Hoffnungsschimmer in der Torhüterfrage nach jahrzehntelanger Dürre

Der FC Zürich und die Torhüterausbildung im Nachwuchs war unter dem Strich über die ganze moderne Klubgeschichte hinweg ein Trauerspiel. Bei Nachbar GC konnte man in guten wie in schlechten Zeiten darauf bauen, dass immer wieder solide bis exzellente Goalies aus dem eigenen Haus den Sprung in den Profifussball schafften. Jahrzehntelang haben die Hoppers einen Nationaltorhüter nach dem anderen produziert. Zu dieser Serie gehören auch die aktuellen Nationaltorhüter der Schweiz (Gregor Kobel, BVB) und Kosovos (Arijanet Muric, Sassuolo, ex-Man City). Muric war im Alter von 10 Jahren kurz ein Jahr beim FCZ, wechselte dann aber schnell in den für Torhüter deutlich besseren Ausbildungsverein ennet der Gleise.

Von Grob bis Da Costa keine eigenen Torhüter mehr

Auf der Suche nach einem Nationaltorhüter aus dem FCZ-Stall muss man weit zurück blicken. In den 80er-Jahren kam Urs Zurbuchen auf zwei Freundschaftsländerspiele. Fast seine ganze Karriere spielte dieser allerdings für YB. Beim FC Zürich war er zuvor nicht am beim FC Küsnacht ausgebildeten Karl Grob vorbeigekommen, der einzigen echten Torhüter-Klub-Legende. Zurbuchen war in den zwei Jahrzehnten (!) mit Grob im Tor (1967 – 1987) nicht der einzige gute Ersatztorhüter gewesen. In jenen Jahren schien man auf dieser Position ein Luxusproblem zu haben. Das änderte sich in den Jahren nach der „Lebensversicherung“ Grob sofort. Seither arbeiteten gemessen an der Anzahl Länderspiele der FC Baden oder der FC Schaffhausen in der Torhüterausbildung erfolgreicher als der FC Zürich.

Beim FCZ musste man ab 1988 auf von extern verpflichtete Torhüter bauen. Diese waren manchmal illuster, häufig im Vergleich zur Konkurrenz aber auch unterdurchschnittlich: Knutti, Suter, Böckli, Mäder, Stiel, Shorunmu, Pascolo, König, Taini. Der Walliser Johnny Leoni hütete achteinhalb Jahre das FCZ-Tor und errang als Nr.1 drei Meistertitel – als solider Keeper hinter einer spielerisch überragenden Mannschaft (Raffael, César, Margairaz, Alphonse, Abdi, Djuric, Chikhaoui,…).. Nach ’06, ’07 und ’09 hätte es ohne das zwischenzeitliche Missverständnis Guatelli für Leoni 2011 auch noch ein vierter Meistertitel sein können. Als Nati-Kandidat galt er trotzdem nie.

Brecher war 2015 noch nicht ready

Ab 2012 setzte der FC Zürich auf der Torhüterposition dann auf Eigengewächse – erst drei Jahre lang auf Piu Da Costa, dann Yanick Brecher. Schon damals machte der FC Thun jeden Profi besser. Der ehemalige FCZ-Ersatzgoalie Da Costa konnte sich im Berner Oberland zwei Jahre lang zu einem verlässlichen Super League-Torhüter entwickeln, worauf ihn der FCZ zurückholte. Yanick Brecher war sein Ersatz. Torhütertrainer der 1. Mannschaft war damals erst Stefan Knutti und dann Christian Bösch. Ein wirklich guter Torhüter wurde Da Costa aber erst nach seiner zweiten FCZ-Zeit dank seinem Abstecher in die Serie B ins Torhüterland Italien. Dies zeigte sich danach auch bei seiner Rückkehr in die Schweiz beim FC Lugano. Brecher war in der Saison 14/15 in die Challenge League nach Wil ausgeliehen worden. Nach erheblichen Anlaufschwierigkeiten gelangen ihm dort im März 2015 vier Clean Sheets in Folge. Brecher wurde von der Leihe zurückgeholt und ersetzte per sofort Da Costa als neue Nr. 1.

Brecher war zu diesem Zeitpunkt aber bei weitem noch nicht ready für die Super League. Die Highlight-Videos aus den Partien mit Wil täuschten über seine Schwachpunkte hinweg, die damals jedem, der seine Spiele über 90 Minuten sah, aufgefallen sein mussten. Die Art und Weise wie er sich damals beispielsweise in Eins.gegen-Eins Situationen instinktiv schmal statt breit machte, um sich vor dem Ball zu schützen, hatte nichts mit Profi-Fussball zu tun. Es wäre sogar bei einer Amateur-Mannschaft bemängelt worden. Brechers Qualitätsmängel waren ganz wesentlich für den Abstieg in der Saison 15/16 mitverantwortlich. Mit dem Liga-Punkteschnitt des zweiten Torhüters Anthony Favre wäre der FC Zürich in jener Saison auf dem 6. Platz gelandet. Von den 22 Liga-Partien in denen Brecher im Tor stand, gewann der FCZ hingegen gerade mal drei. Mit Favre im Kasten wurde man in der gleichen Saison zudem auch noch Cup-Sieger – nach einem überdurchschnittlich schwierigen Programm mit vier Super League-Gegnern und klaren Auswärtserfolgen bei YB, Thun und Cup-Spezialist Sion. Inklusive Cup hatte Favre gar einen Punkteschnitt von 1,7, was in der Liga dem dritten Rang entsprach. Die Mannschaft erreichte diese Resultate mit dem Waadtländer im Kasten, obwohl dieser von seinen Fähigkeiten her nicht mehr und nicht weniger als ein guter Challenge League-Torhüter war. Er war ja auch wie später Zivko Kostadinovic als klare Nr. 2 vom FC Wil geholt worden und für diese Rolle geeignet.

Unter Taini steigert sich Brecher zum offensiv besten Super League-Keeper

Kurz vor Ende der Abstiegssaison holte sich Brecher im Training nach all den schlechten Leistungen auch noch einen Kreuzbandriss. Den Wiederaufstieg bewältigte der FC Zürich mit dem Lettischen Nationaltorhüter Andris Vanins zwischen den Pfosten. Mit dem Trainerwechsel von Uli Forte zu Ludovic Magnin wurde Brecher im Februar 2018 wieder zur Nummer Eins. Schon damals schien Brecher im Klub an höchster Stelle eine starke Lobby zu haben, was nach Forte sieben Jahre später auch Mitchell Van der Gaag schmerzlich erfahren musste, als dieser offenbar laut über einen Torhüterwechsel zu Talent Silas Huber nachdachte. Unter dem didaktisch geschulten Davide Taini als Torhütertrainer machte Brecher im Laufe der Jahre aber auch erhebliche Fortschritte. Von einem Sicherheitsrisiko wurde er erst zu einem mindestens durchschnittlichen Super League-Torhüter. In der Meistersaison 21/22 hatte er erstmals einen Züri Live-Notenschnitt von über 6 (auf einer Skala von 1-10) und gehörte zu den drei, vier besten Torhütern der Liga.

Offensiv wurde Brecher gar zum besten Torhüter der Liga und profitierte dabei sicherlich auch davon, dass er als Kind beim FC Männedorf erst Feldspieler gewesen war. Seine Ballverteilung war zeitweise exzellent. Und dies gleich dreifach: mit dem Rechten Fuss, mit dem fast gleich starken Linken Fuss – und dem schnellen Einleiten von Kontern mit weiten, präzisen Auswürfen. Diese Kombination ist sehr selten. Nach der Meistersaison unterschrieb Brecher einen Fünfjahresvertrag bis 2027. Unmittelbar darauf liessen seine Leistungen wieder etwas nach. Der FCZ kassierte unter Franco Foda nach Expected Goals-Statistik deutlich mehr Gegentore als aufgrund der Torchancen der Gegner hätten fallen sollen. Ein grosser Teil dieser Differenz war auf Brecher zurückzuführen. Es waren die faden Auftritte von Team-Leadern wie Brecher, Dzemaili und Marchesano, welche dem Österreichischen Coach schnell den Job kosteten und Nachfolger Bo Henriksen eine Herkulesaufgabe zur Rettung des Teams hinterliessen. Trotzdem gab es unter Foda zwischendurch ein Leistungs-Highlight. Yanick Brecher wurde im Europacup vom gefährlichen Angriffspressing von Bodö/Glimt auf Kunstrasen stark gefordert und bestand den Test mit hervorragend präzisen und scharfen Ballverteilungen über 30-40m während der ganzen Partie. Die Pressing-Bemühungen der Norweger verpufften so grösstenteils. Vor allem deshalb hatte der FC Zürich am Ende noch gute Chancen auf den 2:2-Ausgleich bei einem Gegner, der davor gleichenorts die AS Roma von José Mourinho mit 6:1 vom Platz gefegt hatte.

Generation Copperfield ist immer noch da

Aufgrund einer unaufschiebbaren komplizierten Operation von Davide Taini übernahm der bisherige Academy-Torhütertrainer Dean Santangelo dessen Position zuerst ad interim, und dann ganz. Zu Beginn konnnte Santangelo Brecher neue Impulse bringen. Die Saison 23/24 wurde mit einem Notenschnitt von 7,1 zu Brechers bester. In der darauffolgenden Saison 24/25 wurden seine Leistungen dann aber wieder deutlich schlechter. Und die Saison 25/26 begann mit einem in jeder Hinsicht lamentablen Auftritt gegen Sion. Auch wenn es zwischendurch dann auch wieder gute Leistungen gab: die Tendenz vor und nach der Winterpause zeigt weiter nach unten. Mittlerweile hat der FC Zürich mit der Verpflichtung eines neuen Torhütertrainers reagiert – Michaël Bauch kommt für Santangelo. Ausserdem soll U21-Natitorhüter Silas Huber im Wankdorf gegen YB zu seinem Début kommen.

Warum war der FCZ über Jahrzehnte so schlecht in der Torhüter-Entwicklung im Nachwuchs? Ein Grund dafür scheint zu sein, dass man sich zu lange an einem veralteten Stereotyp eines guten Torhüters orientiert hat. In den 80er- und 90er-Jahren waren es willensstarke Führungspersönlichkeiten, die lautstark und effektvoll ihre Vorderleute dirigierten – und mit spektakulären Paraden die eine oder andere „hundertprozentige“ Torchance entschärften. Und wenn sie den Ball nicht hielten, hechteten sie trotzdem spektakulär, so dass der Gegentreffer unvermeidlich schien und ganz sicher nicht dem Torhüter angekreidet werden konnte. Etwas Illusionskunst à la Devid Copperfield gehörte zum Goalie-Business dazu. Die Schweiz ist ein Land in welchem Goalies bei den Fans verschiedener Sportarten häufig am meisten geliebt und bewundert werden. Die Skepsis gegenüber dem kreativen Stürmerstar mit seinen Anflügen von neo-aristokratischer Attitüde verfliegt hingegen nie ganz. Da kann dieser noch so viele Tore schiessen. Der Torhüter ist hingegen nahbar. In dieser Rolle könnten sich viele Fans zumindest theoretisch irgendwie auch noch sehen.

Malloth und Heim kommen nicht an Brecher vorbei

Der moderne Torhüter ist aber hyperbeweglich und hat ein hervorragendes Positionsspiel. Er ist mit den Füssen am Ball technisch genauso gut wie die Feldspieler und kann auch konditionell einigermassen mit diesen mithalten. Seine Rückwärts- und Seitwärtsbewegungen sind fast so gut wie die eines Profi-Tänzers. Er geht ins kognitive Training. Und ist zu 100% in die taktischen Ûberlegungen eingebunden. Ein Torhüterwechsel kann dazu führen, dass der Trainer die Taktik ändern muss. Es handelt sich hier nicht per se um eine Stilfrage – moderne Torhüter sind einfach besser. Der erste moderne Schweizer Torhüter war GC-Junior Diego Benaglio. Dieser begann seine Profikarriere vor 25 Jahren. Torhüter alter Schule gibt es trotzdem immer noch ein paar wenige. Einer davon trägt seinen Teil dazu bei, dass in der Challenge League Yverdon Sport mit Antonio Marchesano langsam aber sicher den Anschluss an die Tabellenspitze verliert.

Beim FCZ sah man bis vor kurzem im Vergleich zu anderen Schweizer Akademien bei den Nachwuchs-Torhütern von Jahr zu Jahr wenig Entwicklung. Und Torhüter alter Schule wurden gegenüber modernen Goalies auf allen Stufen häufig bevorzugt. Beispiele für Torhütertalente mit modernen Attributen, die es immerhin kurzzeitig bis auf die Position des 3. Torhüters der 1. Mannschaft schafften, waren Andres Malloth oder Calvin Heim. An Yanick Brecher kamen sie aber nicht vorbei. Dieser war zu Beginn seiner Zeit in der 1. Mannschaft vorwiegend ein Torhüter alter Schule. Zum weitgehend modernen Torhüter wurde er erst während seiner Zeit bei den Profis, quasi auf dem zweiten Bildungsweg. Nach Jahren in denen die Torhüterposition ein Schwachpunkt war, konnte er von 2021 bis 2024 der Mannschaft ein guter Rückhalt und erster Aufbauspieler sein. Wenn es ihm aber nicht so läuft, wie jetzt schon mehr oder weniger seit anderthalb Jahren, drücken bei Brecher die eigentlich wegtrainierten alten Gewohnheiten wieder durch.

Was für ein Torhüter ist Silas Huber?

In den letzten zweieinhalb Jahren hat sich beim FCZ nun aber im Nachwuchsbereich einiges getan – und das betrifft auch die Torhüter. 2023 kamen erst Yevhen Morozov (heute 18, aus der Ukraine, Arsenal Kiev) und dann Silas Huber (heute 20, vom FC Aarau) zum FC Zürich. Beide waren schon gut als sie kamen, aber im Gegensatz zu früheren Jahren entwickelten sich die zwei Torhütertalente in ihrer Zeit im FCZ-Nachwuchs bis heute stark weiter. Silas Huber war beispielsweise mit den Füssen noch nicht gut, als er zum FCZ kam. Heute ist es eine seiner grössten Stärken. Nicht nur das: mit Tyrese Pinthus (17) gibt es mittlerweile gar noch ein weiteres Torhütertalent, das ebenfalls sehr modern spielt und sich sich in den letzten zwei Jahren gut entwickelt hat.

Silas Huber ist ein gut ausgebildeter junger Torhüter aus dem Bilderbuch. Er zeichnet sich durch aussergewöhnliche Reflexe aus, kann das Speil sehr gut lesen und ist wie erwähnt gut am Ball. Vergleicht man den 20-jährigen Silas Huber mit dem 20-jährigen Yanick Brecher, ist Huber um Längen besser. Der Vergleich mit Brecher in dessen bester Saison 23/24 wäre ausgeglichener. Nur ist dieser von der Form von damals weit entfernt. Und Huber hat viel mehr Potential, sich mit der Erfahrung auf Super League-Niveau noch weiter zu verbessern. Brecher ist dafür bekannt, dass er in den letzten Jahren zum regelmässig hoch stehenden, mitspielenden Torhüter geworden ist. Huber ist diesbezüglich noch etwas forscher. Er kann in der Regel gut einschätzen, wann er sich einbringen sollte und wann eher zurückziehen. Beim entscheidenden letzten Spiel der U21 im Mai gegen Basel U21, als das Team von Dennis Hediger mit einem 3:0 den Klassenerhalt schaffte, ging Huber in der 78. Minute beim Stand von 2:0 aber zu viel Risiko. Nach dem Foul als letzter Mann vor dem Strafraum musste er vom Platz. Miguel Reichmuth erzielte in Unterzahl dann noch das 3:0.

Einfluss des Torhüterwechsels aufs Mannschaftsgefüge und Transfers

Wie wird sich der Torhüterwechsel auf das Mannschaftsgefüge auswirken? Wie gross der (positive) Einfluss Brechers auf die Mannschaft tatsächlich ist, ist schwierig abzuschätzen. Aus der Distanz wirkt er sowohl gegenüber den Jungen wie auch den ausländischen Spielern eher distanziert und nicht wirklich beschützend. Die Situation ist sicherlich eine Chance für einen Lindrit Kamberi, aber auch Cheveyo Tsawa oder David Vujevic sich noch stärker einzubringen und Verantwortung zu übernehmen. Philippe Keny ist sowieso in jeder Hinsicht ein Spieler, der auf dem Platz als Vorbild vorangeht und sicherlich nicht zufälligerweise bereits dritter Captain. Der erfahrene Chris Kablan ist als Unterstützung ebenfalls mit an Bord. Mit einem weiteren Transfer einen „erfahrenen Leader“ ins Team zu holen, kann auch sehr gut ins Auge gehen. Den beiden letztjährigen Wintertransfers und designierten Leadern Jean-Philippe Gbamin und Benjamin Mendy unterlief beiden in fast jeder Partie ein fataler Fehler, der zu einem Gegentor führte. Dasselbe mit Sommertransfer Milan Rodic. Viel Erfahrung bringt nicht automatisch Stabilität. Denn solche Spieler sind in der Regel nur dann bereit zu einem Verein wie dem FC Zürich zu kommen, wenn sie dies für ihren persönlichen Aufbau, beispielsweise nach einem längeren Ausfall, unbedingt benötigen. Sie wirken dann jeweils auch nicht wirklich in der Mannschaft integriert. Eine Ausnahme war Steven Zuber, auch wenn es selbst bei ihm viele Ups und Downs gab. Auf der anderen Seite würde es sicherlich ganz allgemein Sinn machen, noch einen guten Innenverteidiger oder Defensiven Mittelfeldspieler zu holen – je nachdem wo Nelson Palacio hauptsächlich eingeplant ist – und eventuell einen Linken Aussenläufer.

FCZ Saisonanalyse 23/24 – Teil 1: Spielernoten, MVP’s und Transfers

Die Schweizer Fussball-Meisterschaft 2023/24 ist vor zwei Wochen zu Ende gegangen. Während die Mannschaften nach der kurzen Sommer-Pause nun eine nach der anderen wieder in die lange Vorbereitung auf den Saisonstart am 20. Juli hin einsteigen, hat Züri Live mittlerweile alle 42 FCZ-Wettbewerbspartien der abgelaufenen Saison komplett im Detail durchgearbeitet und analysiert. Die Einzel-Artikel zu den letzten fünf Partien sind zwar noch nicht publiziert. Trotzdem ist alles bereit für die Saisonanalyse – als Höhepunkt der „Analyse-Saison“ auf Züri Live. Wir hoffen, dass sie unseren treuen Lesern interessante Erkenntnisse bringt und dabei auch die Bilder, Emotionen und Diskussionen rund um Spiele und deren Protagonisten nochmal aufleben lässt. Wir haben alle viel dafür investiert. Da soll auch möglichst viel davon in Erinnerung bleiben.

Nach Baisse im Vorjahr: Yanick Brecher 23/24 bester FCZ-Spieler

Die beste Durchschnittsnote der Saison 2023/24 hat Miguel Reichmuth mit 8.0 (auf einer Skala von 1-10). Dies allerdings mit nur einem einzigen Einsatz – und dies erst noch gegen den unterklassigen Partnerklub Red Star in der 1. Hauptrunde des Schweizer Cups. Bei seinem Wettbewerbs-Début für den FC Zürich wurde er am 19. August zusammen mit seinem älteren Bruder Nils in der 63. Minute für das mittlerweile nicht mehr beim FCZ aktive Duo Avdijaj / Bar eingewechselt. „Kein anderer eingesetzter Spieler überzeugte sowohl defensiv wie offensiv so wie der 19-jährige Mittelfeldspieler“ hiess es damals im Analyse-Artikel zu seinem Einsatz. Das bislang letzte seiner bisher 26 Jugend-Länderspiele bestritt der technisch beschlagene Rechtsfuss ein halbes Jahr davor mit der U20 gegen Dänemark. Der Durchbruch im Profibereich fällt ihm aber auch aufgrund Verbesserungspotential in der Defensiven Phase und bezüglich Zielstrebigkeit schwer – und damit bleibt auch der Schritt in die U21-Nati verwehrt, nachdem Reichmuth zuvor auf mehreren Stufen Stammspieler seines Jahrgangs gewesen war. Eine Leihe in die Challenge League könnte wie bei Linksfuss Nils, der zwei Jahre in Wil war, Sinn machen.

Miguel Reichmuth ist wie alle Spieler mit weniger als 500 Minuten Einsatzzeit in der Notentabelle kursiv vermerkt. Der eigentliche Saisonbeste ist somit Torhüter Yanick Brecher mit einer Durchschnittsnote von 7.1. Dies ist eine Steigerung um beinahe eine ganze Note im Vergleich zur Saison 22/23, als Brecher in der Züri Live-Bewertung nur auf Rang 13 des Kaders klassiert war. Brecher hatte speziell direkt nach seiner Vertragsverlängerung unter dem damaligen Coach Franco Foda schlecht gespielt. Seine Vorderleute liessen unter Foda kaum mehr gegnerische Torchancen zu als unter dessen Vorgänger Breitenreiter – Brecher liess aber deutlich mehr dieser gegnerischen Abschlüsse passieren. Nun konnte er sich wieder wesentlich steigern. Auch der Wechsel des Torhütertrainers schien dem FCZ-Captain nochmal einen weiteren Schub zu verleihen. Inklusive Cup 15 “Clean-Sheets“, acht Mal Züri Live-MVP (je zwei Mal gegen YB und SLO) und vier Mal Maximalnote “10“ sprechen eine deutliche Sprache.

Cheveyo Tsawa rutscht in die Rolle von Marc Hornschuh

HInter Brecher folgen als weitere Leistungsträger Bledian Krasniqi, Ifeanyi Mathew, Adrian Guerrero, Cheick Condé, Antonio Marchesano, Nikola Boranijasevic, Mirlind Kryeziu und in der Schlussphase der Saison als wichtiger Defensiv-Joker Cheveyo Tsawa. Der 17-jährige aus dem eigenen Nachwuchs hat somit in dieser Phase die Rolle von Marc Hornschuh übernommen, die vier Siege in Folge in der Schlussphase der Partien ins Ziel zu bringen: als “Staubsauger“ im Mittelfeld mit ähnlichem Engagement und Zweikampfstärke verbunden mit besserer Antrittsschnelligkeit und Technik. Bezüglich Note der 1. Halbzeit gehören Nils Reichmuth, Nevio Di Giusto und Calixte “Junior“ Ligue zu den besten des Kaders. Es kann sich also stark lohnen, junge Spieler in der Startformation laufen zu lassen. Die wie Hornschuh diesen Sommer vom FCZ scheidenden Aussenläufer Nikola Boranijasevic und Adrian Guerrero waren (auch) diese Saison vor allem offensiv top. Sie trugen wie in der Meistersaison 21/22 mit ihren Diagonalläufen, Flanken und Standards viel dazu bei, die gegnerischen Defensiven zu knacken. Torhüter Yanick Brecher ist mit Ball einer der Liga-Besten. Zentrumsspieler Ifeanyi Mathew hat seine Stärken ebenfalls vorwiegend im Offensivbereich. Boranijasevic ist genauso wie Mirlind Kryeziu ein Spieler, der in der 2. Halbzeit noch zusetzen kann, wenn andere abbauen. Dass Antonio Marchesano zusammen mit Yanick Brecher am häufigsten bester Spieler der 2. Halbzeit war, liegt hingegen eher daran, dass er bei seinen wenigen Joker-Einsätzen besonders gut spielte.

Vor allem war es offensiv aber auch die Saison von Bledian Krasniqi. Sein Wettbewerbs-Début für den FCZ gab der Tempodribbler im November 2018 gegen AEK Larnaca. Nach den zwei Leih-Saisons in Wil holte er nach seiner Rückkehr gleich die erste Trophäe. Im Meisterteam war er eine wichtige Stütze und teilte sich die Position neben Ousmane Doumbia Fifty-Fifty mit dem häufig angeschlagenen Blerim Dzemaili. In der Saison 22/23 steigerten sich seine Einsatzzeiten sowohl unter Franco Foda wie unter Bo Henriksen weiter. Er legte in seiner Entwicklung dabei einen Fokus auf die verbesserungsfähige Defensivphase. Mit dieser Basis stieg er ins Spieljahr 23/24, wo er nun seine Offensivqualitäten zum blühen brachte. Seine Skorerquote aus der Challenge League-Saison 20/21 hat er nun erstmals in der Super League bestätigt. Krasniqis ZL-Defensivnote fiel 23/24 von 7.1 auf 6.3, während er gleichzeitig die Offensivnote von 6.1 auf 7.5 steigerte. Der Aufbau stimmt. Das Ziel für 24/25 muss nun sein, die offensiven und defensiven Elemente zusammen mit Konstanz Woche für Woche auf den Platz zu bringen. Wenn man dann am Ende beim Erstellen eines “Teams der Saison“ nicht mehr an Krasniqi vorbeikommt, war sein Entwicklungsschritt erfolgreich.

Neu: Keine U19-Playoffs mehr für Kaderspieler der 1. Mannschaft

Insgesamt haben sich im Vergleich zur letzten Saison vor allem aufgrund verbesserter Offensivleistung elf Kaderspieler gesteigert, sechs sind hingegen schlechter geworden. Die grösste Steigerung gab es bei Nikola Katic (von tiefem Niveau aus), die grösste Verschlechterung bei Junior Ligue, Selmin Hodza und Donis Avdijaj. Für Ligue scheint im letzten Sommer die Kombination von Juniorenfinals nach einer langen Saison in verschiedenen Teams und danach gleich wieder einrücken zu den ausgeruhten Kollegen der 1. Mannschaft zur Saisonvorbereitung zu viel gewesen zu sein. Auch junge Spieler müssen nach einer langen Saison mal abschalten und danach gleichzeitig mit ihren Teamkollegen der 1. Mannschaft in die Vorbereitung starten können. Diesen Sommer scheint man dies beherzigt zu haben. Die zum Trainingsstart 24/25 für die 1. Mannschaft vorgesehenen Spieler wie beispielsweise Cheveyo Tsawa wurden nach Super League-Saisonende nicht auch noch in den U19-Playoffs eingesetzt. Man nahm dabei in Kauf, dass diese Spieler dem Qualifikationssieger in den Playoffs fehlten. Letzte Saison schoss das Duo Ligue / Bajrami eine insgesamt eher mässig auftretende U19 in den Playoff-Final. Der diesjährige Jahrgang trat mehrheitlich deutlich besser auf, zog aber im Viertelfinal-Rückspiel gegen den späteren Finalisten Servette einen mässigen Tag ein.

Die Spieler, welche bereits in der Saison 22/23 dabei waren, haben in der abgelaufenen Saison im Schnitt besser abgeschnitten, als die neu dazugestossenen. Im oberen Drittel befinden sich mit Cheveyo Tsawa (17) und Miguel Reichmuth nur zwei Kaderneulinge – beide aus dem eigenen Nachwuchs. Kein von aussen neu verpflichteter Spieler schaffte es in seiner ersten Saison in die Top 50% des Kaders! Auch wenn bereits seit längerer Zeit nicht nur eigene Junioren sondern auch von extern verpflichtete Spieler wie beispielsweise ein Assan Ceesay oder Aiyegun Tosin zwei oder drei Jahre Anlaufzeit benötigten, um zum Leistungsträger aufzusteigen, ist dies eine schlechte Quote. Fabio Daprelà kam angeschlagen nach Zürich und schien seine Verletzungsprobleme die ganze Saison hindurch nie richtig hinter sich lassen zu können. Dass Lugano ihn abgegeben hat, hatte ja durchaus seine Gründe. Trotzdem war seine Mentalität und Cleverness speziell während der langen Ungeschlagen-Serie zu Beginn der Saison ein wichtiges Element.

Ein Österreichischer Meister mit Leistungsdiskrepanzen

Rodrigo Conceição hatte in den ersten Partien grosse Probleme, sich an den hiesigen Fussball anzupassen. Mit der Zeit lief es etwas besser. Beim Besuch seiner Familie im Letzigrund gelang ihm aber kein guter Match. Auch die Auftritte von Armstrong Oko-Flex gestalteten sich wechselhaft. Der Ire fühlte sich am wohlsten, wenn der FCZ dominant und mit einem Dreimann-Sturm auftrat. Bei seinem Assist zu Marchesanos Last Minute-Siegtreffer in Luzern und seinem Tor in Winterthur zeigte sich seine Qualität in der Verarbeitung von aufspringenden Bällen. Der Ansatz des neuen Coaches Ricardo Moniz scheint einem Stürmer wie Oko-Flex entgegen zu kommen. Vor allem war er bisher der einzige klassische Flügelstürmer im Kader der 1. Mannschaft. Mit dem hochziehen des 15-jährigen Dylan Munroe aus dem eigenen Nachwuchs kommt nun ein zweiter hinzu.

Der vom frischgebackenen österreichischen Meister Sturm Graz geliehene Amadou Dante gehört zu den vier Spielern mit einer ungenügenden Durchschnittsnote. Die Differenz zwischen seinen Offensiv- (Note: 6.5) und Defensivleistungen (3.3) war dabei enorm. Die Art und Weise wie Dante mit seiner speziellen Fussstellung Bälle von der Seite hinter die Abwehr spielen oder im Tor versenken konnte, war aussergewöhnlich. Der Malier sorgte immer für Gefahr nach vorne, aber eben auch nach hinten. Beim in einer Dreierabwehr auftretenden Meisterteam konnte man sich mit Boranijasevic und Guerrero zwei offensiv starke und defensiv eher eingeschränkte Aussenläufer leisten. Dantes Diskrepanz diesbezüglich ist aber noch grösser als bei diesen beiden – und der FCZ agiert nun meist mit Viererabwehr. Er würde in so einer Formation fast eher als Flügelstürmer in Frage kommen. In gewisser Weise das Gegenteil von Dante war Cheick Condé, der Offensiv (1x) und Defensiv (3x) zusammengezählt weniger häufig Bester Spieler war, als in der Gesamtleistung (5x). Dies illustriert sein ausgeglichenes Profil mit gleichermassen offensiven wie defensiven Qualitäten. Unausgeglichen sind die Leistungen des Guineers aber in Bezug auf den Spielverlauf. Seine Auftritte in der 2. Halbzeit sind im Schnitt deutlich schlechter als diejenigen in den ersten 45 Minuten. In seiner ersten vollen Saison hatte Daniel Afriyie unter Bo Henriksen im Offensivzentrum seinen Stammplatz. Bei gegnerischem Ballbesitz hing er meist “wie eine Klette“ am gegnerischen Sechser und störte den Spielaufbau des Gegners effektiv. Bei eigenem Ballbesitz stiess er dann jeweils auf die Mittelstürmerposition vor, war in dieser Funktion aber weniger produktiv. Im Spiel mit Ball wirkte der Ghanaer jeweils am gefährlichsten, wenn er auf dem Rechten Flügel seine flinken Bewegungen am Ball ausspielen konnte. Unter dem Trainerduo Ural / Romano wurde Afriyie dann mit einer Jokerrolle betraut. Unter Ricardo Moniz spielte er in den letzten beiden Partien wieder von Beginn weg – nun in einem Zweimann-Sturm mit Jonathan Okita vor der Nummer 10 Antonio Marchesano.

Ukrainische Flüchtlinge als Nachwuchshoffnungen

Arad Bar stiess im Sommer nach einer äusserst erfolgreichen U21-EM in Georgien (Halbfinal) spät zum Team. In seinem ersten Test gegen Greuther Fürth in Innsbruck schlug der Israeli nach seiner Einwechslung als Linker Aussenläufer gute Flanken in den Strafraum. Seine Position im Zentrum war aber schon vergeben. Condé / Mathew / Krasniqi sollten im Lauf der Saison zum Zürcher Herzstück werden. Bar konnte nach seinem Wechsel aus der Liga Leumit (2. Liga Israel) den höheren Rhythmus nicht so schnell mitgehen und zog im Winter weiter ostwärts in ein vom Krieg erschüttertes Land, zum Aufsteiger LNZ Cherkasy. Nach Bogdan Vyunnik (April 2022 bis Februar 2023 in der 1. Mannschaft), der mittlerweile nach Österreich und dann Polen weiter gezogen ist, hat der FCZ im übrigen mit Yevheniia Bielova (Frauen U21, NLB) und Yevhen Morozov (U17 / U19 / U21) umgekehrt zwei weitere Ukrainische Flüchtlinge in der Academy. Morozov ist einer der talentiertesten Torhüter im Heerenschürli.

Donis Avdijaj wiederum wirkte zu Beginn der Saison nicht top motiviert. In Hartberg fühlt er sich hingegen weiterhin wohl – 18 Skorerpunkte in der österreichischen Bundesliga-Saison, obwohl er die ersten fünf Runden verpasst hat. Der sensationelle fünfte Platz hätte eigentlich mit der verdienten Europacup-Qualifikation belohnt werden sollen, aber im österreichischen Modus musste der David aus der Steiermark gegen den achtplatzierten Goliath FK Austria aus Wien noch in den Europacup-Playoff, der verloren ging. Joseph Sabobo aus Sambia letztlich nahm diesen Frühling bereits an seinem zweiten Blue Stars / FIFA Youth Cup auf der Buchlern im FCZ-Trikot teil – diesmal als etablierter Academy-Spieler. Der Titel des Vorjahres konnte nicht verteidigt werden, weil im Final mit RB Salzburg ein Gegner von überragender Qualität wartete. Wenig später kam Sabobo zu seinen ersten Super League-Einsätzen. In der kurzen Spielzeit gelang ihm offensiv wenig, defensiv konnte er sich als Joker hingegen jeweils gut ins Spiel kämpfen.

Fabian Gloor und Noah Leao mehr als “Lückenbüsser“?

Die letzte Transferperiode im Sommer 2023 war vor allem vom Abgang Aiyegun Tosins geprägt gewesen. Der Nigerianer brauchte lange, um auf Niveau Super League eine gewisse Souveränität im Spiel zu erlangen. im letzten Sommer war er so gut drauf wie noch nie, bereit für eine Leistungsexplosion à la Assan Ceesay, und hätte beim FCZ 23/24 vermutlich seine beste Saison gespielt. Der FC Zürich hätte ihn gut gebrauchen können. Stattdessen wechselte er als Letzter aus dem Meister-Sturmquartett (Ceesay, Kramer, Gnonto, Tosin). In der Ligue 1 muss er nun aber natürlich erst mal wieder fast bei Null beginnen. Ansonsten verliessen auch einige langsame oder wenig motiviert wirkende Spieler im letzten Sommer das Team. Die Zugänge hatten im Schnitt ein höheres Mass an Zielstrebigkeit, Mentalität und Cleverness. Die zahlenmässig geringe Anzahl Zugänge half zudem dem Teamgeist. Aus sportlicher / taktischer Sicht stechen vor allem die Aussenläufer- / Aussenverteidiger-Alternativen Conceição (auf beiden Seiten einsetzbar) und Dante ins Auge. Boranijasevic und Guerrero hatte man zuvor bei Sperren, Verletzungen oder Formschwächen kaum intern ersetzen können. Drei dieser vier Aussenspieler sind nun aber bereits wieder weg – und der vierte, Conceição, verletzt.

Mariano Gomez, der erste Neuzugang für die 1. Mannschaft in der neuen Transferperiode ist im Vergleich mit einem Nikola Katic ruhiger, spielt technisch und taktisch einen saubereren Fussball. Für die Art und Weise wie der FCZ spielen will, ist er ein passenderer Innenverteidiger. Man kann davon ausgehen, dass der FC Zürich noch einen Linksverteidiger und einen Stürmer verpflichten wird. Auf den Aussenverteidigerpositionen können sich vorerst mal Noah Leao aus der U21 und Baden-Rückkehrer Fabian Gloor zeigen. Beide werden aufgrund des aktuellen Mankos an Aussenverteidigern gebraucht. Bei Gloor könnte man sich vorstellen, dass er Ende der Transferperiode, wenn Conceiçao langsam wieder zurückkehrt, noch wechseln wird. Leao könnte je nach Personalsituation unter Umständen eine Saison mit der 1. Mannschaft bestreiten. Mittel- bis langfristig werden auf seiner Position aber eher die talentierteren Neil Volken und Sebastian Walker (und rechts Mattia Rizzo) in Frage kommen. Diese Eigengewächse müssen sich vorläufig aber erst mal noch in der Promotion League beweisen. Mittlerweile ist man im FCZ-Nachwuchs wohl auf den Flügelpositionen am besten besetzt – mit mittelfristig gleich mehreren aussichtsreichen Kandidaten für die 1. Mannschaft – aber auch in der Defensivzentrale gibt es mehrere interessante Talente.