Emblematisches Duell Rüegg vs. Yao: FCZ – Lugano Analyse

Emblematisches Duell Rüegg vs. Yao: FCZ – Lugano Analyse

Am Wochenende hatte St. Gallen eine halbe Stunde lang gegen den FCZ das Spiel so dominiert gehabt, dass sich manche fragten, wie die Ostschweizer diese Partie verlieren konnten. Am Ende verzeichnete der FCZ aber ein klares Chancenplus und aus dieser Warte war der Auswärtssieg logisch. Analog erlebten die Zuschauer im Letzigrund eine intensive Zürcher Druckphase in der halben Stunde nach der Pause, welche den FCZ am Ende als logischen 1:0-Sieger erscheinen liess. Nur: gemäss Expected Goals-Statistik hatte Lugano in dieser Partie insgesamt die besseren Torchancen gehabt. Der FCZ konnte zwar doppelt so viele Abschlusschancen zu verzeichnen, wie in St. Gallen, als man 4:0 gewann, aber die Chancen waren in der Summe viel weniger vielversprechend. Nun fliessen im Ansatz hervorragende Möglichkeiten, die nicht zu einem Abschluss führen (wie beispielsweise die Szene, in welcher Lugano-Keeper Baumann den Ball fallen lässt) nicht in die Expected Goals-Statistik ein. Ebensowenig „Fahrradkette“-Diskussionen wie „hätte er doch Schönbi angespielt, der war links ganz frei“. Substanziell ändert dies aber nichts am Befund.

Die 0:4-Heimniederlage im Letzigrund gegen den gleichen Gegner zum Saisonauftakt lief in vielerlei Hinsicht ähnlich. Nur traf damals Aratore mit einem Sonntagsschuss ins Netz und diesmal Sabbatini nur die Latte. Der FCZ erzielte zudem auf einen Standard das erste Tor, während damals Lugano in grosser Hitze von einem geschenkten Penalty zum 0:1 profitierte. Gravierende Fehler im Zürcher Spiel gab es auch diesmal. So leitete beispielsweise Kevin Rüegg mit einem Fehlpass in der 28. Minute die Szene zum Pfostenschuss von Eloge Yao ein. Bei diesem machte sich Yanick Brecher im Eins gegen Eins nicht wirklich breit und hatte Glück, dass Yao durch die entstehende Lücke nicht das Tor traf. In der 77. Minute war Yanick Brecher gegen Yao ein zweites Mal bereits geschlagen, aber diesmal rettete an Stelle des Pfostens Becir Omeragic vor der Linie (Michael Kempter wäre dahinter ebenfalls noch bereitgestanden). Auch in dieser Szene hatten beim FCZ unverständlicherweise Sohm, Janjicic und allen voran Rüegg „geschlafen“, als Lavanchy mit einem Bogenball von Lovric gefährlich hinter die Abwehr angespielt worden war.

Rüegg, Janjicic und Sohm schalten ab, während Lavanchy einen Ball quer durch den Fünfmeterraum spielt

Omeragic musste nach der Kopfballabwehr angeschlagen ausgewechselt werden. Zuvor hatte bei einem Freistoss Tosin einen schärferen und aus kürzerer Distanz geschossenen Ball von Gerndt in der Mauer mit der Stirn geblockt. Kevin Rüegg ist aktuell der Spieler mit den grössten Leistungsschwankungen innerhalb eines Spiels. Er setzte gleich zu Beginn mit seinem Engagement und Kampfgeist wichtige Zeichen. In der Rückwärtsbewegung konnte er hingegen immer wieder froh sein, dass Nathan ihm in vielen Situationen tatkräftig zur Seite stand. Das Duell Rüegg gegen Yao war emblematisch für die Partie. In der Ersten Halbzeit standen die Lugano-Aussenspieler, speziell Yao, sehr hoch, und banden Rüegg und Kempter etwas zurück. In der Zweiten Halbzeit war es dann eher umgekehrt. Luganos situativ ständig zwischen 3-5-2 und 4-4-2 hin- und herwechselnde Formation vermochte im zweiten Durchgang die Räume nicht mehr so konsequent zu schliessen, auch weil beim FCZ in der ganzen Mannschaft mehr Bewegung im Spiel war.

Das Duell Rüegg gegen Yao war emblematisch für die Partie

Wie schon in Bern und St. Gallen ersichtlich, hat der FCZ die Corona-Pause ganz offensichtlich genutzt, um das Pressing zu verbessern und die Gegenstrategien gegen die stärksten Waffen der Ligagegner zu verfeinern. Ein Beispiel dafür war das Verhalten der Innenverteidiger Omeragic und Nathan in der Angriffsauslösung Luganos. Die beiden Stürmer Gerndt und Janga beteiligten sich nicht am kompakten Defensivblock der Tessiner und warteten an der Mittellinie auf Gegenstossmöglichkeiten. Der FCZ nahm dabei das potentielle Risiko eines zwei gegen zwei auf sich. Omeragic und Nathan antizipierten Luganos Konterauslösungen speziell über den Schlüsselspieler Gerndt gut und folgten in diesen Situationen den beiden Stürmern in enger Manndeckung, um zu verhindern, dass diese sich drehen und einen entscheidenden Steilpass oder Seitenwechsel spielen konnten.

Zu den Zürcher Offensivwaffen gehören nach der Corona-Pause neuerdings die Standards. Nachdem der FCZ jahrelang bei den „Set pieces“ so gut wie nichts zustande gebracht hatte, erzielte man nun schon zum dritten Mal in Folge ein Standardtor. Marco Schönbächler, der für den gesperrten Benjamin Kololli fast alle Stehenden Bälle trat, brauchte bei Eckbällen neun Versuche, aber einer davon, der spielentscheidende, kam ideal auf den Kopf von Marchesano, nachdem die Haupttribüne mit „Schönbi! Schönbi!“-Rufen just vor diesem Corner den Zürcher Flügelspieler aufgemuntert hatte. Es war das erste Tor gegen Lugano nach mehr als zehn Stunden Spielzeit. Ein weiterer Trumpf ist aktuell Michael Kempter, welcher sich gegen Lugano im Vergleich zum St. Gallen-Spiel noch weit häufiger offensiv einschalten konnte und zur Zeit einfach „funktioniert“.

Am anderen Ende der Skala befindet sich unter anderem Blaz Kramer, welcher in allen Rückrundenspielen eine ungenügende Züri Live-Note erhalten hat. Mit seinen vielen Ballverlusten und verlorenen Zweikämpfen, gerade auch in der Luft, ist er eher eine Hypothek im Zürcher Aufbauspiel, und wenn der Slowene dann zusätzlich auch noch seine eine Topchance, die er pro Spiel bekommt, nicht nutzt, wird es schwierig. Tosin liess so viele Chancen ungenutzt wie noch nie. Ähnlich wie bei Rüegg war sein Auftritt gegen Lugano ein grosses Auf und Ab. Am Ende liess man den Nigerianer minutenlang hinkend weiterspielen, bevor es mit seinem Rechten Knie überhaupt nicht mehr weiter ging. In der 78. Minute kam der 19-jährige Henri Koide zu seinem Super League-Début. Die Einwechslung hätte schon in der 73. Minute erfolgen sollen, wurde dann aber durch Marchesanos Tor um fünf Minuten verschoben. Das Team insgesamt kommt auf einen Notenschnitt von 6.0, womit zum ersten Mal in dieser Saison in drei Spielen hintereinander „die Sechs steht“ (YB 6.1, FCSG 6.3).

78. Minute: Henri Koide kommt zu seinem Super League-Début

FC Zürich – Lugano 1:0 (0:0)
Tore: 73. Marchesano (Schönbächler) 1:0.
FCZ – Brecher; Rüegg, Nathan, Omeragic (78. M. Kryeziu), Kempter; Sohm (78. H. Kryeziu), Janjicic; Tosin (90.+2 Domgjoni), Marchesano (78. Koide), Schönbächler; Kramer (60. Winter).
Lugano – Baumann; Kecskes, Maric, Daprelà; Lavanchy, Selasi (78. Lungoyi), Yao (90. Jefferson); Lovric (90. Covilo), Sabbatini; Janga (78. Holender), Gerndt (67. Bottani).

(Bilder: Züri Live, RSI Standbild)


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