Aussergewöhnliche Situation in der Super League: genau ein Monat nach dem 3:0 von Young Boys gegen den FC Zürich treffen die beiden Teams erneut im Wankdorf aufeinander. Gemeinsam haben YB und der FCZ, dass sie schon sehr lange nicht mehr gegen einen Gegner der oberen Tabellenhälfte haben gewinnen können. Beim FCZ war dies der Auswärtssieg gegen St. Gallen am 6. Dezember – für YB liegt ein solches Erfolgserlebnis sogar noch weiter zurück – am 9. November, ebenfalls bei den Ostschweizern. Im Direktduell mit dem FC Zürich vermochten die Berner zuletzt vier Mal in Folge zu gewinnen. Die letzte Niederlage resultiert vom März 2024. In der Tabelle liegen die Gelbschwarzen fünf Punkte vor dem heutigen Gegner „über dem Strich“.
Ein Spiel im Zeichen von Valon Berisha
Zuletzt hat Trainer Dennis Hediger die taktische Formation wieder vermehrt dem Gegner angepasst, nachdem er sich zuvor auf ein 3-4-1-2 / 3-4-3 festgelegt hatte. Schaut man sich die letzten Begegnungen an, scheint dies eine sinnvolle Massnahme zu sein. In Bern verlor man ohne wesentliche Anpassung an den Gegner klar mit 0:3. In Basel passte man sich an, machte ein gutes Spiel und war bis zur 90. Minute 1:0 in Führung. Dies behielt man gegen den FC Winterthur bei und gewann das Kantonsderby 3:0. Gegen Luzern versuchte man es dann mit der in Basel und gegen Winterthur gut funktionierenden Viererabwehr und lief gegen das Vertikalspiel der Innerschweizer „in den Hammer“. Daraus zog man seine Lehren und stellte gegen das ähnlich wie Luzern agierende GC wieder auf Dreierabwehr um.
Daher kann gegen YB vermutet werden, dass wieder zurück auf eine Viererabwehr umgestellt wird, da dies gegen diesen Gegner vermutlich besser funktioniert – was vor einem Monat auch die 2. Halbzeit gezeigt hat, in der man deutlich besser im Spiel war. Es stellen sich vor dieser Partie aber noch weit tiefer gehende Fragen: Wird Valon Berisha nach dem von ihm miterlebten tödlichen Unfall seines Cousins vor einer Woche in Bern dabei sein? Wird der FCZ mit Trauerflor antreten? Beim gestrigen 2:1-Sieg im Tessin gegen den FC Paradiso waren Alessio Lebrino, Sebastian Walker, Aaron Tchamda, Jill Stiel und Sekou Diawara nicht dabei. Daher könnte der eine oder andere aus dieser Gruppe im Wankdorf mit von der Partie sein.
YB setzt auf teure Neuzugänge
YB will mit den für Super League-Verhältnisse teuren Neuverpflichtungen Essende, Bukinac und Valery eine bessere Phase einleiten. Die Zuschauerzahlen sind im Wankdorf zuletzt stark gesunken. Im Vergleich zu vor einem Monat wird Christian Fassnacht diesmal wohl von Beginn weg auflaufen. Joël Monteiro könnte Alan Virginius ersetzen. Und Sandro Lauper könnte Trainer Gerardo Seoane wieder mal auf seiner angestammten Position im Zentralen Mittelfeld für den sehr volatilen Armin Gigovic starten lassen.
Die Überzeugung vieler Journalisten und Fans, dass ohne Sportchef Milos Malenovic alles besser werde, hat sich bisher nicht bewahrheitet – im Gegenteil. Die 1. Mannschaft trat gegen Luzern so desolat auf wie seit Jahren nicht mehr. Man befürchtet Zerfallserscheinungen. Und fragt sich, wie das im Derby gegen einen Rivalen, der sich im Aufschwung befindet, gut gehen soll. Gut geht es auf FCZ-Seite nur den Spielern, die diesen Winter gingen oder gehen mussten. Das von Malenovic in der dritten Kroatischen Liga ausgegrabene Juwel Jahnoah Markelo wurde zum einträglichsten FCZ-Transfer seit fünfeinhalb Jahren – und kam beim Championship-Leader Coventry City unter Trainer Frank Lampard bereits zu seinem ersten Einsatz, aktuell auf Kurs Richtung Premier League. Was für ein Märchen! Auch Junior Ligue, ehemaliger Praktikant in Malenovics Agentur, konnte den gewünschten Millionentransfer nach Italien realisieren. Ex-Abwehrchef Mariano Gomez ist beim Ungarischen Serienmeister Ferencvaros gleich Stammspieler geworden, hat im Derby gegen Ujpest bereits sein erstes Tor erzielt, und nach dem Hinspiel gegen Ludogorets intakte Chancen auf die Qualifikation für den Europa League-Achtelfinal.
Vereinslose / angeschlagene Oldies sind immer wieder eine Lotterie
Auch Linksverteidiger Milan Rodic traf nach der Rückkehr zu seinem Stammklub OFK Belgrad bereits bei seinem zweiten Einsatz im Derby gegen Cukaricki ins Schwarze! Und auch Steven Zuber traf in seinem geliebten Athen für Atromitos schon ins gegnerische Netz. Er ist genauso Stammspieler wie der beim FCZ zu Unrecht lange auf eine Ersatzrolle reduzierte Nemanja Tosic beim Zypriotischen Traditionsklub (dritthöchste Zuschauerzahl) Anorthosis Famagusta. Dabei könnte der FC Zürich gerade Tosic gut gebrauchen. Denn es hat sich in den letzten drei Partien seit dem 0:3 bei YB weiter bestätigt, dass auf den Aussenverteidigerpositionen ein grosses Manko besteht. Kablan / Comenencia sind 2026 bisher das klar schlechteste Aussenverteidiger- / Aussenläuferduo der Liga. Der von Akritas Chlorakas gekommene 31-jährige Kablan flaniert über die Schweizer Fussballplätze wie wenn er sich immer noch am Strand von Pafos befinden würde. Zum FCZ wechselte er offenbar vor allem weil Zürich laut eigener Aussage nahe bei Luzern liegt. Sein Auftritt gegen die Truppe aus seiner Heimatstadt vor einer Woche kann man nicht anders denn als Arbeitsverweigerung bezeichnen.
Auch Livano Comenencia ist mittlerweile völlig von der Rolle. Die Niederlage in Bern leitete der Holländer mit zwei haarsträubenden Fehlern in Alleinregie ein. Und Luzern genoss über seine Seite sehr viel Freiraum. Einzig beim 1:2 in Basel konnte man von einer ordentlichen Leistung der beiden Aussenverteidiger sprechen. Umso unverständlicher, dass der FCZ nicht zumindest Mattia Rizzo von seiner Leihe in Lecco vorzeitig zurückholt. Stattdessen holt man ältere Spieler mit wenig Spielpraxis zum FCZ – auf Positionen wo die Not weniger gross gewesen war. Während man die Jungen aus der eigenen Akademie sehr gut kennt, sind Verpflichtungen von vereinslosen oder zuletzt angeschlagenen „Routiniers“ eine Lotterie, die in den letzten Jahren beim FC Zürich die Mannschaft häufig destabilisiert hat. Es gibt jeweils gute Gründe, warum Spieler mit bekanntem Namen nichts Besseres finden, und froh sind bei einem Klub wie dem FCZ untergekommen zu sein. Meist brauchen solche Spieler viel mehr Spiele Anlaufzeit, um (wieder) auf Super League-Niveau zu kommen, als ein junges Talent es bräuchte – falls es überhaupt gelingt.
Ein sehr dünnes Gerippe beim FCZ
Neben den Aussenverteidigern enttäuschte gegen Luzern auch das Mittelfeldzentrum. Bledian Krasniqi ist zwar mit acht Torvorlagen der mit Abstand beste Assistgeber, bringt aber aktuell über 90 Minuten zu wenig. Miguel Reichmuth war zuletzt sogar ein Totalausfall und im Vergleich zu der Zeit vor Weihnachten nicht mehr wiederzuerkennen. Und Umeh Emmanuels Produktivität nach vorne ist viel zu tief. Nur Nevio Di Giusto, Silas Huber und dem zuletzt auf der Zehnerposition im 4-2-3-1 eingesetzten Cheveyo Tsawa konnte man auf Zürcher Seite gegen den FC Luzern eine ordentlich bis gute Leistung attestieren – das ist ein sehr dünnes Gerippe.
Wer soll im Derby Aussenverteidiger spielen? Möglich, dass Sebastian Walker auf Links zu seinem Début kommt und Lindrit Kamberi auf die rechte Seite rückt. Livano Comenencia fehlt verletzt. Valon Berisha ist eine Alternative für den Linken Flügel oder eine der zentralen Positionen. Gesetzt sein sollten die einigermassen formstarken Huber, Di Giusto und Tsawa. Reverson würde zwar eine Startaufstellung verdienen, aber es braucht auch noch wenigstens einen vielversprechenden Joker auf der Bank.
Mit Dreierabwehr gibt die Mannschaft auch nicht mehr her
Mit Dreierabwehr würde die Situation nicht besser aussehen, denn die schlechte Kadersituation bei den Aussenverteidigern überträgt sich auch auf die allfällige Aussenläuferposition. Denn es gibt für diese Position im Gegensatz zu früher keine Spezialisten mehr im Kader. Nevio Di Giusto könnte auch auf der Zehnerposition auflaufen, von der Rechten Seite ist er aber effektiver.
Michi Freys zweite irre Cup-Wende im Letzigrund
Auch GC hatte viel Transferbetrieb im Winter, wurde dadurch aber im Gegensatz zum FCZ gestärkt. Speziell in der Hintermannschaft benötigten die Hoppers Verstärkung. Der vom FC Riga gekommene Ngom ist eine Trouvaille und hätte auch dem FCZ gut angestanden. Schwachpunkte wie der langjährige Braunschweig-Spieler Saulo Decarli werden nun auf der Bank oder gar Tribüne verschwinden. Dafür wurde der aktuelle Braunschweig-Captain Sven Köhler verpflichtet. Und natürlich für die Sturmspitze Michael Frey sowie Emmanuel Tsimba. Der zuletzt formstarke Mittelfeldspieler Lovro Zvonarek ist hingegen verletzt. In der Liga hat das Team von Trainer Gerald Scheiblehner bisher erst vier Partien gewonnen (davon eines der beiden Derbys). Die Resultate und Leistungen sind im Jahre 2026 aber bisher deutlich besser als beim FCZ. Die Qualifikation für den Halbfinal des Schweizer Cups gibt zusätzlichen Schwung. Die Wende zum 4:3 nach Verlängerung mit Michi Frey in einer der Hauptrollen erinnerte stark an das FCZ-Comeback im Cup-Viertelfinal gegen Thun im November 2017 vom 1:3 zum 4:3 in den letzten fünf Minuten plus Nachspielzeit – mit zwei Toren Freys. Am Ende jener Saison wurde der FC Zürich zum bisher letzten Mal Cupsieger.
Der FC Zürich trifft mit sechs sieglosen Speien im Rucksack im St. Jakob Park auf einen FC Basel mit drei Niederlagen in Folge in der Tasche. Speziell an diesen drei “Nullern“ unter dem neuen Trainer Stephan Lichtsteiner ist, dass sie innert einer Woche das Ausscheiden im Europacup, im Schweizer Cup und vielleicht auch im Titelrennen der Super League bedeuten. Der Rückstand auf Leader Thun beträgt nun immerhin schon 14 Punkte. Auch bereits 11 Punkte Rückstand hat der FC Zürich gegenüber dem heutigen Gegner. Für den FCZ stellt sich heute die Frage, ob er noch im Kampf um die Top 6 mitmischen kann, oder sich definitiv auf den Abstiegskampf fokussieren muss.
Matthias Phaëton zurück
Beim FCZ ist Mathias Phaëton wieder mit dabei, der sich vor 14 Tagen beim Torjubel nach dem 1:0-Führungstreffer gegen den FCB eine Spielsperre eingehandelt hatte. Dafür ist Philipp Keny gesperrt. Eine offene Frage ist, ob die Spielbewilligung für Alexander Hack bereits eingetroffen ist und ob er auch sonst bereits ready ist für einen Einsatz im neuen Team. Silas Huber soll wie in Bern wieder im Tor stehen. Beginnt zudem erneut Nelson Palacio? Oder wieder Miguel Reichmuth?
Transfer von FCZ-Talent Giacomo Koloto zu Basel sorgte vor 2 Jahren für Aufruhr
Neben Kevin Rüegg hat der FC Basel mit Giacomo Koloto neuerdings einen weiteren FCZ-Junior in der 1. Mannschaft im Einsatz. Auch die GC-Junioren Dion Kacuri und Marvin Akahomen haben unter dem neuen Coach Stephan Lichtsteiner bessere Einsatzchancen. Koloto war seit sehr jungen Jahren eines der herausragenden Talente im FCZ-Nachwuchs und war mit Jill Stiel Stammspieler an der U17-WM in Katar im November. Sein Transfer war einer von mehreren Abgängen von grossen Talenten aus dem FCZ-Nachwuchs, die in der Zeit vor der Amtsübernahme von Milos Malenovic aufgegleist worden waren. Als Reaktion begann der FCZ dann während der Malenovic-Amtszeit offensiv und frühzeitig langfristige Verträge mit den besten Talenten abzuschliessen – solche schmerzhaften Abgänge wie der von Koloto gab es unter Malenovic dann nicht mehr. In den letzten Jahren vorwiegend auf dem Flügel oder auf der Zehner-Position eingesetzt, wurde der junge Stadt-Zürcher beim Cup-Spiel in St. Gallen zur Pause für Albian Ajeti eingewechselt, und erzielte in seiner typischen Art per Kopf das zwischenzeitliche Ausgleichstor. Auf Trainer Stephan Lichtsteiner traf der FC Zürich diese Saison bereits im Cup, als man damals noch unter Coach Mitchell Van der Gaag mit dem 1.Liga-Spitzenteam auf dem Moos Probleme hatte. Stürmer Philippe Keny, der heute in Basel gesperrt ist, sah damals praktisch keinen Ball.