FCZ vor dem Derby in desolatem Zustand / 293. Zürcher Derby mit möglichen taktischen Formationen

Die Überzeugung vieler Journalisten und Fans, dass ohne Sportchef Milos Malenovic alles besser werde, hat sich bisher nicht bewahrheitet – im Gegenteil. Die 1. Mannschaft trat gegen Luzern so desolat auf wie seit Jahren nicht mehr. Man befürchtet Zerfallserscheinungen. Und fragt sich, wie das im Derby gegen einen Rivalen, der sich im Aufschwung befindet, gut gehen soll. Gut geht es auf FCZ-Seite nur den Spielern, die diesen Winter gingen oder gehen mussten. Das von Malenovic in der dritten Kroatischen Liga ausgegrabene Juwel Jahnoah Markelo wurde zum einträglichsten FCZ-Transfer seit fünfeinhalb Jahren – und kam beim Championship-Leader Coventry City unter Trainer Frank Lampard bereits zu seinem ersten Einsatz, aktuell auf Kurs Richtung Premier League. Was für ein Märchen! Auch Junior Ligue, ehemaliger Praktikant in Malenovics Agentur, konnte den gewünschten Millionentransfer nach Italien realisieren. Ex-Abwehrchef Mariano Gomez ist beim Ungarischen Serienmeister Ferencvaros gleich Stammspieler geworden, hat im Derby gegen Ujpest bereits sein erstes Tor erzielt, und nach dem Hinspiel gegen Ludogorets intakte Chancen auf die Qualifikation für den Europa League-Achtelfinal.

Vereinslose / angeschlagene Oldies sind immer wieder eine Lotterie

Auch Linksverteidiger Milan Rodic traf nach der Rückkehr zu seinem Stammklub OFK Belgrad bereits bei seinem zweiten Einsatz im Derby gegen Cukaricki ins Schwarze! Und auch Steven Zuber traf in seinem geliebten Athen für Atromitos schon ins gegnerische Netz. Er ist genauso Stammspieler wie der beim FCZ zu Unrecht lange auf eine Ersatzrolle reduzierte Nemanja Tosic beim Zypriotischen Traditionsklub (dritthöchste Zuschauerzahl) Anorthosis Famagusta. Dabei könnte der FC Zürich gerade Tosic gut gebrauchen. Denn es hat sich in den letzten drei Partien seit dem 0:3 bei YB weiter bestätigt, dass auf den Aussenverteidigerpositionen ein grosses Manko besteht. Kablan / Comenencia sind 2026 bisher das klar schlechteste Aussenverteidiger- / Aussenläuferduo der Liga. Der von Akritas Chlorakas gekommene 31-jährige Kablan flaniert über die Schweizer Fussballplätze wie wenn er sich immer noch am Strand von Pafos befinden würde. Zum FCZ wechselte er offenbar vor allem weil Zürich laut eigener Aussage nahe bei Luzern liegt. Sein Auftritt gegen die Truppe aus seiner Heimatstadt vor einer Woche kann man nicht anders denn als Arbeitsverweigerung bezeichnen.

Auch Livano Comenencia ist mittlerweile völlig von der Rolle. Die Niederlage in Bern leitete der Holländer mit zwei haarsträubenden Fehlern in Alleinregie ein. Und Luzern genoss über seine Seite sehr viel Freiraum. Einzig beim 1:2 in Basel konnte man von einer ordentlichen Leistung der beiden Aussenverteidiger sprechen. Umso unverständlicher, dass der FCZ nicht zumindest Mattia Rizzo von seiner Leihe in Lecco vorzeitig zurückholt. Stattdessen holt man ältere Spieler mit wenig Spielpraxis zum FCZ – auf Positionen wo die Not weniger gross gewesen war. Während man die Jungen aus der eigenen Akademie sehr gut kennt, sind Verpflichtungen von vereinslosen oder zuletzt angeschlagenen „Routiniers“ eine Lotterie, die in den letzten Jahren beim FC Zürich die Mannschaft häufig destabilisiert hat. Es gibt jeweils gute Gründe, warum Spieler mit bekanntem Namen nichts Besseres finden, und froh sind bei einem Klub wie dem FCZ untergekommen zu sein. Meist brauchen solche Spieler viel mehr Spiele Anlaufzeit, um (wieder) auf Super League-Niveau zu kommen, als ein junges Talent es bräuchte – falls es überhaupt gelingt.

Ein sehr dünnes Gerippe beim FCZ

Neben den Aussenverteidigern enttäuschte gegen Luzern auch das Mittelfeldzentrum. Bledian Krasniqi ist zwar mit acht Torvorlagen der mit Abstand beste Assistgeber, bringt aber aktuell über 90 Minuten zu wenig. Miguel Reichmuth war zuletzt sogar ein Totalausfall und im Vergleich zu der Zeit vor Weihnachten nicht mehr wiederzuerkennen. Und Umeh Emmanuels Produktivität nach vorne ist viel zu tief. Nur Nevio Di Giusto, Silas Huber und dem zuletzt auf der Zehnerposition im 4-2-3-1 eingesetzten Cheveyo Tsawa konnte man auf Zürcher Seite gegen den FC Luzern eine ordentlich bis gute Leistung attestieren – das ist ein sehr dünnes Gerippe.

Wer soll im Derby Aussenverteidiger spielen? Möglich, dass Sebastian Walker auf Links zu seinem Début kommt und Lindrit Kamberi auf die rechte Seite rückt. Livano Comenencia fehlt verletzt. Valon Berisha ist eine Alternative für den Linken Flügel oder eine der zentralen Positionen. Gesetzt sein sollten die einigermassen formstarken Huber, Di Giusto und Tsawa. Reverson würde zwar eine Startaufstellung verdienen, aber es braucht auch noch wenigstens einen vielversprechenden Joker auf der Bank.

Mit Dreierabwehr gibt die Mannschaft auch nicht mehr her

Mit Dreierabwehr würde die Situation nicht besser aussehen, denn die schlechte Kadersituation bei den Aussenverteidigern überträgt sich auch auf die allfällige Aussenläuferposition. Denn es gibt für diese Position im Gegensatz zu früher keine Spezialisten mehr im Kader. Nevio Di Giusto könnte auch auf der Zehnerposition auflaufen, von der Rechten Seite ist er aber effektiver.

Michi Freys zweite irre Cup-Wende im Letzigrund

Auch GC hatte viel Transferbetrieb im Winter, wurde dadurch aber im Gegensatz zum FCZ gestärkt. Speziell in der Hintermannschaft benötigten die Hoppers Verstärkung. Der vom FC Riga gekommene Ngom ist eine Trouvaille und hätte auch dem FCZ gut angestanden. Schwachpunkte wie der langjährige Braunschweig-Spieler Saulo Decarli werden nun auf der Bank oder gar Tribüne verschwinden. Dafür wurde der aktuelle Braunschweig-Captain Sven Köhler verpflichtet. Und natürlich für die Sturmspitze Michael Frey sowie Emmanuel Tsimba. Der zuletzt formstarke Mittelfeldspieler Lovro Zvonarek ist hingegen verletzt. In der Liga hat das Team von Trainer Gerald Scheiblehner bisher erst vier Partien gewonnen (davon eines der beiden Derbys). Die Resultate und Leistungen sind im Jahre 2026 aber bisher deutlich besser als beim FCZ. Die Qualifikation für den Halbfinal des Schweizer Cups gibt zusätzlichen Schwung. Die Wende zum 4:3 nach Verlängerung mit Michi Frey in einer der Hauptrollen erinnerte stark an das FCZ-Comeback im Cup-Viertelfinal gegen Thun im November 2017 vom 1:3 zum 4:3 in den letzten fünf Minuten plus Nachspielzeit – mit zwei Toren Freys. Am Ende jener Saison wurde der FC Zürich zum bisher letzten Mal Cupsieger.

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Klartext zum FCZ – Neun Jahre nach „Finger weg vom Sportliche“ – Quo Vadis im November 2025

„Ich habe das Gefühl, wir sind erst jetzt richtig professionell geworden.“ Die kürzliche Aussage von Yanick Brecher zur Entwicklung des FC Zürich kontrastiert stark mit vielen Stimmen ausserhalb des Klubs. Innerhalb des Klubs berichten eigene Junioren wie David Vujevic, dass sie erst mit dem Wechsel der sportlichen Verantwortlichen „die Freude am Fussball“ wiedergefunden haben. Eltern sind begeistert, dass ihre Jungs und Mädels gezielter gefördert werden und hochmotiviert sind. Ausserhalb des Klubs hat sich hingegen ein Amalgam von Kritikern mit den unterschiedlichsten Motiven gebildet.

Inside Paradeplatz-Niveau bei Fabian Ruch

Die Opposition wird durch die schlechten Resultate seit dem Derby vor einem Monat befeuert. Die Resultate sind aber nicht ihr Ursprung. Der Kern besteht aus ehemaligen Mitarbeitenden, die Opfer des Wandels im Klub geworden sind. Ein Teil davon ist mit der organisierten Fanszene vernetzt, andere melden sich regelmässig bei Journalisten. Von diesen Journalisten gibt es wiederum einzelne, die seit Jahren oder gar Jahrzehnten persönliche Animositäten gegenüber dem FCZ, der Stadt Zürich oder der Familie Canepa hegen. Und dann gibt es auch noch Leute, die den Sportchef Milos Malenovic unsympathisch finden.

Der alteingesessene Thomas Schifferle (TA Media) greift Präsident, Sportchefs und Trainer des FC Zürich seit Jahrzehnten immer wieder auf der persönlichen Ebene an. Einzig in einer Meistersaison ist zwischenzeitlich Ruhe. Wenn es schlecht läuft, taucht zudem zuverlässig wie aus dem Nichts Stephan Ramming (NZZ) auf. Offenbar aus einer Klause an der Goldküste und seit Monaten frei von Konsum jeglichen Super League-Fussballs – aber mit immer derselben Erkenntnis: der FCZ ist „pfui!“. Von TA Media zur NZZ geflüchtet ist der Berner Fabian Ruch. Der „wunderbare Fäbu“ setzt regelmässig abenteuerliche Theorien über Milos Malenovic in die Welt, die direkt aus der Feder des Click Bait-Journalisten Lukas Hässig von Inside Paradeplatz stammen könnten.

Durchschnittsalter der Neuzugänge: 25,5 Jahre

Ruch hat eine eigentümliche Art die Kommerzialisierung des Fussballs gleichzeitig abscheulich und genial zu finden. Dazwischen gibt es nichts. Hoffenheim ist ein Skandal – Red Bull Leipzig hingegen toll. Die Verstösse von Manchester City gegen das Financial Fairplay sind ein Verbrechen, aber eigentlich sollten die reichsten Klubs Europas eine eigene Liga gründen und nur noch unter sich spielen. Seine Haltung gegenüber dem FCZ, dessen Klubführung aber auch Zürich als Stadt und dessen Bewohnern kommt durchweg negativ rüber und dient häufig als Kontrast zur eigenen konstruierten Berner Identität. Ruchs Lieblingsbegriff in Bezug auf den FCZ ist aktuell „Spieler-Casino*. Er sieht die Transferpolitik als „Gambling“ und eine Wette auf hohe Ablösesummen, die sich finanziell auszahlen sollen.

Wäre das wirklich der Fall, müsste man Sportchef Milos Malenovic vorwerfen, die Spielregeln des Transfer-Gamblings nicht zu kennen. Das Durchschnittsalter der FCZ Sommer-Transfers 2025 liegt bei 25,5 Jahren. Wollte man auf hohe Transfergewinne wetten, müsste man Teenager und international bekannte Talente kaufen, wie das der FC Basel (Ruch: „der grösste Klub der Schweiz“) seit Jahren praktiziert: Bacanin, Agbonifo, Traoré, Diouf, Veiga, Esposito, Calafiori, Gauto, Sigua, Demir,…. Ruch nennt ausgerechnet und offenbar ohne selbst den Widerspruch zu bemerken unter anderem die aus dem Nachwuchs stammenden Tsawa und Ligue als Paradebeispiele für seine Theorie des „Spieler-Casinos“ unter Malenovic und lobt gleichzeitig den FC Luzern für den Verkauf ihrer Nachwuchstalente Jashari und Jaquez für gute Ablösesummen nach Belgien und Deutschland.

Seit zwei Jahren mehr Professionalität im Transfer-Bereich

In einer Fan-Umfrage auf dem Instagram- und Tiktok-Kanal von Züri Live und in Kommentaren auf Posts des FC Zürich auf Instagram oder Facebook sieht man wie weite Kreise das faktenbefreite Framing von Journalisten wie Fabian Ruch mittlerweile gezogen hat. Florian Raz (Blick) pflegt einen anderen Stil als Ruch, haut aber in dieselbe Kerbe. Der FCZ hole irgendwelche Spieler aus irgendwelchen Ländern, ohne System. Viele FCZ-Fans hatten beim Saisonstart gegen Sion im Juli eine ganz andere Wahrnehmung. Man wurde unruhig, weil Milos Malenovic erst Rückkehrer Sauter und die beiden Leihspieler Phaëton und Palacio verpflichtet hatte. Als Raz aus seinen Ferien zurückkam, wurde er von nun doch noch realisierten Neuverpflichtungen überrascht (Rodic, Tramoni, Segura und das Commitment zum bisher ausgeliehenen Perea), die er in seiner Ferien- und FCB-Bubble nicht mitbekommen hatte.

In der Vergangenheit hatte die Transferpolitik des FC Zürich tatsächlich einen teilweise zufälligen Charakter. Das war bei anderen Klubs aber auch so. Wenn ein Innenverteidiger den Klub verlassen wollte, suchte man einfach einen möglichst guten Ersatz auf dieser Position, der finanzierbar ist. Fertig. Oder noch zufälliger: man entdeckte einen formstarken Spieler in der Challenge League und beschloss diesen holen zu müssen „weil er gut ist“ – und damit ihn die Konkurrenz nicht wegschnappt. Unter Sportchef Milos Malenovic hat sich der Transferbereich merklich professionalisiert. Man hat erstmals eine klare Spielphilosophie definiert, die im ganzen Klub umgesetzt wird. Dies vereinfacht es Talenten schon früh auf höheren Stufen eingesetzt zu werden. Und es ergeben sich daraus für die 1. Mannschaft klar definierte Spielerprofile für die einzelnen Positionen. Die 1. Mannschaft ist darum deutlich besser strukturiert als früher. Man widersteht der Versuchung des „Weihnachts-Shoppings“ und verzichtet auf alles was im Schaufenster glänzt, sondern geht die Verpflichtung von Spielern gezielt an.

In kurzer Zeit deutliche Verbesserungen in der Academy

Yanick Brecher hat also Recht. Und es ist nur einer von vielen Bereichen in welchen der FC Zürich in den letzten zwei Jahren deutlich professioneller geworden ist. Ein anderer ist die Talententwicklung. Es ist noch nicht lange her, da waren die Juniorentrainer noch stark auf Resultate und Rangierungen fixiert – auch aus Eigennutz. Der Führungs- und Coaching-Stil war bei manchen antiquiert. Kein Wunder hat der FC Zürich seit den Zeiten von Ricardo Rodriguez, Josip Drmic und Nico Elvedi kaum noch Top-Talente hervorgebracht. Trotz grosser finanzieller Investitionen in den Juniorenbereich in all den Jahren. In kurzer Zeit hat sich nun sehr viel getan. Unter der alten Garde von Junioren-Trainern wurden bis zuletzt noch Talente wie Junior Ligue, Labinot Bajrami oder Finn Sommer überbeansprucht und ausgelaugt. Mit langfristigen Folgen. Heute wird viel stärker auf Belastungssteuerung Wert gelegt.

In der Meistersaison 21/22 war Gianni De Nitti (heute Ersatztorhüter beim FC Schaffhausen in der Promotion League) der einzige junge Spieler gewesen, der aus dem Nachwuchs hochgezogen wurde. Junge Spieler aus dem eigenen Nachwuchs erhielten ganz am Ende der Saison in Kehrausspielen noch ein paar Spielminuten als Brosamen. Heute setzt der FC Zürich mit Luzern und Servette zusammen am meisten Spieler aus dem eigenen Nachwuchs ein. Der SFV bietet wieder vermehrt Junioren-Nationalspieler des FCZ auf. im ersten Spiel der U17-WM gegen die Elfenbeinküste wurde Jill Stiel als Spieler der Partie ausgezeichnet und verbreitete Ricardo Rodriguez-Vibes, wenn auch auf einer anderen Position. Und für die 1. Mannschaft stehen aus der Academy in den nächsten ein bis drei Jahren auf verschiedenen Positionen mehr und vielversprechendere Talente bereit als in den letzten Jahren.

Bodö/Glimt und Midtjylland als Vorbilder für den Weg des FCZ

Als Milos Malenovic vor zwei Jahren begann, passte der grösste Teil des Kaders nicht zur Klubphilosophie. Dies ist nun anders. Nach zwei Sommer-Transferperioden sind die Spieler mit der Klubphilosophie im Einklang. Es sind keine Top-Talente, sondern wie früher Spieler mit einer gewissen Erfahrung, die für den FCZ finanzierbar sind. Nur: jetzt passen sie auch vom fussballerischen Profil her. Für jede Position gibt es zwei Spieler plus mindestens ein valables Talent aus dem Nachwuchs. Und: es gibt keinen Spieler, der fussballerisch nicht in die Mannschaft passt, wie das früher häufig der Fall gewesen war. Damals hing die Spielweise von der Philosophie des Trainers ab – und da dieser immer wieder mal wechselte, fiel mal der eine und dann wieder der andere Profi beim FCZ zwischen Stuhl und Bank. Heute sollte grundsätzlich der einzige Grund warum ein Spieler nicht zum Zug kommt die Qualität / Leistung / Form / Fitness sein. Das Kader ist auch insgesamt besser geworden. Vor zwei Jahren hatte man Ivan Santini als Mittelstürmer Nummer Eins mit Daniel Afriyie als Ersatz. Heute Philippe Keny mit Juan José Perea als Ersatz.

Es ist wirklich erstaunlich wie amateurhaft der Fussball trotz seiner bereits 150-jährigen Existenz bis vor kurzem in vielen Bereichen noch funktionierte und teilweise immer noch funktioniert. Der ehemalige FCZ-Europacupgegner Bodö/Glimt aus Norwegen oder der FC Midtjylland aus Dänemark sind zwei Klubs, die eindrucksvoll zeigen wie weit man auch mit geringen Mitteln kommen kann, wenn man professionell und faktenbasiert an den Details feilt. Beide Klubs spielen einen proaktiven Ballbesitz-orientierten Fussball wie ihn der FCZ ebenfalls umsetzt. Sie haben damit als kleine Klubs erst die grossen Klubs auf nationaler Ebene herausgefordert oder gar entthront, und dominieren auf internationaler Ebene auf dem Platz nun häufig auch Teams mit einem mehrfach höheren Marktwert. Bodö/Glimt mit Trainer Kjetil Knudsen hat dafür sieben Jahre benötigt. Der FCZ ist nach zwei Jahren unter Milos Malenovic auf diesem Weg schon weit gekommen. Er ist damit für fortschrittliche Trainer auch ein attraktiver Arbeitgeber.

FCZ als einziger Klub mit kleinem Budget Schweizer Meister in den letzten 20 Jahren

Das letzte Mal übrigens als beim FCZ ein neues fussballerisches Konzept zumindest in der 1. Mannschaft konsequent umgesetzt wurde, stand man zur Winterpause 03/04 mit Trainer Lucien Favre als Tabellenschlusslicht da. Die Umwälzungen und die neue Art von Fussball führten erstmal zu einem starken Abwärtstrend. Die Vereinsführung unter Ex-Präsident Sven Hotz hielt an Favre fest – und der Rest ist bekannt. Nachdem in der 80er- und 90er-Jahren neun verschiedene Klubs Schweizer Meister geworden waren, wurde der Bau der 30’000er-Stadien in Basel und Bern zum Game Changer. Damit katapultierten sich der FCB und YB finanziell in andere Sphären und haben heute ein Budget im 100 Millionen-Bereich – vergleichbar mit Bundesligaklubs. Alle anderen Schweizer Klubs inklusive FCZ bewegen sich in einem Budgetbereich von 15 Millionen (Winterthur) bis 35 Millionen (St. Gallen). Der FCZ hat 17 bis 20 Millionen Einnahmen und kann mit Europacup- und Besitzergeldern in einzelnen Saisons auch mal auf ein 25 bis 32 Millionen Budget kommen. Dementsprechend ist es eine grosse Leistung, dass der FCZ in den letzten 20 Jahren als einziger der finanziell kleineren Klubs der Liga Meister geworden ist – und dies mit Ancillo Canepa in der Klubführung gleich vier Mal!

Bei der Wahl der Cheftrainer hat man beim FC Zürich die Unkonstanz aber noch nicht ablegen können. Nach Ricardo Moniz folgte mit Mitchell Van der Gaag ein Coach, der vergleichsweise vorsichtig agierte und von der Klubphilosophie stark abwich – auch in Bezug auf die Integration der Academy-Spieler. Dennis Hediger ist hingegen genau auch darum vom FC Basel zum FC Zürich gewechselt, weil der fussballerische Ansatz beim FCZ auch sein persönlicher ist. In seinem ersten Spiel gegen YB herrschte nach einigen Umstellungen taktisch noch ein Chaos. Zuletzt in Basel sowie gegen Lausanne-Sport sah man dann aber speziell in den jeweiligen 1. Halbzeiten eine klare Steigerung. Hediger hat mit seiner Analyse nach dem Lausanne-Match recht: es fehlt nun in erster Linie noch an der Kondition, um das Spiel über 90 Minuten durchzuziehen.

Neun Jahre nach „Finger weg vom Sportliche“: Vorwärts in eine professionelle Zukunft? Oder zurück in die amateurhafte Vergangenheit?

Neun Jahre ist es her als die Südkurve am Cupfinal 2016 ein Banner präsentierte mit der martialischen Aufschrift: „Canepas: Finger weg vom Sportliche! S nächschte Mal verbrenned mer si oi.“ Die Meinung bei Medien und Fans war gemacht: der Abstieg sei die Folge davon gewesen, dass sich Ancillo und Heliane Canepa zu stark in die sportlichen Belange eingemischt hätten. Journalisten machten sich in diesem Zusammenhang lustig über das damalige FCZ-Organigramm. Die einhellige Forderung: Ancillo Canepa solle einen Sportchef ins Haus holen und diesen im sportlichen Bereich schalten und walten lassen. Er solle sich auf repräsentative Aufgaben zurückziehen und sich gefälligst nicht einmischen. Heute wird aus den gleichen Medienhäusern die „Machtballung“ des Sportchefs beklagt.

Es wäre zu wünschen, dass der FCZ sowohl auf der Trainer- wie auf der Sportchefposition seinem Weg treu bleibt und sich nicht von Kräften, die sich einer Modernisierung des Vereins entgegenstellen, bremsen lässt. Konstanz ist wichtig. Das zeigen dutzende Beispiele, angefangen bei Mauro Lustrinelli, der in seinem ersten Jahr als Challenge League-Mitfavorit mit Thun nur den 6. Platz erreicht hat. Der Weg von Bodö/Glimt und Midtjylland ist die Zukunft. Der FCZ kann mit progressiven Kräften wie Milos Malenovic oder Ausbildungschef Milicevic in Richtung Professionalisierung gehen. Oder von konservativen und irrationalen Kräften aus dem Medien- und Fanumfeld wieder zurück ins amateurhafte 20.Jahrhundert gezogen werden – eine Zeit, als es genügte ein bekannter ehemaliger Spieler des Vereins zu sein, um Trainer oder Sportchef der 1. Mannschaft zu werden.

Banner der Südkurve beim Cupfinal am 29.05.2016 (Bild: Südkurve)

Quo Vadis FCZ? (Februar 2024)

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