ZüriLive spricht mit Don Ursulo

Exklusives Kurzinterview mit dem Hobby-Scout, Zigarrenbaron und Hardcore-FCZ-Fan aus Costa Rica.

Vor einer Woche berichtete der «Blick» über Deine Bemühungen im Jahr 2010, den heutigen Weltklassetorhüter Keylor Navas FCZ-Sportchef Fredy Bickel schmackhaft zu machen. Wie war damals der Kontakt mit Navas und dessen Berater genau? Was wurde besprochen?

Ich muss vielleicht ein wenig ausholen. Seit 1994 habe ich meinen Wohnsitz in Costa Rica, und dadurch verfolge ich den hiesigen Fussball hautnah. Mein Stammverein ist Saprissa. Der Stadtklub aus der Hauptstadt San José. Nach der Gründung meines eigenen Fussballklubs, dem «Swiss Dream Team»  – eine Seniorenmannschaft gespickt mit ehemaligen Schweizer Hobbykickern und costaricanischen Ex-Nationalspielern – entwickelten sich viele Freundschaften, auch zu aktuellen Nationalspielern. Das «Establishment» des «FCZ-Forums» würde sagen, Don Ursulo gehöre zur Cervelat-Fussball-Prominenz in Costa Rica.

Navas, von meinem Lieblingsclub Saprissa, ist mir sofort ins Auge gestochen. Ein Torhüter, den man nur alle 20 Jahre sieht, auf alle Fälle im «Pura Vida» Land. So lag es nahe, als ich im Mai 2010 hörte, dass Leoni einen Abgang mache, diesen Navas sofort dem Fredy Bickel vorzuschlagen. Keylor war der beste Freund von Celso Borges, welchen ich dem FCZ drei Jahre zuvor offeriert hatte. Somit war für Keylor klar, dass es sich nicht um einen Schabernack handelt, sondern dass ich die Sache ernst nehme.

Celso & Don U

Don Ursulo mit Celso Borges

Da ich jedoch Panik hatte, dass die Scouts in Europa den Navas ebenfalls ins Visier nehmen würden, handelte ich mit seinem Agenten eine Option aus – das heisst, der FCZ hatte das Vorkaufsrecht auf Navas bis Ende Juni 2010. Das tragische war, dass man Keylor nicht mal beobachtete, obwohl er just in dieser Zeit zwei Länderspiele in Europa absolvierte – eines in Frankreich und das andere in Sion gegen die Schweizer Nati.

Im Blick-Artikel gab es Kommentare wie „jeden Monat einen Spieler empfehlen…“. Ich habe innerhalb von 4 Jahren nur zwei Spieler dem FCZ und Bickel vorgeschlagen. Beide haben eingeschlagen! Doch das Seltsamste an der ganzen Geschichte ist, dass der Bickel „so durch alle Böden hindurch“ den Guatelli als Nr.1 Torwart installieren wollte … Jeder FCZ-Fan sah bereits im 2009, dass Andrea nie eine Nr.1 werden könnte, obwohl er menschlich super in die damalige Mannschaft gepasst hat. Aber eben, nur mit lieben Umarmungen und «ciao bello» für Onkel Fredi, ist man noch lange nicht ein Nr.1 Torwart.

Ich behaupte sogar ganz frech, dass dieses ganze Tingeltangel um Leoni und Guatelli uns in der Saison 2010/2011 den Meistertitel gekostet hat!

Optimized-Saprissa-Invierno2008

Mannschaftsfoto von Saprissa mit den Fast-FCZlern Keylor Navas (hintere Reihe links) und Celso Borges (hintere Reihe mitte). Beide spielen heute in der Primera Division in Spanien(Celso bei Deportivo Coruña), und sind Leistungsträger.

Sollten Sportchefs eher den eigenen Supportern, als den aus Eigeninteresse agierenden Spielerberatern Vertrauen schenken?

Ich finde, ein Sportchef sollte in erster Linie ein 100% FCZ’ler sein. Ich will nie mehr einen Sportchef beim FCZ sehen, der von YB kommend mit GCN-Wurzeln beim Abgang sagt, er hätte immer an die Young Boys gedacht während seiner Zeit bei uns.

Somit bin ich mit der Zwischenlösung mit Cillo Canepa als Sportchef zufrieden. Er hat ein grosses FCZ-Herz. An oberster Stelle muss das Wohl des FCZ stehen, und nicht Agenten, liebgewonnene Spieler oder andere Albernheiten. Auf alle Fälle sollte man mehr Gehör schenken, wenn es um ernstgemeinte Tipps geht. Sei dies von einem Hobby-Scout oder einem ehemaligen Spieler. Vor allem aus Randregionen, in denen noch nicht jeder 15-jährige U-Spieler von einem halben Dutzend Scouts beobachtet wird.

Was gefällt Dir an der jüngsten Entwicklung des FCZ? Was gefällt Dir nicht?

Was mir nicht gefallen hat, war die Kaderplanung nach dem Cupsieg im 2014.  Hier wurden einige Fehler gemacht, die sich bis heute negativ auswirken. Ein Negativpunkt war auch der Abgang von Marco Bernet, den ich gerne als Sportchef für die nächsten 10 Jahre gesehen hätte, sowie die Ausmusterung von David Da Costa. Allgemein scheint die Torwartposition die Achillesferse zu sein. Hier müsste man ein wenig vom Muster „Gross, gut drauf sein, und mit gutem Selbstbewusstsein“ wegkommen, und vermehrt auf Schnelligkeit, Technik, Instinkt, Ruhe und Training schauen. Der beste FCZ-Torwart war Karl Grob. Dieser war keine 180cm gross, dafür blitzschnell. Ich erinnere mich an den Liverpool-Trainer im Halbfinalspiel im damaligen Meistercupspiel. Dieser gab folgendes über Karli zu Protokoll: „Ich habe noch nie einen solch schnellen Torwart gesehen!“

Was mir gefällt, ist, dass wir immer wieder eigene junge Spieler einbauen können in die Erste Mannschaft. Die Strategie, den eigenen Nachwuchs zu fördern, finde ich sehr gut. Aber wer sportlich und finanziell erfolgreich sein will, muss bei guten Gelegenheiten auch mal im Ausland zuschlagen. Ein ausländisches Talent steht dem eigenen Nachwuchs schliesslich nicht ewig vor der Sonne, sondern wechselt bei entsprechendem Erfolg auch wieder ins Ausland. In dieser Causa müsste man noch die ideale Mischung erreichen, und es kommt sehr gut!

Gibt es in Costa Rica auch heute noch Perlen zu entdecken, oder ist alles «abgegrast»?

Nach dem WM-Erfolg 2014 mit dem Erreichen des Viertelfinals wurde alles abgefischt. Es ist ähnlich wie in der Schweiz. Die Natispieler verdienen nun alle ihr Geld im Ausland. Viele Jungtalente versuchen sich in den Randligen Europas, wie Norwegen und Schweden, aber auch in der Zweiten Liga in Frankreich. Doch das nächste Jahrhunderttalent taucht sicher auf, und dann klappt es ja vielleicht im dritten Anlauf, mit dem ersten «Tico» für den FCZ.

Wie sind die Spiele in der Costa Ricanischen Liga, fussballerisch und von den Begleitumständen her?

Die ersten 3-4 Mannschaften könnten problemlos in der Super League mithalten. Die anderen Mannschaften hätten Mühe. Das Gefälle ist gross zwischen den Grossclubs (Saprissa, Alajuela, Heredia) und den kleineren Vereinen. Auch infrastrukturmässig leiden die kleinen Clubs. Der Euphorie der Zuschauer tut dies aber keinen Abbruch.

Welchen Ligen werden von den Fussballfans in Costa Rica interessiert verfolgt? Primera Division? MLS? Premier League?

In Costa Rica ist ganz klar die Primera Division der Favorit! Das halbe Land fiebert zudem mit Keylor Navas mit, und die Spiele von Real Madrid werden fast alle im Staatsfernsehen übertragen. Costa Rica ist sehr fussballbegeistert. Es wird eigentlich alles geschaut (Bundesliga, Serie A, MLS,…). Vor ein paar Monaten war Ex-FCZ-Trainer Lucien Favre in Costa Rica in den Ferien. Er sagte, er hätte noch nie so viele Fussballspiele im TV gesehen, wie in Costa Rica – und dies heisst was bei «Lulu»!

Auch die Hip Hop-Crew «Radio 200’000» aus der Südkurven-Gruppierung «Halligalli» war 2008 bei Dir in Costa Rica zu Gast….

Ja,  ich war der Drahtzieher dieser Tournee. Sie hiess «Manos arriba Tour» – zu Deutsch: «Händ ue»! –
in Costa Rica, Nicaragua und Panama.  Ich arbeitete damals noch auf der Schweizer Botschaft, und habe dies zusammen mit Pro Helvetia aufgegleist. Die Jungs mit den fünf Nullen haben in Zentralamerika einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Im Karibikdörfchen Cahuita sprechen die einheimischen Leute heute noch vom Radio Doscientos Mil!
Cigarrendrehkurs R200k

Radio 200’000 beim Zigarrendrehkurs mit Don Ursulo

Was ist eigentlich der Unterschied zwischen einer Zigarre und einem Stumpen?

Der Stumpen ist ein Schweizer Produkt – es ist eine Zigarre, die an beiden Enden bereits geschnitten ist, und maschinell – nicht mit ganzen Tabakblättern – hergestellt wird. Er ist kostengünstiger, und sozusagen die Zigarre des einfachen Büezers. Die klassische Zigarre wird hingegen von Hand hergestellt, mit ganzen Tabakblättern. Das Mundstück der Zigarre ist verschlossen, und wird erst vor dem Anzünden sachte angeschnitten. Der langjährige FCZ-Präsident Edi Naegli rauchte praktisch nur Zigarren. Trotzdem wurde er mit dem Kosenamen «Stumpen-Edi» betitelt. Es tönte wohl volksnaher.

Die Zigarrenraucher sind eh ein eigenes Volk. Die meisten rauchten nie Zigaretten, und wissen auch nicht, wie ein Lungenzug funktioniert. Zigarren geniesst man nur im Mund. Edi Nägeli war nicht nur der beste und erfolgreichste FCZ-Präsident und Scout aller Zeiten, sondern wohl auch einer der berühmtesten Zigarrenraucher der Schweiz. Er folgte keinem Trend, nur seinem eigenen – und natürlich dem FCZ. Mein grosser Traum ist es, irgendwann einmal eine in Bronze gegossene Büste von ihm zu finanzieren (Kosten sind rund 100’000 Franken) mit allem drum und dran: dem Hut, der Hornbrille, der Fliege – und natürlich der Zigarre in der Hand. Die Statue vom Stumpen-Edi muss dann nur im „zukünftigen“ FCZ-Stadion platziert werden. Was viele FCZ-ler nicht wissen: der Stumpen-Edi hatte einen 5 Jahre jüngeren Bruder (im Geiste) in den USA. Dieser hiess Red Auerbach, und war Meistertrainer und später GM von den Boston Celtics! Dieser Red war wie Edi, stets mit einer Zigarre bewaffnet, notabene auch auf der Trainerbank. Die Büste von Red werde ich als Leitfaden benutzen – für die bevorstehende von Nägeli.

Red Auerbach Statue Boston MA USA

Red Auerbach Büste, Boston, MA, USA

Warum sind Zigarren in Westeuropa out, und was würde Edi Naegeli dazu sagen?

Ich würde nicht sagen, dass Zigarren out sind. Es herrscht sicherlich kein Boom wie in den 90er Jahren, aber die Verkaufszahlen weltweit sind konstant, oder sogar leicht steigend. Dazu tragen auch neu China und andere asiatische Länder, die das Zigarrenrauchen entdeckt haben, bei. In Westeuropa sieht man vielleicht nicht mehr so viele Zigarrenraucher, weil durch die Gesetze das Rauchen in der Öffentlichkeit nicht mehr erlaubt ist. Zum Glück kann man im Letzigrund noch Zigarre und Pfeife rauchen. In Costa Rica wurde vor 4 Jahren jedes Stadion zur rauchfreien Zone erklärt – zu meinem grossen persönlichen Ärgernis natürlich. Edi wäre sicher stolz, wenn er wüsste, dass man(n) im Letzigrund immer noch Zigarren  paffen kann.

Edi mit Timo und Katic

Edi Naegeli mit Zigarre auf der Trainerbank

Was ist die beste Art und Weise von Costa Rica aus den FCZ zu verfolgen?

Die Spiele via Live-Stream mit gleichzeitigem Ton von Züri Live. Das ist das Non-plus-Ultra. Ab und zu rufe ich auch live per Telefon einem Kollegen auf der Osttribüne (dem «Big J» aus dem FCZ Forum), oder einem anderen in der Südkurve («Big Kahuna») an, um ein wenig „reinzuschnuppern“.

 

 

2 Comments on “ZüriLive spricht mit Don Ursulo

  1. Don Ursulo ist der Sohn, den Edi Nägeli nie hatte. Edi wäre stolz auf ihn, wie er sein Gedankengut um die halbe Welt trägt. Edi wäre auch, seinen für ihn charakteristischen Hut in einen Panamahut ausgetauscht, ein trefflicher Costa Rica Don. Er hätte die Angebote Don Ursulos mit weit offenen Armen empfangen und Züri in die Champions Leage gebracht, wo der Club – als einziger CH Klub – durch sein einzigartiges Charisma auch hin gehört. „Und wie einst Real Madrid..?“

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