und den FCZ zum Erfolg wird – oder nicht.

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