Spiel, Gegner und Taktik

Im Gegensatz zu YB und Lugano passt der FCZ seine taktische Formation auch diesmal nicht an den FC Vaduz an, aber der Respekt gegenüber dem schnellen Umschaltspiel der Liechtensteiner ist trotzdem zu spüren. Die Zürcher stehen nur leicht höher als der Gegner, und sind lange Zeit darauf bedacht, möglichst keine gefährlichen Räume hinter der Abwehr entstehen zu lassen. Mit den sehr guten Seitenwechseln der Liechtensteiner hat speziell Adi Winter etwas Probleme. Trotzdem kontrolliert der FCZ die Partie ohne zu glänzen und liegt durchaus verdient in Führung – bis zur Penaltyszene in der 53. Minute, die zum 1:1-Ausgleich führt. Bis zu diesem Zeitpunkt gewinnt das Rizzo-Team (in der Ersten Halbzeit Wind-unterstützt) auch klar die Mehrheit der Zweikämpfe. Am Ende der Partie steht mit 4,4 ein neuer Saisontiefstwert bei der Züri Live-Durchschnittsnote der Mannschaft.

Entscheidende Szenen

53. Minute: Blerim Dzemailis fatale Anweisung beim Vaduzer Ausgleich

Bis zur 53. Minute hat der FCZ die Partie im Rheinpark im Griff, steht gut und führt mit 1:0. Die Vaduzer spielen den Ball im Aufbau zwischen den drei Innenverteidigern hin und her, ohne eine Schwachstelle im Zürcher Abwehrverbund zu entdecken. Bis Blerim Dzemaili auf die Idee kommt, die Flügelspieler Tosin und Schönbächler lautstark anzuweisen, höher zu stehen. Von Blue-TV Kommentator Michael Fritschi wird er sofort für dieses oberflächliche Zeichen von Leaderqualitäten gelobt. Die FCZ-Flügel rücken dann auch tatsächlich an die Mittellinie auf. Aber mit fatalen Folgen: Yannick Schmid entdeckt sofort die Gelegenheit und spielt einen Diagonalball nach links vorne, wo wegen des aufgerückten Tosin Adi Winter nun in Unterzahl ist. Lüchinger und Obexer spielen sich ohne Gegenwehr an die Grundlinie und in der Mitte begeht Omeragic in der Hektik das Foul zum 1:1-Penalty Milan Gajics. Dieser bringt Vaduz ins Spiel und den FCZ auf die Verliererstrasse. Die Anweisung Dzemailis war nicht nur kontraproduktiv, sondern es ist auch schwer, einen Sinn dahinter zu erkennen. Einfach nur aufrücken ohne den Gegner gezielt zu pressen, ist „Selbstmord“.

Winter gerät gegen Lüchinger und Obexer in Unterzahl. Der aufgrund der Dzemaili-Anweisung zu weit aufgerückte Tosin rennt wieder zurück, kommt aber zu spät.

64. Minute: Dzemaili lamentiert – Gegenspieler Joël Schmied erzielt den Vaduzer Führungstreffer

Bei einem Gajic-Freistoss klammern sich Joël Schmied und Blerim Dzemaili knapp ausserhalb des Strafraumes gegenseitig am Arm und fallen um, während gleichzeitig Nathan den Ball ein erstes Mal aus dem Strafraum heraus klärt. Dzemaili lamentiert am Boden sitzend lautstark in Richtung Schiedsrichter Fähndrich, welcher ausgezeichnete Sicht auf die Szene hatte und weiterlaufen liess. Hekuran Kryeziu und vor allem Becir Omeragic lassen sich vom lamentierenden Dzemaili ablenken, bremsen, schauen zurück, und kommen etwas spät auf ihre Positionen am Fünfmeterraum, als die zweite Flanke in den Strafraum kommt. Schmied und Dzemaili stehen auf, wobei Letzterer dem Vaduzer Verteidiger nur halbherzig folgt, so dass dieser in der Lücke zwischen den „Päärchen“ Hekuran Kryeziu / Manuel Sutter sowie Becir Omeragic / Yannick Schmid völlig frei zum 2:1 einköpfen kann.

78. Minute: Geleitschutz beim Game Winning Goal von Matteo Di Giusto

Blerim Dzemaili verliert zuerst bei der Auslösung des Vaduzer Konters das Luftduell mit Coulibaly im Mittelfeld und bietet danach dem Torschützen Matteo Di Giusto weitgehend “Geleitschutz“.

Der ehemalige FCZ-Junior Matteo Di Giusto auf dem Weg zu seinem ersten Super League-Tor interessiert aus der Ersten Reihe beobachtet von einer FCZ-Legende.

Personalien

Becir Omeragic (3) – Sein hohes Standing im Ranking der besten Fussballtalente der „Equipe“ scheint ihm nicht bekommen zu sein. Wird von Spiel zu Spiel nachlässiger.

Fidan Aliti (6) – Sein herrliches erstes Super League-Tor hätte es verdient gehabt, mehr als nur ein Anschlusstreffer zu sein. Insgesamt nicht mehr ganz so überzeugend wie in den letzten Partien.

Blerim Dzemaili (1) – Zum zweiten Mal hintereinander mit der Tiefstnote „1“. An allen drei Gegentoren wesentlich mitschuldig. Seine Anweisungen und Äusserungen auf dem Platz waren in Vaduz geradezu kontraproduktiv und führten dazu, dass sein Team die Ordnung und Konzentration verlor. Die durchaus auch diesmal wieder vorhandenen einzelnen guten Offensivaktionen vermochten Dzemailis negative Einflüsse aufs Zürcher Spiel mit zahlreichen Fehlpässen, Ballverlusten und negativer Körpersprache bei weitem nicht aufzuwiegen.

Assan Ceesay (3) – Gegen einen tief stehenden Gegner wie Vaduz Assan Ceesay in der Sturmspitze zu bringen, macht wenig Sinn. Der Gambier verliert so zu viele Bälle und kann seine Schnelligkeit nicht ausnutzen.

Blaz Kramer (1) – Wie schon im „Hinspiel“ gegen Vaduz mutiert Kramer aus Sicht des FCZ zum „Torverhinderer“. Damals hatte er mit einem Stürmerfoul gegen Yanick Schmid den 1:1-Ausgleich Adrian Winters kurz vor Schluss zunichte gemacht. Diesmal verhinderte er direkt nach seiner Einwechslung in der 73. Minute erneut den praktisch sicheren 2:2-Ausgleich durch Nathan nach einem Dzemaili-Freistoss, weil er in der Flugbahn von Nathans Kopfball stand. Der Ball wäre in die rechte Torecke geflogen und Vaduz-Keeper Büchel hätte wohl kaum noch eingreifen können. Und auch diesmal fiel der Slowene vor allem mit unnötigen Stürmerfouls auf. Beispielsweise verhinderte er so am Ende der Nachspielzeit nochmal einen letzten Spielzug des FCZ Richtung gegnerisches Tor. Positiv ist Kramers Entwicklung in den letzten Partien als Manndecker bei gegnerischen Eckbällen.

Fabian Rohner (10) – Dritter Top-Einsatz als Joker. Und da kein Spieler aus der Startformation richtig überzeugen konnte, wird er genau wie beim Heimspiel gegen Vaduz wieder MVP. Damals hatte er mit seinem Rush aus dem Mittelfeld das vermeintliche 2:2 von Adi Winter eingeleitet. Diesmal mit seiner Flanke den 2:3-Anschlusstreffer. Ausserdem verhinderte er in der Rückwärtsbewegung mehrmals die Vorentscheidung zum 2:4, speziell in der 89. Minute, als er mit seinem Einsatz gegen Rahimi an der Fünfmetergrenze den so gut wie sicheren Gegentreffer verhinderte.

Telegramm

Vaduz – FC Zürich 3:2 (0:1)
Tore: 43. Marchesano (Ceesay) 0:1; 54. Gajic (Foulpenalty, G. Lüchinger) 1:1, 64. Schmied (Gasser) 2:1, 78. M. Di Giusto (M. Coulibaly) 3:1, 83. Aliti (Kramer) 3:2.
Vaduz – B. Büchel; Schmied, Y. Schmid, Simani; Dorn, Gasser (73. Prokopic), G. Obexer; Gajic, G. Lüchinger (88. Rahimi); Cicek (76. M. Di Giusto); M. Sutter (76. M. Coulibaly).
FCZ – Brecher; Winter (78. Rohner), Omeragic, Nathan, Aliti; H. Kryeziu, Dzemaili (78. Doumbia); Tosin (73. Kramer), Marchesano (78. Domgjoni), Schönbächler (58. Gnonto); Ceesay.

(Standbilder: Blue)

Spiel und Gegner

Nicht nur wegen der zahlenmässigen Präsenz im Defensivzentrum, sondern auch dank der Disziplin jedes Spielers auf dem Platz und der beherzten Laufleistung macht Vaduz dem FCZ diesmal im Gegensatz zum 4:1-Auswärtssieg der Zürcher im Ländle im Oktober das Leben sehr schwer. Sogar den früher ziemlich behäbigen ehemaligen FCZ-ler Milan Gajic hat Vaduz-Trainer Mario Frick auf dessen „alte Tage“ noch einmal auf erstaunliche Art und Weise „zum Laufen gebracht“. Mehrere Szenen aus dem Match FCZ – Vaduz eignen sich als Lehrvideos für einen Kurs über optimales Defensivverhalten. Da kommt Frick als Erfahrungswert auch seine langjährige Spielerkarriere in Italien zugute. Für den FCZ, der selber seine Stärken im Umschaltspiel nach vorne hat, ist das aktuell deutlich unangenehmer, als gegen eine Mannschaft wie Basel zu spielen. Und es fällt zusätzlich noch schwerer ins Gewicht, wenn Gnonto, Marchesano und Khelifi mit zwei Ausnahmen im ganzen Spiel schlechte Standards treten. Der Stadtclub hat sich bezüglich defensive Disziplin in den letzten Monaten zwar verbessert, aber das aktuelle Vaduz ist diesbezüglich nochmal ein ganz anderes Level, mit welchem auch andere Teams noch Probleme bekommen werden.

Das Gegentor fiel nach einem Abspielfehler vor dem eigenen Strafraum des an diesem Tag häufig indisponierten Ousmane Doumbia und einem perfekt ausgeführten Corner von Milan Gajic und Yannick Schmid, der im Verlauf des kurzen Anlaufes des Vaduzer Standardspezialisten in hohem Tempo die Strecke zwischen Sechzehnmeterlinie und Fünfmeterlinie zurücklegte und dank dieser Wucht und des optimalen Timings schwer zu verteidigen war. Dies obwohl Schmids Manndecker Silvan Wallner zusätzlich noch Unterstützung durch Raumdecker Tobias Schättin bekam, während der für diesen Raum eigentlich zuständige Blaz Kramer sich durch den Lauf von Denis Simani irritieren liess und Richtung nahen Pfosten bewegte.

Grosschancen gab es ansonsten nur wenige in dieser Partie. Der FCZ kam erst in der 29. Minute zum ersten Abschluss! Der Stadtclub schien dabei durch die brenzligste Situation des ganzen Spiels eine Minute davor „aufgeweckt“ worden zu sein, als Yannick Schmid an die Latte köpfte und die Vaduzer wenige Momente danach einen Penalty forderten. Die Reklamationen waren berechtigt: Tosin hatte Sandro Wieser mit einer im eigenen Strafraum viel zu riskanten Aktion in unerlaubter Weise zu Fall gebracht. Allerdings war die brenzlige Situation mit dem Lattenkopfball und der Penaltyszene erst durch ein klares Stürmerfoul von Joël Schmied an Fidan Aliti ermöglicht worden. So konnte sich Joël Schmied von Aliti lösen und freistehend für Yannick Schmids Lattenkopfball auflegen.

Die beste FCZ-Torchance hatte Antonio Marchesano in der 38. Minute, als er bei einem Konter nach hervorragender Klärungsaktion von Fidan Aliti bei einer vier gegen drei-Situation sich mit einem Haken an der Strafraumgrenze gegen Joel Schmied durchsetzte, dann aber bedrängt vom heranstürzenden Yannick Schmid mit dem schwächeren linken Fuss aus relativ kurzer Distanz übers Gehäuse schoss. Die Gesamtnote der Mannschaft ist mit 4,8 ungenügend und vergleichbar mit dem verunglückten Saisonauftakt in Chiasso (4,7) – wobei der noch tiefere Notenschnitt der Startformation gegen Vaduz dabei durch die guten Leistungen der Einwechselspieler Ceesay, Winter und Rohner geschönt wird, dank denen der FCZ in der Schlussphase endlich eine ganze Reihe von zügigen Angriffen über die bei Vaduz personell unterbesetzten Seiten fahren konnte.

Taktik

Im Jahr 2020 hatte der FC Zürich nur beim 0:0 im Dezember in Luzern einen noch tieferen Wert an „Erwarteten Toren“ als im ersten Heimspiel nach der Winterpause gegen Aufsteiger FC Vaduz (Tore – 0:1, xG – 0,49:1,06). Der FCZ spielte wie üblich unter Massimo Rizzo und meistens bei Ludo Magnin im 4-2-3-1. Immerhin versuchte Rizzo in der 80. Minute mit der Einwechslung Hekuran Kryezius und Adi Winters für Wallner und Schättin und der Umstellung auf ein 3-4-1-2 auch einen taktischen Impuls zu geben. Allerdings wurde nur fünf Minuten später mit dem Wechsel Rohner für Domgjoni auch aus personellen Gründen wieder zurück auf 4-2-3-1 umgestellt.

Der ehemalige FCZ-Stürmer und Züri Live-Experte Mario Frick hat die Herbstrunde seines Teams analysiert und die taktischen Schlüsse daraus gezogen. Sein Team war selbst in der Challenge League eine Kontermannschaft gewesen und überliess den Grossteil des Ballbesitzes in der Regel dem Gegner. Nach einem ganz ordentlichen Super League-Saisonstart mit 3:5 Toren und zwei Punkten in den vier Spielen gegen die Top-Teams Basel, St. Gallen, YB und Lugano kam im Oktober mit der 1:4-Heimniederlage gegen den FCZ der erste grosse Dämpfer. Im ersten Spiel unter dem neuen FCZ-Trainer Massimo Rizzo hatten es die Liechtensteiner auf einmal mit einem Gegner zu tun, der sich noch mehr vors eigene Tor zurückzog als sie selbst, um dann mit erfolgreichen Kontern, zwischenzeitlichen Rhythmuswechseln und überfallartigem hohen Pressing sowie Standards erfolgreich zuzuschlagen. Bereits vor Saisonbeginn war Vaduz so etwas passiert, als es, allerdings auch dem ungünstigen Zeitplan geschuldet (weder richtig Ferien noch ein guter Aufbau möglich) gegen Hibernians aus Malta über 70% Ballbesitz aufgezwungen bekam und mit 0:2 seine grösste Europacup-Enttäuschung der letzten Jahre erlebte.

Nach der Winterpause verpasste Trainer Frick seinem Team daher, um die Balance wieder herzustellen, eine noch defensivere Ausrichtung als zuvor schon. Trat der FCV davor mit drei Offensivspielern an, was bereits wenig ist, sind es jetzt gerade mal noch zwei. Ein Stürmer wurde auf Kosten eines weiteren Mittelfeldspielers geopfert, was zum weltweit äusserst selten gespielten System einer Dreierabwehr kombiniert mit einem Rhombus („Raute“) im Mittelfeld geführt hat – davor vorne ein einzelner Stürmer. Vaduz agiert mit anderen Worten also weder mit einem Zweimannsturm, noch stehen offensive Flügelspieler auf dem Platz. Der zweite Offensivmann ist der „10er“ der Raute. Als zusätzliches defensiv sehr wirksames Element hat Frick nach der Auftaktniederlage in St. Gallen beim Punktgewinn gegen YB und Auswärtssieg in Zürich auf den beiden Offensivpositionen auf die beiden jungen und somit laufstarken Djokic und Di Giusto gesetzt. Diese vermögen mit ihren abgespulten Kilometern die fehlende nominelle Präsenz vorne bis zu einem gewissen Grad zu kompensieren und tragen stark zur defensiven Stabilität der Mannschaft bei, indem sie den Gegner in der gegnerischen Hälfte so lange wie möglich beschäftigen. Die arrivierten Cicek und Sutter wurden in diesen Partien erst später eingewechselt – Coulibaly (Aufbau) fehlte noch.

Wieder hat der FCZ einen entscheidenden Gegentreffer auf einen gegnerischen Eckball erhalten. Unter Massimo Rizzo hat man von Raumdeckung auf eine gemischte Mann-/Raumdeckung umgestellt. Genau solche Kopfballtore mit Anlauf wie von Schmid besser verteidigen zu können, ist das Hauptargument für Manndeckung. Wenn ein Standard allerdings perfekt ausgeführt wird und ein durchschnittlicher Manndecker wie Silvan Wallner zusätzlich nicht seinen besten Tag hat, dann nutzt auch Manndeckung nichts. Vaduz hat dreieinhalb starke Kopfballspieler – die drei Innenverteidiger plus halbwegs Sandro Wieser. Der FCZ hätte in aktueller Bestformation ebenfalls dreieinhalb starke Manndecker bei Standards: Aliti, Nathan, Sobiech und halbwegs Omeragic. Das wäre genau aufgegangen – aber es fehlten zwei davon. Wallner ist eine grosse Unterstützung in der Luft, wenn er einen guten Tag hat und im Raum verteidigen kann.

Unter den gegebenen Umständen Wallner auf Yannick Schmid anzusetzen, macht in physischer Hinsicht Sinn, weil dieser von den drei Vaduzer Innenverteidigern der schmächtigste ist. Allerdings haben wir von Isaac Newton gelernt, dass Kraft = Masse x Geschwindigkeit, und wie viel der Faktor Geschwindigkeit für die Kraft ausmacht, hat man beim Tor des für seine Grösse eher leichtgewichtigen Schmid eindrücklich gesehen – Wallner und Schättin kamen auch gemeinsam nicht dagegen an. Als Gegenspieler muss man da mit allen legalen Mitteln versuchen zu verhindern, dass der Opponent Geschwindigkeit aufnehmen kann. Denn ist dies mal der Fall, hat man es weitgehend nicht mehr in den eigenen Händen, das Tor zu verhindern. Da kann man fast nur noch auf fehlendes Timing und Präzision des Gegners hoffen.

Die Faktoren Timing und Präzision sind entscheidend. Beim FCZ ist diesbezüglich in der Offensive Antonio Marchesano mit Abstand der Beste. Kommt der Ticinese mal zum Kopfball, bedeutet dies sehr häufig: „Rete!“. Yannick Schmid ist bezüglich Timing und Präzision der beste Vaduzer Kopfballspieler. Aus dieser Perspektive kann es unter Umständen Sinn machen, den besten Manndecker (wohl Aliti) auf einen Yannick Schmid anzusetzen. Und es gleichzeitig zu riskieren, auf den grossgewachsenen aber etwas weniger präzisen Joël Schmied einen Mann anzusetzen, der in der Lage ist, einen Gegenspieler zumindest so zu stören, dass dessen Kopfball in die falsche Richtung geht – Toni Domgjoni wäre ein Kandidat dafür. Eine eindeutig richtige Lösung gibt es in dieser Frage aber nicht. Es ist eine knifflige Fragestellung. Und mit einem Wallner in besserer Tagesform wäre es vielleicht so wie geplant aufgegangen.

Personalien

Yannick Brecher (4) – Sorgt weiterhin für gefährliche Situationen, wenn er Bälle kurz nach vorne abwehrt. Mit der ein oder anderen Unsicherheit im Aufbauspiel, was ansonsten eher eine seiner stärkeren Seiten ist.

Silvan Wallner (2) – Dass sein Gegenspieler Yannick Schmid das entscheidende Tor erzielt hat, ist nicht ein wesentlicher Grund für die schlechte Note. Diese Aktion war von Seiten Milan Gajic und Schmid wirklich hervorragend gemacht mit aussergewöhnlichem Timing und der durchaus aufmerksame Wallner wurde dabei von Schmid zudem etwas in den Rücken gestossen. Wallner trat aber während der ganzen Partie eher wie ein Promotion League- als wie ein Super League-Spieler auf, angefangen von einfachen Dingen wie Einwürfen über Defensivkopfbälle bis hin zur Zweikampfführung. Das kann in der Endabrechnung auch durch seine Rettungsaktion im eigenen Strafraum in der 27. Minute nicht aufgewogen werden.

Fidan Aliti (8) – Klar, Dejan Djokic ist nicht einer der angsteinflössendsten Stürmer der Liga – trotzdem beeindruckend, wie ernst Aliti auch diese Aufgabe und den Vaduzer Forward komplett aus dem Spiel nahm. So wie Aliti überhaupt alles auf dem Fussballplatz sehr ernst nimmt – speziell wenn es mit „Tore verhindern“ zu tun hat. An der Art und Weise, wie Fidan beispielsweise bei gegnerischen Eckbällen seinen Gegenspieler keine Zehntelssekunde aus den Augen lässt, könnte sich beim FCZ noch manch einer eine Scheibe abschneiden. Auch wenn Aliti auf der linken Seite der Mannschaft mehr bringt, kann man ihn als Alternative jederzeit in der Innenverteidigung aufstellen. Eine noch höhere Note gegen Vaduz wird allein dadurch verhindert, dass der Basler in der letzten Viertelstunde des Spiels merklich nachgelassen hat.

Tobias Schättin (4) – So wie man ihn kennt: präzise Aktionen im Spiel nach vorne, defensiv hingegen eine ziemlich grosse Hypothek im Vergleich mit einem Fidan Aliti auf derselben Position.

Ousmane Doumbia (3) – So wie man ihn nicht kennt: nachdem der Ivorer in Basel noch der beste Mann gewesen war, im darauffolgenden Spiel gegen Vaduz wohl sein schlechtester Auftritt im FCZ-Dress bis anhin. Hat zwar auch einzelne gute Aktionen dabei, wirkt aber insgesamt für seine Verhältnisse aussergewöhnlich fahrig und lässt Gegenspieler häufig passieren. Sein unnötiger Ballverlust vor dem eigenen Strafraum in der 60. Minute führt zum Eckball, welcher das 0:1 bringt.

Toni Domgjoni (6) – Toni, wie man ihn seit Jahren kennt: solide, aufmerksam, engagiert. Biss nach einem ganz üblen Foul von Sandro Wieser (!) mit Tempo und der Sohle voran auf den Knöchel (nicht ganz so brutal, aber von der Art her ähnlich wie damals bei Gilles Yapi) auf die Zähne und hatte nach zwei, drei Minuten Fortbewegung im „Geher“-Modus dann sogar noch die ein oder andere starke Offensivaktion.

Aiyegun Tosin (1) – Wie man ihn seit einiger Zeit kennt: der Nigerianer läuft schon seit Monaten seiner einstigen Form hinterher. Das Vaduz-Spiel war dabei wohl der bisherige Tiefpunkt. Anstatt sich erst einmal auf die eigenen stark verbesserungswürdigen Aktionen zu fokussieren, dirigiert Tosin in der 1. Halbzeit mehrmals die Aussenverteidiger Wallner und Schättin und bringt sich dabei jeweils selbst aus dem Konzept. Hätte für sein Foul im eigenen Strafraum mit einem Penalty bestraft werden müssen. Das war gar nix.

Blaz Kramer (2) – Neu ist die Erkenntnis beileibe nicht. Kramer lässt die Super League-tauglichkeit Spiel für Spiel vermissen. Das so ziemlich einzige, was der Slowene kann, ist bei Kontern mit Tempo Richtung gegnerisches Tor ziehen und dabei das ein oder andere Mal zu reüssieren. Auf Technik, Kopfbälle in die richtige Richtung und Ballbehauptung ohne unnötige Stürmerfouls zu begehen hofft man hingegen bei ihm vergebens. Schafft es in einem einzigen Spiel, Yannick Schmid gleich zwei Mal mit dem Arm ins Gesicht zu schlagen und fliegt folgerichtig mit Gelb-Rot vom Platz.

Salim Khelifi (1) – Die Note wirkt vielleicht auf den ersten Blick etwas harsch, denn Khelifi hatte durchaus ein, zwei ordentliche Offensivaktionen und schien sogar defensiv etwas enagierter zu agieren, als früher. Aber bei einem rund 30-minütigen Einsatz zählen gemäss Bewertungssystem sowohl die positiven wie auch die negativen Aktionen doppelt – und negativ zu bewertende Aktionen gab es zuhauf, wie hier mal ein deplatziertes Absatztricklein vor dem gegnerischen Strafraum, oder da mal nicht einmal Challenge League-würdiges Zweikampfverhalten.

Fabian Rohner (9) – Holte in der kurzen Einsatzzeit offensiv das Maximum heraus. Sein beherzter Antritt von der Aussenverteidigerposition aus und die Klasse-Direktabnahme des ebenfalls eingewechselten Adi Winter mit dessen schwächerem linken Fuss wäre ein Tor wert gewesen. Leider schaffte es Blaz Kramer trotz Überzahl vor dem gegnerischen Strafraum nicht, den Ball ohne Stürmerfoul zu behaupten und weiterzuleiten. Rohner deutete allerdings auch an, dass er in der defensiven Phase aktuell nicht die beste Option für die Rechtsverteidigerposition ist. Nur fiel dies während diesem Kurzauftritt nicht ins Gewicht, weil praktisch ausschliesslich der FCZ aufs gegnerische Tor anrannte. Durchaus verständlich daher, dass Massimo Rizzo noch zögert, Rohner hinten rechts als Stammspieler einzusetzen – als Joker ist dieser hingegen mittlerweile fast schon unverzichtbar geworden. Ausserdem ist „Turbo Fabian“ auch eine Option für rechts vorne oder gar als Sturmspitze.

FC Zürich – FC Vaduz 0:1 (0:0)
Tore: 61. Schmid (Gajic) 0:1.
FCZ – Brecher; Wallner (81. Winter), Nathan, Aliti, Schättin (81. H. Kryeziu); Domgjoni (85. Rohner), Doumbia; Tosin (64. Khelifi), Marchesano, Gnonto (64. Ceesay); Kramer.
Vaduz – Büchel; Schmied, Schmid, Simani; Dorn, Wieser (90.+5 Gomes), Obexer (72. Hug); Gajic, Lüchinger; Di Giusto (62. Cicek); Djokic (46. Sutter).

Der Respekt vor Aufsteiger Vaduz in der Liga ist stark gewachsen. Dies zeigt sich unter anderem daran, dass zuletzt sowohl YB, als auch Lugano ihre taktische Formation im Spiel gegen die Liechtensteiner komplett umgestellt haben, um dem massierten Mittelfeld des Frick-Teams genügend Power entgegensetzen zu können – gereicht hat es in beiden Fällen trotzdem nur zu einem Unentschieden. Gar verloren hat die Partie gegen den FCV im Letzigrund der FC Zürich und dies obwohl Trainer Massimo Rizzo seine taktische Grundformation nicht geändert, sondern „nur“ im detailtaktischen Bereich Anpassungen vorgenommen hatte. Jetzt kommts nur 10 Tage später bereits zur „Revanche“ ennet des Rheins.

Bei den Rheintalern ist der zuletzt in Lugano gesperrt gewesene Sandro Wieser jetzt verletzt. Ausserdem freut man sich im Rheinpark, dass der wichtige Stürmer Mohamed Coulibaly im Cornaredo mit einem Teileinsatz sein Comeback feiern konnte und auch gegen den FCZ auf der Ersatzbank sitzt. Dort konnte das Frick-Team nach einem Einwurf sehr früh durch Joël Schmied auf Vorlage von Abwehrchef Yannick Schmid in Führung gehen. Vaduz ist somit in den letzten drei Spielen ungeschlagen.

Der FCZ hatte gegen YB nach der sehr guten Partie in Bern zum Saisonauftakt mit einem Schussverhältnis von 6:21 im Letzigrund zuletzt gefühlt einen Eückfall in die schlechtesten Phasen der vergangenen Saison. Beim Rizzo-Team beginnt heute mal Hekuran Kryeziu im MIttelfeldzentrum neben Blerm Dzemaili.

Beim Punktgewinn gegen Leader YB hatte Vaduz am Wochenende Feldvorteile und die besseren Torchancen. Im Letzigrund nimmt der ehemalige FCZ-Stürmer Mario Frick nur eine Änderung vor: Gabriel Lüchinger spielt an Stelle des nicht aufgebotenen Cédric Gasser von Anfang an im Mittelfeld. Der aus dem FCZ-Nachwuchs stammende Matteo Di Giusto ist wie schon gegen Young Boys einer von zwei Offensivkräften in der Startformation.

Trainer Massimo Rizzo muss im Vergleich zum 4:1-Auswärtssieg zum Jahresauftakt in Basel auf die rekonvaleszenten Dzemaili, Omeragic, Schönbächler und Sobiech verzichten. Auf den Aussenverteidigerpositionen rücken Silvan Wallner und Tobias Schättin ins Team, Fidan Aliti voraussichtlich in die Innenverteidigung. Im Zentralen Mittelfeld kommt Toni Domgjoni und auf dem Flügel Wilfried Gnonto rein. Im Vergleich zum Wochenende sind zudem neu Adrian Winter, Fabian Rohner, Mirlind Kryeziu und Hekuran Kryeziu zusätzlich auf dem Matchblatt.