Die Partie gegen den FC Winterthur im Letzigrund war nicht so, wie man sich eine Hauptprobe vor dem Meisterschaftsstart vorstellt. Aufgrund von Krankheit (gute Besserung Vasi!), Nationalteamaufgeboten (Gratulation Simon, Becir & Co.!) und dem gleichzeitigen Meisterschaftsauftritt der U21 gegen Brühl (2:3, zwei Sulejmani-Penalties), standen Trainer Ludovic Magnin mit Adrian Winter und Salim Khelifi gerade mal zwei Feldspieler als Reserve zur Verfügung. Und während das Spiel lief, wurde in den Sozialen Medien der neue Innenverteidiger Lasse Sobiech vorgestellt.

Beim FC Winterthur fielen gleich beide Torhüter aus und es standen mit Marzino und Scheithauer zwei Testspieler in der Startformation. In der ersten Halbzeit kontrollierte der FCZ weitgehend das Spiel und ging 2:0 in Führung. Die zweite Halbzeit war ausgeglichener. Nach einer Serie von Zürcher Topchancen gelang Adi Winter das 3:0 in der 80. Minute nachdem der andere Einwechselspieler Khelifi zuvor noch an Marzino gescheitert war. Die letzten zehn Minuten liess der FCZ dann aber stark nach und Winterthur drehte nochmal auf, ohne aber zu einem Torerfolg zu kommen. Am augenfälligsten ersichtlich war dies bei Stephan Seiler, der in der letzten Viertelstunde auf dem Zahnfleich lief und dem gar nichts mehr gelang.

Insgesamt wirkte in allen vier Vorbereitungsspielen weder der FCZ noch die jeweiligen Gegner auch nur annähernd auf Meisterschaftsniveau spielend. Im Normalfall nähert man sich gegen Ende der Vorbereitung diesem Niveau an. Eine Steigerung von Spiel zu Spiel war durchaus ersichtlich, aber ob es reichen wird, bereits in einer Woche in Chiasso im Cup das notwendige Niveau auf den Platz zu bringen – darauf darf man gespannt sein. Es wurde in allen vier Vorbereitungsspielen mit demselben System gespielt. Von den verschiedenen Phasen der letzten Saison orientierte sich das Zürcher Trainerteam dabei personell und taktisch stark am zweiten Saisonviertel, in welchem man ohne wirklich zu glänzen eine gute Resultatserie hatte hinlegen können.

Einzelne gute Automatismen in der Überwindung der Mittelzone des Spielfeldes waren zu sehen, sowohl mit schnellem Direktspiel, als auch mit geduldigem Aufbau – allerdings ohne auch nur annähernd die gleiche Gegenwehr auf dem Platz zu haben, wie sie den FCZ zum Meisterschaftsstart erwarten wird. Auch gegen Top-Gegner wird allerdings sicherlich Fabian Rohner eine Offensivwaffe sein. Immer wenn nach vorne nichts läuft, dann sorgt der Rechte Aussenverteidiger mit vertikalen oder diagonalen Läufen für Unruhe und Unordnung im gegnerischen Abwehrdispositiv. Rohner ist nicht nur nochmal eine ganze Spur schneller als Kevin Rüegg, sondern hat auch eine solidere Grundtechnik, als der Richtung Italien ziehende Captain der U21-Nationalmannschaft.

Ebenfalls Stammspieler in der U21-Nationalmannschaft ist Toni Domgjoni, der beim 4:1-Heimsieg gegen die Slowakei als Schaltzentrale und Wasserträger in einem im Schweizer Mittelfeldzentrum genauso eine gute Partie machte, wie weitgehend auch in den Vorbereitungspartien mit dem FCZ. Der dritte Gewinner der Vorbereitung ist Henri Koide, welcher nahtlos an die guten Leistungen der letzten Saisonphase 19/20 anzuschliessen scheint. Nicht nur gegen Schaffhausen gelang dem 19-jährigen Zürcher mit einer Klasse-Einzelleistung ein Treffer, sondern er erzielte auch das einzige Tor beim 1:0-Sieg mit der U19-Nationalmannschaft gegen Neuchâtel Xamax (mit unter anderem dem ehemaligen FCZ U21-Stürmer Eric Tia im Test).

Gegen den FC Winterthur an allen drei Treffern beteiligt war Assan Ceesay. Der Gambier hatte allerdings schon letzten Sommer in den Testpartien sehr gute Skorerwerte, welche anschliessend in der Meisterschaft wieder in den Keller sanken, als der FCZ mit einem anderen Spielstil auftrat. Auch wenn es immer noch der gleiche Assan Ceesay ist: ein gewisser Reifeprozess durch seine Zeit in Osnabrück ist ersichtlich – der 26-jährige Nationalstürmer wirkt etwas fokussierter, gradliniger und effizienter, als noch vor Jahresfrist. Und gleichzeitig versteht er sich auf dem Platz weiterhin sehr gut mit Antonio Marchesano – ein nicht zu unterschätzender Faktor. Zivko Kostadinovic schliesslich hat angedeutet, dass er in Bezug auf die Sicherheit, eine solide Nummer Zwei hinter Yanick Brecher zur Verfügung zu haben, im Vergleich mit vielen anderen Kandidaten der letzten Jahre wohl ein Schritt nach vorne für den FCZ ist.

Auf der Verliererseite der Saisonvorbereitung steht sicherlich an erster Stelle Mirlind Kryeziu: nach einem zu unkonzentrierten Auftritt mit zwei groben Schnitzern im ersten Testspiel gegen Schaffhausen vom Präsidentenehepaar ins Gebet genommen und seither im Kader der weiteren Testspiele nicht mehr aufgetaucht. Ebenfalls im wahrsten Sinne des Wortes wachgerüttelt wurde in der Pause des Testspieles gegen den FC Luzern Stürmer Blaz Kramer von Captain Yanick Brecher, nachdem der Slowene schon gegen Schaffhausen nicht mit dem Kopf bei der Sache zu sein schien.

Obwohl nicht eingesetzt als Verlierer vorkommen muss sich Michael Kempter, mit dem sich der FCZ nicht auf einen neuen Vertrag hat einigen können. Der Rudolfstetter war auf der linken Zürcher Seite nach der Coronapause endlich wieder einmal ein Spieler, der nicht nur im Spiel nach vorne eine der wichtigsten Zürcher Waffen in dieser Phase war, sondern obendrein auch noch so konsequent verteidigte, wie dies (mit Ausnahme phasenweise Pa Modou) schon seit vielen Jahren keinem FCZ-Linksverteidiger mehr gelungen war. Mit Tobias Schättin hingegen kommt von Winterthur ein Ersatz, der deutlich mehr Mängel im Spiel ohne Ball mitbringt und das Zürcher Defensivproblem auf links wohl kaum lösen wird. Auch das Testspiel gegen Winterthur bestätigte diesen Eindruck.

Lavdim Zumberi hatte in Basel mit der „U21 verstärkt“ einen zwar nicht fehlerfreien, aber trotzdem ziemlich guten Auftritt hingelegt gehabt. Mittlerweile findet er aber beim FCZ weder auf dem Matchblatt noch auf der Team-Seite (Webpage) noch Erwähnung. Mit seinen 20 Jahren muss er unbedingt im Profibereich zu mehr Spielzeit kommen – Vertrag hätte er noch zwei Jahre. Der FC Wil wäre für den Ostschweizer eine naheliegende Variante, aber auch ein Transfer zum FC St. Gallen oder FC Vaduz ist alles andere als undenkbar. Mit seiner direkten Spielweise und Stärke bei langen Bällen würde er ins Team von Peter Zeidler passen. Geschenkt wurde dem guten Distanzschützen beim FCZ in der 1. Mansnchaft in den letzten Jahren nichts – obwohl oder vielleicht gerade weil er zu Juniorenzeiten zu den Lieblingsspielern Ludovic Magnins gehörte.

Salim Khelifi schliesslich zeigte in der Vorbereitung dasselbe, was man schon von ihm kannte, als er vor einem Jahr nach Deutschland ausgeliehen wurde. Einzelne Highlights wie der Freistoss zu Nathans Kopfballtor, aber daneben auch (zu) viel Leerlauf, vergebene Top-Möglichkeiten und fehlende Defensivqualität. Mit Marco Schönbächler hat der FC Zürich bereits einen ähnlichen (aber insgesamt etwas besseren) Spieler im Kader. Ein zweiter solcher Mann ist tendenziell zu viel. Dann gibt es durch die Verpflichtung von Lasse Sobiech noch ein kleines Fragezeichen bezüglich der Rolle von Nathan. Sobiech ist ein ähnlicher Spielertyp, der aber mit mehr Ruhe und Souveränität agiert und die immer wieder von Magnin auf den Platz gerufene Vorgabe „ohne Foul“ wohl besser umsetzen kann, als der emotionale Brasilianer.

FC Zürich – Winterthur 3:0 (2:0)
Tore: 17. Ceesay (Marchesano) 1:0, 44. Ceesay (Marchesano) 2:0; 80. Winter (Khelifi) 3:0.
FCZ: Brecher; Rohner, Nathan, Bangura, Schättin; Schönbächler (64. Khelifi), Britto, Seiler, Gnonto (46. Winter); Marchesano; Ceesay.
Winterthur: Marzino; Gantenbein, Isik (46. Lekaj), Scheithauer, Schüpbach (64. Pauli); Arnold (46. Hamdiu), Pepsi (46. Doumbia); Callà (46. Ltaief), Ramizi (64. Rama), Mahamid (46. Alves); Buess.

In einem Fussballverein lange dabei zu sein, bringt den Vorteil mit sich, Vergleiche anstellen zu können zwischen erfolgreichen und erfolglosen Saisons. Genau dies hat FCZ-Präsident Canepa in der kurzen Sommerpause gemacht, und dabei ein Muster entdeckt: «Jedes Mal, wenn Anfangs Saison die Mannschaft die Saisonziele selbst festgelegt hat, dann wurden diese auch erreicht!». Folgerichtig ist es sein spezielles Anliegen, vor der kommenden Saison wieder zu dieser Praxis zurückzukehren. Es soll wieder ein Team-Workshop stattfinden, in welchem die Spieler zuerst in Vierer- bis Fünfergruppen und anschliessend im Plenum gemeinsam ausarbeiten, welche Ziele sie als realistisch und gleichzeitig grosse Herausforderung ansehen. Der Ansatz hat durchaus seine Logik: schlussendlich sind es allein die Spieler, welche das Ziel auf dem Platz dann auch erreichen können – so ein Workshop, richtig umgesetzt, eint die Mannschaft um ein gemeinsames Ziel und schafft intern Verbindlichkeit.

Wenn man sich in Erinnerung ruft, wie die drei zum Titel führenden Cupsaisons, der Wiederaufstieg und gewisse Erfolgserlebnisse im Europacup zustande gekommen sind, dann war dies nie, weil man die besseren Spieler auf seiner Seite hatte. Jedes einzelne Mal war man schlicht hungriger als die jeweiligen Gegner gewesen. Es handelte sich um Willensleistungen, bei welchen das Team spürbar auf einer gemeinsamen Mission war. Letzte Saison gab es zwei Saisonphasen (zweites Saisonviertel, Phase nach dem Lockdown), in welcher sich eine gewisse positive Dynamik eingestellt hatte. Klar besser als der Gegner war man aber auch in diesen Phasen nie. Die positiven Resultate bauten auf einer guten Abschlusseffizienz und einem phasenweise stärkeren Fokus aufs Umschaltspiel auf.

Keine neue Erkenntnis: Konterfussball ist die Stärke des Teams

Schon vor Meisterschaftsstart vor einem Jahr und in der Folge wurde hier auf Züri Live in Artikeln und Live-Übertragungen betont, dass die Mannschaft in dieser Zusammensetzung ihre offensiven Stärken im Umschaltspiel hat. Schnelligkeit ist eine der wenigen Eigenschaften, in welcher dieser FCZ ligaweit überdurchschnittlich ist. Für Ballbesitzfussball sind die Spieler im Kader hingegen fast durchs Band nicht geschaffen. In engen Räumen wirken sie wie ein watschelnder Vogel, der zu wenig Platz hat, um seine Flügel auszubreiten: eine leichte Beute für die Gegner. Das Team verliert aufgrund der motorischen, technischen und teilweise auch mentalen Voraussetzungen seiner Akteure in solchen Situationen zu viele einfache Bälle. Mit der Rückkehr von «Turbo»-Fabian Rohner und Assan Ceesay wird dieses Mannschaftsprofil noch weiter geschärft. Der beste Zürcher Torschütze Blaz Kramer beispielsweise ist ein reiner Konterspieler. Sein «Gerd Müller»-Tor im letzten Spiel gegen Thun gegen einen in dieser Situation indisponierten Nikki Havenaar war eine Ausnahme. Der Slowene konnte sich in den Zweikämpfen und auf engem Raum praktisch nie durchsetzen und ist trotz seiner Grösse schwach in der Luft. Man kann einzig auf seine Lernkurve nach seiner ersten echten Profisaison hoffen.

Der neue sportliche Gesamtverantwortliche Marinko Jurendic räumt dies an der Saisonvorschau-Pressekonferenz gegenüber Züri Live ein: ja, 60% der Tore seien letzte Saison mit Umschaltspiel erzielt worden. Fast alle übrigens aus einer eher tiefen Position heraus mit Ballgewinnen in der Abwehr oder im Mittelfeld, gälte es da noch anzumerken. Zu Saisonbeginn gegen Lugano spielte man im Letzigrund hohes Pressing, welches die Tessiner aushebelten und 4:0 gewannen. Im zweiten Saisonviertel funktionierte das hohe Pressing dann etwas besser. Aber als eine echte Stärke des Teams, wie Trainer Magnin dies sieht, kann man es bisher noch nicht bezeichnen. In der entsprechenden Statistik der letzten Saison liegt der FCZ an fünfter Position hinter St. Gallen und YB, die in dieser Kategorie klar vorne liegen, sowie Servette und Basel. Marinko Jurendic stützt aber trotzdem Magnins Bestreben, mit diesem Team auch Ballbesitzfussball zu spielen. Man müsse beides beherrschen, auch wenn Ballbesitzfussball zu etablieren bei vielen Jungen und personellen Wechseln nicht einfach sei. Auch teilt Jurendic, so wie es aussieht, weitgehend Magnins Haltung, bei einem Spieler stärker auf einzelne herausragende Fähigkeiten zu schauen, als aufs Gesamtpaket. So bringt er gegenüber Kramer, der defensiv bisher ungenügend und offensiv sehr einseitig veranlagt ist, aufgrund dessen Torbeteiligungsquote viel Verständnis entgegen.

Grosser Schritt nach vorne bei Standards und Flexibilität

Aus Züri Live-Sicht muss man bei der Bewertung der letzten Saison einen Unterschied machen zwischen der Entwicklung des Teams insgesamt und der Einzelspieler. Als Team hat man einerseits definitiv Fortschritte bei Standards gemacht – zuerst in der Vorrunde unter anderem mit der Umstellung von Mann- auf Raumdeckung bei Defensivstandards – nach dem Lockdown dann wie aus dem Nichts auch bei Offensivstandards – ein fast schon jahrzehntealtes Problem beim FCZ. Es war wie ein Umdrehen des Spiesses, als hätte man intern eine Liste erstellt mit all den Tricks und Finten, mit welchen die Gegner jahrelang entscheidende Standardtore gegen das Letzigrundteam erzielt hatten – und würde diese Liste nun Punkt für Punkt abarbeiten und in der Offensive glänzend umsetzen.

Ausserdem kann das Team mittlerweile problemlos während eines laufenden Spiels zwischen mehr als einem halben Dutzend Spielsystemen hin und her switchen. Diese Fähigkeit hat der Mannschaft fast jedes Mal geholfen, das Spiel besser in den Griff zu bekommen, und manches Mal dann auch in Sachen Punkteausbeute. Ohne diese Qualität wäre man auf dem Barrageplatz gelandet.

Es fehlt die Qualität für erfolgreichen kontrollierten Spielaufbau

Andererseits fehlte der Mannschaft die Konstanz sowohl über die ganze Saison hinweg, als auch innerhalb eines einzelnen Spieles fast durchgehend. Gut hat der FCZ meist dann gespielt, wenn er mit einer proaktiven Haltung auf den Platz ging – sei es, gegen einen anstürmenden Gegner erstmal stark dagegenzuhalten, oder selbst entschlossen zu attackieren – und immer die erste sich bietende Gelegenheit zu einem Pass, einem Schuss oder einer Balleroberung sofort nutzen zu wollen.

Zu häufig ging man aber mit einer zu abwartenden, zu wenig entschlossenen Haltung auf den Platz. Zu Lucien Favre-Zeiten und weitgehend auch noch unter Challandes war man die spielerisch beste Mannschaft der Schweiz gewesen. Diese Grundhaltung, es zuzulassen, dass der Gegner sich defensiv formieren kann, weil man sich sicher ist, mit der eigenen spielerischen Qualität auch einen solchen Gegner knacken zu können, scheint danach als Erbe zurückgeblieben zu sein. Der Anteil der Spieler im Kader, welche die Kombination von Technik, Beweglichkeit, Antrittsschnelligkeit und Spielintelligenz eines Raffael, César, Alphonse oder Abdi mitbringen, nahm aber mit den Jahren kontinuierlich ab, bis er schliesslich gegen Null tendierte. Einfach nur technisch-spielerisch starke Offensivspieler hatte man mit Chikhaoui, Chiumiento, Buff, Marchesano, Mahi oder Popovic weiterhin immer mit dabei. Aber diesen fehlte allen das eine oder andere wichtige Element, um auf Super League-Niveau mit Ballbesitzfussball eine Überlegenheit etablieren zu können. Der aktuellen Mannschaft geht diese Qualität auf Super League-Niveau bisher fast gänzlich ab. In der Challenge Legue könnte sie auf diese Weise erfolgreich spielen – oder wenn ein eher mässig bestückter Super League-Gegner zusätzlich auch noch einen schlechten Tag erwischt.

Kredit für Omeragic und Sohm wird sich auszahlen

Was die Entwicklung der einzelnen Spieler betrifft, gab es hingegen trotz des Siebten Schlussranges letzte Saison viel Positives zu beobachten. Der zu Saisonbeginn 18-jährige Simon Sohm (2’149 Einsatzminuten) und der damals 17-jährige Becir Omeragic (1’779) wurden zu Stammspielern. Beide zeigten Leistungsschwankungen, aber der FCZ wird in der kommenden Saison davon profitieren, dass man letzte Saison Aufbauarbeit geleistet und auf diese zwei Teenager, die in ihrem Jahrgang zu den talentiertesten der Schweiz gehören, voll gesetzt hat. Man kann erwarten, dass sie das, was sie letzte Saison phasenweise gezeigt haben, nun regelmässiger und mit höherer Konstanz auf den Platz bringen. Bereits eine hohe Konstanz auf den Platz gebracht hat Mittelfeldspieler Toni Domgjoni – was sich schlussendlich auch in seinen Einsatzzeiten niederschlägt (mit 2’599 Minuten die Nummer Eins unter den Feldspielern). Der Dauerläufer und Aggressivleader ist ein Leistungsträger, der nur selten mal einen schlechten Tag erwischt. Wenn es doch mal passiert, erhält er von seinem langjährigen Trainer (abgesehen von ein paar Monaten zwischendurch unter Massimo Rizzo) schon nach zehn Minuten einen Rüffel – und wenn das nicht wirkt, eine kleine Denkpause. Danach ist «die Maschine», wie er auch von gegnerischen Spielern genannt wird, jeweils sofort wieder da.

Der zweite «Toni» im Team, zwar älter und stolzer Vater, aber trotzdem liebevoll «Tonino» genannt, hat sich unter Magnin zur fussballerisch bestmöglichen Version seiner selbst entwickelt. Wer den über weite Strecken seiner Karriere defensivfaulen und deshalb Super League-untauglichen Marchesano in Erinnerung hat, und sieht, wie er heute für die Mannschaft rennt, kämpft und Verantwortung übernimmt, muss davon ausgehen, dass es sich um den von der Mentalität her völlig andersartigen Bruder Marchesanos handeln muss. Dieser Entwicklungsprozess hatte beim Tessiner schon in Biel begonnen, aber erst seit kurzem ist er zu einem Spieler gereift, der in der Super League, Europa League oder in einem Cupfinal die Entscheidung herbeiführen kann. Genauso war die letzte Saison individuell die beste Spielzeit Nathans, seit er in der Schweiz aktiv ist. Er hat in seiner ersten FCZ-Saison an seinen Schwachpunkten gearbeitet, die er bei Servette und GC noch an den Tag gelegt hatte – und spielt heute deutlich zuverlässiger.

Die erstaunliche Wandlung des Benji K.

Der aus Lettland in die Schweiz gewechselte Aiyegun Tosin hat von Anfang an eingeschlagen – ohne Eingewöhnungszeit, welche direkt aus Westafrika zum FCZ transferierte Spieler wie Koné, Britto und teilweise Odey in den letzten Jahren immer wieder gebraucht hatten. Wichtig ist vor allem auch seine defensive Mitarbeit auf der rechten Seite. Nun muss er nach auskurierter Verletzung nur noch seine übliche schwache Viertelstunde, die er in fast jedem Spiel einzieht, noch wegbringen. Die reaktivierten Pa Modou und Kempter schlugen sich über weite Strecken erstaunlich gut. Schönbächler war phasenweise fast wieder «der Alte», Brecher wurde unter Magnin deutlich stabiler – und der aus der Regionalliga in die Super League gewechselte Kramer erzielte mehr Tore, als dies aufgrund seiner Erfahrung und Fähigkeiten hätte erwartet werden können.

Die erstaunlichste Wandlung zum Positiven zeigte aber Benjamin Kololli. So gut, wie zwischen Lockdown und Quarantäne hat der Waadtländer in seiner ganzen Karriere noch nie auch nur annähernd gespielt. Fokussiert! Auch in der defensiven Phase wertvoll! Top-Standards! Schon in den letzten Jahren hatte Magnin den mittlerweile 28-jährigen mehrmals als Sturmspitze ausprobiert: nun setzte er dies endlich regelmässig in der Liga in die Tat um. Damit hatte der FCZ vorne zentral die zuvor vermisste Anspielstation, die den Ball halten kann und gleichzeitig auch noch im Abschluss zu den treffsichersten gehört. Kololli gehört zu denjenigen Spielern, die mit zu viel Zeit und Platz im Spielaufbau schlecht umgehen können – daher tut ihm der erhöhte Druck der Gegenspieler im Zentrum gut. Gegen Saisonende kam mit Henri Koide dann noch ein zweiter Mann, welcher den Ball vorne gut halten kann, hinzu.

Kryeziu & Kryeziu könnens besser

Mimoun Mahi, der nach der Geburt seines zweiten Kindes gemäss Präsident Canepa auf Wunsch der Ehefrau wieder zurück nach Holland gezogen ist, spielte in Zürich eigentlich nicht anders, als davor in Groningen. Nur dass halt seine fehlende Direktheit im Spiel von Anfang an Zweifel geweckt hatte, ob diese Spielweise gegen die im Vergleich mit der Eredivisie defensiv disziplinierteren Super League-Gegner von Erfolg gekrönt sein kann. Wie sich gezeigt hat: eher nicht. Willie Brittos Entwicklung verläuft ebenfalls im erwarteten Rahmen. Nach seiner ersten Saison und 953 Spielminuten im europäischen Fussball kann man erfahrungsgemäss noch keine Wunder erwarten. Der Ivorer bringt bezüglich Dynamik aber gute Voraussetzungen mit. Zum Vergleich: Aiyegun Tosin war schon drei Jahre in Europa mit mehr als 7’000 Spielminuten für Ventspils und unter anderem acht Skorerpunkten in der Europa League-Qualifikation, als er zum FCZ kam. Und Moussa Koné war auch nach mehr als zwei Jahren beim FCZ noch nicht reif und entwickelt genug, um sich einen Super League-Stammplatz zu erkämpfen.

Unzufrieden kann man mit der Entwicklung der beiden Osteuropäer Kharabadze und Popovic sein. Letzterer hat zwar relativ gute Standards geschlagen und seine spielerischen Qualitäten angedeutet, kam aber mit Trainingsrückstand nach Zürich, den er die ganze Vorrunde nie aufzuholen im Stande war. Zudem passte er nicht so gut in die Mannschaft, wie er dies in den Aussenseitermannschaften der Russischen Premier Liga in Orenburg und Samara tut. Levan Kharabadze fand sich auch durch wiederholte Verletzungen kaum mal richtig ins Team und war defensiv auf der Problemseite links keine grosse Hilfe. Dass der Georgier nach seiner vorläufigen Rückkehr nach Tbilisi in Westeuropa nochmal einen zweiten Anlauf nehmen wird, ist trotzdem ziemlich wahrscheinlich. Auch von den beiden «Kryezius» hätte man unter dem Strich eine bessere Entwicklung erwarten können. Bei keinem anderen Spieler braucht es so wenig, um eine starke Leistung in einen schwachen Auftritt zu verwandeln oder umgekehrt, als bei Mirlind Kryeziu. Und Heki ist weiterhin zu stark mit sich selbst beschäftigt, als dass er eine echte Stütze sein könnte. Seine Auftritte in der Zentrale der Dreierabwehr machten aber Hoffnung. Ähnlich wie bei Kololli im Sturmzentrum, ist Kryeziu da in einer rein defensiven Rolle so sehr vom Gegner und den Spielsituationen in seiner Konzentration gefordert, dass er keine Zeit mehr zum Überlegen hat – was sich auf ihn leistungsfördernd auswirkt.

FCZ 20/21 – ein klarer Aussenseiter mit viel Potential

Insgesamt mag der FC Zürich als Klub gut aufgestellt sein und nahm in den letzten Jahren sowohl bezüglich Academy als auch bei den Frauen zusammen mit Basel ein Vorreiterrolle ein. Allerdings haben andere Klubs in beiden Bereichen stark aufgeholt. Der Vorreiter bezüglich Academy und Übergang von der Academy in die 1. Mannschaft ist aktuell Luzern. FCB und FCZ sind immer noch vorne dabei, aber Lausanne, YB, St. Gallen und selbst Aarau machen von hinten diesbezüglich stark Druck. Servette hat das Problem «Alain Geiger», der trotz vorhandenem Reservoir an Talenten die Jungen erst brachte, als es nicht mehr anders ging – und einen Kastriot Imeri, der bei den meisten anderen Super League-Klubs schon vor zwei Jahren Stammspieler geworden wäre, sogar in der Challenge League mehrheitlich auf der Bank beginnen liess. Bei den Frauen hatte Basel schon immer die grössten Mittel, was sich aber nie in Erfolg ummünzen liess. Nun sind sie aber mit einem sehr talentierten Team wieder als echter Meisterkandidat am Start. Von Servette, das ebenfalls mit einer Reihe von Profispielerinnen aufläuft, gar nicht zu sprechen. Die Genferinnen sind Meisterschaftsfavorit. Auch St. Gallen-Staad hat eine gute Entwicklung genommen und macht traditionellen Verfolgern wie Luzern oder YB Konkurrenz. GC hat mit Sascha Müller einen interessanten neuen Trainer, der in der Academy schon viele Junioren stark entwickelt hat. Trotzdem gehören die Frauen des FCZ auch in der neuen Saison zu den Meisterschaftsanwärtern und spielen erneut in der Champions League.

Die FCZ-Profis starten hingegen nach zwei 7. Plätzen hintereinander als klarer Aussenseiter in die neue Super League-Saison. In den letzten neun Jahren hat man in der 1. Mannschaft immer von Qualitäts-Talenten aus der eigenen Academy profitiert, auf welche viele andere Teams nicht zurückgreifen konnten. Bezüglich Reife und Spielanlage war der FCZ aber tendenziell unterlegen – sicherlich teilweise auch dadurch bedingt, dass man weniger Kontinuität im Team hatte, als viele andere Mannschaften. Selbst in der Challenge League-Saison spielte ein Teil der gegnerischen Mannschaften den reiferen Fussball. Das Potential kann man diesem Aussenseiter aber nicht absprechen. Wer einen Omeragic und Sohm mit jeweils einjähriger Stammspieler-Erfahrung, einen Koide, einen Rohner oder Gnonto in seinen Reihen weiss, kann sich über fehlende Perspektiven nicht beklagen! Der 16-jährige Wilfried Gnonto wirkt trotz seines Alters schon Super League-reif und kann auf allen Offensivpositionen eingesetzt werden. Fabian Rohner ist auf der Standardposition für die schnellsten Spieler im modernen Fussball (Aussenverteidiger) vorgesehen, kann aber auch weiter vorne eingesetzt werden.

Problemposition: ungelöst

Am anfälligsten war der FCZ auch in der abgelaufenen Saison über die Seiten. Das ist auch der wichtigste Grund, warum man im Gegensatz zu anderen Teams der Liga gegen YB wirklich so gut wie nie «einen Stich» hat, denn das Spiel über die Seiten ist die grosse Stärke der Berner. Unter anderem während vier Jahren dank Linksverteidiger Loris Benito, welcher in der Saison 13/14 als Nachfolger des Duos Rodriguez / Magnin der letzte konstant gute Linksverteidiger beim FCZ war. Seither ist dies beim Stadtclub eine Problemposition. Zuerst wurde in der Saison darauf mit Dreierabwehr und Schönbächler als linker Aussenläufer gespielt. Dann folgte das Abstiegsjahr mit dem von Lazio ausgeliehenen Brasilianer Vinicius. Voser oder Schättin hinterliessen auch keine grossen Spuren und Muheim sträubte sich damals noch gegen die Umfunktionierung auf diese Position. Mit Kharabadze, Guenouche oder Pedersen wurde die linke Seite auch nicht stabilisiert und Pa Modou war häufig verletzt oder angeschlagen. Daher kam es ziemlich überraschend, als Michael Kempter, der seine Chance nach der Corona-Pause genutzt zu haben schien, auf der SFL-Seite vor rund einer Woche bei den «Abgängen» auftauchte. Man habe mit ihm über einen neuen Vertrag verhandelt, heisst es dazu vom neuen Sportchef Marinko Jurendic, aber die beiden Seiten hätten sich nicht gefunden.

Ebenfalls verlauten liess man, wen der FCZ als nächstes Top-Talent erachtet: Silvan Wallner. Mit dem 18-jährigen soll speziell auch Alain Nef arbeiten, um aus ihm mindestens einen starken Super League-Verteidiger zu formen. Für links hinten wird auf jeden Fall noch ein neuer Mann gesucht. Einen «Führungsspieler» auf gutem Super League-Niveau kann ein Klub wie der FCZ im Normalfall aber weder verpflichten, noch in wenigen Wochen züchten. Weltenbummler Palsson oder der langsamer werdende Popovic, die für solche Rollen vorgesehen waren, waren aus verständlichen Gründen schneller wieder weg, als dass irgendetwas Nachhaltiges hätte entstehen können – es fehlte ihnen zudem auch an der notwendigen Qualität und in vielen Spielen an Leistung, um ein hohes Standing in der Mannschaft zu erhalten. YB und Basel können mit ihren Mitteln einen Lustenberger, Frei oder Stocker aus der Bundesliga verpflichten, Sion einen Kasami. Alle anderen Klubs müssen normalerweise ihr Führungspersonal intern entwickeln. Beim FC St. Gallen hat sich Silvan Hefti hervorragend in diese Rolle eingelebt, in Luzern ein Pascal Schürpf. Der FCZ hat mit Domgjoni, Rüegg, Nathan, Marchesano, Brecher und mittlerweile selbst Kololli oder Omeragic so viele «halbe Führungsspieler» wie kaum ein anderes Super League-Team. Die Krux an der Sache: nur ein Spieler mit einer konstant starken sportlichen Leistung kann glaubwürdig eine Führungsrolle übernehmen. Von obengenanten Kandidaten traf dies letzte Saison nur auf Domgjoni zu, welcher schon bei den Junioren der geborene Captain war. Er könnte analog Silvan Hefti durchaus im Verlauf der kommenden Saison in eine solche Rolle auch in der Ersten Mannschaft noch stärker hineinwachsen.

Als U21-Nationalspieler Hakim Guenouche (18) in der 60. Minute auf der Schützenwiese von Rüti eingewechselt wurde, drehte Frankreich im 3’000 km entfernten Kazan auf – Landsmann Kylian Mbappé erzielte im parallel laufenden WM-Achtelfinal innert weniger Minuten das 3:2 und 4:2 gegen Argentinien. Für den aus dem Nancy-Nachwuchs stammenden Linksverteidiger war es das Début im Dress des FCZ. Auffallend in seinem 30 Minuten-Auftritt seine Schnelligkeit und Technik – sowie ein klassischer «Bandencheck» gegen den etwas perplexen jungen St. Galler Tim Staubli, wie es eben auf Regionalfussballplätzen mit hohen fixierten Werbebanden nahe des Spielfeldrandes möglich ist. Begonnen hatte die Testpartie gegen den FC St.Gallen mit einem Anstoss der beiden Präsidenten Hüppi und Canepa, der eigentlich symbolisch gemeint war, den aber Stürmer Canepa auf seinem ehemaligen Heimplatz gleich zu einem Dribbling Richtung St. Galler Tor nutzte, wo er Goalie Stojanovic zur inoffiziellen Zürcher Führung bezwang. Zu einer Einwechslung wie vor Jahresfrist im Test gegen den lokalen FC Rüti an gleicher Stätte kam es dann aber gegen den Super League-Gegner natürlich nicht.

Die Mannschaft von Trainer Ludo Magnin nahm die Partie gegen den Ligakonkurrenten sichtlich ernst. Von lockerem Aufgalopp wie noch in den ersten beiden Freundschaftsspielen gegen Rapperswil-Jona oder Wil war nicht mehr viel zu spüren. Statt auf 20% spielte man bereits auf rund 50% der Meisterschaftsintensität. Beispielsweise wurden die gegnerischen Torhüter Stojanovic und Lopar unter Druck gesetzt und bei eigenem Ballbesitz für ein Testspiel relativ schnell umgeschaltet. St. Gallen seinerseits hatte noch den Testmatch vom Vortag gegen Bad Ragaz in den Beinen. In Ansätzen erinnerte die Partie an ein Vorbereitungsspiel gegen den gleichen Gegner vor anderthalb Jahren in Schaffhausen, als der FCZ gegen die Gallusstädter ebenfalls mit hoher Intensität testete. Das war damals der erste Einsatz von Raphael Dwamena (22) im FCZ-Dress gewesen. Der Ghanaer lief erneut gegen St. Gallen nach seinen durch Länderspiele verschobenen Ferien für die letzte halbe Stunde der Partie erstmals wieder auf – und profitierte von der Unerfahrenheit der jungen St. Galler Innenverteidigung mit Fazliji und Gönitzer, um sich das ein oder andere Mal gut in Szene zu setzen. Ebenfalls zu seinem ersten Einsatz der Saison kam in Rüti Offensivmann Marco Schönbächler, dessen mögliche Vertragsverlängerung beim FCZ bisher noch nicht kommuniziert wurde.

Ilan Sauter (17) wirkte im Duell mit den grösstenteils jungen St. Galler Offensivkräften in einigen Szenen weiterhin unbedarft und verursachte so im Zweikampf mit dem zu jenem Zeitpunkt einzigen erfahrenen Ostschweizer Offensivmann Nassim Ben Khalifa im dritten Teileinsatz bereits den zweiten Penalty (den ersten gegen Rapperswil-Jonas Testspieler Hadzi) – und auch an den beiden frühen Gegentreffern gegen den FC Wil war Sauter wesentlich mitbeteiligt gewesen. Ebenfalls nicht optimal verlief das Spiel für Adrian Winter (31). Zwar hatte der Dauerläufer in der 24. Minute mit einer Willensleistung im dritten Anlauf das 2:0 erzielen können, kurz vor der Pause aber musste er angeschlagen vom Feld. Nach einem guten Steilpass des spielfreudigen Izer Aliu hatte Winter freie Bahn Richtung St. Galler Tor, schaute nach links, ob ein Kollege mitläuft, stoppte den Lauf und griff sich ans Kreuz. Der für Winter eingewechselte Fabian Rohner ersetzte diesen erst eins-zu-eins am Offensiven Flügel, wechselte in der 60. Minute dann aber auf die Rechtsverteidigerposition, mit Stephen Odey als Rechtem Flügelmann vor sich.

FCZ – St. Gallen 4:1 (2:0).

Tore: 13. Frey (Aliu) 1:0, 24. Winter (M. Kryeziu) 2:0; 70. Ben Khalifa (Penalty, Ben Khalifa) 2:1, 84. Dwamena (Penalty, Dwamena) 3:1, 87. Rodriguez (Dwamena) 4:1.

FCZ 1. Halbzeit: Brecher; Rüegg, Nef, M. Kryeziu, Pa Modou; H. Kryeziu; Domgjoni, Aliu; Winter (41. Rohner), Khelifi; Frey.

FCZ 2. Halbzeit: Brecher; Rüegg (60. Odey), Palsson, M. Kryeziu (60. Sauter), Pa Modou (60. Guenouche); H. Kryeziu (60. Sohm); Domgjoni (60. Rodriguez), Aliu (60. Haile-Selassie); Rohner, Schönbächler; Dwamena.

St. Gallen 1. Halbzeit: Stojanovic; Lüchinger, Mosevich, Tschernegg, Wittwer; Ashimeru, Kukuruzovic; Kutesa, Tafer, Aratore; Buess.

St. Gallen 2. Halbzeit: Lopar; Gasser, Fazliji, Gönitzer, Nias Hefti; Quintilla, Ashimeru (55. Vanin); Tafer (64. Blasucci), Kutesa (55. Staubli), Kräuchi (74. Pugliese); Ben Khalifa.

Uli Forte ist nicht mehr Trainer der 1. Mannschaft des FC Zürich. Dies hat die Führung des FCZ nach dem unter dem Strich unbefriedigenden Start in die Rückrunde entschieden. Neuer Trainer ist der bisherige Academy-Coach Ludovic Magnin. Auch wenn offenbar viele Beobachter diesen Schritt nicht erwartet haben, kommt er nicht überraschend. Es gab in den letzten Jahren nie einen sichereren Tip im Schweizer Trainermetier, als dass der nächste FCZ-Trainer Ludovic Magnin heissen wird. Die Frage war nicht ob, die Frage war wann.

Stereobeschallung für die Spieler im ersten Training

Heute steht Magnin erstmals auf der Allmend Brunau als Cheftrainer der 1. Mannschaft auf dem Platz, nachdem er vor etwas weniger als zwei Jahren bereits einmal als Assistent von Uli Forte im «Eins» ausgeholfen hatte. Die Spieler werden gleich Stereo bombardiert von den Kommandos Magnins und seines nicht weniger lauten Assistenten René Van Eck. Auch Zoltan Kadar passt sich der höheren Lautstärke an. Man könnte nun denken, dies würde die jungen Spieler einschüchtern. Beim FCZ ist dies aber anders. Die Jungen scheinen sich sofort wohl zu fühlen, denn sie kennen „Herr Magnin“ bereits gut. Gewöhnungsbedürftig und ein Stilbruch ist das Ganze hingegen für die ausländischen Spieler. Forte war auch bestimmt und konnte laut werden – aber gleichzeitig immer auch «italienisch-familiär».

Die Atmosphäre, welche das Duo Magnin/Van Eck beim ersten Training bei eisigen Temperaturen auf der Allmend Brunau verströmt, hat hingegen erstmal etwas von: «Auf zur nächsten Schlacht. Jeder muss selbst schauen, dass er das Tempo mithält. Niemand bleibt liegen. Wer etwas hat, soll selbst schauen. Wir haben keine Zeit, uns mit Verletzungen und Befindlichkeiten zu beschäftigen.». Natürlich hat dies auch damit zu tun, dass aktuell wirklich keine Zeit da ist. Es steht mit den zwei Derbies hintereinander einer der Saisonhöhepunkte vor der Tür. «Gegen einen der besten Taktiktrainer der Schweiz», wie sich Magnin später an der Pressekonferenz ausdrückt. Der 38-jährige sieht sich selbst durchaus als Trainer, der auf die individuellen Bedürfnisse auch der ausländischen Spieler eingehen kann und will, gerade auch weil er durch seine Erfahrung als Ausländer in Deutschland sich in deren Situation hineinfühlen kann. Aber: «manchmal gibt es auch kein Pardon. Ich habe gerne Spass, aber im Leben ist nicht alles ein Spass. Ich trage eine grosse Verantwortung gegenüber dem Verein.»

Der erste Trainer-Kandidat einer ganzen Nati-Generation

Magnins Weg dahin, wo er heute steht, war schon früh vorgezeichnet. Den ehemaligen Linksverteidiger zum Cheftrainer aufzubauen war im FCZ von Anfang an ein langfristiges Projekt. Dies ist auch der Hauptgrund für die nun festgelegte lange Vertragsdauer bis 2020. Das Vertrauen in seine Qualitäten ist gross. Und dies nicht ohne Grund. Hätte man vor 10 Jahren einen Experten wie Köbi Kuhn gefragt, wer von der damaligen Nationalmannschaftsgeneration als möglicher vielversprechender Trainer in Frage kommt, hätte dieser wohl sicherlich unter anderem Namen wie Benjamin Huggel oder Christoph Spycher genannt. Gut möglich, dass auch derjenige des heutigen Basel-Trainers Raphaël Wicky gefallen wäre, eventuell Alex Frei. An erster Stelle hätte Kuhn aber wohl Ludovic Magnin genannt: das «Mentalitätsmonster» aus dem Waadtland. Wenn es in der Neuzeit jemals einen Spieler gegeben hat, der es wirklich nur mit Willenskraft und ganz sicher nicht wegen dem in die Wiege gelegten Talent in die «Schweizer Nati» geschafft hat, dann Magnin. Seinen ehemaligen Schützling heute als FCZ-Trainer zu sehen, wird Kuhn sicherlich speziell freuen.

Die mentale Stärke als grössten Pluspunkt gemein hat Magnin mit Ricardo Rodriguez, seinem Nachfolger als Linksverteidiger beim FCZ und in der Nationalmannschaft, mit welchem sich seine Wege als Fussballer bei seiner letzten Profistation in Zürich auf ganz eigentümliche Art und Weise gekreuzt hatten. Magnin war im Winter 2009/2010 als Leader geholt worden, der diesbezüglich den Stab des gesundheitlich angeschlagenen Hannu Tihinen übernehmen und die Mannschaft führen sollte. In einem Fussballteam ist es aber nun mal so, dass nur einer der vier, fünf sportlichen Leistungsträger auch als Leader auftreten kann. Das war Magnin nicht. Er hatte mit 30 Jahren seine Möglichkeiten bereits ausgereizt und den Zenit überschritten. Seine Highlights im FCZ-Dress waren rar gesät.

Was Magnin mit Ottmar Hitzfeld verbindet

Zudem kam gleichzeitig mit Magnin der frischgebackene U17-Weltmeister Rodriguez in die 1. Mannschaft. Die Idee war, dass dieser im Windschatten von Stammspieler Magnin über längere Zeit an die Super League «herangeführt» werden sollte. In der Realität aber war Rodriguez von Anfang an einfach besser. Dass Trainer Urs Fischer in der darauffolgenden Saison 2010/2011 auf dieser Position zu lange mit der Wachablösung wartete und insbesondere in den entscheidenden Partien in St. Gallen, gegen Basel und im Derby gegen GC nach einer siegreichen Serie mit Rodriguez wieder auf Magnin setzte, war einer der Gründe für den in jener Saison knapp verpassten Meistertitel.

Seither hat sich der Fussball nochmal weiterentwickelt. In Topligen hat die Anzahl Trainer, die früher selbst Topspieler waren, immer weiter abgenommen. Die Erkenntnis hat sich definitiv durchgesetzt, dass ein guter Toptrainer völlig andere Qualitäten benötigt, als ein Topspieler. Er muss ein sehr guter Analytiker, Manager, Kommunikator sein – und er muss ein enorm gutes Gespür für die unterschiedlichsten Menschen haben. Sehr wichtig, gerade auch in der Schweiz mit dem starken Fokus auf Ausbildung von jungen Talenten, ist ein pädagogisches Flair. Profifussballtrainer mit abgeschlossener Lehrerausbildung gibt es nicht viele. Einer ist Ottmar Hitzfeld, ein zweiter: Ludovic Magnin.

Magnin nimmt den zwischenzeitlich verlorenen Faden wieder auf

Auch wenn seine Zeit als Spieler der 1. Mannschaft nicht ganz so wie von allen Seiten erhofft verlief: Ludo Magnin und FCZ – das passt zusammen. Neben Köbi Kuhn ist vor allem der für die jüngste FCZ-Geschichte so prägende Lucien Favre eine ganz enge Verbindung. Favre und Magnins Vater Jean-Claude waren beste Schulfreunde. Und Ludo wurde schon früh zu so etwas wie einem Ziehsohn von «Lulu». Favre war Magnins C-Juniorentrainer in Echallens und ermöglichte diesem später den Einstieg in die Nationalliga A bei Yverdon-Sport. Schon bald darauf ging Magnin mit seinem Wechsel nach Lugano eigene Wege und wurde später mit zwei verschiedenen Klubs Deutscher Meister (Werder Bremen, VfB Stuttgart). Es gibt nicht viele Spieler, die so etwas von sich behaupten können – noch dazu ohne jemals bei Bayern gespielt zu haben. Magnin und Favre waren seit der frühen Zeit in Yverdon nie mehr am gleichen Ort tätig, blieben aber trotzdem jeweils in engem Kontakt – lange Zeit «täglich» wie es heisst…

Magnin nimmt den Faden der guten Tradition der stilprägenden Westschweizer Trainer beim FCZ wieder auf. Ganz früher mit dem «Philosophen» Daniel Jeandupeux, und später dann Lucien Favre und Bernard Challandes. Alle gewannen sie Titel. Auch die beiden Zürcher Trainer Urs Fischer sowie Urs Meier hatten die durch Favre installierte Philosophie als ehemalige Academy-Trainer mitgetragen und weiterentwickelt. Gleichzeitig ist Magnin nun schon lange auch in der Deutschschweiz zuhause – durch den FCZ (seit acht Jahren im Verein!) und natürlich vor allem auch seine Ostschweizer Ehefrau Chantale. Mehr «passen wie die Faust aufs Auge» geht nicht.

Derby-Emotionen auch auf Juniorenstufe!

Die Resultate Magnins als U18- und U21-Trainer waren unterschiedlich. Aber Resultate haben in der Academy nur teilweise Aussagekraft. Weil sie nicht das Hauptziel sind. Trotzdem bemerkenswert der U18-Schweizer Meistertitel vor zwei Jahren, und vor allem die Art und Weise wie er in den Finalspielen gegen Servette, den FC Basel und GC zustande kam. Eins schon mal vorweg: die FCZ-Jungs waren heiss. Sehr heiss. Die Emotionalität des Trainers beeinflusste definitiv die mit Herz kämpfende Mannschaft mit Izer Aliu, Fabian Rohner, Lavdrim Rexhepi, Maren Haile-Selassie und Captain Toni Domgjoni, über sich hinauszuwachsen und hohe Hürden zu überwinden.

Die Partien waren hitzig – Gelbe Karten oder gar Platzverweise gab es nicht zu knapp. Der Trainer wurde in Basel vom Schiedsrichter von der Trainerbank verwiesen. Trotz aller Widrigkeiten siegte der FCZ mit viel Teamgeist und Emotionen – nach einem 1:3-Rückstand und mit zwei Mann Unterzahl in der Verlängerung. Beim damaligen dramatischen auf dem Campus in Niederhasli vor rund 600 Zuschauern gewonnenen Final herrschte mehr Derby-Stimmung als bei manchem Duell der beiden 1. Mannschaften im Letzigrund. Der GC-Defensivspieler Leotrim Nitaj (Torschütze zur zwischenzeitlichen 2:1-Führung GCs in der Verlängerung) liess sich dadurch so aufstacheln, dass er nach der Partie wegen seines Verhaltens von der Geschäftsleitung um Manuel Huber aus dem Klub verbannt wurde. Er war damals auf dem Campus eines der grössten Talente seines Jahrganges – heute spielt er in Thalwil. Auf GC-Seite werden sich die regelmässig in der 1. Mannschaft eingesetzten Akteure Nedim Bajrami und Petar Pusic spätestens dann wieder gut an jene Partie erinnern, wenn sie am Sonntag auf der gegnerischen Trainerbank Magnin ausmachen werden.

Züri Live-Spielbericht vom U18-Halbfinal 2016 in Basel

Züri Live-Spielbericht vom U18-Final 2016 in Niederhasli

Magnin: ausgezeichnete Kenntnis der kommenden FCZ-Talente

Die Voraussage sei gewagt: für Emotionen und Unterhaltung wird in Zukunft im Letzigrund noch mehr als bisher gesorgt sein. Die Liga kann sich auf etwas gefasst machen. Man darf die Emotionen Magnins aber nicht allein als kurzfristige Motivationskniffe missverstehen. Die mentale Entwicklung ist für angehende Fussballprofis auch langfristig wichtig. Und dass Magnin als Trainer auch in allen anderen Belangen wie Taktik und Trainingsgestaltung top ausgebildet und dem neuesten Stand ist, versteht sich von selbst. Taktisch ist er ähnlich flexibel wie Forte und liess auch in der U21 die unterschiedlichsten Systeme spielen (meist ebenfalls mit Dreierabwehr). Mit der 1. Mannschaft will er einen Schritt nach dem anderen gehen und für die anstehenden Spiele nicht gleich alles auf den Kopf stellen. Für die kommenden zwei, drei Jahre ist es aber ein Riesenvorteil, dass Magnin die kommende Generation der jetzt schon mit der 1. Mannschaft trainierenden und ab Sommer noch zusätzlich dazustossenden Talente sowohl persönlich wie auch fussballerisch in- und auswendig kennt. Neben dem oben erwähnten Meisterteam (98-er Jahrgang) hat Magnin in der U18 beispielsweise auch Rüegg, Kryeziu oder Sadrijaj trainiert.

Er kennt auch den 99-er Jahrgang sehr gut, aus welchem es nicht überraschen würde, den torgefährlichen Mittelfeldspieler Lavdim Zumberi (einer der Lieblingsspieler Magnins), Innenverteidiger Lindrit Kamberi, den enorm spielintelligenten Kastrijot Ndau oder den dynamischen Aussenläufer Fabio Dixon schon bald im «Eins» zu sehen. Selbst mit dem von Sportchef Thomas Bickel besonders hervorgehobenen 01-er Jahrgang hat Magnin zuletzt als U21-Trainer schon Bekanntschaft gemacht. Der aus der Region Genf stammende Offensivmann Guillaume Furrer oder der grossgewachsene «Sechser» Simon Sohn durften bereits in die Promotion League-Equipe reinschnuppern. Bledian Krasniqi oder Soheil Arghandewall sind weitere vielversprechende Talente aus diesem Jahrgang (letzterer hat bereits Testspielerfahrung in der 1. Mannschaft). Die Aufzählung ist nicht abschliessend.

Mit dem schon etwas älteren Ivorischen Flüchtling Eric «Chef» Tia hat sich Magnin in den letzten Jahren zusätzlich noch ein etwas spezielles «Projekt» angelacht. Aus administrativen Gründen (Spielbewilligung) konnte dieser erst mit zwei Jahren Verspätung aus Chur zum FCZ stossen, nachdem er von Magnin bei einem Testspiel entdeckt worden war. In der Vorrunde musste sich Tia erstmal im strukturierten Spiel der Academy-Mitspieler akklimatisieren und langsam einfügen. Die junge Reserve-Equipe startete mit nur einer Niederlage in den ersten zehn Partien so gut wie noch nie in die Saison, liess dann aber gegen die  Winterpause hin zunehmend nach, als mehr und mehr mit der 1. Mannschaft trainierende und zurück in der U21 nicht gerade vor Motivation strotzende Akteure zu Spielzeit kommen sollten. Trotzdem beendete die FCZ U21 die Vorrunde auf dem achten Platz im Mittelfeld der Tabelle.

Uli Forte, der «Juli bis November»-Trainer?

Denkt man an die Ära «Uli Forte», in welcher der Brüttiseller auf die Allmend Brunau zurückkehrte, wo er bereits früher mit Red Star zu Hause war, muss man von mehreren Grossleistungen sprechen. Es war ein Grossleistung, wie die Mannschaft sich in den letzten drei Meisterschaftsspielen der Abstiegssaison 15/16 innert kurzer Zeit merklich steigern konnte. Es war eine Riesenleistung unter den damaligen Umständen den Cupfinal zu gewinnen. Es war eine von den meisten Beobachtern enorm unterschätzte Grossleistung, eine Mannschaft zu formen, die in der Challenge League von der Ersten Minute an voll parat war. Xamax war schon letzte Saison als Team sehr stark. Es musste sehr viel zusammenstimmen, dass man nicht das Schicksal der überwiegenden Mehrheit der Super League-Absteiger erlitt. Etwas, was der FCZ der Vor-Forte-Ära wohl so nicht geschafft hätte. Es war beim Stichwort Mentalität ausserdem eine sehr verdankenswerte Leistung, den bei Orlando City populären und sich in Florida äusserst wohl fühlenden Adi Winter für die Mission «Aufstieg» zu begeistern. Und es war eine Grossleistung, eine Europa League-Kampagne hinzulegen, welche die meisten Zweitligisten aus Deutschland, Frankreich oder Italien niemals so hingekriegt hätten.

Die aktuelle Saison zeigt viele Parallelen zur letzten. 2016/2017 spielte der FCZ bis Ende Oktober eigentlich über seinen Verhältnissen. Neben starken Leistungen im Cup und Europacup war dies vor allem für die Liga wichtig. Zum ersten Saisonspiel war Winterthur sehr hoffnungsvoll und topmotiviert in den Letzigrund gereist und rechnete sich gegen den vermeintlich angeschlagenen Absteiger einiges aus. Die sportlichen Zeichen, die der FCZ zu Saisonbeginn setzte, waren wegweisend. Bis und mit dem Auswärtssieg im Direktduell mit Xamax in Neuenburg am 30. Oktober (3:1) waren die Leistungen top – und die Konkurrenz beeindruckt. Man muss sich das nochmal vor Augen führen: als Schweizer Zweitligist spielte man gegen den Spanischen Spitzenklub Villarreal nicht nur im Letzigrund Unentschieden, sondern hätte selbst auswärts im «Madrigal» einen Punkt verdient gehabt. Als dann der FCZ ab November nachliess, hatte die meisten Liga-Gegner bereits etwas der Mut verlassen, und sie traten bei weitem nicht mehr so hoffnungsvoll und aggressiv auf wie noch zu Saisonbeginn. So reichten dann Energieleistungen von einzelnen Mentalitätsspielern wie Alain Nef oder den auf die Rückrunde neu dazugestossenen Rüegg und Dwamena häufig aus, um trotzdem die noch notwendigen Punkte zu holen.

Forte: unter dem Strich viel aus dem Kader herausgeholt

In der aktuellen Saison war die Entwicklung ähnlich. Traumstart mit acht ungeschlagenen Spielen zu Saisonbeginn, eine grosse Kompaktheit im Spiel ohne Ball, und immer wieder nützliche Tore auf Standards. Wieder spielte der FCZ zu Saisonbeginn über seinen Verhältnissen. Mit einer zwar motivierten und ambitionierten, aber abgesehen von den Toptalenten aus dem eigenen Stall nicht mehr als einigermassen soliden Mannschaft – bestehend aus Spielern, die in anderen Super League-Klubs nicht mehr gefragt waren (Vanins, Voser, Pa Modou, Winter, Frey, Cavusevic), den mittelfristigen Durchbruch auf diesem Niveau noch nicht geschafft haben (Marchesano, Roberto Rodriguez), oder in Ländern, die im UEFA-Ranking hinter der Schweiz liegen vom einen durchschnittlichen Klub zum nächsten getingelt sind (Palsson, Bangura, Thelander). Ob wie damals bei der Freistellung von Urs Fischer die Qualität der Neuzugänge intern nicht etwas überschätzt und damit die Arbeit des Trainers unterschätzt wurde, ist eine offene Frage. Forte ist nach Fischer und Meier der dritte der letzten fünf Cheftrainer, der kurz nach Beginn einer Vor- oder Rückrunde freigestellt wird.

Der Einbruch kam diesmal nicht abrupt, sondern schrittweise, dafür aber resultatmässig umso heftiger. Dies natürlich vor allem darum, weil man sich gegen Lausanne, Thun und Luzern nicht «durchmogeln» kann, wie das gegen Chiasso und Winterthur noch möglich war. Die Strategie «Blitzstart» ist aber durchaus eine valable und häufig erfolgreiche Variante – wenn man sich und seine Möglichkeiten realistisch einschätzt. Man kann innerhalb eines Spiels in der Anfangsphase eine höhere Pace gehen, als man über 90 Minuten durchzuhalten vermag, dies zu einer Führung nutzen, und dann mit letzten Kräften versuchen, diese Führung zu verteidigen. Ähnlich kann man auch eine Saison angehen. Das Problem für den Trainer bei einem solchen Vorgehen in einem kurzlebigen Geschäft sind die häufig (zu) hohen Erwartungen, die mit dem Top-Saisonstart geweckt werden, und die fast zwangsläufig abfallende Leistungskurve.

Freistellung von Forte zeichnete sich ab

Dass sich Uli Forte seit der Winterpause intern unter Druck und etwas in die Ecke gedrängt fühlte, war ihm anzumerken. Er reagierte deutlich sensibler als zuvor und verteidigte seine persönlichen Anliegen beispielsweise bezüglich Transferpolitik ziemlich offensiv – die üblichen Floskeln verschwanden. Ancillo und Heliane Canepa sowie der Sportliche Leiter Thomas Bickel hatten grosse Hoffnungen auf das Trainingslager in der Türkei gelegt und wollten «taktisch-technisch» eine Weiterentwicklung sehen. Die kam dann aber nicht. Der FCZ blieb ähnlich berechenbar für die Gegner wie vor der Winterpause. Der neue Cheftrainer setzt sich denn auch gleich mal zum ersten Ziel, «für alle in der Schweiz unberechenbar zu werden. Sie sollen nicht wissen ob wir mit drei Mann kommen, oder mit vier…oder mit zwölf.»

Auch wenn Fortes Freistellung zu diesem Zeitpunkt schlussendlich durchaus «überraschend» gewesen sein kann, kam sie für ihn nicht aus dem Nichts. Mit den zuletzt gezeigten Leistungen und angesichts der sich enorm gut präsentierenden «Kleinen» der Liga wie Thun oder Lugano war eine Involvierung in den Abstiegskampf bis Ende Saison nicht mehr auszuschliessen. Die Wahrscheinlichkeit ist aber hoch, dass Forte mit dem Team den Klassenerhalt geschafft und nächste Saison womöglich wieder einen Blitzstart hingelegt hätte. Letztendlich fielen dann aber Faktoren wie Spielphilosophie, eine noch stärkere Forcierung der jungen Talente und die Unzufriedenheit mit einer gewissen Stagnation einzelner Spieler mehr ins Gewicht. Die Worte des Leiters Sport Thomas Bickel dazu sind deutlich: «Auch ein Trainer muss sich immer weiterentwickeln», und: «eine klare Spielphilosophie war nicht sichtbar». Bickel bezeichnet die Freistellung von Forte als «gefühlte Niederlage» für ihn selbst, denn ein wichtiger Teil der Arbeit des Sportlichen Leiters sei die erfolgreiche Begleitung des Trainers. Bickel nimmt damit die Haltung ein, die eigentlich alle Verantwortlichen von Fussballklubs in solchen Situationen haben sollten. Der Trainer ist nie nur alleine verantwortlich, denn irgendjemand hat den Trainer ja ausgewählt und auf ihn gesetzt. Was nicht heissen soll, dass in diesem Fall die Wahl Fortes zum damaligen Zeitpunkt eine schlechte Wahl war – im Gegenteil.

Ludo Magnin: die beste FCZ-Wette

Mit dem FC Luzern hatte man zudem am Wochenende einen Gast bei sich im Letzigrund, der die Partie eigentlich hätte gewinnen müssen, und dessen neuer Trainer Gerardo Seoane in vielerlei Hinsicht Ludovic Magnin ähnlich ist. Die beiden Gegner vom letzten Sonntag sind auch als Vereine auf Augenhöhe auf dem fünften und sechsten Platz der Liga, was die finanziellen Möglichkeiten betrifft. Der FCZ hat traditionell die bessere Nachwuchsabteilung, aber Luzern diesbezüglich stark aufgeholt und konnte zuletzt vor allem mehr Junge in die 1. Mannschaft integrieren. Dass dies beim FCZ in Zukunft wieder stärker der Fall sein wird, ist das grosse Anliegen der Zürcher Führungsriege und sie sehen mit Magnin als Cheftrainer dafür die besten Voraussetzungen gegeben. Zumal dieser in den letzten acht Jahren die FCZ-Philosophie gelebt hat und «100% dahinter steht». Die Beförderung Magnins wird wohl zudem auch kein allzu grosses Loch in die Rechnung des FCZ reissen. Nicht weil dessen Ansprüche bescheiden wären, sondern weil dessen Gehalt schon bisher vergleichsweise hoch war. «Topshots» unter den Nachwuchstrainern wie Wicky, Seoane oder Magnin müssen heutzutage nicht mehr am Hungertuch nagen. Nicht zuletzt wegen der hohen Bedeutung der Nachwuchsabteilungen für die Super League-Klubs hat dies durchaus auch seine Berechtigung. Und es verstärkt ihr Gewicht innerhalb der Vereine.

Im heutigen Fussball bewegen sich die Profiklubs auf unterschiedlichen Levels von sportlichen Erfolgen und finanziellen Einnahmen, die sich gegenseitig verstärken wie in einem geschlossenen Kreislauf. In einen höheren Kreislauf gelangen zu wollen ist eine enorme Challenge. Die dafür notwendige (aber noch lange  nicht hinreichende) Voraussetzung ist ein aussergewöhnlicher Trainer der 1. Mannschaft. Klar ist: auch Magnin muss sich erst in der Super League beweisen. Trotzdem ist die Hoffnung auf einen Aufschwung berechtigt. Eine solche Kombination von Identifikation, Leidenschaft und Know-How, wie sie Magnin mitbringt, ist fast einmalig. Trotzdem wäre es unfair, ihn mit Favre zu vergleichen. Solche Trainer, die einen ganzen Verein dermassen auf ein höheres Niveau heben können, gibt es in der ganzen Schweiz maximal einen pro Jahrzehnt. Die Frage ist: wie findet man diesen Jahrzehnttrainer? Oder wie findet dieser seinen Verein? Eines kann man schon von vornherein praktisch ausschliessen: dass dieser Jahrzehnttrainer ein Ausländer sein wird. Denn ausländische Mega-Trainer(talente) verirren sich mit höchster Wahrscheinlichkeit nicht in die Schweiz. Der FCZ hat in den letzten Jahren, in der Magnin sich auf seine heutige Aufgabe vorbereitete, darauf gewettet, dass der heute 38-jährige Waadtländer dieser neue Toptrainer sein wird. Dass die Wette aufgeht, ist nicht garantiert. Aber eine bessere Wette hätte der FCZ nicht abschliessen können.

U18-Final GC – FCZ, Juni 2016

Züri Live-Interview nach Magnins erstem Meisterschaftsspiel als U21-Trainer bei Brühl St. Gallen, August 2017

Es gibt sie ungefähr einmal pro Dekade, diese geschichtsträchtigen Ereignisse, wo die Mitarbeiter der grossen Medienhäuser angehalten werden, alles stehen und liegen zu lassen und sich an der Mega-Berichterstattung über das grosse aktuelle Thema zu beteiligen. Dazu gehören die Mondlandung, 9/11, und offenbar auch die «Affäre Constantin»: ein 60-jähriger Walliser Fussballpräsident, der einen Clinch mit dem gleichaltrigen TV-Experten und ehemaligen Fussballtrainer Rolf Fringer nach einem Spiel in Lugano wie ein halbstarker Jugendlicher auf dem Schulhof «regelt». Fringer habe von Constantins Sohn Barth zur Rede gestellt, abgestritten, sich auf Teleclub negativ über dessen Vater geäussert zu haben. «Da habe ich ihm sein Gedächtnis aufgefrischt» äusserte sich Constantin im Anschluss daran beim französischsprachigen Teleclub-Interviewer über seine Beweggründe.

In den darauffolgenden Tagen und Wochen ist der Faux-Pas Christian Constantins das ganz grosse Thema bei «Teleclub», im «Blick» und weiteren Schwesterpublikationen wie «Bluewin». Die enorme Manpower dieser Medienhäuser wird voll ausgeschöpft. Beim «Blick» gibt es mittlerweile kaum mehr einen der zahlreichen Fussball-Journalisten, der nicht in die Anti-Constantin-Kampagne involviert wurde. Auch im Teleclub wird drei Wochen lang in fast jeder Sendung über «das Thema» gesprochen. Eine ganze Armee von im Sold stehenden Experten stimmt dabei meist brav in die gebetsmühlenartigen Wort-Salven Richtung Wallis ein. Das dauert so lange, bis es vor Wochenfrist in der Sendung «Kick-Off» den eingeladenen Gästen Philippe Montandon und Bruno Berner dann doch etwas zu bunt wird. Die beiden verlangen vom erneut auf der Causa «Constantin» insistierenden Teleclub-Moderator Christophe Augsburger wiederholt, auch noch etwas zur anstehenden Fussballrunde sagen zu dürfen.

Wie kam es überhaupt so weit? Und warum ist diese Geschichte bei einem Teil der Medien so ein Riesenthema? Man kann, wie das der «Blick» und «Teleclub» tun, den Fokus auf Christian Constantin richten. Dieser ist wohl der unschweizerischste aller in der Öffentlichkeit stehenden Schweizer. Constantin geht völlig unabhängig von Rang und Namen auf andere Menschen zu, und redet mit jedem, als wäre das Gegenüber ein jahrelanger Kumpel aus der Stammkneipe. Er bestellt jedes Jahr den neuesten Ferrari ohne sich den Kopf darüber zu zerbrechen, was wohl die Nachbarn darüber denken. Und am alljährlichen Gala-Abend des FC Sion exponiert er sich auf der Bühne als unverzichtbarer Teil des Unterhaltungsprogramms.

Ohne Constantin gäbe es den FC Sion als Super League-Klub in der Randregion Wallis wohl nicht mehr. Er hat sehr viel erreicht. Es wäre aber noch mehr möglich, wenn es der Sion-Präsident schaffen würde, Kontinuität in die Führung der 1. Mannschaft zu bringen. Seine aktuellen und ehemaligen Mitarbeiter sowohl in der Immobilienbranche wie auch im Fussball loben seine Sozialkompetenz und Führungsqualitäten. Es gibt aber auch Leute, die nicht gut auf den Walliser Unternehmer zu sprechen sind. Vor 13 Jahren wurde Constantin zudem schuldig gesprochen, nach einer hitzigen Partie in Kriens Schiedsrichter Von Känel (nach eigener Aussage bei der gemeinsamen Flucht vor den auf den Platz stürmenden Fans unbeabsichtigt) zu Fall gebracht zu haben.

Aber nicht nur bei Christian Constantin gibt es zum Vorfall von «Lugano» eine lange Vorgeschichte, sondern auch bei Rolf Fringer. Eine fast nahtlose Spur von Streit, Intrigen und Gerichtsverfahren zieht sich durch die Karriere des Adliswilers. Eine entscheidende Rolle spielt dabei immer wieder Fringers Freundschaft mit «Blick»-Sportchef Felix Bingesser. Dieser arbeitete für das Aargauer Tagblatt, als Fringer beim FC Aarau seine drei besten Trainerjahre hatte. Gleich in der ersten Saison 92/93 errang Fringer mit einer hungrigen Mannschaft unter anderem mit dem überragenden späteren Stammspieler der Italienischen Nationalmannschaft Roberto Di Matteo den Schweizer Meistertitel und war der Shootingstar der Trainergilde. GC musste in jener Saison in die Auf/Abstiegsrunde, Basel spielte in der Nationalliga B, die nach der Qualifikation vor Aarau liegenden YB, Servette, Sion und Lausanne lieferten nach der Punktehalbierung eine mediokre Finalrunde ab, und fielen zurück.

1995 kam Bingesser zu «Blick»-Herausgeber Ringier. Nur wenige Monate später startete der «Blick» eine Schmutzkampagne gegen Nationalcoach Artur Jorge. Neuer Nationaltrainer wurde nach der EM im Sommer (Surprise! Surprise!) – Bingesser-Buddy Rolf Fringer. Nach der Auftaktniederlage in Aserbaidschan und nur vier Siegen in elf Partien war dieser dann aber auch von seinem Hausblatt  nicht mehr zu halten. Beim damaligen Liga-Krösus GC konnte Fringer anschliessend an die Ära Christian Gross den Vorsprung aus der Winterpause ins Ziel schaukeln, und seinen zweiten persönlichen Schweizer Meistertitel feiern. Trotzdem war man auf dem Hardturm mit der Arbeitsweise Fringers nicht zufrieden. Er musste schon nach einem Jahr wieder gehen.

Bei seinem zweiten Engagement beim FC Aarau stieg Fringer in die Nationalliga B ab. Vereinigte Arabische Emirate, Zypern und Griechenland waren die nächsten Stationen. 2006 erhielt Fringer nochmal eine Chance in der Schweiz dank dem damaligen jungen St. Galler Sportchef René Weiler, den Fringer zuvor als Spieler sowohl in die Nationalliga A zum FC Aarau geholt, sowie auch später als Nationalcoach dessen einziges Länderspiel für die Schweiz ermöglicht hatte. Nach etwas mehr als einem Jahr konnte aber auch Weiler Fringer nicht mehr halten. Der St. Galler Verwaltungsrat entschied nach einem schwachen Saisonstart, welcher schlussendlich in den Abstieg münden sollte, Fringer zu entlassen.

Ein Jahr später kam Fringer nach der kurzen und fruchtlosen Episode mit Roberto Morinini beim FC Luzern zum Zug. Der Adliswiler konnte in der letzten Saison auf der alten Allmend den Abstieg in der Barrage gegen Lugano knapp verhindern. Der Schock sass aber tief, was den FC Luzern dazu bewegte, sich einen Hakan Yakin zu leisten – die für viele beste «Nummer 10» der Geschichte des Schweizer Fussballs. Mit diesem und dem ebenfalls neu verpflichteten Cristian Ianu wurde Luzern im Provisorium Gersag zu einer nominellen Spitzenmannschaft, die in den Folgesaisons den 4. und 6. Platz belegte. Das genügte bei den damaligen Ambitionen und Investitionen der Luzerner Führungsriege nicht. Auf sein darauffolgendes Engagement beim FCZ konnte sich Fringer dann fast so lange  (beziehungsweise kurz) auf der Tribüne vorbereiten, wie er dann schliesslich arbeiten durfte. Sein letztes Engagement als Sportdirektor erneut beim FC Luzern verlief ebenfalls glücklos.

Fringer lobt immer wieder gerne die Klubführung um Präsident Ernst Lämmli in seinen goldenen drei Jahren in Aarau. Dies vor allem auch deshalb, weil er sich seither in mehr als zwei Jahrzehnten mit so gut wie jeder anderen Vereinsspitze verkracht hat. Immer wieder wurde ihm die zu grosse Nähe zu den Medien, vor allem zum «Blick», vorgeworfen. Es ist für eine Vereinsführung schon schwierig genug, auf der Tribüne sitzende Spieler von einem zu offenherzigen Umgang mit Journalisten abzuhalten, aber wenn das Leck beim Trainer selbst liegt, ist in Bezug auf die Stimmung und den Zusammenhalt im Team eher früher als später Hopfen und Malz verloren. Immer wieder brach Fringer zudem die goldene Regel eines Trainers, Kritik an eigenen Spielern nur intern zu äussern.

Stattdessen nutzte der Adliswiler den «Blick», um eigene Spieler in der Öffentlichkeit frontal anzugreifen. Das ist an und für sich bereits fragwürdig genug. Noch schlimmer war, dass es sich nicht um sachliche Kritik handelte. Fringer attackierte die Betroffenen stattdessen auf der persönlichen Ebene und stellte öffentlich ihren Charakter in Frage. Lior Etter, Silvan Büchli, Josip Drmic oder Marco Schönbächler bescheinigte er «fehlenden Ehrgeiz», «Probleme wegen der Freundin» und ähnliches. Der 20-jährige Etter löste seinen damals noch zwei Jahre gültigen Profivertrag abrupt auf und wendete sich vom Fussball ab. Abgesehen davon, dass Fringers Gebahren ethisch verwerflich ist, ging auch sein Kalkül, durch die öffentliche Blossstellung von jungen Spielern aus dem Vereinsnachwuchs die eigene Position zu stärken, jeweils nicht auf. Trotzdem sah Fringer keine Veranlassung, sein Verhalten und seine Strategie zu überdenken – und ging mit der Mannschaft und schlussendlich auch mit der Vereinsführung jeweils zunehmend auf Konfrontationskurs. Welche kurzfristigen Vorteile Fringer auch immer daraus gezogen haben mag, mittel- bis langfristig machte Fringer die Nähe zum «Blick» in den jeweiligen Klubs untragbar.

Das Arbeitsverhältnis mit dem FCZ endete vor Gericht. Fringer hatte unter anderem öffentlich die Erfolglosigkeit seiner Mannschaft mit Unruhen in der Klubleitung erklärt. Bei Luzern instrumentalisierte Fringer Assistenzcoach Roland Vrabec in seiner Intrige gegen Cheftrainer Markus Babbel. Fringer und etwas später auch Vrabec wurden von den Vereinsverantwortlichen um Präsident Ruedi Stäger freigestellt. Babbel monierte danach, dass Fringer nie direkt mit ihm gesprochen und reinen Wein eingeschenkt habe, sondern stattdessen über die Medien attackiert habe. Analog äussert sich Christian Constantin. Fringer sei im direkten Gespräch immer betont freundlich gewesen. Kaum habe er aber ein Mikrofon in der Hand, werde er ausfällig. Constantin ist auf Fringers «Schwarzer Liste» seit dem Cup-Halbfinal Luzern – Sion 2009. Einen Cuptitel konnte der gebürtige Österreicher nie erreichen. Dass er in einer so wichtigen Partie mit dem möglichen Cupfinal vor Augen von einem rabaukigen Präsidenten ohne Trainerdiplom bezwungen worden war, hat der Adliswiler nie verwunden. Auf Fringers Schwarzer Liste stehen auch alle Vereinsverantworlichen, die ihn entlassen haben.

Was passiert mit jemandem wie Christian Constantin, Ancillo Canepa oder Ruedi Stäger, der Fringer auf oder neben dem Platz eine Niederlage zufügt? Antwort: Es dauert jeweils nicht lange, dann taucht plötzlich ein erster «Blick»-Journalist auf, und führt mit der betreffenden Person ein «Interview» bestehend aus persönlichkeitsverletzenden Statements verpackt in Form von rhetorischen Fragen. Ein zweiter «Blick»-Mann beginnt im privaten Umfeld der Zielperson zu wühlen und forschen, um irgendetwas zu finden, das wie eine Leiche im Keller aussieht. Ein dritter macht sich daran, vereinsinterne Opposition aufzuspüren und aufzuwiegeln. Die Maschine kommt in vollen Gang. Seit Bingesser 2011 zum zweiten Mal von der „Aargauer Zeitung“ zum „Blick“ gewechselt ist, diesmal als Leiter der Sport-Redaktion, hat der Umfang und die Dreistigkeit seines Vorgehens deutlich zugenommen.  Luzern-Präsident Ruedi Stäger wurde über Monate hinweg in «Blick»-Artikeln abwechslungsweise als «Niete» oder «Totalversager» bezeichnet, und schliesslich wurde ohne Umschweife gefordert: «Stäger muss weg!». Keine Gelegenheit war zu klein, um eine Breitseite abzufeuern: selbst als Stäger in einer Partie gegen den FC Thun im «Teleclub»-Interview eine Offsideposition monierte, die keine war, war das Grund genug für die Schlagzeile: «FCL-Präsi blamiert sich im TV».

Mit dem Eintritt als Experte beim Ringier-Partnersender «Teleclub» vor ein paar Monaten schaffte es Fringer, sein mediales Waffenarsenal für den Rachefeldzug gegen seine persönlichen Feinde nochmal stark auszubauen. Er verlor keine Zeit, und nahm sich gleich als erstes Ancillo Canepa vor. Fringer schaffte es, für die Sendung «Heimspiel» seinen Freund Felix Bingesser als Verstärkung dazuholen zu dürfen. Die beiden griffen Canepa auf verletzende Art und Weise im wahrsten Sinne des Wortes frontal an. Der seit 10 Jahren intensiv an mehreren Schnittstelllen des Schweizer Fussballs (Klub, Liga, Frauenfussball, Academy) wesentlich mitgestaltende Canepa musste sich anhören, «branchenfremd» zu sein und wurde wie ein tunichtguter kleiner Kindergärtner behandelt («er muss noch lernen»).

Der nächste auf der Liste war dann eben Christian Constantin. Fringer attackierte auch ihn auf Teleclub. Und dies nicht nur einmal, sondern in den Sendegefässen «Heimspiel» und «Kick-Off» wiederholt, geplant und systematisch in offensichtlich ehrverletzender Absicht – und bezeichnete dies nachher verharmlosend als «sachliche Kritik». Constantin wurde so lange in die Enge getrieben, bis die erwartete (Über-)Reaktion kam. «Ich hätte nicht gedacht, dass er so weit geht», sagte Fringer danach. Möglich, dass dies zutrifft. Aber es ist trotzdem heuchlerisch, wenn ausgerechnet «Blick» und «Teleclub» nun beklagen, die ganze Affäre sei «schlecht für den Schweizer Fussball».

Fringer missbraucht und manipuliert den «Teleclub» und den «Blick» zum Zwecke seiner persönlichen Diffamierungskampagnen gegen Jungprofis, ehemalige Arbeitgeber und andere Kontrahenten. In typisch populistischer Manier zielt er darauf ab, die von ihm als Feinde wahrgenommenen Personen als Menschen mit schlechtem Charakter abzuwerten. Das ist keine Bagatelle. Wer in der Öffentlichkeit systematisch als Person diffamiert wird, fühlt sich ohnmächtig. Er oder sie weiss, dass sich dadurch ein falsches Bild von der eigenen Person in den Köpfen der Mitmenschen festsetzt, welches sich nie mehr ganz korrigieren lässt. Menschen, die so in die Enge getrieben werden, reagieren darauf häufig entsprechend drastisch.

Neben dem Thema «Constantin» fährt der «Blick» aktuell parallel die Story um eine 13-jährige Schülerin aus dem Limmattal, welche sich das Leben nahm, nachdem sie in den Sozialen Medien diffamiert und verhöhnt wurde. Die Anteilnahme des Blattes in solchen Fällen wirkt geheuchelt, wenn man beobachtet, wie die eigenen Diffamierungskampagnen gleichzeitig schamlos verharmlost werden. Worte richten häufig einen grösseren Schaden an als Ohrfeigen. Gerade auch wenn man die möglichen Folgen betrachtet, welche dies für die betroffenen Personen haben kann. Es braucht schon sehr viel Realitätsverweigerung und fehlende Selbstkritik, um die mehrfache Anschwärzung einer Person als «Narzissten» mit «null Empathie für andere Menschen» als «sachlich» zu bezeichnen.

Wer noch nie Ziel einer Diffamierungskampagne geworden ist, kann kaum gänzlich nachempfinden, wie sich dies anfühlt. Was können Opfer tun? Christian Constantin kann kaum als Paradebeispiel einer optimalen Reaktion herhalten, aber den wichtigsten Punkt hat er mit seiner Lebenserfahrung von 60 Jahren begriffen und beherzigt: man darf sich auf keinen Fall von diesem Hass, der einem aus grossen, mächtigen Boulevardmedien oder Sozialen Netzwerken entgegenschlägt, zerfressen lassen.  Wenn man sich anschaut, wie regelmässig und systematisch Constantin von Fringer öffentlich verunglimpft worden ist, sind die eingereichten Klagen wegen Diffamation (Strafrecht) und Persönlichkeitsverletzung (Zivilrecht) auch für den «Blick» sicherlich nur angeblich eine Überraschung.

Ein alljährliches Ritual wie die Neujahrsrede des Bundespräsidenten im Schweizer Fernsehen «SRF» ist das Interview zum Geburtstag von Rolf Fringer im «Blick». Wenn Bingessers Adjutant Andreas Böni bei «Teleclub» vor diesem Hintergrund dann treuherzig «neutral vom Blick her…» den Fall Constantin / Fringer kommentiert – und wenn in einer Runde Gleichgesinnter in der Sendung «Heimspiel» über den nicht anwesenden Christian Constantin lästern als «faire Diskussion» bezeichnet wird, weiss man nicht so recht, ob man dies nun als guten Witz oder als schlechtes Trauerspiel ansehen sollte. Die Ohren wackeln, die Nase rümpft sich, der Magen zieht sich zusammen – es ist wohl eher letzteres. Im Vorfeld und auch nach der Retourkutsche Constantins haben Fringer, Bingesser und Böni den Walliser als Unmenschen dargestellt und quasi für geisteskrank erklärt. Schwer wiegt, dass es sich dabei nicht um einmalige Ausrutscher handelt, sondern um eine systematische Verunglimpfungskampagne. Dazu kommt eine immer wieder äusserst fragwürdige Wortwahl, wie «nicht therapierbar» oder «jetzt muss der Stecker gezogen werden».

Zwischen scheinheilig, unappetitlich und peinlich schwankt der Umgang mit der «Affäre Constantin» bei «Blick» und «Teleclub» speziell im Anschluss an den Vorfall von Lugano. Völlig ignorierend, dass die Brandstifter in dieser Geschichte aus den eigenen Reihen stammen, wird frisch-fröhlich die eigene Rolle in zahlreichen Sendungen, Artikeln und Kommentarspalten entweder verschwiegen oder abgewiegelt. Anstatt sich selbst zu hinterfragen und (warum nicht?) für die Diffamationskampagne zu entschuldigen, inszeniert man sich stattdessen bei den Lesern als bedauernswertes Opfer. Sie sei besorgt um die Sicherheit ihrer Mitarbeiter, wird «Teleclub»-Programmleiterin Claudia Lässer zitiert. Felix Bingesser ist das noch nicht dramatisch genug. Der «Blick»-Sportchef aus dem Aargau sieht nichts weniger als die Pressefreiheit in Gefahr. Rolf Fringer als Schweizer Antwort auf Anna Politkovskaja! Auch der in der «Teleclub»-Runde angestrengte Vergleich mit der traditionsreichen Sport1-Diskussionssendung «Doppelpass» ist wenig selbstreflektierend. Würde dort jemand systematische Ehrverletzungskampagnen betreiben, würde dies hohe Wellen werfen und heftige Reaktionen hervorrufen.

Gemäss offizieller «Teleclub»-Mitteilung prüfe die Liga auf Betreiben des «Teleclub» zurzeit «geeignete Massnahmen, um die Sicherheit und Integrität unserer Journalisten und Experten in den Stadien sicherzustellen». Bevor nun aber wieder mal aufgrund eines Einzelfalls regulationswütig die kleinen Profiklubs mit noch mehr Auflagen belastet werden, ein gut gemeinter Vorschlag an die Verantwortlichen des «Blick» und «Teleclub»: weisen Sie Ihre Angestellten (auch die leitenden!) darauf hin, dass sie die ihnen zur Verfügung stehende öffentliche Plattform nicht für persönliche Fehden und Hetzkampagnen missbrauchen sollen. Und schreiten Sie ein, wenn einer Ihrer Mitarbeiter systematisch gegen ihm persönlich unsympathische Personen Hass säht. Das wäre mit Abstand die effektivste Sicherheitsmassnahme. Mehr braucht es nicht.

Die Ringier-Tochterfirma «InfrontRingier» weiterhin mit der Vermarktung zu betrauen, war in Bezug auf die Glaubwürdigkeit des Schweizer Fussballs natürlich gelinde gesagt ein heikler Entscheid der Liga gewesen. Gerade im Hinblick auf solche Fälle wie die «Affäre Constantin» hinterlässt es einen schalen Beigeschmack, wenn eine der Parteien ein wichtiges Medienhaus ist, welches gleichzeitig für die Liga Geld beschafft. Bingessers Ringier-Blatt «Blick» machte denn auch ohne Rücksicht auf den offensichtlichen Interessenkonflikt im Vorfeld des Urteils enormen Druck auf die Liga und deren Disziplinarkommission. Es musste befürchtet werden, dass sich diese in ihrer sportrechtlichen Entscheidung davon beeinflussen lassen könnte.

Bingesser offenbarte dabei ein Rechtsverständnis, das kein bisschen weniger archaisch daherkommt, als die von ihm angeprangerte Selbstjustiz Christian Constantins. Grundprinzipien moderner Zivilisation wie Rechtsstaatlichkeit und Gewaltenteilung scheinen in diesem nicht vorzukommen. Wenn Bingesser schreibt: «Constantin muss weg», verlangt er offenbar von der Disziplinarkommission nicht einen Vorfall auf der Basis der Reglemente zu beurteilen, sondern pauschal den Daumen über eine Person zu senken. «Wir werden keine Ruhe geben» drohte der «Blick»-Sportchef zudem in der Sendung «Heimspiel» in geradezu inquisitorischem Ton an. Offensichtlicher kann man nicht deklarieren, dass die eigene Zeitung nicht im Dienste der hehren journalistischen Wahrhaftigkeit, sondern als Machtinstrument zur Durchsetzung der persönlichen Interessen und Anliegen zu dienen hat.

Das klappt manchmal besser, manchmal weniger gut. In Luzern und in St. Gallen gelang es dem «Blick» durchaus, zumindest bei einem Teil der Anhänger das Image der «Fringer-Gegner» zu beschädigen. Die Fans liessen sich in gewissen Fällen vom «Blick» instrumentalisieren und übernahmen dessen Sichtweise bezüglich «Guten» und «Schlechten» Protagonisten in den verantwortlichen Positionen des Klubs. In Zürich und Sion hat das Boulevardblatt bedeutend mehr Mühe, sich Gehör zu verschaffen. Dass die Anhänger im Wallis nicht wie von Bingesser und Fringer erträumt, den Aufstand probten, schien den «Blick» fast in die Verzweiflung zu treiben. Da nützten auch die allzu plumpen Anbiederungsversuche Bingessers nichts, der plötzlich seine Liebe für den «ansonsten so sympathischen FC Sion» zu entdecken schien.

Die Disziplinarkommission der Swiss Football League hat den Präsidenten des FC Sion, Christian Contantin, mit einer Platzsperre von 14 Monaten und einer Busse von CHF 100’000.- belegt. Entlarvend war im Anschluss daran die Aussage des «Blick»-Reporters Martin Arn gegenüber dem Westschweizer Sender «RTS» und in einem eigenen Artikel: «Die Liga hat leider eine gute Gelegenheit verpasst, Constantin lebenslänglich zu sperren». Den Sion-Präsidenten lebenslänglich zu sperren soll also von vornherein das Ziel sein. Die Umsetzung dieses Zieles ist alleine die Frage einer «passenden Gelegenheit». Rechtsstaatlichkeit scheint tatsächlich nicht so eine populäre Idee auf der „Blick“-Redaktion zu sein.

Aus einer etwas fortschrittlicheren Sicht betrachtet, sollte der Präsident eines Fussballklubs gleich behandelt werden wie jeder andere Matchbesucher auch. Weder eine Privilegierung noch eine besonders harte Bestrafung «um ein Zeichen zu setzen» sind mit demokratischen und rechtsstaatlichen Werten vereinbar. 14 Monate Platzsperre sind durchaus im Rahmen des Strafmasses, welches auch andere randalierende Matchbesucher erwartet, allerdings eher am unteren Rand. Ein Stadionverbot müsste aber normalerweise vom Hausherrn, also dem FC Lugano, ausgesprochen werden: angesichts des kürzlichen Zwistes der beiden Klubs rund um den Wechsel von Trainer Paolo Tramezzani eine nicht uninteressante Konstellation.

Die disziplinarische Initiative hat aber offenbar weder Lugano noch der Schweizerische Fussballverband, sondern die Swiss Football League ergriffen. Ob der weder mit dem Spiel noch mit SFL-Offiziellen direkt im Zusammenhang stehende Vorfall von der Zuständigkeit her überhaupt ein SFL-Disziplinarfall sein kann, wird sich möglicherweise im Laufe des Rekurses in den nächsten Wochen (und Monaten) noch herausstellen. Schon beim «Fall Kriens» vor 13 Jahren wurde die damals durch den SFV ausgesprochene 30-monatige Sperre gegen Constantin (sogar in der Form eines «Berufsverbotes») auf gerade mal 3 Monate reduziert. Allerdings war die Beweislage damals schlechter. Willkürlich wirkt im aktuellen Fall die Busse von CHF 100’000.-, da sie wie eine «Lex Constantin» daherkommt. Nicht mit dem Ziel der Rechtsprechung, sondern einer einfachen Form von Geldbeschaffung für die Liga, bei jemandem «der es hat».

Was passiert aber mit den Urhebern der ganzen Affäre, Rolf Fringer und Felix Bingesser? Werden sich diese zu einer Entschuldigung durchringen können? Oder geht alles so weiter wie gehabt? Wer wird als nächstes attackiert? In der aktuellsten Ausgabe von «Heimspiel» schmierte Fringer dem von ihm Wochen zuvor in der gleichen Sendung frontal attackierten Ancillo Canepa ganz in Boulevard-Manier vorsorglich eine grosse Portion Honig ums Maul. Fringer ist definitiv ein geschliffener Kommunikator, er versteht etwas von Fussball und ist vor allem immer gut vorbereitet. Die Auftritte des Adliswilers könnten eins-zu-eins als Lehrvideos eines Rhetorikkurses verwendet werden.

Gleichzeitig ist unwahrscheinlich, dass die Diffamierungskampagnen gegen ihm unliebsame Menschen aufhören werden. Die «Affäre Constantin» ist nur die zur Zeit an der Wasseroberfläche sichtbare Spitze eines bereits seit den 90-er Jahren im Meer des Schweizer Fussballs schwimmenden Eisberges, welchen man mit «Affäre Fringer / Bingesser» bezeichnen kann. Der «Teleclub» muss sich gut überlegen, ob er Fringers Gebahren weiter dulden und mitverantworten will. Die Liga ihrerseits ist bei der nächsten Rechtevergabe bezüglich der Gefahr für ihre Glaubwürdigkeit, welche die kommerzielle Vermarktung durch das Tochterunternehmen eines einflussreichen Medienhauses mit sich bringt, nun doppelt gewarnt.

(Photo: Murray Foubister [CC BY-SA 2.0])

In Zeiten von Netflix, Youtube und Snapchat entdecken nun auch in der Schweiz die klassischen TV-Sender den Sport und speziell den Fussball als eine der letzten Bastionen, in denen sie potentiell noch eine gewisse Relevanz bewahren können. Das Angebot in diesem Bereich wurde daher diesen Sommer ausgebaut. Teleclub nimmt dabei mit der Sendung „Heimspiel“ einen neuen Anlauf mit einer Fussballdiskussionssendung, wie es sie auf kleineren Sendern schon mehrere gegeben hat. Diese Sendungen sind jeweils mit viel Elan, gutem Willen und dem Aufbau einer langen Liste an potentiellen Studiogästen im Contact Management-System gestartet worden, und endeten dann irgendwann de facto in einem Tête-à-tête zwischen beispielsweise Claudia Lässer und wahlweise Rolf Fringer oder Erich Vogel. Das sind die zwei, die so eloquent und abwechslungsreich reden können, dass man gerne darüber hinwegsieht, dass sie in der letzten Sendung noch genau das Gegenteil behauptet hatten.

In der aktuellen Sendung waren neben Claudia Lässer der obligate Fringer, „Schweiz-Versteher“ Marcel Reif, Felix Bingesser („Blick-Sportchef“) und Ancillo Canepa dabei. Anschliessend an die Sendung rühmte sich „Teleclub“ auf dem Partnermedium „Blick“, dass man es angeblich geschafft habe, Ancillo Canepa und Rolf Fringer zu versöhnen. Die beiden verweigerten sich nicht, gemeinsam für den Studiophotographen zu posieren, und hätten sich sogar off camera die Hand geschüttelt! Wahnsinn!

On camera war dann aber von Versöhnung wenig zu sehen. Voraussehbar wie dass Limmat-Wasser irgendwann in die Nordsee fliesst, nutzte Joetex Asamoah Frimpong-Fan Fringer die Gelegenheit, zum wiederholten Male einen Angriff auf Ancillo Canepa zu starten. Und natürlich hatte er die Runde im Sack. Man ist ja sonst nicht so im Detail über den Schweizer Fussball informiert, aber dass Ancillo Canepa kein Fussballexperte sei, branchenfremd und nicht teamfähig, davon hatten alle schon vor Jahren mal von irgendeinem Fussballexperten gehört. Wie hiess der noch gleich? Irgendetwas mit Fringer oder so… Und so wurde zum 147.Mal in einem Schweizer Sportmedium die gleiche Sau durchs Dorf getrieben. Ein Beitrag zur Beilegung eines Streites war es eher nicht, wenn man sich die schnoddrige Überheblichkeit mit welcher Canepa von den sogenannten Experten wie ein kleiner Primarschüler behandelt wurde („er muss noch lernen“, „brav gemacht“) vor Augen führt.

Der einzige, der sich zum Unmut der Runde dem undifferenzierten Canepa-Bashing etwas entzog, war Marcel Reif. Er verwies darauf, dass „Cillo“ durchaus etwas von Fussball verstehe. Seit mehr als 10 Jahren führt Canepa nun den FCZ als Präsident und ist zusätzlich in der Liga-Exekutive aktiv. Er kennt den aktuellen Schweizer Fussball deutlich besser, als viele Ex-Nationalspieler, die nicht täglich voll im Geschehen drin sind, aber gerne als Experten zu den verschiedenen TV-Sendern eingeladen werden. Man kann über einzelne Entscheide immer diskutieren. Mit Sicherheit hat Ancillo Canepa in der Vergangenheit den ein oder anderen Fehlentscheid getroffen – wie jeder andere Sportliche Verantwortliche auch. Im Gegensatz zu den meisten anderen, auch solche mit deutlich mehr Geld in der Kasse, hat Canepa mit seinem Klub aber auch ein paar Titel gewonnen. Nach 10 Jahren intensiver Tätigkeit in verschiedenen Nahtstellen des Schweizer Fussballs (Klub, Liga, zudem einer der Vorreiter im Junioren- und Frauenbereich) den FCZ-Präsidenten aufgrund seiner Vergangenheit als Leiter Wirtschaftsprüfung Schweiz bei Ernst&Young immer noch als „branchenfremd“ zu betiteln, ist mehr als absurd und entspringt einem ziemlich eindimensionalen Denken und fehlendem BLICK über den Tellerrand.

Natürlich gibt es Klubbesitzer, die tatsächlich wenig von Fussball verstehen. Es gibt aber noch viel mehr Ex-Fussballer, die wenig von Menschenführung, analytischem Denken, Verhandlungsgeschick oder Projektorganisation verstehen. Und das sind die entscheidenden Qualitäten in der sportlichen Führung eines Fussballklubs. Denn der Fussball an sich ist keine Raketenwissenschaft, wie dies die Americanos so schön auszudrücken vermögen. Nur aufgrund des Werdeganges lässt sich unmöglich voraussagen, ob jemand ein guter Sportchef sein kann oder nicht. Die beiden Journalisten Fredy Bickel und Georg Heitz betitelt in den Schweizer Medien interessanterweise niemand im negativen Sinne als „branchenfremd“. Ebenso wenig den Dolmetscher José Mourinho. Und im Wallis trauern noch heute viele dem Französischlehrer Peter Zeidler nach („das war endlich mal jemand, der etwas von Fussball versteht“). Die ehemaligen Top-Spieler Sami Hyypiä, Gennaro Gattuso und Gianluca Zambrotta gehörten hingegen zu den erfolglosesten Trainern im Schweizer Fussball der letzten Jahre.

Mit zunehmender Professionalisierung hat die Anzahl „branchenfremder“ Sportlicher Verantwortlicher gerade in den europäischen Topligen immer mehr zugenommen. Weil diese Erfahrungen und Qualitäten mitbringen, die innerhalb des früheren Profifussballklüngels rar waren. Das Indische Kastensystem oder das mittelalterliche Zunftwesen, wo jeder Mensch ein Leben lang in seinem angestammten Beruf definiert bleibt, haben sich nicht wirklich als erfolgreiche Wirtschaftsmodelle herauskristallisiert. Das Mittelalter bleibt aber trotzdem bis heute lebendig in Sportjournalisten wie Felix Bingesser („Fussballfans an den Pranger“).

Es ist ja nicht so, dass Bingessers Blick & Co. jeweils den Eindruck erwecken, als seien sie voll in der Branche und im Thema drin. Ob Fabian Rohner oder Fabian Rohrer, ob Cédric oder Maurice Brunner – wer weiss das schon, wie diese Fussballer alle heissen…? Wie heisst der neue YB-Stürmer? „„Schaaa-Pier Än Saaamä!“ – …“Aha!“. Eine leicht ketzerische Frage: Kann man von einem bezahlten Fussballjournalisten verlangen, einen Spieler zu kennen, der noch nie ins Sportpanorama eingeladen wurde? Scheint nicht der Fall zu sein. Und muss man es als Normalzustand hinnehmen, wenn die „Experten“ in den Deutschschweizer Fussballredaktionen plötzlich einen jungen Schweizer Fussballer in der Bundesliga oder Serie A entdecken, von dem sie noch nie zuvor gehört hatten („der kam aus dem Nichts“)? Wer kommt hier tatsächlich aus dem Nichts? Das über viele Jahre in der Schweiz auf hohem Niveau ausgebildete Fussballtalent – oder doch eher der Fussballredakteur?

Jeder Mensch ist an seinem ersten Lebenstag planetfremd, an seinem ersten Schultag schulfremd und an seinem ersten Arbeitstag branchenfremd. Völlig normal. Die entscheidende Frage ist, ob man an seinem 100. oder 1000. Arbeitstag immer noch branchenfremd ist. Bei einem Ancillo Canepa ist dies definitiv nicht der Fall. Mutet man sich hingegen seit Jahren immer wieder mal eine Kolumne von „Blick-Sportchef“ Bingesser zu, dann drängt sich der Schluss auf, dass dieser im Sportjournalismus ganz offensichtlich seit 1987 branchenfremd war, und es seither immer geblieben ist. Unwahrscheinlich, dass sich daran noch etwas ändert.

Uli Forte testete im ersten Testspiel der Saison beim FC Rüti (5:0-Sieg) etwas überraschend mit Ancillo Canepa ein weiteres Talent aus den eigenen Reihen. Dass Offensivmann Canepa gleich bei seinem Stammklub Rüti zum ersten Einsatz in der 1. Mannschaft des FCZ kam, freute diesen ganz besonders. Zwar war die knappe Viertelstunde, welche ihm Cheftrainer Uli Forte gewährte, etwas kurz bemessen, aber Canepa war nach der Partie trotzdem zufrieden, mit der Chance, sich zeigen und aufdrängen zu dürfen.

Und hätte in der Schlussminute Aussenverteidiger Michael Kempter nach seinem Rush nach vorne seine Flanke auf Canepa etwas präziser geschlagen, das unvermeidliche Tor des wirbligen Ur FCZ-lers hätte Forte wohl noch mehr ins Grübeln gebracht, ob der Transfer von Michael Frey von YB wirklich nötig gewesen war – bei solchem Talent aus den eigenen Reihen…

Hier das exklusive Züri Live-Interview mit dem vielversprechenden Stürmer:

Der Fall „FC Wil“ wirft für die Schweizer Fussballgemeinde wieder einmal die Frage nach Besitzverhältnissen und Nachhaltigkeit auf. Wieder hat es nicht geklappt mit einem auswärtigen Mäzen! Es darf dabei aber nicht ausser Acht gelassen werden: jeder dieser Personen und Fälle der letzten Jahre hat seine eigene Geschichte – keiner ist wirklich mit dem anderen vergleichbar. Trotzdem gibt es Gemeinsamkeiten und wiederkehrende Muster.

Bei Mehmet Nazif Günal gab es nicht wie bei einem Bulat Chagaev, Igor Belanov oder auch Carlo Häfeli die in solchen Fällen häufig auftretende Unprofessionalität, und auch nicht das verzweifelte Streben nach dem (Wieder-)Einstieg in das Rampenlicht des Profifussballs für eine Person mit wenig Kredit. Keine skurrile Suche nach Einfluss im fernen Tschetschenien durch einen gefallenen (Schwieger-)Sohn der alten Nomenklatura, keine Partnerschaften mit halbseidenen Figuren als Verzweiflungstat, keine unrealistischen Visionen vom schnellen Aufstieg im Fussball-Business durch schwungvollen Spielerhandel.

Beim Einstieg Günals hiess es von einzelnen Kommentatoren, „Fussballbegeisterung“ als Begründung für dessen Motivation klinge verdächtig. Das ist Unsinn. Verdächtig wäre viel mehr, wenn Günal als einziger von über 40 Millionen Türkischen Männern keine Fussballbegeisterung mitbringen würde. Sein Unternehmen MNG realisiert weltweit parallel Dutzende grosser Bauprojekte. Der Ausbau des Bergholz-Stadions und der Bau eines Trainingszentrums für insgesamt 70 Millionen Franken wäre in diesem Kontext ein eher kleines Projekt gewesen, welches für Günals Unternehmen aber durchaus als Pilotvorhaben in der Schweiz und im Stadionbau einen Vorzeigeeffekt hätte haben können.

Trotz Professionalität, viel Geld und Fussballbegeisterung: es reichte nicht für ein nachhaltiges Engagement. Neuste Entwicklungen in der politisch instabilen Türkei mögen vielleicht eine Rolle gespielt haben. Jeder kann jederzeit die Gunst der Machthaber verlieren, auch ein gut vernetzter Milliardär wie Günal. Er hätte es sich auch niemals ohne schwerwiegende Folgen leisten können, nach dem Haftbefehl gegen den damaligen Wil-Trainer Ugur Tütüneker wegen dessen angeblicher Beteiligung am „Putschversuch“ diesen nicht sofort freizustellen.

Aus Sicht der Schweizer Fussballfreunde entscheidend ist aber eine andere Erkenntnis. Durchs Band schnell verschwunden sind jeweils diejenigen Klubbesitzer, die auch schnell aufgetaucht sind. Easy come, easy go. Nachhaltig engagiert bleiben hingegen diejenigen, die schon vorher da waren – bevor sie die volle Verantwortung als Präsident und/oder Eigentümer übernahmen.

Markus Lüthi kam wegen seines fussballspielenden Sohnes Benjamin zum FC Thun und war erst jahrelang Vizepräsident, bevor er die Hauptverantwortung übernahm. Dölf Früh (FCSG) war schon vor der Übernahme des Präsidiums 2010 sechs Jahre lang einer der wichtigsten Sponsoren des Klubs gewesen – Ancillo Canepa schon immer FCZ-Supporter und immerhin ein Jahr im Verwaltungsrat vor der Wahl zum Präsidenten. Bernhard Heusler (FCB) wurde ebenfalls vom Vizepräsidenten zum Präsidenten und Eigentümer. Stephan Anliker (GC) war drei Jahre im Verwaltungsrat bevor er Präsident wurde. Und in Lausanne haben vor dreieinhalb Jahren der bisherige Präsident Jean-François Collet und Vizepräsident Alain Joseph gar die Rollen getauscht. Kaufangebote aus dem Ausland, auch von einem Grossklub, der Lausanne als Farmteam etablieren wollte, wurden wegen der fehlenden Nachhaltigkeit abgelehnt.

Das Zauberwort lautet „Nachfolgeregelung“. Vor allem in Familienunternehmen immer wieder ein grosses Thema, aber grundsätzlich für jede Organisation von eminenter Wichtigkeit – gerade auch für Profifussball-Klubs. Sven Hotz, Gigi Oeri und Co. haben es vorgemacht. „Nachwuchsförderung“ ist nicht nur auf dem Platz wichtig, sondern auch daneben. Früh genug müssen potentielle Kandidaten für die zukünftige Übernahme des Klubs eingebunden und aufgebaut werden. Nicht die Liga ist dafür verantwortlich. Es ist die ureigene Verantwortung jedes einzelnen Klubs – und wohl die wichtigste und nobelste Aufgabe eines Klubverantwortlichen.

Die Frage des Timings kann aber delikat sein. Sven Hotz hat erst relativ spät, aber gerade noch rechtzeitig seine Nachfolge zu regeln begonnen. Bernhard Heusler behielt das ihm von Gigi Oeri übertragene Mehrheitspaket der FCB Holding so lange komplett für sich, bis der Klub auf finanziell stabilen Füssen stand – mit Dutzenden von Millionen an Reserven. Um in einer allfälligen finanziellen Schieflage in der Lage zu sein, das Mehrheitspaket an einen potenten Mäzen verkaufen zu können. Nun da dies nicht mehr nötig scheint, hat Heusler angefangen, einen Teil seines Mehrheitspaketes an andere Verwaltungsratsmitglieder zu verteilen.

Als Nachhaltigkeitskriterium entscheidend ist nicht die Nationalität der Übernahmeinteressenten, sondern die Dauer und Intensität des Engagements für den Klub VOR der Übernahme. Plötzlich aus dem „Nichts“ auftauchende Mäzene haben Schweizer Fussballklubs noch kein einziges Mal etwas gebracht. Das sollte der erneute Fall „Wil“ definitiv bewiesen haben. Es gibt daher nur zwei sinnvolle Varianten: entweder kann aus den eigenen Reihen heraus eine gute Nachfolgeregelung aufgebaut und entwickelt werden – oder der Klub muss deutlich kleinere Brötchen backen. Ganz entscheidend dabei ist, zu verhindern, in Bezug auf die Nachfolge unter Zeitdruck zu geraten, wie dies beim FC Wil vor der Übernahme Günals aufgrund der neuen UEFA-Regelung bezüglich „Third Party Ownership“ von Spielern offenbar der Fall gewesen war.

Die Begegnung mit dem FC Chiasso bringt einen hohen Nostalgiefaktor mit sich. Das heutige Präsidentenehepaar hatte sein erstes Date bei einer 0:1-Niederlage gegen den FC Chiasso zu Beginn der 70-er Jahre. Die Südtessiner waren damals Leader der Nationalliga A. Beim Revival sind viele FCZ-Legenden wie Fritz Künzli oder Kurt Grünig auf der Westtribüne zu sehen. Neo-nostalgisch ist die Erinnerung an den ehemaligen FCZ-Torhüter Andrea Guatelli auf der Gegenseite. Marco Schönbächler und Oliver Buff waren damals schon dabei und Yannick Brecher und Armin Alesevic hatten kurz vor dem Abgang des Italieners ihre ersten Einsätze im Fanionteam.

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Cavusevic schiesst in einem Geduldsspiel im Letzigrund das einzige Tor aus dem Gewühl im Strafraum. Speziell in der zweiten Halbzeit spielt sich der FCZ viele Torchancen heraus, Schönbächler trifft aber die Latte und Winter nach einer Traumkombination den Pfosten.

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